Die Kringhäusler: Drama in drei Akten

Part 5

Chapter 53,477 wordsPublic domain

=Hans Georg= [einen Arm um ihre Schultern legend]. Bei wem würde ich wohl lieber als bei dir verweilen, Mütterchen, doch nicht kann ich mein Wort Berta gegenüber brechen, mein Lebensglück und das ihre eines Vorurteils willen in den Staub treten. Ein solches Dasein hätte für mich jeden Wert verloren, wäre ein Zeugnis meiner moralischen Schwäche, hinterließe einen ewigen nagenden Vorwurf in meinem Innern, der das Beste in mir langsam aber sicher zerstören würde. Wenn du mich liebst, Mutter --

=Frau Hasselstein= [weinend]. O Hansi, Hansi, ich kann dich nicht ziehen lassen! Bleib' hier, selbst --

=Frau Knute= [scharf]. Schwester, ich beschwöre dich, bedenke --

=Frau Pottenmiller= [gleichfalls]. Was werden deine Bekannten dazu sagen? Du bist gesellschaftlich zugrundegerichtet, kein Mensch --

=Ada= [kalt und hart]. Sei kein Schwächling, Tante, wenn er das Mädchen dir vorzieht, so lasse ihn laufen.

=Frau Knute.= Er wird schnell genug einsehen lernen, was eine Heirat mit so einem Wesen bedeutet.

=Alle drei Herren= [sich aufraffend]. Ja, er wird schon sehen, er wird schon sehen!

=Hans Georg= [sich ängstlich und zärtlich zugleich über seine Mutter neigend, besorgt]. Wem stimmst du bei, Mama, den Tanten als Sprachrohr der Kringhäusler oder mir, deinem einzigen Sohne?

=Frau Hasselstein= [nach einigen Sekunden inneren Kampfes, unsicher]. Hans Georg! [Schwer atmend und die Hände gegen das Herz gepreßt.] Siehst du, die Tanten haben recht -- du wirst nie hier geachtet leben können und ich -- ich zittere wenn ich an alle Bemerkungen -- an all das Gerede denke. Wir sind -- eine -- geachtete Familie -- und --

=Hans Georg= [läßt die Hand, die er auf der Schulter der Mutter liegen gehabt, matt herabgleiten und entfernt sich etwas, sodann mit dumpfer Stimme, die Mutter noch einmal bittend ansehend]. Da ist es wohl am besten ich nehme das Anerbieten der Expedition an. Sind wir nur beide, Berta und ich, von Kringhausen fort und erfährt man einmal, daß du selbst meine Entfernung gewünscht, so vergeben dir sowohl die Verwandten als auch die Kringhäusler großmütig einen so entarteten Sohn zu haben. [Leise und traurig.] Möge nie der Tag kommen, an dem du fühlst, daß du es dir selbst nicht vergibst mich fortgeschickt -- eines kleinlichen Vorurteils halber fortgeschickt zu haben. [Er streckt müde die Hand nach dem Schriftstück aus, daß ihm Roden, düster schweigend reicht.]

=Frau Hasselstein= [weinend]. Die öffentliche Meinung -- fern von hier, wo man Berta nicht kennt -- wo niemand unsere Sprache spricht --

=Frau Knute= [scharf]. -- irgendwo unter den Wilden --

=Roden= [ernst]. Gnädige Frau, ich habe Wilde gekannt, die den Kringhäuslern in Menschlichkeit bedeutend überlegen sind! [Er läßt seinen Blick kalt über sie hingleiten.]

=Hans Georg= [reicht Norry das nun unterzeichnete Dokument]. Bitte! [Norry steckt es ein, betrübt vor sich hinblickend.] Es ist am besten so -- für uns alle!

=Frau Knute= [Rodens Bemerkung beantwortend]. Die Herren der Schöpfung -- ob nun wilden oder civilisierten Völkern angehörend, vergeben immer gerne ein kleines Abweichen vom engen Pfad der Tugend.

=Roden= [ernst]. Und dennoch gehört gerade das Vergeben zu den edelsten Vorrechten der Frau --

=Frau Knute= [ihn heftig unterbrechend]. Nicht --

=Roden= [sich verbeugend und zurückweichend]. Ich verstehe, gnädige Frau! Nicht unter den Kringhäuslern!

=Hans Georg= [traurig zu seiner Mutter]. Die Würfel sind gefallen!

