Part 12
Eine große Rolle kommt den Heilstätten unter den Maßnahmen zur _Eindämmung_ der Tuberkulose als Volkskrankheit zu. Jeder, der dieses kleine Buch bis hierher aufmerksam gelesen hat, wird sich von vornherein klar sein: Ein unbedingtes Erfordernis ist die Vermeidung der Verbreitung der Krankheitskeime durch die Ausscheidungen Tuberkulöser, vor allem also die Vernichtung der Tuberkelbazillen im Auswurf Schwindsüchtiger. (_Flügge._) Nirgends kann hierfür in so gründlicher Weise gesorgt werden, als in den Heilstätten, Krankenanstalten, in denen Tuberkulöse _isoliert_ sind. Dort vor allen Dingen werden die Kranken auch wirklich zu geeigneter Behandlung des Auswurfs erzogen. Sie tragen dann später -- neben öffentlichen Belehrungen -- zur Verbreitung der Kenntnisse von der Gefährlichkeit des Auswurfs und von den Mitteln zu seiner Vernichtung bei.
Es ist einleuchtend, daß, wenn die wichtigste Infektionsquelle für die Entstehung der Schwindsucht in der _Einatmung_ von Tuberkelbazillen besteht, die Vernichtung der Bazillen im Auswurf und damit die Verhütung der Möglichkeit der Bazilleneinatmung die Schwindsuchtverbreitung aufhalten müßte. Es darf hier aber nicht übergangen werden, daß trotz einer ganz außerordentlich großen Zahl von Einzelbeobachtungen und trotz gewaltiger Arbeit, die mit allen Methoden der modernen wissenschaftlichen Forschung geleistet worden ist, die Anschauungen über die _Entstehung_ der Lungenschwindsucht noch keineswegs endgültig aufgeklärt sind. Eine große Anzahl von Forschern, unter denen z. B. _v. Behring_ genannt werden muß, nehmen an, daß die erste Ansiedelung der Tuberkelbazillen im menschlichen Körper nicht durch deren Einatmung und somit unmittelbar in den oberen Luftwegen oder in den Lungen erfolgt, sondern auf anderem Wege. _v. Behring_ insbesondere vertritt die Meinung, daß die häufigste Quelle der Infektion in dem Genuß von tuberkelbazillenhaltiger _Milch_ im frühesten Kindesalter zu suchen ist. Die Bazillen müßten danach zuerst in den Darm und von dort aus erst auf Umwegen in die Lungen gelangen.
Die Möglichkeit, daß lebende Tuberkelbazillen mit der _Kuhmilch_ aufgenommen werden, ist erwiesen: die Tuberkulose ist bei unserem Rindvieh sehr verbreitet. Die Milch und die Molkereiprodukte, insbesondere die Butter, die zum Verkauf gelangen, enthalten gelegentlich, ja, man kann auf Grund sorgfältiger statistischer Erhebungen sagen, geradezu _häufig_ echte Tuberkelbazillen, gegen deren Eindringen in den Darmkanal wir uns nur schützen können, wenn wir regelmäßig eine gründliche Sterilisation durch längeres Kochen herbeiführen.
