Part 8
Der alte Tenor prägte seiner Miene einen erhabenen Spott auf. Der Bariton bemerkte es nicht, weil er einen seiner Söhne von anderen Jungen bedroht sah und hineilte, um ihm beizustehen. Als er sich allein fand, zog über den Blick des Alten sogleich wieder, dicht wie ein Tuch, die Sorge, und er murmelte:
»Vielleicht kommt es wirklich auf dasselbe hinaus?«
Flora Garlinda betrachtete ihn, ohne daß er es merkte. Sie saß in schlechter Haltung an der Hausmauer, einen Arm auf dem Tisch und die Faust unter dem alten weißen Filzhut, so daß er hinüberrutschte, -- trank nicht, rauchte nicht und riß manchmal, indes sie alles umher im Auge behielt, anzusehen wie ein böses Äffchen, mit den Zähnen ein Stück von ihrer Semmel ab.
Der Advokat streckte die Hand aus.
»Was Sie da von jenem Priester in Nodi erzählen, Herr Leutnant, das könnte auch unserem Don Taddeo zustoßen. Schon oft, wenn ich ihn zu den Nonnen hinaufsteigen sah --«
Der Apotheker Acquistapace schüttelte ehrlich den Kopf.
»Ich glaube nicht. Er ist ein hassenswerter Fanatiker, aber in betreff der guten Sitten läßt sich ihm nichts vorwerfen. Wir hatten sogar eine Magd, die mannstoll war, eine schöne Person --« Italia unterbrach die Erzählung.
»Advokat,« sagte sie zitternden Tones, »der Blick des Priesters, als er uns begegnete!«
»Versteht sich, er war neidisch! Ich hatte es vergessen, ihr Herren: er kam die Gasse herab, wie wir aus meinem Hause traten. Vielleicht hatte er Unglück bei den Nonnen gehabt, denn ich, der Advokat Belotti, glaube nicht an seine Sittenstrenge; und genug, er sah das Fräulein Italia mit gewissen Augen an . . .«
Sie schlug die Hände vors Gesicht.
»Ich will bei ihm beichten. Vielleicht stimmt es ihn milder, und er sieht mich nicht wieder so an. Ohnedies ist es gut, am Anfang einer Saison zu beichten.«
Der Advokat entsetzte sich über den Aberglauben, Camuzzi lobte Italia für ihre Religion, die den Frauen so gut stehe, und die anderen schwankten zwischen den beiden Auffassungen. Flora Garlinda sagte unvermutet:
»Auch ich werde beichten.«
Man stutzte.
»Sie sind fromm?«
»Warum nicht«, erwiderte Gaddi. »Auch beim Theater sind wir anständige Leute.«
»Ich komme gern mit mir ins reine«, erklärte sie und bewegte die Augen hell vom einen zum andern. »Habe ich dort im Schatten gekniet und alles ausgesprochen, dann weiß ich ein wenig besser, wer ich bin und was mir bestimmt ist.«
Der Advokat hielt sich nicht mehr.
»Und eine so gebildete Frau sollte glauben, daß ein Priester ihr die Sünden vergeben kann?«
»Wenn er stark genug wäre?« sagte sie und sah über die Köpfe hinweg. »Aber fast immer muß ich selbst sie mir vergeben können: er versteht mich nicht.«
»Sie sind eine sonderbare Person«, bemerkte der Tabakhändler.
»Denn meine Sünden lassen sich nicht greifen wie ein Stück Fleisch« -- und sie erfaßte Italias weißen Arm. »Sie sind schwierig, -- und die Priester sind grob. Da war in Sogliaco ein Pfarrer, ich ging an seinen Beichtstuhl und sagte: >Mein Vater, ich habe eine Frau unglücklich gemacht. Es ist die Zucchini, die, obwohl groß und fett, es sich einfallen läßt, ehrgeizig zu sein. Da sie die Geliebte des Direktors Cremonesi ist, wäre sie, die nichts kann, dennoch fast als Primadonna nach Parma gekommen. Ich habe es verhindert, mein Vater, indem ich sie die Lucia singen ließ, der sie noch längst nicht gewachsen ist. Ganz leise und aus dem Hinterhalt machte ich ihr Lust darauf, und dann stellte ich mich krank: da ließ sie sich die Rolle geben und sang sie. Welch Fiasko, mein Vater! Auf lange ists aus mit ihr. Und die Arme: am Abend ihrer Niederlage kommt sie weinend zu mir und bittet mich um Verzeihung; sie habe verdiente Strafe erhalten für das Unrecht, das sie mir getan habe, als sie mir die Partie wegnahm!<«
»Welch guter Witz!« rief der Apotheker, und alle schüttelten sich. Flora Garlinda lächelte in die Runde.
»Seht ihr? So lachte auch jener Pfarrer, der nichts begriff. Die Gardine des Beichtstuhls flog auf von seinem Schnauben.«
* * * * *
»Die Chorprobe ist aus: jetzt muß der Maestro kommen«, sagte der Cavaliere Giordano.
Aus der Treppengasse quoll eine bunte Masse, stob auseinander, -- und alle die Farben der leichten Blusen, der gefärbten Haare und bemalten Gesichter flatterten über den Platz, setzten sich auf die graue Menge, wie ein hergewehter Schwarm fremder Insekten.
Der Advokat flüsterte Nello Gennari ins Ohr:
»Diese Mädchen! Sind Sie glücklich, daß Sie immer so viele zur Verfügung haben!«
»Aber auch unsere Damen«, fügte er hinzu, »sind nicht zu verachten, und nicht oft haben wir sie so zahlreich auf dem Platz beisammen wie heute. Kommen Sie doch, ich werde sie Ihnen zeigen!«
Sie gingen. Der Advokat blühte; er nahm mit einer Hand den Arm des schönen Tenors und steckte den Daumen der andern in das Ärmelloch seiner Weste. Lauter bewundernde Blicke fielen auf den Liebhaber der Komödiantin: er fühlte, wie sie seinen glücklichen Bauch und sein glänzendes Gesicht trafen.
»Die kleine Paradisi«, raunte er, »hat es auf Sie abgesehen, mein Lieber. Nur Mut! Ah! wir beide: wir können sagen, daß wir begehrt sind.«
»Ich glaube sie schon zu kennen«, erwiderte Nello, und nachdem er gezögert hatte: »Gehen in einer Stadt wie dieser nicht täglich zur selben Stunde dieselben Personen über den Platz? Werde ich nicht alle die wiedersehen, die ich gestern gesehen habe?«
»Gewiß,« sagte der Advokat, »und sogleich wird auch die Hühnerlucia da sein. Sie kennen sie noch nicht, denn gestern kam die Post mit Verspätung, und die Hühnerlucia verspätet sich nie. Ah! sie ist das Unterhaltendste, was wir haben. Das heißt, nun ihr Künstler da seid, hat sich alles geändert. Da steht die Post: gestern brachte sie euch. Mein Herr, ich teile Ihnen eine von mir gemachte Beobachtung mit: Man weiß nie, was alles aus einem Postwagen steigt mit den Personen, die daraus hervorkommen.«
Er sah sich nach Beifall um.
»Dort steht Frau Jole Capitani, die Frau unseres gesuchtesten Arztes. Er ist fast immer abwesend, oft sogar nachts, Sie verstehen? Ich glaube, daß diese Frau sich in einer Krise befindet. Ich werde Sie mit ihr bekannt machen, unter der Bedingung, daß Sie mich jener großen Choristin vorstellen, der mit den gelben Haaren, die mit dem jungen Polli spricht. Was will der Dummkopf von ihr? Ah! und der Severino Salvatori mit zwei anderen Komödiantinnen auf seinem Korbwagen. Er will auch die große Gelbe hineinheben: umsonst, mein Lieber, sie bleibt bei ihrem Olindo. Welch Glück der kleine Polli hat! Sie müssen wissen, mein Herr, daß der Severino Salvatori unser elegantester junger Mann ist. Er bringt die Erbschaft seines Vaters durch. Immer hat er die schönsten Pferde. Ich liebe zu sagen, daß er das väterliche Geschäft vergrößert hat, denn sein Monokel ist größer als die Goldstücke des Alten.«
Der Advokat verbeugte sich vor denen, die lachten. Nello dachte:
»Dies ist die Stelle, von der ich sie gestern sah. Die Menge drängte sich wie jetzt; und beim ersten Schlag des Aveläutens teilte sie sich. O! wird sie sich auch heute mit solcher Kunst zerteilen? Wird auch heute am Ende einer Gasse von Menschen Alba vor mir vorübergehen: unter den einsamen Klängen der Höhe und dem Staunen der Stille, allein und rasch, dort hinten in dem Sonnenstreif, der ihren Schleier durchleuchtet? Ich sehe sie! Ihr weißes Profil! Ihr Haarknoten, kupferrot und besonnt!«
»Die Hühnerlucia!« rief der Advokat und schüttelte ihn. »Da ist sie!«
Man sah sie stehn und Flügel schlagen mit ihren langen Armen. Von allen Seiten bedrängte sie Volk, das gackerte, und die Alte verrenkte umsonst ihr krummschnäbeliges, rotes kleines Gesicht, um lauter zu gackern als alle. Da durchdrang ein Schrei von ihr den Lärm; sie stürzte sich, die Arme voran, über den Brunnen nach einem Huhn, das aufgeflattert und hineingefallen war. Die Jungen stießen sie mit dem Gesicht ins Wasser, sie spritzte es mit den Händen um sich, man kreischte, man floh . . .
Als die Hühnerlucia schon wieder in ihrer Gasse verschwunden war, wand sich der Advokat noch immer erstickt vor Lachen.
»Heute war sie gut. Haben Sie gesehen? Ich sehe das nun seit dreißig Jahren, und es bleibt immer komisch.«
»Da kommt der Maestro die Treppe herab. He! Maestro«, rief er.
»Der andere ist der erste Chorist: o! ich kenne alle vom Theater«, erklärte der Advokat seiner Umgebung. »Alles in Ordnung, Maestro?« rief er durch die Hände.
Der Kapellmeister hörte nicht. Er winkte den Männern zu, die ihn begleitet hatten, und ging rasch durch die Menge nach dem Café »zum Fortschritt.«
»Es ist gut gegangen,« sagte er und nahm die Hände, »ich bin zufrieden.«
»Werden diese Chormädchen uns nicht blamieren?« fragte Italia.
»Sie werden besser sein als Sie, meine Teure. Das Volk ist immer das Beste in diesem Lande; ich halte es mit dem Volk.«
Er setzte sich neben Flora Garlinda, ohne sie anzusehen, -- lehnte den Kopf an die Mauer, verschränkte die Arme und ließ sich, rosig durch die heimlichen Wallungen seines besonnten Ehrgeizes, von den Leuten bestaunen. Sie kannten ihn nur als den, der ihre Kinder das Singen lehrte und an patriotischen Festtagen mit den Musik machenden Handwerkern durch den Corso zog. Jetzt aber gehörte er zu diesen fremden und berühmten Künstlern, hatte eine Unzahl Menschen zu befehligen, eilte umher als die beschäftigteste Person der Stadt, und auf seinen Schultern lag die große, unerhörte und feenhafte Sache, derer sie harrte: die Oper! Er griff sich ans Herz: es sprang zu hoch.
»Noch das Orchester, und der Tag wird nicht umsonst gewesen sein«, sagte er und seufzte.
»Sie sind in der schönsten Zeit Ihres Lebens, junger Mann«, erwiderte der Cavaliere Giordano. Der Bariton Gaddi gab dagegen dem reiferen Alter den Vorzug, wenn man vom Mittagsschlaf erwachte und die Kinder zogen einen an den Beinen. Die Bürger traten auf seiten des Cavaliere. Jung sein und lieben! Die Poesie, was Teufel! Darüber erhob sich ein bewegter Austausch von Idealen. Inzwischen wandte der Kapellmeister sich mit einem kleinen Ruck an Flora Garlinda.
»Niemand sang doch >Sieh, Geliebter, unser umblühtes Haus< so gut wie Livia Damanti«, sagte er und schöpfte Atem.
Flora Garlinda lächelte.
»Sie finden?«
»Sie hatte so viel Gefühl.«
Flora Garlinda krümmte die Lippe.
»So drücken die Dilettanten sich aus, Maestro . . . Und wann haben Sie die Livia gehört?«
»Letzten Winter«, sagte er rasch und errötete. »In Parma.«
»Sie ist seit einem Jahr in Amerika.«
Und immer mit ihrem reglosen Lächeln:
»Übrigens ist das >Sieh, Geliebter< nicht ihr Fach, denn sie singt Contralto.«
Er hielt die Lider gesenkt und schwieg, plötzlich ganz blaß. Sie zuckte unmerklich die Achseln. Natürlich hatte es ihn gereut, daß er sich heute bei der Probe eine Blöße gegeben hatte, als er sie so fassungslos lobte. Daher diese Erfindung. Er war ertappt, und sein Schweigen genügte: sie sah weg.
»Ich werde mich geirrt haben«, sagte er und schluckte hinunter. »Auch zählt, seit ich Sie gehört habe, das Früher nicht mehr. Das ist die Wahrheit.«
»Wahrheit oder nicht« -- und sie lachte kameradschaftlich, »wir kennen uns schon ein wenig, nicht, Maestro? und wissen wohl, wem jeder von uns die größte Zukunft voraussagt. Denn was denken Sie über sich, Maestro?«
»Über mich? über mich?« -- mit der Hand auf dem Herzen:
»Was kann ich denken? Ich bin ein Dorfkapellmeister, der --«
Der junge Savezzo reichte ihm elegant die Fingerspitzen.
»Maestro, Ihr Ruhm durchläuft die Stadt; bis in mein Studierzimmer ist er gedrungen.«
»Sie sind aber selbst ein berühmter Mann, Advokat«, sagte der Kaufmann Mancafede.
Der junge Savezzo schielte vor Freude auf seine pockennarbige Nase. Plötzlich schrak er auf und sah sich nach Belotti, dem wirklichen Advokaten um. Da er ihn nicht fand, bewegte er, den Kopf im Nacken, anmutig die Hand.
»Was wollen Sie, o meine Herren und Damen? Man bemüht sich, soviel die Geschäfte es nur erlauben, um das geistige Leben der Stadt, in der man nun einmal wohnt. Ist das ein Verdienst? Ich weiß es nicht. Für mich ist es ein inneres Bedürfnis. Von Zeit zu Zeit kommt es über mich. Ich verschließe dann den Landleuten, die meinen Rat suchen, die Tür meines Geschäftskabinetts; und dort ganz hinten im Hause, wohin der Lärm der Welt nicht dringt, blicke ich empor nach den Eingebungen, die mich suchen.«
Er legte, eine Hand am Ohr, das Gesicht nach oben. Seine lauschende Haltung benutzte der Kapellmeister, um weiterzusprechen.
»Ich bin ein Dorfkapellmeister, der eine Oper schreibt. Wie viele mögen gleichzeitig mit mir an einer Oper schreiben! -- und doch, ich fühle eine Musik in mir, nach der es ein ganzes Volk verlangt, und manchmal, inmitten des Fiebers der Arbeit, meine ich in der Ferne das dumpfe Geräusch dieses Volkes zu hören, das wartet.«
»Und Sie, Herr Savezzo?« fragte Flora Garlinda.
»Ganz so!« sagte er, fuhr sich durchs Haar und dachte, daß er wohl daran getan habe, in der Nacht das weiche Kopfkissen fortzulegen, denn nun waren die gestern gebrannten Locken noch unzerstört. »Ganz so! Als ich über die Freundschaft meine Abhandlung, nein, mein Gedicht in Prosa schrieb, sah ich fortwährend die Mitglieder unseres Klubs vor mir sitzen und vernahm das beifällige Gemurmel. Vorne saßen die Damen und gerade unter meinem Podium die schöne Alba Nardini: alles, wie es dann wirklich kam, nur daß Alba bloß ihr Dienstmädchen schickte. Aber sogar die Limonade hatte ich schon im Geist erblickt.«
»Der Ehrgeiz!« sagte der Kapellmeister. »Der Ehrgeiz ist eins mit dem Drang zu beglücken, und Ruhm und Liebe sind das gleiche. Sie verstehen mich, Flora Garlinda! In die Welt hinausfahren, in die großen Städte, über das Meer; mein Werk dirigieren und, indes sie jubeln, fühlen, daß ich spende! Nirgends fremd, überall schon bekannt sein durch die Taten meiner Seele und, nun ich erscheine, tausend Geliebte vorfinden, die mir danken!«
»Tausend Geliebte!« -- und der Savezzo stieß ein Freudengelächter aus. »Ich sage nicht nein, da ich mir in dieser Beziehung manches zutraue. Aber auch das ist schon etwas, wenn nach meinem Vortrage über die Freundschaft eine gewisse Dame, die Ehre verbietet mir, zu reden, aber eine unserer ersten Damen sich mir --«
Er schielte auf seine Nase und massierte seine klotzigen Finger, um sie weiß zu machen.
»Die Herren verstehen sich«, sagte Flora Garlinda und sah, reglos lächelnd, gerade aus. Der Kapellmeister fuhr, die Hand gespreizt, vom Sitz; aber seine empörten Worte schienen ihm, noch bevor er sie aussprach, widerlegt durch dies Lächeln; schwer sank er zurück. Der Savezzo sagte:
»Sie wollten die Flasche, mein Herr? Ich bin der hiesige Vertreter für diesen Vermouth.«
Er redete weiter; der Kapellmeister dachte: »Ists möglich, daß sie mich mit diesem verwechselt? Aber sie hat recht; denn wem will ich beweisen, daß ich ihm nicht gleiche? Die sichtbare Tatsache ist, daß wir beide in einer kleinen Stadt sitzen und uns besser glauben, als die übrigen. Ich bins wohl gar nicht. Ich werde nichts können. Meine Trunkenheiten, die von schlechter Musik kommen, werden mir immer nur Übelkeit hinterlassen, wie der Rausch nach gefälschtem Wein. Ich will nicht mehr schreiben.«
Er betrachtete ihr Lächeln.
»Das wollte sie! Sie wollte mich demütigen und zur Verzweiflung treiben! Sie ist böse, ich hasse sie! -- und würde doch keinen Menschen so gern an mich glauben machen wie sie!«
Aus ratloser Pein sagte er:
»Aber Sie selbst, Fräulein Flora Garlinda?«
Sie hob die Schultern.
»Ich? O! ich bin bescheidener als die Herren, weniger überzeugt von meinem Genie und seinem siegreichen Fluge. Ich werde sehr viel arbeiten: das ist alles, was ich weiß. Vielleicht werde ich wieder nach Sogliaco zurückkehren, vielleicht verbringe ich noch Jahre an solchen Orten. Fünf, mag sein sieben muß ich darangeben, bis ich Mailand erreiche. Dann aber --«
Man sah ihre kleine Faust zittern, so fest ballte sie sie.
»Haben sie mich einmal gehört, werden sie mich nicht wieder vergessen. Ich werde nicht vom Glück abhängen und werde nicht sinken. Ich bin jung, -- und meine Stimme, mein Reichtum, mein Ruhm, alles, was ich mir erobere, wird dauern, bis ich alt bin, bis ich sterbe.«
Sie stand auf.
»Ich will meinen Spaziergang machen.«
»Es ist noch zu warm, Sie werden sich schaden«, sagten die Bürger.
Sie lachte und ging.
Der Kapellmeister sah vor sich nieder. »Ihr gehört die Zukunft; darum braucht sie die Träume nicht, die vorauseilen.«
Der Cavaliere Giordano wandte sich plötzlich um und sagte wie vorhin:
»Aber Sie sind in der schönsten Zeit Ihres Lebens, junger Mann.«
Der Kapellmeister erblaßte . . . Nein, diese selbstgefällige Berühmtheit hatte wohl nicht Geist genug, um ihn zu verhöhnen.
* * * * *
Die Sonne war fort, der Himmel beschattete sich violett. Die Menge floß rascher in den Corso hinein und zurück auf den Platz. Um den Brunnen schwenkten sich lange Reihen von jungen Mädchen, wie Strahlen eines Feuerrades. Plötzlich stand es still, alles Geschrei brach ab, und durch die Schleier der Dämmerung schwang sich vom Turm das Ave.
Der Advokat Belotti suchte es zu überschreien; er stellte sich, am Arm des Tenors Nello Gennari, beim Café ein.
»Der Camuzzi ist früher fortgegangen als sonst!« schrie er erzürnt. »Was fällt ihm ein!« -- denn der Advokat vermißte seinen Feind ungern und hielt auf die Gewohnheiten des andern wie auf seine eigenen.
»Im übrigen,« sagte er, »die Hühnerlucia, Don Taddeo mit seinem heiligen Lärm: Sie sehen, mein Lieber, wir führen ein regelmäßiges Leben.«
»Aber die Personen,« sagte Nello, »die zum Dom gingen, waren nicht dieselben. Ich weiß es gewiß, ich habe sie beobachtet.«
Der junge Savezzo lehnte an der Mauer und spähte unter seiner wulstig gesenkten Stirne hervor.
»Ach ja,« sagte er, »dieser Herr wünschte schon gestern eine der Personen kennen zu lernen, die in den Dom gingen. Er möge sich merken, daß ihre Bekanntschaft nicht leicht zu machen ist und daß andere davorstehen.«
»Was meint dieser Herr?« -- und Nello tat einen raschen Schritt.
»Dieser Herr hat mich sehr gut verstanden.«
Darauf schlug der Savezzo einen leichten Ton an.
»Man hat das Fräulein Flora Garlinda allein gehen lassen. Sind wir denn keine Ritter? Ich werde ihr nacheilen und sie unterhalten, indem ich ihr meinen Vortrag über die Freundschaft hersage.«
»Was hat er?« ward gefragt, als er fort war.
»Ich verstehe nicht --« stammelte Nello. Der Advokat bewegte den Zeigefinger.
»Das gilt nicht Ihnen, mein Lieber; es gilt mir, dessen Freund Sie sind. Vor mir aber hat dieser Elende Furcht, weil er sich in gewissen, an die Bauern gerichteten Zirkularen, die mir zu Gesicht gekommen sind, schon wieder des Advokatentitels bedient hat. Sie müssen wissen, daß dieser Sohn eines Käseverkäufers, dem man seine Herkunft anriecht, auf der Tür seines sogenannten Geschäftskabinetts sich den Namen Advokat gegeben hatte, und daß ich ihm mit einer Anzeige drohen mußte, bevor er das Schild entfernte. Drum können mich seine Kriechereien nicht darüber täuschen, daß er mich beneidet und haßt.«
»Er ist ein junger Mann von großem Genie«, wandte Polli ein. Der Advokat versuchte es zu leugnen, aber man hielt ihm die Erfolge Savezzos im Klub vor. Darauf erwiderte er:
»Das schönste Genie kann durch gewisse Charakterfehler befleckt werden.«
»Meine Hochachtung der ganzen Gesellschaft«, sagte der Perückenmacher Nonoggi und schleifte, bei seinem Kratzfuß, den Hut über den Boden.
»Mein Kompliment insbesondere dem Herrn Advokaten!«
Er dienerte immerfort vor Italia und grimassierte dabei, daß die blutigen Rinnsel in seinem Gesicht umherflogen.
»Eh! eh!« machte der Advokat, und alles an ihm dehnte sich.
»Wenn ich gewußt hätte,« versicherte der Barbier und drückte die Pickelflöte fester unter seinen Arm, »ich wäre gekommen und hätte den Herrschaften ein Ständchen gebracht.«
»Auch Sie sind ein Künstler, Nonoggi?« fragte der Bariton Gaddi.
»Dem Herrn zu dienen. Hier üben alle die Kunst. Wären nur nicht Unwürdige darunter! Ich weiß wohl, wen ich meine.«
»Ihr meint den Chiaralunzi«, sagte der Apotheker. »Aber wir alle wissen, daß er ein sehr braver Mann ist.«
Der Barbier hüpfte auf.
»Der Schneider -- ein braver Mann? Ach ja! Wenn es sich darum handelt, Rechnungen zu machen, ist er brav. Wenn es gilt, einen verschnittenen Rock dem Besteller anzuprobieren, ist er brav. Aber Tenorhorn blasen, das lernt sich nicht beim Wein.«
»Der Chiaralunzi ist der nüchternste von allen.«
»Er? In Spaldine wollen sie ihn nicht mehr zum Aufspielen, weil er mit seiner Bande zu viel trinkt.«
»Da haben wirs«, bemerkte der Advokat. »Ihr neidet euch gegenseitig die Dörfer, in denen ihr aufspielt. Darum seid ihr Feinde. Das ist nicht schön, Nonoggi.«
Der Barbier breitete die Arme aus und krümmte sich zu Boden.
»Es wird nicht schön sein; aber der Schneider und ich, wir stehen so miteinander, wie der Herr Advokat mit dem Herrn Gemeindesekretär.«
Der Advokat legte den Kopf zurück.
»Das ist etwas anderes, mein Freund. Bei uns ist es die Verschiedenheit der Ideen! . . . Da kommt er, euer Feind. Um euch zu versöhnen, werden wir euch beiden einen Vermouth anbieten.«
»Ohne die Herren beleidigen zu wollen, aber dieser Vermouth wäre mir zu bitter. Meine Hochachtung der Gesellschaft! An der Ecke erwarten mich der Tapezierer und mein Schwager Coccola. Wir gehen schon hinauf, Maestro!«
»Wie?« fragte der Kapellmeister aufschreckend.
Der Schneider Chiaralunzi kam mit seinem Horn und einer Federboa. Auf seiner großen Hand, die er offen hielt, um das zarte Ding nicht zu drücken, und weit von sich streckte, damit es ihn nicht einmal streife, balancierte er sie Schritt für Schritt. Von der Anstrengung war er außer Atem.
»Das Fräulein Flora Garlinda ist fortgegangen?« fragte er und setzte das Horn auf das Pflaster, um den Hut zu ziehen. Die Boa ließ er nicht aus dem Auge.
»Die Herren mögen entschuldigen, aber wohin ist das Fräulein gegangen? Gewiß bleibt sie wieder lange aus; auch gestern tat sie es, und in der Nachtluft wird sie sich erkälten. Ich will ihr etwas bringen, um wenigstens den Hals zu schützen.«
»Und die Probe?« fragten sie ihn. Er bedachte und sah die Boa an.
»Ja, die Probe.«
»Sie muß schon ein gutes Stück Weg gemacht haben, Ihre Flora«, sagte der Tabakhändler. Plötzlich stand der Kapellmeister auf. Er war rosig bewölkt und streckte die Hand hin.
»Geben Sie sie mir, Chiaralunzi! Ich bringe sie ihr. Es macht nichts. Ohnedies gehe ich ein wenig Luft schöpfen.«
»Aber -- die Probe? Sie sind der Maestro!«
Der Kapellmeister griff sich an die Stirn und setzte sich wieder.
»Ich vergaß . . . Ich dachte an etwas anderes . . . Es war nur ein Einfall.«
Der Gevatter Achille erbot sich, die Boa in seinem Lokal aufzubewahren. Der Schneider sprang entsetzt zurück.
»Im Café! Was denkt Ihr denn?«
Alle mußten ihm zureden. Endlich ging er selbst hinein, hängte seinen Schatz an das Kleidergestell, trat davor von einem Fuß auf den anderen, zerrte abwechselnd am linken und am rechten Ende seines rostroten, baumelnden Schnurrbartes.
»Man wird sie anfassen. Hier kommen zu viele Leute«, entschied er endlich und nahm sie herab. »Das beste wird sein, ich trage sie wieder nach Haus. Entschuldigen die Herren!«
Sein Horn ließ er stehen, legte sich die Boa über beide Hände und trug sie Schritt für Schritt die Gasse zurück, die er gekommen war. Hinter ihm zuckten sie die Achseln.
»Verliebt, der Arme!«
»Die Orchesterpartitur«, sagte der Kapellmeister, »liegt noch in meiner Wohnung, ich muß eilen.«
Der Cavaliere Giordano stand rasch auf.
»Wir haben denselben Weg, Maestro. Denn Sie kommen wohl am Gasthaus vorbei?«
Aber schon, als sie den Corso erreichten, sagte er: