Die Krankheit: Eine Erzählung

Part 3

Chapter 32,266 wordsPublic domain

Der Thorax wütete als Sioux, die Skalpe seiner Gäste am Gürtel, atemlos durch den Saal. Er mußte sich alle Augenblicke setzen. Klunkenbul gebärdete sich als ägyptischer Magier: er hatte sich eine Decke vom Liegestuhl würdig um den Bauch geschlungen.

Die Operettensängerin, als Balletteuse bekleidet, hustete heftig. Sie konnte den parfümierten Duft der Opiumzigaretten, die Leutnant Parsifal Rätten rauchte, nicht vertragen. Für heute abend war das Rauchverbot in der Pension Schönblick aufgehoben. -- Der schwäbische Violinvirtuose Krampski gab mit seiner Geige, der er häßliche Töne entlockte, einen italienischen Straßenmusikanten zum besten.

Der naturwissenschaftliche Oberlehrer hatte sich, weil es am billigsten war, eine Maske als Kostüm gewählt: Darwin. Er bemühte sich, einem blaukarierten fahrigen Dienstmädchen die Zuchtwahl klarzumachen.

Die Pneumo spielte eine japanische Geisha: hellgelb und violett.

Sylvester stürmte als Apache umher und hatte schon drei Gläser Bowle umgeworfen. Eine blaue Apachenbluse schlotterte um seine magere Brust. Um seinen Hals knüpfte sich ein blutroter Schal. Blutrote Strümpfe funkelten aus blauen, rauschenden Hosen. Eine Schirmmütze plattete seinen hohen Kopf ab.

Von den Eingeladenen bewegte sich der Bulgare in Nationaltracht, der Japaner als deutscher Ritter und Minnesänger in einer hastig klappernden Blechrüstung.

Sybil erschien als Sonne. In einem hellen, klaren Kleid.

Es wurde getanzt, gelacht, gesungen, gehustet und auf den Korridoren geküßt.

Um ein Uhr schrie einer: man müsse noch ins »Rößli« gehen, droben im Dorf. Dort sei Tanzmusik, das sei sicher sehr, sehr amüsant.

Man klatschte und brüllte Beifall.

Den Thorax zog man auf einem Rodelschlitten hinter sich drein.

Sylvester und Sybil sprangen dem Zug voraus, dem der Virtuose Krampski mit Chopins Trauermarsch aufspielte. Im »Rößli« empfing sie ein betäubender Lärm von Mund- und Ziehharmonikas und stampfenden Füßen. Italienische und schweizerische Arbeiter tanzten mit Dienst- und Ladenmädchen. Dazwischen einige Berliner Kurgäste, Saaltöchter und Soldaten. Eine Kokotte mit einem Greisenkopf, den üblen Hauch ihres verwesenden Mundes mit wildem Parfüm überduftend, hüpfte quer durch den Saal. Sie sang dazu die Marseillaise.

Der Wirt vom »Rößli« wies den Herrschaften von Schönblick einen bequemern Nebenraum an. Man gelangte von dort nach Belieben in den Saal zum Tanzen, hatte aber die Gelegenheit, unter sich zu bleiben.

Der kleine Japaner, der wie ein Klöppel an die Glocke seiner Rüstung schlug, ging in den Saal, das portugiesische Dienstmädchen zu suchen.

Ihm folgte Darwin mit der Balletteuse. Der ägyptische Magier. Der Straßenmusikant mit der blaukarierten Zofe und nach und nach die andern alle.

Sylvester, der Thorax, die Pneumo und Sybil blieben endlich allein zurück.

XVII.

»Sie müssen sich einen Pneumothorax machen lassen«, sagte der Sioux und ging wie irrsinnig auf den Apachen los. Er zuckte als Dolch einen Fieberthermometer in der Hand.

»Aber ich bin an beiden Lungen krank«, erwiderte der Apache höflich. Seine Schirmmütze war ihm so tief in die Stirne gerutscht, daß seine leicht entzündeten Augen gerade noch unter dem Schirm hervorsahen.

»Dann müssen Sie sich einen Pneumothorax an beiden Lungen machen lassen.«

»Dann stürbe ich ... auf der Stelle.«

»Das sollen Sie ja!«

Das Gesicht des Sioux, bronzen überschmiert, die Schminke von hellblauen Adern durchdrungen, verschönte sich. Es wurde zart, wie wenn er eine Hymne von Novalis las.

»Sie sollen ja sterben! Lebendig sterben! Deshalb sind Sie doch nur hier oben, um zu sterben. Lebendig zu sterben.«

Sylvester grübelte: sagte Sybil nicht schon einmal Ähnliches?

