Die kleine Stadt: Roman

Part 28

Chapter 283,857 wordsPublic domain

»Ja. Denn ich gehe; ich verlasse den Schauplatz meiner Niederlage. Lieber in der Fremde einen neuen Kampf beginnen, als hier den frechen Triumph des alten Feindes erleiden.«

Gedämpfter Jubel drang in die Stille.

»Hören Sie?« -- und er knirschte. Er warf seinen Hut auf den Boden.

»Heben Sie ihn auf,« sagte Frau Camuzzi, »wir sind in der Kirche. Da Gott selbst für den Advokaten ist, werden Sie die Dinge nicht ändern.«

»Ich werde sie ändern, -- nachdem ich draußen gesiegt habe und groß geworden bin.«

»Ich«, sagte Frau Camuzzi und seufzte still, »habe einen Mann, der Gemeindesekretär ist und bleibt. So muß ich wohl in der Stadt mein Leben enden und warten, ob es den Heiligen gefällt, mich zu erhören.«

»Ich stürze mich in die große Welt! Welch andere Interessen und Leidenschaften!«

»Glauben Sie?« -- ganz sanft den Kopf geneigt.

»Man wird von mir hören. Nachdem ich in der Hauptstadt ein großer Journalist geworden bin, den alle fürchten, kehre ich zurück, und der Advokat wird dann sehen, wen man ins Parlament schickt. Ah! wie ich aufräumen will in der Stadt. Zu welchem Brei ich die herrschenden Familien zerstampfe! Ich sehe den Platz mit bankerotten Leichen bedeckt.«

Er schielte schwarz, und das Knirschen verrenkte seinen Mund. Draußen heulte es auf:

»Zurück! Um Gottes Liebe! Man erstickt!«

Die beiden sahen sich an.

»Es scheint,« sagte langsam Frau Camuzzi, »daß der Turm, der ein wenig eng ist für solch großes Fest der allgemeinen Versöhnung, Ihnen die Mühe abnimmt, Herr Savezzo, und alle umbringt.«

Ihre Mundwinkel zitterten; durch ihre Augen strich ein Blitz, aber sie deckte sogleich die Lider darüber. Nach einer Weile:

»Sie fahren also mit den Komödianten in der Post?«

Er breitete die Flügel seines Mantels aus.

»Ich gehe zu Fuß, wie es sich für einen harten und armen Eroberer schickt, und in denselben Schuhen, die eine feindliche Menge mir zerrissen hat.«

»Dann wird es Ihnen um so leichter sein, unterwegs jemandem ein Wort zu sagen . . . Der Alba Nardini in Villascura: Sie sagen ihr, der Tenor werde sie warten lassen, er sei aufgehalten bei der Frau des Schneiders Chiaralunzi.«

Er schloß seinen Mantel über den Armen, die er kreuzte. Forschend von unten:

»Wie haben Sie das gemacht?«

»Die Heiligen! Das taten die Heiligen . . . Vielleicht war es mein Gebet, das sie bewog? Gleichviel, es handelt sich um die Interessen des Himmels, dessen Braut die arme Alba ist, -- und sollen nicht, nun alle zur Eintracht bekehrt sind, auch wir ein wenig Gutes tun?«

»So hat dieser eine Tenor Sie tiefer gekränkt, als mich die ganze Stadt?«

Da er einen schwarzen Blick bekam:

»O lassen Sie! Ich weiß nichts, und ich tue, wie Sie wollen. Was daraus entsteht, kümmert es mich? Ich bin ein Fremder, der vorübergeht und ein Wort fallen läßt. Könnte davon die Stadt zusammenstürzen!«

Er warf den Zipfel seines Mantels um sich her, daß er über die andere Schulter wieder zurückflog.

»Auf Wiedersehen, wenn ich Sieger bin!«

Und er ging davon, mit Schritten, die wüst hallten. Wie hinter ihm die Matratze fiel, hob Frau Camuzzi leise die Schultern.

Draußen brach Geschrei aus:

»Der Savezzo!«

Der Überschuß von Volk, den der Turm zurückspie, umdrängte die Stufen zum Dom.