Ist diese Infektionsgefahr nun wirklich von Bedeutung? Vor allem ist sie von ausschlaggebender Bedeutung im Sinne _v. Behrings_? -- Der zweite Teil der Frage läßt sich auf Grund von Erfahrungen mit nein beantworten: man hat festgestellt, daß in Japan, wo unter der Bevölkerung die Tuberkulose, insbesondere die Schwindsucht, sehr verbreitet ist, die Tuberkulose des Rindviehs bis vor kurzem so gut wie unbekannt war. Es war also mit vollkommener Sicherheit auszuschließen, daß für die dortige Bevölkerung _Behrings_ Anschauungen zutrafen. -- Weit schwieriger ist eine kurze und klare Antwort auf den ersten Teil der Frage zu geben. Von der größten Bedeutung ist hierfür die endgültige Klärung eines augenblicklich noch umstrittenen Punktes: _Robert Koch_ selbst hat nämlich vor einer Reihe von Jahren die zunächst gerade aus seinem Munde besonders überraschend klingende Behauptung aufgestellt, der Tuberkelbazillus, der die Tuberkulose des Menschen verursache, und der Erreger der Rindertuberkulose bildeten zwei vollkommen voneinander verschiedene _Arten_, die zwar in einer sehr großen Anzahl von Eigenschaften übereinstimmten, in einigen Punkten aber differierten und vor allen Dingen den ganz außerordentlich bedeutsamen Unterschied aufwiesen, daß der Rinder-Tuberkelbazillus nur für das Rind, der Menschen-Tuberkelbazillus nur für den Menschen gefährlich werden könne. War diese Ansicht richtig, so wären auch die Konsequenzen, die _Robert Koch_ zog, unangreifbar: Maßnahmen gegen die Infektion mit Tuberkelbazillen, die vom Rinde stammten, wären zwecklos und überflüssig.
Bei der einschneidenden Bedeutung dieser Behauptung ist es begreiflich, daß eine außerordentlich lebhafte Diskussion darüber entstand. Es war mit Sicherheit festgestellt, daß verschiedene Arten von Tuberkelbazillen existierten: die Erreger der Tuberkulose von manchen Kaltblütern z. B. unterschieden sich konstant und durch auffällige Merkmale von den Menschen-Tuberkelbazillen. Es war auch bereits bekannt, daß sich konstante oder nahezu konstante Unterschiede zwischen Tuberkelbazillen, die vom Rind, und solchen, die vom Menschen stammten, nachweisen ließen, insbesondere wußte man, daß Tuberkelbazillen aus menschlichen Krankheitsprodukten im Tierexperiment für Rinder, aber auch für Kaninchen gewöhnlich nur geringe Virulenz zeigten, während Rinder-Tuberkelbazillen eine viel höhere Virulenz gegenüber diesen Tieren besaßen.
Die Frage, die für das Menschengeschlecht allein beantwortet werden muß, ist aber die, _ob dem Menschen_ außer dem menschlichen Tuberkelbazillus nicht auch der _Rinder_-Tuberkelbazillus gefährlich werden kann. Diese Frage war naturgemäß auf experimentellem Wege nicht zu beantworten, und man hat sich bemüht, sie dadurch zu entscheiden, daß man in möglichst großem Umfange die aus menschlichen Krankheitsfällen gezüchteten Tuberkelbazillen daraufhin untersuchte, ob sie zum »~Typus humanus~« oder zum »~Typus bovinus~« gehörten. Über diese Frage sind gerade augenblicklich noch umfassende Erhebungen im Gange, deren Resultat abgewartet werden muß. Aus einer Reihe von einschlägigen Untersuchungen geht aber immerhin jetzt schon hervor, daß auch aus menschlichen tuberkulösen Krankheitsprodukten, wenn auch vergleichsweise selten, Tuberkelbazillen isoliert werden können, die die Eigenschaften des ~Typus bovinus~ aufweisen und daß vom Menschen stammende Tuberkelpilze (vom ~Typus humanus~) im Körper des Rindes (bei künstlicher Infektion) rasch eine hochgradige Virulenz auch für _Rinder_ erwerben. (Prof. _Eber_.) Und so sieht es denn vorläufig so aus, als ob die _Koch_sche Anschauung mit ihren Konsequenzen den Sieg nicht behalten könne. Dadurch würde die Notwendigkeit energischer Bekämpfung der Tuberkulose des Rindviehs dann wieder außer Frage gestellt werden.
Bekanntlich hat _von Behring_ vor wenigen Jahren ein Verfahren angegeben, um Kälber durch Impfung mit lebenden _menschlichen_ Tuberkelbazillen gegen Infektion mit _Rinder_tuberkulose immun zu machen. Noch ist der Wert dieses Verfahrens aber lebhaft umstritten.
Beim Menschen ist an analoge Versuche noch nicht zu denken.
