Die krankheiterregenden Bakterien Entstehung, Heilung und Bekämpfung der bakteriellen Infektionskrankheiten des Menschen

Part 11

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Mit dem hier Angeführten sollte keineswegs der Versuch gemacht sein, die Rolle der Streptokokken als Feinde des Menschen zu erschöpfen; es sollte nur ungefähr ein Bild von der Vielseitigkeit ihrer pathogenen Fähigkeiten gegeben werden. Diese außerordentlich große Buntheit der Krankheitsbilder hat auf die ätiologische Erforschung der Streptokokkenerkrankungen Einfluß gehabt: bei all den verschiedenen Krankheiten fand man durchaus ähnliche, durch die Bildung von Ketten und gewisse färberische Eigentümlichkeiten abgezeichnete Mikrokokken. Man konnte sich lange Zeit auch in den Kreisen der wissenschaftlich forschenden Ärzte nicht mit dem Gedanken vertraut machen, daß diese alle der gleichen _Art_ von Bakterien angehören könnten. Nach den Erfahrungen bei anderen Infektionskrankheiten (Cholera, Typhus, Diphtherie z. B.) erwartete man, für jedes wohl charakterisierte Krankheitsbild auch einen spezifischen Erreger annehmen zu müssen. Und so sind denn zahlreiche Anstrengungen gemacht worden, Artunterschiede zwischen dem Erreger der Wundrose und dem von eiterigen Prozessen, von Herzklappenerkrankungen usw. aufzudecken. Im wesentlichen haben alle diese Versuche zu negativen Ergebnissen geführt, und mit einer Einschränkung, die hier nicht näher erörtert werden kann, müssen wir heute die _Arteinheit_ aller Streptokokken, die dem Menschen gefährlich werden -- wenigstem vorläufig, d. h. bis zum Beweis des Gegenteils -- annehmen. Warum die Infektion einer Wunde einmal zur Wundrose, ein anderes Mal zur Phlegmone führt, warum sie einmal in kurzer Zeit zur Blutvergiftung überführt, ein andermal nach kurzer harmloser Erkrankung abheilt, das sind vorläufig ungelöste Rätsel. Wir müssen uns damit begnügen, die Verschiedenheit des Verlaufes einer Streptokokkeninfektion auf die Unterschiede der Bedingungen, die der Keim in verschiedenen Organismen vorfindet, und auf die Verschiedenheit der Reaktion letzterer auf den Eindringling zurückzuführen. Das wird uns weniger dunkel und wertlos erscheinen, wenn wir an dieser Stelle einmal wieder auf den schon mehrfach eingeführten Vergleich der beiden kriegführenden Heere zurückgreifen. Nicht nur der letzte Ausgang, sondern jede Phase des Verlaufes des Kampfes wird hier abhängig sein von zahlreichen Faktoren, von der Einfallspforte, die der Angreifer vorfindet, von ihrer Verteidigung durch den Angegriffenen, von den Kämpfen, die sich weiter im Innern des Invasionsgebietes abspielen, den Festungen, die der Angegriffene zu seinem Schutze besitzt, ihrer Besatzung und Ausrüstung usf.

Wichtiger als eine in letzter Linie fruchtlose Verfolgung dieser vorläufig wohl in exakter Weise nicht lösbaren Probleme ist für uns die Frage, was die ärztliche Wissenschaft gegenüber diesen Feinden des Menschengeschlechtes vermag.

Da muß zunächst zugegeben werden, daß ein durchaus zuverlässig wirksames Heilserum für Streptokokkeninfektionen trotz aller darauf verwandten Mühe noch nicht existiert. Doch werden andererseits Sera hergestellt, die in der Hand des erfahrenen Arztes und namentlich bei frühzeitiger Anwendung schon ermutigende Erfolge geben. -- Auch die aktive Immunisierung durch Injektion kleiner Dosen abgetöteter Reinkulturen zu Schutz- und Heilzwecken hat man mit Erfolg versucht.

