Die Kringhäusler: Drama in drei Akten
Part 1
Die Kringhäusler
Drama in drei Akten
von
A. M. Karlin
Leipzig 1918
=Bruno Volger= Verlagsbuchhandlung
Personen:
Frau =Oberst Hasselstein=, Witwe Hans =Georg Hasselstein=, Professor der Naturwissenschaften, ihr Sohn Herr =Regierungsrat Pottenmiller=, ihr Schwager Frau =Petronella Pottenmiller=, ihre Schwester Herr =Direktor Knute=, auch ein Schwager Frau =Johanna Knute=, ihre zweite Schwester Herr ~Dr.~ =Brunnick=, Pottenmillers Schwiegersohn Frau =Ada Brunnick=, seine Frau =Hermine Schrift=, unverheiratet, Hans Georgs Tante =Ladislaja Schrift=, ihre Schwester Frau =Kommerzienrat Peloponesia Krickenfeld= Frau =Inspektor Margarete Holzheim= Frau =Professor Emilie Zungrapp= Herr =Norry= } Herr =Scharfen= } Herr =Roden= } Herr =Kapper= } Herr =Johanssen= } die Teilnehmer der Südpolexpedition Herr =Granelli= } Herr =Meroff= } Herr =Vickers= } =Berta Heller=, Hans Georgs Braut.
Der erste Akt spielt in der Antarktis, der zweite und der dritte Akt in der Wohnung Frau Hasselsteins.
=Zeit=: Gegenwart.
1. Akt.
[Im Hintergrund der weiten Bühne sieht man mächtige Eisgebilde mit leuchtend weißen Oberflächen, während alle Unebenheiten, Spalten und Risse je nach ihrer Tiefe vom zartesten bis zum tiefsten Blau erscheinen. Etwas mehr gegen den Vordergrund ist ein kleiner Streifen des Polarmeeres sichtbar, in dem sich die tafelförmigen Eismassen und die zerklüfteten Eisberge spiegeln. Zur Rechten im Hintergrund steht ein vereistes und tiefverschneites, von den mächtigen Eisstücken teilweise über die Meeresfläche gehobenes Schiff, von dessen Masten die Eiszapfen herniederhängen. Zur Linken hängt ein riesiger, in der Mitte gespaltener Eisberg über die Bühne, aus dessen Innern ein herrliches bläuliches Licht fließt. Links und rechts im Vordergrund befinden sich kleinere Eisstücke, auf denen eine große Anzahl Pinguine in verschiedenen Stellungen sitzen. Mehr im Hintergrund liegen einige Seehunde am Rande des Meeres. Ganz im Vordergrund zur Linken steht ein tiefverschneites Zelt, in dessen Mitte ein kleiner Kochherd steht und sein rötliches Licht über die Zeltwände ergießt. Zur Rechten steht Hasselstein und blättert in seinem Notizbuch. Ein wunderbar schönes, bläuliches Licht erfüllt die ganze Szene, während da und dort der Schnee in allen Farben des Regenbogens glitzert. Vom leuchtendsten Tageslicht geht jedoch die Beleuchtung langsam während des ganzen Aktes immer mehr in ein mattes Dunkel über und als es vollkommen finster geworden, zeigt sich im Hintergrund die Aurora Borealis in flackernden Bändern und ewig wechselnden Lichteffekten. Die ganze Zeit hört man auch das Pfeifen des Windes -- im Anfang ganz schwach, dann mit zunehmender Stärke.]
1. Auftritt.
=Hasselstein= [macht eben die letzten Aufzeichnungen in sein Notizbuch als der Vorhang aufgeht. Nach einigen Sekunden schließt er es und macht einige Schritte auf die Mitte der Bühne zu]. Das wäre getan! [Er zieht seine Uhr aus der Tasche.] Wie, schon so spät? Da heißt es frisch zulangen soll unser Depôt und Winterobservatorium fix und fertig sein, wenn die Kollegen von ihren Streifzügen heimkehren. [Er macht sich rechts an die Arbeit, schleppt von hinter den Kulissen große Eisblöcke herbei und beginnt sie aufeinander zu bauen und mit Schnee, den er zusammenfegt, zu befestigen. Während er eifrig arbeitet und das Schneehaus immer größer wird, spricht er, sich manchmal auf Augenblicke unterbrechend um auf die wechselnden Lichteffekte zu schauen.] Wie die Stunden fliehen und doch -- wie weit von mir scheint die Vergangenheit! [er schüttelt wehmutsvoll das Haupt]. Zwei Jahre sind es nun, daß ich der Heimat den Rücken gekehrt [er baut schweigend einige Sekunden]. Wirklich nur zwei Jahre? Ist mir's doch, als seien Jahrzehnte seit dem Augenblick verflossen, wo -- [er schleppt einige Eisstücke herbei]. Genug! Siebenhundertunddreißig Tage trennen mich von jener Stunde, in welcher mein Blick zum letztenmal in den ihren getaucht. Was wunder übrigens, daß die Zeit so lang mich deucht, denn die Zahl der Eindrücke und nicht der monotone Schlag der Stunden machen ja ein Menschenleben aus. Und ich -- ich hatte Eindrücke -- [er hält einen Augenblick inne und blickt, die Augen mit der Hand beschattend, forschend auf das Meer] -- und was für Eindrücke, barmherziger Himmel! Erst die ungestümen Reisevorbereitungen, die ununterbrochenen Kämpfe, die feindselige Haltung der guten alten Seelen daheim -- oh, die armen, entsetzten, aus dem Gleichgewicht gebrachten Kringhäusler! -- [er lacht plötzlich laut auf] -- wenig fehlte, daß man mich nicht mit Gewalt in eine Irrenanstalt sperren ließ, denn ein klardenkender Mensch -- ein Individuum, mit vollem Gebrauch der fünf von Mutter Natur so gnädig verliehenen Sinne -- kann sich nicht willig einer Südpolexpedition anschließen, das ist Wahnsinn, himmelschreiender erbarmenerweckender Wahnsinn! [er lacht wieder]. Arme Kringhäusler, sie müssen immer auf dem breiten, wohl ausgetretenen Pfad dahinhumpeln, -- daß man sich eigene Pfade brechen kann, das verstehen sie nicht und billigen noch weniger. Wenn die ganze Gemeinde an Hinzens Kuhstall vorbei zur Kirche geht, warum sollte da ein Pfarrkind einen anderen Weg einschlagen? Das ist Ketzerei! [er baut eine Weile schweigend weiter]. Ach, dann kamen die Aufregungen des Abschieds, -- von Berta -- von Mama -- von der lieben Heimat -- ein Abschied, der möglicherweise Trennung auf immer bedeuten konnte, hierauf die lange eintönige Fahrt, ein schläfriges Rollen und behagliches Dahinträumen, geschaukelt von leise plätschernden, tiefblauen Wassermassen, unter einem heißen, wolkenlosen Himmel -- [er schaufelt eifrig den Schnee zusammen]. Ja, wer noch einmal, ein =einziges= Mal solche Wärme empfinden dürfte. Und eines schönen Tages waren wir in Neuseeland mit seinen Geysirn, Wasserfällen, tropischen Wäldern, riesigen Eukalyptus, seinen flügellosen Vögeln, und den schneegekrönten und gleichzeitig feuerspeienden Bergen. Welche Pracht! [er bildet das Dach seiner Hütte]. Allzu kurze Rast gefolgt vom gefahrvollen Tummeln auf kalter, sturmgepeitschter See, das langsame Sichnähern der endlos scheinenden Eisbarrieren, schließlich ein kurzer Ausflug auf die verödeten Kerguelen und zuletzt [er blickt wieder sinnend auf das Meer] die eigentliche Antarktis, das Ueberwintern in eisstarren Zelten, während sich draußen die endlose, düstere