Part 7
»Was habe mit diesen Dingen ich zu schaffen?« -- und sie wandte sich ab.
»Steckt er bei einer Frau?« raunte Gaddi. Sie regte sich nicht. Der Kapellmeister präludierte wütend und überschrie seinen Lärm.
»Lassen wir uns nicht aufhalten! Fräulein Flora Garlinda!«
Sie fiel ein:
»Sieh, Geliebter, unser umblühtes Haus heißt uns blühen . . .«
Nach ihren ersten Noten wurden die Hände des Kapellmeisters behutsam und weich, und er neigte das Ohr. Seine Miene versuchte, streng zu bleiben, aber ein kindliches Entzücken drang aus ihr hervor. Und plötzlich überzog Schmerz sie. Die Sängerin hatte abgebrochen.
»Es ist unnütz«, sagte sie. »Ich höre mich nicht, wenn mir der Partner fehlt.«
»Ich gebe seine Partie mit an. Dieser Elende! Ich singe sie mit! Alles, was Sie wollen!«
»O lassen Sie, Maestro! Ich muß spielen können. Wenn ich ihn nicht neben mir fühle, ist es unnütz. Zu Hause nehme ich mir den Buben meines Wirtes. Geben Sie mir den Advokaten!«
»Herr Advokat!« -- und der Kapellmeister streckte die Hand hin. »Wir bitten Sie. Ich hoffe, daß Sie mir nichts nachtragen?«
»Aber wie denn, Maestro!«
Der Advokat schüttelte die Hand. Dann stellte Gaddi ihn zurecht, legte seinen Arm unter den ausgestreckten der Primadonna, seine Fingerspitzen auf ihre Schulter, und richtete ihm den Kopf.
»Der alte Geronimo hierher! Italia geht umher mit dem Fächer. Advokat, Sie starren in das Abendrot!«
Der Advokat riß die Augen auf. Er konnte nicht zur Ruhe kommen und scharrte mit den Füßen.
»Sind wir soweit?« fragte der Kapellmeister scharf; -- und er nickte der Sängerin zu . . . Wie die Melodie von ihr auf das Klavier überging und sie schwieg, glaubte der Advokat seine Partnerin unterhalten zu sollen.
»Ah! da ist nun endlich diese berühmte Arie, und ich bin der erste hier, der sie zu hören bekommt. Jahrelang hatten wir sie nur auf Pollis Phonographen.«
»Schweigen Sie!« schrie der Kapellmeister, weiß im Gesicht.
»Aber er ist kaput«, sagte der Advokat noch und erschrak dabei.
Flora Garlinda sang schon wieder. Sie hatte jetzt die gefalteten Hände unter dem Kinn und das Gesicht nach oben gelegt.
»Verzeih mir, o Himmel, so viel Glück!«
»Knien Sie!« befahl der Regisseur mit lauter Flüsterstimme dem Advokaten, aber der Advokat war nur darauf bedacht, mit den Fingerspitzen nicht die Schulter der Primadonna zu verlieren und den Sonnenuntergang im Auge zu behalten.
»Knien Sie doch hin!« -- und Gaddi drückte ihn zu Boden, daß es krachte.
»Au, au!« machte der Advokat. Die Sängerin beendete gerade ihren himmlischen Schlußschrei und sank mit der Stirn auf seine.
»Und würde sterben für dich!«
»Sie sind zu gütig«, murmelte der Advokat, aus aller Fassung. Gaddi wandte sich um und drückte die Hände in die Seiten. Der Cavaliere Giordano ließ sich auf einen Stuhl fallen. Hinter Italias Fächer rang sich ein Kreischen los. Der Kapellmeister stand da, mit hängenden Armen, und was er endlich hervorbrachte, war ein Stöhnen. Als er nun stammeln konnte:
»Was ist denn das? Sind wir Buffonen? Ich finde die Worte nicht. Und das in diesem Augenblick, in diesem!«
Er kam hervor und verbeugte sich vor der Primadonna.
»Fräulein Flora Garlinda, ich bitte Sie um Verzeihung für diese Herren.«
»Warum denn«, sagte sie sehr kalt. Er errötete; er griff sich an die Stirn.
»Was ich sagen wollte: wir sind fertig für heute. Nachmittags habe ich den Chor und am Abend das Orchester. Auf morgen!«
Und er war fort. Man sah sich an.
»Nun also, gehen wir essen!« meinte der Bariton. »Wollen Sie nicht aufstehen, Advokat?«
Als Gaddi und der Cavaliere Giordano drunten auf dem Platz sich von Flora Garlinda verabschiedeten, bemerkten sie, daß Italia und der Advokat verschwunden waren.
»Schon«, sagte der Bariton; und der alte Tenor:
»Italia hat recht. Das bringt der Beruf mit sich. In unserem Beruf ist es empfehlenswert, jung zu sein.«
»Spricht nicht aus Ihnen, Cavaliere, der leere Magen?« fragte Flora Garlinda.
Die beiden Männer riefen einander noch nach:
»Um fünf im Café!«
* * * * *
Und um fünf saßen sie dort: noch allein auf dem Platz. Der schöne Alfò bediente sie, mit seinem von sich entzückten Lächeln. Drinnen ließ der Gevatter Achille die Arme über das Büfett hängen und schnarchte. Lange Zeit taten sie nichts, als hoffnungsvoll zusehen, wie der Schatten ihres Zeltdaches sich langsam vergrößerte. Der Gasse der Hühnerlucia entströmte eine übelriechende Frische. Der Cavaliere Giordano zog aus dem Handgelenk einen kleinen Papierfächer.
In der Rathausgasse ward Nello Gennari sichtbar; er ging gesenkten Kopfes, Schritt für Schritt, hatte nach seiner Gewohnheit die Schultern ein wenig in die Höhe gezogen und hielt die Arme steif.
»Du siehst aus wie ein trübsinniger Pierrot«, rief Gaddi ihm entgegen. Der junge Mensch hob langsam einen wehrlos klagenden Blick. Der andere stand rasch auf, faßte seinen Arm, zog ihn um die Hausecke.
»Nello, sage mir, was dir seit gestern geschehen ist!«
Und er drückte sich den Arm des Jungen an die Brust.
»Nichts«, brachte Nello hervor.
»Aber du hast eine Miene, als hättest du deine Mutter verloren, und gereizt bist du den ganzen Tag, wie ein unglücklicher Spieler. Warum hast du die Probe versäumt?«
Nello begann plötzlich die Schultern zu heben und zu senken, sein Blick verlor den Halt, und er atmete ungeregelt. Mit einem Griff nach der Hand des andern:
»Virginio, du bist mein Freund: frage mich nicht!«
Er preßte, fiebrig bittend, die Hand.
»Ich bin ein verlorener Mensch! Du weißt nicht: mich ekelts, wenn ich an deiner Hand die Wärme meiner eigenen fühle.«
»Du bist krank.«
»Nein, ich bin gesund: das ist schlimmer für einen, wie ich bin. Ich habe die Glückseligkeit verscherzt; nun heißt es weiterleben.«
Er beugte sich über sich selbst, und der andre sah von seinem Gesicht die Tropfen fallen. Er streichelte ihm das Haar.
Sie richteten sich auf und taten gleichmütig, denn ein Schritt ward laut: der Kaufmann Mancafede kam über den Platz und sah sie. Nun galt es, sich hervorzuwagen und in sein schmunzelndes Gesicht zu sehen. Er wußte schon alles! Seine schreckliche Tochter wußte schon alles! Jetzt machte es die Runde in der Stadt, drang vors Tor und nach Villascura. Nello gab die Hand, halb gewendet, als sollte sie ihm abgehauen werden, und mit einem Blick von unten, der nicht standhielt. Aber der Kaufmann dienerte eifrig, als beteuerte er seine Harmlosigkeit. Er habe heute sein Lager revidiert, sagte er, und seine Tochter habe Tomaten eingekocht; man wisse gar nicht mehr, was vorgehe. Und Nello senkte die Stirn, errötet, weil er begnadigt war.
Da zeigte sich der Apotheker Acquistapace auf seiner Schwelle und hob den Daumen, als wisse er etwas. Durch Nello fuhr ein neuer Schreck. Aber nun er seinen Kaffee mit Rum bestellt, umständlich sein Holzbein unter dem Tisch zurecht gelegt und jeden bedeutsam aufs Knie geklopft hatte, stieß der Apotheker aus:
»Und der Advokat?«
Da die drei Sänger nur die Achseln zuckten, rieb er sich stürmisch die Hände.
