Die Koralle: Schauspiel in fünf Akten

Part 3

Chapter 33,674 wordsPublic domain

Als ich meine Hände von der kochenden Brust des gelben Heizers aufhob, waren sie gezeichnet. Das Mal ist in meinem Blut bis zum Herzen zurückgesunken. Ich habe nicht mehr eine Wahl. Ich fühle die Bestimmung. Ich unterwerfe mich auch willig. Den Platz sollst Du mir anweisen, wo ich es erfülle.

MILLIARDÄR

Was willst Du tun?

TOCHTER

Schicke mich zu den Elendesten, die krank liegen. Die in Deinen Fabriken verunglückten. Ich will sie pflegen.

MILLIARDÄR

Du weißt nicht, was Du sagst.

TOCHTER

Ja, Du kannst erst meiner Tat Glauben schenken. Ich will zum Schacht, in dem sich die Katastrophe ereignete.

MILLIARDÄR

Was ist das für eine Katastrophe?

TOCHTER

Du hast den Aufruhr selbst beschwichtigt.

MILLIARDÄR

Wer trägt Dir das zu?

TOCHTER

Berichte in Zeitungen sind unterdrückt. Du bist ja mächtig.

MILLIARDÄR

starrt sie an. -- Nach einer Pause.

Laß es. (Er steht auf, tritt dicht vor sie.) Mit Worten will ich Dich nicht bitten. Du hast hundert Worte gegen meine. Es ist ein ungleicher Streit. Vater und Tochter -- damit ist der Ausgang entschieden. (Er nimmt ihre Hände, betrachtet sie.) Nein -- nein. So schmal -- so schwach. (Ihrer Widerrede kopfschüttelnd begegnend.) Ja, ja -- stark und hart, ich weiß allein, wozu: -- einen Turm zu stürzen -- Trümmer zu häufen -- Opfer zu verschütten. Soll ich Dir sagen, wer das Opfer ist?

TOCHTER

Ich verstehe Dich jetzt nicht.

MILLIARDÄR

Willst Du mich opfern?

TOCHTER

sieht verwundert zu ihm auf.

MILLIARDÄR

So kehre um. Du findest Deine Aufgabe, die Dir näher liegt. Erscheint sie Dir gering -- mich dünkt sie wichtig, weil sie Deinem Vater gilt.

TOCHTER

entzieht ihm ihre Hände.

Ich habe kein Recht, während andere --

MILLIARDÄR

Vater und Tochter -- nicht den Streit! Nur Bitte um Bitte!

TOCHTER

Ich danke Dir heute für Jahre heller Jugend --

MILLIARDÄR

Mit heller Zukunft!

TOCHTER

stark.

Die in meiner neuen Pflicht leuchtet! (Sie steht auf, reicht ihm die Hand.) Mein Entschluß ist mir so leicht geworden. Willst Du es mir schwer machen, wenn ich ihn ändern soll?

MILLIARDÄR

nimmt ihre Hand nicht.

Wohin gehst Du jetzt?

TOCHTER

Zu meinen Schwestern und Brüdern.

MILLIARDÄR

tonlos.

Dahin gehst Du -- --

TOCHTER

Wirst Du mich bei den Ärmsten der Armen kennen?

MILLIARDÄR

gegen den Schreibtisch gestützt.

Dahin -- --

TOCHTER

zögert noch -- wendet sich zur Tür.

Der Diener öffnet.

Tochter ab.

MILLIARDÄR

stockend -- mit scheuer Geste.

Dahin -- -- dahin -- -- dahin -- -- -- -- (Dann rafft er sich auf -- klingelt.)

SEKRETÄR

tritt ein.

MILLIARDÄR

Der Schacht soll geschlossen werden!

SEKRETÄR

notiert.

MILLIARDÄR

Nein! (Sich an die Stirn greifend.) Hier oder da -- man kann es nicht wegblasen -- die Macht hat keiner! (Fest zum Sekretär.) Meine Tochter wird sich Samariterdiensten widmen. Sie werden ihr auf dem Schacht begegnen und überall, wo es in meinen Fabriken Unfälle gab. Verleugnen Sie sie -- ich kenne meine Tochter nicht!