Und so bleibt denn vorläufig die wichtigste Waffe im Kampfe gegen die Tuberkulose die Verhütung der Ansteckung durch Vernichtung des Auswurfes Schwindsüchtiger einerseits, durch Bekämpfung der Tuberkulose des Rindviehs andererseits.
Mit wenigen Worten müssen wir am Schlusse dieser kleinen und durchaus unvollständigen Skizze des heutigen Standes der wissenschaftlichen Tuberkuloseforschung noch auf eine Frage zurückkommen, die wir eingangs flüchtig streiften, die Frage nach der »Vererbung« der Tuberkulose. Es ist in den letzten Jahren in einigen wenigen Fällen der Nachweis gelungen, daß -- man kann wohl sagen: ausnahmsweise -- selten ein Übergang von Tuberkelbazillen auf das Kind im Mutterleibe vorkommt. Bei den spärlichen einschlägigen Beobachtungen handelte es sich stets um _sehr schwere_ tuberkulöse Erkrankung der Mutter.
Für die überwiegende Mehrzahl aller Fälle von sogenannter »Vererbung« der Tuberkulose müssen wir nach dem heutigen Stande unserer Kenntnisse diesen Vorgang, die direkte Übertragung von Keimen vom mütterlichen auf den kindlichen Organismus, _ausschließen_ (-- bis zum Beweis des Gegenteils!).
Wie erklärt sich dann aber die oft so augenfällige »Erblichkeit« der Krankheit? Diese Frage wird unendlich oft dem Arzte gestellt werden und je nach dessen Anschauungen und Erfahrungen verschieden beantwortet werden. Wir wollen versuchen, festzustellen, wie weit sie exakt beantwortet werden kann: Es steht außer Zweifel, daß Kinder, die in der nächsten Umgebung eines an Schwindsucht Leidenden aufwachsen, der Infektionsgefahr in höherem Maße ausgesetzt sind, als Kinder aus gesunder Familie. Wir haben in dieser Tatsache also eine gewisse Erklärung für ihre relativ häufigere frühere oder spätere Erkrankung an Tuberkulose.
Im naturwissenschaftlichen Sinne kann dabei von »Vererbung« keine Rede sein; vererbbar sind nur Eigenschaften, die an der väterlichen oder mütterlichen Keimzelle haften und bei deren Verschmelzung (der Zeugung) dem neu entstehenden Organismus übertragen werden. -- Jede spätere Infektion des Kindes durch die Eltern hat mit »Vererbung« nichts zu tun.
Nun wird aber mit einem gewissen Recht von vielen Forschern geltend gemacht werden, daß man bestimmte Merkmale im Körperbau (große Schlankheit, Zartheit des Skeletts, schmaler flacher Brustkorb u. a. m.) bei Schwindsüchtigen außerordentlich häufig findet. Dieser sogenannte »phthisische Habitus« sei der äußerliche Beweis für die Vererbung einer besonderen Neigung oder »_Disposition_« zur Lungentuberkulose.
Man kann darauf nur erwidern: Es ist möglich, aber es ist _nicht notwendig_, daß diese Annahme richtig ist. Man kann das Vorkommen dieser Eigentümlichkeiten in naheliegender Weise mit der Tuberkulose in ursächliche Beziehung bringen, ohne den immerhin unklaren Begriff der Disposition in Betracht ziehen zu müssen: wenn durch viele Generationen hindurch in einer Familie Lungenschwindsucht bestanden hat, die immer wieder durch Infektion der Kinder mit den Bazillen aus dem Auswurf der Eltern entstand -- so erklärt sich darauf als ein ganz allmählich erworbener _Folgezustand_ die Flachheit und Schmalheit wie auch die allgemeine Schwächlichkeit des Körperbaus. -- Es ist aber umgekehrt nicht nötig, die _Ursache_ der tuberkulösen Erkrankung vieler Generationen derselben Familie in einer dieser eignenden Disposition zu suchen.
