Part 26
»Verfolge die Sünder nicht! Wir sollen weder die Komödianten noch den Advokaten verfolgen, denn was sind wir selbst. Wenn die Stadt brennt, wo ist dann der, der nicht mitschuldig wäre, weil seine Sünden das Feuer herabriefen.«
Don Taddeo seufzte und schloß die Lider.
»Was sagt er? Was will er?« -- und bei den Männern in dem Raum zwischen den Bänken und den Pfeilern ward es unruhig.
»Man erstickt, und Don Taddeo spricht nur zu den Weibern.«
»Er sagt, wir sollen den Advokaten lieben«, erklärte der Schneider Coccola; und der Schlosser Fantapiè:
»Es fehlte nichts weiter.«
»Er sagt, wer den Advokaten haßt, ist mitschuldig an dem Brand beim Malandrini.«
»Man muß gestehen,« äußerte der Wirt von den >Verlobten<, »daß Malandrini bei der Partei des Advokaten ist. Sollte wirklich einer der Unseren --?«
»Du selbst, Gigoletti, wirst es getan haben, denn wer macht, nun der >Mond< abgebrannt ist, so gute Geschäfte wie du?«
»Alle, wenn man näher nachdenkt, alle sind verdächtig.«
»Es ist schrecklich.«
»Man hört nichts«, sagte hinten, unter dem Chor, der Herr Giocondi. »Spricht er von der >Gegenseitigen<?«
»An meinem Platz«, -- und Polli hißte sich auf die Fußspitzen, »sitzt die Frau des Schmiedes. Der Mittelstand nimmt uns die Kirchenbänke weg, dann soll er uns wenigstens die Logen lassen.«
»Ihr alle seid mitschuldig«, wiederholte Don Taddeo, wich gegen den Altar zurück und spreizte die Hände. Aber da traf er in ein Gesicht: mitten unter den kleinen Leuten zu seinen Füßen in ein Gesicht, das er kennen mußte und doch nicht kannte. Es hatte Augen, die forschten und forderten, still und fest. Umsonst versuchte er fortzusehen; diese Augen riefen ihn zurück, wie die einer vertrauten Heiligen, die viele Jahre lang über seinem Betstuhl gestanden hätte, alles von ihm wußte, ja, so sehr mit seiner Seele vermengt war, daß sie seine Schwester schien und tiefe Rechte an ihn hatte. Ihn schauderte, er sagte rasch:
»Nein! Sie haben keine Schuld. Was wissen sie? Einer nur war wissend genug, um zu sündigen.«
Er atmete, ohne es zu wollen, tief auf zwischen den Worten. In seiner Brust quoll es, als sollte sie springen.
»Denn einer nur liebte nicht die Menschen, liebte Gott im Geist, und das heißt, daß er den Geist zu seinem Gott machte, und durch den Geist, seinen Gott, stolz und einsam ward. Seine Strafe aber war, daß noch immer eins ihn an die Menschen band: das Niedrigste. Er hatte die Liebe verleugnet, da mußte er die Brunst leiden; mußte sich hassen, der vom Geist abgefallen war, und die Welt, die ihn verführt hatte; mußte auf sie und auf sich das Feuer herabrufen; mußte mit eigener Hand es entzünden . . .«
»Don Taddeo, man versteht ihn nicht, er muß sich sehr schlecht fühlen«, -- und Frau Salvatori beugte sich aus ihrer Bank zu Mama Paradisi hinüber. »Es ist kein Wunder, nachdem er sich für die Komödiantin geopfert hat.«
»Man sagt, daß er vom Altar aus predigt, weil er voll Brandwunden ist und nicht die Kraft hat, auf die Kanzel zu steigen.«
»Und dennoch will er die Komödianten, noch bevor sie fortziehen, zu Christen machen. Denn er spricht nur noch zu der Primadonna, -- als habe er uns alle vergessen.«
Die Blicke der Frauen hefteten sich, ergriffen, an den großen goldenen Haarknoten dort vorn, unter dem weißen, verbogenen Filzhut.