»Sie werden es nicht glauben! Dieser Advokat! Aber ich habe Beweise. Er hat sich aus der Apotheke Kirschen in Aquavita holen lassen. Er feiert Orgien, der Advokat: Orgien, meine Herren, mit einer Frau, und Sie kennen sie.«
»Wir?« fragte Gaddi.
»Ich weiß«, erklärte Mancafede; »meine Tochter hat es mir gesagt.«
Nello machte sich steif.
»So wiederholen Sie es doch!«
Aber der Kaufmann schmunzelte nur, und Nello sank zusammen.
»Wir haben keine Ahnung«, sagte der Cavaliere Giordano.
»Raten Sie nur!« -- und der Apotheker legte den Finger an die Nase.
»Sie haben eine schöne Kollegin: das Fräulein Italia . . .«
»Die«, behauptete der Bariton, »kann es nicht sein. Sie ist äußerst anständig.«
»Und doch, und doch --«
Die Hundeaugen des alten Kriegers leuchteten; er setzte sich den Finger auf die Brust.
»Ich habe es aus erster Quelle.«
Denn die Schwester des Advokaten, die Signora Artemisia selbst, hatte bei ihm die Kirschen geholt und ihm alles erzählt. Zwischen Tür und Angel hatte sie im Zimmer ihres Bruders einen Weiberhut entdeckt, der am Sofa hing; und auf dem Sofa saß die Frau.
»Ah! Ihr Herren, der Advokat!«
Der Tabakhändler und der Gemeindesekretär trafen ein.
»Ich kann es nicht glauben«, versicherte Gaddi und zwinkerte dem Cavaliere Giordano zu; »eine so anständige Person wie unsere Italia.«
»Eure Italia!« rief Polli und schlug sich auf die Schenkel. »Ah! reden wir ein wenig von ihr. Der Schlächter Cimabue weiß manches von ihr.«
»Hat er sie geschlachtet?«
»Er hat ihr so viel Filet geschickt, daß sie eine dreitägige Indigestion davon haben wird, -- und wer hat es geholt? Niemand anders als die Schwester des Advokaten Belotti.«
Der Sekretär spreizte die Hände.
»Ich glaube nicht daran. Der Advokat ist ein Prahlhans, ein Kapitän Spavento. Nie ists ihm gelungen, eine Frau zu verführen: alles bloß Erfindungen.«
Polli und der Apotheker hoben die Arme.
»Wenn doch die Andreina in Pozzo ein Kind von ihm hat!«
»Ein Kind vom Advokaten, das wird die Welt nie sehen,« -- und Camuzzi strich mit einem Finger alle Hoffnung fort. »Ah, man stelle sich vor: ein Kind vom Advokaten.«
»Schon?« fragte der Leutnant Cantinelli, der grüßte. »Bisher steht nur fest, daß der Junge vom Konditor Serafini ihnen Gefrorenes hingetragen hat. Der Advokat hat ihm selbst die Schüssel abgenommen, und der Junge konnte erkennen, daß er unter seinem Schlafrock nichts anhatte. Im Hintergrunde aber schlüpfte die Komödiantin vorbei, und sie hatte noch weniger an.«
»Ah! der Advokat.«
»Orgien: wie ich euch sagte!« -- und der Apotheker schlug zwischen die Tassen. Der Kaufmann Mancafede ward auf seinem Stuhl immer unruhiger. Er erhob die Stimme.
»Ich weiß mehr als ihr alle. Meine Tochter hat mir gesagt, wie oft die beiden --; wie oft der Advokat sie --: ihr versteht mich.«
Der Sekretär lehnte es mit der Hand ab, zu verstehen; Polli aber, der Leutnant und der Apotheker sahen sich an, röter und röter, -- und auf einmal entließen sie mit Geknatter die Luft aus ihren aufgeblasenen Backen. Polli war auf den Beinen, er trampelte und erteilte sich Faustschläge ins Gesäß. Der Leutnant stieß ächzend seinen Säbel aufs Pflaster. Der Apotheker brach von Minute zu Minute in ein Gebrüll aus, das die Leute um den Tisch sammelte. Plötzlich rief eine schrille Stimme:
»Da sind sie!«
Und der Schwarm Buben mit dem weißen Konditorjungen voran, stürzte sich nach der Treppengasse. Die am Brunnen schwatzten, kamen nach; schon traten der Perückenmacher Nonoggi und der Konditor Serafini über ihre Schwellen; zwei Reihen entstanden: und da sah man den Advokaten Belotti mit der Komödiantin auf den Stufen erscheinen. Bevor er die letzte verließ, entsandte er, in die Brust geworfen, ein Lächeln des Triumphes über die Menge, die ihm huldigte, nach dem Café, wo alle verstummt waren; -- und dann bot er seiner Dame den galant zusammengerollten Arm, um sie durch das Spalier zu führen. Der junge Savezzo war da und applaudierte.
Die Herren außer Camuzzi, der lächelnd den Kopf schüttelte, empfingen das Paar stehend und alle Hände hingestreckt. Italia, mit frischem Puder auf einer Wange, gab die ihre hin, indem sie sich in den Schultern ein wenig wand. Auch blinzelte sie dazwischen zum Advokaten auf, der strahlte und bei jedem Händedruck den andern eine kleine Ermutigung spendete:
»Ah, mein braver Acquistapace . . . Immer munter, Polli!«
Er bestellte einen besonders starken Kaffee für seine Freundin, und sie mußte zugeben, daß sie ermüdet sei.
»Es gibt so vieles zu sehen beim Advokaten«, erklärte sie.
»Die Bilder, die er hat! Sie würden nicht glauben --«
»Sst!« machte er.
»Und das viele Essen! Man muß gestehen, daß im Hause des Advokaten gut gekocht wird. Er hatte nur Fleisch erster Qualität.«
»Darauf hat er sich immer verstanden!« schrie Polli. »Er hat immer das zarte und volle Fleisch zu finden gewußt.«
Der Advokat fand die schmeichelhafteste Seite seiner Leistung nicht genügend beleuchtet.
»Und der Baron«, flüsterte er dem Tabakhändler zu. Auch der Apotheker hatte es gehört und flüsterte zurück:
»Du hast sie ihm aufgesetzt, Advokat. Ah! wenn jemals einer sie ihm aufgesetzt hat, bist du es.«
»Du bist groß, Advokat!« sagte Polli voll ehrlicher Bewunderung.
Die schneidende Stimme des Gemeindesekretärs störte den Advokaten im Genuß der Huldigungen.
»Da haben wirs!« -- und Camuzzi wies nach dem Dom. Auf der Treppe drängten die Jungen sich und folgten gierig den Vorführungen des Konditorlehrlings. Seine Hände sah man hier und dort aus dem Kreis steigen und hörte den Chor lachen.
»Es ist keine Kunst, zu erraten, wovon die Bande sich unterhält.«
»Was meinen Sie denn, Camuzzi?« fragte der Advokat, immerhin betroffen. »Ich habe keine Ahnung.«
Ein Blick auf die tief errötete Italia machte, daß er die Hand ans Herz legte.
»Ich versichere auf meine Ehre, daß der Junge nichts gesehen hat.«
Der Sekretär nickte ingrimmig.
»Jetzt schlägt ihm das Gewissen, dem alternden Lüstling, da er sein Werk sieht. Denn er verdirbt uns die Kinder. Die Jugend, ihr Herren, ist in Gefahr!«
»Das ist doch wohl übertrieben«, meinte der Advokat; und da er in den Gesichtern Zustimmung erkannte, richtete er sich kühner auf.
»Diese Rangen sind ja schlimmer als wir. Der Coletto vom Konditor Serafini ist mit der Kleinen abgefaßt worden, die beim Malandrini die Teller abspült. Ich rufe den Leutnant als Zeugen auf . . . Und im übrigen, ihr Herren, seht hier, seht den Priester!«
Don Taddeo hatte die Ledermatratze von der Domtür gehoben und belauschte, sprungbereit, die Buben. Unversehens war er über ihnen und zersprengte sie unter einem Hagel von Püffen. Die ersten, die sich gefaßt hatten, waren schon davon, im Corso verschwand schon die weiße Mütze des kleinen Konditors, aber Don Taddeo hieb noch immer, und seine Soutane flog, besinnungslos auf die Ungewandtesten und Schwächsten ein, die sich duckten und schrien. Die Bürger waren empört.
Der Gevatter Achille schob seinen Bauch ins Freie und murrte:
»Sieh doch, ei sieh doch, welch häßliches Tier!«
»Wenn man ihn selbst einmal --« schlug Polli vor, und sogar der Kaufmann Mancafede gestand, daß der Priester es stark treibe.
»Solche Verbündete«, stellte der Advokat fest, »hat der Herr Camuzzi. Solchen Leuten besorgt er das Geschäft.«
»Die moralischen Gesetze«, versuchte der Sekretär einzuwenden, »verlieren dadurch nicht an Wert, daß --«
»Ach was!« -- und der Advokat schob seine Tasse weit fort. »Lassen Sie doch die moralischen Gesetze in Ruhe! Die freie Menschlichkeit, der wir anderen huldigen --«
Er sah auf Italia.
»-- ist sittlicher und sicher auch gottgefälliger, als eure düstere Verneinung!«
»Bravo, Advokat!« sagte der Cavaliere Giordano.
»Er hat gut gesprochen«, bestätigte Gaddi. Der junge Savezzo setzte hinzu und schielte auf seine Nase:
»Aufklärung, Fortschritt und Blüte: wer würde sie uns herbeiführen, wenn nicht der Advokat es täte!«
Und der Advokat konnte, mit strenger Miene, die Glückwünsche der Bürger entgegennehmen. Auch Italia hatte ein Gesicht voll Würde bekommen und ließ den Blick, Anerkennung fordernd, um den Tisch gehen. Wie der letzte der Jungen, heulend und die Hand am wehen Körperteil, herbeihinkte, holte der Advokat ihn zum Tisch und tröstete ihn entrüstet, Italia steckte ihm Zucker in den Mund. Der Gemeindesekretär betastete seine elegante Krawatte, begann seinen Klemmer zu wischen und sah mit Fischaugen darein. Um nicht ganz vernichtet zu erscheinen, knüpfte er mit den Komödianten an.
»Nicht, daß ich ein Duckmäuser oder Obskurant wäre: aber ich liebe das Prahlen nicht. Denn dem Anschein zum Trotz, glaube ich nicht, daß der Advokat eine Frau erobert hat, weil ich an keinen seiner Erfolge glaube; weil ich nicht glaube, daß bei uns irgend etwas geschieht oder geschehen kann.«
Der junge Savezzo murmelte und schielte gelb:
»Es könnte immerhin manches geschehen, aber man dürfte nicht auf den Advokaten warten. Man dürfte nicht erwarten, daß gewisse Familien, unter Ausschluß aller übrigen, das Genie hervorbringen.«
Unter dem spöttischen Blick des Sekretärs vergaß er sich:
»Man schmeichelt hier Unfähigkeiten; auch ich muß ihnen schmeicheln; und Talente, die für das öffentliche Leben unschätzbar wären, gehen verloren in kleinen Geschäftskabinetten, in irgendeinem Hinterhaus.«
»Zum Beispiel in dem Ihres Vaters?« fragte der Sekretär.
»Warum nicht in dem meines Vaters. Weiß man von den politischen Plänen, die ich im Kopfe wälze? Andere, bei Gott, als die Anlage von Waschhäusern und Vizinalwegen. Nichts fehlt mir, als größere Verhältnisse, Bewegung und freier Wettbewerb. Aber weil sie mir fehlen, muß ich mich ducken vor Mittelmäßigkeiten.«
Er hatte dick gewulstete Brauen, und an seinen verschränkten Armen stiegen die Muskeln auf und nieder. Der Gemeindesekretär hob die Schultern.
»Sie werden vielleicht noch davon abkommen, in irgend jemand einen großen Mann zu sehen: sei es auch nur in sich selbst.«
* * * * *
Nello Gennari bemerkte hinten in der Gasse der Hühnerlucia die kleine, einsame Gestalt der Primadonna. Er stürzte sich in die Gasse.
»Hier ists kühl«, sagte er aufatmend; und über sie geneigt:
»Du bist ein sehr anständiges Mädchen, daß du mich nicht verraten hast.«
»Was hätte ich davon? Ich lasse dir deine Schmutzereien.«
Er biß sich auf die Lippe.
»Du bist hart, Flora. Aber du hast wohl ein Recht dazu: der Schein ist gegen mich.«
Da sie Luft durch die Nase stieß:
»Dich beneide ich! Wer, wie du, nur in der Kunst lebte! Einen einzigen Zweck, einen einzigen Ehrgeiz haben!«
Sie betrachtete ihn mit ihren kalten, raschen Augen.
»Das ist nicht deine Sache, mein Kleiner. Bleibe, wie du bist!«
»Aber auch ich --« und er schluchzte trocken auf, »-- habe nun etwas Einziges, etwas Großes --«
Leise, und in den Worten weitete sich ein Herz:
»-- für das ich leben will, -- für das ich sterben will.« Ihre Miene ward unruhig.
»Willst du singen lernen? Sage, ob du singen lernen willst!«
»Ich werde wohl niemals viel mehr können als das, was ich von Natur kann.«
»Und so paßt es für dich«, sagte sie befriedigt.
Beim Café stand alles auf, um ihr Platz zu machen. Der Advokat legte die Rechte aufs Herz und begann zu singen. »Sieh, Geliebter, unser um --.«
Die versagenden Töne ersetzte er durch Augenaufschlag.
»Ah! Fräulein Flora Garlinda, wer das von Ihnen gehört hat, vergißt es nicht.«
»Da Sie es singen, Fräulein,« sagte Polli galant, »brauche ich meinen Phonographen nicht reparieren zu lassen; das ist immerhin eine Ersparnis.«
»Könnten Sie es nicht meiner Frau beibringen?« fragte Camuzzi; und gerade wollte auch der Leutnant für die seine bitten, da führte der Apotheker die Hand ans Ohr. Man hörte es knarren, dann knallen; die Jungen rannten die Rathausgasse hinab; und endlich zeigte sich Masetti auf seinem Kutschbock.
»Es wird niemand darin sein«, sagte der Kaufmann.
»Ich habe beobachtet,« sagte Polli, »wenn der vorige Tag zu gut war, dann kommt gar nichts.«
»Da wir das Fräulein schon unter uns haben«, und der Advokat verbeugte sich vor der Primadonna. Italia stieß ihn vorwurfsvoll in die Seite, und er trat sie, um seinen Fehler gutzumachen, auf den Fuß.
Dem Postwagen entstiegen zwei Nonnen und verschwanden sofort in der Treppengasse. Der Apotheker fluchte.
»Es ist unbegreiflich,« bemerkte der Advokat, »wo diese Mädchen sich umhertreiben. Was mögen sie --«
Er brach ab; aus der Post schwang sich, in seinen Ledergamaschen, der Baron Torroni.
»O,« machte der Leutnant, »man weiß von sehr sonderbaren Fällen . . .«
Der Sekretär lächelte unbekümmert.
»Ah! der Advokat sieht den Feind und zittert.«
»Tatsache ist,« sagte Polli, »daß der Advokat gewisse Rechte des Barons nicht ganz --«
Und er warf einen Blick voll Bedenken auf Italia. Sie fuhr auf:
»Aber was haben Sie alle? Mir scheint gar, Sie glauben --. O! seid ihr schlecht! Wenig fehlt, und ich sage alles!«
Sie schluchzte. Der Advokat erhob sich.
»Das Fräulein ist unter meinem Schutz, und Herr Camuzzi hofft vergebens, daß ich zittere. Habe ich etwa vor Don Taddeo gezittert? Und niemand wird leugnen wollen, daß die Kirche ein gefährlicherer Feind ist als der Adel.«
»Immerhin muß man wissen,« sagte der Apotheker, »daß heute früh ein Bauer aus Borgo bei mir war, dem der Baron ein Loch in den Kopf geschlagen hat. Denn er läßt sich auf Prügeleien ein, wie ein Bauer.«
»Aber der Baron wird von der Baronin erwartet!« rief Polli; »und da du mit dem Fräulein Italia bist: was willst du noch von ihm?«
Auch der Advokat sah die Baronin bei den Löwen stehen, und das machte seinen Schritt noch tapferer. Italia holte ihn ein, sie legte die Hand auf seinen Arm.
»Keine Dummheiten, Advokat!«
Und etwas weiterhin:
»Du glaubst also noch immer, daß ich mit dem Baron --? Trotz allem glaubst dus, was ich dir gesagt und was ich für dich getan habe? O ich Unglückliche!«
Die Zeit der galanten Beschönigungen schien dem Advokaten in dieser kritischen Lage vorbei.
»Versteht sich! Da ich es selbst gesehen habe!« sagte er.
Aber sein stärkster Beweis war, daß Italia sich ihm ergeben hatte. Er war überzeugt, daß er sie nicht bekommen haben würde, hätte sie nicht mit dem Baron den Anfang gemacht.
»Du lügst!« -- und sie ward bleich, mit einer Art zorniger Begeisterung, weil man ihr, der schon so vieles vorzuwerfen war, endlich einmal etwas Falsches zuschob. »Was hast du gesehen?«
»Was Teufel! Er kam in aller Frühe aus dem Gasthaus, und der Wirt wußte, warum.«
»Nein, er wußte es nicht; aber ich, ich will es dir sagen. Von der Frau des Wirtes kam der Baron! Denn der Geist ihres Vaters, der ihr erschienen ist, war der Baron Torroni: ich bin zu gütig, daß ich es nicht allen erzählt habe.«
Der Advokat murmelte:
»Sprich wenigstens leiser! Wir sind nicht allein auf diesem Platz« -- und nachdem er überlegt hatte:
»O Weiber! Und das soll ich dir glauben?«
Er hob die Schultern, hielt die Handflächen hin und sah umher, als sollten alle ihm bestätigen, daß dies zweifelhaft bleibe. Freilich, wenn sie die Wahrheit sprach, war der Konflikt mit dem Baron aus der Welt geschafft! Aber wo blieb der Stolz, ihn betrogen zu haben? Andererseits war es schmeichelhaft, der erste zu sein, -- und sofort nahm er sich, kühn gemacht, vor, sie dafür zu verlassen.
»Ich liebe nur dich«, sagte Italia versöhnlich.
»Eh!« machte er und kehrte um.
»Liebst du mich nicht mehr?« fragte sie. Er sagte herablassend:
»Du bist ein gutes Mädchen.«
Als sie wieder am Tische saßen, raunte der Apotheker dem Advokaten zu:
»Glücklicher Mann, der du bist! Sie liebt dich mehr als den Baron. Man sah wohl, daß sie Furcht um dich hatte.«
»Du glaubst?« -- und der Advokat strich sich den Schnurrbart.
»Man weiß in betreff dieser reisenden Nonnen«, begann der Leutnant wieder, »von sehr sonderbaren Fällen . . .«
Nello Gennari sah sich plötzlich um. Wie? die Post war da? »Mit ihr kam ich gestern: ists möglich, erst gestern? Und dann stand ich dort drüben und sah Alba in den Dom gehen . . . kann das geschehen sein? Habe ich nicht geträumt? O! nie wieder wird es geschehen. Ich sehe sie nie wieder!« Und er errötete bei der Erinnerung, daß er gegen Flora Garlinda sich großer Dinge gerühmt habe. »Ich bin klein, klein und komme nur vorüber und verwehe, wie ein wenig Staub, den ihr Fuß aufhebt.« Aber hundertmal hatte schon in seinem Herzen die Gewißheit geschlagen, er werde sie lieben und keine Zukunft mehr haben, als diese! Und hundertmal schon war er verzweifelt! »Ich begreife mich nicht. Mein Geist hat das Fieber, und was ich denke, ist abwechselnd wie Feuer und wie der Tod.«
»Wo bleibt der Maestro?« fragte der Cavaliere Giordano, der die ganze Zeit starre Augen gehabt hatte. »Die Chorprobe müßte aus sein.«
»Wohl«, sagte Gaddi. »Aber diese Anfänger haben einen solchen Eifer. Welche ungesunde Aufregung heute morgen! Ich möchte wissen: wenn einer seine Pflicht tut und seine Familie erhält, ist das nicht genug?«