=Frau Pottenmiller= [sie unter dem Arm nehmend und mit sich auf die Tür zur Linken führend]. Du hast verständig gehandelt, Schwester, sehr verständig.

=Ada= [ihr folgend]. Laß' ihn nur erst draußen einsehen lernen, welche Schätze er in der Heimat zurückgelassen, da wird er schon kürre werden. Eine Scheidung --

=Frau Knute= [ebenfalls der Schwester nacheilend und sie mit Gewalt fortziehend, als sie noch einmal auf den Sohn zurückblickt und zu zögern scheint]. Du hast endlich, wenn auch spät, die gewünschte mütterliche Autorität geltend werden lassen. Bravo!

=Frau Hasselstein= [zweifelnd, unter Tränen]. Glaubt -- meint Ihr -- ach, wenn er doch die Stelle am hiesigen Gymnasium angenommen und ein anderes Mädchen --

=Frau Pottenmiller= [scharf]. Er hat das Gute, die vielen Vorteile des Aufenthalts in einer wichtigen Stadt wie Kringhausen nie zu schätzen, zu würdigen verstanden!

=Ada= [hart]. Wein' nicht, Tante, sei stark! Klagen dienen niemand und Tränen führen zu nichts. [Sie gehen links ab, alle die anderen mit Ausnahme von Norry, Roden und Hasselstein folgen.]

6. Auftritt.

=Hans Georg= [bitter, nach kurzem Schweigen, während Roden und Norry Hut, Handschuhe und Stock aufraffen]. Wie schnell Hoffnungen scheitern, Trugbilder in nichts zerrinnen. In der Antarktis hoffte ich, daß die täglich wachsende Menge von Eindrücken und Erfahrungen, von überstandenen Gefahren und damit gestärkter, zunehmender Kraft mir helfen würden, den Sieg zu erringen, alle kleinlichen Vorurteile zu überkommen, alles lächerliche Beurteilen reiner Aeußerlichkeiten zu verwerfen. Wie schön deuchte mich, vom Abendrot der Erinnerung beleuchtet, da die Heimat, wie unerschütterlich fest war da meine Ueberzeugung, daß die Liebe einer Mutter größer als die Macht leeren Geredes. Und nun -- [er seufzt tief auf und senkt das Haupt] -- trotz der Fülle neuer Eindrücke, ungeachtet der erweiterten Horizonte, die sich mir erschlossen, muß ich im Kampfe gegen verächtliches Spießbürgertum unterliegen; muß die zarte Frau mit mir in die weite Welt hinaus führen, statt ihr hier bei meiner Mutter, hier, wo ich geboren und jedes Ding Bedeutung für mich hat, ein Echo meiner Kindheit, meiner Jugend ist, ein friedliches Heim gründen zu können. Alles, alles ist umsonst gewesen!

=Roden= [ernst]. Armer Freund, das ist, weil Sie eben einen großen Fehler begangen haben!

=Hans Georg= [sieht ihn verwundert an]. Einen Fehler?

=Norry= [nickt plötzlich ebenfalls eifrig]. Einen ganz unverzeihlichen!

=Hans Georg= [von dem einen auf den anderen blickend]. Und der wäre?

=Roden= [mit Nachdruck, indem alle drei Herren langsam auf die Tür zur Rechten zugehen]. Nicht Sie hätten auf Suche neuer Horizonte in die Antarktis ziehen sollen -- sondern

=Norry= [einfallend]. -- die Kringhäusler!

[Der Vorhang fällt.]

3. Akt.

[Dasselbe Zimmer wie im zweiten Akt. Alle Verwandten sind in tiefer Trauer. Die Damen der Tarockpartie sind gleichfalls anwesend und auch dunkel gekleidet. Alle halten das Taschentuch vor die Augen, Frau Hasselstein schluchzt von Zeit zu Zeit tief auf.]

1. Auftritt.

=Regierungsrat Pottenmiller= [steht inmitten der Szene und liest, als sich der Vorhang hebt, mit monotoner Stimme aus einer Zeitung vor]. -- der einstige Teilnehmer an der Südpolexpedition, Professor Doktor Hans Georg Hasselstein, der auch in Mikrosenien seine ausdauernden Studien und Forschungen fortgesetzt, häufige höchst wertvolle Mitteilungen über die Flora und Fauna heimgeschickt und besonders interessante Aufschlüsse über die Lebensweise der Skolopandren und anderer Insekten dieser Zonen eingesendet, wie auch die Gewohnheiten des gefährlichen und von Matrosen und Fischern dort sehr gefürchteten Octopus, eines zeitweilig selbst im Mittelmeere in kleineren Exemplaren auftretenden Polypen mit großer Ausdauer erforscht und beschrieben hat. Sein letzter Ausflug -- [alle schluchzen laut und trocknen sich die Augen] -- wurde ebenfalls in der Absicht unternommen dieses Seeungeheuer auf einer der naheliegenden Inseln genauer zu studieren und die Fangmethode desselben besser zu prüfen als ihm dies bisher möglich gewesen, doch blieb der von einem unverläßlichen Eingeborenen gelenkte Kahn auf einem Korallenriff sitzen und während es dem Wilden gelang sich, wenn auch nur mit großen Schwierigkeiten und mit knapper Not zu retten, wurde der unglückliche Gelehrte von der starken Brandung ergriffen, einigemale gegen die spitzigen Riffe geschleudert und dann in die grausige Tiefe des Stillen Ozeans hinabgezogen. Man befürchtet, daß er von den um diese Inseln äußerst zahlreichen Haifischen angegriffen worden sei. Jede Suche nach der Leiche ist auch erfolglos geblieben. -- Der frühe Tod des berühmten Naturforschers und unermüdlichen Gelehrten hat nicht nur in seiner eigenen Heimat das tiefste und aufrichtigste Bedauern erweckt -- [alle schluchzen wieder laut] -- sondern wird von der gebildeten Menschheit der ganzen Welt auf das lebhafteste beklagt. Alle Teilnehmer der Forschungsexpedition betrauern in Professor Doktor Hasselstein einen allzeit liebenswürdigen, hilfsbereiten, schaffensfreudigen und tapferen Kollegen, der nicht nur klaglos sondern immer mit heiterer Miene die geradezu unbeschreiblichen Strapazen seines anstrengenden Berufes ertrug. Ein einfaches Kreuz am Strande der Ailukinsel, nicht weit von der Unglücksstätte trägt außer dem Namen und den Geburts- und Sterbedaten auch den kurzen Vers: »Durch Todesnacht bricht ew'ges Morgenrot«. -- Frau Professor Hasselstein, die treulich alle Gefahren und Entbehrungen ihres Gatten geteilt und sich die Bewunderung aller Teilnehmer der Expedition errungen, kehrt schmerzgebeugt mit dem kaum drei Monate alten Söhnchen zusammen mit der Expedition auf dem Dampfer »Ozeanien« in die deutsche Heimat zurück. Ob Frau Professor Hasselstein dort zu bleiben gedenkt, ist unbekannt. [Er legt die Zeitung langsam zusammen und setzt sich.]

=Frau Hasselstein= [schluchzend]. Mein Kind! Mein einziges Kind! Er starb in fremden Zonen -- [leise und die Hände ringend --] durch meine Schuld! [Sie weint bitterlich.]

=Krickenfeld= [ihre Hand auf den Arm Fr. Hasselsteins legend und sich eifrig die Augen wischend]. Beste Frau Oberst, wir alle teilen ihren Kummer, denn wir alle haben ihn wie einen Sohn geliebt!

=Zungrapp= [sich auch die Augen trocknend]. Ach, du liebe Zeit! So ein staatlicher, so ein guter [sie schluchzt].

=Holzheim.= So ein edles Herz -- so ein gu -- gu gu -- [sie schluchzt laut auf].

=Krickenfeld.= Wenn nur dieses Mädchen nicht gewesen --

=Zungrapp.= Sccchhhttt! Sie war die Frau des berühmten Gelehrten. --

=Frau Pottenmiller= [beschwichtigend]. So, so, nur ruhig, du darfst dich nicht so aufregen, liebe Schwester. Hans Georg ist jetzt im Himmel, wo wir ihn alle einmal treffen werden.

=Frau Hasselstein= [bitterlich weinend]. Wenn ich nur schon recht bald zu ihm käme. [Unter Schluchzen.] Warum ach, warum ließ ich ihn von mir gehen? [Alle versuchen sie zu trösten, allgemeine Bewegung, große Beileidsbezeugungen, betäubendes Stimmengewirr. Endlich tritt wieder Ruhe ein.]

=Frau Knute.= Es muß dir doch ein großer Trost sein, teure Schwester, daß seine Majestät, unser allergnädigster Kaiser, dir in eigener Handschrift ein Beileidsschreiben schickte. =Ganz= Kringhausen spricht davon!

=Frau Hasselstein= [weinend]. Mein Sohn, mein Sohn! Im besten Mannesalter, fern von der Heimat, fern von ihr, die ihn geboren, auf so entsetzliche Art -- [sie schaudert] -- sterben zu müssen! [Sie ergreift das Kuvert, das das kaiserliche Beileidsschreiben enthält und langsam versiegen ihre Tränen.] Ja, es war der einzige Lichtpunkt in dem großen Unglück, das mich getroffen. [Sie zeigt auf ein riesigen Haufen Briefe, der den ganzen großen Tisch bedeckt.] Und so viele mir vollständig unbekannte Personen haben mir so lieb geschrieben. Ich bin stolz und in meinem Kummer glücklich einen solchen Sohn gehabt zu haben.

=Frau Pottenmiller= [wichtig]. Alle Zeitungen schreiben spaltenlange Artikel über ihn und sein Name steht fettgedruckt schon auf der ersten Seite. [Zu den Damen der Tarockpartie.] Mit allen Fasern meines Herzens bin ich an meinem Schwesterkind gehangen und habe nie verfehlt ihm weise Ratschläge zu geben.

=Ada= [spitz]. Die er regelmäßig verworfen hat!

=Krickenfeld= [den Brief mit Ehrfurcht aufhebend]. So eine Auszeichnung und all die schönen Reden sind wohl ein großer Trost für unsere liebe Frau Oberst! Ganz Kringhausen fühlt sich geehrt! [zu Frau Hasselstein, die wieder laut weint]. Nur ruhig, beste Freundin, ich hatte zwölf Kinder und mußte neun begraben.

=Frau Zungrapp= [entschieden zu den Verwandten]. Wir werden uns der Armen schon annehmen, so ein kleines Spielchen --

=Holzheim= [lebhaft]. Natürlich! Natürlich!

=Krickenfeld= [mit Ueberzeugung]. Das übt einen wohltätigen beruhigenden Einfluß auf die Nerven aus --

=Zungrapp= [fest]. Eine kleine Zerstreuung ist notwendig --

=Ada.= Es läßt sich an dem Vorgefallenen nichts ändern --

=Frau Hasselstein= [schluchzend]. Wie -- wie kö -- könnte ich -- in meinem großen Schmerz -- an -- an -- einer Tarockpartie teilnehmen --

=Alle Damen.= Eine Ablenkung tut not -- ist wie eine heilsame Medizin --

=Ladislaja= [mit salbungsvollem Tone]. Man muß sich in den Willen des Höchsten mit Demut fügen.

=Hermine= [lebhaft]. Der neue Prediger wird vier Messen für seine Ruhe lesen und alle Jungfrauen unseres Vereins werden für sein Seelenheil beten.

=Frau Knute= [aufspringend]. Schwester, hast du den neuen Trauerhut schon aufprobiert?

=Frau Hasselstein= [müde]. Ja, -- er muß geändert werden.

=Frau Knute= [indem sie auf den Lehnstuhl zur Linken zugeht auf dem eine Hutschachtel steht und den Hut samt langen Schleier herauszieht und betrachtet. Alle Damen folgen ihr mit den Blicken.] Als Mutter eines solchen Sohnes muß dein Hut tadellos sitzen!

2. Auftritt.

[Ein Stubenmädchen öffnet geräuschvoll die Tür und läßt Roden und Norry eintreten, die auf Fr. Hasselstein zugehen und ihr schweigend die Hand küssen, während sie in neues, bitteres Weinen ausbricht.]

=Roden= [indem er mehrere Gegenstände auf den Tisch vor Fr. Hasselstein legt]. Einige Kleinigkeiten als Andenken -- ein Jagdmesser, sein letztes Notizbuch, einige von ihm gesammelte Korallen, ein Ring -- die Uhr verbleibt dem Sohne.

=Frau Hasselstein= [mit zitternder Erwartung in der Stimme]. Wo ist!? [Sie vollendet nicht.]

=Roden= [mit unergründlicher Miene]. Der Sohn ist bei seiner Mutter!

=Frau Hasselstein= [die Gegenstände mit zitternden Händen an sich raffend]. Ich -- ich danke Ihnen meine Herren! [Sie macht eine bittende Handbewegung und beide nehmen schweigend Platz.]

=Frau Pottenmiller= [zu beiden Herren]. Sie sehen eine gramgebeugte Familie vor sich!

=Krickenfeld=, =Holzheim= und =Zungrapp=. Die Zierde von Kringhausen ist nicht mehr!

=Frau Knute= [sich die Augen wischend]. Unser hochbegabter Neffe fand ein so frühes Ende!

=Frau Hasselstein= [ihre Hand bittend auf Norrys Arm legend]. Erzählen Sie mir -- von -- von -- meinem Sohne.

=Norry= [mitleidig]. Hans Georg dachte immer voll Liebe an Sie, gnädige Frau -- wir sprachen oft von Ihnen; hoffnungsfreudig in der Nacht der Antarktis und mit warmer Hingebung unter den tropischen Bäumen Mikroseniens. [Frau H. weint.]

=Frau Knute= [zu Roden]. Sie haben keine Ahnung, Herr Doktor, wie sehr uns der Schlag, der meine unglückliche Schwester getroffen, nahegeht!

=Roden= [kalt]. Ich zweifle nicht daran. [Leise zu Norry.] Nun hat die Pfeife einen anderen Ton.

=Frau Pottenmiller= [zu Norry]. So ein Mann -- alle Zeitungen berichten von ihm --

=Krickenfeld.= Ein so berühmter Forscher! Wie oft habe ich ihm einen Apfel gegeben!

=Zungrapp= [zur Decke blickend]. Ein Talent! Ein Talent! meine Damen.

=Ada= [die als einzige nicht geweint hat und nur kalt umherblickt]. Ein Talent, zugegeben und wie alle solche auch überspannt. Meine Tante verstand nicht sein Temperament zu zügeln, niemand konnte auf ihn einwirken. Hier in Kringhausen bot sich ihm eine gesicherte Existenz, die Achtung seiner Mitbürger, -- wenn er nur auf seine merkwürdigen Ideen verzichten gewollt, -- geistige Anregung auf allen Gebieten -- er aber --

=Frau Knute= [seufzt tief auf]. Meine Schwester war allzu schwach in ihrer Mutterliebe.

=Frau Pottenmiller= [seufzt auch]. Allzu nachsichtig gegen ihren Sohn.

=Ada Brunnick= [mit Befriedigung]. Ich habe es immer vorausgesehen, daß er ein abenteuerliches Ende finden werde, denn niemand bricht ungestraft die heiligsten Bande --

=Roden= [ärgerlich]. Aber man hat das Recht die Stricke zu durchschneiden, die einen Pegasus als Ackergaul festhalten oder einen Canova dazu verpflichten, als Topfmacher sein Brot zu verdienen. Nicht jeder, meine Gnädigste, ist von der Natur zum Kringhäusler geschaffen!

=Norry= [zu Knute und Pottenmiller]. Die ihm am nächsten gestanden, haben seinen Wert zuletzt erkannt!

=Frau Hasselstein= [bittend zu Norry]. Herr Doktor!

=Norry= [ihr nähertretend, freundlich]. Gnädige Frau?

=Hasselstein=. Wie -- wie -- war das Ende?

=Norry= [ernst und voll Mitleid]. Wir waren alle auf dem Schiff viele Meilen von der Unglücksstelle entfernt und kamen alle erst vierzehn Tage später nach Ailuk. Der Eingeborene, der die Schreckensbotschaft der beklagenswerten jungen Gattin überbrachte, lag noch bei unserer Abreise krank darnieder, da er sich an den scharfen Korallenriffen Verletzungen zugezogen hatte und ein Haifisch --

=Alle= [mit Entsetzen]. Aaaaaah! Ooooooh! Ein Haifisch!!!!

=Frau Hasselstein= [schluchzt untröstlich]. So ein gräßliches Ende und alles -- ach, alles -- durch meine Schuld!

=Frau Knute= und =Pottenmiller= [vereint]. Liebe Schwester, teure Schwester, es steht nicht immer zu ändern -- du hast richtig gehandelt --

=Ada Brunnick= [hart]. Er hat es ja selbst so gewollt!

=Roden= [ernst]. Hasselstein starb im Dienste der Wissenschaft, die ihm ewigen Dank schuldet.

=Norry= [ernst zu Fr. H.]. Hätte er den Eingeborenen mit Gewalt zurückgehalten, so würde er wahrscheinlich sein eigenes Leben gerettet haben. Edel wie immer ließ er den Gefährten Rettung finden.

=Krickenfeld= [während die anderen laut weinen]. Ja, so ein junger Mann, auf den können die Kringhäusler stolz sein!

=Zungrapp.= Wenn ich denke, wie oft ich ihm ein Butterbrot gestrichen habe --

=Holzheim= [sich die Augen trocknend]. Und ich, die ich ihm stets von meinen besten Winteräpfeln gegeben habe. Das ist mir jetzt in der Tat ein erhebendes Bewußtsein. Auch ich habe zu seiner Größe beigetragen!

=Frau Pottenmiller= [stolz]. Am regen Verstande meiner Adarl hat er zuerst den seinen zu schärfen gelernt! Ihr verdankt er --

=Roden= [leise zu Norry]. Über die Schärfe des Gehirns kann ich noch kein richtiges Urteil abgeben, aber die Zunge --

=Norry= [lächelnd]. -- ist die reinste Damaszenerklinge! Was war Harun al Raschids Schwert dagegen?

=Roden= [im selben Ton]. Einem Haifisch käme ein Gruseln an!

=Frau Krickenfeld.= Man will -- so sagte mir im Vorbeigehen die Frau unseres lieben Medizinalrates --

=Zungrapp= [heftig]. Peleponesia, hast du auch schon gehört, daß sie mit ihrem Vetter ein Verhältnis gehabt haben soll und ihr Mann die beiden --

=Hermine= und =Ladislaja= [sich vorbeugend]. -- ein Verhältnis? -- Diese scheinheilige -- diese --

=Roden= [leise zu Norry]. =Jetzt= erröten die holdseligen Jungfrauen nicht!

=Holzheim= [sich aufblasend]. Nur =ich= allein kenne alle Einzelheiten, denn meine Masseuse --

=Krickenfeld= [mit Mißbilligung]. Lassen Sie sich noch massieren!

=Holzheim= [etwas verlegen]. So sehr bedarf ich dessen freilich nicht mehr, aber die Masseuse weiß eben immer, was in der Stadt vorgeht und daher ist es mir eine große Genugtuung --

=Krickenfeld= [zustimmend]. Ja, die Peggy --

=Pottenmiller= [erregt]. Peggy? Das ist doch wohl nicht etwa diese merkwürdige Alte, die ihre eigene Magd jeden Sonnabend wäscht? Ha, ha, ha!

=Zungrapp= [geheimnisvoll]. Man sagt von ihr, daß sie Säcke voll alter Münzen unter dem Bette verborgen hält --

=Ada Brunnick= [gelassen]. Da wird schon irgend jemand den alten Narren einmal aus dem Weg räumen!

=Zungrapp= [mit Bestimmtheit]. Sie soll gar nie ihr Zimmer fegen lassen und Paula, ihr Dienstmädchen, hat der Köchin im Vertrauen mitgeteilt --

=Frau Holzheim= [lebhaft]. Nun, da Sie davon sprechen, hochverehrte Frau Direktor, fällt mir eben etwas ein. Stellen Sie sich einmal vor, meine Damen -- [Alle richten sich auf.]

=Krickenfeld= [erbittert]. Hier kann ein Mensch wahrlich nicht zu Wort kommen! Ich muß schon bitten!! Ich sagte also, daß die Frau unseres Medizinalrates -- sie erwartet übrigens in Kürze das Fünfte --

=Frau Knute= [die Hände zusammenschlagend]. Du grundgütiger Himmel! Als ob wir nicht schon genug Mädchen in Kringhausen hätten und natürlich wird es wieder ein Mädchen sein!

=Krickenfeld.= Werde ich denn nie aussprechen dürfen? Ich sagte, so weit ich mich nach all diesen Unterbrechungen erinnern kann, daß man die Absicht hat einen Bazar zu veranstalten und von dem Erlös will man Herrn Professor Hasselstein in seiner Vaterstadt ein Monument errichten.

=Alle= [gerührt]. Aaaaaah! Ein Monument?

=Roden= [leise zu Norry]. Nein, hörst du, hier möchte ich buchstäblich nicht einmal aufgemalt sein wollen.