SEKRETÄR

Ist Ihre Tochter von der Koralle unterrichtet?

MILLIARDÄR

Nein, außer den beiden Dienern niemand. (Sachlich.) Wir hatten vorhin unterbrochen.

SEKRETÄR

liest von seinem Notizblock.

Am Nachmittag vertrete ich Sie in der vierundzwanzigsten Fabrik.

MILLIARDÄR

Morgen Mittag nehme ich an der Versammlung der Missionsgesellschaft in der ersten Hälfte selbst teil, in der man mich zum Ehrenpräsidenten ernennt. Sie kommen um 2 Uhr im Automobil. Ich werde unter dem Vorwande, eine Mappe zu holen, die Sitzung verlassen. Sie kehren dann für mich zurück und verlesen die Stiftungen, die ich mache. Ich gebe Ihnen die Mappe. (Er sucht sie in einer Schreibtischlade.)

Die grüne Lampe flammt auf.

SEKRETÄR

Ein Anruf.

MILLIARDÄR

rasch hoch -- starrt auf die Lampe.

SEKRETÄR

Soll ich die Mappe nachher --

MILLIARDÄR

heftig.

Bleiben Sie hier! -- Gehen Sie. Ja -- später.

SEKRETÄR

ab.

MILLIARDÄR

nimmt langsam den Hörer auf.

-- -- Wer? -- -- -- -- (Er läßt ihn aus lockeren Fingern auf die Tischplatte fallen. Mit unsicherem Munde.) Mein -- Sohn.

Der Diener läßt rechts den Sohn ein. Diener ab.

MILLIARDÄR

richtet sich straff auf und geht ihm entgegen.

Ich habe Dich in den letzten Tagen nicht gesehen.

SOHN

Seit --

MILLIARDÄR

Ich frage nicht, wo Du Dich aufhältst. Die Zeit ist vorbei, wo ich Dich beaufsichtige. Rechtfertige Dich vor Dir selbst in jedem, was Du tust. Du bist erwachsen.

SOHN

Du machst es mir leicht --

MILLIARDÄR

Vielleicht war es wichtig, Dir das zu sagen. Kommst Du deshalb?

SOHN

Der Anlaß --

MILLIARDÄR

So will ich auch hier nicht in Dich dringen. Setze Dich. Es ist in diesem werktagstrengen Raum --

SOHN

Von dem Du mich eifersüchtig ferngehalten hast.

MILLIARDÄR

Reizt es Dich meinen Platz einzunehmen?

SOHN

Nicht Deinen --!

MILLIARDÄR

Ich biete ihn Dir nicht an. Ich bin noch nicht müde. Die Fäden liegen straff in meinen Fingern. Ich will -- ich kann arbeiten. Der Nachfolger meldet sich zu früh. Du wirst mich heute und morgen nicht entthronen.

SOHN

Die Absicht bringe ich nicht mit.

MILLIARDÄR

Aber es wird Dir helfen, Dir Dein Leben einzurichten.

SOHN

Du engst mir das Gebiet ein.

MILLIARDÄR

Es bleibt Dir nur diese Möglichkeit. Die Arbeit ist mein Teil.

SOHN

Ich weiß, wie Du fortfahren willst.

MILLIARDÄR

Du siehst, die Tore sind fest verrammelt.

SOHN

Und weil ich gezwungen bin, beruhige ich mein Gewissen?

MILLIARDÄR

Auch Dir ist ein Zwang auferlegt!

SOHN

(nach einer Pause.) Willst Du mir auf Fragen, die mich brennen, antworten?

MILLIARDÄR

Nachdem wir eben unsere Grenzen scharf gezogen haben -- ja.

SOHN

So tiefe Widersprüche klaffen in Deinem Handeln.

MILLIARDÄR

Mit mir hast Du Dich beschäftigt?

SOHN

Ich kann mich nur noch mit Dir beschäftigen.

MILLIARDÄR

Wodurch wurde ich Dir unversehens interessant?

