Die kleine Stadt: Roman

Part 9

Chapter 93,835 wordsPublic domain

»Ich gehe noch nicht zum Essen. Ob jetzt oder später, ich werde dabei allein sein. Die Italia bleibt sicher mit ihrem Advokaten zusammen, Gaddi hat seine Familie, Flora Garlinda begnügt sich mit dem Diner der Schneidersfrau, und Nello, ich weiß nicht, wo der Junge immer steckt. Ich könnte zu meiner Hausfrau, der kleinen Camuzzi, gehen; aber, Maestro, es kommen Zeiten, die Sie noch nicht begreifen, wo die Nähe junger Frauen voll Bitternis ist. Wenn Sie wollen, werfe ich einen Blick in das Manuskript Ihrer Oper.«

»Cavaliere . . . ich weiß nicht . . .«

Der Kapellmeister griff sich an den Hals.

»Sie wären der erste, der es zu sehen bekäme . . .«

Der alte Tenor lächelte mild.

»Ich habe schon andere zu sehen bekommen und, es ist lange her, sogar die von ihm selbst geschriebenen Noten des großen Maestro Rossini, -- die er mir geschenkt hat.«

Nach einem Schweigen murmelte der Kapellmeister:

»Sie sind ein berühmter Mann . . . Ich fühle mich geehrt.«

Vor der Unterpräfektur stand Rina, die kleine Magd des Tabakhändlers, und sah erschreckt und glücklich dem Kapellmeister entgegen. Da er vorbeikam, hob ihre kleine rote Hand sich wie von selbst ein wenig von der Schürze und blieb, von ihm unbemerkt, in der Luft stehen. Der Cavaliere Giordano wandte lange den Kopf nach ihr. Sie hatte die Zähne in die Lippe gedrückt und starre, feuchte Augen.

Am Ende des Corso bogen sie nach dem steilen Platz ein, mit dem Wirtshaus »zu den Verlobten« und der Schmiede. Über dem Bruchstück der alten Stadtmauer, die zwischen den letzten Häusern stand wie ein großer Efeustock, sah rauh der braune Berg herein. Der Kapellmeister zeigte auf das Dach der Schmiede.

»Dort oben.«

Der Gipfel des Daches trug einen kurzen, breiten Aufsatz mit einer geschwungenen Haube, Fenstern, beinahe so groß wie die Wände, und den heitersten Arabesken aus Gips. Als sie das dunkle Haus erklommen hatten:

»Hier werden Sie sogleich wieder Atem erlangen, Cavaliere. An Luft fehlt es hier nicht.«

Der Alte bat im Gegenteil, vor der Zugluft zu schließen.

»Sie haben recht, es bläst zu allen Seiten herein. Im Winter werde ich es in meinem Bett ein wenig kalt haben. Aber das macht nichts. Tagsüber ist mir oft fast zu warm von meinen Gedanken. Ich laufe durchs Zimmer, wie viel tausendmal wohl; überall scheint der Himmel herein; mir ist, als laufe ich durch den Himmel; -- und aus den Glockentönen, die mir darin entgegenschweben, aus dem Gehämmer der Schmiede, aus allem wird Musik. Aber vielleicht ist es schlechte?«

Er zog das Manuskript hervor, wog es in den Händen und, rosig bis unter die Barthaare, lieferte er es aus. Der andere blätterte und bewegte die Lippen. Der Kapellmeister hielt nicht stand.

»Ich spiele es Ihnen vor. Ich spiele Ihnen den zweiten Akt vor, wenigstens den Schluß, wenigstens das Duett. Sie müssen es anhören!«

Er setzte sich vor das Klavier und sprang wieder auf.

»Nur ein einziger Stuhl! Was tun? O! Cavaliere, Sie wollen wirklich --? Aufs Bett? . . .«

Nach dem letzten Akkord sah er noch auf die Tasten und regte sich nicht. Der berühmte Sänger klatschte leicht in die Hände und sagte:

»Bravo, Maestro!«

Darauf atmete der Kapellmeister wieder.

»Es gefällt mir, ich möchte versuchen, die Partie des Tenors zu improvisieren« -- und der Cavaliere stand schon da und schlug mit dem Zeigefinger den ersten Ton an.

»Machen Sie den Bariton, Maestro! O! Ohne Komplimente. Es wird dunkel, aber hier oben sieht man noch genug. Beginnen wir!«

Noch als es aus war, hatte der Kapellmeister die Miene des Lauschens. Endlich sah er, rosig lächelnd, auf.

»Cavaliere, ich danke Ihnen, Sie haben mich heute glücklich gemacht.«

Die Stimme des Alten war nicht mehr hohl gewesen. Sie war stark: »Wo habe ich heute morgen meine Ohren gehabt?« Nie hatte sie tremoliert. Der Kapellmeister schüttelte noch immer die Hand seines Sängers.

»Niemand hat diese meine Musik gesungen wie Sie!«

Er hatte vergessen, daß überhaupt noch niemand sie gesungen hatte. Mit immer neuem Entzücken:

»Das Crescendo, das Sie eingeführt haben, tut die beste Wirkung!«

Der alte Tenor lächelte klug.

»Ganz dasselbe sagte mir auch der Maestro Verdi, als ich mir im >Don Carlos< das Crescendo erlaubte, das seither alle singen.«

»Ihm selbst haben Sie vorgesungen!«

»Ich war bei ihm in Busseto, ich stand neben ihm, der sein Werk für mich spielte, wie nun Sie das Ihre, Maestro.«

»Ein Verdi!«

Der Kapellmeister sprang auf und lief durch das Zimmer. Der Cavaliere Giordano trat an das Fenster.

»Hier hat man einen weiten Horizont«, bemerkte er. »Die vielen Dächer bergab, und in der Dämmerung drunten, weithin verstreut, die Lichter. Sie haben es gut, Maestro, Sie sind jung.«

»Wenn es nicht dunkel wäre, würden Sie sogar zwischen jenen blauen Nebelwänden, die Berge sind, das Meer erkennen. Ich habe es bei meiner Arbeit immer vor mir, als das Zeichen und das Versprechen meiner Zukunft, eines weitreichenden Schicksals, der Unendlichkeit des Ruhmes!«

»Gewiß ist es Ihnen bestimmt, Maestro, über das Meer zu fahren und mit Säcken voll Dollars zurückzukehren.«

»Sie waren drüben, Cavaliere.«

Der berühmte Tenor bewegte die Hand, als schöbe er dieses Erlebnis zu den geringeren.

»Meine besten Jahre hatte ich in Rußland. Um mich in Petersburg singen zu hören, bestellten die Leute telegraphisch Plätze von Moskau aus und von der Krim. Während der >Gioconda< kam der Kaiser zu mir auf die Bühne; und am Abend meiner letzten Vorstellung schickte er eine Militärkapelle vor mein Haus und eine an den Eingang des Theaters. Das alles aber ist nichts, wenn ich mich erinnere, wie es war, als ich zwanzig war. Zusammen mit dem Mustafà und dem Rosati sang ich zu Rom in der Kirche Santa Maria in Vallicella den Sant' Eustachio, ein Oratorium des Maestro Salvatore Capocci: und wie ich fertig war, begannen die Gläubigen wütend zu klatschen und >bis< zu schreien. Die bewaffnete Macht mußte eingreifen und sie beruhigen.«

»Als Sie zwanzig waren«, wiederholte der Kapellmeister.

»Ja«, sagte der Alte; und als sei er allein:

»Es ist nun bald fünfzig Jahre her.«

Der Blick des jungen Mannes streifte hinüber, wo er so lange das Meer und die große Ferne gewußt hatte. War es noch dort? Ihm schien auf einmal unnütz, es zu suchen. Dieser Alte hatte es befahren; er war zurückgekehrt, und was blieb ihm? Er sang hohl und zitternd, vorhin nicht anders als sonst. »Nur das Glück, meine eigene Musik gesungen zu hören, bestach mein Gehör, -- und vielleicht wollte ers bestechen?« Dem Kapellmeister kam der Verdacht, der Cavaliere Giordano habe dieses Zusammensein in der Absicht herbeigeführt, ihn sich milder zu stimmen. »Es ist wahr, ich habe ihn auf der Probe bloßgestellt vor den andern. Welches Elend! Ich durfte das: ich, ein Anfänger, -- und seinen Namen kannte eine Welt.« Er war froh der Dunkelheit, die diesen alten Mann nicht sehen ließ, wie tief er errötet war: über sich, über ihn, über den menschlichen Stolz.

»Ich muß eilen«, murmelte er. »Das Orchester wartet auf mich.«

Der Cavaliere Giordano stolperte auf der Treppe.

»Lassen Sie sich Zeit, Cavaliere, und entschuldigen Sie mich.«

Der Alte sputete sich, um mitzukommen, um noch einige Minuten lang nicht allein zu sein. Aber er blieb zurück.

* * * * *

An der Ecke beim Wirtshaus »zu den Verlobten« trat, als der Kapellmeister heranstürmte, die kleine Rina aus dem Schatten und rief etwas. Er war schon vorüber und rief zurück:

»Ein andermal. Ich bin aufs höchste beschäftigt.«

Er erreichte den Corso und zog im Laufen den Hut, denn in die Gasse drüben bogen der Advokat Belotti, der Tabakhändler Polli und der Apotheker Acquistapace ein. Sie drohten ihm mit dem Finger und stießen sich an.

»Ah! der Maestro. Wer weiß, von welchem Abenteuer er kommt.«

Sie selbst waren auf der Suche. Von Zeit zu Zeit blieben sie unter einem Hause stehen, und einer von ihnen flüsterte:

»Dort oben wohnt eine.«

»Auch hier habe ich eine einquartiert«, bemerkte der Advokat ein Stück weiter; und alle drei gaben ein angeregtes Glucksen von sich. Die Reihen der alten, schwarzen, von seltenen Lichtern geröteten Häuser mit ihren schweren und verzierten Portalen, aus denen es nach Gewürzen oder Handwerk roch, mit ihren Balkonen, eng wie Kanzeln, ihren vergitterten Fenstern und den weit vorstehenden Dächern, worunter in offenen Speichern Maiskolben und Reisig trockneten: diese schmalen Steinläufe und ihre winklig umschatteten Erweiterungen, die schon der Fuß der Bürger an den Schäden des Pflasters wiedererkannt hätte, sie schienen ihnen verwandelt. Das alles machte sie wieder neugierig, wie als Kinder. Sie hoben sich auf die Fußspitzen, um über die rote Gardine hinweg in ein Schenkenzimmer zu spähen, wo Choristinnen mit ihren Kameraden saßen, und sie berieten darüber, ob die Paare, die zusammenwohnten, wirklich verheiratet seien. Als der Tischler Vittorino Baccalà, im Arm ein ganz kleines, buntes Geschöpf, das Haus bei der nächsten Laterne betrat, seufzte der Tabakhändler und sagte dann:

»Er hat recht.«

»Auch für andere ist noch etwas da«, erklärte der Advokat und klopfte ihn auf die Schulter.

»Aber woher kommen sie alle?« setzte er hinzu, denn dort hinten schlüpften schon wieder zwei durch einen Lichtstreif. »Man weiß doch, daß es nur dreizehn sind, und die ganze Stadt scheint voll von ihnen.«

»Überall riecht es nach Puder«, sagte der Apotheker mit seiner biederen Stimme. Die anderen beiden schnupperten.

»Sie verlieren ihn in der Luft,« sagte der Advokat, »wie Insekten ihren Flügelstaub« -- und er sah sich um, denn ihm war, als schlüge über ihm ein Flügel. Ja, wirklich, auf dem niederen Balkon des Hauses Filiberti fächelte sich eine: eine große, -- und jetzt roch man sie auch. Hinter ihr aber verschwand ins Dunkel ein Mann; wer war es? Der Tabakhändler hatte ihn erkannt.

»He! Olindo! Willst du hervorkommen!« -- und er stieß mit dem Zeigefinger nach dem Pflaster.

»Soll ich dich holen, du frecher Bengel?«

Der junge Polli zeigte sich am Gitter.

»Papa,« stotterte er, »das Fräulein wünschte Räucherkerzen gegen die Mücken, und weil der Laden zu war, habe ich sie ihr gebracht.«

»Augenblicklich kommst du herunter!«

Der junge Mensch wand sich umher. Man sah seine roten Haare und das verstörte Liderklappen in seinem kalkigen Gesicht. Die Choristin stieß ihn, laut lachend, an.

»So gehen Sie doch zu Ihrem Papa!«

Darauf verließ er den Balkon. Der Tabakhändler erklärte:

»Das denn doch nicht! Wenn diese Damen anfangen wollen, uns die Söhne zu verführen, dann mag die Kunst zum Teufel gehen.«

Der Advokat warnte vor Übertreibungen; man reize die Instinkte der Zwanzigjährigen, wenn man sie in die Kinderstube sperre. Da erschien Olindo, vorsichtig abgewendet, unter der Tür und schlich dicht an der bauchigen Rundung des Hauses hin.

»Ah! er will entwischen.«

Der Vater mußte aufhüpfen, um den Sohn an den Schultern zu packen. Aus Ehrfurcht machte Olindo es ihm leichter, indem er sich bückte, -- und nun schleppte Polli den Besiegten am Rockschoß herbei.

»Ein Hosenmatz, der den Frauen nachstellt! Ein neuer Typus! Jetzt kommen mir auch Vermutungen darüber, weshalb heute die zehn Trabukos verschwunden waren. Sie sind also doch verkauft, und das Geld war wohl für diese Dame bestimmt. Da hast du, da hast du! -- und sage zu Hause deiner Mutter, ich ließe sie bitten, dir von derselben Sorte zu geben.«

Mit einem Fußtritt, für den er ihn vorher zurechtstellte, schickte Polli den Sohn von dannen. Erst beim Trocknen des vergossenen Schweißes bemerkte er das Gelächter, das ihn umgab. In das Gebrüll des Apothekers und das Keuchen des Advokaten stießen Kreischtöne vom Ballon. Dem Tabakhändler ward angst.

»Seid vernünftig«, bat er, »und weckt nicht alle Weiber auf. Sie liegen schon halbnackt in den Fenstern. Schickt solche Szene sich für Leute, wie wir sind? Kommt fort!«

»Aber es ist geradezu die Schönste«, sagte der Advokat und war nicht vom Fleck zu bringen. »Dein Sohn hat sich geradezu die Schönste ausgesucht: die mit den gelben Haaren. Schon heute nachmittag sah ich ihn mit ihr auf dem Platz. Du hast recht, Polli, daß das nichts für Hosenmätze ist. Aber mit uns«, flüsterte er durchdringend hinauf, »wird das Fräulein vielleicht im Gasthaus »zum Mond« ein kleines gutes Souper einnehmen wollen. Ich bin der Vorsitzende des Theaterkomitees und kann Ihnen nützlich sein.«

»Dann bin ich sofort bei Ihnen, meine Herren«, erwiderte sie. Man sah sie drinnen im Schein einer Kerze den Puderquast schwingen. Die Röcke raffend, die raschelten, erschien sie auf der Schwelle und streckte die Hand sogleich dem Tabakhändler hin.

»Ihr Sohn ist ein Kind«, sagte sie; »Sie aber, mein Herr, sind ein wirklicher Mann.«

»Wir wollen es hoffen«, erwiderte er mit grober Stimme und einem Lächeln, das sich unwiderstehlich entfaltete. Dann besann er sich darauf, ihr den Arm zu bieten. Der Advokat mußte mit dem Apotheker hinterhergehen. Er schnaufte.

»Dieser Polli hat mehr Glück, als ihm zukommt« -- und lauter:

»Fräulein, ich hatte schon von Ihnen gehört, denn Sie sind die Schönste, und ich habe Ihr Engagement durchgesetzt.«

Sie wandte sich über die Schulter ihres Begleiters nach ihm um.

»Ah! der Herr ist der berühmte Advokat Belotti. Ich bin glücklich, mein Herr, Ihre Bekanntschaft zu machen.«

Plötzlich streckte sie ihm die Zunge heraus, -- und rasch machte sie sich wieder an Polli, zu dem sie sich achtungsvoll bückte, wie Olindo getan hatte.

»Welch ein Weib!«

Der Advokat ward zu einer Geste hingerissen, für die kein Raum war; er schlug heftig gegen die Mauer. »Au au! . . . Ich fühle, daß ich Tollheiten für sie begehen könnte.«

Der Apotheker sagte vorwurfsvoll:

»Und dabei wirst du von einer Frau wie die Italia geliebt! Denn die Italia, ich scheue mich nicht, es zu sagen, hat etwas Göttliches, das dieser hier trotz ihren gelben Haaren fehlt.«

»Soll ich dir etwas sagen?«

Der Advokat drückte den Arm des alten Kriegers.

»Nimm dir die Italia! Ich lasse sie dir. Ich fühle, daß ich nicht werde treu sein können, weder ihr noch einer andern. Mich verlocken sie alle, ich schrecke vor dem Wort nicht zurück: alle. Die Beständigkeit des Bürgers hat mich im Grunde immer gelangweilt; ich war zur Lebensweise des Künstlers geboren, ich, und jetzt entdecke ich mein Temperament.«

Damit ließ er den Freund auf seinem Holzbein weiterstelzen, wie es ging, und eilte dem gelben Schopf nach und den breiten schaukelnden Hüften, die im Corso verschwinden wollten.

Als Polli und der Advokat, die Choristin zwischen sich, auf dem strohbesäten Platz vor dem Gasthause anlangten, begannen beide zu schreien. Polli schlug auf einen Tisch.

»Jemand soll kommen! Da sind Leute, die etwas trinken wollen.«

Der Advokat stellte die Hände um den Mund.

»Ah! Malandrini, es wird Zeit, daß du dich zeigst, denn wir brauchen ein kleines feines Souper. Zuerst Salami und Schinken, dann eine gehörige Schüssel voll Makkaroni, eine von den Schüsseln, worin du die ganzen Ferkel aufträgst; dann Escaloppes in Madeira . . .«

»Sie werden zufriedengestellt werden«, sagte der Wirt und dienerte speckig. »Meine Frau wird für eine solche Gesellschaft sogar Hühner à la Villeroy machen, was eine schwierige, aber glänzende Sache ist.«

»Und Leber in Öl will ich«, erklärte das Mädchen.

»Leber in Öl, deine größte Pfanne, Malandrini!« empfahl der Advokat, als der Wirt schon ins Haus lief, und Polli schrie hinterher:

»Sorge für den Zabajone!«

Der Apotheker hörte es von draußen und rief über den Hof:

»Ich werde die Eier schlagen und den Marsala hineinmischen. Niemand gibt dem Zabajone die richtige Dicke als nur ich!«

* * * * *

»Was schreit er?« sagte hinten im Corso Italia Molesin zu Nello Gennari. Er zuckte die Achseln.

»Sie werden sich betrinken wollen.«

»Und der Advokat schwänzelt um die gelbe Gina herum! Ist dieser Mann denn unermüdlich?«

»Unsere Ankunft«, sagte Nello, »hat belebend gewirkt auf die Einwohner dieser Stadt. Auf einmal ist ihnen der Mut gekommen, ihre Laster in Freiheit zu setzen.«

»Ob das nicht abscheulich ist! Da glaubt man für sechs Wochen Ruhe gefunden zu haben. Ich war entschlossen, ihm treu zu bleiben; und nun, am selben Tage noch --«

Italia hatte eine feuchte Stimme.

»Diese Leute zwingen uns, ein unmoralisches Leben zu führen.«

»Wem sagst du es«, erwiderte der junge Mann mit geschlossenen Zähnen.

»Aber dich hat doch niemand betrogen?« fragte sie. Er murmelte:

»Nur ich selbst mich. Ich nahm mir ein zu hohes Ziel. Zu Großes mutete ich mir zu. Ich hätte reiner sein müssen, als ich bin.«

»Ich verstehe dich nicht.«

»Ach, auch ich habe der Forderung einer dieser Bürgerfrauen nachkommen müssen.«

»Als ob wir dafür engagiert wären!«

»Ja, wir sind da, sie lustig zu machen. Es ist ein Handwerk für Hunde.«

III

»Ob mein Mann läuten kann! Wie? Sagt doch!« verlangte die Frau des Kirchendieners Pipistrelli, zog die schiefe Schulter noch höher und lugte unter ihrem grünen Augenschirm ringsum. »Und er wird droben bleiben und ihnen vor der Nase die Glocken der Klosterkirche schwingen, solange ihr verdammtes Theater währt. Wir werden sehen, ob es ihnen gelingt, dem Teufel eine Messe zu feiern.«

»Don Taddeo ist ein wahrer Diener Gottes«, sagte der Schlosser Fantapiè und bekreuzte sich. Der Schlosser Scarpetta, der wie Fantapiè an die Arbeiten in der Sakristei dachte, bekreuzte sich eilig mit. Frau Nonoggi verdrehte die Augen.

»Und dennoch wird bald die ganze Stadt droben sein. Nicht rasch genug können sie laufen. Da! falle nur über die Treppe und brich dir das Bein, bevor der Böse dir den Hals bricht!«

»Wie wir Guten wenige sind!« bemerkte Frau Acquistapace. »Sollte man die Unglücklichen nicht zurückhalten?«

Die Pipistrelli schwenkte schon ihren Krückstock.

»He, ihr Männer! Bleibt unten! Droben ist nichts Gutes zu holen, außer der ewigen Verdammnis.«

Galileo Belotti, der mit einem Haufen Bauern aus dem Café kam, brüllte durch den Lärm der Glocken zurück:

»Was willst du denn? Die Zeiten des Aberglaubens sind vorbei. Wenn übrigens eine Vogelscheuche wie du davor steht, wird niemand in den Himmel wollen.«

Dabei stampften sie die Treppengasse hinan. Die kleine fromme Schar sah trostlos um den Platz, der leer lag.

»Zu denken, daß zur Zeit des Papstes der Galileo zur Messe ging!« sagte der Schlosser. »Aber wie Monsignore bei seiner letzten Anwesenheit äußerte: die Hoffnung der Kirche wird täglich kleiner!«

»Ach was, man muß handeln!« behauptete Frau Acquistapace. »Beachtet Don Taddeo, er gibt ein Beispiel von Tapferkeit.«

Man sah ihn von Zeit zu Zeit hinter der Ledermatratze der Domtür hervorschlüpfen und auf ein paar Jungen losschießen, die um die Ecke des Corso kamen. Wild riß er sie fort und klappte hinter ihnen und sich die Matratze zu. Kaum aber verließ er sein Versteck, um auf die nächsten zu jagen, da drückten die vorigen sich unter der Matratze weg; und wie er den Lehrjungen des Konditors Serafini gefangen mitschleppte, kamen ein kleiner Chiaralunzi und der Michelino vom Barbier Druso wie Hasen daher und rannten über die Pipistrelli hin, daß sie sich aufs Pflaster setzte.

»Welche Schande für unseren Beruf!« rief Frau Nonoggi dem jungen Druso nach, und der Schlosser Scarpetta holte aus. Aber wo waren sie hin?

Die Frau des Perückenmachers ließ die Arme sinken; denn sah es nicht aus, als wollte dort hinten ihr eigener Mann entwischen? Soeben noch hatte er sich einen Stuhl vor den Laden gestellt, wie um die Zeitung zu lesen; und nun strich er, die Klarinette fest unter dem Arm, ganz nahe an der Mauer hin, schlenkerte die Faust, als eile er einfach zu einem Kunden, und kniff doch in seinem zurückgewandten Gesicht ein Auge zu, wie immer, wenn er kein reines Gewissen hatte.

»He! Nonoggi,« -- und als die Frau ihre Stimme wieder hatte, war sie ihm auch schon nach. Er murmelte und versuchte das Gesicht zu verrenken, aber das geschlossene Auge verhinderte es.

»Kein Aufheben, meine Freundin, wir müssen mitmachen, was wird sonst aus dem Geschäft? Die Kunden werden sagen: ah, Nonoggi, der Abend ist mißglückt, denn das Orchester war schlecht, und das kommt, weil deine Klarinette fehlte.«

Dabei klopfte er ihr mit dem Instrument die Wange.

»Man sagt anfangs wohl, was die Frau und der Priester wollen,« erklärte er den beiden Schlossern, die nachkamen, »aber ein Barbier hat noch andere Rücksichten zu nehmen.« »Au!« rief seine Frau, denn sein freundschaftliches Klopfen ward immer schärfer. Plötzlich riß er zum Zeichen, daß er sich wieder wohl fühle, auch das zweite Auge auf, tat einen Satz und war in der Treppengasse.

»Wir sind verraten, man muß das Schlimmste verhüten« -- und Frau Nonoggi machte sich, die Hände gerungen, hinterher. Die Zurückgebliebenen zählten einander stumm.

»Nun sind wir noch vier«, stellte Scarpetta fest; Frau Acquistapace wies, aus ihrem schwarzen Tuch hervor, unheilvoll nach der Apotheke.

»Mir soll es nicht so gehen. Er ist drinnen und macht Pillen, und ich bürge dafür, daß er weiter Pillen macht.«

Man nickte einander verbissen zu.

»Aber seht doch den tapfern, heiligen Don Taddeo!« sagte die Pipistrelli. »Soll man ihm nicht zu trinken bringen?«

Denn er hing, vom Jagen erschöpft und in der Dämmerung dort hinten ganz allein, am Rücken eines der Löwen des Doms, und mit der Hand hielt er sich die Stirn. Da näherten sich Schritte in der Treppengasse; der Advokat Belotti erschien im Frack; und schon von weitem keuchte er:

»Don Taddeo, dies Läuten muß aufhören, ich erkläre Ihnen im Namen des Komitees und der Stadtgemeinde, daß der Lärm aufhören muß.«

Auf dem ganzen Wege über den Platz schrie er immer dasselbe, als übte er sich ein, bevor es ernst ward. Endlich bemerkte Don Taddeo ihn und richtete sich auf.

»Was wollen Sie von mir?« schien er zu fragen; -- und im Getöse des Himmels, das ihre Stimmen verschlang, sah man die beiden mit den Armen ausstoßen, die Fäuste schütteln und die Gesichter wie nach Zeugen blind umherrücken. Als die Frommen herangekommen waren, sagte Don Taddeo eben:

»Und ich erkläre Ihnen, daß es der Vorabend des Festes des heiligen Theophrastus ist, dem in der Klosterkirche eine Kapelle gehört.«

»Eine Kapelle!« schrie der Advokat. »Das ist etwas Rechtes! Und wenn Sie nun jeden Ziegel auf dem Dach einem andern Heiligen weihen würden, wie, mein Herr, dann hätten wir den Lärm alle Tage?«

Der Priester erhob verzweifelt die hohle Stimme:

»Ich verbiete Ihnen, mein Herr, sich über die Religion lustig zu machen!«

Dabei hatte er rotglimmende Augen und seine Arme zuckten in der Luft so wild, daß der Advokat sich aus ihrem Bereich zurückzog. Dennoch schlug er die Rechte auf das steife Hemd:

»Im Namen des Komitees, vielmehr im Namen des Volkes --«

»Wer ist das Volk?« fragte der alte Fantapiè und trat breit an den Advokaten hin, der noch um zwei Schritte wich. Gleichzeitig aber holte er tief Atem.

»Das Volk bin ich!« sagte er mit Überzeugung. »Und hütet euch, daß ich nicht die >Glocke des Volkes< läute!«

»Auch wir haben Zeitungen«, sagte Don Taddeo.

»Auch wir sind das Volk«, behauptete drohend Frau Acquistapace.

»Und mein Mann«, kreischte die Pipistrelli, »wird wohl mit den heiligen Glocken Gott anrufen dürfen, wenn Ihre Komödianten dem Teufel Lieder singen.«

Der Schlosser Scarpetta verhielt sich hinter der Säule ganz still; nicht umsonst hatte er von gewissen Arbeiten erfahren, die im Rathaus zu vergeben waren. Don Taddeo und der Advokat Belotti konnten beide recht haben, denn Kirche wie Rathaus brauchten einen Schlosser.

Der Advokat griff, nun ein gemessener Abstand zwischen ihm und dem Priester lag, an seinen braunen Strohhut und zog ihn im Bogen.

»So erfahren Sie denn, mein Herr, unser letztes Wort! Falls Ihr Beauftragter mit der Störung einer öffentlichen Veranstaltung, wie eine Theatervorstellung es ist, nicht aufhört, sind wir entschlossen, die bewaffnete Macht gegen ihn zu Hilfe zu nehmen.«

Dabei entfernte er sich weiter rückwärts und eilig.

Die Frommen umdrängten den Priester. Sie hatten nur eine Stimme.

»Soll mans geschehen lassen, Reverendo?«

Er überblickte ihre Zahl und strich mit der Hand flach vor sich hin.