Part 10
Die Ursache des Prozesses ist der Typhusbazillus, der zuerst von _Eberth_ im Jahre 1880 gesehen, dann im Jahre 1884 von _Gaffky_ zuerst gezüchtet und genauer in seinen Eigenschaften erforscht wurde. Es handelt sich um ein kleines, sehr lebhaft bewegliches Stäbchen, das diese Beweglichkeit einer größeren Anzahl von Geißeln verdankt, und das die Eigenschaft der Sporenbildung nicht besitzt. Dieses Stäbchen findet sich in allen Typhusfällen in großen Mengen im Darminhalt und in der krankhaft veränderten Darmwand, ferner aber auch im Blute der Kranken und in deren Organen. Anfänglich machte seine sichere Erkennung große Schwierigkeiten, da sich im Darm regelmäßig normalerweise Bazillen finden, die den Typhusbazillen, äußerlich wenigstens, ähnlich sehen, die sog. Kolibazillen. Man lernte aber bald auf Grund der chemischen Leistungen die beiden Bakterienarten sicher und rasch zu unterscheiden, noch leichter und schneller gelingt heute die Unterscheidung auf Grund der spezifischen Seroreaktion, die im Kapitel III besprochen wurde. -- Zur Feststellung des typhösen Charakters eines verdächtigen Krankheitsfalles wird neuerdings als einfachstes Mittel der Nachweis der Typhusbazillen im Blute herangezogen. Einige Kubikzentimeter des einer Armvene entnommenen Blutes werden mit Agar vermischt zu Plattenkulturen verarbeitet. Schon vor Ablauf eines Tages entwickeln sich dann bei Brüttemperatur nahezu regelmäßig große Kolonien des Typhusbazillus mit sehr charakteristischen Eigenschaften, -- vorausgesetzt, daß man es mit einem Falle von echtem Typhus zu tun hatte.
Da die erste und wesentlichste Ansiedelung der Typhusbazillen im Darm erfolgt, ist es wahrscheinlich, daß sie immer vom Mund aus in den Körper eindringen. Vereinzelte Typhusfälle, die hier oder da auftreten, beispielsweise Erkrankung des Pflegepersonals in großen Krankenhäusern, sind ohne Zweifel darauf zurückzuführen, daß Typhusbazillen aus den Ausscheidungen eines Kranken auf irgendeinem Wege mit den Nahrungsmitteln oder mit der Hand in den Mund des Gesunden gelangt sind. Nicht nur die Darmentleerungen, sondern in sehr vielen Fällen auch der Harn der Kranken enthält enorme Mengen der infektiösen Keime, und es ist nur zu erklärlich, daß, namentlich in der Umgebung benommener Kranker, tausend Möglichkeiten der Kontakt-Infektion gegeben sind.
Neuerdings ist z. B. von Geheimrat _Curschmann_, einem der erfahrensten Typhuskenner, besonders auf die Rolle der Fliegen bei der Verschleppung von Keimen hingewiesen worden; daß diese Tiere mit kleinsten Partikelchen der Entleerungen eines Kranken Keime verschleppen können, ist von vornherein einleuchtend; man hat es aber auch unmittelbar nachweisen können, indem man Fliegen aus dem Krankenzimmer eines Typhösen über eine Nähragarfläche kriechen ließ und nach einiger Zeit neben anderen Kolonien auch solche des Typhuserregers aufgehen sah.
Die wichtigste Maßnahme, die zur Eindämmung der Typhuserkrankungen führen kann, ist deshalb wiederum die absolute oder doch tunlichste Isolierung des erkrankten Menschen. Schwerkranke sollten immer in Krankenhäusern untergebracht werden, die über besondere Isolierstationen verfügen. Von den ganz leichten Fällen ist dies selbstverständlich nicht zu verlangen. Unbedingte Erfordernis ist aber, daß sämtliche typhusbazillenhaltigen Ausscheidungen sofort in besonderen Gefäßen desinfiziert werden. Die neuere Zeit hat uns nun gelehrt, daß diese Aufgabe erheblich größer und damit schwieriger ist, als man früher wohl annahm, insofern, als sowohl die Rekonvaleszenten von schweren Typhusfällen als auch die schon erwähnten ganz leicht Erkrankten oft viele Monate hindurch die gefährlichen Keime beherbergen und ausscheiden. Bei gutem Willen kann nun zwar ein einigermaßen intelligenter Mensch für die Vernichtung dieser ausgeschiedenen Bazillen hinreichend sorgen, die erste Voraussetzung hierfür ist aber die Erkenntnis seiner Krankheit resp. seiner Gefährlichkeit. Um diese bemühen sich besonders die Medizinalbeamten und Ärzte und an vielen hervorragend gefährdeten Stellen besondere zur Typhusbekämpfung begründete Institute.