SOHN

Dieser ungeheure Reichtum, den Du angesammelt hast --

MILLIARDÄR

Ich erwähnte schon meine Arbeitskraft.

SOHN

Das ist nicht Arbeitskraft, das ist --

MILLIARDÄR

Wo liegt da das Rätsel?

SOHN

Hier die rücksichtslose Ausbeutung -- und dort die unbeschränkte Mildtätigkeit, die Du übst. Das »heiße Herz der Erde« -- -- und dieser Stein, den Du in Deinem Innern tragen mußt!

MILLIARDÄR

Das Rätsel möchte ich Dir nicht lösen.

SOHN

Weil Dich die Scham abhält, es Dir einzugestehen!

MILLIARDÄR

Es soll mein Geheimnis bleiben.

SOHN

Ich zerre an dem Schleier, hinter dem Du Dich versteckst. Du kennst den Frevel Deines Reichseins und betäubst Dich mit diesem »offenen Donnerstag«!

MILLIARDÄR

Die Erklärung würde nicht genügen.

SOHN

Nein, diese Gaben sind lächerlich, die Du austeilst. Du bezahlst damit nicht das Blut --

MILLIARDÄR

Vergieße ich das?

SOHN

Nein, das sind Unglücksfälle. Aber Du drohst mit Blutvergießen, wenn sie einmal aufschreien!

MILLIARDÄR

Sahst Du das?

SOHN

Jetzt muß ich Dir bekennen, wozu es mich gestern fast hingerissen hat!

MILLIARDÄR

Was war gestern?

SOHN

Ich war im Hof am Schacht, als Du sprachst. Du mußtest ja selbst auftreten, um den Aufruhr zu unterdrücken. Ich war unten in der fahlen Menge -- und sah Dich oben hinter den drohenden Gewehren dastehen. So kalt und fern. Deine Worte klatschten wie Eisstücke auf die Versammlung nieder. Keiner wagte mehr einen Ausruf. Bis Du die Schließung des Betriebs androhtest, die Tausende -- Frauen und Kinder -- dem Hunger auslieferte. Da tat einer den Mund auf!

MILLIARDÄR

Du warst es, der --

SOHN

Der Mörder rief! -- Das ist noch nicht das letzte.

MILLIARDÄR

Ich hörte nichts weiter.

SOHN

Hätte ich vergessen können, daß da oben mein Vater stand -- (Er greift in die Tasche und legt einen Revolver auf den Tisch.) Ich will mich nicht zum zweitenmal versuchen lassen.

MILLIARDÄR

schiebt den Revolver beiseite.

Du hättest mich nicht getroffen.

SOHN

Ich wollte treffen.

MILLIARDÄR

kopfschüttelnd, lächelnd.

Mich nicht. So kann dies nicht als Schatten zwischen uns stehen. (Er streckt ihm die Hand hin.) Es braucht Dich nicht zu quälen.

SOHN

starrt ihn an.

Bläst Du das fort wie ein Staubkorn, das auf Deinen Rock wehte?

MILLIARDÄR

Nicht auf meinen Rock.

SOHN

Vergessen und vergeben?

MILLIARDÄR

So habe ich Dir auch nichts zu vergeben.

SOHN

Nein, Du nicht. Das kann ja auch ein anderer nicht. Das nicht. Die Buße wählt man sich selbst. Ich will sie mir so schwer machen, daß ich am letzten Tage vielleicht die Augen wieder aufschlagen kann.

MILLIARDÄR

Zu mir?

SOHN

Nein. Du nimmst mich heute schon auf. Du willst keine Zeit verlieren.

MILLIARDÄR

Wen setzt Du Dir zum Richter?

SOHN

Den letzten Deiner Arbeiter.

MILLIARDÄR

Was soll das heißen?

SOHN

Bis noch einer durch Not schuldig werden kann, stehe ich da unten!

MILLIARDÄR

Im Aufruhr?

SOHN

Im Frieden, der sich ausbreitet, wenn ich nicht mehr sein will, als andere!

MILLIARDÄR

schiebt ihm den Revolver hin.

Jetzt ist es Zeit! (Er dreht das Gesicht von ihm weg.)

SOHN

springt auf und läuft zu ihm.

Sage mir doch, warum alles so ist! -- -- Sage es mir doch!

MILLIARDÄR

Komm mit. (Er führt ihn vor die Photographien.) Siehst Du das? Graue Fabriken. Enge Höfe! (Zum großen Fenster hinten tretend.) Siehst Du das? Schlote -- Schlote. Wo ist Erde -- Grashalme -- Gesträuch? -- -- Daher komme ich! -- -- Kennst Du mein Leben? -- -- Ich habe es Dir unterschlagen. In den Schulen wird es gelesen. -- Ich habe Dir ein anderes Leben gegeben. Ich habe Dich in allem ein anderes Leben leben lassen. Nicht meins! -- -- Aus nichts bin ich geworden, so schreiben sie in den Büchern! -- Aus jeder Not habe ich mich aufgeschwungen, so erzähle ich Dir jetzt. Ich habe es nicht vergessen. Ich habe mich keine Stunde einschläfern lassen. Mit diesen Bildern habe ich mich umstellt -- diese Wand habe ich offen gehalten, damit es sich nicht verdunkeln kann --: es soll mich aufscheuchen aus Ermüdung und Rast. Das gellt mir Mahnung und Warnung ins Blut: nur nicht dahinab -- -- nicht dahinab!

SOHN

von ihm zurücktretend.

Du -- --

MILLIARDÄR

Ich kann Dich warnen. Mir wirst Du glauben. Mir hat es Vater und Mutter verschlungen -- nach mir wollte es greifen -- -- ich bin entlaufen!

SOHN

Du kennst -- --

MILLIARDÄR

Dich hat ein Augenblick verstört -- mich hat es ein Leben lang geschüttelt. So furchtbar ist das Leben! -- -- Willst Du dahinab?

SOHN

Das letzte reißt Du mir aus den Händen --

MILLIARDÄR

Was ist das?

SOHN

Was Dich entschuldigt: die Qual der anderen wäre Dir fremd!

MILLIARDÄR

Den Schrei trage ich in meiner Brust!

SOHN

Bist Du -- ein Tiger?! Mehr --: der weiß nicht, was er tut. Du kennst die Qual Deiner Opfer -- -- und -- -- -- -- (Er faßt den Revolver -- legt ihn wieder hin.)

MILLIARDÄR

Ich oder ein anderer --

SOHN

Jeder ist --

MILLIARDÄR

Sei mir dankbar.

SOHN

Für die Täuschung?

MILLIARDÄR

Daß Du nicht werden mußt, wer ich bin!

SOHN

ruhig.

Dein Blut ist meins --

MILLIARDÄR

Fühlst Du es auch?

SOHN

Es macht die Aufgabe lohnend.

MILLIARDÄR

Mich vor dem Furchtbaren zu retten!

SOHN

Die furchtbare Begierde zu unterdrücken -- und neben dem niedrigsten Deiner Arbeiter auszuharren!

MILLIARDÄR

steht steif.

SOHN

Du kannst mich abweisen lassen. Ich nehme Arbeit, wo ich sie sonst finde.

MILLIARDÄR

bricht an ihm zusammen.

Erbarmen -- -- Erbarmen!!

SOHN

kalt.

Mit wem?

MILLIARDÄR

Erbarmen -- --!!

SOHN

Vielleicht wird es mein Schrei zu Dir, wenn Du mir und meinen Kameraden einmal das Brot verweigerst! (Er geht nach rechts. Ehe der Diener die Tür ganz öffnen kann, ab.)

MILLIARDÄR

endlich sprunghaft auf. Er sucht den Revolver -- stößt ihn in die Tasche.

Hier nicht! -- -- Im Walddickicht! -- -- Brechendes Auge sieht grünes Gezweig -- -- Stück blauen Himmels flutet herab -- -- kleiner Vogel klingt! (Mit schrägen Blicken nach den Wänden.) Gestellt? -- -- Abgeschnitten? -- -- Die Flucht mißlungen? -- -- Eingeholt? -- -- (Die Arme schwenkend.) Laßt mich los -- -- faßt nicht nach mir -- -- ich fürchte mich doch vor Euch wie ein Kind!! (Keuchend an den Photographien entlang laufend und mit Händen anschlagend.) Ein Ausweg -- -- ein Ausweg -- -- (Schreiend.) Ein Ausweg!!

SEKRETÄR

von links -- fragend.

MILLIARDÄR

sieht ihn an.

SEKRETÄR

verlegen.

Die -- Mappe?

MILLIARDÄR

stumm.

SEKRETÄR

Sie wollten mir noch eine Mappe aushändigen.

MILLIARDÄR

an den Schreibtisch wankend und in den Sessel zusammenbrechend.

Tochter und Sohn -- -- hinab -- -- hinab -- -- -- -- Mich haben meine Kinder verlassen!!

SEKRETÄR

schweigt.

MILLIARDÄR

zu ihm aufblickend.

Verstehen Sie das, was es heißt: ein Lebenlang für seine Kinder arbeiten -- und sie treten vor ihren Vater hin und schlagen ihm den Gewinn von der Hand?

SEKRETÄR

Ihr Sohn --?

MILLIARDÄR

aufschreiend.

Wer deckt jetzt zu, woher ich keuchend komme?! -- Wer hilft jetzt Berge in Abgründe stürzen -- um _das_ zu verdecken?!

SEKRETÄR

sieht ihn fragend an.

MILLIARDÄR

Holt mich keiner -- aus dem Dunkel meiner Vergangenheit?!

SEKRETÄR

Weil Ihre Leistung so riesenhaft ist, braucht man Ihre Vergangenheit nicht zu beschönigen!

MILLIARDÄR

Nicht zu -- --?!

SEKRETÄR

Ihr Werk steht nur größer da!

MILLIARDÄR

Ich gebe es hin -- -- ich zahle mit meinem Reichtum -- -- ich verschenke mein Leben für ein anderes Leben!! (Inbrünstig.) Wer leiht mir seins, das hell ist vom ersten Tage an?! -- -- Im Sohn finde ich es nicht mehr -- hinab! -- -- -- -- Wo winkt nun der Tausch, um den ich buhlte -- im Fieber der Arbeit -- in der Wut des Erwerbs -- auf dem Berg meines unzählbaren Goldes?! -- -- -- -- In wen gehe ich unter -- und verliere diese Angst und tosenden Aufruhr?! -- -- -- -- Wer hat ein Leben -- glatt und gut -- für meins?!!

SEKRETÄR

mit wachsender Ergriffenheit auf ihn niederblickend.

Ihr Sohn geht andere Wege. Die Enttäuschung ist bitter wie keine. Aber da es sich so tausendfach wiederholt, mutet es fast wie ein Gesetz an. Vater und Sohn streben voneinander weg. Es ist immer ein Kampf auf Leben und Tod. -- -- -- -- (Nach einer Pause.) Ich habe mich auch gegen meinen Vater aufgelehnt. Und obwohl ich fühlte, wie ich ihm wehetat, mußte ich ihn verletzen. -- -- -- -- (Wieder nach einem Warten.) Ich erkenne jetzt noch nicht, was mich trieb. Ich wollte mein Leben selbst versuchen -- das wird schließlich wohl der Anlaß. Der Drang nach Unabhängigkeit wirkt stärker als alles andere. (Nun lebhafter fortfahrend.) Ich hatte ein Elternhaus, wie es selten zu finden ist. An eine wundervolle Jugend kann ich zurückdenken. Ich war einziger Sohn. Mutter und Vater teilten mir aus ihrem unendlichen Schatz von Liebe schrankenlos mit. In ihrer Hut sah und hörte ich nichts von den Widerwärtigkeiten eines groben Alltags. Es lag immer ein Lichtschein von Sonne in den stillen Stuben. Auch der Tod trat nicht zu uns. Die Eltern -- für mich leben sie heute noch. Dann zog ich auf die kleine Universität -- und der Trieb zur Selbständigkeit fing an, über mich Gewalt zu gewinnen. Ich löste mich los und ging in die Welt. -- -- Manche dunkle Stunde habe ich erlebt -- es warf mich hierhin und dorthin -- aber im Grunde konnte mich nichts erschüttern. Ich besaß ja das größte Gut, von dem man ohne Maß zehren kann: die lebendige Erinnerung an eine glückliche Jugend. Was später kam, wurden nur Wellen, die über einen See streichen, der klar den blauen Himmel spiegelt. So glatt und ungetrübt liegt meine reine Vergangenheit in mir ausgebreitet!

MILLIARDÄR

hat das Gesicht gegen ihn gehoben. Mit stärkster Gespanntheit hört er ihm zu.

SEKRETÄR

blickt vor sich hin.

MILLIARDÄR

sucht auf dem Tisch.

Die -- -- Mappe. (Er gibt sie ihm. Hervorstoßend.) Gehen Sie!

SEKRETÄR

nimmt die Mappe -- wendet sich zur Tür.

MILLIARDÄR

zieht den Revolver aus der Tasche und drückt ab.

SEKRETÄR

in den Rücken getroffen -- fällt.

MILLIARDÄR

steht unbeweglich.

-- -- -- -- Mein Leben -- -- für ein anderes Leben -- -- das hell ist -- -- vom ersten Tage an -- -- -- -- (Langsam geht er hin, bückt sich zum Liegenden -- -- und streift die Koralle von der Uhrkette. Er hält sie auf der offenen Hand vor sich.) -- -- -- -- Dieses Leben -- -- nach dem ich dürste -- --! -- -- jeder Tag dieses Lebens -- -- um das ich buhle -- --! (Tief den Kopf im Nacken.) Sie sollen mich zu meinem Glücke zwingen -- -- -- -- sie werden mich ganz beschenken -- -- (Er streift die Koralle auf seine Kette.) -- -- -- -- wenn sie mich überführen müssen! -- -- -- -- (Er reißt rechts die Tür auf und schießt nochmal in die Luft.)

Die beiden Diener stürzen herein. Einer bleibt in der Tür -- der andere beugt sich über den Sekretär.

DER ERSTE DIENER

in der Tür.

Die Koralle?

DER ZWEITE DIENER

richtet sich auf, schüttelt den Kopf.

Nehmen Sie den Sekretär fest!

VIERTER AKT

Untersuchungsraum: blaues Viereck mit vielen Zugängen, die Türen von Eisenstäben haben, hinter denen sich enge Gänge verlieren. Eine Bogenlampe in klarem Glas beleuchtet überall. Nur ein kleiner eiserner Tisch, an dem der Schreiber -- mit Augenschirm -- sitzt.

Der erste Richter steht nachdenklich.

Die beiden Diener links.

Wärter kommt von rechts.

DER ERSTE RICHTER

zu ihm.

Schalten Sie aus.

WÄRTER

hantiert am Schaltbrett; die Bogenlampe verlöscht. In den Ecken glühen matte Lampen auf.

DER ERSTE RICHTER

tritt an den Tisch, nimmt den Hörer auf.

Ich bitte um Ablösung. (Zu den beiden Dienern.) Sie können jetzt -- (Sich besinnend.) Oder warten Sie noch. (Er läßt sich vom Schreiber das Protokoll geben, liest -- schüttelt den Kopf. Zu den Dienern.) Niemals hat der Sekretär die Koralle -- (Rasch.) Es könnte doch sein, daß auch die Koralle gelegentlich ausgetauscht wurde, um --

Der zweite Richter kommt hinten.

DER ZWEITE RICHTER

Kein Resultat?

DER ERSTE RICHTER

gibt ihm das Protokoll.

Höchstens das, daß mir Zweifel kommen.

DER ZWEITE RICHTER

liest -- läßt das Blatt sinken.

Er bestreitet doch nicht, daß die Koralle bei ihm gefunden ist.

DER ERSTE RICHTER

Aber er will nicht der Sekretär sein.

DER ZWEITE RICHTER

Wie erklärt er denn die Koralle an seiner Kette? (Lesend.) Auf die wiederholt gestellte Frage läßt der Vernommene jedesmal die Antwort aus.

DER ERSTE RICHTER

zu den beiden Dienern.

Sollte nicht zu einem besonderen Zweck auch Ihre Irreführung geplant gewesen sein?

DER ERSTE DIENER

Nein. Es wäre damit unsere Aufgabe unmöglich geworden.

DER ZWEITE DIENER

An der Bewachung seiner Person lag dem Getöteten viel.

DER ZWEITE RICHTER

Es ist ja durchsichtig. Natürlich, es geht um Kopf und Kragen. Da sträubt man sich ein bißchen. Aber wir haben ja die Aussage, die der Sohn gemacht hat. In der Unterredung, die zwischen Vater und Sohn kurz vorher stattgefunden hatte, entsagte der Sohn dem väterlichen Reichtum. Auch die Tochter hatte verzichtet. Der Sekretär hat das erregte Gespräch nebenan gehört und konnte der Versuchung nicht widerstehen, sich zum Nachfolger zu setzen. Da drückte er kurzer Hand los. Nur die Koralle konnte er nicht mehr austauschen. Das hätte er vielleicht noch gern getan. (Zu den Dienern.) Aber auf den Schuß kamen Sie schon hinzu.

DER ZWEITE DIENER

Ich nahm ihn fest, als er aus der Tür wollte.

DER ZWEITE RICHTER

Wollte er flüchten?

DER ERSTE DIENER

Nicht wir, sondern er hatte die Tür aufgemacht.

DER ERSTE RICHTER

Warum läuft er davon, wenn er sich für den ausgibt, auf den ein Angriff unternommen ist?

DER ZWEITE RICHTER

legt das Protokoll hin.

Schon dieser Fluchtversuch beweist. Die Detonation, die der Schuß verursachte, war zu kräftig, damit hatte er nicht gerechnet. In der Verwirrung hoffte er zu entkommen, doch an der Umsicht der Diener scheiterte die Absicht. Jetzt besinnt er sich wieder auf die Rolle, die er spielen wollte.

DER ERSTE RICHTER

Die Ähnlichkeit ist allerdings fabelhaft. Ich habe einen solchen Fall von Doppelgängertum noch nicht erlebt.

DER ZWEITE RICHTER

Ja, wenn wir die Koralle nicht hätten, müßten wir unrettbar im Dunkeln tasten! (Nach dem Protokoll greifend.) Übrigens dieser Angriff, der vom vermeintlichen Sekretär verursacht sein soll, wie begründet er den?

DER ERSTE RICHTER

Er schweigt.

DER ZWEITE RICHTER

Weil er nicht stattgefunden hat.

DER ERSTE RICHTER

Sie sagten doch, daß er sich an die Stelle des Getöteten setzen wollte?

DER ZWEITE RICHTER

stutzt.

DER ERSTE RICHTER

So findet sich doch eine Begründung?

DER ZWEITE RICHTER

Die ihn zur Tötung angestiftet hat!

DER ERSTE RICHTER

Er handelte also in Notwehr!

DER ZWEITE RICHTER

erregt.

Aber er ist doch der Sekretär!

DER ERSTE RICHTER

sich die Augen reibend.

Ich bin wirklich abgespannt. Das scharfe Licht -- die Gelassenheit des Mannes, der sich kaum verteidigt --

DER ZWEITE RICHTER

Ich denke Mittel anzuwenden, die ihn beweglicher machen. Fruchtet die Vorlegung der Koralle nicht -- (Er nimmt sie vom Tisch auf.) Wie ein Blutstropfen sieht das Ding aus, der am Täter hängen blieb --! (Er legt sie hin. Zu den Dienern.) Ich brauche Sie nicht mehr.

DER ERSTE DIENER

Wann morgen?

DER ZWEITE RICHTER

Hoffentlich war es genug. Zehnmal dieselbe Litanei. Ich lasse Sie sonst bestellen.

Die beiden Diener ab.

DER ERSTE RICHTER

Versprechen Sie sich in dieser Nacht besseren Erfolg?

DER ZWEITE RICHTER

Nicht mehr als ein volles Geständnis!

DER ERSTE RICHTER

verblüfft.

Wie wollen Sie ihn dazu bringen?

DER ZWEITE RICHTER

Er will der Milliardär sein. Gut, so führe ich ihm seine Kinder vor. Jetzt soll die Natur Richter spielen. Stutzt er eine Sekunde, sich ihnen zu nähern, die der Vater nach der Bekundung von Sohn und Tochter über alles liebte, so hat er soviel wie gestanden. Vor der Koralle kann er sich sträuben, das ist ein toter Gegenstand -- -- aber vor der Wucht des Anblicks von Sohn und Tochter seines Opfers wird sich kein Individuum behaupten. Und da er kein berufsmäßiger Verbrecher ist, bricht er mir in beide Knie!

DER ERSTE RICHTER

Tatsächlich bin ich ausgepumpt.

DER ZWEITE RICHTER

Strecken Sie sich auf dem Sofa aus und schlafen Sie gut. Wenn ich Sie stören darf, rufe ich Ihnen unsere Erlösung von der Marter dieser vierzehn Nächte hinüber.

DER ERSTE RICHTER

Ich fahre dann gleich eine Woche aufs Land.

DER ZWEITE RICHTER

Und ich schreibe ein Buch für Massenauflage über den Fall!

DER ERSTE RICHTER

hinten ab.

DER ZWEITE RICHTER

geht nach links und drückt auf eine Klingel neben einer Tür.

Von einem Wärter geleitet, Sohn und Tochter -- in schwarz -- von links.

DER ZWEITE RICHTER

Es wird nun doch notwendig, daß ich die Gegenüberstellung ausführe. So gern ich Ihnen diese Peinlichkeit erspart hätte, das hartnäckige Ableugnen, von dem ihn mein Kollege nicht abbringen konnte, zwingt zu dieser Maßnahme. Ich sehe keinen anderen Weg mehr, um ein Geständnis zu erhalten. Und das Geständnis brauchen wir unbedingt!

SOHN

Geben Sie uns Anweisungen, wie wir uns verhalten.

DER ZWEITE RICHTER

Ich beabsichtige, einen überraschenden Schlag zu tun. Zu einer Überlegung darf ihm nicht die mindeste Zeit gelassen werden. Ich bitte Sie, vollständig geräuschlos zu kommen und Ihre Anwesenheit hier nicht zu verraten. Vorläufig halten Sie sich dort im Hintergrund des Ganges auf, der Wärter bleibt in der Nähe der Tür. Das ist unauffällig. (Zum Wärter.) Ich werde es im Verlauf des Verhörs einrichten, daß ich auf diese Seite trete, sodaß der Vernommene Ihre Tür im Rücken hat. Sobald ich mein Taschentuch hervorziehe, lassen Sie die Dame und den Herrn ein.

SOHN

Mit dieser Konfrontierung ist unsere Aufgabe erfüllt?

DER ZWEITE RICHTER

Selbstverständlich beschränke ich auch diese auf die kürzeste Dauer. Versuchen Sie jedoch, ihn fest anzusehen. Das ist wichtig. Besonders Sie, gnädiges Fräulein, möchte ich darauf aufmerksam machen. Halten Sie sich aufrecht. Sie erleben vielleicht das Grauenhafteste, was einem widerfahren kann. Sie werden Ihren Vater zu erblicken glauben, der tot ist.

SOHN

Eine Unterscheidung muß doch möglich sein!

DER ZWEITE RICHTER

Dann hätten wir leichtes Spiel gehabt. Die Übereinstimmung ist vollkommen. Ein körperliches Merkmal existiert nicht. Die Natur spielt uns schon den Streich.

SOHN

Nur diese Koralle gibt Aufschluß?

DER ZWEITE RICHTER

Den unumstößlich. Darum vergessen Sie nicht, daß Sie den Sekretär vor sich haben!