Die Kringhäusler: Drama in drei Akten
Part 3
=Hasselstein.= Das kommt davon, weil Sie nie die Tarock zählen! Sie wissen nie, was ausgespielt wurde, Frau Professor --
=Zungrapp= [gekränkt]. Ich zähle sie immer, aber wenn einmal fünfzehn oder sechzehn draußen sind -- so -- so verliere ich manchmal den Faden. Trotzdem sagt Hofrat Glaubig immer, daß ich ganz vortrefflich --
=Krickenfeld= [die Hände zusammenschlagend]. Wie, lebt dieser wandelnde Leichnam noch? Dem zahlt die Regierung seine Pension sicher schon seit vierzig Jahren.
=Holzheim.= Und seine Tochter? Die hat vorzeiten trotz ihres kranken Beinleins auch manche Seitensprünge gemacht. Ha, ha, ha!
=Zungrapp.= Jetzt muß sich dieses Gerippe auch den Fünfzigern nähern. Eine Vogelscheuche erster Klasse.
=Krickenfeld= [entsetzt]. Gestochen? Mein König? Wie ist denn das möglich?
=Hasselstein= [trocken]. Weil erst neunzehn Tarock ausgespielt sind. Und was ist aus dem verrückten Sohne geworden?
=Zungrapp= [wichtig]. Oh der? Der hat auch so manches Vergehen auf dem Kerbholz -- er sollte wohl eigentlich in das Gefängnis geworfen werden, aber des alten Herrn wegen hat man ihn lieber irrsinnig erklärt.
=Krickenfeld= [verzweifelt]. Jetzt ist unser König auch verloren! Frau Oberst tragen daran die Schuld!
=Hasselstein= [heftig]. Ich?? Ich kann die Tarock zählen -- Gottlob [großer Lärm, alle schreien durcheinander].
=Holzheim= [erregt]. Sie hätten nicht Herz ausspielen sollen, als --
=Zungrapp= [gibt]. Bitte, nur schöne Blätter, meine Herrschaften!
=Krickenfeld= [ihre Karten musternd]. Lassen Sie sich Ihre Handerl vergolden für die elendigen Stecher, die Sie mir zugeschoben haben.
=Holzheim= [lebhaft]. Wird etwas angesagt?
=Zungrapp= [legt die Karten zusammen]. Ich sitze unterm Tisch.
=Krickenfeld.= Passe.
=Hasselstein.= Spielt niemand? Da wage ich einen Zweier. Treff!
=Zungrapp= [lachend]. Wie kühn unsere Frau Oberst plötzlich geworden ist. Da hat sie gewiß in unsere Blätter geschaut.
=Hasselstein= [tut entrüstet]. Aber meine Damen [alle lachen].
=Holzheim.= Und ich sage alle Könige an -- hoffentlich bringe ich sie glücklich wieder nach Hause [alle spielen eifrig].
=Hasselstein= [mit einer Handbewegung]. Bitte sich doch zu bedienen, meine verehrten Damen. Ich glaube der Liqueur ist nicht schlecht -- mein Sohn hat ihn von der Reise mitgebracht.
=Alle.= Aaaaaah! [sie kosten und nicken hierauf befriedigend]. Vortrefflich! ~Quel goût! Excellent!~
=Holzheim= [sich bedienend]. Ich muß einen Anisbogen nehmen. Die gute Frau Oberst macht wahre Meisterstücke an Geschmack.
=Zungrapp= [einschmeichelnd]. Nein, diese Dattelbusserl sind meine Lieblinge. Meine Zähne erlauben mir nicht mehr den Genuß von hartem Backwerk. Was für Zukunftspläne hat der Herr Sohn?
=Krickenfeld= [leise zu Holzheim]. Sie hat nicht einen eigenen Zahn im Munde -- lauter Kuckuckseier!
=Holzheim= [vertraulich]. Ich habe drei falsche -- sonst nur meine eigenen -- ich bin aber auch um zehn Jahre jünger.
=Zungrapp= [unterdessen leise zu Hasselstein]. Wie schrecklich alt und verfallen die gute Holzheim aussieht und doch bin ich selbst nur drei Jahre jünger [laut]. Heutzutage weihen uns die Kinder nicht mehr in ihre Pläne ein -- die Eltern um Rat zu fragen ist nicht mehr Sitte -- aber ich frage, weil wir den jungen Herrn eben wie unser eigenes Kind --
=Alle= [im Chor]. Wie unser eigenes Kind ansehen. [»Ich muß noch etwas nehmen« -- »ich auch« schwirrt es durcheinander. Alle essen und trinken eifrig.]
=Hasselstein.= Es freut mich, wenn es den Damen schmeckt. Mein Sohn weiß das Wohlwollen der Damen zu schätzen und ich nicht minder. Was seine Zukunft betrifft, so wäre es mein Wunsch, daß er die Stelle als Professor der Zoologie am hiesigen Gymnasium annehmen würde. Indessen spricht man selbst von einer Oeffnung an der Universität in --
=Krickenfeld=. Wirklich? Ach, da wäre eine Heirat mit -- mit Berta ein Unglück für ihn, denn niemand könnte mit ihm in gesellschaftliche Beziehungen treten, weder hier noch in seiner neuen Heimat. Man kann auch schlechterdings die Erziehung der aufwachsenden Jugend nicht einem Manne anvertrauen, der sich über die herrschenden Grundsätze hinwegsetzt. Ach, teuerste Frau Oberst, machen Sie Ihren mütterlichen Einfluß geltend -- halten Sie ihn vor diesem Abgrund zurück! Ein Mädchen, das nun einmal das Unglück gehabt hat -- ja, man kann die Welt nicht auf den Kopf stellen -- ist eben verloren!
=Hasselstein= [ernst]. Mein Sohn schließt gewiß nie eine Ehe mit einer ihm unwürdigen Frau. Leider will er jedoch keine bindende Stellung -- vorderhand wenigstens noch nicht -- annehmen.
=Holzheim= [trinkt langsam]. Dieser Liqueur ist in der Tat vorzüglich. Und erst dieses Backwerk! Unsere liebe Frau Oberst gehört eben noch der alten Schule an, wo eine Hausfrau und Gattin vorallem kochen können mußte. In meinem Elternhause, wo täglich Gäste eintrafen, wo das Wild und Geflügel --
=Zungrapp= [lebhaft]. Beste Frau Inspektor, wenn Sie gar in meinem Elternhause gewesen wären, wo Fürsten und Prinzen --
=Krickenfeld= [macht eine Handbewegung]. Alles das ist nichts gegen den Aufwand, die Herrlichkeiten an Speise und Trank meines seligen Onkels des Erzbischofs --
=Holzheim= [sie erregt unterbrechend]. So viele Backhühner, wie bei uns hat man im ganzen Bezirk nicht gegessen und unsere Kirschpoganzen --
=Zungrapp= [sie unterbrechend]. In unserem Elternhause hatten wir täglich wenigstens vier verschiedene Weingattungen auf dem Tisch und zu den Festtagen --
=Krickenfeld= [mit vor Erregung zitternder Stimme]. Bei meinem seligen Onkel, dem Erzbischof --
=Holzheim.= Die Gänse wurden in meinem Elternhause so gut gefüttert wie nirgends sonst im Lande und was die Weingattungen betrifft --
=Krickenfeld= [einfallend]. Mein seliger Onkel der Erzbischof ließ den Champagner immer direkt von Frankreich kommen --
=Zungrapp= [lebhaft]. Ans Spiel, meine Damen. Ja, zu der Zeit wurde die Kochkunst viel höher geschätzt als heute. Jedes Mädchen selbst aus dem vornehmsten Hause, mußte kochen können. Sehen Sie einmal mich an --
=Krickenfeld= [einfallend]. Mein seliger Onkel, der Erzbischof, hielt strenge darauf, daß ich --
=Holzheim.= Unser Elternhaus genoß in der Hinsicht einen solchen Ruf, daß die Freier scharenweise zu unseren Eltern kamen. Damals war man noch nicht so modern, das man sich selbst einen Mann wählte -- das taten die Eltern.
=Zungrapp= [bitter]. Welches Mädchen wird heute angehalten in der Küche mitzuhelfen -- alles will nur studieren -- will modern sein.
=Hasselstein= [spielend]. Ja, leider! Heutzutage muß ein Mädchen dagegen Tennisspielen, Rollschuhlaufen und ähnliche Sachen können, muß allerlei unnützes Zeug lernen und will dann, ganz wie ein Mann, ins Leben hinaus.
=Zungrapp= [langsam nickend]. Wobei sich mancher Falter die Flügel versengt. Das Heim geht verloren, die Heiraten nehmen ab und Kinder sind schon ganz und gar unmodern. Ich bitte, wie soll ein Mann auch Lust und vor allem die Mittel haben ein Mädchen von heute zu heiraten? Hunderterlei Ansprüche, keine Kenntnisse, keine Pflichten, wenigstens zwei Dienstboten, eine ganze Flucht von Zimmern, jeden Sommer eine Badereise, jede Saison mindestens drei Hüte --
=Krickenfeld= [mit Nachdruck]. Und keine Kinder, -- nicht zu vergessen! Hat eine Frau einmal eins oder zwei, so muß sie schon ins Bad, braucht eine Kur, muß ein halbes Jahr unter ärztlicher Behandlung stehen und setzt eine Märtyrermiene auf. Sehen Sie mich an! Ich hatte zwölf lebende und vier tote Kinder und ich bin nie länger als vierzehn Tage im Bette gelegen.
=Holzheim= [die Karten zusammenraffend]. Gewonnen, gewonnen Frau Oberst! 25 Heller zu bezahlen.
[Großer Lärm, Meinungsverschiedenheiten, Auszahlung.]
=Krickenfeld.= Mein seliger Onkel, der Erzbischof, pflegte immer zu sagen: Frauen und Oefen gehören in das Haus.
=Zungrapp.= Herz gerufen? Heute hat man die Oefen und die Frauen -- außer dem Hause.
=Krickenfeld= [süßlich]. Um auf das herzige Bürschchen -- Pardon! Pardon! -- den berühmten Südpolforscher zurückzukommen -- so wissen Frau Oberst, daß wir die mütterlichsten Gefühle für ihn hegen -- so ein Frauenherz ist einmal gegen alle von Liebe erfüllt -- und deshalb erlauben wir uns zu sagen, daß ein junger Mann -- und trotz seiner hervorragenden Eigenschaften ist der liebe Herr Professor noch so jung -- manchmal des Rates bedarf. In höchster Erregung. Wie? Ist der Mond verloren?
=Zungrapp= [gelassen]. Schon vor drei Stichen führte ich ihn nachhause. Warum will der Herr Sohn die Stelle nicht annehmen?
=Hasselstein= [mißmutig]. Er will zuerst ein Buch herausgeben, das die Beschreibung seiner Fahrt und der von ihm gemachten Entdeckungen enthält.
=Frau Zungrapp.= Ein Buch!!! Soooo interessant -- aber -- glaubt der Herr Sohn finanziellen Nutzen daraus ziehen zu können? Ich erlaube mir nur diese Frage, beste Frau Oberst, will jedoch nicht einen einzigen Augenblick andeuten --
=Krickenfeld= [süßlich]. Wir zweifeln nicht, daß das Werk vortrefflich geschrieben sein wird, aber wir meinen nur, daß ein wissenschaftliches Werk in Kringhausen -- Mein Gott, solche Arbeiten liest eben kein Mensch [sie schlägt sich auf den Mund] -- ich will sagen, so eine Arbeit wird nur von auserlesenen Geistern gelesen -- in Bibliotheken und so weiter -- aber nicht oft gekauft.
=Holzheim= [achselzuckend]. Der Büchermarkt ist eben so überfüllt!
=Hasselstein= [spitz]. Nicht mit Werken über den Südpol und die Antarktis überhaupt.
=Alle= [sehr einschmeichelnd]. Beste Frau Oberst! Teuerste Freundin!
=Krickenfeld= [ihre Hand drückend]. Bitte unsere Anmerkungen nicht mißzuverstehen. In uns hat der Herr Sohn seine eifrigsten Bewundererinnen, aber wir sind eben der Ansicht, daß -- daß die Verfasserlaufbahn keine sichere Versorgung für einen heiratsfähigen Mann ist -- indessen hat ja das Mamatscherl --
=Zungrapp= [tröstend]. Schon aus Höflichkeit für die Verwandten des Herrn Professors wird man einige Exemplare kaufen --
=Hasselstein= [spitz]. Dessen bedarf es nicht. [Eine kurze, peinliche Pause entsteht. Das Spiel wird wieder aufgenommen.]
2. Auftritt.
[Der junge Hasselstein tritt ein.]
=Alle Damen= [strecken ihm lebhaft die Hände entgegen]. Ach, da kommt unser lieber, unser berühmter Südpolforscher! Willkommen, Willkommen!
=Hans Georg= [küßt jeder der Damen die Hand]. Ich bitte sich nicht stören zu lassen.
=Krickenfeld= [süß]. Lieber Herr Professor, wer kann von einer Störung sprechen -- wir sind entzückt Sie wiederzusehen. [Es wird mit viel Lärm ausgezahlt.]
=Holzheim.= Von einer Störung kann hier gar nicht die Rede sein, wir haben uns ja schon so sehr auf das Wiedersehen gefreut.
=Zungrapp= [ihm mit dem Finger drohend]. Bei mir ist mein alter Freund noch nicht gewesen!
=Hans Georg= [während die Damen aufbrechen]. Ich werde nicht verfehlen -- ich war nur so überaus in Anspruch genommen.
=Zungrapp= [lächelnd]. Ich kann es mir wohl denken -- alle Professoren und -- man hat immer auch andere Bekanntschaften --
=Krickenfeld= [sie beim Arm fassend]. Liebe Emilie, die Frau Oberst muß sich danach sehnen mit Ihrem gefeierten Sohne ein wenig zu plaudern. Da sind wir überflüssig. Komm!
=Holzheim= [während ihr Hans Georg in den Mantel hilft]. Ach so ein in Liebe pochendes Mutterherz! Aber wie hübsch er geworden ist! [Ihn von allen Seiten betrachtend, einschmeichelnd.] Darf ich Ihnen als alte, gute Freundin einen Kuß geben?
=Zungrapp= [ihn betrachtend, während Fr. Holzheim ihn küßt]. Und was für einen schmucken Schnurrbart er hat! Er ist nicht umsonst am Südpol gewesen! Das nächste Mal aber, beste Frau Oberst, bringe ich mein bescheidenes Abendbrot mit und werde dann Ihren hochinteressanten Sohn mit Fragen bestürmen. -- Sie ahnen ja nicht, welches tiefe Interesse mich durchglüht, Sie lieber Herr Professor, von Ihnen die nähere Beschreibung der Paradiesvögel zu erhalten, die am Südpol --
=Hans Georg= [trocken]. Paradiesvögel gibt es leider keine in der Antarktis, meine Gnädigste!
=Zungrapp= [verwundert]. Nicht? Was Sie nicht sagen? Ich meine jene Vögel, die immer auf zwei Beinen gehen.
=Hans Georg= [leise]. Ja, auf vier können sie nicht leicht gehen. [Laut.] Gnädige Frau meinen wohl --
=Krickenfeld= [lebhaft]. -- die antarktischen Pelikane. Von denen habe ich auch gelesen. [Sie knöpft eifrig ihre Handschuhe zu, die anderen Damen haben auch umständlich eine Menge Kleider und Pelzsachen angelegt.]
=Hans Georg= [lächelnd]. Gnädigste sprechen gewiß von den Pinguinen.
=Krickenfeld= [triumphierend]. Siehst du, liebste Emilie, ich hatte es erraten -- mit »P« wenigstens fängt auch mein Wort an.
=Holzheim= [neugierig]. Nun behalten wir Sie wohl in in unserem schönen Kringhausen, nicht wahr, Herr Professor! Beim Mamatscherl ist's eben am besten!
=Hans Georg= [die Stirne runzelnd]. Ich hoffe bleibend bei Mama verweilen zu können -- indessen hängt dies noch von einigen anderen Umständen ab.
=Krickenfeld= [mahnend]. Führen Sie nur auch bald ein nettes Frauchen heim. Ach, Sie Herzenstöter! [Sie droht ihm lächelnd mit dem Finger.] Ich kenne mehr als ein Mädchen, das nur von Ihnen träumt. Ha, ha, ha!
=Hans Georg= [ernst]. Gnädige Frau belieben zu scherzen -- ich kenne nur eins!
=Holzheim= [die Hand auf seinen Arm legend]. Wählen Sie sich nur ein häusliches, wohlerzogenes --
=Zungrapp= [mit Nachdruck]. -- ein Mädchen mit tadellosem Rufe -- das ist immer Hauptbedingung, hier, wo man eben in mancher Beziehung noch so unmodern ist.
=Krickenfeld= [lebhaft]. Etwas Mitgift ist auch ein sehr wünschenswerter Faktor --
=Zungrapp= [abwehrend]. Letzteres spielt bei unserem Jungchen [schelmisch] Pardon! Pardon! so darf man eine angehende Berühmtheit wohl nicht nennen --
=Hans Georg= [verbeugt sich kalt]. Bitte sehr, gnädige Frau!
[Alle Damen reichen nun zuerst Frau Hasselstein und hierauf ihrem Sohne die Hand, die er küßt. Abschiedsworte fliegen durcheinander, ein großer Lärm entsteht. Mutter und Sohn begleiten die Gäste bis zur Tür zur Rechten.]
=Krickenfeld= [zu Hans Georg]. Stets willkommen bei mir, Herr Professor!
=Zungrapp= [lächelnd]. Nur auf baldige Brautschau ausgegangen! Ein junger Mann braucht ein Heim.
=Holzheim= [ruft von der Schwelle zurück]. Und nur die Warnungen der lieben Mama hübsch beherzigt!
3. Auftritt.
[Mutter und Sohn allein.]
=Hans Georg= [führt seine Mutter zu einem Lehnstuhl zur Linken, legt einen Polster für sie zurecht, schiebt einen kleinen Fußstuhl unter die Füße und bleibt dann, gegen die Kredenz im Hintergrund gelehnt stehen.] Seit meiner Heimkehr ist es mir noch nicht gelungen ein einziges trauliches Plauderstündchen mit dir zu halten und dennoch habe ich so vieles auf dem Herzen, das alles bald besprochen werden muß.
=Hasselstein= [mit Stolz auf den hübschen jungen Mann blickend]. Sprich, mein Kind, ich bin begierig deine Pläne zu hören!
=Hans Georg= [ernst]. Mutter! Es handelt sich um meine ganze Zukunft, um mein Glück! Als ich vor mehr als zwei Jahren der Heimat den Rücken kehrte, so geschah es, wie du dich erinnern wirst in zweiter Linie um mein Wissen zu vergrößern, Abenteuer zu bestehen, neue Entdeckungen zu machen -- Ich wagte mein Leben in unerforschten, unwirtlichen Gegenden --
=Hasselstein= [erregt]. Welche Sorge habe ich um dich, liebster Hans ausgestanden, wieviel Tränen --
=Hans Georg= [ernst]. Ich weiß es, Mama! Ich habe oft gewünscht, daß ich dir alle diese Leiden und Sorgen hätte ersparen können, aber eine Trennung war notwendig -- [leiser] -- für uns beide. Ich zog aus um neue Horizonte zu finden und dadurch auch neue, reinere, nachsichtigere Anschauungen zu gewinnen, um dir, liebes Mutterl, Zeit zu geben die Liebe zu deinem Sohne auf die Probe zu stellen, um dich in den Stand zu setzen dich allmählich von der Wahrheit meiner Worte mit bezug auf eine mir teure Person zu überzeugen und um einst heimkehren zu können in ein Heim, von denen die Schatten engherziger Beurteilung gewichen, -- gewichen, auf daß Nachsicht, Liebe und Vertrauen dort ihren Einzug halten. Auch ich habe sowohl mein Herz als auch meine innerste Ueberzeugung zu prüfen Zeit gehabt -- lange, ja lange sind die Stunden der düsteren Polarnacht und oft lag ich überlegend, prüfend, erwägend im Schlafsack, wenn der süße, traum- und sorgenlose Schlummer sich lange schon auf meine glücklicheren Kameraden gesenkt hatte. Ich prüfte mich, Mutter, und weiß, daß mein Entschluß unwiderruflich, daß Berta für meine Zukunft die beste Gefährtin, zu meinem Lebensglücke unerläßlich ist. Wie vor zwei Jahren bitte ich dich heute: Lass' mich sie, die mir schon seit Jahren teuer, zu dir bringen -- finde statt eines Kindes =zwei=! [Weich.] Zwei die dich lieben, zwei die für dich sorgen, zwei die alles aufbieten werden dir dein Alter zu verschönen, deinen Lebensabend friedvoll und heiter zu gestalten!
=Hasselstein= [erregt]. Ach, Hans Georg! Nach all meinen Bitten --
=Hans Georg= [ernst nähertretend]. Es handelt sich um mein =Glück=, Mutter!
=Hasselstein= [seufzend]. Du weißt, daß ich stets nur an dein Wohl, dein Bestes denke!
=Hans Georg= [weich]. Ich weiß es Mütterchen! Aber du darfst nicht vergessen, daß die Zeiten sich ändern, daß die Anschauungen der heutigen Jugend notwendigerweise von denen, die verwichen vor vierzig Jahren geherrscht, verschieden sind. Wir gehen gottlob einer aufgeklärten Epoche entgegen, einer milder denkenden, verständnisvolleren und daher auch einer nachsichtigeren --
=Hasselstein= [heftig, sich aufrichtend]. Recht wird immer Recht, Unrecht eben Unrecht bleiben, Hans Georg! Die heutige Jugend genießt größere -- [sie seufzt und schweigt einen Augenblick] -- vielleicht allzu große Freiheit, aber der Ruf eines Mädchens bleibt heute wie vor vierzig Jahren ihr größter Schatz, der Prüfstein ihres Wertes!
=Hans Georg= [bitter]. Selbst wenn sie den Verlust desselben einem gewissenlosen Schurken und nicht eigener Schuld verdankt?
=Hasselstein= [das Haupt schüttelnd]. So ein Fall ist ein großes Unglück für das Mädchen -- aber -- in den Augen der Welt --
=Hans Georg= [mit wachsender Erregung]. Und woraus besteht diese »Welt«? Aus einigen beschäftigungslosen Pensionisten, vielen alten Klatschweibern und wenigen gedankenlosen Nachplapperern dieser beiden Kategorien -- Menschen, von denen die erste Gattung das Füttern der Vögel im Stadtparke und die zweite das Amfenstersitzen und Kartenspielen zur Hauptbeschäftigung hat. Und über ihr Urteil kannst du dich deines einzigen Sohnes willen, der nur wie durch ein Wunder überhaupt zurückkehrte, nicht hinwegsetzen?
=Hasselstein= [betrübt]. Mein Sohn! Die Welt besteht aus allen jenen Menschen, mit denen wir zusammentreffen, in deren Mitte wir leben müssen.
=Hans Georg= [die Brauen hochziehend]. Müssen? Man kann unliebsamen Personen aus dem Wege gehen.
=Hasselstein= [müde]. Einigen vielleicht -- doch nicht allen. Der Mensch ist ein Gesellschaftstier und wir sind daher der öffentlichen Meinung unterworfen.
=Hans Georg= [erregt auf und abgehend]. Ist es also besser sich selbst unglücklich zu machen als der sogenannten öffentlichen Meinung mutig die Stirne zu bieten?
=Hasselstein.= Törichtes Kind! Glaubst du, daß dein Glück von Dauer sein würde, so du der Achtung deiner Mitmenschen beraubt wärest?
=Hans Georg= [wirft stolz das Haupt zurück]. Vorurteile muß man eben bekämpfen -- der Anfang mag schwer, der Erfolg ein langsamer sein, aber endlich muß der Sieg errungen werden!
=Hasselstein= [ernst]. Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer -- ein Fall verändert noch nicht lange die traditionell gewordenen Gesetze von Jahrhunderten, die in Fleisch und Blut des Volkes übergegangen sind. [weich und bittend.] Ach, Hans Georg, lasse dich hier als Gymnasialprofessor nieder, wähle dir ein Mädchen aus gutem Hause und von tadellosem Rufe --
=Hans Georg= [bitter]. -- und führe ein Spießbürgerleben anseiten einer ungeliebten aber in den Augen der guten Kringhäusler hochachtbaren Frau -- danke!
=Hasselstein= [weich]. Mein Jungchen! [Nach einer kurzen Pause.] Sag' mir, du mein Leben, mein Stolz, meine Freude, daß du auf deine alte Mutter hören willst, daß du nicht ernstlich daran denkst diese -- diese Berta Heller -- zu heiraten. Beim Andenken deines verstorbenen Vaters beschwöre ich dich --
=Hans Georg= [sinkt vor seiner Mutter in die Knie, stützt sich auf ihren Schoß und blickt zärtlich in ihr Antlitz]. Lassen wir Vater -- er genießt die Ruhe, um die ich ihn oft beneidet habe! [weich und bittend]. Kannst du es wirklich nicht über dich gewinnen den Kringhäuslern um meinetwegen zu trotzen? Hast du, während ich begraben unter Eis und Schnee, fern -- -- ach, so fern von dir -- ein gefahrvolles Leben führte, stets bereit vom Schauplatze irdischer und meist leider so nichtiger Kämpfe zu anderen Sphären berufen zu werden, hast du da nie gedacht, wie es sein würde, wenn ich nie wiederkäme, wenn ein Mitglied der Expedition dir statt des gesunden Sohnes die Nachricht seines frühen Todes zugeführt hätte, wenn du deinen Lebensabend einsam hier verleben müßtest, -- ohne daß die Stimmen froher Enkel in diesen Mauern widerhallen würden -- einzig von den Verwandten, einzig von den geschwätzigen Tarockdamen besucht. Hast du nie dir vorgestellt --
=Hasselstein= [sich die Tränen abtrocknend]. Oh mein Junge, mein geliebter Hans Georg! Wie oft lag ich stundenlang betend vor meinem Lager, wie oft saß ich weinend gerade hier, wenn die Einsamkeit mich allzu unerträglich deuchte, die Sorge um dich, du mein höchster Schatz, mein Herz zusammenkrampfte. Ich glaube, ich wäre wahnsinnig geworden, wenn [Mutter und Sohn halten sich lange umschlungen].
=Hans Georg= [sie liebkosend]. Hast du dir nie vorgestellt, Herzensmütterchen, wie schön unser Zusammenleben sein würde, wenn Berta -- wenn ich und sie dir immer nahe wären und alle deine Wünsche ausführen könnten -- Wünsche, die nur ein Sohn, eine liebende Tochter erfüllen können. Dachtest du nie, wie süß die Enkelchen -- ihre und meine Kinder --
=Hasselstein= [leidenschaftlich]. Deine Kinder -- doch nicht sie ins Haus -- nicht sie zu deiner Frau -- Oh, Hans Georg!
=Hans Georg= [müde]. Warum nicht? Weil ein Schurke ohnegleichen es gewagt hatte die kaum sechzehnjährige liebliche Menschenblüte mit Gewalt zu brechen? Sie die sowohl vor wie auch nachher ein tadelloses, mustergültiges Leben führte, sie, die außer ihrer Schönheit ein edles Gemüt, ein warmes Herz, einen regen Geist und künstlerische Anlagen besitzt und die dem kranken Bruder ihr Erbteil abgetreten, ihren Vater jahrelang aufopfernd gepflegt hat, sie, an deren Seite einzig ich mein Glück finden kann? Vor zwei Jahren konnte ich noch zweifeln -- heute nicht mehr. Oft, wenn die Bitterkeit dieses schwache Herz erfüllte und es zu sprengen drohte, da stieg inmitten der Schneewüste das Bild Bertas tröstend vor mir auf und die Wellen des Abscheus gegen alle engherzigen Seelen daheim sanken in nichts zusammen, -- wenn ich mich freute mir einen Namen errungen zu haben, so war es, weil er ihr Schutz gewähren sollte gegen alle -- --
=Hasselstein= [ihn abwehrend unterbrechend]. Sie wird deinen reinen geachteten Namen in den Schmutz ziehen -- das weiße Tuch wird schwarz, wenn es mit Ruß in Berührung kommt, nicht der schwarze Ruß weiß vom Tuche. [Vorwurfsvoll.] Du denkst immer zuerst an sie -- erst hierauf an deine Mutter.
=Hans Georg= [ihre Hände ergreifend]. An wen könnte ich mehr denken als an meine Mutter, aber siehst du, Berta ist bereit mir alles zu opfern, mit mir bis an das Ende der Welt zu ziehen, falls wir das Heim, das erhoffte Glück nicht bei dir, nicht in der Heimat finden können. Sie will gerne das schwere Leben eines Forschers in fremden Erdstrichen mit mir teilen, sie opfert mir willig Heimat, die Annehmlichkeiten der civilisierten Länder mit ihren Vergnügungen, ihren reichen Abwechselungen -- und du, ach, du willst deinem Sohn nicht einmal die Kringhäusler und ihre nichtige Meinung aufopfern!
=Hasselstein= [besorgt]. Du sprichst von neuen Forschungsfahrten -- wärest du imstande mich wieder zu verlassen, mich neuem Kummer, neuen Sorgen auszusetzen?