Praktisch wichtig ist an dieser Überlegung, daß man die Bedeutung der »Disposition« nicht überschätzen soll, wie das zuweilen geschieht. Die Schlußfolgerung pflegt ungefähr diese zu sein: Die Gefahr der Infektion mit Tuberkelbazillen ist angesichts der großen Verbreitung der Keime in unserer Umgebung enorm; entscheidend für das Zustandekommen der Schwindsucht ist aber die »Disposition« dazu. Wir haben in erster Linie deshalb alles zu tun, um durch allgemeine hygienische und diätetische Maßregeln dieser Disposition entgegenzuarbeiten.
Wir sagen dagegen: Es kann gewiß gar nicht genug geschehen, um Gesundheitszustand und Widerstandsfähigkeit jedes Einzelnen zu heben; zur Bekämpfung der Tuberkulose gehört aber vor allem die Vernichtung der Tuberkelbazillen im Auswurf des Schwindsüchtigen und die Vermeidung aller der Gefahren, die dem Menschen durch die Verbreitung der Rindertuberkulose erwachsen (Milchhygiene); denn während die Bedeutung der »Disposition« für die Tuberkulose schwer abschätzbar ist, steht die Bedeutung des Tuberkelbazillus als Ursache der Krankheit außer jedem Zweifel.
Syphilis.
Viele Gründe sprechen für die von vermiedenen Forschern nachdrücklich vertretene Anschauung, daß die Syphilis bis zur Entdeckung Amerikas in Europa nicht vorgekommen ist; eine Reihe von Tatsachen macht ihre Einschleppung durch die Leute des Columbus im Jahre 1493 zudem äußerst wahrscheinlich. Sicher ist, daß im folgenden Jahre im Heere Karls VIII. von Frankreich während der Belagerung Neapels die Krankheit verbreitet war, vermutlich durch spanische Soldaten vermittelt. Sicher ist weiter auch, daß die Syphilis sich im unmittelbaren zeitlichen Anschluß an diesen Feldzug in Europa mit einer außerordentlichen Schnelligkeit verbreitete, die ihre nächstliegende Erklärung in einer Verschleppung des Krankheitskeimes durch die nach Hause -- d. h. in aller Herren Länder -- zurückströmenden Truppen findet. Während der folgenden Jahrzehnte wütete die Seuche in ganz Europa in schrecklicher Weise. Der Krankheitsverlauf war meist außerordentlich schwer, die Erscheinungen pflegten sehr heftig aufzutreten und sehr rasch aufeinander zu folgen. Auch diese durch zahlreiche Zeugnisse der Ärzte jener Zeit gesicherte Tatsache ist mit der Annahme gut vereinbar, daß die Krankheit eine bisher völlig syphilisfreie Bevölkerung überfiel.
Immerhin halten trotz dieser und anderer Argumente einzelne Forscher die Herkunft der Seuche aus Amerika nicht für bewiesen. Ihre Ansicht, daß schon vor Columbus' Zeiten die Syphilis in Europa vorgekommen ist, kann sich vorderhand aber auf wirklich einwandfreie Gründe nicht stützen. Sie wird nur Anerkennung finden können, wenn der sichere Nachweis unzweifelhafter syphilitischer Veränderungen an Skeletten erbracht werden kann, die zweifellos aus der Zeit vor 1493 herrühren. Allenfalls könnten auch Abbildungen sicher syphilitischer Veränderungen aus einer nachweislich vor der Entdeckung Amerikas gelegenen Zeit als Beweis im gleichen Sinne herangezogen werden.
Bis zum Beweis des Gegenteils scheint aber die Ansicht mehr Aussicht auf den endgültigen Sieg zu haben, nach der die Einschleppung der Krankheit aus Amerika erfolgt ist.