»Sehen Sie«, der Sioux konnte nicht mehr stehen und setzte sich stöhnend auf einen Stuhl, »es ist mir ein Genuß, Menschen sterben zu sehen. Mich selber kann ich natürlich nicht beobachten. Ich müßte immer in den Spiegel spähen ...«

Bin ich es, der da von Spiegeln spricht? befragte Sylvester sein übermüdetes Gehirn.

»Sehen Sie den naturwissenschaftlichen Oberlehrer, den hauttuberkulösen Darwin. Ein unangenehmer Mensch, mit einer monistischen Welt-, Wald- und Wiesenanschauung. Er stinkt entsetzlich, und die andern Gäste beschweren sich immer über ihn. Aber ich rieche ihn gern, den Geruch der Verwesung.«

Was ist das nun wieder? dachte Sylvester. Jetzt redet er wie Pein.

»Eines Nachts werden ihn die leisen Männer aus dem Haus tragen, und am nächsten Morgen wird es heißen, er sei abgereist. Ich stehe diese Nächte immer auf. Ich betrachte mir aufmerksam jede Leiche. Ein unbeschreiblicher Friede und die Gewißheit eines höhern Lebens glänzt um den Tod. Auf Erden ist doch immer Krieg.«

Jetzt scheint er der Bulgare, sann Sylvester, er späht aus tausend Seelen und spricht mit tausend Zungen.

»Ich sah auch die hübsche Russin sterben. Sie starb leicht. Wissen Sie, wen ich sterben sehen möchte? Sybil. Das muß so sein, als wenn die Sonne untergeht und ein erhabener Aspekt.«

Er hat Visionen, erschrak Sylvester, er prophezeit. --

Die Pneumo und Sybil tanzten leise nach einem Grammophon. Durch die schmutzigen Fenstervorhänge blinzelte schon der Morgen.

»Ich möchte jetzt lieber in einem Sarg als auf dem Liegestuhl liegen«, sagte Sybil. »Aber die Kur beginnt schon wieder ... Ein neuer Tag. Er ist so alt wie alle neuen Tage.«

Sylvester hatte sich neben den Sioux gesetzt, und beide sahen schweigend dem Tanz der Frauen zu.

Plötzlich hielt Sybil inne.

Sie sah nach dem Fenster, das bleich und übernächtig in den dämmernden Morgen stierte.

»Der Tag!« sagte sie.

Ein ewiger Schmerz zuckte im Herzschlag dieser hingehauchten Worte.

»Der Tag ...« wiederholte Sylvester für sich, »wessen Tag? Der meine nicht ...«

»Die Krankheit!« röchelte der Sioux.

Sybil zog den Vorhang zurück. Da brach der erste Strahl des Morgenrotes über die Berge. Aus Sybils Lippen, die kalkweiß erstarrt waren, lief ein dünner, glänzender Blutfaden wie eine rote Schlange.

Sie wandte sich lächelnd um: »Das Morgenrot!« und glitt sanft zu Boden.

XVIII.

Sylvester sprang sofort hinzu. Er trug sie auf das verschlissene violette Plüschsofa, das den Raum zierte.

»Ein Arzt!« brüllte plötzlich der Thorax.

»Bleiben Sie bei ihr!«

Die Pneumo nickte wortlos.

Sylvester rannte durch den Saal.

Da schlief in einer Ecke, an die Brust des portugiesischen Dienstmädchens gelehnt, der kleine Japaner.

Sylvester schüttelte ihn wach.

»Man braucht Sie! Man ist erkrankt!«

Der Japaner folgte. Seine Rüstung klapperte wie unzählige Blechbüchsen. Er legte das gelbe, mausähnliche Ohr an Sybils Herz.

Er faßte ihr den Puls.

Er sah ihr auf den Mund.

Dann zuckte er die Achseln.

»Bringen Sie sie sofort nach Hause. Ich werde ihr eine Kampfereinspritzung machen. Übrigens kann es sich nur darum handeln, das Leben um ein paar Stunden zu verlängern.«

»Das Sterben, meinen Sie«, sagte der Thorax. --

Ein Schlitten war in der Eile nicht aufzutreiben. Eben klingelte draußen der erste Tram, der nach Davos-Platz fuhr.

Sie schafften Sybil in den Tram, der von der sterbenden Sonne, dem Apachen, der Geisha, dem Ritter, dem portugiesischen Dienstmädchen und dem Sioux besetzt wurde.

Zum Glück lag Sybils Pension an der Promenade.

Der Tram konnte vor ihrer Wohnung halten.

Als sie in ihrem Bett lag, schlug sie die Augen auf.

»Bitte«, lächelte sie die Masken an, »verlassen Sie mich! Dank für Ihre Teilnahme an meinem Leben!«

Sie wehrte den Japaner ab.

»Ich brauche keine Einspritzung. Ich will Sylvester noch einmal sprechen.«

Die Masken gingen.

Der Apache blieb.

»Sylvester,« sie legte alle Kraft ihres Herzens in ihren letzten Blick, »du letzter Tag meines Lebens!«

Er hielt ihre Hände. Sein roter Schal streifte ihre gläserne Stirn.

»Drück mir die Augen zu!«

Er fiel von einem Hammerschlag getroffen zermalmt an ihrem Bett zusammen. Er hörte um sich leere Worte plappern, und es schien ihm, als fange der tote Papagei, der auf dem Nachttisch stand, wieder zu sprechen an.

XIX.

Sylvester nahm Signor Bertolini, den Gärtner, mit an Sybils Grab.

»Pflanzen Sie einen Zitronenbaum auf ihr Grab. Einen blonden Baum.«

Herr Bertolini spreizte die Hände und vibrierte:

»Herr ... wie können Sie glauben, daß ein Zitronenbaum in unserm Davoser Klima sich auch nur einen Tag, was sage ich, Tag, auch nur eine Stunde, eine Minute, eine Sekunde hält.«

Sylvester blieb starr.

»Auf diesem Grabe wird sich ein Zitronenbaum halten, verlassen Sie sich darauf.«

Herr Bertolini kreischte devot. Er suchte nach Argumenten, den Herrn von seinem Aberwitz zu überzeugen.

»Herr ... Herr ... die Dame war eine gebürtige Schwedin. In Schweden liebt man die Zitronenbäume nicht. Eine Silbertanne, Herr, wäre das Richtige oder eine Trauerweide.«

»Tun Sie, was ich wünsche. Sie werden einen Zitronenbaum auf das Grab pflanzen. Es muß ein Baum sein, der Früchte trägt.«

»Nicht _eine_ Frucht wird er tragen«, schrie der Gärtner und schlüpfte aus der Friedhofspforte.

Die Schiahörner schimmerten wie silberne Platten auf dem Metallblau des Himmels.

Eine glatte Marmortafel lag auf dem Grab. Darauf standen nur diese zwei Worte: Sybil Lindquist. Keine Altersangabe. Kein Geburts- und kein Todesdatum.

Die Tafel war von Sylvester, dem Thorax, der Pneumo, dem Bulgaren, dem Japaner und dem Leutnant gemeinsam gestiftet worden.

Noch späte Generationen, die betrachtend diesen Kirchhof durchwandeln, werden glauben, sie sei erst gestern gestorben.

* * * * *

Sylvester lag im Liegesack, der mit warmem, weichem Java-Kapok gefüttert und mit Schulterklappen und seitlichen Mufftaschen versehen war, auf seinem Privatbalkon.

Auf einem kleinen Tisch lag eine Photographie Sybils: eine nicht einmal besonders gelungene Ansichtskarte, die sie in einer ihrer Filmrollen als amerikanische Miß darstellte. Neben der Photographie eine Dettweiler Spuckflasche aus blauem Glase mit Metallsprungdeckel.

Von der Schatzalpbobbahn, die vor der Pension vorüberzog, klangen die eintönigen Rufe: Bob ... Bob ... Bob ... an sein durch wollene Ohrmuscheln vor der Kälte geschütztes Ohr. Und sie klangen hilfeheischend wie die Rufe von Ertrinkenden.

XX.

Mir ist, als käme ich aus dem Kriege, dachte Sylvester, als der Zug in Rorschach einlief. Hier ist also Friede. Und Frühling. Kein Schnee, keine rosa Kälte mehr. Grün auf allen Hügeln, Knospen am braunen Gesträuch.

Ein warmer Abend hüllte ihn wie mit Pelzen ein. Kinder sprangen wie Kaskaden steinerne Stufen herunter. Mädchen zwitscherten unter den Laubengängen. Burschen lachten dröhnend.

Mit südlicher Gotik bezauberten ihn die alten bürgerlichen Gassen. Aus einem Restaurant, an dem ein Schild »Frohsinn« angebracht war, tönte kleines Orchester. Ein Musikverein übte. Hohe Musik. Ein Ständchen von Pergolesi.

Ein Brunnen rauschte.

Ein dunkler Torbogen winkte. Geschweifter zogen die Gassen sich den Berg hinauf. Und Sylvester glaubte zu weinen, sinnlos an eine Laterne gebeugt.

* * * * *

Die Schiffsglocke läutete. Der Bodensee war in Dämmerung übergegangen. Noch blaute der Tag über Sylvester.

Er trat an den Bug.

Da stiegen Wolken von den Wassern auf wie Möwen, die nach Futter suchen.

Ich habe kein Brot bei mir, ihr dunstigen Vögel; und auch mein Herz ist schon zu zermürbt und von andern Vögeln zerfressen, als daß ich es euch noch zum Fraß hinwerfen könnte.

