Die kleine Stadt: Roman

Part 27

Chapter 273,838 wordsPublic domain

»Bravo Maestro!« -- indes Don Taddeo sich, schillernd und funkelnd in seinem bestickten Gewand, demütiger über den Altar neigte und seine Hände höher hinauftasteten.

»Komm, heiliger Geist!«

Er wusch sich murmelnd die Hände. Sein Ruf:

»Orate, fratres!«

Ein jähes Aufschwellen des Chores:

»Sanctus! Sanctus! Sanctus!«

Und die bewegte Stille der Erwartung. Schnell flüsterten die Frauen noch miteinander, durch die Männer ging eine letzte Unruhe . . . Das Klingeln.

In einem großen Rauschen rutschte alles von Bänken, Mauerwerk und Stufen. Man hörte die Krücken der alten Nonoggi klappern, wie sie hinkniete. Frau Giocondi, die schnarchte, bekam von ihren Töchtern einen Stoß und tauchte eilig nieder. Alle Stirnen senkten sich tief, nun Don Taddeo das strahlende Gefäß erhob. Das kleine weiße Rund darin sah über alles Volk hin, wie des Gottes gebrochenes Auge, -- und ihm zur Seite erloschen, in einer langen Stille, vor Müdigkeit und Gram die Augen des Priesters.

»Auch uns Sündern«, sagte er schwach; mit Anstrengung, die Arme, wie am Kreuz, weit offen gegen das Volk: »Pax Domini!« -- und indes alles sich räusperte, Stühle umherstieß und hinausdrängte, antwortete seinem Gebet der Chor:

»Sondern erlöse uns von dem Übel.«

* * * * *

Der Apotheker Acquistapace ward unter den ersten aus der Tür geschoben.

»Was hast du? Was gibts denn zu weinen?« fragte Polli ihn. »Ah! wie sie schön das Agnus Dei spielen! Wie die Messe rührend und erbauend war! Ich bin so lange nicht in der Bude gewesen.«

Und da in einem Schub seine Frau erschien, umfaßte er sie und drückte ihr, links und rechts, zwei dicke Küsse auf. Sie hielt ganz still.

»Es handelt sich nicht darum«, sagte Polli. »Es handelt sich um den Advokaten. Wir müssen ihn holen.«

Er trat an Malagodi, den Seiler und Scarpetta hinan.

»Habe ich nicht recht, Ihr Herren? Dies ist die Stunde, Frieden zu schließen. Er ist besser für die Geschäfte, -- und schließlich sind wir Menschen.«

»Eh! ich sage nicht nein«, erwiderten sie. »Denn wegen des Bürgerkrieges bleiben die Bauern aus, heute am Sonntag. Das trifft euch: gut; aber es trifft auch uns.«

Der Gevatter Achille sammelte auch den Bäcker Crepalini und seine Freunde vor dem Dom.

»Ah! ihr glaubt, der Advokat werde sich an euch rächen? Ihr kennt ihn nicht. Der Advokat ist ein Gentleman mit dem edelsten Herzen.«

»Ich verbürge mich für meinen Freund,« sagte der Apotheker, »daß er Euch das Monopol erneuert.«

Dennoch kratzte der Bäcker sich den Kopf und verkroch sich sacht in den Haufen, der den Kapellmeister beglückwünschte. Er lehnte am Dom, drückte die heißen Handflächen gegen die Mauer und lächelte verstört. »Ich habe sie also erbaut«, dachte er. »Ich habe ihre Leidenschaften verklärt; sie fühlen Frieden. Ich aber mußte leiden, als ich meine Messe erfand, leiden für Flora Garlinda.«

Da er nichts sagte, schwand der Haufe. Der Kapellmeister lehnte noch immer und lächelte. Auf einmal streckte ihm, mit einem Gesicht voll glänzender Gnade, der Cavaliere Giordano die beringte Hand hin.

»Maestro, ich habe eine gute Nachricht für Sie: -- gestern abend schon ist sie mir mit der Post gekommen; aber ich wollte den Erfolg Ihrer Messe abwarten, um Ihr Glück verdoppeln zu können. Maestro --«

Mit einer Geste, leicht und glücklich, als bewegte sie einen Zauberstab:

»-- Sie sind zweiter Orchesterdirigent bei der Gesellschaft Mondi-Berlendi und werden zur Herbstsaison nach Venedig gehen.«

Das Lächeln des Kapellmeisters erstarrte. Der Cavaliere Giordano winkte die nächsten zu Zeugen herbei.

»Wie? das ist eine wohlverdiente Auszeichnung. Denn unser Maestro Dorlenghi ist nicht nur ein Talent, er ist ein sympathisches Talent.«

Man stimmte bei. Frau Camuzzi stieß Frau Paradisi an:

»Ah! Signora Aida, noch soeben stellten wir fest, daß uns nie so fromme Gedanken gekommen sind, wie in der Messe des Maestro, und jetzt verläßt er uns.«

»Das ist zu natürlich«, sagte Flora Garlinda. Sie hatte auf einmal große blasse Halbkreise unter ihren Augen, die todernst blieben, obwohl sie die Lippen, wie zum Lächeln, von den Zähnen zog. Sie hob die schlaffe Hand des Kapellmeisters auf und schüttelte sie hart.

»Es war leicht vorauszusehen, daß er uns andere überholen werde. Ich, die Sie hinter sich lassen, empfehle mich Ihnen, Maestro. Sie müssen wissen, daß ich Ihnen geholfen habe. Denn ich habe von der Gesellschaft Mondi-Berlendi der kleinen Rina gesprochen: Sie erinnern sich, Maestro, Ihrer Geliebten, der Dienstmagd Rina, die Sie dem Cavaliere Giordano abgetreten haben.«

Man kicherte. Der alte Zecchini pruschte aus. Der Kapellmeister warf sich plötzlich herum; man sah seinen Nacken heftig zucken, während er sich auf der Mauer um die Ecke drückte. Der Cavaliere Giordano ging ihm mit ausgestreckten Händen nach.

»Mein lieber Dorlenghi, wie kann der Irrtum dieser braven Leute --. Ich versichere Sie, daß nur Ihr ungewöhnliches Talent --.«

»Lassen Sie, Cavaliere, es ist das unverdiente Glück, dem meine Nerven nicht widerstehen. Und bei alledem --«

Unvermittelt stieß er nach allen Seiten, er hielt sich die Stirn, er stöhnte wund.

»-- habe ich Sie kompromittiert und in Gefahr gebracht: Sie, meinen Wohltäter!«

Der Cavaliere begann zu schnuppern.

»Wie denn, mein Lieber? Erklären Sie sich.«

Der Kapellmeister machte, die Fäuste an den Schläfen, fortwährend:

»O! O!«

Vom Platz kam ein Durcheinander von Rufen:

»Wir wollen Frieden! Wir wollen den Advokaten!« -- und immer wieder das Gebrüll des Savezzo:

»Wenn ihr ihn ruft, werde ich machen, daß ihr die ersten seid, die seine Rache spüren!«

Der Cavaliere Giordano sah sich unruhig um.

»Was habe ich zu fürchten? Sie müssen nun sprechen.«

»Der Schneider . . .«

Der Kapellmeister legte die Hand um den Mund und preßte die Worte zwischen den Fingern hervor:

»Ich war von Sinnen, ich wußte seine Beleidigungen nicht mehr zu erwidern . . . Da habe ich ihm gesagt, Sie betrögen ihn mit seiner Frau.«

Der alte Tenor lachte meckernd.

»Eh! und wenn es wahr wäre.«

»Aber der Schneider tobt, er wird Sie vielleicht umbringen.« Die Miene des Alten fiel zusammen; er spreizte die Hand.

»Es ist nicht wahr! Ich schwöre, daß es nicht wahr ist. Möglich, daß ich es versucht habe. Ich leugne nicht, daß ich --«

»Wir wollen den Advokaten! Die Herren sollen ihn holen! Schweige, Intrigant!«

Der Kapellmeister und der Cavaliere Giordano irrten, die Hände gerungen, im Kreise umeinander her.

»Ah! diese jungen Leute«, jammerte der Alte. »Immer gleich ist der Kopf dahin. Die Leidenschaften! Das heiße Blut! Schöne Sache!«

»Was habe ich getan!« stöhnte der Kapellmeister. Der Alte blieb stehen, sein Kopf wackelte vor Zorn.

»Aber Sie schuldeten mir Rücksicht für meine Wohltaten! Was Sie getan haben, ist niedrig und gemein!«

Gleich darauf, einknickend, zum Weinen verzogen:

»Er bringt mich um. Wohin verkrieche ich mich jetzt. Ah! ich wußte wohl, daß ich hier enden würde: in einer Stadt mit weniger als hunderttausend Einwohnern und umgeben von Geheimnis. Es ist jene verdammte Unsichtbare, die mich umbringen wird durch die Hand des Schneiders!«

Plötzlich lief er auf krummen Knien davon, in den Corso hinein, lief und kam nicht von der Stelle. Frau Camuzzi erschien an der Ecke.

»Cavaliere!«

Sie holte ihn ein; sie flüsterte:

»Nicht dorthin. Der Schneider ist auf dieser Seite.«

Da er stöhnend herumfuhr:

»Der Platz ist voller Leute: dort werden Sie am sichersten sein. Gut, daß Sie noch heute die Stadt verlassen.«

»Ich werde sie nie mehr verlassen.«

»Man muß Vorkehrungen treffen. Ich könnte Sie bei mir verstecken; aber da der Schneider Ihre Wohnung kennt --.«

»Retten Sie mich!«

Der Alte klammerte sich an ihren Arm. Sie wiegte nur den Kopf. Dem weiten, stürmischen Haufen, den, aus seinem Innern heraus, die Leidenschaften hin und her über den Platz schoben, entrangen sich Polli und Acquistapace.

»Alle sind einig; wir gehen zum Advokaten.«

Aber der Savezzo brach hervor:

»Umsonst! Er ist verhaftet, er geht auf die Galeere.«

Der Savezzo riß sich aus der Brust einen Packen schmutziger Papiere, machte den Finger naß:

»Das ist sein Geständnis! Er hat gestanden, daß er das Feuer gelegt hat.«

Die Menge wich zurück -- und plötzlich stürzte sie vor.

»Laß sehen! Wo!«

»Es ist falsch!« rief donnernd der Apotheker und griff mächtig zu. Er hielt das Papier in die Höhe. »Der Schurke hat es gefälscht. Da habt ihr den Schurken. Jetzt wißt ihr, wen ihr auf die Galeere schicken sollt.«

Er stellte die Hand gegen das Geheul des Volkes, stampfte mit dem Holzbein und schrie, daß ihm die Adern schwollen:

»Laßt ihn! Vergreift euch nicht! Ah! bewundert die Milde des Advokaten. Er verzeiht allen, die etwas gegen ihn unternommen haben: er verzeiht sogar diesem und gibt ihm sein Papier zurück.«

Und der Alte reichte es mit großer Geste dem Savezzo, der auf seine Nase schielte. Das Volk klatschte.

»Bravo! Hole den Advokaten!«

»Der Schneider«, sagte Frau Camuzzi, »hat vom Maestro nicht ihren Namen gehört, wie, Cavaliere? Nur, daß ein Tenor bei seiner Frau ist, weiß er. Aber ihr seid zwei Tenore hier. Schicken Sie den andern hin!«

Da er sie ansah:

»Ja, schicken Sie ihn, damit er Sie bei der Frau des Schneiders entschuldige. Er soll ihr eine Stunde geben statt Ihrer, er soll tun, was ihm gut scheint; -- wir aber geben dem Schneider einen Wink. Ah! er wird nicht lange fragen, wie die Sachen liegen; er wird die Überlegung verlieren . . .«

»Aber das wäre ein Mord«, sagte der Cavaliere Giordano und zog sich einen Schritt zurück. Frau Camuzzi hob die Schultern. »Ich rate Ihnen, weil Sie es wünschen. Scheint es Ihnen nicht, daß hinter allen diesen Leuten, bei der Gasse der Hühnerlucia, der Schneider steht und herübersieht? Was er für Augen hat!«

»Hilfe! Ich will tun, wie Sie sagen.«

»Mut, Cavaliere! Ich gehe und versuche, ihn zu besänftigen . . . Ah! er ist fort. Wo war er denn? Aber Sie sind nun gewarnt.«

* * * * *

Der Kaufmann Mancafede stürzte hinter Acquistapace und Polli drein.

»Ihr werdet nicht ohne mich gehen! Bin ich nicht der treueste Parteigänger des Advokaten, der keinen Augenblick an ihm gezweifelt hat?«

Auch der Herr Giocondi wackelte herbei.

»Und ich? Denn, man muß gerecht sein, ohne meine Verhandlungen mit Don Taddeo wäre der Advokat niemals wieder an die Oberfläche gelangt.«

Sie erklärten ihm, seine diplomatischen Talente seien im Augenblick nötiger auf dem Platz, um das Volk in seiner guten Gesinnung zu erhalten.

Vor der Treppengasse warf sich ihnen noch einmal der Savezzo in den Weg. Er schlug blindlings sich selbst mit den Fäusten, und wie er sprechen wollte, spritzte es.

»Feiglinge! Elende Feiglinge!« heulte er. »Doppelte Verräter, die abfallen in der Gefahr und, wenn sichs wendet, wieder herbeikriechen. Ich: ah! ich gehe unter. Aber ich gehe unter, indem ich euch verachte.«

Mit einem Schlag auf seine Brust, daß sie dröhnte, machte er kehrt.

Sie stiegen schweigend . . . Der Kaufmann wandte sich zum Apotheker:

»Du hättest ihm antworten sollen. Warum hast du ihn nicht niedergeschlagen?«

Nach einer Weile seufzte Polli:

»Es scheint, daß wir den Kopf verloren und manches geredet haben, was wir trotzdem niemals getan haben würden. Ich wenigstens darf von mir sagen, daß ich auch in der Not zum Advokaten gehalten hätte.«

Der Apotheker blieb stumm und ließ den Kopf gesenkt.

». . . Im Zimmer des Advokaten steht seine Nichte am Fenster«, bemerkte Mancafede. Der Tabakhändler meinte:

»Er wird Trost gesucht haben im Schoß der Familie. Sogleich aber soll er sehen, daß es auch noch Freunde gibt.«

Und schon von weitem begann er hinaufzupfeifen. Die junge Amelia wandte sich ins Zimmer zurück.

»Advokat, da kommen drei Herren!«

Der Advokat zuckte im Bett mit den Schultern. Er behielt die Augen geschlossen. Die Witwe Pastecaldi sah hinaus.

»Gottlob, es sind Freunde.«

»Was denn, Freunde,« -- und Galileo Belotti zog die Brauen bis unter die Haare hinauf. »Es gibt keine Freunde mehr. Sie werden dem Advokaten sagen wollen, daß er auf die Galeere kommt.«

»Du bist gottlos. Siehst du nicht, daß der Advokat krank ist? Du würdest besser tun, auf den Platz zu gehen, zu den anderen häßlichen Leuten. Würde er nicht besser tun, Doktor?«

Der Doktor Capitani, der das Nachtgeschirr des Advokaten untersuchte, stimmte zu.

»Du würdest besser tun, du würdest besser tun, pappappapp. Aber wenn der Platz langweilig ist ohne den Advokaten.«

Und Galileo kugelte polternd durchs Zimmer.

»Galileo!« rief, gleich unter dem Hause, die Stimme des Tabakhändlers. »Sage dem Advokaten, daß wir gekommen sind, um ihn zu verhaften.«

Die Witwe Pastecaldi stieß, die Faust an der Wange, einen Schrei aus, wie ein kleines Mädchen.

»Was habe ich gesagt«, -- und Galileo streckte die Brust heraus. Der Advokat tat einen Ruck; rasch stützte der Doktor ihn.

»Auch das härteste Geschick wird mich stark finden«, sagte der Advokat und beschrieb mit der Hand einen Bogen, der zitterte. »Aber ich fühle mich nicht verloren; denn --«

Er fand Stimme:

»-- ich glaube an die Gerechtigkeit des Volkes.«

Da flog die Tür auf. Polli rief herein:

»Guten Tag die Gesellschaft. Ist der große Mann zu Hause?« Aber sogleich verstummte er und machte einen Schritt rückwärts.

»Signora Artemisia,« flüsterte der Apotheker, »was gibts? Der Advokat sieht uns nicht an, geht es ihm sehr schlecht?«

Da sie nur die gefalteten Hände erhob:

»Dann müssen wir dem Volk wohl sagen, daß es ihn nicht haben kann. Denn das Volk will ihn wieder haben.«

»Wie? Wollt ihr ihn nicht verhaften?« fragte Galileo.

»Was denn! Versteht Ihr nicht, daß das ein Scherz war?« sagte Polli. »Das Volk ruft dich, Advokat.«

»Da bin ich«, sagte der Advokat und zog die Beine unter der Decke hervor. Er schob den Doktor fort, -- aber dann saß er in seinen Unterhosen auf dem Bettrand und konnte nicht weiter. Seine Schwester stürzte herbei.

»Du wirst dich ruinieren, Advokat. Der Ruhm bringt dich um.«

»Was, Ruhm!« -- und Galileo erklärte den Herren:

»Er hat zu viele warme Bäder genommen, der Advokat. Immer gerade, wenn man essen will, braucht er die ganze Küche für sein heißes Wasser. Und dann, versteht sich, sieht man in seinem Bureau seit vier Wochen nichts anderes mehr, als Unterröcke . . .«

Die Schwester jammerte auf.

»Ich habe es dir immer gesagt, Advokat, wenn du an der Macht wärest, könntest du den Frauen nichts abschlagen und sie würden dich ruinieren. Jetzt ist es geschehen.«

»Denn der Advokat«, schloß Galileo, »hat heute morgen in der Badewanne einen Schlaganfall gehabt.«

Der Advokat war plötzlich auf den Füßen, er klopfte die Luft mit dem Handrücken.

»Was für Albernheiten! Einen Schlaganfall, ein Mann wie ich! Sagen Sie den Herren, Doktor, daß ich ganz gesund bin!«

»Es war nur ein wenig Schwäche«, entschied der Doktor; »denn, Advokat, es sieht ganz so aus, als hätten Sie wieder mehr Zucker verloren!«

Der Apotheker kam, schwer stelzend, herbei; er nahm die Hand des Advokaten.

»Mein armer Freund, du hast gelitten. Wir, das Volk, haben dir Leiden verursacht. Jetzt aber wollen wir dich wieder haben und dir danken. Komm!«

»Ich komme, es geht schon besser. Meine Kleider! Ah! das Volk ruft mich. Sie, Doktor, wollen mich krank; aber das Volk will mich gesund, und es ist stärker als Sie, ich bin gesund.«

Er umarmte den Freund, die Schwester und den Arzt.

»Ihr Gesicht ist schon weniger grau,« sagte der Doktor Capitani, »Ihre Augen haben schon Glanz. Ich lasse Sie also dem Volk, -- wenn Sie mir versprechen, daß Sie in Zukunft nehmen wollen, was ich Ihnen gebe.«

»Mehr als das! Ich nehme auch, was Sie mir nicht geben!« -- und der Advokat tätschelte ihm den Bauch, er küßte ihn schallend auf die breiten blonden Backen.

»Wie Sie sympathisch sind, Doktor! Ah! wie wir alle glücklich sind. Ich habe wohl gewußt, es werde so kommen. Nie habe ich den Glauben verloren an die Gerechtigkeit des Volkes.«

»Nicht diese Hose!« rief Polli. »Es ist ein großer Tag; der Advokat muß gekleidet sein, wie zu seiner Hochzeit.«

»Wo hast du die neue?« fragte die Witwe Pastecaldi. »Sieh doch Galileo: er hat sie gefunden.«

Galileo polterte:

»Wenn einer die Sachen des Advokaten kennt, bin ich es.«

Die Schwester band dem Advokaten die Krawatte. Mancafede äußerte:

»Als ich sie dir verkauft habe, wer uns da gesagt hätte, du würdest sie auf einem solchen Feste tragen. Denn wir haben alle besiegt. Don Taddeo hat uns um Gnade gebeten.«

»Es ist nicht wahr«, sagte der Apotheker. »Er hat uns alle zum Frieden ermahnt. Gott hat ihn vernünftig gemacht: so hat er nun eingesehen, Advokat, daß du ein Mann von großem Verdienst bist.«

»Und daß auch er einer ist,« sagte der Advokat, »das weiß ich seit heute nacht.«

Er ließ sich vom Doktor den Rock anziehen und griff nach dem Hut.

»Gehen wir! Artemisia, komm!«

Sie betastete ihr ländliches Mieder.

»Wie kann ich. Das Volk wird dich auslachen, wenn es mich bei dir sieht.«

Er antwortete:

»Sei ruhig, das Volk wird nicht verlangen, daß ich etwas anderes sei, als es selbst.«

»Der Advokat auf die Galeere?« sagte am Fenster aus ihrem weißen Mullkleid die junge Amelia, die Augen weit verdreht. Man mußte ihr einen Stoß geben.

Wie sie aus dem Hause traten, ging gerade ein Schuß los, und drunten schrie das Volk auf.

»Beim Bacchus«, sagte Polli. »Sie haben auch die Kanone aus dem Rathaus geholt.«

»Wenn sie nur kein Unglück anrichten«, sagte der Advokat. »Ich werde nachsehen müssen.«

»Eh!« machte der Apotheker, »glaubst du, es sei nichts Wichtigeres zu tun? Don Taddeo will dir den Schlüssel zum Eimer geben.«

Da der Advokat mit offenem Munde stehen blieb, äußerte Mancafede:

»Du siehst, daß er Furcht vor uns hat.«

Der Advokat erlangte Worte:

»Wie? Das Gericht hat ihm den Eimer zugesprochen, und er will --. Das ist ja ein Dummkopf!«

Sein Lachen brach ab, er ging weiter.

»Ich wollte sagen, daß ich das nicht getan haben würde. Man sieht, daß Don Taddeo eine erlesene Seele hat.«

Bis zur Ecke sprach er nicht mehr, -- und da öffnete drunten sich der Platz, summend und schwarz, und schon stürmten ausgestreckte Hände herauf, und Schreie knatterten:

»Da ist er! Da ist der Advokat! Es lebe der Advokat!«

Er hielt an auf dem letzten Absatz der Treppe; die Seinen zogen sich einige Stufen zurück; und in weitem Bogen senkte er den Hut vor dem Volk, das ihn begrüßte. Der Schatten des Rathauses fiel über ihn, über sein Gesicht, das er zurücklehnte, -- und dennoch sah man breite Sonne darauf. Ja, sie dehnte die Muskeln im Gesicht des Advokaten, verklärte die gegerbte Haut, machte alle Runzeln hüpfen und sandte weithin einen Schein aus.

»Nie hat man den Advokaten so gesehen«, riefen die Frauen. »Er ist schön!«

Die Männer sagten einander:

»Wir sollten den Advokaten wirklich ins Parlament schicken, damit sie in der Hauptstadt sehen, welch einen großen Mann wir haben.«

»Meine lieben Freunde«, sagte der Advokat erstickt und schüttelte Hände. Der Apotheker drang vor: »Platz, Ihr Herren!« und vom Dom her bahnte der Leutnant Cantinelli die Gasse. Wie der Advokat hineinging, sah er drüben einen andern sie betreten: Don Taddeo! Und über den Dom herab hing die päpstliche Fahne! Da fing auf dem Turm die Glocke an zu läuten, und sogleich dröhnte auf der andern Seite ein Schuß. Der Advokat fuhr herum: vom Rathaus flatterte die Trikolore. »Es lebe der Advokat!«

Sie ließen ihn nicht weiter, bevor nicht jede Hand geschüttelt war; und er, bleich vor Glück, erkannte kaum noch die Gesichter. Plötzlich:

»Camuzzi! Ah!«

Mit einem Blick auf die Trikolore:

»Mein lieber Freund Camuzzi!«

»Den Hymnus an Garibaldi!« schrie der Apotheker. Denn vor seinem Hause, hinter dem Wogen des Volkes blitzten die Musikinstrumente. Darüber schwenkte, auf einem Stuhl, der Gevatter Achille seine Fahne.

»Den Hymnus an Garibaldi!« wiederholte das Volk. Der Unterpräfekt, Herr Fiorio, konnte gerade noch dem Maestro in den Arm fallen. Er beschwor ihn um den Königsmarsch.

Der Marsch sprengte daher, man klatschte; der Advokat entriß sich dem Volk; er sah auf sich zu den großen rostigen Schlüssel kommen, den Don Taddeo mit beiden Händen vor sich hinhielt. Don Taddeo war bleich, als sei er tot; seine scharf roten Augen wichen nie von dem Advokaten. Wenn eine Frau sich nach seiner Soutane bückte, um sie zu küssen, tat er eine rasche Wendung, sonst aber hielt er, obwohl alle von ihm die Hände ließen, seine Schritte lange zurück, als wollte er diesen Gang verlängern, immer noch verlängern . . . Der Advokat streckte plötzlich beide Hände aus und begann zu eilen. Er hatte eine achtungsvolle Miene, und fast lief er. So trafen sie sich, noch ehe Don Taddeo beim Brunnen war. Er hielt den Schlüssel weiter von sich, der Advokat nahm ihn mit einem Kratzfuß. Dann zogen sie sich leise voneinander zurück. Das Volk wartete, verstummt. Der Advokat hüstelte, und Don Taddeo sah zu Boden. Auf einmal hatte er mit einem Lächeln die Augen aufgeschlagen und der Advokat die Arme ausgebreitet. Der Beifall des Volkes umstürmte sie, wie sie einander auf der Brust lagen. Am Dom klatschte die Fahne des Papstes, gelb und rot gleißend, in ihre schweren Falten. Der Gevatter Achille warf über dem Gewimmel sein weiß-rot-grünes Tuch rasend hin und her durch die blaue Luft. Pipistrelli zog nun beide Glocken, er ließ sie tanzen. Die Musik setzte sich in Bewegung, im Eilschritt blies sie ihr Stück, wie einen berauschenden Wind, um den Platz; -- und da ging zum drittenmal die Kanone los. Don Taddeo und der Advokat hielten sich an den Händen; »Es lebe der Advokat! Es lebe Don Taddeo!« -- und indes jeder sich nach seiner Seite verneigte, gaben in der Mitte ihre Hände sich manchmal einen Ruck, als leitete einer auf den andern den ganzen Beifall ab: gerade wie man es in der »Armen Tonietta« an der Primadonna und dem Tenor gesehen hatte.

»Es lebe Don Taddeo!«

Die Frauen brachen die Scheu, sie warfen sich über ihn, er bekam schallende Küsse auf die Wangen, stand da mit einem Fleck Röte unter den Augen und einem flüchtenden Lächeln.

»Es lebe der Advokat!«

»Meine lieben Freunde! Da ist der Schlüssel zum Eimer!« -- und er reckte sich hinauf. »Wir haben ihn zurück; jetzt werden wir den Komödianten den Eimer zeigen!«

»Wir werden den Komödianten den Eimer zeigen!« rief das Volk. Der Advokat drückte den Finger auf den Mund, er schielte nach Don Taddeo. Aber Don Taddeo erklärte hastig, mit Spreizen und Einziehen der Hand, die Komödianten sollten nur kommen, er wolle mitgehen.

»Wie, Reverendo?« -- und der Advokat lüftete mehrmals nacheinander den Hut.

»Welch Heiliger!« sagte das Volk, indes Gaddi und der Cavaliere Giordano herbeigeschoben wurden. Der Advokat stellte sie dem Priester vor.

»Der Cavaliere ist ein über den Erdkreis hin berühmter Mann, dem die Menschheit für hohe Dinge verpflichtet ist. Der Herr Gaddi aber hat heute nacht an der Spritze gearbeitet wie einer von uns. Sie freilich, Reverendo, der Sie mehr getan haben als alle --«

»Große Sünden«, sagte Don Taddeo rasch und preßte die Hand auf die Brust, »verlangen große Tugenden; und was ich erkannt habe, ist, daß unsere Verdienste eins sind mit unserer Schuld.«

»Ich bin Ihrer Meinung«, sagte der Advokat. »Wir werden immer nur tun können, was wir schulden, und das wenige Gute, das mir zu vollbringen erlaubt ist --«

Mit einem Bogen des Armes:

»-- das kommt mir vom Volk.«

* * * * *

Es ward geklatscht, -- und ein langer Schub beförderte die beiden samt ihren getragenen Mienen bis vor die Tür des Turmes. Keiner wollte vorangehen; sie drehten einander rundum und wurden drehend hineingestoßen. Die Menge quoll nach. Über die Stufen zum Dom schwemmte eine Welle Volkes. Ihr entstieg der Savezzo und drückte sich unbemerkt unter die Matratze. Er schlich durch die Vorhalle. Aus all den leeren Bänken dahinten erhob sich ein einziges, dämmerweißes Gesicht.

»Sie hier, Herr Savezzo?« fragte Frau Camuzzi.

»Da Sie mir ein Zeichen gegeben haben --.«

»Ich, ein Zeichen?«

Die Stimmen klappten von den Pfeilern zurück; Frau Camuzzi flüsterte:

»Sie irren sich . . . Aber Sie sind im Mantel, und Sie tragen ein Bündel?«