»Er spricht zu ihr! Wie er zu ihr spricht! Er hat die Tropfen auf der Stirn. Sie muß eine Frau von großem Verdienst sein. Ich werde niemals wieder glauben, daß eine Komödiantin keine anständige Frau sei. Welch Heiliger, Don Taddeo! Er lehrt uns die Menschen kennen und gerecht sein gegen sie. Wie er leidet um unserer Sünden willen! Seht seine Augen! Sie erlöschen . . .«
»Wie?« fragte Don Taddeo, vorgebeugt, vorwärts gezogen von jenen hellen unbeugsamen Augen. »Muß ich noch mehr sagen? Alles denn?«
Die Zähne schlugen ihm zusammen, er keuchte. Die Pipistrelli plapperte laut aus ihrem Gebetbuch. Die Frauen ringsum raunten miteinander. Don Taddeo griff sich an die Brust; er riß daran, er riß es heraus:
»Ja, ich bins, ich habe es getan.«
Da bewegten sich jene Lider, die nie gezuckt hatten. Jene schrecklichen und erlösenden Augen senkten sich. Don Taddeo griff um sich.
»Er schwankt! Er fällt! Wehe! Der Heilige stirbt.«
Alles sprang auf, ein heißer Stoß warf alle nach vorn. Bevor sie ihn erreicht hatten, rang Don Taddeo sich vom Altar empor. Das Chorhemd fiel zurück.
»Seht die Brandlöcher in seiner Soutane!«
Weinende Gesichter, betende Hände strebten zu ihm herauf. Er streckte über sie hin die Arme.
»Friede!« rief er auf einmal mit läutender Stimme. »Das Opfer ist gebracht, wir sollen Frieden haben. Laßt euren Zwist! Fragt nicht länger nach dem Brandstifter! Er hat gebeichtet, und er ist fort. Ihr habt ihn nicht gekannt. Beschuldigt niemand! Seine Tat gehört nicht ihm; wir selbst --« und Don Taddeo schlug sich, »haben sie begangen! Denn wir hatten nicht genug Liebe. Wir haßten uns, wir befeindeten uns; jeder hielt sich für den Gerechten, und dadurch wurden wir eine Stadt von Ungerechten, die brennen mußte. Ich klage mich an --«
Die Hand hinaufgereckt:
»-- des Bürgerkrieges, in den ich die Stadt gestürzt habe, des geistigen Stolzes, der mich verdarb, -- und ich will Buße tun. Holt den Advokaten, damit ich ihm den Schlüssel zum Eimer ausliefere. Er ist ein großer Bürger --«
Don Taddeo stockte, er schluckte hinunter, -- aber er breitete die Arme aus.
»-- den ich ungerecht habe leiden lassen.«
Aus dem dichten Volk um den Altar stiegen Hände, Stimmen setzten an:
»Aber! Reverendo!«
»-- den ich ungerecht habe leiden lassen!« rief Don Taddeo noch einmal, hoch und zitternd. »Niemand hat mehr für euch getan als er.«
»Ihr! Ihr!« antwortete es ihm.
Er reckte den Hals noch höher, als entflöhe er den Stimmen dort unten.
»Liebt euch! seid gütig! gütig!«
Da geschah ein Krach, als stürzte das Gewölbe ein. Es polterte, inmitten eines großen Aufschreies, durch das Schiff. Man sah Weiber rennen und am Boden einen Knäuel. Alles stob fort vom Hochaltar; -- und ein Kopf rollte herbei und blieb liegen vor Don Taddeo: der steinerne Kopf einer Frau.
Im weiten Halbkreis starrte das lautlose Gedränge. Da lag in seinen geflochtenen Weiberhaaren der Kopf und sah Don Taddeo an, der ihn ansah. Er war weiß wie der Kopf, und die Hände hielt er gespreizt. Plötzlich schlug er sie vors Gesicht und war fort. Kaum, daß im Vorhang hinter dem Altar noch eine Falte von ihm flatterte.
* * * * *
»Was ist geschehen? Das war der Teufel, rettet euch! . . . Nein nein! es kommt aus der Kapelle Cipolla. Es ist der Kopf der guten Fürstin Ginevra.«
Man lief hin. Die Buben hatten auf dem Grabmal der Fürstin gehockt. Um Don Taddeo zu sehen, waren sie ihr auf den Kopf geklettert, -- und welchen dünnen Hals die Ginevra hatte! Sie waren heruntergestürzt, als der Kopf abbrach, über Fania und Nanà, über die Mädchen aus der Via Tripoli, und mit ihnen allen gegen das Gitter der Kapelle, das zuschlug und einen Haufen Leute von den Stufen fegte. Da wälzten sich noch welche.
»Seht den Savezzo! Er hat den Schuh verloren und sucht ihn zwischen den Beinen der andern. Wie du komisch bist! Ja, dein Schuh hat ein Loch bekommen, es nützt nichts, daß du uns anbläst wie ein Kater.«
Die Frauen lachten. Der Savezzo hatte seinen Schuh wieder am Fuß und stampfte auf.
»Seht ihr nicht, daß das wieder eine Intrige des Advokaten ist? Er wollte mich umbringen lassen, weil ich ihn gestürzt habe.«
Die Männer sahen sich an. Der alte Seiler Fierabelli äußerte zögernd:
»Eh! der Advokat wird kein Mörder sein.«
»Man redet nicht mehr gegen den Advokaten«, sagte Frau Zampieri entschlossen. »Don Taddeo will es nicht.«
»Don Taddeo will es nicht«, wiederholten die Frauen.
»Was, Don Taddeo! Er ist krank, und er schwatzt.«
Sofort war der Savezzo umringt und hatte gekrümmte, scharfe Finger vor den Augen.
»Nichts gegen den Heiligen, oder du bist tot!«
»Frieden! Frieden!« rief der Seiler. »Da kommt Don Taddeo mit dem Kelch.«
Die Frauen drängten eilig in die Mitte.
»Wie er doch schön ist in seinem Meßgewand!«
Aber sie sahen, daß ihm das Haar herabgefallen war und spitz bis über die Nase lief. Das linke Auge war ganz klein, sein Gesicht schien schief. Sie flüsterten:
»Wie er sich zerwühlt hat! Er hat geweint um uns.«
Der Barbier Nonoggi bohrte sich drehend durch die Menge.
»Ich habe es euch von Anfang an gesagt, wie? daß der Advokat wieder obenauf kommen werde. Wer jetzt bei ihm in Gnade will«, -- und er schnitt dem Bäcker Crepalini eine Fratze »der wende sich an mich, seinen Freund.«
Da er des Schneiders Chiaralunzi habhaft ward:
»Rasch hinauf! Woran denkt Ihr denn? Der Maestro wartet nur noch auf Euch.«
»So wird er umsonst warten,« entgegnete der Schneider, »denn ich werde in seiner Messe nicht spielen.«
Der Barbier entsetzte sich. Der alte Zecchini griff ein.
»Tut es für mich, Chiaralunzi! Ich liebe die Musik, sie ist die Schwester des Weines.«
Alle redeten dem Schneider zu.
»Es handelt sich nicht um den Maestro, den Ihr haßt; es handelt sich um unser aller Erbauung, was Deixel.«
Die Frauen sagten:
»Es handelt sich um Don Taddeo. Wollt Ihr ihn beleidigen?«
Und sie schoben, indes vom Chor herab der Kapellmeister stumm und wild die Arme warf, den Schneider vor sich her in die Wendeltreppe. Sie hielten Wache, bis er droben war.
»Immer Ihr!«
Der Kapellmeister atmete regellos, er griff sich ans Herz.
»Ich sehe es voraus: Euretwegen wird meine Messe durchfallen. Aber dann --: ah! Wenn ich Euch vor mir habe, fühle ich, wessen ich fähig wäre.«
Der Lehrer Zampieri vor der Orgel sah in seinem Spiegel das Gesicht des Maestro zerrissen, Lohe in den blauen Augen, und wandte sich erstaunt um. Die Musiker ließen die Instrumente sinken. Der kleine alte Beamte Dotti sagte:
»Seien wir vernünftig, Maestro. Wir spielen zur Ehre Gottes.«
»Und meine Ehre?« fauchte der Kapellmeister. Die großen Schulmädchen im Chor stießen sich an und kicherten.
Der Schneider sagte kein Wort, aber er blies, wie er es probierte, so stark in sein Horn, daß alle auffuhren. Man lugte hinauf und lachte.
»Still doch, Don Taddeo betet, er bekennt seine Sünden . . . als ob er welche hätte, der heilige Mann.«
»Signora Eufemia, Eurem Kleinen ist das Chorhemd zu groß.« »Aber er schwingt den Weihrauchkessel geschickter als Eurer.«
»Woran hast du während des Sündenbekenntnisses gedacht, Scarpetta? Ich habe mich daran erinnert, daß der Advokat meinem Bruder den Schreiberposten in der Unterpräfektur verschafft hat.«
Der dicke alte Corvi brummte:
»Soll es die letzte gute Tat des Advokaten bleiben, daß er mir die Stelle bei der öffentlichen Wage gegeben hat?«
Der Schlosser Fantapiè schüttelte den Kopf.
»Man muß gestehen, daß wir seit vier Wochen nicht immer richtig gehandelt haben. Ich glaubte wahrhaftig, der Advokat habe das Feuer gelegt. Wußten es nicht alle, und war nicht der Advokat für die Freiheit und für die Komödianten? Aber wenn Don Taddeo sagt, daß es ein anderer ist und daß er ihn kennt --«
»Es wird der Engländer sein, denn er ist in aller Frühe abgereist.«
»Du redest Unsinn, Coccola: ein Engländer! Aber ein Landstreicher hat bei Malandrini im Hof gelegen, sagt man; er ist verschwunden.«
»Warum schickt nicht Cantinelli seine Leute auf die Suche! Was tut die Regierung! Bürgerkrieg und Feuer: ah! man kann sagen, daß wir in Not sind, dank unsern Sünden.«
Und da vorn rief Don Taddeo die Hilfe Gottes an. Dreimal rief er um Hilfe gegen das Elend der Unwissenheit. »Ich habe dich nicht gekannt, o Herr, da ich die Liebe nicht kannte; und ach, wie jene, die seufzen, mich bei dir anklagen, weil ich dich ihnen nicht offenbarte!« . . . Dreimal rief er um Hilfe gegen das Elend der Schuld. Dreimal rief er um Hilfe gegen das Elend der Strafe, -- rief langgezogen, nasal und zitternd; und sein letzter Ton irrte noch, ein armer, suchender Mißklang, durch das Aufbrausen der Orgel hin, das wie der stöhnende Atem von Tausenden war. Chorgesang brach aus gleich einem großen Weinen, und alle Instrumente hoben leidenschaftlich zu klagen an.
»Das ist das Kyrie. Hört Ihr mich, Signora Eufemia? Ach, ach, ich will Euch nur bekennen, daß Euer Carluccio hübscher ist als mein Lino. Darum sagte ich, ihm sei das Chorhemd zu groß.«
»Ach, ach«, ging es durch die Bänke. Das Volk in den Kapellen erbebte.
Don Taddeo aber brachte alle Laute des menschlichen Elends zum Schweigen. Seine Stimme erhob sich, in einsamer Tapferkeit:
»Gloria in excelsis!«
Und es antwortete ihm der Chor:
»Gloria in excelsis!«
Der Strich der Violinen errichtete Staffeln nach oben, die Hörner stürmten feierlich. Wie der Wind schwang sich die Orgel auf.
Als es wieder still war, bekreuzte sich der Schlosser Fantapiè.
»Mir scheint, daß Gott will, wir sollen den Advokaten zurückholen.«
»Ich sage nicht nein,« antwortete der Krämer Serafini, »aber wird Crepalini wollen?«
Denn der Bäcker wühlte umher.
»Eh! Coccola, eh! Malagodi, scheint es euch so leicht, den öffentlichen Feind zurückzurufen? Don Taddeo: ah! Don Taddeo mag reden; er ist nicht in den Geschäften. Wir aber; der Advokat wird sich an uns rächen! Dir, Scarpetta, entzieht er die Arbeiten im Rathaus, und mir, wer weiß, erneuert er nicht das Monopol.«
»Welch Glück für alle!« riefen die jungen Leute mit bunten Halstüchern; -- und der Bäcker, kirschrot bis in die Augen, kollerte vergeblich gegen das Volk an, das sich beglückwünschte.
Der Herr Giocondi wagte sich hervor:
»Seitdem der Advokat nichts mehr zu sagen hat, ist Euer Brot noch viel kleiner geworden, Crepalini. Wenn Ihr an der Macht wäret, müßten wir alle verhungern; --« und der Herr Giocondi blinzelte dem Volk zu, das ihm recht gab. Er kehrte, den Bauch heraus, zu den Herren unter dem Chor zurück.
»Mut!« sagte er. »Ich haue euch alle heraus, und ich rette den Advokaten. Seit ich mit Don Taddeo gesprochen habe, geht alles gut. Die Tätigkeit eines Versicherungsinspektors ist die beste Schule für Diplomaten.«
Der Savezzo war da und sagte zwischen den Zähnen:
»Und die Herren glauben, der Advokat werde nicht erfahren, daß Sie alle von ihm abgefallen waren? Er wird es erfahren, ich schwöre es Ihnen.«
»Nicht antworten!« raunte der Herr Giocondi dem Apotheker zu, der schon losfuhr. »Man muß vorsichtig sein in unserer verwickelten Lage.«
Und alle zogen sich zurück von dem Savezzo. Er hörte ein Hüsteln und fand sich neben der Bank, worin Frau Camuzzi kniete. Der Spitzenschleier stand weit um ihren Kopf; niemand konnte sie sprechen sehen.
»Unsere Sachen gehen schlecht, wie es scheint . . . Blicken Sie auf Don Taddeo! Er betet um unsere Würdigung; beten auch wir.«
Sie neigte sich tiefer; sie fingerte sanft am Rosenkranz. Er knirschte.
»Man kann es nicht leugnen. Der Tenor ist mir entkommen, und der Advokat, den ich getötet habe, kehrt zurück, wie ein Gespenst.«
Sie blieb lange stumm; sie hob und neigte den Kopf, wie die Betenden. Dann, flüsternd:
»Knien Sie hin!«
Und als sein Ohr ganz nahe war:
»Um den Tenor bekümmere ich mich: er mag ruhig sein. Er glaubt, er solle heute abend eine große Sünde begehen und ein Mädchen entführen, das dem Herrn bestimmt ist. Ich aber werde ihn hindern, zu sündigen, und werde Alba retten. Lassen Sie mich beten!«
Nach einer Weile, mit Aufseufzen:
»Ich fühle, daß der heilige Agapitus mich hört. Wissen Sie nicht, daß er schon einmal eine Jungfrau, die einem Verführer in die Hände gefallen war, rettete, indem er durch sein Gebet dem Verführer jede Fähigkeit nahm, einer Frau gefährlich zu werden?«
Da sie den Savezzo schnauben hörte:
»Hätten Sie doch den Glauben! Dann hätten Sie auch den Erfolg . . . Den Advokaten lasse ich Ihnen. Sie haben nicht versucht, Don Taddeo umzustimmen? Es wäre auch unnötig. Er ist krank, -- und die Leute verehren ihn als Heiligen, das macht ihn noch schwächer. Sie müssen ihn aufgeben und sich an den Advokaten halten.«
»An wen?«
»An den Advokaten. Sogleich müssen Sie zu ihm gehen, denn sonst kommen andere Ihnen zuvor, -- und sich ihm anbieten. Sie sagen ihm, jetzt, da er Ihre Kraft kennt, wollen Sie sie nicht mehr gegen ihn gebrauchen. Sie machen sich anheischig, ihm Ihre Partei zuzuführen und gemeinsam mit ihm zu herrschen.«
»Niemals«, sagte der Savezzo ganz laut. Sie ließ Zeit verstreichen. Dann:
»Er wird zu glücklich sein, sich an Ihrer Hand halten zu können; und da Sie den Frieden zurückbringen, werden alle Sie gut empfangen. Dann ist Zeit gewonnen, etwas Neues anzuzetteln, das uns endgültig von dem Advokaten befreit.«
Sie neigte sich tiefer.
»Libera nos a malo!«
»Niemals!« wiederholte er. »Ich hasse ihn zu sehr. Zu lange mußte ich heucheln. Für einen von uns hat die Stadt nur Raum. Kehrt er zurück, dann habe ich verspielt . . . Aber er wird nicht zurückkehren. Ich werde dem Volk verbieten, ihn zurückzurufen. Ich werde Gewalt brauchen, ich werde --«
»Still da!« -- und Frau Camuzzi wandte sich zur Frau Acquistapace. »Finden Sie nicht, man sollte nicht sprechen, während Don Taddeo betet?«
* * * * *
Don Taddeo verneigte sich und faltete die Hände, ergeben wie der, für den er handelte, dessen irdisches Leben seine Gesten zurückbannten. Er ging von der linken Seite des Altars auf die rechte. »Sein Wandel war noch schwerer«, dachte er; und wie aus den Kesseln der kleinen Nonoggi und Coccola der Weihrauch um ihn her dampfte: »Aber seine Werke duften. Seine duften.«
»Es ist höchste Zeit«, -- und der Savezzo packte den Schlosser Fantapiè und den Schuster Malagodi am Arm. »Don Taddeo liest die Epistel, jetzt heißt es wählen. Wollt ihr die Macht nehmen oder den Tyrannen zurückrufen?«
»Eh! auch das kleine Volk ist noch da«, sagte der Schuster.
»Und Don Taddeo«, setzte Fantapiè hinzu. Druso, Scarpetta, die beiden Serafini, alle sagten dasselbe.
»Ohne Don Taddeo gibt es keine Partei des Mittelstandes; denn wie bekommen wir ohne ihn das Volk?«
Der Unterpräfekt Herr Fiorio stand in der Nähe, der Savezzo tat einen Schritt auf ihn zu. Sofort verschwand er hinter dem Pfeiler, -- und der Savezzo spürte eine Kälte auf dem Scheitel: geradeso hatte der Unterpräfekt -- wie viele Stunden wars her? -- den Advokaten fallen gelassen!
Jeder, nach dessen Hand er griff, steckte sie in die Tasche. Sie zuckten die Achseln.
»Fragt das Volk, ob es Euch will, statt des Advokaten. Fragt das Volk.«
Der Savezzo stieß, die Stirn nach vorn, in die Kapelle Torroni, über deren Stufen es, mit starkem Zwiebelatem, herausquoll. Es stand in Pyramiden bis auf den Altar; es kniete, die Beine durcheinander; es trug Kinder auf den Schultern; und in den verschränkten Händen eines jungen Mannes stand ein Mädchen, für das am Boden kein Platz mehr war.
»Da bin ich! Da ist der, der euch befreit hat!« -- und der Savezzo wollte die Arme schwingen; die aber, die er damit getroffen hatte, schlugen sie ihm herunter. Statt der Arme rollte er die Augen.
»Der Advokat ist gestürzt! Jetzt sollt ihr die Freiheit kennen lernen!«
»Laßt uns in Ruhe! Siehst du nicht, daß du uns trittst?«
»Ich bin kein Herr, ich bin einer von euch: da seht!« -- und er hüpfte auf einem Fuß, um den andern aus der Enge herauszuziehen. »Meine Schuhe sind durchlöchert. Und hier!«
Er hielt ihnen seine plumpen Finger hin mit den abgerissenen Nägeln. Sie antworteten:
»Schon recht, die Schuhe und die Hände. Aber dein Gesicht gefällt uns nicht.«
Der Mann, der das Mädchen trug, sagte:
»Du denkst zu viel an dich selbst, um die Freiheit zu lieben.«
»Don Taddeo will dich nicht, er will den Advokaten«, rief eine Frau; und eine andere:
»Der Advokat ist lustiger als du, er liebt die Frauen und das Volk.«
Auf dem Altar hielt ein junger Mann in buntem Halstuch die Arme gekreuzt, um Raum zu sparen für seine Nachbarn. Von dort oben sah er dem Savezzo in die Augen.
»Der Advokat liebt die Freiheit, das fühlt man. Ihr, Herr Savezzo, wollt bewundert werden; und wenn Ihr den Advokaten damit besiegen könntet, würdet Ihr vom Gipfel des Glockenturmes bis hinüber zum Rathaus auf einem Seil gehen.«
Alle murmelten Beifall. Aus einem großen Zahntuch sagte jemand:
»Der Advokat ist ein großer Mann.«
Dort in der Ecke versuchte sogar einer zu klatschen. Der Kapellmeister, droben im Chor, hörte es.
»Ach ja, ich weiß wohl, daß das schön ist«, -- und er dirigierte ganz leise, den Kopf auf die Schulter gelegt, mit einem verkniffenen Lächeln.
»Und es ist so schön, dieses Graduale, weil ich es in jener Nacht erfunden habe, als Flora Garlinda so böse war und mich so unglücklich machte. Wie gut, daß ich jene schlimme Nacht gehabt habe! Damals zeigte sich, daß alles, was ich um sie gelitten hatte, in diesen >Fortschritt des geistlichen Lebens< paßte; und als er fertig war, da war ich sicher, ich hätte sie gewonnen, und vor Freude machte ich sogleich mein Halleluja.«
Den Taktstock in der Schwebe, sah er nach Don Taddeo aus. Das Herz ging ihm auf einmal heftig. »Mein Halleluja! Jetzt kommt es! Nur diese Minute noch leben!« Und der Stock zitterte.
»Halleluja!« sang Don Taddeo.
Der Kapellmeister sah fliegend noch einmal alle an. Wie er langsam die Hand senkte, ergriff ein Lächeln fiebriger Seligkeit ihn unwiderstehlich . . . Da zuckte er auf. »Das Tenorhorn! Ich wußte es.« Er war plötzlich weiß, wie der Pfeiler hinter ihm, hatte wirre Augen und streckte den Hals lang aus.
»Falsch eingesetzt, Chiaralunzi! Versteht sich, Ihr müßt falsch einsetzen.«
»Er tut es mit Absicht, um Euch den Erfolg zu verderben«, zischelte der Barbier Nonoggi über seine Klarinette hinweg, während der Schneider, dunkelrot, das Horn von sich stieß.
»Wie? Ihr wagt mittendrin aufzuhören? Ich tue Euch unrecht? Dann also« -- und der Kapellmeister sprang, die Arme erhoben, vom Podium, »nehmt doch Ihr den Stock, Ihr werdet es besser machen, Ihr kennt meine Musik besser als ich.«
Einer nach dem andern senkte sein Instrument, der Chorgesang versiegte. Die Orgel allein führte das Halleluja zu Ende, und nur noch Nina Zampieri ließ ein paar Harfentöne hineinfallen, wie Tropfen in ein Gewitter. Der Schneider hatte seinen Stuhl umgeworfen; sie standen sich gegenüber. Dem Kapellmeister quollen die Augen hervor, sein Gesicht lief blau an. Er griff sich an den Hals. Ganz heiser:
»Ihr glaubt, Ihr versteht etwas von Musik, weil Eure Frau mit einem Tenor schläft.«
Schon waren alle auf den Beinen. Blandini, Allebardi und der junge Mandolini waren noch nicht genug, um den Schneider zu halten. Der schöne Alfò hängte sich um seine Schenkel, -- indes Nonoggi und der kleine alte Beamte Dotti in die Wendeltreppe flüchteten. Der Chor drängte gegen die Wände. Jemand rief: »Hilfe!«
»Was trampelt ihr dort oben?« fragte man hinauf. »Was gibts?«
Der Lehrer Zampieri lehnte sich hinüber.
»Dem Maestro ist nicht wohl. Es ist ein so schwieriges Werk, und er hat es selbst geschrieben.«
»Man muß jetzt still sein; Pipistrelli ist schon dabei, die Kerzen anzuzünden.«
Don Taddeo ging zurück auf die linke Seite des Hochaltars. »Wie er gebückt geht!« bemerkte Mama Paradisi; Frau Zampieri setzte hinzu:
»Man würde glauben, er steige einen Berg hinauf.«
Und auf den Stufen der Kapelle Cipolla, hingekniet im Gewühl, mit Augen übergroß und voll Kerzenschein, drückten die Mägde Fania und Nanà die kleinen schwarzen Hände vor die Brust.
»Siehst du das Kreuz? Er trägt das Kreuz. Er trägt für uns das Kreuz.«
Nun brannten alle Kerzen und vermischten auf dem goldenen Grund der Apsis ihre Flammen zum Geflirr. Die Kessel der kleinen Druso und Coccola schwangen höher, dichter ballte sich der Weihrauch, woraus die Stimme des Evangeliums erklang.
Blandini, Allebardi und der junge Mandolini schoben den Schneider hinunter. Er keuchte nach seiner Frau; aber sie saß dahinten im Haufen, er mußte in der Vorhalle bleiben. Man hörte noch seine ungleichen Schritte hin und her, man riet, was er habe, -- da stieg eine Melodie wie aus einer einzigen befreiten Brust, schwungvoll und voll Zuversicht.
»Das Kredo! Aber das ist glänzend!«
»Es ist aus der >Armen Tonietta<«, behauptete Polli.
»Sieh nur den jungen Mann, ich hätte es ihm nicht zugetraut.« Und da das Stück aus war, unterdrückt, mit Hälserecken: