Die Kugel Eine Philosophie in Versen

Chapter 2

Chapter 21,346 wordsPublic domain

Doch überm Weltmeer schwebt das Du und füllt es Und füllt und füllt; und trinkt die Leere; ist; Du bist, Du bist; das Er war Lüge; lass Mich sterben demutsvoll vor Dir, mein Du! Bin Nichts schon und bald fass ich deine Fluten, Dein Rätselraunen rauscht zum Urchoral, Oh Du, oh Du -- mein Ich lauscht in der Stille.

Riesengross wuchs meine Liebe ins quellende Rund, Schwellend umschlang sie die Fülle der Welt, Alles zu einen in einem, vom Gipfel zum Grund, Weit zu dehnen ins Weite ein Zelt Über das Volle und Leere, sich selbst zu umschliessen. Ach! aber die Liebe Alles umschliessend schloss sie sich aus.

Folgte die Ebbe der Flut und trank ihre sickernden Wogen Sehnsucht saugend in Demut, verschrumpft; Enger und enger des Dus umklammernde Bogen; Naht des Vergehens urwerdende Kunst. All-einstrahlend im Brennpunkt welcher sich selber verbrennt, bejaht sich das Leben Weil es im Tode sich selber verneint.

Wirfst mir den Apfel in Schooss, den Apfel vom Baum der Erkenntniss, Vom Baume der Zwietracht; auch dieser Sündenapfel sei rund.

Sitzt er am Stiele doch, Freund, hat Löcher: eins oben und unten; Freund, er ist nur ein Kreis der um die Tangente rotiert.

Nach einem Motiv von Dr. Charles Humphrey Clarke.

Da zählen wir es an den Fingern ab Nach Jahr und Monat, Woche, Tag und Stunde Vom Tag an, den uns unsere Mutter gab, Bis heut -- und glauben solcher Zahlenkunde Mit Zehnern, Einern, Komma, Dezimal: So wäre unser Leben = eine Zahl?

Was ist, das ist, trotz Prüfen, Zählen, Messen, Zurück und hier und vorwärts, nah und weit; Ob du noch nicht sie zähltest, ob vergessen, Anwesend ist [und war doch nie] die Zeit. Ob sie in Wolken liegt noch unerreicht, Ob du sie greifst, ob sie von dannen fleucht;

Ist Alles, Alles nur die Ewigkeit, Punkt-Kugel. Ob du deine Flügel breitest Und fliegst im All, du bleibst doch in der Zeit. Und ob im Punkt du tief und tiefer gleitest Milliardendezimal vom Punkt ..... Im All Im Nichts .... was du erkennst, ist nur die Zahl.

Und doch ists Ewigkeit, die Gott gepresst Zur Zeit auf dass dein Witz davon erkenne, Was in dein enges Hirn sich stopfen lässt, Dein elend Hirn. So Menschlein -- lustig nenne, Was du zu fassen meinst: nur Zahl, nur Zeit. Bist du am End, beginnt die Ewigkeit.

Du fragst: was nütze dir die Zahl, die nur Ein Triebsand, wo kein Anker haften bliebe? So schwing ich aus der Zahlen Unnatur! Jenseits der Sandbank Zeit die Insel Liebe Im Meer der Ewigkeit -- ist Ankergrund. Du stehst, und Alles andere dreh' sich rund.

Kannst du ein Ganzes teilen? Was unterfängst du dich Menschlein? Ehe den Nenner du nennst, zeugt für den Zähler dein Mund.

* * *

Doch der Allunitas gar meinst du Kinder zu zeugen; Ordnest die Spiegel im Kreis, drin sich die Eins beschaut.

* * *

Da seh ich: in Zwietracht die Dinge der Welt, Wie jedes Ganze zum Teil zerfällt, Und doch das Ganze zusammen hält! -- Da seh ich: in Eintracht die Dinge stehn, Sich suchen, sich finden, im Kreise -- drehn! Von aussen oder von innen gesehn: Es dividiert sich die Welt des Scheins Zum einen ewigen Urselbsteins; Und auch die Eintracht trägt als Frucht Das eine Sein als Urprodukt.

Was die Seele dir drückt, wirf es hinaus im Rhythmus. Was kein Dampfkrahn hebt, spielend lüftet's der Vers.

Auf dem Strome der Zeit vom Urquell der ewigen Weisheit Schwimmen bewimpelte Kähne ins Meer der Poesie.

Ewige Finsterniss liegt im unbewegten Raume, Aber der Dichtkunst Fackel wandert von Hand zu Hand.

Närrische Erdengötter, Fackeljongleure der Weisheit, Wandernde Lichtguirlanden fliegen von Kahn zu Kahn.

Kenne dich selbst, dass ist der Wahrheit innerstes Zentrum, Wo sich Anfang und Ende mit der Mitte vereint.

Kenne dich selbst im Selbst, kenne dich wieder im Aussen; Aussen und Innen umspannt ewig das einzige Tu.

Könntest du aussen wohl sein, wärest du selbst nicht innen? Wäre wohl einsam dein Herz, schlüge im Zweiten nicht deins?

Droben auf tausend Sternen singt die Sehnsucht ihr Urlied. Einsam träumst du und lauschest -- kennst du dein Wiegenlied nicht?