Die Syphilis ist eine ausgesprochen chronisch verlaufende, in ihren frühen Stadien sehr ansteckende Krankheit, die, von verschwindend seltenen Ausnahmen abgesehen, nur bei direkter Berührung von Mensch zu Mensch übertragen wird. An der Infektionsstelle entsteht nach einer Inkubationszeit von meist etwa drei Wochen ein Geschwür, das sehr langsam heilt und dessen Ränder und Grund sich allmählich verhärten. Nach einer zweiten Inkubationszeit von mehreren Wochen zeigen sich dann im einzelnen Falle sehr verschiedene »Sekundär«-Erscheinungen, die in Hautausschlägen, Katarrhen, Schleimhautgeschwüren, allgemeinen Lymphdrüsenschwellungen und gewissen Störungen des Gesamtbefindens bestehen. Zuweilen sind diese Sekundärerscheinungen sehr geringfügig, so daß sie selbst vom Arzte, der nicht beständig den Patienten vor Augen hat, kaum festgestellt werden können. Unter geeigneter Behandlung gehen sie meist bald zurück. Meist erst nach Jahren können dann besonders schwere Erscheinungen, die für die dritte Periode der Krankheit charakteristisch sind (Tertiärerscheinungen) auftreten; sie bestehen in erster Linie in der Bildung knotiger, sogenannter gummöser Herde, die sich in sämtlichen Organen und Geweben des Körpers entwickeln können und so zu den allerverschiedensten Krankheitserscheinungen Anlaß geben können. Durch Zerfall solcher Knoten kann es zu umfangreichen Zerstörungen und Geschwürsbildungen, z. B. im Gaumen, kommen, verhältnismäßig häufig sind die schweren Zerstörungen der Nase durch gleichartige Prozesse, die das Einsinken des Nasenrückens, die Entstehung der Sattelnase zur Folge haben. Von den inneren Organen sind besonders häufig die Leber und das Zentralnervensystem von diesen tertiären Prozessen befallen. Ferner sind dieser Periode der Syphilis noch schwere Krankheitsveränderungen in den Schlagadern, besonders in der großen Schlagader eigen, die den Tod durch Störung der Blutzirkulation zur Folge haben können. Auch die Krankheitsprozesse der dritten Periode sind, wenn sie rechtzeitig erkannt werden, in weitem Umfange durch die ärztliche Behandlung beeinflußbar, vielfach sogar heilbar. Andererseits wird die traurige Bedeutung der sehr verbreiteten Krankheit noch durch die Tatsache erhöht, daß dem einmal syphilitisch Infizierten, auch wenn die Krankheit sonst anscheinend milde verlaufen ist, noch Jahre nach ihrer Erwerbung bestimmte Rückenmarks- und Gehirnleiden drohen; mit ihr im Zusammenhang stehen die sogenannte Rückenmarksschwindsucht (~Tabes~) und die Gehirnerweichung (progressive Paralyse).
Wohl die traurigste Eigenschaft der Syphilis aber beruht darin, daß die syphilitisch erkrankte Frau dem eigenen Kinde schon im Mutterleibe den Krankheitskeim mitteilen kann: Es kommt dann zur Geburt toter oder syphilitisch kranker und lebensunfähiger Kinder.
Als Erreger der Syphilis wurde vor wenigen Jahren von dem kurz darauf in noch jugendlichem Alter verstorbenen deutschen Zoologen _Schaudinn_ ein außerordentlich zarter und kleiner schraubenförmiger Mikroorganismus, die sogenannte ~Spirochaete pallida~ entdeckt (vgl. Abb. 33); die ursächliche Bedeutung dieses Mikroorganismus ist heute durch zahlreiche Untersuchungen von verschiedenster Seite außer Zweifel gestellt; noch ist es aber nicht gelungen, die Spirochaete zu kultivieren. Noch sind auch die Ansichten darüber geteilt, ob dieser Mikroorganismus zu den Spaltpilzen oder zu den niedersten tierischen Kleinlebewesen gehört.
Der Nachweis der Spirochaeten gelingt leicht in den primären und sekundären Krankheitsprodukten der Syphilis; in denen der tertiären Syphilis sind sie äußerst selten zu finden. Da diese letzteren besonders häufig in inneren Organen lokalisiert sind, so ist der Versuch des Nachweises der Erreger während des Lebens meist überhaupt ausgeschlossen.
Für die sichere Aufklärung der spezifischen Natur solcher Erkrankungen ist, wie überhaupt für die Diagnostik der Syphilis von sehr großer Bedeutung eine von _Wassermann_ gefundene charakteristische Reaktion des Blutserums syphilitischer Individuen. Der Mechanismus dieser Reaktion ist zu kompliziert, als daß ein Versuch seiner Erklärung hier angebracht wäre. Auch ist es nicht an der Zeit, ihre Bedeutung im Einzelnen zu erörtern, da diese noch unter den Fachleuten lebhaft diskutiert wird. An dem großen diagnostischen Wert der Wassermannschen Entdeckung ist aber kein Zweifel.
Versuche, gegen die Syphilis zu immunisieren, sei es auf »aktivem«, sei es auf »passivem« Wege, haben bisher noch keinen Erfolg gehabt; es ist möglich, daß die Zukunft uns ein wirksames Verfahren bringt. Die ersten Schritte auf diesem Wege sind insofern getan worden, als durch den Nachweis der Übertragbarkeit von Syphilis auf Affen, der zuerst von _Metschnikoff_ und _Roux_ erbracht wurde, der experimentellen Syphilisforschung vor einigen Jahren die Wege geebnet wurden.
Wenn auch ein _spezifisches_ Heilmittel im Sinne der Immunitätsforschung für diese Krankheit noch nicht existiert, so hat der Arzt doch anderseits gerade ihr gegenüber sehr wirksame Medikamente in der Hand, durch deren sachgemäße Anwendung die Krankheit in außerordentlich hohem Maße beeinflußt, ja geheilt werden kann. Die Wirksamkeit dieser Mittel -- besonders des Quecksilbers und des Jodkaliums -- zeigt sich in ihrem außerordentlich energischen Einfluß auf einzelne Erscheinungen der Krankheit, der nur in ungewöhnlich schweren Fällen versagt. Sie zeigt sich weiterhin auch in einer statistisch nachweisbaren günstigen Beeinflussung des späteren Verlaufes der Krankheit nach ausgiebiger Behandlung, wenn man zum Vergleich unbehandelte Fälle heranzieht. Der bekannte französische Syphilidologe _Fournier_ kommt auf Grund sehr großer Erfahrungen zu dem Schluß, daß die Syphilis heilbar sei, nicht nur in ihren Folgen für das Individuum allein, sondern auch in Hinsicht auf die Gefahr der Infektion der Nachkommenschaft -- freilich nur unter der Voraussetzung, daß ausreichende sachgemäße Behandlung stattfindet.
Da nur das syphilitische Individuum mit manifesten Krankheitserscheinungen zur Verbreitung der Seuche fähig ist, so ergibt sich als wichtigste Maßnahme zu deren Eindämmung die gründliche, rasche, sachgemäße Behandlung jedes syphilitisch Kranken einerseits, die Vermeidung der Krankheitsübertragung durch ansteckend Kranke anderseits. Da im allgemeinen die Infizierten nur in den ersten Jahren ihrer Erkrankung wieder ansteckungsfähig sind, so kann die Belehrung über die Gefahr, die sie für gesunde Menschen darstellen, ein weiteres Mittel zur Verhütung von Neuinfektionen bilden. Vor allem aber wird das Urteil des Arztes darüber zu entscheiden haben, ob und wann ein einmal syphilitisch infiziert Gewesener eine Ehe eingehen darf. Wird die Erlaubnis hierzu zu früh gegeben, so kann durch Infektion der Frau und durch die Schädigung der Nachkommenschaft nicht wieder gut zu machendes Unheil gestiftet werden.
In einzelnen Staaten sind daher gesetzgeberische Bestimmungen getroffen, die z. B. die Genehmigung einer Eheschließung von der Beibringung eines Gesundheitsattestes abhängig machen; es kann keinem Zweifel unterliegen, daß solche Bestimmungen segensreich wirken können.
Es könnte nach dem Gesagten scheinen, als müßte die Ausrottung der Syphilis in einem Kulturlande ein leichtes sein: Es müßte genügen, von einem gegebenen Augenblick an alle von der Krankheit Befallenen dahin zu bringen, daß sie jede Verbreitung der Infektion so lange auf das ängstlichste vermeiden, bis sie durch gründliche Behandlung geheilt sind. Bisher hat man trotz aller Bemühungen auf diesem Wege der Ausbreitung der Syphilis noch nicht steuern können. Der Hauptgrund für diese betrübende Erscheinung liegt in sozialen Verhältnissen, vor allem in der Prostitution, über deren Duldung oder Unterdrückung hier nicht geredet werden soll.
Lepra.
Die Lepra oder der »Aussatz« ist eine Krankheit von ganz ausgesprochen langwierigem Verlauf, die im einzelnen außerordentlich verschiedene Erscheinungen zeigt, in ihren Endstadien aber in der Regel ihre bedauernswerten Opfer in grauenerregender Weise entstellt. Ihre gewöhnliche Form ist die Knotenlepra, die durch die Ausbildung von kleineren und größeren Knoten in der Haut und den Schleimhäuten ausgezeichnet ist, aber auch die inneren Organe befällt. Diese knotige Lepra kann durch Zerfall von Knoten zu Geschwürsbildungen und, namentlich im Gesicht, dadurch auch zu erheblichen Zerstörungen und Entstellungen führen. Besonders grauenerregend sind aber die Ausgänge der anderen Form der Krankheit, der sogenannten Nervenlepra, die mit schweren Störungen der Ernährung der Weichteile und Knochen einhergeht und in ihren Endstadien ausgedehnte Verstümmelungen der Gliedmaßen, besonders der Hände und Füße und des Gesichts, herbeiführt.
Ob die Lepra mit dem Aussatz der Bibel identisch ist, das wissen wir nicht, es ist aber unwahrscheinlich. In den heutigen Kulturländern Europas war sie im Mittelalter außerordentlich verbreitet, und zwar scheint sie hauptsächlich während der Kreuzzüge große Fortschritte gemacht zu haben. Schon im 9. und 10. Jahrhundert werden einzelne Leprahäuser auf deutschem Boden erwähnt, auch erfahren wir von gesetzlichen Bestimmungen, z. B. Heiratsverboten, die gegen die Verbreitung der Krankheit gerichtet waren, schon unter Pipin und Karl dem Großen. Am Anfange des 13. Jahrhunderts aber bereits gab es in Frankreich 2000 Leprahäuser. Die Überzeugung von der Ansteckungsfähigkeit der Krankheit führte zu sehr strengen Bestimmungen; der als leprös Erkannte mußte sich in ein Leprahaus aufnehmen lassen. Bekannt ist ja die Vorschrift, die den Leprösen zwang, sich durch Klingeln mit einer Schelle bemerkbar zu machen, wenn er sich menschlichen Wohnungen, in erster Linie zum Zwecke des Bettelns, nähern wollte. Heute ist die Lepra in Deutschland so gut wie unbekannt, nur im äußersten Nordosten von Preußen gibt es einige wenige Lepröse, die ihre Ansteckung zweifellos aus den russischen Ostseeprovinzen bekommen haben, in denen die Krankheit noch heimisch ist. Ein kleiner Lepraherd findet sich weiter in Frankreich, in der Bretagne, ein weiterer in Norwegen. Die südeuropäischen Länder sind ebenfalls nicht ganz frei von der Krankheit, so die Türkei und Rußland. Sehr zahlreiche Leprafälle trifft man vor allem in Vorder- und Hinter-Indien und auf den malayischen Inseln. In Amerika sind einzelne Staaten an der Nordküste von Südamerika stärker von der Krankheit befallen, die sonst selten ist, auch Afrika besitzt einige Lepraherde.