Wichtiger ist, daß die moderne Chirurgie große Fortschritte in der _Behandlung_ der Wundinfektion durch Stauungs- und Saugbehandlung und andere Methoden gemacht hat, und daß der Arzt heute diesen Krankheitsprozessen viel besser gerüstet gegenübersteht als noch vor einem Jahrzehnt, geschweige denn vor 30 Jahren.

Jede Wundinfektion aber bedarf der sachverständigen ärztlichen Behandlung, die freilich desto mehr Aussicht auf Erfolg hat, je eher sie einsetzt.

Besser noch, als der best behandelte Kranke trifft es derjenige, der die Infektion selbst vermeidet. Dazu kann in erster Linie wieder sachgemäße Behandlung jeder der Infektion ausgesetzten Wunde dienen. Keine Wunde aber ist in so hohem Grade der Infektionsgefahr preisgegeben, als die vergleichsweise gewaltig große Wundfläche, die durch die Geburt entsteht, und so ist denn auch die unendliche Mühe vollauf gerechtfertigt, die die Ärzte sich um den Schutz gerade dieser Wunde seit Jahrzehnten gegeben haben. Der Lohn aller dieser Mühe liegt in dem unbestreitbaren Erfolge, in der vergleichsweise großen Seltenheit schwerer Wochenbettfieber nach sorgfältig geleiteter Geburt.

Von analoger, vielleicht noch größerer Bedeutung für die Menschheit ist die _Vermeidung_ der Streptokokkeninfektionen durch die moderne Chirurgie. Denn der gefährlichste Feind des Chirurgen ist eben der heimtückische Wundinfektionskeim, der Streptokokkus, der heute -- dank den Methoden moderner Chirurgie -- unendlich viel schwerer und seltener einmal in eine Wunde eindringt, die zu Zwecken der Heilung gesetzt ward, als früher.

2. Gonokokken und Gonorrhoe.

Eine in ihrer traurigen Bedeutung für die Menschheit früher bei weitem unterschätzte Infektionskrankheit stellt die in der wissenschaftlichen Medizin als Gonorrhoe bezeichnete Krankheit dar, die ganz wesentlich die Harnwege und die Schleimhäute der Generationsorgane befällt und deshalb auch zu den »venerischen« Krankheiten gerechnet wird. Es handelt sich in den Anfangsstadien um akut einsetzende eitrige Entzündungen dieser Schleimhäute, die aber namentlich bei unzureichender Behandlung in chronische Prozesse von außerordentlicher Langwierigkeit übergehen können. Die chronische Gonorrhoe des Mannes ist die Quelle unendlich vielen menschlichen Elends, vor allem als Ursache der Kinderlosigkeit (Sterilität) vieler Ehen: die gonorrhoische Erkrankung kann einerseits unmittelbar völlige Zeugungsunfähigkeit des Mannes und somit Sterilität der Ehe zur Folge haben, andererseits, wenn eine Eheschließung erfolgt, bevor der Mann völlig geheilt ist, langdauerndes Siechtum und entweder völlige Sterilität der Frau oder deren Sterilität nach dem ersten Wochenbett verursachen. Ganz besonders traurig war endlich noch, besonders in früherer Zeit, die außerordentlich häufige Übertragung des Krankheitsprozesses auf die Augenbindehaut schon während der Geburt des Kindes einer gonorrhoisch infizierten Frau. Schwere eitrige Augenentzündungen, die häufig zum Verluste des Augenlichtes führten, waren die häufige Folge dieser Übertragungsweise, der man erst seit wenigen Jahrzehnten systematisch dadurch vorbeugt, daß man ein Tröpfchen einer antiseptischen Silbersalzlösung in den Augenbindehautsack des Neugeborenen einträufelt. Die gonorrhoische Augenentzündung in den ersten Lebenstagen ist seit der Einführung dieser Maßnahmen durch _Credé_ so gut wie ausgetilgt, und unendlich viel Elend ist dadurch der Menschheit erspart worden. Immerhin kommt auch heute noch, wenn auch viel seltener, gonorrhoische Infektion der Augenbindehaut zustande, gelegentlich auch durch unreinliches Verhalten bei gonorrhoisch erkrankten erwachsenen Individuen. Wenn man nun ferner noch erfährt, daß, freilich in seltenen Fällen, die gonorrhoische Infektion auch mit Gelenkrheumatismus und Herzklappenerkrankung einhergehen und so das Leben unmittelbar bedrohen kann, so wird man nicht mehr an dem großen Ernst der Krankheit zweifeln können.

Als Erreger der gonorrhoischen Krankheitsprozesse wurde im Jahre 1879 von _Neißer_ ein durch seine eigentümliche Semmelform und durch seine Lagerung in bestimmten Körperzellen wohl charakterisierter Mikrokokkus entdeckt (vgl. Abb. 30), dessen Reinkultur, die anfänglich auf Schwierigkeiten stieß, wenige Jahre später _Bumm_ gelang. Der Gonokokkus gehört zu den sehr anspruchsvollen Mikroorganismen: er geht durch Abkühlung und durch Eintrocknung außerhalb des Körpers außerordentlich rasch zugrunde und wird daher ausschließlich durch Übertragung von Mensch zu Mensch oder doch auf allerkürzesten Umwegen gefährlich.

Der Kampf gegen die Gonorrhoe hat daher in erster Linie die Vermeidung der Weiterverbreitung durch direkte Ansteckung ins Auge zu fassen und zu diesem Zweck vor allem in gründlicher und sachgemäßer Behandlung jedes erkrankten Individuums bis zu seiner völligen Heilung zu bestehen. Wichtig ist auch, daß jeder Kranke über die außerordentlich große Gefahr, die eine gonorrhoische Augenentzündung mit sich bringt, unterrichtet und deshalb zu besonderer Reinlichkeit ermahnt wird.

Die Behandlung des Erkrankten ist ausschließlich Sache des Arztes, dem heute eine ganze Anzahl von wirksamen Arzneimitteln für diesen speziellen Zweck zur Verfügung stehen, durch deren sachgemäße Anwendung in Verbindung mit einer geeigneten Diät die meisten Krankheitsfälle geheilt werden können.

Unbedingte Pflicht eines jeden, der einmal gonorrhoisch infiziert war, ist, daß er eine Ehe unter allen Umständen erst dann eingeht, wenn ärztlicherseits seine Heilung festgestellt und ihm daraufhin die Erlaubnis zum Heiraten gegeben worden ist.

3. Meningokokken und epidemische Genickstarre.

»Genickstarre« ist der volkstümliche Ausdruck für ein Krankheitsbild, dem eine entzündliche Erkrankung der Hirnhäute zugrunde liegt. Das namentlich für den Laien auffälligste Symptom einer solchen Erkrankung ist die Nackensteifigkeit, die sich schon gleich bei Beginn der Erkrankung zeigt und später bis zur Starre zu steigern pflegt. Hirnhautentzündungen können nun auf sehr verschiedene Weise zustande kommen und auch durch verschiedene bakterielle Krankheitserreger bedingt sein. Zum Beispiel kommt es nicht selten im Anschluß an Mittelohreiterungen zu einem Übergreifen der eitrigen Entzündung auf das Schädelinnere und die Hirnhäute, andererseits können eitrige Prozesse, die im Gehirn entstanden sind, auf die Hirnhäute übergreifen, endlich können bei penetrierenden Schädelwunden die Hirnhäute infiziert werden. Bei allen diesen entzündlichen Prozessen können die verschiedensten Bakterien als Entzündungs- und Eitererreger wirksam sein; in erster Linie kommen die Wundinfektionserreger, die Streptokokken und Staphylokokken in Betracht (s. u.).

Im engeren Sinne pflegt man als Genickstarre oder epidemische Genickstarre nur Krankheitsfälle zu bezeichnen, die durch einen besonderen, wohl charakterisierten Krankheitserreger verursacht werden, den sogenannten Meningokokkus, der zu den Hirnhäuten vom Nasenrachenraum aus auf dem Wege der Lymphbahn vordringt. Der Meningokokkus, der von _Weichselbaum_ entdeckt wurde, ist ein dem Gonokokkus (s. o.) ziemlich ähnlicher Diplokokkus, der sich in dem eitrigen Exsudat in den Maschen der Hirnhäute, meist vorwiegend im Innern von Leukocyten vorfindet, von denen er aufgenommen wird (s. über Phagocytose oben im Kap. II).

Die Genickstarre tritt besonders oft epidemieartig, ja ausgesprochen epidemisch auf und befällt besonders jugendliche Individuen, Schulkinder, Soldaten. Die verschiedenen Epidemien sind in verschiedenem Grade bösartig und mit Recht sehr gefürchtet.

Die Übertragung der Keime vom Kranken auf den Gesunden erfolgt nach dem heutigen Stande unserer Kenntnisse wohl wesentlich durch den meningokokkenhaltigen Speichel. Zu ihrer Vermeidung sind also alle die Maßnahmen notwendig, die eine Verbreitung des ansteckenden Speichels hintanhalten, vor allem möglichste Isolierung aller Erkrankten und Desinfektion ihres Auswurfs und ihrer Wäsche.

In den letzten Jahren hat man günstige Erfolge bei der Behandlung der Genickstarre mit einem Heilserum (Meningokokkenserum) erzielt.

4. Pneumokokken und die Lungenentzündung.

Lungenentzündungen können sich im Verlaufe der verschiedensten Infektionen beim Menschen entwickeln. Wir erinnern uns beispielsweise der Lungenentzündung im Verlaufe der Pesterkrankung oder derjenigen bei Influenza. Die Erkrankungen sind nach Ausdehnung und nach Verlauf recht verschieden, und es ist hier ganz unmöglich, sie im einzelnen näher zu besprechen. _Im engeren Sinne_ versteht man unter einer Lungenentzündung oder »_Pneumonie_« aber in unserem Klima speziell eine durch ganz bestimmte Krankheitserscheinungen und einen sehr charakteristischen Verlauf ausgezeichnete akute Infektionskrankheit.

Die Krankheit beginnt meist ganz plötzlich, ohne daß irgendwelche leichteren Krankheitserscheinungen vorangegangen wären, mit einem Schüttelfrost, an den sich ein hohes Ansteigen der Temperatur anschließt, während gleichzeitig auch den kräftigsten Erkrankten das Gefühl schweren Krankseins erfaßt. Bald stellen sich dann sehr starke Schmerzen beim Atmen, gewöhnlich vorwiegend auf einer Seite der Brust ein, allmählich kommt etwas Hustenreiz hinzu, der zunächst spärliche, später reichlichere Auswurf ist rötlichbräunlich infolge von Blutbeimengungen. Mehrere Tage halten die schweren Krankheitserscheinungen an, das Fieber ist hoch, oft tritt auch Benommenheit hinzu. Das ganze Bild ist ein sehr ernstes. Gewöhnlich am 7. Tage kommt es dann zur »Krisis«. In der überwiegenden Mehrzahl der Fälle tritt ein rascher Abfall der Temperatur zur Norm ein, und gleichzeitig beginnt das Allgemeinbefinden sich wesentlich zu heben: die Gefahr ist überwunden. In nicht ganz seltenen Fällen bleibt aber dieser günstige Umschlag aus, und namentlich durch Alter oder durch Alkoholismus oder Herzkrankheiten geschwächte Individuen, zuweilen aber auch kräftige junge Menschen können der Krankheit zum Opfer fallen.

Als Ursache dieser häufigen und unter allen Umständen ernsten Erkrankung wurde von _A. Fränkel_ im Jahre 1886 ein Mikrokokkus entdeckt, der gewöhnlich als Pneumokokkus oder Diplokokkus ~pneumoniae~ bezeichnet wird. In Abstrichen vom Auswurf eines Pneumonikers findet man reichliche, in der Regel zu zweien angeordnete Kugelbakterien, die meist eine sehr deutliche Kapsel besitzen und gewöhnlich ein wenig längsoval gestaltet sind (vgl. Abb. 31). In Kulturen auf den gewöhnlichen Nährböden besitzen sie diese Kapsel nicht.

Diese Pneumokokken finden sich nicht selten auch bei _anderen_ infektiösen Krankheitsprozessen beim Menschen, verhältnismäßig häufig z. B. bei gewissen entzündlichen _Ohren_erkrankungen, vor allem aber auch bei sehr verschiedenen leichteren und schwereren Erkrankungen der Atmungsorgane; eine Pneumokokkenerkrankung stellen auch gewisse geschwürige Prozesse der Hornhaut des menschlichen Auges dar. Sie finden sich endlich aber auch, wenn auch in spärlicher Zahl, nahezu regelmäßig im Speichel gesunder Menschen. Da die Pneumokokken für manche Versuchstiere, besonders für Mäuse, außerordentlich große Virulenz besitzen, so kann man häufig eine Maus dadurch tödlich infizieren, daß man ihr eine ganz kleine Menge menschlichen Mundspeichels unter die Haut bringt. Enthält das Speicheltröpfchen Pneumokokken, was annähernd in 70 % aller Fälle zutreffen soll, so entwickelt sich alsbald eine meist sehr rasch zum Tode führende Pneumokokkensepsis d. h. eine Überschwemmung der ganzen Blutbahn mit den Mikroorganismen.

Versuche, ein Heilserum gegen Pneumokokkeninfektionen des Menschen, ganz besonders auch gegen Augenerkrankungen herzustellen, sind in großem Umfange und mit vielversprechenden anfänglichen Erfolgen unternommen worden. Die Wirksamkeit der betreffenden Sera ist aber noch nicht völlig unbestritten, soweit wenigstens ihr Heilerfolg beim Menschen in Frage kommt. Dagegen ist unzweifelhaft sichergestellt, daß das gebräuchlichste der in Frage kommenden Heilsera bei empfänglichen Tieren, insbesondere bei Mäusen, eine ausgesprochene schützende und heilende Wirkung besitzt. Es steht zu hoffen, daß auch beim Menschen, insbesondere bei der croupösen Pneumonie in Zukunft noch günstigere Ergebnisse mit einer Serumtherapie erreicht werden.

Kapitel IX.

Die wichtigsten chronischen Infektionskrankheiten des Menschen: Tuberkulose. -- Syphilis. -- Lepra.

Tuberkulose.[12]

Die Tuberkulose ist insofern die verbreitetste Krankheit, die auf der Erde vorkommt, als sie abgesehen vom Menschengeschlecht auch nahezu sämtliche Säugetiere und Vögel und eine große Anzahl von Kaltblütern befallen kann. Die häufigste Form der tuberkulösen Erkrankung des Menschen ist die gewöhnlich als Lungenschwindsucht bezeichnete Krankheit, doch kommen tuberkulöse Erkrankungen der verschiedensten Organe, man kann geradezu sagen, aller Organe, daneben vor, die dann je nach dem Krankheitsherde, je nach dem Organ, dessen Funktionen durch die tuberkulösen Zerstörungen teilweise oder ganz aufgehoben werden, zu sehr mannigfaltigen Krankheitsbildern führen.

Die Verschiedenheit der Krankheitsbilder und auch der ihnen zugrunde liegenden (anatomischen) Veränderungen ist so außerordentlich groß, daß tatsächlich nur die Entdeckung der gemeinschaftlichen bakteriellen Ursache aller dieser Prozesse durch _Koch_ die wissenschaftliche Welt von ihrer Zusammengehörigkeit überzeugen konnte. Die Anschauung, daß die Tuberkulose überhaupt und die Lungenschwindsucht im besonderen ein ansteckendes Leiden sei, eine Anschauung, die heute den weitesten, selbst ungebildeten Kreisen geläufig ist, war in der Medizin vor der _Koch_schen Entdeckung durchaus strittig, ja, die Mehrzahl der ärztlichen Autoritäten bekämpfte sie, obwohl schon seit Jahrhunderten klar blickende Ärzte zu mehr oder weniger bestimmten, richtigen Vorstellungen von einer belebten Ursache der Phthise gekommen waren.

Vor allem eine Erfahrungstatsache war es, die mit der Annahme einer belebten Krankheitsursache der Lungenschwindsucht vielen unvereinbar schien: die scheinbar unbestreitbare Erblichkeit der Krankheit, die in manchen Familien von einer Generation zur anderen übergehend immer wieder verderbenbringend sich zeigte. Warum sollte ein Krankheitskeim, der _von außen_ in den Körper des Menschen eindringt, gerade die Mitglieder bestimmter Familien bevorzugen? Viel wahrscheinlicher erschien dem gegenüber die Annahme einer freilich völlig unbekannten _inneren_ Ursache des Leidens, die vererbbar war in der Weise, wie Charaktereigenschaften es sind.

Auch der gewaltige Aufschwung, den von der Mitte des 19. Jahrhunderts an die wissenschaftliche Medizin vorwiegend durch _Virchows_ bahnbrechende Leistungen auf dem Gebiete der mikroskopischen Erforschung der krankhaften Veränderungen der Zellen und Gewebe des menschlichen Körpers nahm, brachte zwar wichtige Erweiterungen unserer Kenntnisse von der Entstehung, dem Bau und den Schicksalen tuberkulöser Organveränderungen, aber die wichtigste Frage, die nach der Ursache der Prozesse, ließ er unbeantwortet.

Dieser Frage suchte auf ganz anderem Wege zu gleicher Zeit (in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts) der französische Forscher _Villemin_ durch Tierexperimente auf den Grund zu kommen. Schon vor seinen Arbeiten waren mehrfach Versuche unternommen worden, durch Impfung von Tieren mit tuberkulösen Krankheitsprodukten künstlich Tuberkulose hervorzurufen; aber erst _Villemins_ Bericht über positive Ergebnisse, die er bei zahlreichen derartigen Experimenten erzielt hatte, machte erheblichen Eindruck auf die wissenschaftliche Welt. Freilich ward zunächst von sehr angesehenen Forschern, die die Versuche _Villemins_ wiederholten und modifizierten, ihre Beweiskraft bestritten, aber bald überzeugte man sich mehr und mehr von ihrer Richtigkeit, und die Tatsache, daß die Tuberkulose mit den tuberkulösen Krankheitsprodukten auf Versuchstiere übertragbar ist, fand bald allgemeine Anerkennung.

Damit war denn auch ein Zweifel an der Existenz eines tuberkulösen _Virus_ nicht mehr möglich, und die besten Mikroskopiker bemühten sich um seine Entdeckung. Ungewöhnlich große Schwierigkeiten stellten sich gerade dieser Entdeckung in den Weg, und es bedurfte des genialen Scharfblickes und der zähen Energie _Robert Kochs_, um sie zu überwinden.

Im Jahre 1882? berichtete _Robert Koch_ in einer als klassisch berühmten Arbeit über die von ihm aufgeklärte Ursache der tuberkulösen Prozesse, die er in dem »Tuberkelbazillus« gefunden hatte. Es war ihm gelungen, diesen durch sein besonderes Verhalten gegenüber Färbemitteln ausgezeichneten Mikroorganismus in allen Fällen von menschlicher und tierischer Tuberkulose, die darauf untersucht wurden, in den Krankheitsherden nachzuweisen und festzustellen, daß er dort ausschließlich, niemals aber in den Organen gesunder oder anderweitig erkrankter Individuen vorkommt. Es war ihm weiterhin gelungen, Reinkulturen des Tuberkelbazillus mit Hilfe besonderer Kulturverfahren, die eigens für diesen Zweck von ihm gefunden worden waren, zu gewinnen und mit kleinsten Mengen von solchen Reinkulturen die Krankheit wieder bei Tieren hervorzurufen. Damit war die Beweiskette geschlossen, der seit Jahrzehnten tobende wissenschaftliche Streit war endgültig entschieden, die Tuberkulose war als Infektionskrankheit erkannt, ihr Erreger entdeckt.

Der Tuberkelbazillus ist ein sehr schlankes, zuweilen ein wenig gekrümmtes Stäbchen, das der Geißeln und damit der Eigenbeweglichkeit ebenso wie der Fähigkeit Sporen zu bilden entbehrt, und das zu seiner Entwickelung in Kulturen der Körpertemperatur, des Sauerstoffs und bestimmter Nährböden bedarf. An die Zusammensetzung der Nährböden stellt der Bazillus ganz besondere Anforderungen; aber auch wenn diese erfüllt sind, entwickeln sich seine Kulturen ganz erheblich langsamer als die der bekannten anderen pathogenen Bakterien; sie bedürfen wochenlangen Wachstums zu ihrer vollen Entwickelung.

Außerordentlich große Hoffnungen knüpften sich an die Entdeckung des Tuberkelbazillus, sie wurden auf das höchste gesteigert, als Koch wenige Jahre später in dem _Tuberkulin_ den Ärzten ein Mittel in die Hand gab, das zur Behandlung der menschlichen Tuberkulose geeignet sein sollte. Es ist allgemein bekannt, wie auf den ersten gewaltigen Enthusiasmus, mit dem das neue Mittel begrüßt wurde, die Enttäuschung folgte, als es die übertriebenen Hoffnungen, die man darauf setzte, nicht erfüllen konnte.

Es kann hier nicht erörtert werden, wie weit wir zu der Hoffnung berechtigt sind, daß das Tuberkulin bei der Behandlung des einzelnen Krankheitsfalles oder einzelner Kranker segensreich wirksam sein kann, es mag aber wenigstens erwähnt werden, daß einzelne Ärzte auf Grund besonders vorsichtiger Dosierung des Mittels günstige Resultate damit erzielt haben, und daß insbesondere in England und Amerika, in den letzten Jahren die Tuberkulinbehandlung in einer besonderen Form (»~opsonic treatment~«) große Fortschritte gemacht hat und nach zahlreichen vorliegenden Angaben günstige Erfolge erzielt hat.

Nach der Entdeckung des Diphtherieheilserums hat es begreiflicherweise nicht an zahlreichen Versuchen und Anstrengungen gefehlt, ein _Heilserum_ gegen die Tuberkulose, unsere schlimmste Volksseuche, herzustellen. Aber wenn auch hie und da über günstige Erfolge mit solchen Seris berichtet wurde, so ist heute noch keines gewonnen, das vor der wissenschaftlichen Medizin volle Anerkennung gefunden hätte. Wir müssen auch heute noch uns mit der Hoffnung begnügen, daß es einmal gelingen wird, ein solches Radikalmittel herzustellen; vorläufig ist der Arzt im Wesentlichen dem tuberkulös Kranken gegenüber -- von der Tuberkulin-Therapie abgesehen -- auf _nicht_ spezifische Behandlungsmethoden angewiesen, und die tröstliche Erfahrung ist ja allgemein verbreitet, daß viele tuberkulöse Erkrankungsfälle auch mit Hilfe dieser Behandlungsmethoden, die hier selbstverständlich nicht erörtert werden können, zur Ausheilung gelangen. An dieser Stelle sei denn auch auf die Bedeutung der Heil- und Heimstätten für die _Behandlung_ tuberkulös Erkrankter nur kurz verwiesen.