Es ist ein Ton geklungen Von Ruhland übers Meer, In meinen Traum geklungen -- Warum klingt es und singt es nicht mehr?

»Die Welt ist gut, die Welt ist eins, Der Traum ist Urmusik; Und Gott ist Liebe, Sohn, und Geist .... Und eins ist Gott und ich.«

Weit! -- Weit! -- Drüben in Ruhland Hängt eine Harfe am goldenen Baum; Da streicht der Wind durch die silbernen Saiten, Die klingen in meinen Traum. Weit! -- weit übers Lichtmeer Gleitet ein schweigender Kahn. Und eine einsame Taube Die kommt von Ruhland geflogen Über die Wasserbahn. Es zieht eine wandernde Welle Auf glatter träumender Flut, Die hat ein silbernes Stirnband Das glitzert wie Maienschnee. Es schwimmt ein goldener Apfel Vom goldenen Harfenbaum, Den hat der Wind gebrochen Der über die Saiten strich; Er ist ins Meer gefallen Und treibt auf endloser Fläche Einsam uferverlorn. Da kam ein Sturm geflogen Sausend und brausend daher Von Reuland über der Wüste -- Da sank gebrochenes Fittichs Die Taube trostlos ins Meer, Da ist die einsame Welle Gequollen himmelan Und hat das Meer verschlungen Und Taube und Apfel und Kahn. Da haben die Saiten geklungen So klagend übers Meer, Da ist eine Saite gesprungen Und riss eine Wunde in meinen Traum, Als wenn mein Herz zersprungen wär. Die Harfe im goldenen Apfelbaum Klingt nun und nimmermehr.

Ich hab im Traum geweinet, Das war ein Schmerz so weh, Und meine Tränen flossen Wie Öl aufs wogende Meer. Da glätteten sich die Wogen, Da sass ich im kleinen Kahn, Den trieb die einsame Welle Über die Fläche dahin. Da nahm ich den goldenen Apfel Und auch die Taube in Kahn Und liess im Kahn mich treiben.....

Und war eine Stille in Lüften Ein Frieden wunderklar.

Weit! -- Weit! -- drüben in Ruhland Unter dem goldenen Apfelbaum Singt ein Kindlein ein Wiegenlied.

Leise, leise, gleitet mein Kahn Zur Allerseeleninsel Über die schweigende Flut.

Blonder Knabe im lockigen Haar, Traum der Seele, die schuldlos war, Süsses Jesukindlein! Singst das eine urewige Lied, Singst der Menschheit Wiegenlied, Das ich in Ruhland gesungen. Liebes lächelndes Brüderlein, Warum liessest du mich allein? Warum nur im Traum der Nacht Darf ich bei dir sein? Warum sang ich mein Wiegenlied, Warum sang ich in Ruhland nicht Unter dem Apfelbaum? Warum sing ich im Traum der Nacht Warum sing ich mein Wiegenlied Ach! so ganz allein?

»Brüderlein in Sünde, Warum bist du ein Mensch geworden, Mensch der Zwietracht, Mensch der Schuld? Warum Brüderlein? Schau die silberne Saite riss, Schau dein Herz ist wund, Kommst du nun zu mir zurück, Brüderlein?«

Klingt so süss und klingt so weh, Sündenwissend sündenrein, Wieder mein Kinderstimmchen:

Es ist ein Ton geklungen Von Ruhland übers Meer, Es ist eine Saite gesprungen, Die klingt nicht mehr. Es ist ein Echo gewandert Nach Ruhland über das Meer, Das hat eine Botschaft verkündet In Reuland über der Wüste, Nun ist es heimwärts flogen Nach Ruhland übers Meer, Da wird ein Lied gesungen Von Ewigkeit her.

»Die Welt ist gut, die Welt ist eins, Der Traum ist Urmusik. Und Gott ist Liebe, Sohn, und Geist Und eins ist Gott und ich.«

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Schluss des ersten Bandes der »KUGEL.«

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Anmerkungen zur Transkription:

Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen:

p 44: Schwingt der Aquator -> Äquator p 46: Aber das Jpsesegment zehrt -> Ipsesegment p 49: Aber mein Frennd -> Freund p 49: da sind wir wieder beim Ispe -> Ipse p 53: umschliesend -> umschliessend p 55: trotz Prüfen, Zählen Messen, -> trotz Prüfen, Zählen, Messen, (Komma hinzugefügt)

Ue wurde im gesamten Text durch Ü ersetzt.

Formatierung:

Gesperrt gedruckter Text wurde mit Unterstrich gekennzeichnet: _Text_.

Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Formatierung wurden prinzipiell beibehalten.

Transcriber's Notes:

List of all corrections applied to the original text:

p 44: Schwingt der Aquator -> Äquator p 46: Aber das Jpsesegment zehrt -> Ipsesegment p 49: Aber mein Frennd -> Freund p 49: da sind wir wieder beim Ispe -> Ipse p 53: umschliesend -> umschliessend p 55: trotz Prüfen, Zählen Messen, -> trotz Prüfen, Zählen, Messen, (Comma added)

Ue was replaced by Ü throughout the text.

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