Hin und wieder kommt es zu explosionsartig auftretenden Typhusepidemien hier oder da. In solchen Fällen hat sich in der Regel nachweisen lassen, daß irgendwo durch typhöse Ausscheidungen Verunreinigungen einer Trinkwasserquelle erfolgt waren, die dann direkt oder nicht selten auch auf einem Umwege zu einer sehr erheblichen Verbreitung der Krankheit beigetragen haben. Mehrfach hat sich gezeigt, daß die gemeinschaftliche Ansteckungsquelle für eine große Zahl von Typhusfällen in der Milch zu suchen war; die Typhusbazillen stammten dann wiederum aus infiziertem Wasser, das entweder zur Reinigung der Gefäße oder aber in betrügerischer Absicht zur Verdünnung der Milch verwendet worden war. Die Anstrengungen der Medizinalbehörden sind deshalb in neuerer Zeit auch besonders auf die Bekämpfung des Typhus in den Dörfern gerichtet, in denen bisher die Wasserversorgung vielfach noch nicht mit der gleichen Schärfe überwacht werden kann als in den Städten.
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Einige Ähnlichkeit mit dem Unterleibstyphus haben manche Fälle von Vergiftungen durch Nahrungsmittel, die mit bestimmten, dem Typhusbazillus nahestehenden Bakterien infiziert waren. Es mag deshalb hier eine kurze Erörterung dieser und ähnlicher Erkrankungen und ihrer Entstehung angeschlossen werden.
Nach dem Genuß _verdorbener_, d. h. in Fäulnis übergegangener Nahrungsmittel treten oft sehr erhebliche Krankheitserscheinungen, in erster Linie heftige Verdauungsstörungen, auf. Die Ursache dieser Erkrankungen liegt in der Giftigkeit mancher der bei der Fäulnis entstehenden Abbau- oder Zersetzungsprodukte der organischen Substanzen, vor allem der Eiweißabbauprodukte. Da die Zersetzung auf der Lebenstätigkeit von Bakterien beruht, so kann man in gewissem Sinne auch diese Erkrankungen den Spaltpilzen auf die Rechnung setzen. Es ist aber einleuchtend, daß es sich dabei um etwas ganz anderes handelt als um eine Infektionskrankheit. -- Man vermeidet diese Schädlichkeit in der Regel leicht dadurch, daß man sich vor dem Genuß aller verdorbenen Nahrungsmittel, die durch Aussehen, Geruch und Geschmack ja meist leicht erkennbar sind, hütet.
Man hat aber anderseits nach dem Genuß von Nahrungsmitteln, die im gewöhnlichen Sinne durchaus nicht verdorben waren, mehr oder weniger heftige Erkrankungen auftreten sehen, die zuweilen geradezu epidemieartig erschienen, indem sie gleichzeitig eine große Anzahl von Personen befielen, die von irgendeiner Speise genossen hatten. Dabei handelte es sich teils um Fleischkonserven, Wurst, teils auch um Gemüsekonserven, aber auch um andere Speisen verschiedener Art. In solchen Fällen ist es bereits mehrfach gelungen, die Ursache der Erkrankung in bestimmten Bakterienarten nachzuweisen, die sowohl in dem betreffenden Nahrungsmittel als auch in den Darmentleerungen der Erkrankten nachgewiesen werden konnten. Bei einzelnen solcher Erkrankungen gelang es, die gleichen Bakterien auch im Blute der Patienten zu finden. In diesen Fällen haben wir es also mit einem echten infektiösen Prozeß zu tun.
Es ist ganz ausgeschlossen, die verschiedenen Krankheitsformen und die dabei bisher gefundenen Krankheitserreger hier zu erörtern oder auch nur aufzuzählen. Glücklicherweise gehören derartige Erkrankungen und besonders derartige Epidemien zu den seltenen Vorkommnissen. Da sie aber unter Umständen große Ähnlichkeit einerseits mit der asiatischen Cholera, anderseits, wie erwähnt, mit dem Typhus aufweisen, so kann ihre richtige Erkennung besonders in Zeiten, wo die eine oder andere dieser beiden Krankheiten uns bedroht, von großer Wichtigkeit sein. So ist es vorgekommen, daß gerade während des Auftretens einzelner Cholerafälle in unsern östlichen Provinzen, zu einer Zeit also, in der man eine epidemische Verbreitung der Cholera zu befürchten hatte, »explosionsartig« eine große Anzahl von Erkrankungen an Brechdurchfall in einer Stadt der Provinz Brandenburg auftraten, die einige Beunruhigung verursachten, bis die bakteriologische Untersuchung ergab, daß es sich um Nahrungsmittelvergiftung durch eine bekannte Bakterienart, vor allem also _nicht_ um Cholera handelte.
Kapitel VIII.
Beispiele von Infektionskrankheiten unseres Klimas, die durch Kugelbakterien hervorgerufen werden: 1. Die Wundinfektionskrankheiten im engeren Sinne und die »Eitererreger«: Staphylokokken als Krankheitserreger. -- Streptokokken als Krankheitserreger. -- 2. Gonokokken und gonorrhoische Erkrankungen. -- 3. Meningokokken und epidemische Genickstarre. -- 4. Die Pneumokokken und die Lungenentzündung.
1. Die Wundinfektionskrankheiten im engeren Sinne und die »Eitererreger«.
Man kann sich heute kaum eine Vorstellung davon machen, welche gewaltige Bedeutung für die Gesundheit unzähliger Menschen die Entdeckung einer kleinen Gruppe von Mikroorganismen hatte, die man zuweilen als »_Eitererreger_« im engeren Sinne bezeichnet. Bevor man diese kleinen tückischen Feinde kannte, und namentlich bevor man durch genaue Erforschung ihrer Eigenschaften und ihrer Verbreitung auch Mittel fand, sie zu bekämpfen, drangen Eitererreger fast regelmäßig in Wunden ein, die durch kleinste Verletzungen oder durch Schuß oder Hieb, außerordentlich oft aber auch in solche, die durch das Messer des Chirurgen entstanden waren. Es kam dann zur Wundeiterung, die die Heilung verzögerte, oft aber auch aus einer lokalen zu einer schweren Allgemeinerkrankung wurde und nicht selten zum Tode führte.
Als Einfallspforte diente den Keimen sehr häufig auch die große Wundfläche, die bei der _Geburt_ regelmäßig entsteht, und das gefürchtete Wochenbettfieber ist nichts anderes als eine Infektion der Gebärmutterwunde mit Eitererregern. Es ist eines der traurigsten Erinnerungsbilder aus der Geschichte der ärztlichen Bestrebungen, das uns vor Augen tritt, wenn wir die für jene Zeit leider allgemeiner gültigen Schilderungen des bekannten ungarischen Arztes _Philipp Ignatius Semmelweiß_ aus den öffentlichen Gebäranstalten Wiens um die Mitte des vorigen Jahrhunderts lesen. Die Sterblichkeit an Wochenbettfieber war dort eine ganz kolossale, sie betrug bis zu 40%, und jede Frau, die dies irgend konnte, vermied es, ihre schwere Stunde gerade in einer der Anstalten zuzubringen, in denen am besten für sie gesorgt sein sollte. Die Ursache der hohen Sterblichkeit waren eben die Wundinfektionen, deren Keime durch die Hände der Ärzte und Studierenden bei ihren Hilfeleistungen selbst von Fall zu Fall übertragen wurden. Die Einführung einer einfachen Händedesinfektion durch _Semmelweiß_, der im übrigen von den richtigen Vorstellungen über das Wesen der Krankheitserreger noch weit entfernt war, brachte alsbald eine ganz erhebliche Verringerung der Sterblichkeit mit sich.