* * * * *

Es war Nacht geworden. Ein vielsterniges Gestirn schwebte Lindau, in das der Dampfer wie ein Komet flammend und rauchend rauschte.

* * * * *

Sylvester erwachte, als der Zug mit einem Ruck hielt.

Er blickte aus dem Fenster: Oberstaufen im Allgäu.

Hinter ihm, in der Richtung auf Lindau, drohten gelbe Wolken. Sie waren wie Aeroplane einer fremden Macht hinter ihm her, aber er war ihnen längst entflohn. Schon zog der Zug wieder an und er ließ sie weiter, immer weiter hinter sich.

XXI.

»Gehen wir in den Kino!« sagte Sylvester.

»In welchen?«

»In irgendeinen dreckigen Kinematographen der Vorstadt, in dem der erste Platz dreißig Pfennig kostet, und in dem man sich unbedingt eine Angina holt. -- Gehen wir in den Helioskino in der Sendlingerstraße.« --

Am Eingang des Kinos hing ein riesiges zitronengelbes Plakat: ein bleicher, blonder Frauenkopf, der sich wie eine Narzissenblüte auf einem Stengel wiegte. »Narzissenblüte« hieß der Film, und das sollte den Namen des Mädchens symbolisieren, denn unten auf dem Plakat waren ein Negerboxer und ein brauner Herr im Zylinder, scheinbar ein englischer Viscount oder ein deutscher Graf, abgebildet; und es war offensichtlich, daß der Film auf einem Konflikt zwischen dem Neger und dem Weißen aufgebaut war. Ein Kampf zwischen Schwarz und Weiß um Blond.

Eine italienische Maronenverkäuferin hockte im Hausflur neben dem Kino.

Sylvester kaufte sich eine Tüte Maronen.

Harry sah einer schmalen Kellnerin nach.

»Ißt du das Zeug gern?«

Sylvester schüttelte den Kopf.

»Nein. Ich will mir nur die Hände an den heißen Kastanien wärmen.« --

Die Leinwand flammte auf.

Aus einem hohen, palastartigen Hause, von Säulengängen und Lauben umgeben, trat eine schlanke, blonde Frau.

Sie trug ein weißes, mit schwarzen Borten eingefaßtes Sommerkleid und einen Biedermeierstrohhut mit Rosen garniert. Ein schwarzes Samtband schwang sich vom Hut hernieder um den zarten Hals.

Sie sah sich suchend um.

Stieß unruhig mit dem Sonnenschirm auf den Steinboden. Sie biß die Lippen aufeinander.

Nun glitt ihr Blick gradeaus.

Er blieb an Sylvester haften.

Sybil hatte Sylvester entdeckt.

Sylvester hielt den Atem an. Seine Schläfen sausten, seine Hände zitterten, die Muskeln ließen nach und die Kastanien rollten am Boden.

»Ruhe!« rief eine Stimme.

Jetzt setzte das Klavier ein. Ein melancholischer Operettenwalzer.

Sylvester marterte sich das Hirn:

Wird sie tanzen?

Da eilte von links ein eleganter junger Herr im Zylinder, Cutaway, in grauen Hosen mit schwarzer Biese, einen Stock mit Goldknopf schwenkend, auf sie zu.

Sie reichte ihm die Hand.

Ihre Unruhe war verschwunden.

Sie lächelte.

Der Herr winkte ... und ein Auto fuhr vor.

Der Chauffeur, ein schöner schwarzer Neger, öffnete äffisch grinsend den Wagenschlag.

Sybil stieg ein.

Der Herr folgte.

Nun knatterte das Auto an ... man sah es durch eine Parkallee von Pappeln fliegen ... nun glitt es in den Wald und war den Blicken aller hinter Bäumen entschwunden.

Sylvester stand auf.

An seinen Schläfen hämmerte das Fieber. Der Schweiß stand ihm auf der Stirn.

»Gehen wir«, sagte er. --

Der Neger wird sie besitzen, dachte er, als sie auf der Straße waren, und das Entsetzen übte schon wieder Macht über ihn. Man müßte ihn wie einen Hund über den Haufen schießen. Ach, ich bin nur ein Schatten des grauen, eleganten Herrn im Zylinder. Wenn man den Neger auf der Stelle niederknallt, wer soll dann den Wagen lenken? Wir würden in irgendeinen Chausseegraben sausen und uns den Schädel einschlagen. Unser Hirn würde auf die Bäume spritzen und auf Birkenzweigen im Winde wehen. Ein Kopf ohne Hirn ... ein Leben ohne Tod ... immerhin, es wäre zu erwägen ... und ... so süß zu hoffen ...

Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.