Die Koralle: Schauspiel in fünf Akten

Part 4

Chapter 43,636 wordsPublic domain

Sohn und Tochter mit dem Wärter links ab. Der Wärter kehrt hinter die Türstäbe zurück.

DER ZWEITE RICHTER

zum ersten Wärter.

Führen Sie vor.

Der Wärter schaltet wieder die Bogenlampe ein. Rechts ab.

DER ZWEITE RICHTER

Setzt sich eine Brille mit blauen Gläsern auf.

Wärter läßt den Milliardär vor sich eintreten und bleibt an der Tür.

MILLIARDÄR

Seine Hände sind nach vorn mit dünnem Stahlseil geschlossen. Er stellt sich auf, wie er nun schon gewohnt ist, dazustehen -- ohne Zeichen von Erregung.

DER ZWEITE RICHTER

beachtet ihn vorläufig nicht. Dann nimmt er den Revolver vom Tisch und tritt -- nur für die Waffe interessiert -- zum Milliardär.

Wo kauft man denn diese Marke?

MILLIARDÄR

schweigt.

DER ZWEITE RICHTER

Das Modell hätte ich gern. Aber ich kann mir doch nicht ein vom Gericht beschlagnahmtes Objekt zustecken.

MILLIARDÄR

lächelt dünn.

DER ZWEITE RICHTER

sieht ihn an.

Ein streng gehütetes Geheimnis?

MILLIARDÄR

Ein Geschenk.

DER ZWEITE RICHTER

Von wem denn?

MILLIARDÄR

schüttelt den Kopf.

DER ZWEITE RICHTER

Von zarter Hand doch nicht?

MILLIARDÄR

Von zartester.

DER ZWEITE RICHTER

Ach was, das ist ja unnatürlich.

MILLIARDÄR

Ja -- unnatürlich war das.

DER ZWEITE RICHTER

Sollten Sie sich selbst bedienen? Wenn Sie untreu werden?

MILLIARDÄR

Ich war das Ziel.

DER ZWEITE RICHTER

Wer wollte denn auf Sie schießen?

MILLIARDÄR

nickt langsam.

DER ZWEITE RICHTER

Rissen Sie ihm die Waffe aus der Hand?

MILLIARDÄR

Er legte sie auf die Schreibtischplatte nieder.

DER ZWEITE RICHTER

rasch.

Der Milliardär?

MILLIARDÄR

schweigt.

DER ZWEITE RICHTER

nickt befriedigt und stellt sich rechts auf.

Nun wollen wir die Situation rekonstruieren. Drehen Sie sich nach mir.

MILLIARDÄR

tut es.

DER ZWEITE RICHTER

Warten Sie mal. Das Metall ist angelaufen, damals blinkte es jedenfalls. (Er zieht sein Taschentuch heraus und reibt die Waffe.)

Der Wärter links zieht sich von der Tür zurück.

DER ZWEITE RICHTER

Daß das Schießzeug auf dem Tisch herumgelegen hat, ist natürlich Humbug. Ihre Erzählung ist ja auch reichlich verworren, es lohnt nicht da nachzutasten. Der Vorgang ist einfach der: unter irgendeinem Vorwand machen Sie sich hinter Ihrem Opfer zu schaffen -- die Waffe aus der Hosentasche -- genau so, wie ich hier, standen Sie bereit -- die Distanz ist dieselbe --

Der Wärter ist mit Sohn und Tochter gekommen: die beiden stehen unbeweglich.

DER ZWEITE RICHTER

-- und jetzt zeigen Sie mir auch Ihren Rücken!

MILLIARDÄR

dreht sich um: ohne zu stocken, geht er auf Sohn und Tochter zu.

Kinder -- in schwarz? Ist ein Trauerfall, der uns nahegeht? -- -- Wundert Ihr Euch, daß ich nichts davon weiß? Ja, ich habe keine Verbindung mit Euch. Ich werde vorläufig streng abgeschlossen gehalten. Ein unleidlicher Irrtum, der sich erst aufklären muß. Ich gebe mir alle erdenkliche Mühe, diesen schweren Verdacht zu zerstreuen. Aber die Gerichte sind peinlich. Jede Kleinigkeit erhält Gewicht. Eine Koralle, die bei mir gefunden ist -- der Revolver da, den ich bei mir getragen haben soll. (Zum Sohn.) Willst Du nicht seine Herkunft mit einem Wort feststellen?

SOHN

seine Erschütterungen beherrschend.

Herr Richter, die Waffe ist mein Eigentum.

DER ZWEITE RICHTER

Wie gelangt sie in den Besitz des Sekretärs?

SOHN

Ich legte sie vor meinen Vater auf die Tischplatte.

DER ZWEITE RICHTER

Das ist immerhin wertvoll. Der offen daliegende Revolver stiftete zur Tat an. Warum überließen Sie Ihrem Vater ihn?

SOHN

Darauf -- kann ich nicht antworten.

MILLIARDÄR

Ich habe Dich auch nicht verraten.

SOHN

scharf.

Weil Sie nichts wissen können!

MILLIARDÄR

Kein Du? Bin ich Euch fremd geworden, weil ich verdächtigt wurde? (Mit eigentümlich lauerndem Ausdruck.) Glaubt Ihr denn, daß ich der Sekretär bin? Ihr -- meine eigenen Kinder-- seht mich für den Sekretär an?

SOHN

mühsam.

Herr Richter, brauchen Sie meine Schwester und mich hier noch?

TOCHTER

schreit auf -- schlägt die Hände auf's Gesicht.

DER ZWEITE RICHTER

Ich danke.

Sohn -- die Tochter stützend -- links ab.

DER ZWEITE RICHTER

hin- und hergehend.

Das ist unerhört. Das ist der Gipfel der Verstocktheit! -- Schämen Sie sich nicht? (Verblüfft.) Lächeln Sie?

MILLIARDÄR

Ich habe meine Kinder gesehen --

DER ZWEITE RICHTER

Stimmt Sie die Qual anderer vergnügt?

MILLIARDÄR

-- meine Kinder haben mich nicht gesehen!

DER ZWEITE RICHTER

Den Mörder ihres Vaters haben sie gesehen. Der sind Sie. Sie -- sein Sekretär. Tischen Sie uns das alberne Märchen nicht nochmals auf. Und hätte die Koralle nicht die mächtige Beweiskraft, die sie hat, dies entlarvt Sie: die Sie mit so dreister Stirn für Ihre Kinder ausgeben, die stoßen Sie als einen Fremden zurück!

MILLIARDÄR

undurchdringlich.

Das -- genügt nicht.

DER ZWEITE RICHTER

Wissen Sie das sicher? Weil Sie kein Geständnis ablegen? Das erlassen wir Ihnen jetzt. Hüllen Sie sich weiter in Ihr monumentales Schweigen. Jetzt werden wir gesprächig! (Er winkt dem Wärter.)

Wärter führt den Milliardär rechts ab.

DER ZWEITE RICHTER

telephoniert.

Ich bitte um Ablösung. (Laut.) Jawohl -- Ablösung! (Aufgeregt auf und ab. Aufstampfend.) Das ist doch --!

DER ERSTE RICHTER

rasch von hinten.

DER ZWEITE RICHTER

Sie glaubten wohl, sich verhört zu haben? Nein, es geht so weiter. Dem Mann ist nicht beizukommen. Ohne Zucken erträgt er die Gegenüberstellung -- und beklagt sich noch, daß man ihm das Du verweigert!

DER ERSTE RICHTER

liest im Protokoll.

DER ZWEITE RICHTER

Ich denke, wir sind fertig!

DER ERSTE RICHTER

Nein! -- Das lockt mich. Ich rücke ihm auf den Leib. (Sich vor die Stirn schlagend.) Das ist ja auch ganz einfach!

DER ZWEITE RICHTER

Wurden Sie im Schlaf erleuchtet?

DER ERSTE RICHTER

Wütend bin ich!

DER ZWEITE RICHTER

Erfinderisch macht dieser Zustand schwerlich.

DER ERSTE RICHTER

In den Milliardär hat er sich eingelebt.

DER ZWEITE RICHTER

Das steht fest.

DER ERSTE RICHTER

Also muß er aus dem Milliardär wieder heraus --

DER ZWEITE RICHTER

Hokuspokus eins zwei drei.

DER ERSTE RICHTER

-- und in den Sekretär hinein!

DER ZWEITE RICHTER

Der Kunstgriff, den Sie dazu anwenden?

Wärter kommt von rechts und schaltet die Bogenlampe aus.

DER ERSTE RICHTER

Er muß ganz neu geboren werden! -- Ja ja, ich lege ihn wieder in die Wiege und lasse ihn vergnügt strampeln und krähen. Der Milliardär ist noch gar nicht in seine Existenz getreten -- das ist ein späteres Kapitel, das ich mit keiner Silbe erwähne. Ich baue ihm sein Leben bis zu diesem Punkte lückenlos auf und wickle ihn in Jugenderinnerungen so sanft und allmählich ein, daß er ganz vergißt, warum er hier steht. (Nach einem Schriftstück greifend.) Das Material haben wir da -- es ist bis in Kleinigkeiten zusammengetragen. Seine Vergangenheit bietet ein auffallend helles Bild -- so ist auch der Kern nicht verhärtet. Der Mann wird windelweich, wenn ich ihm das Buch seiner guten Zeiten aufschlage!

DER ZWEITE RICHTER

Er hat sich vor den Kindern seines Opfers nicht gescheut --

DER ERSTE RICHTER

Kinder stehen außerhalb. Zuletzt lebt man nur sich selbst.

DER ZWEITE RICHTER

Ich würde ja auch ungern das Protokoll ohne Ergebnis abliefern.

DER ERSTE RICHTER

Mein Versuch kann, wie jeder andere bisher, scheitern -- aber in solchem Zurückgreifen liegt eine suggestive Kraft.

DER ZWEITE RICHTER

Wollen Sie die Brille?

DER ERSTE RICHTER

Diesmal bei gedämpftem Licht. (Zum Wärter.) Schalten Sie nicht ein. Bringen Sie ihn. (Wärter rechts ab.) Schon das wird ihm eine Wohltat sein. Und für das andere finde ich den rechten Großmuttermärchenton.

DER ZWEITE RICHTER

Und der böse Wolf kommt zum Schluß.

DER ERSTE RICHTER

Der muß den Mörder packen!

DER ZWEITE RICHTER

hinten ab.

Wärter führt den Milliardär ein.

DER ERSTE RICHTER

in das Schriftstück vertieft.

Diese Tierliebhaberei ist köstlich. (Aufblickend zum Milliardär.) Hatte es denn das schwarze Fleckchen mitten auf der Stirn?

MILLIARDÄR

hebt horchend den Kopf.

DER ERSTE RICHTER

Das Hündchen, das Sie vom Ersäufen gerettet haben?

MILLIARDÄR

biegt sich auf.

DER ERSTE RICHTER

War der Fluß an dieser Stelle seicht? Mit zehn Jahren wagt man sich doch nicht weit ins Wasser.

MILLIARDÄR

atmet rauschend.

DER ERSTE RICHTER

Das Flüßchen wird wohl keine reißende Strömung gehabt haben, das am Städtchen vorübertreibt. Oder gab es im Frühling Hochwasser?

MILLIARDÄR

wiegt eigentümlich den Oberkörper.

DER ERSTE RICHTER

Dann schossen die Fluten mit allerlei Fracht von entwurzeltem Gesträuch und Grasbüscheln dahin. Manchmal traten sie über die Ufer und drangen in die Keller. Da hieß es die Vorräte bergen. Das gab immer ein lustiges Rettungswerk. Was da alles zum Vorschein kam! Vater und Mutter griffen zu -- und der Sohn leistete natürlich die wichtigste Hilfe. Er stand überall im Wege! Aber von Ihrer Unentbehrlichkeit waren Sie fest überzeugt?

MILLIARDÄR

nickt langsam.

DER ERSTE RICHTER

Ja -- solch ein kleines Städtchen hat seine Katastrophen. Jeden Tag etwas anderes. Der Wind reißt einem die Mütze weg und fährt damit um die Ecke -- (Rasch.) Hatten Sie grüne Schulmützen?

MILLIARDÄR

mit rieselndem Lächeln.

Ich -- --

DER ERSTE RICHTER

Erinnern Sie sich nicht mehr deutlich an die Farbe?

MILLIARDÄR

-- -- habe so viel vergessen!

DER ERSTE RICHTER

beobachtet ihn scharf. -- Nach einer Pause.

Dauert Sie das nicht? Ich meine, man denkt doch gern an freundliche Eindrücke, die man einmal gehabt hat. Die sind doch schließlich unverwüstlicher Besitz. Und gerade Sie haben doch allen Grund, sich an hellen Bildern der Vergangenheit zu erquicken. Ja, Sie haben eine beneidenswerte Jugend genossen. (Das Schriftstück aufblätternd.) Da liest man mit Vergnügen!

MILLIARDÄR

sieht hin.

DER ERSTE RICHTER

Da ist alles Licht -- Sonne, Sonne -- Licht. Kein Schatten richtet sich auf. (Aufblickend.) Sie müssen doch Ihren Eltern unaussprechlich dankbar sein?

MILLIARDÄR

mit fast singender Stimme.

Meine Eltern -- --

DER ERSTE RICHTER

Die breiteten ihre Hände über ihr einziges Kind! Haben Sie jemals einen Schlag erhalten?

MILLIARDÄR

Habe ich -- -- niemals einen Schlag erhalten?

DER ERSTE RICHTER

Ja, das müssen Sie mir sagen!

MILLIARDÄR

Ja -- -- Sie müssen es mir sagen!

DER ERSTE RICHTER

sieht ihn erstaunt an. Dann humoristisch.

Schlagen wir also das Buch der Vergangenheit auf. Kapitel eins: Elternhaus. Freundliche Kleinstadt -- in grün gebettet. Vater -- Pfarrer. Sehen Sie ihn vor sich?

MILLIARDÄR

vor sich hintastend.

-- in grün gebettet -- -- Vater -- -- Pfarrer -- --

DER ERSTE RICHTER

Kapitel zwei: der Sohn wird geboren und ist Mittelpunkt des pfarrhäuslichen Lebens. Mit jeder Sorge ist man um ihn bemüht. Er gedeiht gesund. -- An diese früheste Kindheit werden Sie sich kaum erinnern?

MILLIARDÄR

Jetzt -- -- kenne ich sie!

DER ERSTE RICHTER

Aber mit dem nächsten Abschnitt kommen Sie ins Fahrwasser. Die Schulzeit. Das Gymnasium ist nicht groß -- wenige Schüler, unter denen Sie der beste sind. Das Lernen fällt Ihnen leicht -- Sie stoßen nicht auf Widerstände -- und so hat auch diese Epoche keinen Stachel für Sie. -- Oder gibt es eine dunkle Wolke?

MILLIARDÄR

Wenn -- -- Sie es nicht wissen!

DER ERSTE RICHTER

Schön, es gibt also keine. Weiter. Damit war der Rahmen gezeichnet, in dem Sie sich damals bewegten. Es wurde Ihnen von Hause aus wie selten einem jungen Menschen leicht gemacht -- und Ihre Anlagen kamen den Absichten Ihrer Eltern auf halbem Wege entgegen. Sie entwickelten in selten hohem Maße die Fähigkeit, ein glücklicher Mensch zu sein. Kein schöneres Bild, als diese vollkommene Übereinstimmung von Mensch und Umgebung. Da gibt es kein erschütterndes Erlebnis, das das Blut vergiftet. Tag reiht sich an Tag wie die Blumenkette, die Kinder binden! -- -- -- -- (Eindringlich.) Flutet es nicht warm über Ihr Herz, wenn Sie dies Evangelium Ihrer Vergangenheit von mir erzählen hören? Es muß doch ein sehnsüchtiges Verlangen in Ihnen wach werden -- nach diesem Paradiese, in dem Sie -- bevorzugt vor so vielen -- wandeln durften? Behütet und geliebt -- vor jedem Stoß, den andere schon in diesem Alter erleiden, bewahrt. Blicken Sie nicht in einen kristallklaren See, dem man bis auf den Grund sieht -- und auch da nichts findet als runde und blanke Kiesel? -- Sagen Sie zu Ihrer glücklichen Vergangenheit ja -- und retten Sie sich das beste, was man besitzen kann!

MILLIARDÄR

wie unter Schauern von Glück zitternd.

-- -- das beste -- -- was man besitzen kann -- --

DER ERSTE RICHTER

in Erregung geratend.

Sagen Sie ja zu dieser Vergangenheit?

MILLIARDÄR

hinhauchend.

-- -- ja -- -- ja -- -- ja -- --!

DER ERSTE RICHTER

Jetzt unterschreiben Sie Ihre Bekundung!

MILLIARDÄR

schon die Hände aufhebend.

Ja!

DER ERSTE RICHTER

zum Wärter.

Befreien Sie die Hand! (Zum Milliardär.) Ihre Zustimmung hat Sie überführt, diese Vergangenheit gehört dem Sekretär. Sie sind der Sekretär. (Da der Milliardär zögert.) Ich sage Ihnen das, damit Sie die richtige Unterschrift leisten: die des Sekretärs!

MILLIARDÄR

schreibt in die Luft.

DER ERSTE RICHTER

Was machen Sie denn? Sind Ihnen Ihre eigenen Schriftzüge nicht mehr erinnerlich?

MILLIARDÄR

unterschreibt.

DER ERSTE RICHTER

Die Untersuchung ist abgeschlossen. Ich hoffe, daß Sie zu dem früheren Ableugnen Ihrer Person nicht wieder zurückkehren. Es wäre von jetzt an zwecklos! (Er gibt dem Wärter ein Zeichen.)

MILLIARDÄR

vom Wärter nach rechts geführt.

-- -- das beste -- -- das beste -- -- (Ab.)

DER ERSTE RICHTER

steht noch nachdenklich. Dann telephonierend.

Umfassendes Geständnis!

DER ZWEITE RICHTER

kommt hinten.

Das klingt wirklich wie ein Märchen! (Er liest im Protokoll.) Das ist ja glatt gegangen. Hatte er denn die Falle nicht gesehen, in die Sie ihn lockten?

DER ERSTE RICHTER

grübelnd.

Finden Sie nicht, daß das merkwürdig ist?

DER ZWEITE RICHTER

Er war übermüdet.

DER ERSTE RICHTER

Den Eindruck hatte ich nicht: er lebte förmlich auf, als ich ihm seine Vergangenheit erzählte!

Wärter kommt rechts.

DER ERSTE RICHTER

rasch.

Hat er mir eine Mitteilung zu machen?

DER ZWEITE RICHTER

Will er nicht schon wieder der andere sein?

WÄRTER

Nein.

DER ZWEITE RICHTER

Ist er zusammengeklappt?

WÄRTER

Er steht aufrecht und sieht nach oben und murmelt etwas.

DER ERSTE RICHTER

Wie er hier stand -- -- im Traum -- --

DER ZWEITE RICHTER

nach einem Schweigen.

Jedenfalls wird es für ihn ein scheußliches Erwachen geben!

FÜNFTER AKT

Kleines Hofgeviert: auf den Schachtgrund umstehender Gefängnismauern gesenkt. Karge Grasnarbe mit fester Eisenbank in der Mitte. Eine niedrige Tür links und eine schmale hohe Tür hinten.

Wärter führt den Milliardär -- nun Sträfling in schwarzem Leinenkittel mit rotem Halsrand -- von links ein.

MILLIARDÄR

Der Vorhof des Todes?

WÄRTER

Sie haben hier noch eine Stunde.

MILLIARDÄR

nickt.

Das letzte Stündchen hat geschlagen. (Sich umsehend.) Milde Gepflogenheit -- -- über Grün tappen die Füße -- -- und oben strömt Himmels Blau! Erst schwerste Strafe öffnet Beglückung. (Er steht reglos.)

WÄRTER

Sollen Besucher kommen?

MILLIARDÄR

Sind Neugierige da? Ich sträube mich nicht.

WÄRTER

links ab.

MILLIARDÄR

setzt sich auf die Bank.

WÄRTER

läßt den Herrn in grau ein. Wärter ab.

DER HERR IN GRAU

hat eine offensichtliche Wandlung durchgemacht: Sein Anzug -- in Farbe wie früher -- ist von tadellosem Schnitt; helle Gamaschen über Lackstiefeln, grauer stumpfer Zylinder, weiße Glacés mit schwarzen Raupen. -- Rasch auf den Milliardär zugehend und ihm die Hand hinstreckend.

Noch nicht zu spät. Das ist ein wahres Glück. Ich wäre gern früher erschienen, aber die Geschäfte --! Schwefelgrube -- wuchtige Sache. Ausbeute jährlich -- -- Von Rentabilität und Dividende sind Sie ja wohl augenblicklich einigermaßen entfernt. Das ist auch nicht der Gegenstand, von dem ich Sie zu unterhalten beabsichtige -- ich wollte Ihnen danken!

MILLIARDÄR

Ich wüßte nicht --

DER HERR IN GRAU

Sie gestatten, daß ich neben Ihnen Platz nehme -- auf dem Armesünderbänkchen. Man hat doch wenigstens einmal ein ruhiges Viertelstündchen. Also von ganzem Herzen Dank -- Dank -- und Dank!

MILLIARDÄR

Wenn Sie mir sagen würden --

DER HERR IN GRAU

Ich bin der Herr in grau, dem Sie damals die Unterschrift verweigerten unter ein Manifest, das mit einem Schlage der Welt die Harmonie schenken sollte. Sie ließen sich herbei -- daß Sie sich die Zeit nahmen, bewundere ich heute am meisten -- ich hätte sie nicht! -- mir die Aussichtslosigkeit meines beglückenden Projektes zu demonstrieren. Ihre Argumente trafen mich wie Keulenhiebe -- und ich verließ »das heiße Herz der Erde«, einen Fluch nach Ihnen schleudernd, kräftig genug, um einen Stier zu fällen. Dämmert es?

MILLIARDÄR

mit dünnem Lächeln.

Sie irren sich.

DER HERR IN GRAU

Ich verwünschte Sie schnurstracks in den Höllenpfuhl!

MILLIARDÄR

Mich nicht --

DER HERR IN GRAU

Fühlten Sie sich nicht getroffen?

MILLIARDÄR

Weil Sie jene Unterredung mit dem Milliardär hatten.

DER HERR IN GRAU

lacht unbändig.

Vor mir brauchen Sie Ihre Rolle nicht zu spielen. Stecken Sie den Sekretär in die Tasche. Oder haben Sie keine in diesem Schlafrock für die ewige Nacht? (Ihm auf die Schulter klopfend.) Sie bleiben mein Mann auf der Flucht vor dem Furchtbaren!

MILLIARDÄR

erschrocken.

Sprechen Sie leise!

DER HERR IN GRAU

Keine Angst, ich will Sie weder verraten noch befreien. Zu solcher Undankbarkeit hätte ich nicht den mindesten Anlaß. Sind Sie mit mir zufrieden?

MILLIARDÄR

Sie sind der einzige --

DER HERR IN GRAU

Ihr Prozeß hat mir Vergnügen gemacht. Um keinen Preis hätte ich Sie gestört. Das war ein Geniestreich, sich in den Sekretär bugsieren zu lassen und den süßen Teller seiner blanken Vergangenheit zu schlecken. Ich habe Sie ordentlich schmatzen hören, als man Ihnen endlich die herrliche Mahlzeit einflößte. Ist Ihnen jetzt wohl im Magen?

MILLIARDÄR

Es war die Rettung --

DER HERR IN GRAU

Als der Sohn -- diese erhoffte schönere Wiedergeburt in Friede und Freude -- sich abwärts bewegte!

MILLIARDÄR

Still davon!

DER HERR IN GRAU

Aber Sie haben doch nichts mehr zu fürchten. Und vom festen Ufer blickt man doch mit einer gesunden Schadenfreude auf das tobende Meer unter sich zurück. Sie haben sich geborgen -- und in wenigen Minuten kann es Sie den Kopf nicht mehr kosten. Davor sind Sie ganz sicher!

MILLIARDÄR

Weshalb danken Sie mir?

DER HERR IN GRAU

Sagt Ihnen das ein flüchtiger Blick auf meinen äußeren Menschen nicht?

MILLIARDÄR

Sie sind mit einiger herausfordernder Feinheit gekleidet.

DER HERR IN GRAU

Nur zur Illustrierung inneren Aufbaus. Ich bin auf der Flucht.

MILLIARDÄR

Wovor -- Sie?

DER HERR IN GRAU

Vor Ihrer Weltordnung!

MILLIARDÄR

Wollen Sie mich nicht wieder verwünschen?

DER HERR IN GRAU

Ich segne Sie. Aus rosenroten Wolken haben Sie mich auf die platte Erde gestellt. Auf beiden Füßen wuchte ich kerzengerade. Ihr Gesetz herrscht: wir fliehen! Wehe dem, der strauchelt. Zertreten wird er -- und über ihn weg tobt die Flucht. Da gibt es keine Gnade und Erbarmen. Voran -- voran! -- hinter uns das Chaos!

MILLIARDÄR

Und erreichten Sie schon einen Vorsprung?

DER HERR IN GRAU

Ein folgsamer Schüler war ich. Reichtum häufe ich und stelle diesen blinkenden Berg zwischen mich und die anderen. Ungeheure Energien sind entwickelt, wenn man das Gesetz weiß. Man rennt noch im Schlafe und mit fertigen Projekten springt man morgens vom Bett. Es ist die wilde Jagd. Gott sei Dank, daß Sie Ihr Geheimnis nicht mit hinübernehmen -- jetzt kann ich der Menschheit das wahre Heil verkünden!

MILLIARDÄR

Wollen Sie das tun?

DER HERR IN GRAU

Es ist geschehen. Mein Abfall wirkt aufrüttelnd. Alle Verbände sind gesprengt, der Kampf wütet auf der ganzen Linie. Jeder gegen jeden schonungslos!

MILLIARDÄR

Und sehen Sie ein Ziel, nach dem Sie stürmen?

DER HERR IN GRAU

Lächerlich, es gibt keins!

MILLIARDÄR

Es gibt schon eins.

DER HERR IN GRAU

sieht ihn verblüfft an.

Foltern Sie mich nicht!

MILLIARDÄR

Das liegt am Anfang!

DER HERR IN GRAU

lacht dröhnend.

Ja -- Sie sind ein Glückspilz. Sie können sich über uns lustig machen. Sie haben allerdings die Ursache beseitigt, die zum Rennen aufscheucht. Aber es bleibt ein Einzelfall: so komplette Doppelgänger können sich nicht alle leisten! -- Außerdem, ich will Ihnen etwas verraten. (Eine Geste rund um den Hals vollführend.) Die meisten würden auch die Kosten scheuen!

MILLIARDÄR

Nennen Sie diesen Preis hoch?

DER HERR IN GRAU

aufstehend.

Das veranschlagen Sie wohl am besten nach eigenem Ermessen. Zimperlich sind Sie ja nie gewesen, wenn man Ihnen eine Rechnung präsentierte! -- Ich würde mich gern länger aufhalten, aber -- auch Ihre Zeit ist beschränkt. Jedenfalls macht es Ihnen eine kleine Freude, daß Ihre große Entdeckung nicht mit Ihnen verschwindet. (Er streckt ihm beide Hände hin.) Also Kopf hoch!

MILLIARDÄR

Solange es dauert.

DER HERR IN GRAU

lacht -- seinen Hut schwenkend.

Auf Wiedersehen!

MILLIARDÄR

Wo?

DER HERR IN GRAU

Allerdings -- für diesen Fall hat man die Grußformel nicht gleich zur Hand!

Wärter öffnet hinten, Herr in grau ab.

MILLIARDÄR

sitzt unbeweglich -- das Kinn auf den Handrücken.

Wärter läßt den Sohn ein. Wärter ab.

SOHN

zögert -- geht dann rasch zum Milliardär, streckt ihm die Hand hin.

Ich bin gekommen -- um Ihnen zu verzeihen.

MILLIARDÄR

sieht langsam zu ihm auf.

SOHN

Erkennen Sie mich nicht?

MILLIARDÄR

-- Doch.

SOHN

Mein Entschluß überrascht Sie. Vielleicht ist es sonderbar, daß ein Sohn das tut. Es ist das geringste. Ich will Sie retten.

MILLIARDÄR

Halten Sie Strickleiter und Steigeisen bereit?

SOHN

Ich will Sie als meinen Vater anerkennen!

MILLIARDÄR

steht auf und geht hinter die Bank.

SOHN

Machen Sie es mir nicht schwerer, als es mich schon drückt. Ich bin schuldig wie Sie. Weil ich die Waffe auf ihn gerichtet hatte. Die Kugel hatte ich für ihn bestimmt. Wer abdrückte, blieb gleich.

MILLIARDÄR

Das ist mir unverständlich.

SOHN

Glauben Sie an meine Schuld -- und lassen Sie mich nicht in diesen gräßlichen Dingen wühlen.

MILLIARDÄR

Haben Sie einmal gedacht -- was ich getan habe?

SOHN

Was jeder tun muß, wenn er den Wahnsinn in Macht tanzen sieht.

MILLIARDÄR

War Ihr Vater wahnsinnig?

SOHN

Macht ist Wahnsinn!

MILLIARDÄR

Ja -- er war mächtig.

SOHN

Und schuldig! Hinter Ihrer Schuld steht seine -- riesengroß und unauslöschlich. Sie sind sein Opfer, wie ich es bin -- wie alle mit irgendeinem Gedanken!

MILLIARDÄR

Wollen alle töten?

SOHN

Sie müssen es, der Zwang ist unabweislich. Die Versuchung ist von denen, die sich emporwerfen, geschaffen. Mit Gewalt erheben sie sich -- mit Gewalt werden sie heruntergerissen!

MILLIARDÄR

Sie machen es sich leicht --

SOHN

Empfing ich nicht die letzte Bestätigung von Ihnen? Ich kenne Ihr Leben -- ich habe atemlos die Berichte gelesen. Die reinste Kindheit und das freundlichste Jünglingsalter haben Sie gelebt -- wo zeigt sich eine Anlage zur Gewalttätigkeit?

MILLIARDÄR

Auch Sie haben die reinste Kindheit --

SOHN

Und griff zur Waffe. Ich wollte aus aufwallendem Gerechtigkeitsgefühl strafen -- Sie sich bereichern. Erst der Anblick von Gewalt riß Sie hin. Das Beispiel hatte Ihnen mein Vater, der immer rücksichtslos handelte, gegeben -- und solange es solche Beispiele gibt, werden wir versucht!

MILLIARDÄR

Wollen Sie die bösen Beispiele ausrotten?

SOHN

Mit Ihrer Hilfe!

MILLIARDÄR

Was kann ich dazu tun?

SOHN

Sie sollen auf Ihren Platz, der Sie über andere stellt, verzichten und zu uns herabsteigen!

MILLIARDÄR

Dazu müßte Ihr Vater leben.

SOHN

Ich werde zum Richter gehen und erklären, daß ich Sie nach dieser Unterredung als meinen Vater erkannt habe!

MILLIARDÄR

Und die Koralle?

SOHN

Nichts darf im Wege stehen. Die Aufgabe ist ungeheuer. Es gibt kein Bedenken. Es dreht sich um das Schicksal der Menschheit. Wir vereinen uns in heißer Arbeit -- und in unserem unermüdlichen Eifer sind wir verbunden wie Vater und Sohn!

MILLIARDÄR

schüttelt den Kopf.

Nein -- so kann ich mich nicht verleugnen.

SOHN

Wenn es um Ihr Leben geht?

MILLIARDÄR