Die Komposition des Buches Jes. c. 28-33.

c. 30,27-33 für jesajanisch gehalten und darum in seine Sammlung

Chapter 114,566 wordsPublic domain

aufgenommen hat.

Der Sammler hat nun das Stück entweder schon in dem grösseren Zusammenhange, aus dem er seine jesajanischen Stücke entnommen hat, vorgefunden, oder er hat es, wie c. 28,1-4 als ein besonderes Orakel besessen. Bei der letzteren Annahme lässt sich allerdings kein genügender Grund entdecken, warum er das Stück dann in den jesajanischen Zusammenhang vor c. 31,1-4 eingeschoben hätte; es hätte auch nach c. 31 seinen guten Platz gehabt, während es an seiner jetzigen Stelle mit seiner Umgebung nach vorn und hinten ohne Zusammenhang steht. Daher werden wir wohl anzunehmen haben, dass der Sammler das Stück in dem von ihm benutzten geschichtlichen Zusammenhange schon vorgefunden hat. Diese Annahme bereitet auch gar keine Schwierigkeiten, wenn man bedenkt, wie z. B. in den geschichtlichen Anhängen des Jesaia-Buches, c. 36-39, auch nachträglich noch grössere Stücke, wie c. 38,10-20 eingeschoben werden konnten. Ja, wir werden a priori anzunehmen haben, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass sich die von Jesaia verfasste geschichtliche Darstellung bis zu der Zeit, in welcher der Verfasser unseres Buches schrieb, völlig rein von fremdem Gute gehalten haben sollte.

Ueberblicken wir jetzt noch einmal den Gang unserer Untersuchung über die nichtjesajanischen Stücke des Buches c. 28-33, so haben wir folgende Resultate gewonnen:

1) Diejenigen Stücke, welche sich als Fortsetzungen oder Ergänzungen der jesajanischen Partieen unseres Buches geben, rühren alle von demselben Verfasser her. Es sind dies folgende Abschnitte: c. 28,5 f. c. 29,4-8. c. 29,11 f. c. 29,16-24. c. 30,18-26. c. 31,4-8. Ausserdem gehören dem Hersteller unseres Buches wahrscheinlich noch an: das Maschal c. 28,23-29 und die messianische Weissagung c. 32,1-8.

2) c. 30,27-33 ist eine Weissagung über die Vernichtung Assurs von unbekannter Hand, die aber der Hersteller unseres Buches für jesajanisch gehalten und jedenfalls auch schon im Zusammenhange der jesajanischen Stücke vorgefunden hat.

3) c. 32,15-20 und c. 33 sind sammt dem dazu gehörigen jesajanischen Stücke spätere Nachtragungen und Ergänzungen, wahrscheinlich auch von anderer Hand.

Es käme nun noch darauf an, für die Abfassung der einzelnen Stücke eine genaue Zeitangabe zu ermitteln. Das ist nun aber bei ihrer Beschaffenheit ganz unmöglich. Denn die eschatologischen Weissagungen der nachexilischen Zeit schweben in der Luft, handeln von der Zukunft, ohne die Gegenwart zu berücksichtigen. Vollkommen ist dies freilich nicht möglich; aber der geschichtliche Hintergrund, den sie widerspiegeln, ist so allgemein, dass er auf Jahrhunderte, ja auf das ganze nachexilische Judentum passt. „Die jüdische Hoffnung hatte nicht den realistischen Charakter der alten Weissagung. Keine Brücke leitete von der Gegenwart hinüber in die Zukunft, das Reich Davids sollte plötzlich durch das Eingreifen eines deus ex machina in die Welt gesetzt werden. Die Ereignisse der Zeit führten den Tag Jahwes nicht herbei, sondern waren nur Symptome, dass er nahe.“[25]

Der Charakter der Zeit, aus der diese Weissagungen stammen, spiegelt sich fast nur in der Stimmung wieder, die sie beseelt. Aber auch diese Stimmung war für das nachexilische Judentum nahezu immer dieselbe. Es klingt fast wie eine Charakterisierung unserer Stücke, wenn ~Wellhausen~[26] darüber schreibt: „Die Stimmung, die wir bei den heimgekehrten Verbannten fanden, blieb permanent, weil der Widerspruch nicht aufhörte, dass das messianische Heil längst fällig war und doch nicht eintrat. Die Befreiung aus dem Exil hatte die bitter empfundene Fremdherrschaft doch nicht beseitigt. Nachdem das Gefängnis längst gewendet war, musste die Bitte: „Wende das Gefängnis!“ noch immer wiederholt werden. Sion war zwar wieder gebaut, doch im Drucke der Zeiten. Die Frömmigkeit war Traurigkeit; erst von der Zukunft wagte man zu hoffen, dass dann die Opfer dem Herrn gefallen würden.“

Wollen wir eine einigermassen sichere Zeitbestimmung für unsere Weissagungen finden, so müssen wir mehr die Theologie und die Form derselben zu Rate ziehen; der allenfalls erkennbare zeitgeschichtliche Hintergrund kommt erst bestätigend in zweiter Linie in Betracht.

Wir haben daher vor allem das Verhältnis unserer Stücke mit anderen Erzeugnissen des alttestamentlichen Schrifttums ins Auge zu fassen. Da ist es nun von vornherein als bemerkenswerte Thatsache hinzustellen, dass unsere Stücke mit den Schriften der vorexilischen Periode weder in Form noch Inhalt in irgend einer Beziehung stehen, dass sie dagegen nach beiden Seiten das engste Verwandtschafts- und Abhängigkeitsverhältnis mit anerkannt nachexilischen Schriften aufweisen.

Im einzelnen ist ja darauf schon bei der Besprechung dieser Stücke im ersten Teile dieser Abhandlung eingegangen worden. Hier seien nur noch einmal die Berührungspunkte mit Deutero- und Trito-Jesaja zusammengestellt, die in unseren Stücken besonders stark hervortreten:

Vergleiche dazu: c. 29,16 mit 45,9. c. 29,18 mit 42,18. c. 29,29 mit 41,16. c. 30,26 mit 65,17. c. 32,6-8 mit 58,7-10. c. 32,20 mit 58,11. c. 33,3 mit 66,6. c. 33,5 mit 40,22. 66,1. c. 33,14 mit 66,24. c. 33,24 mit 60,21.

Bedeutsam tritt vor allem die Abhängigkeit des grösseren Stückes c. 29,16 ff. von Deuterojesaja hervor. Man wird ~Duhm~[27] beistimmen können, dass man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass die Nachahmung des Deuterojesaja nach c. 29,16 ff. nicht ganz unbewusst geschehen sei, so dass die Möglichkeit vorliegt, dass der Verfasser den Deuterojesaja für jesajanisch gehalten habe. Mit Bestimmtheit lässt sich das freilich nicht sagen. Jedenfalls steht aber die Abhängigkeit fest. Ebenso lässt sich ein Abhängigkeits- und Verwandtschaftsverhältnis unserer Stücke mit den spätesten Psalmen und Propheten, wie Deutero-Sacharja und Joel, nachweisen, wie im ersten Teile gezeigt worden ist. Daraus geht hervor, dass wir mit der Zeitansetzung unserer Stücke bis ins zweite Jahrhundert hinabzugehen haben.

Auf diese Zeit passen nun auch die Anspielungen auf die Gegenwart, die sich in ihnen, namentlich in c. 33 finden. Aus ihnen hat ~Duhm~ wahrscheinlich gemacht, dass dieses Kapitel ungefähr aus dem Jahre 162 stammt[28]. Diese Zeitansetzung unserer Stücke in die erste Hälfte des zweiten Jahrhunderts findet nun auch aus c. 30,27 ff. und c. 31,7 f. eine weitere Bestätigung.

Diese beiden Stücke wenden sich gegen „Assur“. Was konnte aber ein nachexilischer Schriftsteller für ein Interesse daran haben, gegen das Assur Jesaias eine Drohweissagung zu schreiben, das es doch gar nicht mehr gab? Unter „Assur“ kann hier nur Syrien, das „Assur“ des zweiten Jahrhunderts, verstanden werden.

In diese vielbewegte Zeit der Seleuzidenherrschaft passen nun auch die in den anderen Stücken wahrgenommenen Andeutungen auf Kämpfe und Kriegsnöte. Dahin gehört „das Brot der Not und Wasser der Drangsal“ in c. 30,20, das „Erbleichen“ Jakobs in c. 29,22 und endlich auch c. 28,6b, wo gesagt wird, dass Jahwe denen zur Heldenkraft werden wird, „die den Kampf zum Thore zurücktreiben.“

Es ist demnach aus inneren und äusseren Gründen wahrscheinlich, dass wir als ungefähre Abfassungszeit der nichtjesajanischen Stücke unseres Buches die erste Hälfte des zweiten Jahrhunderts v. Chr. anzunehmen haben. Sollte die Annahme ~Duhms~, dass c. 33 aus dem Jahre 162 stammt -- was freilich nur eine Vermutung bleiben kann -- richtig sein, so hätten wir damit den terminus ad quem der Fertigstellung des Buches c. 28-33 gewonnen. Denn c. 33 setzt, wie wir gesehen haben, das Vorhandensein des übrigen Buches bereits voraus und ist hinter c. 32,9-14 als zweiter Nachtrag an dasselbe angeschlossen worden. Das älteste unjesajanische Stück unseres Buches ist c. 30,27-33. Da es gegen „Assur“ gerichtet ist, werden wir für seine Entstehung etwa das Jahr ±200 anzunehmen haben. Die Hauptmasse würde demnach etwa in die Mitte zwischen 200 und 162 fallen, also um das Jahr ±180. Bestimmtere Anhaltspunkte für die Zeitansetzung finden sich nicht.

III.

Wir haben nun im Vorstehenden auch für die nichtjesajanischen Partieen unseres Buches eine Scheidung und Zeitansetzung der untereinander zusammengehörigen Stücke zu geben versucht. Es erübrigt noch, dass wir aus den gewonnenen Resultaten einen Ueberblick über den Zweck und die Anlage unseres Buches gewinnen. Das wird am besten durch eine kurze, zusammenfassende Darstellung der Entstehungsgeschichte unseres Buches geschehen.[29]

Als im Jahre 705 v. Chr. der gewaltige König Sargon von Assur ermordet worden war, und der Babylonier Merodachbaladan den Regierungswechsel zu einem Aufstande benutzt hatte, schien vielen Vasallenstaaten des grossen Assyrerreiches der Augenblick gekommen zu sein, das verhasste Joch abzuschütteln. Auch in Juda regten sich Abfallsgelüste. Allein freilich konnte mans nicht wagen; es galt, sich mit Ägypten zu verbinden. Die ägyptenfreundliche Partei gewann die Oberhand; ein Freiheitstaumel patriotischer Begeisterung erfasste alle. Nur ein Mann blieb ruhig, der Prophet Jesaia; im Namen seines Gottes forderte er das Aufgeben dieser Pläne. Nicht auf Menschen, auf Jahwe solle man sich verlassen. „Glaubet ihr nicht, so bleibet ihr nicht.“ Er schleuderte seine Drohungen hinein in das Volk; er trat in dem Tempelvorhofe den trunkenen Priestern entgegen; er verkündete den Leitern und Machthabern des Volkes den Untergang. Es half nichts. Der Aufstand im Bunde mit Ägypten wurde Thatsache. Heimlich vor dem gewaltigen Manne verwirklichte man seine Pläne. Als Jesaia davon erfuhr, hat er wohl noch einmal in gewaltiger Drohrede das Strafgericht Jahwes verkündet.[30] Aber dann zog er sich zurück: „Jetzt geh’ hinein und schreib es nieder, und auf ein Buch zeichne es, dass es sei für einen spätern Tag, zum Zeugen für immer!“ c. 30,8.

Dieser Befehl Jahwes, den Jesaia erhielt, war der Antrieb zur Aufzeichnung des Buches, das unserm Buche Jesaia c. 28-33 zu Grunde liegt. Nicht aus eigenem Antriebe hat Jesaia geschrieben; er führt seine schriftstellerische Thätigkeit selbst auf einen besonderen Befehl Jahwes zurück. Auch nicht aus blossem schriftstellerischen oder rein historischem Interesse hat Jesaia sein Buch verfasst, sondern zum Zeugnis für einen folgenden Tag, um der Wahrheit willen, damit Jahwe in seinem Propheten Recht behalte.[31] Wir dürfen darum auch nicht annehmen, dass die unserm Buche zu Grunde liegende Schrift Jesaias, in welcher er sein Auftreten geschildert hat, einen allzugrossen Umfang gehabt habe; einige kurze Notizen[32] über die den Reden zu Grunde liegenden Ereignisse werden die uns jetzt erhaltenen Stücke verbunden haben, etwa in der Weise von c. 7.

Welche Schicksale dieses Buch bis zum zweiten Jahrhundert gehabt hat, ist uns unbekannt. Aus c. 30,27 ff. geht indes hervor, dass auch dieses Buch von fremden Einflüssen nicht unberührt geblieben ist. Ebenso ist möglicherweise c. 28,16 spätere Zuthat. Ob unter den fortgelassenen geschichtlichen Bestandteilen fremde Stücke waren, lässt sich natürlich nicht sagen. Der Text der jesajanischen Stücke ist teilweise sehr verdorben, zum Teil auch verloren gegangen. Ganz verstümmelt ist c. 29,1 ff., wahrscheinlich auch der Anfang des Buches; unvollständig erhalten ist wohl auch der Schluss c. 31,4. Dennoch geht aber aus der grossen chronologisch-sachlichen Ordnung unserer noch jetzt erhaltenen jesajanischen Stücke hervor, dass das ursprüngliche Buch sich ziemlich vollständig erhalten haben muss.[33]

Endlich ist aber auch dieses Buch dem Schicksale so vieler anderen älteren Schriften verfallen. Ein Apokalyptiker des zweiten Jahrhunderts besorgte eine neue Ausgabe dieses alten Buches. Er fand, dass die darin aufgezeichneten Gesichte Jesaias in seiner bedrängten Zeit sich zu erfüllen begännen. Die Not der Fremdherrschaft, unter der seine Zeit seufzte, ist die Erfüllung der von dem uralten Propheten geweissagten Gerichte Jahwes über sein Volk wegen des Abfalls, den „sie“ (nämlich die frühere Generation) begingen.[34] Er deutete die darin geweissagte Bedrängung Jerusalems auf die syrische Tyrannei.[35] Bei dieser Deutung konnte ihm freilich die geschichtliche Umrahmung nichts helfen. Es kam ihm auch an sich nur auf die Offenbarungen, also auf die Sammlung des reinen Wortes an. So brach er denn alle wirklichen und vermeintlichen Reden aus ihrem geschichtlichen Zusammenhange heraus und verarbeitete sie zu einem neuen Buche.

In den jesajanischen „Gesichten“ (c. 29,11) war aber nur eine Seite der Endzeit hervorgehoben, nämlich das Gericht. Die andere Seite, die Erlösung und das messianische Heil, fehlte. Sie hat der Herausgeber aus seinem eigenen Schatze hinzugefügt. Das sollte kein Betrug sein und war auch keiner.

Der Verfasser schrieb seine Stücke als notwendige Erläuterungen und Ergänzungen, und zwar, wie er sicher annahm, ganz im Geiste Jesaias. Was er über das zu erwartende Heil geschrieben hat, war nicht seine Erfindung, sondern zu seiner Zeit allgemeingültiges Dogma. Ja, er hat seine Gedanken zum Teil aus einem anderen von ihm für jesajanisch gehaltenen Buche, dem Deuterojesaja, entlehnt. Wie harmlos er den jesajanischen Stücken gegenübergestanden hat, ergiebt sich z. B. daraus, dass er die Schilderung Jesaias von dem Zuge der jüdischen Gesandtschaft nach Aegypten c. 30,6 f. für ein geheimnisvolles Orakel über die Tiere des Südlandes gehalten hat.

Seine Schrift sollte eine Trostschrift sein. In der Zeit des Verfassers fing man an, an der Sicherheit des messianischen Heils irre zu werden. Da galt es, die Zeichen der Zeit zu verstehen und sie zum Trost und zur Belehrung des Volkes nach den Weissagungen der alten Propheten zu deuten. Aus diesem Zwecke erklärt sich der teils lehrhafte, teils weinerliche Ton der Schrift. „Die Gerichte, die Jesaia verkündet hat, geschehen jetzt in eurer Mitte; nur noch ein kleines Weilchen, dann folgt die grosse Umwandlung der Dinge; du Volk in Sion sollst nicht immerfort weinen; gab auch der Herr Brot der Not und Wasser der Drangsal, so wird er sich jetzt bald eurer erbarmen; wie man nicht immerfort drischt, so wird euch der Herr auch nicht immerfort schlagen. Grade die Trübsal ist ein sicheres Zeichen des nahen Heils; dann wird „Assur“ vernichtet, ihr aber werdet gesegnet werden.“

Eine derartige Trostschrift wollte der Verfasser geben. Er that dies, indem er aus dem jesajanischen Buche alle wirklichen und vermeintlichen Reden herausbrach und sie mit seinen Erklärungen und Ergänzungen zu einem neuen Buche verarbeitete. So ist es gekommen, dass in dem neuen Buche die beiden sich ergänzenden Gedankenreihen von Gericht und Segen immer abwechselnd zu Worte kamen. Für den Zweck der Schrift konnte das nur um so wirksamer und eindringlicher sein, jemehr dadurch der eigentliche Charakter der Drohreden verwischt wurde. Dem Verfasser aber war diese Methode durch die Art der Gewinnung der jesajanischen Stücke an die Hand gegeben.

Als Einteilungsprinzip diente ihm das mehrfach in den jesajanischen Stücken vorkommende הוי. Das wird ihn wohl auch veranlasst haben, an Stelle des vielleicht verstümmelten Einganges des Buches das in formaler Beziehung ganz passende Stück c. 28,1-4 zu setzen. Denn mit einem jesajanischen Stücke wollte er doch sein Buch beginnen.[36] Als Abschluss seines ganzen Werkes dichtete er nach dem Muster von c. 9,1-6 oder c. 11,1-9 die etwas verunglückte Weissagung c. 32,1-8. Ein späterer hat dann in ähnlicher Weise c. 32,9-20 hinzugefügt. Als zweiter Nachtrag reihte sich dann noch c. 33 an. Der Verfasser hat es in seinem Anfange dem Buche c. 28 ff. nachgebildet. So erschien dann die Schrift in damaliger Weise als חסון ישעיהו, wurde als solche später in das Ganze unseres Jesajabuches aufgenommen und blieb in dieser Geltung seitdem unangefochten.

Dadurch, dass es der Kritik gelungen ist, die widerspruchsvolle Einheit auch dieser Sammlung des Jesaia-Buches zu zerstören, hat sie der alttestamentlichen Wissenschaft einen grossen Dienst geleistet.

Zunächst ist es dadurch erst möglich geworden, ein entsprechendes Bild von der schriftstellerischen Thätigkeit jenes grossen Propheten des 8. Jahrhunderts zu gewinnen. Man hat sich nie eine rechte Anschauung davon machen können. Weder die Annahme einer vorhergehenden predigtähnlichen Ausarbeitung noch die der eigenen nachträglichen Niederschrift und redaktionellen Sammlung seiner in glühender Begeisterung gehaltenen Reden konnte befriedigen. Die Aufgabe des „Schriftstellers“ Jesaia ist gewiss kein Schaden für seine Bedeutung als Prophet. Sehr wohl erklärlich aber ist, dass Jesaia, nachdem er vergeblich durch mündliche Predigt gewirkt hat, nun auf Befehl seines Gottes davon eine kurze Darstellung giebt zum Zeugnis für einen folgenden Tag. So wird seine schriftstellerische Thätigkeit in seine prophetische mit hineingezogen.

Von weittragendster Bedeutung ist aber die richtige Erkenntnis von der Komposition von Jesaia c. 28-33 für die inhaltliche Beurteilung seiner Prophetie. Gehören ihm nämlich in jenen Kapiteln nur die Drohreden an, hat demnach Jesaia grade in den Jahren 705 ff. den Untergang Jerusalems verkündet, so darf wahrlich seine Bedeutung für die Folgezeit nicht mehr darin gesehen werden, dass er die Unverletzlichkeit Jerusalems als der Gottesstadt festgehalten habe. Ja, es wird dann überhaupt der Meinung, die in ihm noch gern den Propheten „einer beglückenden Fernsicht und milden Tröstung“ sieht, immer mehr der Boden entzogen. „Ihn darf man nicht den Propheten der Hoffnung, wohl aber mehr als alle andern den Propheten des ~Glaubens~ nennen“ (Hackmann).

Endlich lässt uns auch die Erkenntnis der Komposition unseres Buches einen lehrreichen Einblick in die Arbeit und Anschauungen des späteren Judentums thun. Denn wir haben es bei diesem Buche nicht mit blosser Ueberarbeitung oder mit Einschaltungen zu thun, sondern mit völliger Umgestaltung einer altprophetischen Schrift; und es dürfte im ganzen Kanon kaum eine Schrift geben, bei der, wie an unserer, der Zweck und die Art der Umgestaltung deutlich zu erkennen wäre.

~Duhm~ ist der erste gewesen, der dem Buche c. 28-33 den falschen Schein der Einheitlichkeit genommen hat; ~Hackmann~ hat die Scheidung von jesajanischem und nichtjesajanischem Materiale auf die richtigen Prinzipien zurückgeführt. Der Zweck dieser Abhandlung ist es gewesen, durch eingehende Darlegung der Komposition des Buches die Richtigkeit der von ~Hackmann~ aufgestellten Prinzipien zu begründen und dadurch der von ~Duhm~ eröffneten Anschauung von der Gestaltung dieses Buches weiter Bahn zu brechen. Sie will an ihrem Teile einen kleinen Beitrag liefern zur Lösung des grossen Problems, das die Erkenntnis von der Beschaffenheit des Jesaia-Buches der neueren alttestamentlichen Forschung gestellt hat.

Anhang.

1. c. 28,23-29.

Diese Dichtung enthält ein dem Landbau entnommenes Gleichnis, welches das Verhalten Jahwes seinem Volke gegenüber abbilden soll.

Sie hat eine besonders feierliche Einleitung, wie sie der Volkssänger gebraucht, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, und wie sie auch Jesaia in dem Gleichnisse vom Weinberge c. 5,1 nachgeahmt hat. Schon dadurch wird es unwahrscheinlich, dass ihr eine längere oder kürzere Rede voraufgegangen sei. Selbst ~Dillmann~ findet es wahrscheinlich, dass v. 23-29 ursprünglich nicht in unmittelbarer Fortsetzung von v. 7-22 gesprochen ist.[37]

Aber auch inhaltlich steht dies Maschal mit v. 7-22 in keinem Zusammenhange, so dass man annehmen könnte, Jesaia habe es nachträglich selbst als Fortsetzung an seine jetzige Stelle gesetzt. Die Ausleger geben sich vergeblich Mühe, den Zweck und Inhalt der Parabel mit dem Vorangegangenen in Einklang zu bringen.[38]

Betrachtet man die Parabel für sich, so kann ihr Inhalt nur tröstlicher Art sein. Wie der Landmann nicht immerfort pflügt und eggt, sondern auch säet, nachdem er den Boden geebnet hat, so wird -- das ist die einzig richtige Parallele, auch Jahwe nicht immerfort zerstören, sondern auch bauen. Wie Dill und Kümmel nicht mit der Schleife gedroschen, sondern mit dem Stecken geklopft wird -- nämlich, damit sie nicht beschädigt werden -- so wird auch Jahwe sein Volk nicht zu Grunde richten, sondern nur züchtigen. Ebenso: wie Brotkorn nicht vom Rade des Wagens zermalmt wird, sondern nur von der Spreu geschieden, so wird Jahwe auch sein Volk nicht zermalmen, sondern es nur so lange strafen, bis es gereinigt und geläutert ist. Denn wunderbar ist sein Rat, gross seine Einsicht.

Enthält aber das Maschal Tröstung, wie passt es dann als Fortsetzung zu v. 7-22. Denn dass Jesaia, wie ~Meinhold~[39] will, eine versteckte Drohung gegen die Magnaten darin habe aussprechen wollen, ist gänzlich unverständlich. Und noch dazu soll Jesaia das Maschal eigens dazu gedichtet haben, die vorstehende Drohrede zu verstärken und die Grossen zu erschrecken! In der That, diese Erklärung ist kaum wunderbarer, als der Fehlgriff ~Ewalds~, der, auf die vorhergehenden Drohungen wider die trunkenen Judäer zurückgehend, in der Bilderrede v. 23-29 eine symbolische Abmahnung von der Unmässigkeit im Trinken erblickt.

Auf andere Art sucht ~Dillmann~ darzuthun, dass sich das Maschal noch „im Gedankenkreis des vorigen Abschnittes bewegt“. Denn teils ist es die Bewunderung des göttlichen Verstandes, worauf das Ganze hinausläuft (v. 29), und darin berührt es sich mit v. 21, teils wird aller Nachdruck darauf gelegt, dass der Landmann nicht immerfort den Boden umbricht, und darin berührt es sich mit v. 16 f., wonach „Gott nicht blos zerstört, sondern aufbaut“.

Aber v. 21 und 29 berühren sich nicht so, wie ~Dillmann~ sagt. Beide Verse drücken zwar eine Verwunderung aus, und zwar über Gottes Thun. Trotzdem besagt v. 29 so ziemlich das Gegenteil von v. 21. In v. 21 wundert sich der Prophet über Gottes Thun, weil er es nicht versteht. „Dem Propheten selber ist offenbar höchst fremd zu Mute, wenn er sich jenes Werk vorstellt, dass Jahwe mit Assurs wilden Scharen gegen Juda zu Felde ziehen soll: fremd seine That, wildfremd sein Werk!“ (Duhm). Aber freilich, nach Dillmann thut Jesaia den Ausruf, weil er es durchschaut, dass Jahwe schliesslich doch nicht Zion vertilgen, sondern durch die Strafe seine Verklärung bewirken wird![40] Wo steht davon auch nur ein Wort? Aber der wuchtigen Rede des Jesaia wird alles Mark entzogen, wenn er am Schlusse seiner Drohungen theologisch spintisiert und diesen unausgesprochenen Reflexionen durch Worte der Bewunderung Ausdruck gegeben hätte! Nein, er durchschaut eben den Ratschluss Gottes nicht, daher die Ausdrücke זר und נכריה, aber die Thatsache ist ihm gewiss: er hat Vertilgung als festen Beschluss Jahwes vernommen (v. 22), und es ist auch ihm eitel Entsetzen, Orakel zu deuten (v. 19).

Ganz anders in v. 29, wo auch durch das גם זאת am Anfange deutlich der ~Gegensatz~ zu v. 21 zum Ausdruck kommt. Insofern stehen allerdings beide Verse in Berührung. In den vorhergehenden Versen ist durch mehrere dem Landbau entlehnte Vergleiche das Thun Jahwes verständlich gemacht. Jahwe sucht sein Volk heim. Aber wer sich in seine Wege vertieft, der wird erkennen, dass das Pflügen und Dreschen zwar notwendig ist, aber nicht ewig währen kann. Wunderbarlich ist sein Raten; aber er führt es herrlich hinaus. Hier ist theologische Reflexion. Mit Recht sagt ~Duhm~[41]: „Das Stück löst keine scheinbaren Widersprüche, die in v. 7-22 enthalten wären und die auch Dillmann erst nachträglich einfallen.“

Aber ich kann auch ~Duhm~[41] darin nicht beistimmen, dass das Maschal den Propheten wider den spöttischen Vorwurf verteidige, dass seine Drohungen nicht eintreffen. Denn es setzt ja Trübsal voraus und verkündet nicht das Eintreffen der Drohung, sondern das Ende der Plagen. Nur mit völliger Umbiegung seines einfachen Wortsinnes kann man ihm im Zusammenhange eine solche Deutung geben, wie auch Duhm es thut.

Richtiger nach seinem Wortsinne deutet ~Guthe~[42] das Gleichnis: „So hat auch die Strafe Jahwes ein Ende, wenn die Zeit des Segens herbeigekommen ist.“ Aber um es so deuten zu können, muss er es aus dem Zusammenhange entfernen. Doch giebt er ihm aus seiner Konstruktion eines zweifachen Zukunftsbildes eine Nutzanwendung, die unhaltbar erscheint.[43]

Das Maschal ist also weder direkte Fortsetzung von v. 7-22, noch kann es später von dem Propheten an seine jetzige Stelle gesetzt sein. Ja, es stammt überhaupt nicht von Jesaia.

Das Gleichnis enthält eine tröstliche Verheissung an das heimgesuchte und geplagte Volk. Die Situation, die es voraussetzt, ist die, dass das Volk schon lange Zeit unter den Schlägen Jahwes zu leiden hat. Darauf liegt aller Nachdruck. So beginnt das Gleichnis schon mit der schmerzlichen Frage הכל היום, die es ja mit einem tröstlichen „nein“ beantwortet. Ebenso heisst es v. 28: כי לא לנצח אדוש ידושנו. Das ist bisher von den Auslegern übersehen worden, weil sie immer den Jesaia als Autor vor Augen hatten. Und doch liegt in dem ganzen Maschal der Hauptton darauf, dass das Volk gerade deshalb, weil es schon lange Zeit, eine Ewigkeit (v. 28,23) unter der Zuchtrute Jahwes zu leiden hat, und deswegen an der Hülfe und Erlösung zu zweifeln anfängt, durch den aus dem Landbau genommenen Vergleich auf die einst doch und gewiss eintretende Zeit des Segens vertröstet werden soll.

Diese Situation passt allerdings gar nicht auf die Zeit Jesaias, wohl aber sehr gut auf die nachexilische Gemeinde. Jesaia hat auch das Volk nie in seinen Reden als ein solches angesehen, das schon zu lange Zeit unter den Schlägen Jahwes leidet, so dass es nun auf Erlösung hoffen dürfte[44], sondern immer als ein solches, dem das gewaltige Drohgericht Gottes noch bevorsteht.

Das durch den Inhalt des Maschals gewonnene Resultat findet nun noch mehrfache anderweitige Bestätigung. Zunächst ist befremdlich, dass es ganz allgemein gehalten ist und ohne weitere Nutzanwendung bleibt. Das ist sonst nicht Jesaias Art. Das Lied vom Weinberge c. 5,1 ff. erhält sofort seine konkrete Beziehung. Für das nachexilische Judentum bedurfte es einer solchen nicht. Da war die Situation immer dieselbe.

Auf die nüchterne, theologisierende Reflexion ist oben schon aufmerksam gemacht worden. Das Bild des Landbaues ist an sich passend; doch wird es durch immer neue Wendungen breit ausgeführt, ohne doch einen neuen Gedanken zu bringen. Auch der Stil ist matt und raisonnierend vgl. das הלוא אם v. 25 und den Anfang von 28 לחם יודק, den man als Frage auffassen muss, um überhaupt einen Sinn zu erhalten.

Oben ist gesagt, dass der Eingang der Einleitung eines Volksliedes nachgeahmt ist; aber doch nicht sehr geschickt, durch blosse Häufung von Imperativen, von denen der eine (שמעו) doppelt vorkommt. Ausserdem hat ~Meinhold~, wenn auch in anderer Absicht, darauf aufmerksam gemacht, dass in der älteren klassischen Zeit mit שמעו immer eine Drohung eingeführt werde; erst in späterer Zeit, wo man für das unterdrückte Volk keine Drohungen mehr hatte, gebrauchte man das Wort auch zur Einleitung in Trostreden (Jes. 36,1. 4. Jes. 37,4 f. 46,3. 12 etc.).

Wenig geschickt ist die Vorwegnahme des Säens in v. 24 (לזרע), wovon doch eigentlich erst v. 25 redet; künstlich die Konstruktion von v. 26, der das Subjekt erst im 2. Stichos bringt; v. 28 ist auch in seiner zweiten Hälfte schwerfällig und wird nicht leichter, wenn man auch die Pferde durch Korrektur beseitigt und וּפְרָשׂוֹ ולא liest (Duhm). Denn der erste Stichos giebt sich nicht als erster Vordersatz zu erkennen und der Sinn wird verbogen; denn nicht darauf kommt es an, ob das Brot nach dem Dreschen zermalmt wird, sondern dass das nicht durch das Dreschen geschieht. In v. 29 streicht ~Duhm~ das צבאות, weil Jahwe als Gott der Heerscharen nicht der Lehrmeister der Bauern war. Gewiss nicht für Jesaia; aber wohl für einen Späteren, für den der Begriff die konkrete Färbung nicht mehr hatte. Überhaupt ist die ganze Auffassung, dass Jahwe Lehrmeister der Bauern sei, zu Jesaias Zeit angesichts solcher Stellen wie ~Hosea~ 2,4 ff. kaum so volkstümlich gewesen, wie unser Gedicht voraussetzt.

Sprachlich Ausschlag gebend ist vor allem das Wort תושיה, das zum Wortvorrat der Weisheitslehrer gehört (Pr. 2,7. 3,21. 8,14. 18,1. Tob. 5,12. 6,13. 11,6. 12,6. 26,3 und die späte und verstümmelte Stelle Mi. 6,9). Das Wort wird also nicht, wie ~Duhm~ meint, durch unsre Stelle als alt erwiesen. Endlich sei noch auf die beiden Begriffe נסמן und שורה hingewiesen, die sehr jung und für uns unübersetzbar sind. Da sie die LXX nicht hat (nur Cod. R hat für שורה κέγχρον), streichen sie viele Ausleger, wogegen aber ~Dillmann~ Einspruch erhebt.

Die Verse 23-29 sind nach alledem nicht von Jesaia; sie sind vielmehr erst spät verfasst und mit der Drohung v. 14-22 verbunden worden, um derselben einen Trostspruch gegenüberzustellen. So erklärt sich auch das גם זאת v. 29 am leichtesten, das, auf v. 21 f. zurückblickend, den festen Vertilgungsbeschluss Jahwes im Blick auf sein wunderbar weises Walten korrigiert.[45]

2. c. 32,15-20.

Gewöhnlich nimmt man v. 15-20 mit den vorhergehenden Versen 9-14 zusammen; und gegen diesen Abschnitt v. 9-20 als ganzen hat auch ~Stade~ sein Bedenken erhoben. Es ist aber unmöglich, die Verbindung beider Stücke aufrecht zu erhalten. Der Abschnitt v. 9-20 beginnt mit einer furchtbaren Drohung gegen die sorglosen Weiber Jerusalems und schliesst daran die Verkündigung des Unterganges der Stadt, um dann plötzlich wieder v. 15 ff. in die glänzendste Zukunftsschilderung einzulenken.

Dieser plötzliche Umschwung in v. 15 ff. schlägt der vorhergegangenen Ankündigung der Verwüstung Jerusalems zu sehr ins Gesicht, als dass er nicht Bedenken gegen seine Ursprünglichkeit wachrufen müsste. Sieht man sich den Übergang von v. 14 zu v. 15 näher an, so erkennt man dann auch, dass er nicht von dem hergestellt sein kann, der v. 9-14 geschrieben hat. Bisher haben sich allerdings alle Exegeten diesen Übergang gefallen lassen. Erst ~Duhm~ hat die Unmöglichkeit erkannt, v. 15 ff. mit v. 9-14 zu verbinden, obwohl er beide Stücke dem Jesaia als Verfasser zuschreibt.