=Hasselstein= [weinend]. Alle, alle sind so gut gegen mich!

[Es schlägt zwölf Uhr. Alle springen erregt auf, greifen nach ihren Sachen und nehmen schleunigst Abschied.]

=Frau Knute= [küßt schnell Frau Hasselstein und winkt dann ihrem Manne]. Schon zwölf Uhr! Himmel! Mein Truthahn wird gewiß verkohlen -- Sie kennen ja die Dienstboten, beste Frau Kommerzienrat.

=Krickenfeld.= Gar kein Verlaß auf dieses Gesindel. Sie bestehlen und betrügen, sie -- [Beide Frauen führen das Gespräch weiter fort.]

=Frau Pottenmiller= [zärtlich]. Leb' wohl, liebste Schwester. Nimm' dir den Verlust nicht allzu sehr zu Herzen, erinnere dich, daß wir alle ihn mit dir teilen, hänge nicht deinen trüben Gedanken nach -- diese Damen --

=Zungrapp= und =Holzheim=. Versteht sich, versteht sich, hochverehrte Frau Regierungsrat, wir werden uns der Armen schon annehmen. Wir kommen --

=Hasselstein= [fast hart ablehnend]. Nein, nein, meine Damen -- wie soll ich an ein Kartenspiel -- [sie wendet sich weinend ab].

=Krickenfeld= [herzukommend]. Aber so ein Tarockerl, beste Frau Oberst, das ist Seelenmedizin. Das zerstreut. [Alle nehmen Abschied, aber die Tarockdamen rufen noch zurück:] Wir kommen, wir kommen!

=Holzheim= [eilig]. Jetzt muß ich mich aber sputen was das Zeug hält. Wenn mein Mann nicht die Suppe auf dem Tische findet, wenn er heimkommt, so setzt es allemal ein Donnerwetter.

=Frau Knute= [den Kopf schüttelnd]. Alles ihre eigene Schuld, beste Frau Inspektor. Warum verhätscheln Sie ihn so? Ich habe mir den meinigen gleich zu Anfang erzogen.

[Alle sind endlich bei der Tür angelangt, man nimmt noch einmal einen sehr geräuschvollen Abschied, aber eine der Damen geht nach der anderen fort.]

=Ada Brunnick= [kalt]. Grüß' Gott, Tante! [Zu den anderen, besonders Frau Krickenfeld, indem sie ihren Mann am Arm faßt und mit sich zieht.] Man muß das Unmögliche begehren, damit man das Mögliche erreicht.

=Zungrapp= [noch einmal auf Fr. H. zukommend]. Meine teure, meine beklagenswerte Frau Oberst, nur Mut, nur Ruhe! Das Beileid unseres Landtsherrn muß Ihnen doch ein Trost -- ein großer Trost sein.

=Hermine= [eher gedankenlos als böswillig]. Ach ja, uns allen ist sein Tod so ein Trost! [Sie folgt den anderen.]

3. Auftritt.

=Frau Hasselstein= [winkt den beiden Forschern noch einmal Platz zu nehmen]. Gott sei Dank, endlich kann ich mich ungestört dem Glücke hingeben mit den wahren Freunden meines Sohnes zu sprechen. Erzählen Sie mir von seinem Tun und Treiben -- von allem -- von allem -- mein Herz dürstet danach!

=Roden= [ernst]. Hasselstein hat sich zuerst auf den Rälik -- oder den Inseln gegen Tagesende aufgehalten, aber da das Klima daselbst seiner jungen Frau nicht zusagte, zog er nach den Inseln gegen Tagesanbruch -- den Ratakinseln -- und dort führte er das schwere Dasein eines Forschers -- unermüdlich, heiter und dank den rastlosen Bemühungen seiner Gattin sehr glücklich -- viel glücklicher als er es in -- [Norry winkt abweisend].

=Frau Hasselstein= [scheinbar nach großer Ueberwindung]. Ich -- ich möchte eine Frage an Sie stellen, meine Herren, eine Frage, die mich unbeschreiblich erregt.

=Norry= [ermutigend]. Und diese Frage lautet?

=Frau Hasselstein= [ihn mit verzehrenden Blicken betrachtend]. Wo ist meine Schwiegertochter, wird sie Kringhausen passieren, wird --

=Norry= [verlegen]. Ich dachte --