Die ersten umfangreichen Beobachtungen über Mikrokokken im Wundeiter stammen von deutschen Ärzten, die während des Krieges 1870/71 reichliches Beobachtungsmaterial sammeln konnten. _Klebs_, _Rindfleisch_, _v. Recklinghausen_ u. a. fanden in allen möglichen eiternden Wunden kleine Kugelbakterien, die entweder eine kettenförmige oder eine weintraubenförmige Anordnung zeigten. In der Folgezeit gelang es dann _Robert Koch_, den Beweis zu erbringen, daß es sich dabei um verschiedene Arten von Mikroorganismen handle; es gelang ihm weiterhin, Reinkulturen von ihnen zu gewinnen, und es zeigte sich, daß im wesentlichen die kettenförmigen oder Streptokokken eine Art bilden, während die traubenförmigen oder Staphylokokken eine andere Art darstellen. Die weitere Forschung ergab dann, daß sowohl die Streptokokken als auch die Staphylokokken die Ursache von Allgemeininfektionen werden können, daß beide Mikroorganismen Herzklappenerkrankungen verursachen können, und daß sie auch die Ursache von Krankheiten sind, die entweder nachweislich _nicht_ oder wenigstens nicht _nachweislich_ durch Wundinfektion zuerst entstehen.
Staphylokokken.
Staphylokokken finden sich auf den Schleimhäuten und auf der Hautoberfläche Gesunder in großer Zahl, doch sind unter ihnen verschiedene Unterarten zu unterscheiden, von denen nur einzelne krankheiterregende Eigenschaften besitzen. Nur diese letzteren interessieren uns hier; sie finden sich bei einer ganzen Reihe teils harmloser, teils ernsterer, teils auch schwerster menschlicher Krankheiten.
Zu den harmlosen, durch Staphylokokken verursachten Krankheiten gehört der sogenannte Furunkel, eine in Eiterung ausgehende Entzündung eines Haarbalgs, die meist unter geeigneter Behandlung, in leichtesten Fällen auch ohne solche, zur Heilung kommt, ohne dem Erkrankten Schlimmeres als kleine Unannehmlichkeiten bereitet zu haben. Ausgebreitete Furunkulose, die durch Infektion benachbarter Haarbälge entstehen kann, kann immerhin schon äußerst lästig werden. Wichtiger ist zu wissen, daß in seltenen Fällen von einem ursprünglich anscheinend harmlosen Furunkel ein Einbruch der pathogenen Keime in kleine Blutgefäße erfolgen und eine Allgemeininfektion hervorrufen kann, die der Laie gewöhnlich als Blutvergiftung bezeichnet. Bekanntlich ist dies ein das Leben in höchstem Maße bedrohender Zustand. Es sollte deshalb jeder wissen, daß Furunkel unter allen Umständen ärztlicher Behandlung bedürfen, ganz besonders bei älteren Leuten. Besonders große und gefährliche Furunkel, die sich vorwiegend gerade bei älteren Individuen, manchmal aber auch bei jüngeren, entwickeln, bezeichnet man oft als Karbunkel.
Die Staphylokokken können in seltenen Fällen die Ursache schwerer, ja tödlicher Wochenbettinfektionen werden, sehr häufig verursachen sie dann nach dem Eindringen in die Blutbahn Herzklappenerkrankungen. Gerade auf den ergriffenen Herzklappen finden sich in diesen Fällen dann ganz kolossale Mengen der gefährlichen Mikroben, und es kommt gewöhnlich von dort aus zu einer Einschwemmung der Kokken mit dem Blutstrom in die verschiedensten Organe; überall, wo sie hingelangen, werden sie die Ursache von Eiterungen und damit von mehr oder weniger schweren Störungen der Organfunktion.
Staphylokokken sind auch die Ursache einer sehr gefürchteten Krankheit des jugendlichen Alters, nämlich der akuten Osteomyelitis (Knochenmarkentzündung), die glücklicherweise nur selten auftritt und auch nicht immer den schlimmsten Ausgang nimmt.
Charakteristisch für den Staphylokokkus ist nicht sowohl seine Gestalt -- es handelt sich um ein sehr kleines, unbewegliches Kugelbakterium -- als vielmehr die Anordnung der Individuen, die sowohl im erkrankten Körper als auch in Kulturen zu kleinen und größeren Häufchen vereinigt sind, die oft in ganz ausgesprochener Weise weintraubenartige Verbände bilden. Die Kulturen sind durch Bildung von schönen Farbstoffen ausgezeichnet, die bei verschiedenen Unterarten verschieden sind; die wichtigsten Unterarten sind nach dieser Farbstoffbildung als »weiße« und »goldgelbe« Staphylokokken bezeichnet.
Ein Heilserum gegen Staphylokokkeninfektion besitzen wir noch nicht; in neuerer Zeit hat man sich -- besonders in England -- vielfach bemüht, gerade gegen diesen Mikroorganismus eine »spezifische Therapie« anzuwenden, die nach dem Prinzip der aktiven Immunisation in der Einverleibung kleinster Mengen abgetöteter Reinkulturen (von den englischen Ärzten als »~Vaccines~« bezeichnet) besteht.
Gegen die Infektion mit Staphylokokken läßt sich ein allgemeines Schutzmittel nicht angeben. Es versteht sich von selbst, daß derjenige, der an einem Furunkel leidet, die Übertragung der mit dem eitrigen Sekret ausgeschiedenen Staphylokokken auf die Nachbarschaft durch größte Reinlichkeit, unter Umständen durch Schutzverbände vermeiden muß. Im übrigen bedarf jede nicht völlig harmlose Staphylokokkeninfektion der Behandlung durch den erfahrenen _Arzt_, der allein über die Größe der Gefahr und über die Mittel zu ihrer Bekämpfung urteilen kann. Von der größten Bedeutung für die Eindämmung der Staphylokokkenerkrankungen des Menschen ist die Tatsache, daß Operationswunden heutzutage, dank den Methoden der modernen Chirurgie, vor dem Eindringen der Keime geschützt bleiben.
Streptokokken.
Größere Schädlinge noch als die Staphylokokken sind die Streptokokken oder Kettenkokken, so genannt wegen ihrer großen Neigung, in künstlichen Kulturen und im Gewebe des Körpers sich zu kettenförmigen Verbänden anzuordnen (vgl. Abb. 28 u. 29).
In erster Linie ist der Streptokokkus ein Wundinfektionserreger, und zwar der schlimmsten einer, sei es, daß er in kleine Verletzungen der Haut, sei es, daß er in die Wunde der Gebärmutter, sei es, daß er in die Operationswunde, die der Chirurg gesetzt hat, eindringt.
Sind Streptokokken in eine kleine oberflächliche Hautwunde gelangt, so tritt eine Entzündung der Wunde ein, die Keime wandern häufig mit dem Lymphestrom in den Lymphbahnen weiter und gelangen in die zugehörigen Lymphdrüsen (z. B. die Axeldrüsen bei Entzündungen an der Hand), die nun ebenfalls entzündet werden, anschwellen, druckempfindlich werden, in schweren Fällen auch vereitern können. Besonders ernst wird der Krankheitszustand, wenn die Kokken in die Blutbahn einbrechen, wozu gerade die Streptokokken große Neigung haben. Es entsteht dann das schwere Symptomenbild der »Blutvergiftung«, die mit hohem Fieber unter sehr verschiedenen Erscheinungen verläuft und nicht selten zum Tode führt.
Dies ist der glücklicherweise seltenste Ausgang der Streptokokkeninfektion einer kleinen Hautwunde. In den meisten Fällen bleibt es bei lokalen Entzündungsprozessen in der Nähe der Wunde oder wenigstens bei einer mehr oder weniger ausgedehnten Erkrankung der zugehörigen Lymphbahnen. Eine solche Entzündung von Lymphbahnen, und zwar speziell von ganz oberflächlich gelegenen Lymphbahnen, ist die sogenannte »Wundrose« (der »Rotlauf«, mit dem griechischen Namen als »Erysipel« bezeichnet), die zunächst nur die nächste Umgebung einer kleinen infizierten Wunde befällt: bei Erysipel findet man massenhafte Streptokokken in den entzündeten oberflächlichen Lymphgefäßen. In der Mehrzahl der Fälle läuft unter geeigneter Behandlung die »Rose« gut ab; nur selten schreitet sie dieser zum Trotz immer weiter fort und kann dann freilich auch das Leben bedrohen.
Ein ganz anderes Bild entsteht, wenn die Streptokokkeninfektion die tieferen Weichteile befällt und zu einer sogenannten »Phlegmone« oder Zellgewebsentzündung führt. In diesen Fällen sind massenhafte Keime in die tiefen Lymphwege und Gewebe eingedrungen, es kommt zu ausgedehnter eiteriger Infiltration und meist auch zu ausgedehntem Gewebszerfall (»Abszedierung«). Betrifft die Zerstörung funktionell wichtige Gewebsteile -- z. B. wichtige Muskeln -- so kann hier auch nach der Abheilung des akuten Prozesses unter Bildung einer Narbe eine dauernde Schädigung zurückbleiben.
Die besonders gefährlichen und besonders traurigen Streptokokkeninfektionen der _Gebärmutter_ führen teils auf dem Lymphwege zu einer Ansteckung des Bauchfelles (Peritonitis), die unter allen Umständen sehr ernst anzusehen ist, oder -- in anderen Fällen -- zu Einbrüchen in die Blutbahn, damit zu »Blutvergiftung« (Sepsis).
Im Verlaufe von Blutvergiftung durch Streptokokken werden nun mit Vorliebe die Herzklappen ergriffen, auf denen es zu ganz enormen Wucherungen der kleinen Keime kommen kann. Dadurch entsteht dann wieder weiterhin die sehr drohende Gefahr, daß kleine Partikel der Klappenauflagerungen, Partikel, die aber wiederum schon Hunderte, ja Tausende der Mikroben enthalten können, mit dem Blutstrom in die verschiedenen lebenswichtigen Organe verschleppt werden und dort -- zunächst in den kleinsten Blutgefäßen, den sog. Haargefäßchen (Capillaren) stecken bleiben. Überall, wo sie sich ansiedeln, rufen die Streptokokken nun aber wieder Entzündung und Eiterung, Einschmelzung des Gewebes und damit auch -- je nach der Art des Organs, seinem Bau, seinen Funktionen -- schwere Störungen hervor.
Selbst derartige ungemein schwere Krankheitsprozesse können aber ausheilen, freilich nur in der Weise, daß überall da, wo Einschmelzung des Gewebes stattgehabt hat, ein Ersatz des Verlorenen durch Narbengewebe statthat.
Die Herzklappenerkrankung selbst kann häufig zu dauernden Störungen der Funktion dieser für die Blutzirkulation so sehr wichtigen Gebilde -- zur Ausbildung eines Herzfehlers -- führen.
Aber auch damit ist die gefährliche Rolle der Streptokokken noch lange nicht erschöpft. Vor allem muß noch erwähnt werden, daß im Verlauf der Infektion mit diesen Mikroorganismen auch nicht selten Erkrankungen der Nieren auftreten, die auf lösliche Gifte des Streptokokkus zurückzuführen sind, und die nicht selten zu schwerem Siechtum und schließlich zum Tode führen.
Noch rätselhaft in vieler Beziehung sind weiter Streptokokken-Erkrankungen, die nicht wie die bisher erörterten auf Wundinfektion zurückzuführen sind. So z. B. Halsentzündungen (Anginen), die durch die kleinen Keime -- oft allem Anschein nach im Anschluß an »Erkältungen« -- hervorgerufen werden, die weiterhin teils zu phlegmonösen Prozessen, teils (selten) zu Blutvergiftung führen können, die aber auch Nierenentzündungen der erwähnten Art im Gefolge haben können.
Endlich ist zu erwähnen, daß Streptokokken sich nicht selten in Krankheitsherden anderer Herkunft nachträglich (»sekundär«) ansiedeln können, so z. B. bei Lungentuberkulose, wo sie häufig eine sehr verderbliche Rolle spielen.