Die Komposition des Buches Jes. c. 28-33.
v. 16-18, der keine Rede enthält und von dem Vorhergehenden losgerissen
sinnlos wird.
Der gegebene Überblick über den Zusammenhang und die Darstellungsform von c. 7-8,18 zeigt, dass wir hier auch eine in der Form der geschichtlichen Darstellung verfasste Schrift Jesaias vor uns haben. Auf die litterarische Beschaffenheit derselben kann hier natürlich nicht näher eingegangen werden[15]; es ist nur noch zu fragen, wann etwa Jesaia diese Aufzeichnungen gemacht haben könnte. Wir werden anzunehmen haben, dass c. 7 und 8 eine längere Wirkungsperiode Jesaias umspannen, dass namentlich zwischen c. 8,4 und 8,5 ff. Ereignisse liegen, die den Umschwung in Jesaias Prophetie begründet und veranlasst haben. Diese Ereignisse haben den Jesaia bewogen, sich vom öffentlichen Auftreten zurückzuziehen, c. 8,16-18. Sie müssen daher sein Auftreten nutzlos gemacht haben. Da sie auch nur politischer Natur gewesen sein können, denn um politische Ereignisse dreht sich der ganze Inhalt von c. 7 f., so kann nichts Anderes gemeint sein als die Botschaft des Ahas an Thiglath-Pileser 2. Kön. 16,7. Also ganz ähnlich wie in c. 28 ff. ist es auch hier das Bündnis mit einer auswärtigen Macht, um das es sich handelt. Statt auf Jahwe zu trauen, setzt „dies Volk da“ seine Hoffnung auf eine heidnische Grossmacht.
Stellen wir nun noch einmal die Vergleichungspunkte der in c. 7 f. und in c. 28 ff. enthaltenen geschichtlichen Aufzeichnungen Jesaias zusammen. Analog ist:
1. Die Veranlassung derselben. In beiden Fällen handelt es sich um das Zustandekommen eines Bündnisses mit einer heidnischen Weltmacht, gegen das Jesaia vergeblich gekämpft hat. Da sein Reden nutzlos geblieben ist, zieht er sich zurück und schreibt (c. 8,16 ff. 30,8).
2. Der Zweck derselben. Sie sollen beide ein ewiges Zeugnis dafür sein, dass Jesaia die Schuld des Volkes erkannt und gebrandmarkt, sowie die Strafgerichte Jahwes vorhergesagt habe.
3. Die Anlage derselben. In beiden schildert Jesaia zuerst seine vergeblichen Versuche, Volk und König zum Glauben zu bewegen, um dann dem verstockten Volke den Untergang zu verkünden.
4. Einzelheiten des Inhalts und der Form: c. 7,4 mit 30,15 f., 7,9 mit 28,16, 8,6 f. mit 30,12 f., 8,9 f. mit 29,9 f., 8,15 mit 28,13., 8,14 mit 28,16., 8,16-18 mit 30,8.
5. „v. 16 (in c. 8) klingt wie ein Abschiednehmen von der Arbeit unter dem Volke (~Duhm~).“ Dasselbe gilt von dem עתה בוא c. 30,8.
Eine geschichtliche Aufzeichnung Jesaias haben wir nun ferner in c. 6, in welchem Jesaia seine Berufungsvision erzählt. Sie ist uns dem Anscheine nach noch vollständig so erhalten, wie sie aus der Hand des Propheten hervorgegangen ist[16].
In diesem Kapitel haben wir also eine weitere wertvolle Bestätigung dafür, dass Jesaia in geschichtlicher Darstellung auch sonst geschrieben hat. Wollte man darauf hinweisen, dass die Schilderung dieser Berufungsvision eben etwas ganz Besonderes sei, so ist dagegen zu erwidern, dass der Zweck ihrer Niederschrift dennoch ganz derselbe ist wie der der Aufzeichnung von c. 7 f. und c. 28 ff.
Es ist oben schon darauf hingewiesen worden, dass das Kapitel sicher vom Propheten erst später aufgezeichnet worden ist, und ebenso ist der Versuch ~Hackmanns~, seinen Inhalt auf Nordisrael zu deuten, als unhaltbar nachgewiesen worden. Der Ausdruck העם הזה fordert gerade auch in diesem Kapitel (v. 5 und v. 1) seine Beziehung auf Juda. Der Zweck des Kapitels geht natürlich aus dem Inhalte der dem Jesaia gewordenen Offenbarung v. 9 ff. hervor: in v. 9 f. wird das Verstockungsgericht über das Volk ausgesprochen; in v. 11 (-13) wird ihm als Strafe dafür der gänzliche Untergang verkündet. Dieser in c. 6 ausgesprochene Zweck setzt voraus, dass der Niederschrift dieses Kapitels eine längere Wirksamkeit vorausgegangen ist. Nicht, als ob Jesaia im Beginne seiner Wirksamkeit nicht ähnliche Gedanken oder Offenbarungen gehabt haben könnte; über solche Möglichkeiten lässt sich schwer streiten; aber niedergeschrieben haben kann Jesaia solche Gedanken erst, nachdem sich das Volk wirklich seiner Predigt gegenüber verstockt gezeigt hat. Daher wird ~Duhm~ recht haben, dass die Niederschrift dieser Berufungsvision neben den c. 8,16 und c. 30,8 erwähnten ein neues Dokument von der Wahrheit und Wahrhaftigkeit seiner Mission sein soll.
Mir scheint es nun inhaltlich dem c. 30,8 erwähnten Dokumente, d. h. also der in c. 28 ff. enthaltenen jesajanischen Schrift näher zu stehen. Denn einmal erscheint Jesaia dort mehr als in c. 7 f. von Anfang an von der Unverbesserlichkeit des Volkes überzeugt (vgl. c. 6,9 f. mit c. 29,9 f.), und dann entspricht auch die radikale Verkündigung des Unterganges von Juda in c. 6 mehr den Drohreden in c. 28 ff. als den in c. 8[17]. Wir haben also in c. 6 eine weitere wertvolle Bestätigung für unser Resultat bezüglich der geschichtlichen Darstellungsform der in c. 28 ff. enthaltenen Schrift.
Es kommen nun noch als geschichtliche Stücke c. 20 und c. 22 in Betracht, über die wir aber schnell hinweggehen können.
c. 20 gehört seiner Überschrift und seinem Inhalte nach ins Jahr 711. Es ist aber seiner Herkunft nach nicht ganz unverdächtig. Möglich wäre es, „dass es ähnlichen Ursprung hätte wie c. 36-39, und zu Gunsten dieser Annahme könnte man auf den in mehrfacher Beziehung verdächtigen v. 2 hinweisen (Duhm).“
c. 22 fällt in die Zeit nach 701. Es ist bezüglich seiner Einheitlichkeit und Darstellungsform durchaus nicht allgemein anerkannt; da ich es aber für eine geschichtliche Darstellung halte; so sollte es wenigstens nicht unerwähnt bleiben[18].
Diese im Vorhergehenden besprochenen geschichtlichen Darstellungen bilden nun nicht etwa den kleinsten, sondern vielmehr den weitaus grössten Teil dessen, was der Prophet Jesaia gegen Juda und Jerusalem überhaupt geschrieben hat. Denn ausser den besprochenen Abschnitten sind nur noch das kurze Stück c. 32,9-14 und die in c. 1-5 enthaltenen Drohreden gegen Juda und Jerusalem dem Jesaia zuzuschreiben[19].
Eine vollgültige Bestätigung dieses statistischen Befundes können wir nun noch aus des Jesaia eigenen Worten entnehmen, nämlich aus den beiden Versen c. 30,8 und c. 8,16.
In c. 30,8 heisst es: Jetzt geh hinein und schreib es nieder! Also, nachdem Jesaia lange vergeblich durch öffentliche Rede unter dem Volke gewirkt hatte, erhielt er den göttlichen Auftrag, sich vom Schauplatz der öffentlichen Thätigkeit zurückzuziehen und seine Drohungen niederzuschreiben לעֵד עד עולם. Dieser Auftrag Jahwes an Jesaia enthält doch offenbar für unsere Frage ein Doppeltes:
1. dass Jesaia bis dahin seine Reden nicht aufgeschrieben hat, dass also die gewöhnliche Annahme, dass er gewissermassen ein Tagebuch über seine Reden geführt habe, gegenüber den eigenen Worten Jesaias nicht stichhaltig ist;
2. dass es für Jesaia eines besonderen Auftrages Jahwes oder eines besonderen Zweckes bedurfte, seine Weissagungen niederzuschreiben.
Der Zweck ist auch in c. 8,16 besonders hervorgehoben:
צור תעודה חתום תורה בלמדי
Der Zweck der Niederschrift ist also nach beiden Stellen wie bei der Aufstellung der Tafel c. 8,1 f. und der Namengebung seiner Söhne c. 8,3 f. 18 der, dass sie einer späteren Generation (עד עולם c. 30,8 und בלמדי 8,16) zum Zeugnis (לעד c. 30,8 und תעודה 8,16) der Wahrheit und Wahrhaftigkeit seiner Prophezeiungen dienen soll.
Jedenfalls geht aus beiden Stellen hervor, dass der Prophet erst deshalb zur Niederschrift schreitet, weil er erkennt, dass die mündliche Predigt aussichtslos sei. Das wird daher auch von den anderen Stücken gelten, die etwa noch auf ihn zurückzuführen sind. Ein eigentlicher Schriftsteller wie Jeremia und die späteren Propheten, ist Jesaia noch nicht gewesen. Da nun die Niederschriften, auf welche jene beiden Stellen weisen, c. 7 f. und c. 28 ff., die Hauptperioden der Wirksamkeit Jesaias umspannen, so werden wir a priori anzunehmen haben, dass sie auch den grössten Teil dessen ausmachen, was Jesaia gegen Jerusalem und Juda geschrieben hat. Durch diese Stellen wird also das durch den statistischen Befund herausgestellte Verhältnis bestätigt.
Der Ueberblick über die schriftstellerische Thätigkeit des Jesaia hat gezeigt, dass die Annahme einer ursprünglich geschichtlich-darstellenden Gestalt der jesajanischen Stücke in