»Seht den häßlichen Affen! Es scheint, daß er es ist, der uns in den Bürgerkrieg gehetzt hat. Sollte er nicht auch das Gasthaus angezündet haben? Ergreift ihn doch!«

Der Savezzo grub das Kinn in den Mantel. Den Hut über den Augen, die Schultern nach vorn geworfen, sprang er polternd hinab, brach hindurch, stampfte von dannen.

»Hohoho!« machten die Fortgeschleuderten und rieben sich. Der Savezzo verschwand in der Rathausgasse. Eine Frau sagte:

»Auch er will leben, der Arme; und wer weiß, auf welche harte Reise er geht.«

* * * * *

»Da kommt das Fräulein Italia. Beeilen Sie sich, Fräulein, der Advokat zeigt euch Komödianten den Eimer. Warum sind Sie nicht früher gekommen?«

Italia hatte ihr Kleid ausbessern müssen; alle anderen waren ihr durch Feuer und Wasser verdorben.

»Wie?« riefen Frau Druso und die Magd Pomponia, »so werden Sie die Stadt ärmer verlassen, als Sie gekommen sind? Kann man es dulden, Signora Aida?«

»Platz für das Fräulein Italia!« -- und der dicke alte Corvi nahm sie bei der Hand, er zwängte sich mit ihr in den Turm. Sein Bauch schob links und rechts die Leute an die Wand; und auf jeder Stufe hieß es:

»Ah! das Fräulein Italia. Sie ist gerade noch entwischt, dank Don Taddeo . . . Es freut mich so sehr, Sie gesund zu sehen, Fräulein . . . Er ist droben, Don Taddeo, im Zimmer des Eimers. Der Advokat hat schon nach Ihnen gefragt.«

Man hörte ihn sprechen. Wie Italia auf der Schwelle erschien, brach er ab.

»Treten Sie ein, Fräulein! der Eimer erwartet Sie, er hat dreihundert Jahre auf diese Stunde gewartet. Sehen Sie ihn an, Fräulein, sehen Sie ihn gut an!«

Italia sah hinauf, wo er hing; es waren morsche kleine Bretter, die auseinanderklafften und durch eiserne Ringe vor dem Herabfallen behütet wurden; -- und dann suchte sie, zweifelnd, die Gesichter der andern. Don Taddeo blickte, die Hände zusammengelegt, durch das Fenster starr ins Leere. Flora Garlinda verzog den Mund, und der Cavaliere Giordano hatte einen Taschenspiegel hervorgeholt. Hinter der Menge sah sie Nello Gennari sich heimlich wälzen, wie ein Junge; Gaddi mußte ihn halten; da wagte Italia es.

»Mit dem Eimer könnte man kein Wasser schöpfen«, sagte sie.

»Aber eine Lehre läßt sich damit schöpfen«, erwiderte der Advokat pünktlich. »Dieser Eimer, ein so armes, verbrauchtes Ding er scheinen mag, lehrt uns dennoch«, -- und der Advokat erhob die Stimme, »den Glauben an den menschlichen Fortschritt!«

Er bewegte die gerundeten Arme, als zöge er alle herein, die über die Schwelle des vollgestopften Gelasses die Hälse reckten.

»Denn als wir ihn zum erstenmal eroberten, da war es ein großer, grausamer Krieg, in dem die von Adorna so viel Blut lassen mußten, daß man den Eimer damit füllen konnte. Jetzt aber: niemand ist unterlegen. Wir alle bleiben Sieger, da jeder sich selbst besiegt hat und jeder entschlossen ist, nur noch im Wettstreit des Guten mit dem andern zu kämpfen!«

Er ließ, mit glänzendem Lächeln, den Beifall verrauschen.

»Sie aber, Fräulein Italia, umarmen Sie Ihren Retter, wie wir alle ihn umarmen; denn er rettete nicht nur Sie.«

»Wo ist Don Taddeo?«

Vergebens durchwühlte sich die Menge. Auf der Treppe rief jemand:

»Er ist drunten auf dem Platz!«

Gerade zog er, ganz oben, den Riegel von der Tür zur Plattform. Er huschte hinaus, er hielt mit beiden Händen die Tür zu, er zitterte vor jäher Auflehnung: »Geht! Warum quält ihr mich noch! Ists nicht genug, was ich euch geopfert habe?«

Niemand hörte ihn. Der Advokat gelangte, von einer Welle Volkes hinabgeschwemmt, auf den Platz. Er verlor, sooft er auch stolperte, sein seliges Lächeln nie, und den Schlüssel zum Eimer reckte er immer hoch aus dem Schwall.

»Der Advokat soll ihn um den Hals hängen!« verlangte das Volk; und man suchte nach einer Schnur.

»Das Band, das du im Haar hast, würde passen«, sagte der Doktor Capitani zu seiner Frau. Sie nahm es, mit hochroten Wangen, vom Kopf und zog es durch den Schlüssel. Als sie es ihm um den Hals knüpfte, sagte der Advokat:

»Man weiß, wie ich denke: all unser Ruhm wäre umsonst, ohne den Lohn der Frauen!«

Die Frauen klatschten. Der Advokat küßte der Jole Capitani die Hand; im Lärm flüsterte er ihr zu:

»Deine Liebe hat mich aufrecht erhalten.«

Und er glaubte es, -- so gut er auch wußte, daß heute nacht, als alle ihn verleugnet hatten, die Geliebte nicht stärker gewesen war als alle. Er drückte die Hände, wie sie kamen; und wo er sie zaudern sah, als hielte ein befangenes Gewissen sie auf, da zog er sie an sich.

»Eh! Scarpetta, die Lieferungen für das Rathaus sind heute nacht nicht mitverbrannt . . . Wie denn, Malagodi! das sind menschliche Irrungen, und im Grunde haben wir nie vergessen, daß wir zueinander gehören . . . Man sagt mir, Crepalini, Ihr fürchtet für Euren Vertrag? Welch seltsame Einbildung. Dagegen bitte ich Euch, wenn die Komödianten wiederkommen, um einen bescheidenen Platz in Eurer Loge, denn die mein war, wird dann Euer sein.«

Da er an den Apotheker geriet:

»Und du, Freund Romolo? Diese Freudentränen, man darf es sagen, haben wir uns verdient.«

Sie umarmten sich. Der alte Krieger stammelte am Hals des Freundes:

»Ich kann in die Hölle kommen; aber das eine weiß ich: aufhängen werde ich mich niemals mehr, -- da ich es heute früh nicht getan habe.«

Der Advokat drückte ihn fester; -- wie er aber dann das Schnupftuch zog, hatte er plötzlich ein paar andere Arme um den Hals, und noch eins und noch eins. Billiger Puder stäubte ihn in die Nase, Federn kitzelten ihn; grelle kleine Stimmen, mehlweiße Stumpfnasen und bunte Fähnchen, alles wirbelte um ihn her.

»Du bist der schönste Mann der Stadt, Advokat, mit deinem Schlüssel am blauen Band . . . Wie glücklich bin ich, daß Sie wieder gesund sind . . . Nie werden wir unsern Direktor vergessen . . . Keiner mehr gibt uns solche Vorschüsse . . .«

Der Advokat sträubte sich, er lugte nach Jole Capitani umher. »Seid gut, Kinder«, murmelte er. Die kleinen Choristinnen lachten auf, alle auf einmal, und entflatterten. Die jungen Leute in großen Hüten und bunten Halstüchern fingen sie ein.

»Alle hierher!« rief es vom Café »zum Fortschritt.« »Die Herren zahlen.«

»Auch hier wird bezahlt!« schrie beim Café »zum heiligen Agapitus« der Bäcker. Er setzte hinzu:

»Aber nur ein Glas, und du warst schon einmal hier.«

Es strömte rascher über den Platz. Alle Gesichter waren heller, alle Stimmen lauter. Mama Paradisi und ihre Töchter, Frau Camuzzi, die Damen Giocondi kehrten frisch gepudert aus ihren Häusern zurück. Man sagte:

»Niemand würde glauben, daß wir die ganze Nacht auf den Beinen waren.«

»Welch schöne Sache: die Eintracht und die Freigebigkeit!« verkündete der Herr Giocondi. »Sogar der Herr Salvatori hat seinen Arbeitern den Lohn erhöht.«

»Ich denke nicht daran!« rief der Herr Salvatori. »Der Herr Giocondi will mich hineinlegen, weil seine Fabrik jetzt mir gehört.«

Aber es nützte ihm nichts; schon war er umringt, seine Arbeiter waren herbeigeholt, und er ward beglückwünscht und gerühmt, bis er vor Stolz weinte und den Arbeitern auch noch Wein gab.

»Und seit zwanzig Jahren nennt man ihn einen Geizhals«, sagte Frau Camuzzi, sanft zischelnd. »Wie viele Vorurteile müssen wir ablegen, arme Unwissende, die wir sind. Ich meinesteils halte eine Komödiantin für meinesgleichen.«

Sie umarmte Italia, und man klatschte. Die Mägde Fania und Nanà riefen umher, daß der armen Komödiantin alle Kleider verbrannt seien. Ringsum wallte es auf vor Mitleid; Frau Nonoggi war sogleich mit einer Winterjacke da, Frau Acquistapace mit einem Rock: »Möge er Euch Glück bringen, ich habe ihn öfter in der Kirche getragen als im Theater;« -- und Mama Paradisi zog schon die Nadeln aus ihrem neuen Riesenhut. Ihre Hände zitterten dabei, aber obwohl man Einspruch erhob, er sei der Stolz der Stadt, beharrte sie bei ihrem Opfer: Italia mußte ihr erst weinend in den Arm fallen.

»Wie wir alle gut sind!« sagte Frau Camuzzi.

»He! Freund Giovaccone!« -- und der Gevatter Achille wühlte sich hindurch. »Ich habe wohl gesehen, daß der Dummkopf von Savezzo dir einen Strega-Likör ausgeschüttet hat, und kann mir denken, daß es deine einzige Flasche war. In einem Geschäft wie meinem gibt es mehr davon; da hast du eine, ich helfe dir aus. Man muß vernünftig sein, die Stadt wird uns beide nähren.«

»Alle glücklich!« -- und der Herr Giocondi kniff seine Frau in die Wange, so daß sie müde lächelte. »Unsere Töchter werden Männer bekommen, denn in meiner denkwürdigen Unterredung mit Don Taddeo hat er mir versprochen, euch welche zu verschaffen. He, was sagt ihr zu eurem Vater, der an nichts denkt als nur an euch?«

Er machte den Mund spitz, und Cesira warf sich unter erstickten Jubelschreien mit den Lippen darauf. Die Augen der entlobten Rosina wurden blank und weich; sie dachte:

»Sollte es dennoch ein Glück geben?«

»Das alles ist so schön, weil wir glücklich sind, Alba und ich«, sagte Nello sich und ging, allein und unermüdlich, hin und her durch das besonnte Volk. Wie alles schwebte, wie alles traumhaft leicht war! Man wünschte, und es war da. »Ich wußte nicht, wo ich mich verstecken sollte, wenn die andern fortziehen: da spricht mir der Cavaliere von dem Schneider! Es ist, als habe Gott ihn geschickt, oder als komme er von Alba selbst. Aber ich wußte wohl, die Menschen könnten nicht böse bleiben, wie sie heute nacht waren; sie müßten glücklich werden wie wir. Nun wollen alle mir wohl . . .«

Und er schickte dankbare Blicke zu den beiden Fräulein Paradisi, die sich früher seinetwegen geschlagen, in dieser Nacht aber tobend auf ihn eingeschrien hatten und die jetzt für ihn ihre Fächer spielen ließen. Nina Zampieri hängte sich, wenn sie an Nello vorbeikam, fester in den Arm ihres Verlobten, des jungen Mandolini, und sie schlug die Augen nieder, als erinnerte sie sich an den Beifall, den sie in der Nacht dem Sturz des jungen Sängers geklatscht hatte, wie an eine unkeusche Handlung.

Überall aber war der Barbier Bonometti, starrte aus seinem großen Zahntuch jeden stolz an und rief:

»Der Advokat ist ein großer Mann!«

Dann sahen viele weg oder verschwanden. Nello Gennari hielt ihn an.

»Ihr habt recht behalten, Herr Bonometti, und die Euch mißhandelt haben, fürchten Euch jetzt. Aber da alle sich versöhnen, solltet nicht auch Ihr sie lieber schonen?«

Nello lächelte zärtlich, er dachte: »Welch schöner Gedanke!

Habe ich selbst ihn gefunden? Es ist Alba, die durch mich denkt: es ist Alba!« Er setzte noch hinzu:

»Auch werdet Ihr dem Advokaten damit nützen.«

»Wer recht hat, sind Sie!« -- und Bonometti riß sich das Tuch ab, er warf es in die Luft.

»Es lebe der Advokat!«

Da riefen alle mit, und der Advokat machte Kratzfüße. Plötzlich stürzte er sich auf die beiden Fräulein Pernici, die nicht mitriefen und die lange Mienen hatten.

»Wie? Es gibt noch Mitbürgerinnen, die nicht zufrieden sind? Ich weiß, meine Damen, Sie haben Schaden erlitten. Ich könnte Ihnen erwidern, daß Sie nicht nötig hatten, mit Ihren Federhüten auf dem Arm sich ins Gedränge zu begeben; aber ich werde es nicht erwidern. Die Furcht verdunkelte in Ihren, wie in unser aller Köpfen das Bild der Tatsachen. Auch war keine Dampfspritze da. Das ist die Wahrheit, die ich niemals leugnen werde: es war keine Dampfspritze da. Und darum, o meine Damen --«

Er bewegte den Arm über den Kreis der Zuhörer.

»-- da Don Taddeo dem Malandrini sein Haus bezahlt: die Frauen nennen mich ihren Freund, sie sollen sich nicht geirrt haben: ich bezahle Ihnen Ihren Putz.«

Alle Hände rasten, -- und der Advokat, die Brust gewölbt unter dem großen rostigen Schlüssel, suchte weiter.

»Gaddi!« -- mit weit ausgestreckten Händen. »Sie, der Sie heute nacht an Bürgertugend uns alle übertroffen haben, wollen Sie uns denn wirklich verlassen? Wir verlieren Sie, Freund, mit Schmerz.«

Es sei nun so, erwiderte der Bariton, was solle man machen.

»Eh! und wenn wir Sie dabehielten? Ich will mit unserm Gemeindesekretär sprechen; er ist mein lieber Freund, ich bin sicher, daß er Ihnen in einem unserer Bureaus einen Posten als Vorstand gibt. Sie sind ein Familienvater, Gaddi, ein tüchtiger Mann. Wie? kein Umherziehen mehr, keine Sorgen!«

Gaddi sagte:

»Die Sache verdient, überlegt zu werden . . . Und doch, nein. Ich danke Ihnen, Herr Advokat. Man stiege nicht länger in Lokalzüge, und die Zukunft wäre sicher, wohl wahr. Aber hätte man noch solche Freunde? -- und würde man noch wie jetzt, so mittelmäßig man immer singen mag, zuweilen die großen Dinge fühlen, die das Leben hat?«

»Eh! auch andere fühlen sie . . . Sie wollen nicht? Es ist schade, denn Sie wären wert, einer der Unseren zu sein.«

Und da er den Cavaliere Giordano gewahrte:

»Sie wenigstens, Cavaliere, werden uns bleiben, auf marmorner Tafel. Ihr großer Name verläßt nie wieder die Stadt!«

Der alte Tenor geriet in Bewegung.

»Meine Gedenktafel ist also nicht abgelehnt?«

»Abgelehnt oder nicht: der Gemeinderat wird glücklich sein, seinen Irrtum berichtigt zu sehen. Beim Bacchus, ich werde ihm keine Tafel am Rathaus mehr zumuten. Man muß als Politiker handeln, der mit den menschlichen Schwächen rechnet: ein Mann wie Sie, Cavaliere, versteht mich. Aber -- he, Malandrini!«

Er holte den Wirt herbei.

»Sie, Malandrini, dem Don Taddeo sein Haus neu aufbaut, werden sich nicht weigern, auf Ihre Kosten eine Gedenktafel für Ihren berühmtesten Gast daran zu befestigen.«

»Aber er war nicht mein Gast«, sagte Malandrini.

»Ich war nicht sein Gast«, sagte der Cavaliere Giordano. Der Advokat fuchtelte.

»Wenn schon! Soll an solcher Kleinigkeit ein großer Plan scheitern? Die Nachwelt, Cavaliere, wird Ihren Ruhm bewundern, wo immer sie ihn findet.«

»Ich sage nicht nein«, erklärte der Wirt. »Vielleicht, daß die Engländer kommen, um die Inschrift zu lesen.«

»Welch schönes Genie ist das Ihre!« -- und der alte Sänger fiel dem Advokaten um den Hals.

* * * * *

Aber die Menge tat einen Stoß gegen die Treppengasse. Dort in der Ecke stand schimpfend auf seinem Postwagen das rote Gesicht des Kutschers Masetti.

»Man fährt nicht ab! Die Komödianten sollen hier bleiben!« befahl das Volk.

Der Advokat eilte hinüber; er stellte den Antrag, vor der Abreise der Komödianten sollten alle auf dem Platz frühstücken. Masetti schrie umsonst, es sei zehn Uhr; wenn man schon das Ende der Messe abgewartet habe --

»Herunter!« schrie das Volk und holte ihn vom Bock. Schon hatte es die Tische des Gevatters Achille und des Freundes Giovaccone schräg über den Platz geschoben, daß sie unter den Rathausbogen zusammenstießen. Man deckte sie, die Frauen schleppten ihr Geschirr herbei. Mama Paradisi trug selbst ihre riesige Suppenschüssel auf, der Krämer Serafini brachte Würste, und im Nu war die Witwe Pastecaldi mit ihren berühmten Ölkuchen zurück. Der alte Zecchini und seine Zechbrüder verfolgten den Kaufmann Mancafede, bis er von seinem Wein hergab. Polli hatte seine Frau, Olindo und die gelbhaarige Schwiegertochter mit Zigarren beladen.

»Eh! an einem Tage wie diesem muß man wohl die Frau aus dem Laden holen und ihn zumachen.«

Die Armen tränkten, in den Schatten der Häuser gelagert, ihr Brot mit Öl. Coletto klingelte an seinem Karren mit Kuchen; er machte dabei Pipistrelli nach, wenn er betete; und die Mädchen gingen fächelnd um den Karren herum, blinzelten und warteten, daß jemand ihnen etwas anbiete.

»Komm her, Corvi! Es gibt zu essen auch für die, die nichts haben.«

Frau Zampieri, Nina und der junge Mandolini aßen nicht, sie verteilten ihre Vorräte unter eine große Runde von Kindern, -- indes Gesellen und Mägde die Hühnerlucia aus ihrer Gasse zogen.

»Sie soll neben dem Advokaten sitzen! Die Hühnerlucia neben dem Advokaten!«

Der Advokat empfing sie mit einer Verbeugung.

»Was denn! Es war Scherz. Neben dem Advokaten ist der Platz des Don Taddeo. Wo ist er?«

»Wie?« rief Galileo Belotti und versperrte dem kleinen buckligen Schreiber aus Spello die Rathausgasse, in die er entwischen wollte. »Habe ich vielleicht nicht recht? Sie sind buck --«

Er verschluckte das Wort.

»Aber darum sind wir doch alle gleich.«

Und er ging Arm in Arm mit ihm zu Tisch.

»Don Taddeo ist nicht zu finden! In der ganzen Stadt nicht!«

Teufel, ihm war etwas zugestoßen. Was denn! Gewiß schlief er, und man sollte ihn lassen, denn er hatte sich mehr ermüdet als alle andern. Auf die Gesundheit des Heiligen!

Der Advokat führte statt der Hühnerlucia, strahlend und schwänzelnd, Frau Jole Capitani auf den Ehrenplatz unter den Bogen, und an seine andere Seite nahm er den Cavaliere Giordano. Aber man ließ ihn sich nicht setzen.

»Der Chiaralunzi will weggehen, weil in seiner Nähe der Maestro sitzt!«

Der Advokat griff ein.

»Zwei Männer wie ihr! Niemand hätte euch zugetraut, daß ihr dies bürgerliche Fest stören würdet. Da Ihr Euch mit Eurer Frau versöhnt habt, Chiaralunzi --«

Denn die Frau lächelte, wenn auch mit geschwollenen Augen.

Der Maestro habe sie verleumdet, wiederholte der Schneider störrisch, er sei nun einmal sein Feind. Der Advokat behauptete, der Maestro habe das nur gesagt, um etwas Witziges zu sagen.

»Ihr wißt wohl, Chiaralunzi, daß es komisch ist, wenn die Frau den Mann betrügt.«

Der Kapellmeister spreizte die Hand.

»Haltet mich für einen Intriganten, obwohl ich nur zornig war, -- aber glaubt nie wieder, o glaubt nie wieder, daß ich die Wahrheit gesprochen habe! Wie könnte ichs ertragen, Euch unglücklich gemacht zu haben, ich, der ich jetzt so glücklich bin.«

Er schluchzte; kaum verstand man ihn. Der Advokat sagte, mit erschütterter Stimme:

»Könnt Ihr zweifeln?«

Der Schneider ward langsam rot, schnaufte unruhig, -- und plötzlich griff er nach der Hand des andern. Der Advokat klatschte Beifall.

»So haßt ihr euch denn nicht mehr.«

»Haßten wir uns wirklich?« sagte der Kapellmeister. »Es war wie der Haß eines andern, durch Zufall aufgelesen. Man wirft ihn nicht weg, weil man ihn hat. Es scheint, daß der menschliche Haß in unserem Stolze wächst; weil man ungerecht war, wird man noch ungerechter. Aber das größte Unrecht tut man sich selbst. Wie hätte ich noch meine Oper schreiben können!«

Zum Advokaten:

»Denn Sie glauben nicht, wie gut man sein muß, um zu schaffen.«

»Eh! wem sagen Sie das«, erwiderte der Advokat.

Dahinten, im Winkel bei der Treppengasse, lehnte Flora Garlinda sich zurück, betrachtete das Schmausen, unbedachte Schwatzen, das vertrauensvolle Gelächter, die Verbrüderungen . . . »Welch ärmlicher Betrug! Als ob man etwas hätte außer sich. Güte? Alles Große ist ohne Güte. Don Taddeo hat sich geirrt, als er herabstieg, und er wird es merken. Uns gebührt keine Gemeinschaft . . . Dennoch wird dem Unschuldigen dort der Weg geebnet, er geht zur Gesellschaft Mondi-Berlendi, indes ich weiter vor Bauern singe. Es ist anders gekommen, als ich dachte. Ich werde es wohl schwerer haben als er? Trotz meiner Bereitschaft, und obwohl ich ein so hartes Leben führe?«

»Hört doch, Fräulein!« riefen Zecchini und die Trinker, »Ihr sollt etwas singen. Da ist Wein, um Euch zu stärken. Kommt her!«

»Flora!« sagte, ihr gegenüber, Italia und wendete sich um, soweit die Aufmerksamkeit auf den jungen Severino Salvatori es ihr erlaubte, denn er wollte sie küssen. »Flora, man ruft dich! . . . Ah, sie hört nicht. Sie ist ein Mädchen, das zuviel denkt; drum hat sie auch schon Falten wie eine Alte.«

Die Primadonna sah hin, mit seltsam tiefen und starren Augen, die das Gesehene sogleich wieder verloren hatten.

»Er ist also sympathisch. Und er ist ihnen sympathisch, weil er sich ihnen gleich macht; weil er ihnen gefällig ist, weil er mit ihnen das Herz tauscht. Aber es gilt, um groß zu werden, sein Herz ganz fest zu halten . . . Heute tritt er jenem Alten seine Geliebte ab und nimmt dafür den Lohn. Morgen wird er den Leuten seine Musik verkaufen. Nein! Er hat mich nicht überholt; und es könnte sein, daß dies der Tag ist, an dem sein Untergang begann. Möge er noch eine Weile die lustige Sympathie der Gassen haben, -- bevor die große Kunst meiner Leidenschaft darüber hinfährt.«

Ihr Stuhl bekam einen Stoß. Jungen, die auf allen vieren unter den Tischen krochen, schnappten nach Bissen wie Hunde. Der weiße Koch von den >Verlobten< traf mit einem riesigen Kessel ein, und alles stürzte sich darauf. Der Cavaliere Giordano rief umher nach Nello Gennari. Frau Camuzzi hielt ihn zurück.

»Ich errate, Cavaliere, daß Sie im Begriff sind, eine Dummheit zu machen. Sie wollen dem jungen Manne sagen, er solle nicht mehr zum Schneider gehen.«

»Sie haben sich versöhnt! Ich bin gerettet, verstehen Sie? gerettet,« -- und der Alte hüpfte auf. »Die Unsichtbare hat das Nachsehen, ich sterbe noch lange nicht!«

»Ich werde für Sie beten«, sagte Frau Camuzzi. »Aber darum trägt dennoch der Schneider Hörner. Wie? Ein Mann von Ihrer Erfahrung merkt nicht den Zusammenhang? Die Frau des Schneiders und der Gennari kennen sich schon längst.«

Da der Alte zurückwich: