Die Komposition des Buches Jes. c. 28-33.

c. 28-33 durch die Beschaffenheit der in den anderen Sammlungen

Chapter 91,937 wordsPublic domain

enthaltenen Stücke nicht widerraten, sondern vielmehr empfohlen wird. Ja, es ist gezeigt worden, dass jene in darstellender Form geschriebenen Stücke den weitaus grössten Teil von allem ausmachen, was Jesaia gegen Jerusalem und Juda geschrieben hat.

Kehren wir nach diesem Ueberblicke über die Entstehung der übrigen jesajanischen Stücke zu unserem Buche c. 28 ff. zurück, so können wir jetzt folgendes Resultat feststellen:

1. In dem Buche c. 28-33 sind drei verschiedene jesajanische Schriften enthalten, nämlich ausser den beiden kurzen Stücken c. 28,1-4 und c. 32,9-14 eine Anzahl Bruchstücke aus einer grösseren Schrift Jesaias.

2. c. 28,1-4 enthält eine Weissagung Jesaias von dem Untergange Samarias. Die Abfassung dieses Stückes fällt also jedenfalls vor 722, wegen des Schweigens über Aram und Damaskus wahrscheinlich nach 732; vielleicht liegt ihm als bestimmter Anlass der Abfall Hoseas von Assyrien zu Grunde, dann stammt es etwa aus dem Jahre 725/24[20].

3. Die in c. 28,7-31,4 enthaltenen Bruchstücke gehören ursprünglich einer grösseren geschichtlichen Darstellung der Kämpfe Jesaias mit den Volksleitern wider das Zustandekommen des ägyptischen Bündnisses an. Jesaia hat diese Schrift etwa im Jahre ± 703 v. Chr. selbst verfasst zum Zeugnis für einen späteren Tag.

4. Es bleibt noch das kurze Stück c. 32,9-14 übrig. Ueber die Abfassungszeit dieses Stückes lässt sich aus seinem Inhalte nichts absolut Sicheres entnehmen. Jesaia kündigt den Weibern Jerusalems die völlige Verwüstung der Stadt und ihrer anmutigen Umgebung an. Das könnte Jesaia freilich zu jeder Zeit seiner Wirksamkeit gethan haben. Aber die Verkündigung klingt so radikal und unbedingt, dass sie mit ihrem Inhalte auf Anzeichen ihrer Verwirklichung zu deuten scheint. Vor allem ist hier der Ton etwas anders als sonst. Man könnte die Dichtung fast ein Klagelied nennen. Die Anrede in v. 9 ist weniger bitter als traurig. Statt des sonstigen harten und verächtlichen העם הזה steht hier v. 13 das mitleidig empfindende עמי. Man hat den Eindruck, als ob einerseits Jerusalem mitten im Unglück stände, Jesaia die Erfüllung seiner Drohungen eintreten sähe, als ob aber das Volk und namentlich die Frauen Jerusalems nicht recht daran glaubten. Die Stimmung ist ähnlich wie in c. 22; vgl. namentlich v. 4: lasst mich bitter weinen! auch v. 11 b. 13 f. Dieses Kapitel ist nach dem Vorgange ~Sörensens~[21] mit ~Hackmann~ in die Zeit nach dem Abzuge Sanheribs zu setzen[22]. Die überstandene Not hat die Jerusalemiter nicht gebessert; der Prophet schaut tiefer. Er sieht in ihrer Unbussfertigkeit die Besiegelung ihres gewissen Unterganges: „Wahrlich, nicht wird diese Sünde euch gesühnt, bis dass ihr tot seid.“ v. 14. Dieselbe Stimmung atmet unsere Weissagung, nur fehlt ihr die Bitterkeit. Vielleicht fällt sie deshalb noch vor den Abzug Sanheribs in das Jahr 702/1. Sicheres lässt sich nicht aussagen.

Wir stehen am Ende mit der Besprechung der jesajanischen Stücke unseres Buches. Sie hat uns nicht nur einen interessanten und lehrreichen Einblick in die schriftstellerische Thätigkeit des Jesaia gegeben, sondern sie wird uns nun auch die Beantwortung der Frage, wie diese Stücke in ihren jetzigen Zusammenhang gekommen sind, wesentlich erleichtern. Halten wir an der Annahme fest, dass der Bearbeiter unseres Buches, um eine Sammlung von משאות ישעיהו herauszugeben, die meisten seiner jesajanischen Stücke aus einem grösseren Zusammenhange herausgenommen hat, so werden wir auch verstehen, wie er dazu gekommen ist, sie mit eigenen Zuthaten und Ergänzungen zu versehen. Die Komposition unseres Buches, die sonst bei seinem mosaikartigen Charakter und den beiden sich widersprechenden Gedankenreihen ein Rätsel bleibt, wird so erklärlich.

II.

Wir haben es also jetzt mit der Arbeit einer späteren Zeit zu thun. Es liegt in dem ganzen Charakter derselben begründet, dass wir mit ihren Erzeugnissen mehr auf das Gebiet der Vermutungen als der sicheren Ergebnisse gestellt sind. Denn dieselben haben es meist nicht mit der Gegenwart, sondern mit der Zukunft, und zwar alle mit derselben Zukunft, nämlich mit „jenem Tage“, zu thun. Sie sind daher meist zu wenig zeitgeschichtlich bestimmt, als dass man für die Frage nach ihrer Herkunft unumstösslich festen Boden gewinnen könnte.

Das gilt auch von den nichtjesajanischen Stücken unseres Buches. Es wäre vergebliche Mühe, wenn man aus den einzelnen Stücken Schlüsse auf Verfasser und Herkunft ziehen wollte. Ebenso würde es zu nichts führen, wenn man, wie wir es bei den jesajanischen Stücken unseres Buches gethan haben, die Frage aufwerfen wollte, ob die einzelnen Stücke resp. welche unter einander in Zusammenhang stehen. Sie behandeln alle das eine Thema: die goldene Zukunft, und dieses würde sie unter einander ebenso sehr und ebenso wenig verbinden, wie sie selbst in sich dadurch verbunden sind. Ob man z. B. c. 29,16-24 mit c. 30,18-26 zu einem Stück vereint oder jedes der beiden in zwei oder mehr Stücke teilt, macht für ihren Inhalt und Gedankengang nichts aus.

Um daher für die nichtjesajanischen Stücke unseres Buches bezüglich ihrer Herkunft und Zeitansetzung zu einem einigermassen sicheren Ergebnisse zu gelangen, müssen wir einen anderen Weg der Untersuchung einschlagen.

Wir werden zunächst das Verhältnis dieser Stücke zu den jesajanischen Partieen ins Auge fassen. Es wird festzustellen sein, welche unter ihnen sich als unmittelbare und beabsichtigte Fortsetzungen jesajanischer Partieen geben, und welche etwa selbstständig daneben stehen.

Sodann haben wir zu untersuchen, ob sie unter einander auf denselben oder mehrere Verfasser schliessen lassen. Dann erst können wir nach Anzeichen einer genaueren Zeitbestimmung fragen.

Endlich wird dann aus den gewonnenen Resultaten eine Uebersicht über Zweck, Art und Zeit der Zusammenstellung unseres Buches zu geben sein.

Es wird sich zeigen, dass wir auf diesem Wege zu einem annähernd sicheren Resultate über die Entstehungsgeschichte unseres Buches werden gelangen können.

Das erste Stück, mit welchem wir es zu thun haben, ist c. 28,5 f. Dieses ist ganz deutlich zum Zwecke der Fortsetzung von v. 1-4 komponiert. Das zeigt erstens die Anknüpfung an das Vorhergehende durch die Worte: ביום ההוא und zweitens die Wahl der Bilder und Ausdrücke, die aus dem Vorhergehenden genommen sind. Die Bilder, die Jesaia vorher von Samaria und dessen trunkenen Grossen gebraucht hat, werden hier in geschmackloser Nachahmung auf Jahwe angewendet vgl. v. 5 mit v. 1 und 3.

Ob wir in c. 29,5 ff. eine einfache Fortsetzung des jesajanischen Stückes v. 1-4 oder eine Umarbeitung einer ursprünglich jesajanischen Fortsetzung haben, ist nicht mehr sicher zu entscheiden. v. 4b ist spätere Parallele zu 4a, v. 8 zu v. 7, und zu dem Stücke v. 1-4 fehlt der Schluss. Jedenfalls ist klar, dass v. 5-8 kein selbstständiges Stück für sich bildet, sondern entweder als Fortsetzung oder als Umarbeitung von einem späteren an v. 1-4a angeschlossen ist.

Aehnlich ist es mit c. 31,5 ff. Der Anschluss an v. 1-4 ist dadurch hergestellt, dass der Verfasser neben das Bild vom knurrenden Löwen das andere von den flatternden Vögeln gestellt hat, das ihm als Bild des Schutzes jedenfalls geeigneter erscheinen musste.

Ob er im Folgenden jesajanische Ueberreste mit benutzt hat, lässt sich hier noch weniger feststellen, da sich kein Vers mehr als ursprünglich jesajanisches Gut zu erkennen giebt; nur ist wahrscheinlich, dass v. 4 einst eine erläuternde Fortsetzung gehabt hat, und möglich, dass die Hand des Späteren schon in v. 4b verbessernd eingegriffen hat, da das ירד nicht ganz der ersten Hälfte der Vergleichung entspricht. Aber dass v. 5-8 jetzt wirklich die Fortsetzung Von v. 1-4 bilden sollen und dazu hergestellt sind, geht auch sonst aus seinem Inhalt und den gebrauchten Ausdrücken deutlich hervor. v. 6 weist mit seinem Inhalte auf v. 1b, in seiner Form העמיקי auf c. 29,15. Besonders deutlich ist v. 8 eine Nachbildung von v. 3. Dem אדם ולא אל in v. 3 steht gegenüber das לא איש בחרב in v. 8; dem בשר ולא רוח in v. 3 das חרב לא אדם in v. 8. Dass diese Nachbildung des Ausdruckes mit ihrem doppelten חרב und ihrer wunderbaren Vorstellung sehr glücklich wäre, kann man nicht behaupten. Um so deutlicher zeigt sich aber gerade darin die Nachbildung. Hinzuweisen ist auch noch auf das אור v. 9, bei dem man mit Recht an das אריאל c. 29 denkt.

Auch c. 32,15-20 giebt sich als direkte Fortsetzung von v. 9-14. Die Worte עד יערה עלינו רוח ממרום knüpfen mit ihrem עד unmittelbar an das עד עולם in v. 14 an. Dass diese inhaltlich scheinbar unmögliche Verbindung nur von einem Solchen vollzogen werden konnte, dem die eschatologischen Ideen der späteren Zeit dogmatisch feststanden, ist schon im ersten Teile gezeigt worden. Aber Inhalt und Form zeigen auch deutlich, dass auch diese Verse überhaupt erst als Fortsetzung von v. 9-14 entstanden sind. In v. 9-14 wird zuerst die Verwüstung der Gärten und Fruchtgefilde, und dann die Zertrümmerung der menschlichen Wohnungen gedroht; in v. 15-20 wird zuerst verheissen, dass die Wüste zum Fruchtgefild werden soll und dann werden den Menschen sichere Wohnungen in Aussicht gestellt. Zur Entlehnung der Ausdrücke ist vor allem v. 9 f. mit v. 18b zu vergleichen. Die Prädikate der Frauen Jerusalems שאננות und בטחות werden hier auf die Wohnungen übertragen. Vgl. auch v. 17 am Schluss.

In c. 29,9 f. musste es für die Späteren unverständlich sein, was unter dem dort verkündeten Verstockungsgerichte gemeint sei. Der Verfasser von v. 11 f. hat eine Erklärung von v. 9 f. im Sinne der späteren Zeit gegeben. Er sieht darin, dass seinen Zeitgenossen „das Gesicht von dem allen“, d. h. die dem Jesaia gewordenen Offenbarungen wie ein Buch mit sieben Siegeln erscheint, eine Erfüllung der Weissagung v. 10, und es ist offenbar seine Absicht, durch seine Zusätze den Schleier des Verständnisses zu lüften. Der Anschluss der Verse an die vorhergehenden durch ותהי und die Beziehung von חזות כל auf das Vorangegangene zeigen, dass die Verse keine selbstständige Bedeutung haben können und wollen.

An das kurze Stück c. 29,15 schliesst sich eine längere Auseinandersetzung über eschatologische Dinge an. Der Ausruf: הפככם geht unmittelbar auf die in v. 15 getadelte Frage zurück und steht inhaltlich schon mit v. 14 in Zusammenhang. Der Verfasser fasst die Frage in v. 15 als Verzweiflungsfrage der Elenden seines Volkes auf, und giebt deshalb trostreichen Aufschluss. v. 18, ähnlich wie v. 11 f., geht auf die Worte: והיה במחשך מעשיהם in v. 15 zurück. Zu v. 24 vgl. c. 28,9 f., zu v. 17 c. 32,15. Diese beständige Bezugnahme auf seine Umgebung beweist, dass auch dieses Stück kein selbstständiges Produkt eines andern Autors, sondern erst zum Zwecke der Erläuterung und Fortsetzung von v. 15 und den vorangegangenen Versen geschrieben ist.

Dasselbe gilt auch von dem Stücke c. 30,18-26. Durch ein ולכן ist es eng an das Vorhergehende angeschlossen. Und der, welcher es angeschlossen hat, hat es auch geschrieben. ~Duhm~ meint zwar, dass das „darum“ v. 18 so gänzlich unmöglich als Fortsetzung von v. 17 sei, dass man nur annehmen kann, der Ergänzer habe das Auge mehr auf seinen eigenen früheren Einsatz, als auf den Text des alten Propheten gerichtet gehabt. Man muss aber eben bedenken, dass derselbe auch v. 8-17 unter eschatologischem Gesichtspunkt angesehen hat. Für ihn ist das Volk, zu dem er redet, der in v. 17 genannte Rest. Die Drohung sieht er bereits erfüllt; und grade die Erfüllung derselben ist ihm ein Beweis, dass auch die Erfüllung der Verheissung nahe bevorsteht, dass Jahwe voll Ungeduld ist, seinem Volke Huld zu schenken v. 18.

Und nicht nur v. 18 schliesst sich an das Vorhergehende eng an, auch die übrigen Verse stehen damit in Verbindung. v. 20 stellt Jahwe als Lehrer seines Volkes hin, weil in v. 9 von der תורת יהוה die Rede gewesen ist. v. 21 weist auf den rechten Weg, von dem sie nach v. 11 abgewichen sind; v. 26b nimmt ganz das Bild von v. 13 f. wieder auf. Berg und Hügel in v. 25 sind aus v. 17b; der Tag des grossen Würgens, „wenn Türme fallen“ spielt auf v. 13 f. an.

Es bleiben nun noch vier Stücke übrig, die inhaltlich nicht in so reger Beziehung mit ihrer Umgebung stehen und in sich selbst einen mehr geschlossenen Zusammenhang bilden: c. 28,24-29, c. 30,27-33, c. 32,1-8, c. 33. Diese bedürfen deshalb noch einer besonderen Besprechung.