Die Komposition des Buches Jes. c. 28-33.
c. 28,1-4 mit den übrigen Stücken dadurch entstanden sei, dass in
der jesajanischen Aufzeichnung erzählt war, wie der Prophet sich im Streite mit den trunkenen Jerusalemiten auf die ehemalige Weissagung über Samaria und auf ihre vor Augen liegende Erfüllung berufen hat, wie ~Hackmann~[9] annimmt, lässt sich nicht mehr ausmachen. Nötig ist diese Annahme keineswegs, da die späteren Sammler durchaus keine Rücksicht auf die Chronologie nahmen, und für denselben zur Aufnahme des Stückes z. B. auch das חוי im Anfange sehr wohl ausschlaggebend gewesen sein kann.
So viel scheint mir wenigstens erwiesen zu sein, dass der Anfang der zusammengehörigen jesajanischen Stücke unseres Buches nicht mehr erhalten, sondern von einem anderen durch das allerdings auch jesajanische, aber unserm Zusammenhange fremdartig gegenüberstehende Stück Jes. 28,1-4 ersetzt worden ist.
Aber auch die übrigen sachlich zusammengehörigen Stücke können so, wie sie uns vorliegen, trotz ihres grossen sachlichen Zusammenhanges und ihrer strengen zeitlichen Reihenfolge nicht als eine von Jesaia selbst hergestellte Sammlung angesehen werden. ~Duhm~ vertritt allerdings diese Meinung. Er sagt[10]: „Ich halte es für möglich, dass Jesaia die Stücke, die wir jetzt von c. 28,1 an lesen, die sich recht gut als eine durch Jesaias eigene Hand redigierte Schrift auffassen lassen, in ihrer dem Anschein nach beispiellos korrekten chronologischen Reihenfolge zusammengestellt habe; diese Schrift geht dann mindestens bis c. 30,17 umfasst aber vielleicht auch noch c. 30,27-31,9.“
Aber ~Duhm~ vermag es selbst nicht, diese seine Ansicht für alle jesajanischen Stücke innerhalb des von ihm angenommenen Rahmens durchzuführen.
Das ist zunächst bei dem Stücke c. 30,6 f. der Fall. Das Stück trägt die Ueberschrift:
משא בהמות גנב
Hätte dieses Stück ursprünglich dicht neben c. 30,1-5 gestanden, so wäre nicht einzusehen, wie diese Ueberschrift gerade zwischen v. 5 und 6 hineingekommen wäre. Denn auch v. 1-5 reden von dem Zuge nach Aegypten, gehören also äusserlich und innerlich ziemlich eng zusammen, und kein Mensch würde v. 6 f. für ein besonderes, für sich bestehendes Orakel gehalten haben. Man müsste also erwarten, dass dann die Ueberschrift vor v. 1 stünde. ~Duhm~ findet es daher wahrscheinlich, dass das Stück einst, wegen seiner Stichwortüberschrift neben c. 21. 22 gestanden habe und erst von dem letzten Redaktor hierher versetzt worden sei. Ob sich nicht eine andere, ebenso befriedigende Erklärung dafür wird finden lassen, werden wir nachher sehen; hier soll nur festgestellt werden, dass das Stück v. 6 f. sich nicht ursprünglich direkt an v. 1-5 angeschlossen haben kann.
Zweifelhaft erscheint es ~Duhm~ ferner, ob das Stück c. 29,13 f. die Fortsetzung zu v. 9 f. bildet. Die einleitenden Worte: der Herr sprach, scheinen ihm auf einen andern, vielleicht historischen Zusammenhang hinzuweisen, aus dem der Sammler das Stück herausgebrochen hat. Dass sein Inhalt für seine Zuweisung zur Periode Sanheribs spricht, ist an sich noch kein Beweis für die Ursprünglichkeit seiner jetzigen Stellung. Denn wir haben auch jetzt noch an anderen Stellen des Jesaia-Buches Stücke, die jener Periode zugehören. Es handelt sich hier nicht um den Inhalt, sondern um die Form des Anschlusses. Und da muss doch gesagt werden, dass die einleitende Formel „und es sprach der Herr“ nicht zum direkten Anschlusse von v. 13 f. an v. 9 f. passt. Denn diese Formel würde, falls sie von Jesaia zur Verbindung der beiden Stücke geschrieben wäre, beide zu einem Ganzen verbinden. Dass das aber nicht geht, ist bereits im ersten Teile der Abhandlung gezeigt worden.
Das einzige Stück, welches ausser dem eben besprochenen noch eine scheinbare Verbindung mit dem vorhergehenden aufweist, ist c. 28,14 ff. Aber auch hier zeigt grade die Art dieser Verbindung, dass dieselbe nicht von Jesaia zum Zwecke des direkten Anschlusses von v. 14 ff. an v. 7-13 hergestellt sein kann. Denn die Verbindung von v. 14 ff. mit dem Vorhergehenden durch לכן ist ungeschickt und verdunkelt den Sinn. Es ist oben gezeigt worden, welche Schwierigkeiten dieses לכן den Auslegern bereitet, und zu welchen gezwungenen Erklärungen es geführt hat. Denn einmal enthält das Stück v. 14 ff. selbst in v. 15 die Begründung zu der folgenden Drohung, auf die auch ausdrücklich in v. 18 Bezug genommen wird; andrerseits ist aber in v. 7 ff. von einer solchen Begründung, auf die doch das לכן weisen müsste, gar keine Rede. Daher ist das לכן entweder nachträglich vom Redaktor hergestellt, oder weist, was noch wahrscheinlicher ist, auf einen anderen Zusammenhang hin. Denn es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass ein Sammler, der doch sonst jesajanische Stücke ohne besondere Verknüpfung aneinandergereiht hat, ohne Grund diese unpassende Verbindung hergestellt haben sollte.
So ergiebt sich uns also, dass grade die Stücke, die mit dem vorhergehenden schriftstellerisch verbunden zu sein scheinen, eben um dieser Verbindung willen nicht von Jesaia selbst so zusammengestellt sein können, sondern dass ihr Eingang vielmehr auf einen anderen, als ihren jetzigen Zusammenhang hinweist. Doch ehe wir auf die Frage eingehen, welches etwa ihr ursprünglicher Zusammenhang gewesen sein könne, müssen wir uns noch mit den übrigen jesajanischen Stücken befassen. Es sind die Stücke: c. 29,1 ff., 29,9 f., 29,15, 30,1 ff., 30,8 ff., 31,1 ff. Alle diese Stücke stehen ohne irgendwelche schriftstellerische Verbindung neben einander.
An sich ist das Fehlen redaktioneller Verbindung der Stücke nun freilich kein Grund, ihre Zusammenstellung dem Jesaia abzusprechen. Es ist im Gegenteil oft der Fehler bei der Erklärung prophetischer Schriften, dass man eine Verbindung zwischen einzelnen Reden herzustellen sucht, die nicht vorhanden und nicht beabsichtigt ist.
Aber wenn wir die in Rede stehenden Stücke betrachten, so werden wir doch zu dem Schlusse gedrängt, dass ~diese~ Stücke in ihrer jetzigen Gestalt nicht von Jesaia selbst zu einem Buch zusammengestellt sein können.
Zunächst müssen wir c. 30,8 ff. aus der vermeintlichen Sammlung ausscheiden. Denn dieses Stück setzt in seinem Eingange unbedingt einen anderen Zusammenhang voraus, als er in dem vorhergehenden Stücke gegeben ist. Das Stück beginnt mit den Worten:
Jetzt geh’ hinein, schreib es nieder, und auf ein Buch zeichne es!
Mag der Vers auch nicht mehr ganz in Ordnung sein[11], so bleibt doch immer bestehen, dass Jesaia aufgefordert wird, „jetzt“ hinein (?) zu gehen und „es“ aufzuschreiben. Worauf bezieht sich das עתה, und was ist mit den Suffixen in den Verben gemeint? Da uns das nicht im Folgenden gesagt wird, so müssten wir erwarten, dass es im Vorhergehenden irgendwie angedeutet sei. Das Witzwort in v. 7 b kann es nicht sein; denn erstens stammt es nicht von Jesaia, und zweitens steht es in dem Stück v. 6 f., das, wie wir gesehen haben, auch nicht ohne Weiteres dem Zusammenhange angehört. In dem vorhergehenden Stück c. 30,1-5 lässt sich aber auch nichts zur Erklärung finden. Dann ist aber klar, dass auch dieses Stück nicht als unmittelbare Fortsetzung des vorhergehenden von Jesaia niedergeschrieben sein kann.
Die noch übrigen Stücke fordern in ihren Anfängen keine Beziehungen auf etwas Vorangegangenes. Sie könnten also an sich wohl in ihrer Reihenfolge von Jesaia zu einer Sammlung zusammengestellt worden sein. Aber ein anderer Umstand widerspricht dieser Möglichkeit. Würden wir nämlich die vorherbesprochenen Abschnitte aus dieser Sammlung herausnehmen, so würde dadurch der sachlich-chronologische Zusammenhang der Stücke, den wir oben nachgewiesen haben, zerstört werden. Wir kämen ja auch dann zu der unglaublichen Annahme, dass Jesaia seine eigenen zusammengehörigen Stücke nur zum kleinen Teil geordnet habe, und dass es erst einem späteren Bearbeiter gelungen sei, für alle Stücke die chronologisch-sachliche Ordnung herzustellen. Dieser Annahme ist jedenfalls die andere vorzuziehen, dass die Zusammenstellung der Stücke in der Gestalt, in welcher sie uns vorliegen, überhaupt nicht auf Jesaia, sondern auf einen späteren Sammler zurückzuführen ist.
Zu diesem Resultate werden wir auch noch durch eine andere, etwas allgemeinere Erwägung geführt. Wenn wir fragen, in welcher Weise Jesaia die vorliegende Sammlung hergestellt haben könnte, so bieten sich zur Beantwortung dieser Frage überhaupt nur zwei Möglichkeiten. Entweder hat der Prophet seine früher vereinzelt und nacheinander aufgeschriebenen Stücke und Reden in einer späteren Zeit geordnet und zusammengestellt, oder er hat die in einer früheren Zeit nur gehaltenen Reden selbstständig reproduziert und zu Papier gebracht. In letzterem Falle wäre dann die Sammlung gewissermassen wie aus einem Gusse entstanden. Aber in diesem Falle müssten erst recht alle einzelnen Stücke der Sammlung unter einander verbunden sein und auch schriftstellerisch zusammen ein wohl abgerundetes Ganze bilden. Das kann man aber von den vorliegenden Stücken trotz ihrer korrekten sachlichen Ordnung nicht behaupten.[12]
Darum müssten sie auf die erstere Art entstanden sein, wenn sie in ihrer jetzigen Form eine von Jesaia hergestellte Sammlung bilden sollten. Es ist aber unmöglich, sich alle einzelnen Stücke auf diese Art entstanden sein zu denken. Ueberhaupt ist diese ganze gangbare Vorstellung von der Niederschrift wirklich gehaltener prophetischer Reden schwer zu vollziehen. Man muss ~Hackmann~ Recht geben, dass es „beinahe etwas ebenso Unnatürliches hat, zu denken, der Prophet habe seine in der Glut des Geistes geredeten Worte nachher schriftlich wiederholt, wie wenn man annähme, er hätte sie vorher wie eine zu haltende Predigt ausgearbeitet.“ So lange wir indessen nicht eine andere genügende Erklärung für die Aufzeichnung prophetischer Reden in unsern Prophetenbüchern haben, wird diese Vorstellung wohl weiter gangbar bleiben. Wir müssen darum auch an dieser Stelle mit ihr rechnen und hoffen, sie wenigstens für unser Buch zerstören zu können.
Auf diejenigen längeren Reden unserer Stücke, welche deutlich Schuld und Strafe verkünden, und die auch einen selbstständigen Eingang und Abschluss bilden, lässt sich vielleicht die angegebene Vorstellung ihrer Niederschrift anwenden. In ihnen hatte der Prophet dann, entweder für sich, oder für seine Zeitgenossen und die späteren Geschlechter deutlich seine Meinung aufbewahrt.
Aber es giebt grade auch unter den uns vorliegenden Stücken solche, bei denen man für sich allein weder erkennt, an wen sie gerichtet sind, noch worauf sie sich beziehen; kurze Sprüche, die für sich allein überhaupt gar keinen Sinn geben.
So hätte sich der Prophet aus der Zeit, in der er den definitiven Entschluss der Volksleiter, sich mit Aegypten zu verbinden erfuhr, nur c. 29,15 notiert! Ist es ferner vorstellbar, dass sich Jesaia als Wiedergabe einer oder mehrerer Reden und heftiger Kämpfe mit den Volksleitern c. 29,9 f. aufgeschrieben habe לְעֵד עד עולם?! Oder was mochte wohl Jesaia damit bezwecken, als er, nicht als Rede, sondern in Form der Erzählung die Thatsache niederschrieb, dass die judäischen Gesandten auf dem Wege nach Aegypten seien (c. 30,6 f.)? Dieselbe Frage erhebt sich gegenüher der Schilderung jener Szene im Tempelvorhof c. 28,7 ff. Endlich müssten wir auch annehmen, dass die jetzt in ihrem Anfange unvollständigen Stücke schon bei ihrer ersten Aufzeichnung von Jesaia so unvollständig niedergeschrieben wären, da es sonst unbegreiflich wäre, warum er sie nicht vollständig in seine Sammlung herübergenommen hätte. Aus allen diesen Gründen ist die Annahme, dass Jesaia die vorliegende Sammlung aus einzelnen früher selbstständigen Stücken hergestellt habe, unzulässig, und damit ist überhaupt die Sammlung der Stücke in der uns vorliegenden Gestalt durch Jesaia selbst unerklärlich.
So hat uns also nicht nur die Untersuchung der einzelnen Stücke auf ihren Zusammenhang untereinander, sondern auch die Erwägung allgemeinerer Art zu demselben Resultate geführt, dass die inhaltlich zusammengehörigen Stücke unseres Buches, so wie sie uns jetzt vorliegen, nicht von Jesaia zusammengestellt sein können.
Sie müssen daher von einem späteren Sammler in ihren jetzigen Zusammenhang gebracht sein. Aber woher hat sie dieser spätere Sammler entnommen? Er kann sie jedenfalls nicht aus einzelnen Aufzeichnungen Jesaias zusammengestellt haben. Denn wir haben gesehen, dass es undenkbar ist, dass Jesaia alle diese einzelnen Stücke zu verschiedenen Zeiten einzeln und als selbstständige Stücke aufgezeichnet habe. Ausserdem wäre auch ein späterer Sammler kaum im Stande gewesen, die in der Reihenfolge der Stücke waltende grosse sachliche Ordnung herzustellen.
Daher müssen die einzelnen Stücke aus einem grösseren Zusammenhange stammen. Darauf führt 1. ihre chronologisch-sachliche Ordnung, 2. der Umstand, dass mehrere Stücke teils in ihrem Anfange unvollständig sind (c. 28,7 ff. c. 30,8 ff.), teils auch durch die Art ihres Anfanges auf etwas Verlorengegangenes schliessen lassen (c. 28,14 ff. c. 29,13 f.). Halten wir die beiden Punkte zusammen, so lässt sich vermuten, und zwar namentlich aus der innerhalb der einzelnen Stücke herrschenden chronologischen Ordnung, dass der grössere Zusammenhang, aus dem die einzelnen Stücke entnommen sind, ein geschichtlicher Zusammenhang gewesen ist.
Es gilt nun im Folgenden zunächst, diese Vermutung wissenschaftlich näher zu begründen, und zu zeigen, dass sich durch diese Annahme eines ursprünglich geschichtlichen Zusammenhanges der in Frage stehenden jesajanischen Stücke des Buches alle vorhandenen Schwierigkeiten beseitigen lassen.
Der einzige, der bisher diese Vermutung ausgesprochen hat, ist ~Hackmann~, in seiner Schrift über die Zukunftserwartung des Jesaia. Er sagt dort Seite 47: „Unwillkürlich umgiebt man diese Reden mit Geschichte, und -- sollten sie nicht auch ursprünglich in geschichtlicher Umrahmung gestanden haben? Anzeichen für ein früheres Vorhandensein historischer Einkleidung liegen wohl vor. Das cap. 28 steht so sehr mit einem konkreten geschichtlichen Vorgange in Verbindung, dass die Vorstellung nahe liegt, eine kurze Darstellung der begleitenden Verhältnisse sei einmal damit Hand in Hand gegangen. Manche Einzelheiten sind wie eine Bezugnahme auf eine nebenhergehende Erzählung; v. 9 f. setzt eine Unterbrechung der Rede durch Einwürfe der Trunkenen voraus; v. 15 redet in Anspielungen von einem Faktum, über welches ursprünglich vielleicht auch einige Worte verloren waren. Aehnlich ist es mit Stellen wie 30,1. 6. 15 und 16. Natürlich ist nur ein kurzer und einfacher Rahmen der Situation für die einzelnen Aussprüche anzunehmen, in der Weise von c. 7 und 8.“
Es gilt nun im Folgenden, diese von ~Hackmann~ mehr andeutungsweise ausgesprochene Vermutung näher zu begründen und allseitig sicher zu stellen.
Ein starker Wahrscheinlichkeitsgrund für die Richtigkeit dieser Annahme liegt ja vor allen Dingen in der oben nachgewiesenen chronologischen Reihenfolge unserer Stücke. Wir müssen uns aber auch nach möglichst starken äusseren Stützen für dieselbe umsehen. Diese liegen nun aber meines Erachtens nicht zuerst in den von ~Hackmann~ hervorgehobenen Anzeichen einer früheren geschichtlichen Umrahmung, obwohl auch diese, wie wir nachher sehen werden, stark mit ins Gewicht fallen.
Der Hauptbeweis für die Annahme eines früheren geschichtlichen Zusammenhanges unserer Stücke liegt vielmehr in der Beschaffenheit dieser Stücke selbst.
Diese enthalten nämlich keineswegs alle, wie man bisher meist angenommen hat, Reden, sondern sind zum guten Teil selbst noch geschichtliche Darstellungen, zum Teil geben sie auch Reden in geschichtlich referierender Form wieder.
Eigentliche Reden enthalten überhaupt nur folgende Stücke: 1. c. 28,14-22. Dieses Stück wendet sich mit direkter Anrede gleich in v. 14 an die Machthaber in Jerusalem und behält die Form der Anrede bis zum Schlusse bei. 2. c. 29,9 f. Wer in dem kurzen Stücke angeredet ist, ist nicht gesagt; wahrscheinlich sind es die Volksleiter, denen Jesaia das Verstockungsgericht Jahwes ankündigt. 3. c. 30,1-5. Indessen ist hier schon zu merken, dass die Rede erst von v. 3 an mit dem והיה לכם direkte Anrede wird. In v. 1 f. ist der Spruch Jahwes in dritter Person referierend wiedergegeben. Denn die Worte: הוי בנים סוררם נאם יהוה darf man nicht übersetzen: Wehe euch widerspenstigen Söhnen, ist der Spruch Jahwes; sondern sie heissen: Wehe über die widerspenstigen Söhne u. s. w. Das geht klar hervor aus c. 29,15. Das Stück beginnt ganz parallel: הוי המעמיקים und fügt dann den Nachsatz in dritter Person an, wie aus dem מעשיהם und dem ויאמרו hervorgeht, vgl. auch c. 31,1 f. 4. c. 30,12-17. Die Rede wendet sich an die Volksleiter und verkündet ihnen wegen ihres Ungehorsams gegen den Willen Jahwes den Untergang. Aber diese Rede will nicht die Wiedergabe einer Rede Jesaias an das Volk sein. Jesaia steht gar nicht vor dem Volk, sondern sitzt in seinem Hause und schreibt diese Rede als eine Rede Jahwes an das Volk für einen späteren Tag auf. Denn mit den Worten: לכן כה אמר קדןש ישראל (v. 12) ist dieselbe nicht nur als Rede Jahwes bezeichnet, sondern auch eng an die vorangehenden Verse 8-11 angeschlossen. Damit ist natürlich nicht gesagt, dass Jesaia nicht ähnliche Reden an das Volk gehalten hat. Aber es kommt hier auf die Form an, in welcher die vorliegende Rede aufgezeichnet ist; und darnach ist dieselbe nicht die Wiedergabe einer an das Volk gehaltenen Rede, sondern einer dem Jesaia von Jahwe geoffenbarten Rede, die ihm zum Zeugnis dienen soll ליום אחרון.
Die vier Reden sind die einzigen direkten, in der zweiten Person an das Volk oder dessen Leiter gerichteten Reden unserer Stücke. Und auch diese erfahren in ihrer Bedeutung als solcher, wie wir gesehen haben, Einschränkungen.
Neben diesen direkten Reden an das Volk stehen andere, die in erzählender Form in der dritten Person berichtet sind. Dazu gehören, wie oben zu c. 30,1-5 schon bemerkt worden ist, die Wehereden in c. 29,15 und c. 31,1 ff. Es sind Zornesausbrüche Jesaias im Namen seines Gottes, hervorgerufen durch das Zustandekommen und die Ausführung jenes Beschlusses, durch welchen sich das Volk in seinen Führern definitiv vom Gehorsam gegenüber Jahwe losgesagt hat. Es ist fraglich, ob Jesaia diese Aussprüche je mündlich vorgetragen hat; sie eignen sich mehr zu schriftlichen Drohworten, und nach c. 30,8 scheint es, als ob sich Jesaia von da an überhaupt auf Weisung seines Gottes vom Schauplatz der öffentlichen Thätigkeit zurückgezogen habe. Die Form von c. 31 überhaupt ist nicht die einer feurigen Rede, als vielmehr die einer grimmigen und doch siegesgewissen Argumentation. Man achte auf das וגם הוא חכם ויבא רע in v. 2 und die Gegenüberstellung Jahwes und Aegyptens in v. 3; ebenso auf das siegesgewisse: כי כה אמר יהוה אלי in v. 4. Er weiss es, dass Jahwe zu ihm und durch ihn geredet hat, und dass er darum zuletzt noch Recht behalten wird seinen Gegnern gegenüber.
Jedenfalls ist auch c. 29,1 ff. zu diesen indirekten Drohreden zu rechnen. Das ergiebt sich schon daraus, dass Ariel (der Opferherd) angeredet ist. Aber das Stück bietet solche Schwierigkeiten, dass sich seine Form überhaupt nicht mehr wird mit Sicherheit feststellen lassen. In v. 1 redet Jesaia, v. 2 geht unvermittelt in die Rede Jahwes über, so dass anzunehmen ist, dass zwischen v. 1 und 2 etwas ausgefallen ist, was auch der völlig abweichende Text der LXX wahrscheinlich macht. Gehört v. 7 zum ursprünglichen Text, dann ist die Rede überhaupt in Schilderung übergegangen. Denn in v. 7 ist Ariel in der dritten Person genannt.
Wir kommen nun zu einer dritten Gruppe von Stücken, in denen Worte Jahwes an Jesaia berichtet werden; und weil dies ganz in der Gestalt geschieht, wie sie dem Jesaia gegeben werden, so tragen diese Stücke vollkommen die Form der Erzählung. Zu diesen Stücken gehören c. 29,13 f. und c. 30,8 ff.
Zu c. 29,13 f. bemerkt schon ~Duhm~, dass dieser Spruch wegen der Einleitung der Herr sprach, vielleicht auf einen historischen Zusammenhang hinweise. Aber nicht nur die einleitenden Worte, sondern auch die Worte der Rede Jahwes tragen die Form der historischen Darstellung. Es heisst ja nicht: weil ihr euch nähert... sondern weil sich dies Volk nähert... drum siehe behandle ich es wunderbar. Der Angeredete ist der Erzähler.
In c. 30,8 bezieht sich nun auch der Inhalt der Rede Jahwes auf Jesaia, Jesaia erzählt hier einen Befehl Jahwes, den er erhalten hat, mit den Worten Jahwes wieder; das ist also auch keine Rede Jesaias, sondern historische Darstellung einer Rede Jahwes an Jesaia. Wahrscheinlich gehören die mit כי angeschlossenen Worte v. 9-11 noch mit zur Rede Jahwes als Begründung des Befehls. Jahwe wird zwar in v. 9 und 11 in dritter Person erwähnt; aber es hat nichts Befremdliches, wenn Jahwe von sich in dritter Person redet. Ueber die weitere Fortsetzung v. 12 ff. ist schon oben die Rede gewesen.
Nun bleiben noch zwei Stücke übrig, die jedes für sich behandelt werden müssen: c. 30,6 f. und c. 28,7 ff. c. 30,6 f. enthält überhaupt keine Rede, sondern reine Erzählung. Es steht zwar jetzt: Orakel „Wüsten des Südlandes“ darüber; aber auch diese geheimnisvolle Ueberschrift kann natürlich für uns nicht die Erzählung in eine Rede verwandeln. „Im Land der Enge und Angst.... führen sie auf... Eseln ..... ihre Schätze zum Volk, das nicht nützt.....“ Dieser einfache Satz ist durch einiges poëtische Beiwerk erläutert und erweitert. Das ist das geheimnisvolle Orakel. Das Land der Angst ist die Wüste, die Schätze sind der Tribut für die versprochene Hülfe, das Volk, das nicht nützt, ist Aegypten. Es liegt derber Spott in dieser Schilderung Jesaias.