Die Krankheit: Eine Erzählung

Part 2

Chapter 23,512 wordsPublic domain

»Die Ärzte bedenken nicht,« sagte Sylvester verächtlich, »daß sie das, was sie auf der einen Seite gewinnen, auf der andern Seite wieder verlieren. Einer macht neun Jahre Kur und wird als geheilt entlassen. Seine Lunge ist faktisch geheilt. Gut. Wie aber steht es mit seinen übrigen leiblichen und seelischen Organen? Seine Nerven sind herunter. Seine Energie wie alter Kuchen zerbröselt. Er ist ein wachsweicher Klumpen angefressenen Fleisches. Zu keiner auch der geringsten Arbeit taugt er mehr. Er ist ethisch verlottert. Ein Parasit des Menschentums und zu nichts als seinem Tode noch verwendbar. Aber er stirbt, achtzig Jahre alt, an der >_Dementia praecox_<.«

Der kleine Japaner wiegte den braunen Kokoskopf:

»Wir haben oben einen Griechen im Sanatorium. Er liegt schon fünf Jahre im Bett. Griechen haben außer ihm das Sanatorium bisher nicht frequentiert. Wenn sie schon nach Davos kamen, wußten sie wohl von ihrem Landsmann nichts oder dachten nicht an ihn. Da keiner mit ihm griechisch sprach, hat er in den fünf Jahren das Griechische, seine Muttersprache, vergessen. Deutsch hat er aber inzwischen bis auf einige Brocken auch nicht gelernt. So kann er keine Sprache, weder Griechisch noch Deutsch, und schwebt sprachlos in Zeit und Raum. Ich wollte ihm schon Japanisch beibringen.«

Sybil sah nach der winzigen Schwarzwälderuhr über ihrem Bett.

»Ihr müßt gehen,« sagte sie freundlich, »ich erwarte den alten Ronken.«

Sie nahmen ihre Stöcke und gingen.

VII.

Der Weißbart mit dem Rotkehlchenkopf beklopfte Sybil mit seinem eleganten weichen Hammer.

»Mein liebes gnädiges Fräulein,« zwitscherte er, »wir werden Sie röntgen müssen ...«

»Tut das weh?« lächelte sie erschreckt, »ich habe Angst vor Schmerzen.«

»Es tut gar nicht weh. Es ist eine kurze, schmerzlose und beinahe unterhaltsame Angelegenheit. Wenn Sie sich so weit fühlen, daß Sie gehen können, kommen Sie zu mir ins Laboratorium. Oder nehmen Sie einen Schlitten.« --

Sybil nahm einen Schlitten. Aber sie fuhr nicht ins Sanatorium, sondern bei Sylvester vor.

Sylvester lag grade auf dem Liegestuhl und schluckte Arsenikpillen, als der Kutscher auf die Veranda polterte:

»Das gnädige Fräulein Lindquist lassen den Herrn Doktor zu einer Spazierfahrt einladen.« Er warf sich einen Schal um den Hals und fuhr im Lift herunter.

Eine kleine weiße Hand winkte ihm fröhlich.

»Sybil,« sagte er, »Sie machen mich glücklich ...«

»Wenn ich Sie nur glücklich machen könnte«, sagte sie leise.

Sie sprach diese Worte so gesellschaftlich gleichgültig, daß Sylvester ihre Schwere nicht empfand. Vielleicht auch wollte er sie nicht empfinden.

Sie glitten durchs Dorf, dem See zu.

Eben lief aus dem Bahnhof Dorf ein Zug in der Richtung Landquart-Zürich.

»Möchten Sie«, fragte Sybil, »mit dem Zug zurück in die Ebene ... in den Glanz ... in das Leben?«

Er schüttelte den Kopf.

»Ohne Sie?«

Sie schwieg.

Aus den Nüstern der Pferde schnob silberner Atem.

»Weshalb suchen Sie meine Freundschaft, Sylvester? Ich bin krank. Und eine Schauspielerin. Eines von beiden schon sollte genügen, Sie zu erschrecken.«

»Ich bin selber beides. Und noch ein drittes dazu, Sybil. Und also bin ich vielleicht kränker als Sie, Sybil. Ich bin ein Dichter und speie immer Blut.«

»Und ich weine Blut. Denn ich lebe mit den Augen ...«

»Und ich,« sagte er bitter, »da ich Blut speie, lebe mit dem Mund ...«

Nebel schossen wie Skiläufer von den Bergen.

Sybil fröstelte.

»Ich habe schon wieder Fieber. Wir müssen kehrtmachen.«

Die Sonne schwamm über dem Nebel auf den obersten Bergspitzen, rosa, als lagerten Quallen auf den Gipfeln.

Früher ist doch hier überall Meer gewesen, sann Sylvester. Eigentlich wandeln wir auf dem Grund des Meeres. Davos ist Vineta, die verzauberte Stadt. Wir sind längst ertrunken, aber wir wandeln noch, als lebten wir, mit Perlen und goldenen Ketten behängt, über den Meergrund. Der Himmel wallt über uns, und die zarten Seesterne leuchten. Wir greifen mit den Händen in die Luft. Die ballt sich wie Wasser schwer um unsere Glieder. Wir vermögen unsere Hände nicht mehr zu bewegen. Und gehen können wir in der dicken Flut nur langsam, ganz langsam. Kurschritt. Und unsere Augen versuchen, bis zur Oberfläche des Meeres, bis zum Himmel zu dringen. Aber sie sind fast erblindet von dem vielen In-die-Höhe-stieren.

VIII.

Der naturwissenschaftliche Oberlehrer litt an offener Hauttuberkulose. An seiner linken Hand befand sich eine winzige weißliche Spalte, die hin und wieder eine weiße Flüssigkeit absonderte. Desgleichen hatte er an der linken Wange einen kaum bemerkbaren Einschnitt, der aussah, als rühre er von einem Stich mit einem Federmesser her. Übrigens wußte das niemand von den Herrschaften, die mit ihm zu Tisch saßen. Denn obgleich sie sämtlich an der Krankheit litten, hielten sie doch auf reinliche Scheidung von Haut- und Knochentuberkulose.

Der naturwissenschaftliche Oberlehrer hatte das sonderbarste Zimmer des ganzen Hauses inne.

Es kostete nur 6,50 Franken täglich, und darum hatte es der Oberlehrer gemietet.

Das Zimmer war fensterlos. Die Luke, die die Stelle des Fensters vertrat, ging auf einen grauen Korridor hinaus, von dem das Zimmer sein ganzes Licht empfing. Richtig gelüftet konnte das Zimmer nicht werden. Es roch, ja stank infolge der Jod-, Karbol- und anderen Tinkturen, die der naturwissenschaftliche Oberlehrer für seine offene Hauttuberkulose benötigte, pestilenzialisch. Das Zimmer mußte sich auch ohne Zentralheizung behelfen: es wurde von einem durchlaufenden Kamin geheizt. Den Kamin hatte sich der naturwissenschaftliche Oberlehrer mit allerlei Bildern benagelt, die in der Hauptsache dem kleinen Witzblatt entnommen waren. »Ich bin ein Mensch mit liberalen Ansichten«, pflegte er zu sagen und dabei die Backen wie ein Seehund zu blähen.

Wie die hübsche Russin gerade auf ihn hereinfiel, ist schwer zu begreifen. Es waren doch mehrere angenehme Herren in der Pension »Schönblick« anzutreffen. Der Leutnant. Oder der schwäbische Virtuose Krampski, welcher von seinen Kompositionen behauptete, sie seien gar nicht »reizend«, wie die abgetakelte Operettensängerin zu verbreiten sich erdreistete, sondern fabelhaft, phänomenal, puccinesk.

Der naturwissenschaftliche Oberlehrer, der stets nach Karbol roch und daheim drei unmündige Kinder und eine blasse sommersprossige Frau zu verwahren hatte, die einem ausgewrungenen Handtuch glich -- er hielt das zarte hübsche Mädchen mit behaarten Affenhänden in seinen schweißigen Armen. Floh die kleine Russin vor sich selber zu ihm? Wollte sie sich peinigen, erniedrigen, bespeien? Sich leidend vernichten? Marternd erlösen? Was hatte die Krankheit aus ihr gemacht?

* * * * *

Eines Nachts trugen Männer auf leisen Filzsohlen die hübsche Russin aus dem Haus. Am nächsten Morgen hieß es am Frühstückstisch, sie sei abgereist.

Der naturwissenschaftliche Oberlehrer blieb den ganzen Tag zu Bett.

Er hätte Temperaturen, ließ er sagen, und bäte, ihm die Mahlzeiten aufs Zimmer zu bringen.

Aber die Mägde wollten das Essen nicht in seine stinkende Kammer tragen. Die Pneumo selber mußte es tun.

Der Desinfektor betrat wichtig mit seinem Instrumentenkasten das Zimmer der kleinen Russin, das plötzlich ein Stück leerer unausgefüllter Raum geworden war ohne Form und Inhalt. Wie ein Kinderballon, dem das Gas entströmt ist, lag es in sich zusammengefallen da.

Man fand einen Zettel auf dem Nachttisch, mit allerlei konfusen russischen Schriftzeichen bedeckt. Die Pneumo warf ihn nach einem kurzen achtlosen Blick beiseite. Auf dem Zettel aber standen diese russischen Verse:

Wenn der Dichter träumt, weinen die Mädchen, Und im Morgenrot liegt die Blüte ihres Herzens betaut.

IX.

Lieber Harry!

Dank für Deine freundlichen Zeilen. Ich habe mich in den zwei Monaten, die ich nun wieder hier bin, recht gut eingelebt. Mißverstehe mich nicht: leben, das heißt hier: einer Protestversammlung Sterbender gegen den Tod angehören. Reden wie feurige Fahnen gegen einen Herrn schwingen, der unerkannt am Präsidententisch sitzt, und jederzeit die Glocke läuten kann. Dann ist einem im Nu das Wort (und der Hals wie mit einem Rasiermesser) abgeschnitten. Es sind Spiegel um einen aufgestellt. Man darf sich nur bespiegeln. In dem edlen Bulgaren. In der mütterlichen Pneumo. Dem taumelnden Thorax. Es gibt einen Spiegel, der heißt Klunkenbul. Dann sind noch vorhanden der Literat Pein, die Operettensängerin, der kleine Japaner, der Virtuose Krampski, der Leutnant. Einer taugt selbst zum Spiegel nicht: der naturwissenschaftliche Oberlehrer. In einer hübschen Russin bespiegelt man sich gern. Schließlich resigniert man, aus Furcht, den Spiegel blind zu machen. Da kommt der naturwissenschaftliche Oberlehrer und schmeißt mit tellergroßen Steinen in den Spiegel. Der zerbricht klirrend, klagend, anklagend. Aus einem der Scherben, die drei- und viereckig herausspringen, verfertigt der Oberlehrer sich einen Rasierspiegel und rasiert sich nun sein Leben lang vor diesem zarten Auge der Unendlichkeit seinen naturwissenschaftlichen Backenbart. Sybil ist kein Spiegel. Sie ist ein See. Selbst unser Schatten versinkt bei einem Blick in sie sofort in die Tiefe. Seit wieviel Jahren schon spiele ich das Spiel der Spiegel? Es sind sieben Jahre her, daß ich an beiderseitiger Rippenfellentzündung erkrankte und im Krankenhaus in Frankfurt an der Oder lag. Ich ging, ein Knabe von sechzehn Jahren, zur Rekonvaleszenz nach Locarno. Ich schlug zum erstenmal die Augen zum Himmel empor und sah die Madonna del Sasso auf dem Felsen schweben und San Bernardo über die Sonnenhügel schreiten. Auf Locarno folgten Borkum, Brückenberg, Gardone-Riviera, Arco, Swinemünde, Reichenhall, Arosa, Lugano, Davos, Wehrawald und wieder Davos. Überall lebte ich meiner Gesundheit, wie es so hübsch heißt. Aber lebte ich nicht meiner Krankheit? Ich erinnere mich eines Sanatoriums im Schwarzwald, da war unser Krankenpfleger und Masseur zugleich Totengräber des kleinen Dorfes. Man sah von den Liegehallen auf den Kirchhof. Ein freundliches Symbol. Bei mir verdichtet es sich noch: Kranker, Krankenpfleger und Totengräber bin ich in einer Person. -- Sybil wird hier im Kurtheater auftreten. Ich habe es ihr nicht ausreden können. Sie spielt die Frau im »Weib«. Der Literat Pein den Mann. Ich ... den Bruder. Wann ich wieder in München sein werde? Anfang Mai, falls Sybils Zustand sich nicht verschlimmert. Ich fürchte ... für mich. Grüße die Freunde.

Dein Sylvester.

X.

Sybil lag auf ihrem Balkon und der ausgestopfte Papagei stand auf einem kleinen Tisch neben ihr. Sie lutschte an Kognakbohnen und warf dem toten Vogel hin und wieder eine zu.

»Friß, Vogel, oder werde lebendig!«

Sie blätterte in dem Rollenbuch des Schauspiels »Weib« und studierte ihre Rolle als Frau. Das Schauspiel ließ nur drei Figuren agieren: die Frau, den Mann, den Bruder. Es war erdacht und wie man zugestehen muß theatralisch sehr geschickt verfertigt von dem Tiroler Dichter Korbinian Zirl, demselben, dem jenes bemerkenswerte Festspiel »Andreas Hofer« zugeschrieben wird, das im Jubeljahre 1913 die Herzen der Deutschen und Österreicher höher schlagen ließ. Im »Andreas Hofer« wie im »Weib« handelte es sich um eine äußerst lebendige Dialektik und um einen rasch bewegten Dialog, dort patriotisch, hier erotisch bezweckt. Das Schauspiel »Weib« war von sämtlichen bedeutenden Bühnen Deutschlands angenommen: in der bestimmten Erwartung eines klingenden Kassenerfolges. Im »Deutschen Theater« in Berlin verdiente sich der berühmte böhmische Komiker Zawadil Schnallenbaum als Mann die tragischen Sporen. Aber fast überall im Reich wurde das Stück aus Gründen der Sittlichkeit verboten. Katholische und protestantische Pfarrerverbände, Jünglingsvereine und Vereine zum Schutz alleinreisender junger Mädchen erließen langatmige Proteste gegen das »Weib«. Selbst ein Rabbiner gab seiner Entrüstung in den Zionistischen Blättern Ausdruck. Der bekannte Zentrumsabgeordnete Dr. Aborterer sah in dem Schauspiel »Weib« eine schamlose Aufreizung zur Blutschande.

Sybil war von der Rolle der Frau entzückt.

Vielleicht meine letzte Rolle, dachte sie und warf dem toten Papagei wieder eine Kognakbohne zu. Wer wird nach mir das Weib spielen?

Sie hatte die Rolle im Deutschen Theater in Berlin bei der Premiere dargestellt und rauschenden Beifall geerntet.

Korbinian Zirl hatte ihr einen Lorbeerkranz mit einer himmelblauen Atlasschleife geschickt, darauf waren diese Worte in Gold gestickt:

Der dankbare Dichter seinem Weib.

Er hatte ihr auch persönlich die Hand gedrückt und sie in seinem treuherzigen Dialekt seiner Verbundenheit versichert:

»Grad himmlisch is g'w'en, Fräul'n ... I hab beinah g'moant, i wär a Dichter ...«

* * * * *

Die Vorstellung sollte am 19. Februar im Kurtheater stattfinden. Pein, unterstützt von dem helläugigen Naturburschen Dr. Buri, einem prächtigen Churer, der die Redaktion des »Davoser Intelligenzblattes« leitete, hatte eine eifrige Reklame entfaltet. Vor allem, weil er selber spielte.

»Unser Herr Alfons Pein«, so hatte Dr. Buri im Intelligenzblatt in der Voranzeige schreiben müssen, »hat sich in liebenswürdiger Weise bereit erklärt, die Rolle des Mann im >Weib< zu übernehmen.«

Fluchend warf Dr. Buri den Federhalter in den Aschenbecher, daß Tinte und Asche über das Manuskript sprühten.

»Chaibe.«

Er konnte Pein nicht ausstehen.

Dann schrieb er weiter:

»Eine besondere Attraktion haben wir mit Fräulein Sybil Lindquist von den Reinhardtbühnen Berlin gewonnen, die sich zur Zeit zum Kurgebrauch in Davos aufhält. Sie wird das Weib, das sie bei der Uraufführung in Berlin kreierte, verkörpern. Verkörpern wie es eben nur eine Sybil Lindquist vermag. Herr Sylvester Glonner, einer der Führer der jungdeutschen Dichtung, den Davosern im besonderen nicht unbekannt als Autor des groteskschwermütigen Davoser Romans >Die Krankheit<, spielt die Rolle des Bruders. Der Vorverkauf hat begonnen. Versorge sich ein jeder rechtzeitig mit Karten, da ein großer Andrang zu erwarten steht.«

Seufzend legte Dr. Buri den Federhalter beiseite und zündete sich erleichtert seine Pfeife an.

XI.

Für den 19. Februar nachmittag waren auch die diesjährigen Skikjöring- und Pferderennen angesetzt.

Als Sybil die Ankündigung las, rief sie bei Sylvester telephonisch an:

»Sylvester ...?«

»Sybil?«

»Sie müssen reiten ...«

»Was muß ich?«

»Reiten müssen Sie. Sie sind doch gut zu Pferd.«

»Was soll das?«

»Sie müssen am neunzehnten das Rennen mitreiten.«

»Aber Sybil, welche Idee!«

»Meine Idee natürlich. Ich will, daß Sie den goldenen Davoser Pokal gewinnen.«

»Was soll ich mit dem goldenen Davoser Pokal? Ich würde nicht aus ihm trinken dürfen, denn ich bekäme sofort Nierenschmerzen.«

»Scherz beiseite, Sylvester. Ich will, daß Sie das Rennen gewinnen. Deshalb sollen Sie reiten. Ich werde auf Sie setzen beim Totalisator.«

»Wann ist das Rennen?«

»Am neunzehnten.«

»Aber da müssen wir ja den Abend spielen!«

»Oh, das macht doch nichts! Die Rennen sind um zwei. Um vier Uhr sind sie spätestens zu Ende. Da haben Sie genug Zeit, sich bis acht auszuruhen.«

»Sybil, ich bitte Sie, wozu diese Spielerei. Ich habe an dem Schauspiel schon genug ...«

»Lieber Sylvester ... ich will Sie einmal _handeln_ sehn ... Tun Sie einmal etwas! Handeln Sie einmal nicht künstlerisch künstlich, dichterisch, schauspielerisch. Handeln Sie einmal menschlich ...«

»Ich bin krank, Sybil ...«

»Überwinden Sie die Krankheit, Sylvester.« Ihre Stimme klang flehend.

»Ich werde reiten, Sybil.« --

Sylvester ging zu einem Schweizer Offizier, den er kannte und von dem er wußte, daß er das Rennen nicht reiten würde, der aber zwei Pferde laufen lassen wollte, und bat ihn, die »Miggi« reiten zu dürfen. In Graubünden heißen alle Pferde, alle Kühe, alle Katzen und alle Mädchen Miggi.

Als der bulgarische Offizier und Leutnant Rätten von Sylvesters wahnwitzigem Vorhaben hörten, schüttelten sie den Kopf; bestellten sich aber sofort telegraphisch Pferde aus Zürich. Auch der kleine Japaner wollte reiten.

Selbst der Thorax machte einen schwachen Versuch, sich als Jockei vorzustellen.

»Was meinst du, Grete,« fragte er die Pneumo, »ob ich in vierzehn Tagen reiten lernte und ob ich es aushielte?«

»Kind,« sagte sie zärtlich, »was du für böse Träume hast. Du leidest immer häufiger an Alpdrücken. Du mußt abends vor dem Zubettgehen einen frischen Apfel essen. Komm. Ich mache dir gleich einen zurecht ...«

XII.

Sylvester gewann mit Miggi I den goldenen Pokal von Davos.

Der Ausgang des Rennens rief beim Publikum eine ungeheure Aufregung hervor.

Sybil wurde halb ohnmächtig vom Platz getragen und mußte mit drei Flaschen Eau de Cologne bespritzt werden, ehe sie wieder zu sich kam.

Sylvester hob man auf die Schulter und trug ihn im Triumph in seine Pension.

Der Thorax war heilig beglückt.

Die Pneumo weinte Freude.

»Die reine Fata Morgana!« sagte Herr Klunkenbul und wußte wohl selbst nicht, was er meinte.

Sybil hatte ihr ganzes Geld beim Totalisator auf Sylvester gesetzt. Leider fiel die Quote sehr niedrig aus: 17:10, denn man hatte, nicht aus Sportlichkeit, aber aus Sensation oder Schwärmerei, auf den Dichter gesetzt.

Der Bulgare und der kleine Japaner gratulierten Sybil. Der Japaner überreichte ihr eine Orchidee.

»_Sie_ haben das Rennen gewonnen«, sagte der kluge, kleine Japaner.

Sybil zuckte die Achseln.

* * * * *

Sylvester lag angekleidet auf seinem Bett. Graues Schicksal: dem Wort zu dienen. Dem schwesterlichen Chaos. Den torkelnden Träumen. Als ob ich ein lebendiger Mensch würde, wenn ich auf einem lebendigen Pferd reite. Pferde tragen auch Schatten, oder, im Zirkus, hold uniformierte Affen auf ihrem Rücken. Was wiege ich eigentlich? Hundertacht Pfund. Das richtige Jockeigewicht. Was Sybil sich bei diesem Sieg denkt? Was habe ich gewonnen? Ein paar sensationelle Notizen in der Tagespresse. Mein Bild als Reiter in der »Woche«, der »Berliner Illustrierten Zeitung« und im »Weltspiegel«. Seewald wird mich als Reiter ernstkomisch in Holz schneiden und das schwarze Bild farbig betupfen. Denn man muß mich erst künstlich bunt machen. Ich bin so ermüdet, als hätte man mich zu Graubündner Fleisch geritten. Ich wage diesen Wahnsinn des heutigen Rittes, den Wahnsinn des abendlichen Schauspiels vor den erglühten Rampen. Würde ich wagen, Sybils Hand zu küssen? Nie.

XIII.

Die Vorstellung das »Weib« im Kurtheater ging vor ausverkauftem Hause in Szene. Nach dem Rennerfolg des Nachmittags war der Züricher Korrespondent des »Berliner Blattes« im Auto herbeigeeilt, um dem Schauspiel beizuwohnen und telegraphisch darüber nach Berlin zu berichten.

»Sensationelle Sache«, sagte er zu Pein. Es war ein dicker jüdischer Herr mit einer Hornbrille, hinter der zwei grüne Eulenaugen hervorsahen.

»Die Lindquist ist schwer krank. Vielleicht stirbt sie auf der Bühne. Und dieser olympische Stern am Himmel des Turfs: Sylvester Glonner: als erstklassiger Dichter, erstklassiger Jockei, erstklassiger Schauspieler, wie?«

»Na«, sagte Pein und verabschiedete sich, verärgert, daß der Korrespondent sich nicht mit ihm befaßte.

»Altes Eisen,« sagte der jüdische Herr zu Dr. Buri, als Pein gegangen war, »ich darf ihn beim besten Willen nicht mehr ernst nehmen. Als Schriftsteller meine ich. Als Schauspieler kenne ich ihn ja noch nicht. Aber diese mystischen Fatzkereien. Ekelhaft.«

»Schmierig«, meinte Dr. Buri. »Sie sind schmierig wie schlecht geputzte Stiefel. Sie sollen glänzen wie Lack, aber es ist beim Altwarenhändler billig erstandenes, rissiges Kalbsleder.«

»Übrigens wichst er sie zuviel, seine lyrischen Stiefel«, sagte der Korrespondent, den es beunruhigte, daß ein anderer in Bildern redete. »Dagegen der Glonner, mein Lieber: ein Talent. Ein großes Talent. Wir werden seinen nächsten Roman bringen, denn wir legen Wert auf ein literarisches Feuilleton.«

XIV.

Mann und Frau leben nebeneinander.

Die Frau haßt den Mann.

Entstellt von fürchterlichen Ausschlägen, den Geschwüren einer höllischen Krankheit, schleicht der Mann, zerrissen von Gier, hinter ihr her. Die Frau haßt den Mann, weil sie ihn einmal liebte.

Der Mann liebt die Frau, weil er sie einmal haßte.

Geduckt und gedrückt schleichen sie ihr Leben nebeneinander her.

Die Frau steht sanft wie ein Schachtelhalm im Sumpf.

Eines Tages betritt ein junger, blonder Mensch die verdüsterte Stube. Halb verdurstet. Halb verhungert. Mit zerrissenen Kleidern, zerbröckelten Schuhen. Er stützt sich auf einen selbstgeschnitzten Wanderstab. Eine Mundharmonika hängt ihm an einer Schnur um den Hals. Auf der bläst er, verschüchtert, ein paar Töne.

Der Mann ist ausgegangen.

Die Frau labt den jungen Vagabunden. Er legt seinen Ranzen ab und seinen Stab.

»Frau,« sagt er, »hier möchte ich bleiben. Hier ist meine Heimat.«

»Ich habe einen Mann,« sagt die Frau, »er ist ein Tier.«

»Ich werde ihn, wie die Indier giftige Schlangen, mit meiner Mundharmonika beschwören«, sagt der Blonde und bläst ein paar Töne.

Die Frau hat Tränen in den Augen.

»Warum weinst du?« fragt der Blonde traurig.

»Ich habe seit vielen Jahren keine Musik gehört.«

»Keine Musik? Wie ist das möglich?«

»Mein Mann hat mir meine kleine Gitarre zerschlagen und alle Musikinstrumente, die er im Hause fand: meine kleine Mundharmonika, meine kleine Flöte.«

»Hörst du nicht zuweilen die Vögel singen?«

»Um unser Haus singen keine Vögel.«

»Warum verläßt du deinen Mann nicht?«

»Ich kenne keinen andern Mann ...«

»Hast du nicht vor Jahren einen Bruder besessen --?«

»Vor vielen Jahren --«

»der ging auf die Wanderschaft --«

»-- und ließ nie wieder von sich hören --«.

»Erinnerst du dich seiner?«

»Immer ...«

»Wann?«

»Immer und immer. Wenn der Frühling von den roten Märzwolken herniedersteigt, wie aus einem Flammenwagen. Wenn der Sommer die süßen Heudüfte in meine gierig geöffneten Nüstern treibt. Wenn die herbstlichen Früchte von den Bäumen fallen. Die Blätter sterbend ihr schwebendes Sein vergolden. Wenn der alte Winter im weißen Mantel knirschend durch den knackenden Wald ächzt. Immer und immer. Am grauen Morgen, am bleichen Mittag, am dämmerigen Abend, zu dunkler Nacht: immer und immer, zu jeder Stunde. Mit jedem Schlag des vogelhaften Herzens. In jedem Blick.«

»Frau!«

»Junger Mensch!«

»Tu auf den Blick: Dein Bruder steht vor dir!«

* * * * *

Sybil erblaßte.

Sie strich sich das blonde Haar aus der Stirn.

Sie lehnte sich an die Wand der Hütte.

»Sylvester!«

»Sybil!«

Sylvester fing die ohnmächtig Dahinsinkende in seinen Armen auf.

XV.

Beifall überfiel die offene Szene.

»Fabelhaft!« sagte der dicke jüdische Herr mit der Hornbrille. Seine Eulenaugen schillerten.

Der Thorax, der in der ersten Reihe saß, zitterte.

»Sie sterben beide auf offener Szene«, bebte er.

Die Pneumo hatte Tränen in den Augen.

»Brava!« rief ein Italiener wie wahnsinnig zu Sybil herauf. »Brava, brava! ...«

Der Bulgare wischte sich mit einem kleinen seidenen Tuch, einem Geschenk Sybils, den Schweiß von der Stirn.

Er mußte sich zusammenreißen, um in keinen Wutanfall auszubrechen. Um nicht Schaum vor die Lippen zu kriegen.

»Das ist Krieg!« dachte er entsetzt, »da fließt Blut ...«

Der kleine Japaner lächelte, freundlich interessiert.

Europäer ... dachte er. Sie haben alle Hitze aus dem Äther in sich hineingesogen und verbrennen nun an- und ineinander unter einem kalten Himmel. In Japan trippeln unter einem heißen Himmel kalte Menschen auf Holzschuhen im klappernden Stakkato. Und ihre Liebe duftet weiß, kühl und weiß wie die Schneeblüte des Fushijama.

XVI.

Die Fastnacht galt in Davos als Freinacht. Sie unterlag in den Wirtshäusern keiner Polizeistunde.

In der Pension erschien ein jeder kostümiert zum Abendessen. Nach dem Abendessen wurde rote Bowle und Rosinenkuchen gereicht.