Polarnacht, mit all' ihren Schrecken und Leiden auf uns herabsenkte und wir bei kümmerlichem Thranlicht ein mattes Scheinleben führten, hie und da unterbrochen von den Beobachtungen im Freien bei einer Temperatur von durchschnittlich 52 Grad Celsius unter Null! [er arbeitet einige Sekunden wieder schweigend, während das Licht langsam abnimmt, hierauf wieder frischerer, munterer]. Nichtsdestoweniger hat selbst das Leben hier seinen Zauber, so mitten in einem noch unerforschten Teile unserer Erdkugel, wo Tiere und Vögel im Menschen noch nicht ihren Feind zu sehen gelernt haben, wo er in ihr Tun und Lassen freien Einblick gewinnen kann, hier -- wo seltene Lichteffekte das Auge stündlich entzücken, wo eine Entdeckung der anderen auf dem Fuße folgt, wo ungeahnte Horizonte sich dem begierigem Geiste offenbaren! [er verbessert sein Werk da und dort] Neue Horizonte! Ach, wenn diese mich nur auch großmütiger im Beurteilen anderer machen würden! Mutterl, du liebes, gewiß tat ich dir oft Unrecht, wenn unsere Anschauungen nicht harmonierten. In Zukunft, da muß unser Zusammenleben ein besseres sein, denn ich habe alles aufgeboten um alle kleinlichen einseitigen Begriffe, alles falsche Beurteilen loszuwerden. Das liebe Mütterchen wird wohl auch einsehen gelernt haben, daß man nicht nur als Gymnasialprofessor in Kringen sein Glück machen kann und die lange Trennung, die ja so leicht eine ewige werden kann, hat gewiß auch ihre Skrupel, meine Heirat mit Berta betreffend, gemildert. Sie hat Zeit gehabt Berta zu prüfen -- meine Worte in Erwägung zu ziehen -- ja, ja, die Mutterliebe wird, sie muß siegen [er verbessert das Innere der Schneehütte]. Alle lächerlichen Vorurteile, alles Hängen am Zopf wird mutig über Bord geworfen und da wollen wir drei -- Mama, Berta und ich -- ein Heim gründen, dessen Grundpfeiler gegenseitige Nachsicht und unbegrenzte Liebe sind. Alle meine Tage will ich der Verbreitung freisinnigerer Anschauungen, milderem Denkens widmen. Nieder mit allem kleinlichen Huldigen äußeren Scheins! Der Kern allein soll gelten, nicht die Schale. [Das Schneehaus ist nun ganz fertig, er betrachtet sein Werk und ruft jubelnd aus:] Hurra! Vollendet ist das große Meisterwerk! [ernster.] Möge es mir einst gelingen den Kampf gegen alle kleinlichen Vorurteile, gegen alle beschränkten, feindseligen Anschauungen daheim zu ebenso befriedigendem Abschluß zu bringen -- da Berta, mein Liebling, soll dein Unglück dich nicht länger niederbeugen -- nein, treues, edles Herz, kein Mensch soll länger scheu vor dir zurückweichen. An meiner Seite sollst du stolz erhobenen Hauptes dahinschreiten und zuversichtlich in eine sonnige Zukunft blicken. Und du, mein liebes Mutterl, du sollst in mir den zärtlichsten Sohn, in Berta die liebendste Tochter finden und dazu bedarf es nur eins: Die lieben Kringhäusler ein wenig -- abzuschütteln!
2. Auftritt.
[Roden, Norry und Scharfen kommen von rechts.]
=Roden= [zu Scharfen]. Wir müssen die Messungen vor Einbruch der Nacht beendigen [er wirft eine Leine in das Meer und Scharfen hilft ihm dabei].
=Scharfen= [munter]. Holla, Hasselstein! Sie sind der reinste Baukünstler. Unser Depôt ist ja ein ganzes Wunderwerk.
=Norry= [indem er eifrig einige Apparate in dasselbe schleppt]. Vortrefflich! Man kann unmöglich alle Geräte auf dem Schiffe oder im Zelte bequem unterbringen. Hier wollen wir unsere Winterbeobachtungen machen -- etwas wärmer als die windige Eisfläche wird diese Sternwarte sicher sein.
=Roden= [indem er langsam die Leine aufwickelt]. Es fehlt eine Oeffnung im Dach --
=Hasselstein= [eifrig arbeitend]. Dem ist schnell abgeholfen.
=Norry= [zu H.]. Sind viele neue Exemplare in die Falle gegangen?
=Hasselstein= [auf den Meeresstrand zugehend]. Ich habe noch nicht nachgesehen [er zieht eifrig eine Fischfalle aus dem Wasser]. Ein reichhaltiger Fang, wie fast immer -- leider nur die gewöhnlichen Fischarten der Antarktis [er beugt sich noch einmal nieder und zieht ein kleines Netz aus dem Wasser]. Vielleicht enthält das kleine Netz wertvollere Exemplare. Hm, wie immer eine ganze Menge Isopoden, einige Fünffüßler, mehrere Korallen, -- was sehe ich? Ganz richtig! Eine Gattung auffallend kleiner Seegarnelen -- eine Anzahl Wasserbären und --
=Norry= [legt den Apparat heftig auf den Boden, springt auf das Meer zu, woher eben ein starkes Plätschern erklingt und ruft]. Schnell, schnell, Hasselstein! Haben Sie Ihre Flinte zur Hand?
=Hasselstein= [rafft im Vorbeispringen seine Flinte vor dem Zelte auf und beide springen auf einige Eisstücke um freien Ausblick auf das Meer zu haben]. Ein Blauwal! Ein wahres Prachtexemplar! Aber leider außer Schußweite.
=Norry= [eifrig spähend]. Verschwunden! Schade, -- eine Abwechselung im Speisezettel wäre nicht unwillkommen gewesen!
=Roden= [singt tröstend]. Es wär' zu schön gewesen, es hat nicht sollen sein!
=Scharfen.= Leider -- leider; ein erhöhter Thranvorrat vermindert immer die Schrecken der Polarnacht, doch -- fort ist fort und hin ist hin -- [er lacht auch heiter].
=Hasselstein= [zu Norry]. A propos! Funktioniert der Elektrometer jetzt wieder? Sind die Messungen vollkommen verläßlich?
=Norry.= Vollkommen! Alles ist wieder in Ordnung. Ich will nur noch in aller Eile den Thermographen aufstellen, hierauf verwandle ich mich in einen Koch erster Qualität. Das ist ja meine Kochwoche [er stellt den Apparat auf und lacht].
=Hasselstein= [sammelt seinen Fang zusammen und wendet sich zu Roden und Scharfen, die eben die lange Schnur vollends aufgewunden haben]. Welche Tiefe?
=Roden.= 1844 Klafter. Das bestätigt meine früheren Annahmen, daß die Tiefen hier in der Regel bedeutend größer als am Nordpol sind.
=Hasselstein.= Wieviel Grade unter Null haben wir heute?
=Scharfen= [liest vom Thermometer, das an einer Zeltstange hängt, ab]. 29 Grad Celsius.
=Roden.= Besser Fisch als Mensch zu sein in diesen Gegenden -- das Wasser ist wärmer.
=Hasselstein= [lachend]. Unzufriedener! Denken Sie an die Zeit, wo wir 52° gehabt haben!
=Norry=. Und die bald wiederkehrt!
=Hasselstein= [zu Norry, der eifrig seine Apparate in der neuen Schneehütte studiert]. Hören Sie einmal, verehrter Herr Wetterprophet -- welcher angenehmen Ueberraschungen dürfen wir gewärtig sein?
=Norry= [seine Apparate untersuchend]. Machen Sie sich nur auf einen extrafeinen Schneesturm gefaßt.
=Alle.= Danke sehr!
=Hasselstein.= Davon hätten wir nachgerade genug. In diesem Monat allein mußten wir zehn Tage in den Zelten zubringen und selbst da wurde man nie warm oder trocken. Die Schneenadeln krochen bis in die Tiefen der Schlafsäcke und das Ausgehen bei solchem Unwetter wagt keiner von uns seit der arme Scharfen ganz wirr im Kopfe wurde, als er in solchem Wetter zufällig draußen war und beinahe umgekommen wäre. Nein, nein, so ein Schneesturm ist schlimmer als die ärgste Kälte!
=Norry= [mißt eifrig]. Der südliche Wind nimmt bedeutend zu und bei den überaus häufigen und starken Niederschlägen muß man auf alles gefaßt sein. Da, Hasselstein, sehen Sie einmal selbst um wieviel die Nadel seit den letzten drei Stunden abgewichen ist. [Beide hantieren die verschiedenen Instrumente.]
=Roden= [schreibt eifrig in sein Notizbuch während Scharfen die Schnur und die Fischfallen in das Zelt trägt und mehrere Pfannen auf den kleinen Herd stellt]. 1844 Klafter Meerestiefe, südwestliche Tiefströmung, südlicher Wind, 29° Celsius Lufttemperatur, zunehmendes Treibeis, abnehmendes Tageslicht -- nur mehr zwei Stunden Tag -- 734 ~mm~ Luftdruck --
Während er schreibt und vor sich hin murmelt ist es ganz dunkel geworden; die Eisstücke sehen nun beinahe schwarz aus und nur der Schnee im Vordergrund leuchtet weiß. Ganz im Hintergrund zeigt sich ein schwacher gelblichroter Lichtschein, hierauf entsteht ein knisterndes Geräusch und in flackernden Bändern taucht die ~Aurora borealis~ auf -- nie stille, immer wechselnd, sich jeden Augenblick verändernd. Das Heulen des Windes nimmt langsam zu, die Wogen machen auch ein stärkeres, plätscherndes Geräusch.
=Hasselstein= [geht auf das Zelt zu, die anderen folgen ihm. Norry legt allerlei in die Pfanne und kocht eifrig, die anderen setzen sich auf die Schlafsäcke und zünden ihre Pfeifen an. Das rote Licht des Herdes bildet einen eigentümlichen Kontrast mit der wechselnden Beleuchtung draußen.] Meine Angst um unsere tapferen Gefährten nimmt täglich zu. Wenn sie nicht innerhalb der nächsten Tage einlangen, muß ein Unglück die Expedition getroffen haben, denn fünf Monate waren als Maximumtermin zur Erforschung des Beardmoregletschers festgesetzt. Seit ihrem Aufbruch sind 192 Tage vergangen.
=Norry= [düster]. In kaum vierzehn Tagen bricht die lange Polarnacht herein -- Gnade ihnen, wenn sie uns bis dorthin nicht erreicht haben.
=Scharfen= [nachdenklich rauchend]. Seit fünfzehnten November kämpfen sie verzweifelter selbst als wir gegen die Gefahren und Drangsale dieses unwirtlichen Klimas. Wer wird den Sieg erringen? Die starre Eisnatur oder unsere beharrlichen Gefährten? Und das Schlimmste an der Sache ist, daß wir hier stille sitzen müssen und nichts -- gar nichts -- zu ihrer Rettung beitragen können.
=Norry.= Es ist ja eine Frage ob wir selbst die endlose Polarnacht überdauern werden. Werden unsere Nahrungsmittel bis zur Ankunft des Schiffes im November ausreichen und vorallem, wird es uns gelingen den Ausbruch des Skorbut zu verhindern? [Eine Pause entsteht, alle rauchen in düsterem Schweigen.]
=Hasselstein= [träumend]. Es dünkt einen unglaublich, daß daheim gerade jetzt der Flieder blüht, das Mailüfterl über das sanftig grüne Land hinbraust, die Nachtigall --
=Roden= [heftig unterbrechend]. Nur um Himmels willen nicht sentimental werden: Das gibt uns, in der Verfassung, in der wir sind, den Gnadenstoß. Nichts ist gefährlicher und zweckloser als das Träumen vom Unerreichbaren. Es heißt einfach die Zähne zusammenbeißen und -- schweigen!
=Hasselstein= [müde lächelnd]. Oder zu unserem alten Mittel zu greifen und Sorge mit Scherz verscheuchen? Leider gewinnen manchmal die Sorgen die Oberhand. Der Zunge kann man allerdings Schweigen gebieten, doch ach, dem Herzen nicht. Es gibt Augenblicke, in welchen einem alles zwecklos scheint, in welchen man seinen Gefühlen unterliegt, das Heimweh erwacht und man sich staunend fragt, ob man nicht am Ende alles einem Wahn geopfert --
=Scharfen= [eine dicke Rauchwolke ausblasend]. Und ob es wirklich nur ein Trugbild gewesen, was man so lebhaft angestrebt.
=Norry= [nachdenklich]. Wir sind entmutigt und fragen daher nach dem Warum unserer Handlungsweise und wissen im Innersten doch, daß wir unter gleichen Umständen wieder so und nicht anders handeln würden. So nehme ich zum Beispiel an, daß wir uns alle der Expedition angeschlossen -- erstens, weil dies eine Lösung manch' verwickelten Problems bedeutete --
=Hasselstein= [ernst]. Sie haben vollkommen recht, Norry. Jeder von uns hatte seine Gründe --
=Norry= [bitter]. Und triftige. Eine Luftveränderung tut zuzeiten sehr gut. Das Leben ist wahrlich kein Honigschlecken -- es sticht einem verteufelt oft eine Biene in die Zunge.
=Hasselstein= [finster]. Und mehr als eine!
=Norry= [nach kurzer Pause]. Was mich betrifft, so befinde ich mich nur dort ganz wohl, wo die Natur in ihrer Urkraft auf mich einwirkt und die Civilisation -- die sogenannte -- sie noch nicht mit ihrem giftigen Speichel beleckt -- und verödet hat! Kampf und Abenteuer gegen die mächtigen Naturgewalten meinetwegen, aber gegen die Heuchelei, Beschränktheit und krasse Selbstsucht der sogenannten civilisierten Menschheit -- nein, danke -- lieber begrabe ich mich in den Einöden der Sahara, in den Urwäldern Südamerikas oder --
=Hasselstein= [lächelnd]. -- oder selbst in antarktischen Zonen. Bis hierher ist unsere Ueberkultur allerdings noch nicht durchgedrungen -- die Pinguine sind die Alleinherrscher der Antarktis.
=Roden= [leidenschaftlich]. Lieber tausendmal Pinguine als Ueberkultur: Glauben Sie mir, die großartige Erfindungen hervorbringt und dabei doch täglich mehr und mehr natürliche Züge der menschlichen Natur kalt erdrückt oder in eine unnatürliche, seelenverkrüppelnde Gestalt preßt. Bah! [Er klopft heftig seine Pfeife aus und stopft eine neue.]
=Hasselstein= [beschwichtigend]. Wie viele Geheimnisse der Natur sind entdeckt und der Menschheit dienstbar gemacht worden!
=Roden= [verächtlich]. Und wie viele Tiere kennen den Wert heilsamer Kräuter, von denen wir keine Ahnung haben. Zudem -- die Völker des Westens, die ja gerade am stolzesten auf ihren Fortschritt sind, haben von vielen Sachen heute keine Ahnung, mit denen die morgenländischen Stämme vor mehreren tausend Jahren ganz vertraut waren. -- Fortschritt -- in der Tat! [Er lacht kurz und verächtlich auf.] Wir sind viel zu stolz auf die Errungenschaften unseres Geistes.
=Hasselstein= [ruhig vor sich hin rauchend]. Menschlichere Anschauungen --
=Roden= [spöttisch]. Vortrefflich: Maschinengewehre, giftige Gase, bombengespickte Luftschiffe --
=Scharfen= [einwerfend]. Die Abschaffung der Folter --
=Roden= [kalt lachend]. Nein, lieber Freund! Ersatz der moralischen statt der physischen. Heute droht man jemand das Familienskelett an das Tageslicht zu ziehen und in den Zeitungen spazieren zu führen -- eine Folter, die ebenso wirkungsvoll, wie die Daumenschrauben einst, -- die Kritik ersetzt den Morgenstern und was das Spießrutenlaufen anbelangt, so verrichten die Zungen unserer stets auf der Lauer liegenden lieben Nächsten das wunderbar -- mit dem einzigen Unterschied, daß man früher absehen konnte, wo die Qual und wo der Schaden ein Ende nehmen wird -- die Ausdehnung und die Uebel der heutigen Folter kann niemand ermessen. Die Wunden des Körpers heilten leichter als wir nun unseren beschmutzten Namen, unsere geraubte Ehre in Ordnung bringen -- wenn es uns gelingt.
=Hasselstein= [ruhig]. Wir verdanken der zunehmenden Civilisation eine erhabene monotheistische Religion --
=Roden.= Die nichts destoweniger wie im dunkeln Mittelalter noch heute mit Teufelsspuk und Höllenqual droht, deren Verbreiter Geld mit Beuteln oder Tassen im Gotteshause selbst einsammeln, genau wie es fahrende Sänger oder Seiltänzer unmittelbar vor Schluß der Vorstellung tun, deren Anhänger des guten Tones, der Musik oder der neuen Kleider willen zur Kirche gehen und die sechs Tage lang mit Wonne alle zehn Gebote übertreten um am siebenten eine scheinheilige Miene aufzusetzen und sich aller jener Tugenden zu rühmen, die zu besitzen sie anderen glauben machen wollen.
=Scharfen= [halblächelnd]. Großartigen Erfindungen --
=Roden= [kalt]. Erfindungen, bester Herr Kollege, bedeuten erhöhten technischen oder rein materiellen aber deshalb noch lange nicht moralischen Fortschritt. Das Leben wird durch sie möglicherweise bequemer, die Handelsverbindungen leichter und schneller, aber diese Verbesserungen erhöhen leider nur unser Selbstbewußtsein ohne unseren inneren Menschen gleichzeitig auf eine höhere Entwicklungsstufe zu bringen.
=Norry= [eifrig kochend]. Ganz richtig! Rein äußere Verfeinerung der Sitten, kosmopolitische Anschauungen, erhöhter Luxus, großartige Entdeckungen und ähnliches ist alles lange noch nicht Seelenkultur. Wenn die Ware nicht durch und durch reell ist, so springt die Politur schon bei der allerersten Gelegenheit ab.
=Scharfen= [kopfschüttelnd]. Der Zeitgeist zerstört viel mehr als er bildet. Es ist geradezu eine Wut über die Menschheit gekommen in allen Werken der großen Meister, im Leben der edelsten Helden, bei unsterblichen Denkern und den Lehrern der erhabendsten Ideen immer und überall ein Fleckchen, irgend einen dunkeln Punkt zu suchen, der dann ans Licht gezogen, besprochen, und betastet wird, bis der winzige Fleck beinahe das ganze Werk, den ganzen Menschen verdunkelt.
=Hasselstein= [traurig]. Ach, leider! Anstatt nach Menschenliebe streben alle nach größerer Pracht, nach höherer technischer Kultur, Verstand wird über Herz, der Schein über den Kern gesetzt. Die Kritik läßt weder Lebendige noch Tote in Frieden und jeder bemüht sich auf das eifrigste seines Nächsten Fehler zu entdecken und laut zu verkünden, statt sie milde zu bemänteln und großmütig zu übergehen.
=Roden= [spöttisch]. Und mit welchen Stolz wir den ›Segen der Civilisation‹ zu den sogenannten Wilden tragen: Wir verkaufen ihnen Schießpulver und Gewehre, wir bieten ihnen zu hohen Preisen allerlei verderbliche Trinkwaren an, die ihr Leben verkürzen, ihre Gesundheit untergraben und in ihnen vorher unbekannte Leidenschaften erwecken.
=Hasselstein= [lächelnd]. Zum Dank für solche Vorteile verdrängen wir sie von ihrer eigenen Scholle und lassen uns selbst dort nieder.
=Scharfen= [lachend]. Ja! Die armen Wilden können uns dankbar sein, daß wir sie nicht wie einst mit Gewalt auf unsere Schiffe schleppen und als Sklaven verkaufen.
=Roden= [eifrig nickend]. Wir tun etwas viel Besseres. Wir verwenden sie gleich als Sklaven an Ort und Stelle. Oh Fortschritt -- du gleißender Fortschritt! Nein, läßt mich in einem Erdstrich wohnen, wohin diese bewunderte Civilisation noch nicht vorgedrungen, wo Wahnsinn, Trunksucht, Selbstmord und Verbrechertum, wo Habgier, Neid und Verleumdung noch nicht zur Tagesordnung gehören!
=Norry= [lachend und die Pfeife schwingend]. Es lebe das Reich der Pinguine!