Die Koralle: Schauspiel in fünf Akten

Part 5

Chapter 51,274 wordsPublic domain

Weil es um _das_ Leben geht, das Sie mir anbieten!

SOHN

Überwindung fordert es. Mich hat es Kämpfe gekostet, Sie aufzusuchen. Ich ging um der hohen Sache willen. Den Schatten meines Vaters, der hinter Ihnen steht, bannen Sie, wenn Sie diesem Werk dienen!

MILLIARDÄR

So gelingt das nicht.

SOHN

Ich gelobe es Ihnen --

MILLIARDÄR

Was?

SOHN

Ihnen Sohn zu sein, der seinen Vater nicht verlor!

MILLIARDÄR

tritt nahe vor ihn.

Soll ich Ihnen meine Bedingung stellen?

SOHN

Jede!

MILLIARDÄR

Wollen Sie mir der Sohn sein, den Ihr Vater sich wünschte?

SOHN

Was heißt das?

MILLIARDÄR

Richte Du Dich wieder auf dem sonnigen Ufer ein -- dann könnte ich mich Deinem Wunsche fügen!

SOHN

starrt ihn an.

MILLIARDÄR

Sonst läßt sich der Schatten -- der hinter mir steht! -- nicht bannen!

SOHN

Wie sprechen Sie?

MILLIARDÄR

Wie Ihr Vater. Erschüttert Sie die erste Probe?

SOHN

betrachtet ihn mit scheuen Blicken.

MILLIARDÄR

legt ihm die Hände auf die Schultern.

Es ist schön, daß Sie noch einmal gekommen sind. Gern ruht das Auge auf Menschen, die jung sind. Haben Sie nicht eine Schwester? Wollte sie mich auch als Vater annehmen? -- Lockvögel seid ihr, aber dahin springen keine Brücken mehr. Sie haben mich nur fester überzeugt. Lassen Sie mich in meinem Hof. Grünt es hier nicht? -- Suchen Sie Ihr Schlachtfeld. Der Frieden verleitet vielleicht zum Krieg -- aber wer aus dem Blutbad auftaucht, der sucht sich zu retten. Sie wollten mir nicht helfen -- da nahm ich mein Schicksal selbst in die Hand. Dürfen Sie mir nun zürnen, wenn ich Ihnen die Unterstützung verweigere? (Er führt ihn nach links.) Schelten Sie mich in keiner Stunde Ihres tatenreichen Lebens -- Sie haben ja kühne Pläne -- und mißlingt Ihnen das eine oder das andere -- und am Ende alles! -- opfern Sie dem Andenken Ihres Vaters nicht mit Zorn und Vorwürfen: er hätte Sie vor Enttäuschungen bewahrt -- -- aus Gründen, die zu enthüllen begreiflicherweise hier zu weit führen würde. (Da der Geistliche kommt, zum Sohn.) Da sehen Sie, es fehlt uns am nötigsten: Zeit!

SOHN

ab.

MILLIARDÄR

sieht ihm noch nach.

Geistlicher ist zur Bank getreten und betrachtet den Milliardär.

MILLIARDÄR

kehrt sich zu ihm.

Der dritte und letzte Gast?

GEISTLICHER

Nach dem Anblick, der sich mir bot, ist meine Aufgabe schwer. Sie erhielten die beste Tröstung, die von Menschen zu vergeben ist: die Versöhnung mit dem Sohn des unglücklichen Vaters.

MILLIARDÄR

Nein, Sie irren: wir sind im Streit auseinander gegangen. Und wenn ich ihn zur Tür geleitete, so geschah es, weil ich der Kräftigere war. Ich stützte den Unterlegenen.

GEISTLICHER

Suchte er Sie nicht auf?

MILLIARDÄR

Er legte mir eine Schlinge, in die ich mich verfangen sollte. Aber ich war auf der Hut.

GEISTLICHER

Er hat Ihnen vergeben?

MILLIARDÄR

Hatte er dazu Anlaß?

GEISTLICHER

Sie nahmen ihm seinen Vater!

MILLIARDÄR

setzt sich.

Glauben Sie an das Recht der Vergeltung?

GEISTLICHER

Der irdischen muß ihr Lauf gelassen werden.

MILLIARDÄR

Ich habe nur Vergeltung geübt.

GEISTLICHER

Womit hatte er Sie beleidigt?

MILLIARDÄR

Die Wahl fällt schließlich blindlings. Dieser oder ein anderer. Man hat mir Mutter und Vater getötet.

GEISTLICHER

zuckt die Achseln.

Das Leben Ihrer Eltern beschloß ein friedlicher Tod.

MILLIARDÄR

Warum hatte ich dann Grund zu töten?

GEISTLICHER

In unbegreiflicher Verwirrung streckten Sie die Hand nach fremdem Reichtum.

MILLIARDÄR

nickt.

In unbegreiflicher Verwirrung -- das stempelt eure Weisheit. Ich lehne mich nicht mehr auf. Ihr wölbt den Himmel über mich, unter dem ich freudig atmen soll. Überreich beschenkt ihr mich!

GEISTLICHER

nach einer Pause.

Sie haben den Wunsch nach der Koralle geäußert, ich bringe sie Ihnen.

MILLIARDÄR

nimmt und betrachtet sie.

GEISTLICHER

Sie können mich abweisen -- oder Ihr Ohr meinen Worten verschließen.

MILLIARDÄR

Sprechen Sie.

GEISTLICHER

setzt sich zu ihm.

Von der Zuflucht, die uns geöffnet ist, wenn wir aus diesem Leben, das wie ein Haus mit schwarzen Fenstern ist, treten --

MILLIARDÄR

Erzählen Sie von diesem Haus mit schwarzen Fenstern.

GEISTLICHER

Könnte das Licht breiteren Einlaß finden --

MILLIARDÄR

nickt.

Das ist es.

GEISTLICHER

Aber es gibt kein Zuspät. In einer Sekunde kann der unendliche Schatz erworben werden!

MILLIARDÄR

Was ist das für ein Schatz?

GEISTLICHER

Das neue Sein hinter dieser Frist!

MILLIARDÄR

Liegt es in der Zukunft?

GEISTLICHER

Die aufnimmt, wer mit demütigem Finger klopft!

MILLIARDÄR

kopfschüttelnd.

Es bleibt der alte Irrtum.

GEISTLICHER

Gültige Verheißungen sind uns gegeben!

MILLIARDÄR

Flucht in das Himmelreich. Das wird keine Erlösung von Kreuz und Essig. Am Ende findet man es nicht -- im Anfang steht es da: das Paradies!

GEISTLICHER

Wir sind vertrieben --

MILLIARDÄR

Verdunkelt das die Erkenntnis? -- -- Ich will Sie nicht erschüttern und Ihnen Ihr Werkzeug aus den Händen schlagen. Aber die tiefste Wahrheit wird nicht von Ihnen und den Tausenden Ihresgleichen verkündet -- die findet immer nur ein einzelner. Dann ist sie so ungeheuer, daß sie ohnmächtig zu jeder Wirkung wird! -- Sie suchen eine Zuflucht -- ich könnte Ihnen sagen, daß Sie einen falschen Weg einschlagen. Das Ziel überspringt Sie hundertmal -- und jedesmal versetzt es Ihnen einen Keulenschlag in den Rücken. Weiter rast Ihre Flucht zur Zuflucht. Sie kommen niemals an. Dahinaus nicht -- dahinaus nicht!

GEISTLICHER

So sprechen Sie zu mir: was gibt Ihnen -- ich muß es ja so ausdrücken -- diese feierliche Ruhe?

MILLIARDÄR

Ich habe das Paradies, das hinter uns liegt, wieder erreicht. Ich bin durch seine Pforte mit einem Gewaltstreich -- denn die Engel zu beiden Seiten tragen auch Flammenschwerter! -- geschritten und stehe mitten auf holdestem Wiesengrün. Oben strömt Himmelsblau!

GEISTLICHER

Denken Sie jetzt an Ihre freundliche Kindheit?

MILLIARDÄR

Ist es nicht einfach zu finden? Deckt es sich nicht mit schon gesagten Worten: werdet wie die Kinder? Zur Weisheit braucht es ja nur ein Wortspiel.

GEISTLICHER

Warum können wir Menschen nicht Kinder bleiben?

MILLIARDÄR

Das Rätsel lösen Sie heute und morgen nicht!

GEISTLICHER

blickt vor sich hin.

MILLIARDÄR

-- -- -- -- Sehen Sie das?

GEISTLICHER

Die Koralle, nach der Sie zuletzt verlangten.

MILLIARDÄR

Wissen Sie, wie das vom Boden des Meeres wächst? Bis an die Fläche des Wassers -- höher reckt sie sich nicht. Da steht sie, von Strömen umspült -- geformt und immer verbunden in Dichtigkeit des Meeres. Fische sind kleine Ereignisse, die milde toben. Lockt das nicht?

GEISTLICHER

Was meinen Sie?

MILLIARDÄR

Ein wenig die Kapsel lüften, die das Rätsel verschließt. Was wird das beste? Nicht aufzutauchen und in den Sturm verschleppt zu werden, der an die Küsten fährt. Da brüllt Tumult und zerrt uns in die Raserei des Lebens. Angetriebene sind wir alle -- Ausgetriebene von unserm Paradies der Stille. Losgebrochene Stücke vom dämmernden Korallenbaum -- mit einer Wunde vom ersten Tag an. Die schließt sich nicht -- die brennt uns -- unser fürchterlicher Schmerz hetzt uns die Laufbahn! -- -- -- -- Was halten Sie in der Hand? (Er hebt die Hand des Geistlichen mit dem schwarzen Kreuz hoch.) Das betäubt nur den Schmerz. (Er hält die rote Koralle in seinen beiden Händen vor seine Brust.) Das befreit vom Leid!

Die hohe schmale Tür wird hinten geöffnet.

MILLIARDÄR

steht auf.

GEISTLICHER

Ich -- kann Sie nicht begleiten!

MILLIARDÄR

geht sicheren Schrittes auf die Tür zu.

_ENDE_

WERKE VON GEORG KAISER

DIE JÜDISCHE WITWE

Biblische Komödie in fünf Akten

KÖNIG HAHNREI

Drama in fünf Akten

DIE BÜRGER VON CALAIS

Bühnenspiel in drei Akten

EUROPA

Spiel und Tanz in fünf Aufzügen

VON MORGENS BIS MITTERNACHTS

Stück in zwei Teilen

DIE SORINA

Komödie in drei Akten

DIE VERSUCHUNG

Tragödie in fünf Akten

_Weimar._ -- _Druck von R. Wagner Sohn._

+----------------------------------------------------------------+ | Anmerkungen zur Transkription | | | | Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen | | gebräuchlich waren, wie: | | | | anderen -- andern | | auf's -- aufs | | meines -- meins | | seines -- seins | | unserem -- unserm | | | | Interpunktion wurde ohne Erwähnung korrigiert. | | Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: | | | | S. 9 »Mench« in »Mensch« geändert. | | S. 13 »heutemorgen« in »heute morgen« geändert. | | S. 37 »weißlakierten« in »weißlackierten« geändert. | | S. 40 »garnicht« in »gar nicht« geändert. | | S. 61 »gechafft« in »geschafft« geändert. | | S. 92 »bischen« in »bißchen« geändert. | | S. 112 »Ableugen« in »Ableugnen« geändert. | | S. 112 »erinnnerlich« in »erinnerlich« geändert. | | | +----------------------------------------------------------------+