Die kleine Stadt: Roman

Part 25

Chapter 253,808 wordsPublic domain

»Die Freunde, verführt und mitgerissen durch mich, leiden nun Furcht und hassen mich dafür. Bemerken Sie, Camuzzi, den seltsamen Fall, daß ich nur noch mit Ihnen sprechen kann, der Sie immer mein Gegner waren. Sie haben Mut!«

»Pöh!« machte der Sekretär. »Da ich an das öffentliche Leben nicht glaube, wird es mir nicht schwer, zu tun, was mir beliebt. Indessen --«

Der Sekretär befestigte vor seinen halb geschlossenen Augen den Klemmer.

»-- wäre dies nicht der Augenblick für Sie, sich zu fragen, wozu Sie soviel gewollt, sich abgearbeitet und gehandelt haben? Was bleibt davon, nun Sie im Dunkel des Privatlebens verschwinden sollen?«

Und er wollte, befriedigt durch seine Frage, weitergehen. Aber der Advokat verharrte noch auf der Mitte des Platzes; er nahm den Hut ab, und um den Platz, der tobte und schwieg, sandte er einen gefaßten Blick.

»Was bleibt?« antwortete er. »Ich will nicht von den Werken sprechen, die vielleicht bleiben. Aber es bleibt die Liebe. Andere, die mich kannten, werden die Stadt lieben, wie ich sie geliebt habe. Und schließlich ist es für einen Mann wie für ein Volk ehrenvoller, das Gute zu wollen und auf halbem Weg unterzugehn, als immer weiter zu leben, ohne Schuld, weil ohne Tat.«

Sie umschritten den Brunnen; die Tauben flogen auf.

»Sie fliegen auf und setzen sich wieder«, sagte der Sekretär. »Das ist der menschliche Fortschritt. Die Stunde, als sie mit mir zusammen die Dampfspritze ablehnten, jene Stunde, Advokat, war Ihre weiseste.«

»Ah! ich verwahre mich. Nicht aus denselben Gründen haben wir sie abgelehnt. Ihnen, Herr Camuzzi, kam schon eine Dampfspritze zu schnell und zu neu, ich aber war ihr voraus, voraus . . .«

»Gleichviel.«

»Gleichviel«, wiederholte der Advokat und streckte die Hand hin. »Wir sind uns wenigstens einmal begegnet, -- als wir denselben Fehler machten. Lassen Sie uns Freunde sein!«

Er stieg, schleppenden Schrittes, in die Treppengasse hinein. Der Gemeindesekretär wandte sich nach dem Café »zum Fortschritt.« Von der anderen Seite kam die alte Ermenegilda aus dem Pfarrhause. Eine Strecke vom Tisch der Herren blieb sie stehen.

»Ich grüße die Dame«, rief der Gevatter Achille. »Wünscht Don Taddeo etwas Stärkendes? Und wie geht es dem heiligen Mann?«

»Ja, wie geht es ihm?« fragten die Herren. Ihr taubes Gesicht bewegte sich nicht unter der Haube; sie sagte:

»Ist der Herr Giocondi da?«

»Was gibts?« fragte der Herr Giocondi. Sie sah ihn sich mit ihren still durchdringenden Augen an.

»Kommen Sie mit mir, Herr«, sagte sie. »Der Reverendo will Sie sprechen.«

»Wie?« -- und der Herr Giocondi setzte sich die Finger auf die Brust. »Irrt Ihr Euch nicht? Ich bin der Herr Giocondi.«

»Sie suche ich. Der Reverendo hat etwas für Sie. Das sind seine Sachen.«

Der Herr Giocondi ließ die Backen hängen, als habe er etwas ausgefressen, und sah von einem zum andern. Sie zuckten stumm die Achseln. Darauf gab er sich einen Ruck.

»Nun also. Es ist nur, wenn man so viele Jahre nicht in der Beichte war . . .«

»Meinen Respekt dem Reverendo, wissen Sie«, sagte ihm der Gevatter Achille noch, und die andern riefen ihm nach:

»Auch den meinen, weißt du.«

Darauf räusperten sie sich und rückten mit den Gläsern. Der Leutnant Cantinelli wagte zu sagen:

»Eine sonderbare Geschichte;« -- und der Kaufmann Mancafede, wispernd:

»Was mag er wollen?«

»Eh!« machte Polli, aber er hustete rasch. Der Gemeindesekretär wischte seinen Klemmer ab, er vermutete gelassen:

»Er wird wissen wollen, wieviel der Malandrini von der Versicherungsgesellschaft bekommen wird. Die Priester sind neugierig, wie man weiß.«

Die andern schwiegen vor Schrecken. Drüben hatte sich der Lärm gelegt; die Hände in den Taschen, kam der Savezzo herüber.

»Was gibts?« fragte er, ohne an den Hut zu greifen. Die Herren Salvatori und Polli rückten sofort auseinander und zogen einen Stuhl zwischen sich.

»Auch wir fragen uns umsonst, Herr Savezzo. Was hat Don Taddeo mit dem Giocondi zu tun?«

»Ein Heiliger mit einem Versicherungsinspektor!«

»Die Sache ist einfach«, erklärte der Savezzo, faßte den Stuhl und stieß ihn auf das Pflaster. »Don Taddeo will sein Leben versichern, denn er hat gesehen, wessen der Advokat fähig ist.«

Die Herren nickten starr; nur Camuzzi wiegte den Kopf, -- indes der Apotheker nicht aufsah. Der Gevatter Achille rollte die Zunge im Munde.

»Dahin also wäre es mit dem Advokaten gekommen?«

»Der Advokat!« und der Herr Salvatori lachte bitter auf. »Wissen Sie, daß er meinen Arbeitern eine Lohnerhöhung versprochen hat, wenn sie für die Freiheit wären?«

»Bezahlen Sie also die Freiheit!« sagte der Savezzo. Der Kaufmann Mancafede wimmerte:

»Ihre Partei kauft nicht mehr bei mir, ich sehe keine Bauern kommen, ich bin ruiniert, und doch habe ich nie etwas mit dem Advokaten zu tun gehabt.«

»So wenig wie ich«, behauptete der Gevatter Achille. »Der Advokat hat uns alle ruiniert. Sie, Herr Savezzo, sind ein anderer Mann, Sie haben dem Freund Giovaccone zu einer Teufelskundschaft verholfen.«

Der Leutnant Cantinelli sagte:

»Niemand sollte, wie der Advokat, die Parteien zum Bürgerkriege antreiben. Uns Soldaten kann der Bürgerkrieg, so oder so, unsere Stellung kosten; in Mailand sind die Carabinieri ins Gefängnis gesetzt; -- und ich habe eine Frau.«

»Der Advokat wird sie trösten«, sagte der Savezzo.

Polli schlug plötzlich zwischen die Gläser. Sein Hals schwoll an, und er schrie erstickt:

»Jetzt habe ich eine Schwiegertochter! Und was für eine!«

»Und Sie verdanken sie der Politik des Advokaten«, sagte der Savezzo.

»Die Komödianten packen ihre Koffer und hüten sich hervorzukommen; sie wissen wohl, daß ich ihnen die Köpfe einschlagen würde. Aber statt ihrer werde ich den Advokaten durchprügeln! Ich werde ihn zwingen, die große Gelbe selbst zu heiraten!«

Camuzzi bemerkte trocken:

»Es war einfacher für Sie, heute nacht in ihrem Bett zu bleiben; dann würden Sie noch immer keine Schwiegertochter haben. Überhaupt, wenn die Herren ruhig geschlafen hätten wie ich --«

»Was denn!« murrte der Herr Salvatori. »Man kann nicht schlafen, wenn in der Stadt ein Räuber umgeht, der den Arbeitern mehr Lohn verspricht. Als heute nacht die Feuerglocke zu läuten anfing, -- fragen Sie nur meine Frau, ob nicht mein erstes Wort war: was wird der Advokat wieder angerichtet haben.«

»So ist es!« und alle riefen durcheinander. »Wir sind in den Händen eines Räubers.«

»Wer rettet uns!« wimmerte Mancafede.

»Wir sind schon gerettet«, sagte der Leutnant und verbeugte sich gegen den Savezzo. Der alte Acquistapace richtete sich unversehens auf, er holte unter dem Tisch die geballte Faust hervor. Aber als alle ihm auf den Mund sahen, schloß er ihn wieder und senkte den Kopf. Nur der Gemeindesekretär neben ihm verstand, was er murmelte.

»Zwei Söhne auf der Universität . . . Die Zeiten sind vorbei . . . Man muß leben . . .«

»Es ist eine Tatsache, Herr Savezzo,« äußerte der Gevatter Achille, »daß Sie der einzige sind, der uns retten kann.«

Angstvolles Schweigen; -- aber der Savezzo stemmte die Fäuste auf die Schenkel und ließ sich Zeit.

»Ihr habt den Zorn des Volkes verdient. Ihr habt dem Advokaten die Stange gehalten, dafür müßt ihr nun büßen, in der Politik und in den Geschäften. Adieu, ich gehe dem Volk zu sagen, daß ihr euren Untergang vorauswißt und ihn fürchtet.«

Er stand auf, aber die Herren Salvatori und Polli legten sich auf seine Arme.

»Ein Wort, Savezzo! Verständigen wir uns! Was kostet es Sie, ein Wort anzuhören. Der Advokat hat uns betrogen, er hat uns gedroht, durch Schrecken hat er uns gezwungen, das Geld des Volkes zu verschwenden und mit Don Taddeo und dem Mittelstand in Krieg zu leben.«

»Wie oft«, -- und der Leutnant legte die Hand aufs Herz, »haben wir untereinander dem Advokaten geflucht!«

»Wäre nicht der Advokat gewesen,« rief der Gevatter Achille, »niemand hätte uns gehindert, die öffentliche Sache in Ihre Hand zu legen, Herr Savezzo.«

Und alle durcheinander:

»Wer hat gegen Sie intrigiert? Wer hat Ihnen den Advokatentitel genommen und Sie bei den Gemeindewahlen von der Liste gestrichen? Etwa ich? Etwa ich? . . . Aber ich bin es, der Sie auf die Liste setzen wird . . . Ich vielmehr, ich, denn ich habe im stillen die Sympathien des Advokaten untergraben . . . Hören Sie mich, ich habe mehr getan!« -- und der Kaufmann Mancafede zeigte, über den Tisch gereckt, seine blanken, flehenden Augen. »Ich bin heimlich beim Bürgermeister gewesen. Ich habe ihn gebeten, er solle Sie in den Gemeinderat bringen, er solle, wenn denn sein Alter ihn zum Rücktritt nötige, nicht den Advokaten zu seinem Nachfolger machen, sondern den Herrn Savezzo, unsern großen Mann.«

»Unsern Staatsmann, den Retter der Stadt!« rief der Herr Salvatori und schwang anfeuernd den Arm.

»Einen Künstler,« setzte der Gevatter Achille hinzu, »der so gut auf dem Bleistift bläst!«

»Ah!« machten alle, -- indes der Savezzo dastand und heftig auf seine Nase schielte.

»Was verlangen Sie?« fragte der Herr Salvatori. »Wir sind bereit, den Advokaten zu opfern;« -- und Polli bestätigte es.

»Beim Bacchus, hat nicht etwa er auch uns geopfert?«

»Wir liefern ihn aus!« schrie Mancafede in der Fistel. »Ich bin der erste gewesen, der es verlangt hat. Wir schicken ihn, wie das Volk es will, auf die Galeere!«

»Das ist nur gerecht, wenn er das Haus des Malandrini angesteckt hat«, meinte der Gevatter Achille. »Nur müssen wir Zeugen haben.«

»Eure Sache, sie zu finden«, ließ der Savezzo vernehmen. »Beseitigt den Advokaten, und ich will an euch Gnade üben.«

»Wir haben Zeugen, so viele wir wollen«, riefen sie; der Kaufmann packte sich vorn an seiner wolligen Jacke und schüttelte sich.

»Ich! Ich habe es gesehen. Und meine Tochter: sie, die, wie die ganze Stadt weiß, alles sieht und hört, meine Tochter sagt, es ist der Advokat.«

Camuzzi drückte ihn an den Schultern auf seinen Stuhl.

»Ihnen wird es sogleich sehr schlecht werden, das ist leicht vorauszusehen. Auch Ihre Tochter sollte ihre Diät ändern, dann würde ihr vielleicht manches vergehen.«

Sogleich fuhren alle gegen ihn los.

»Wie? Sie, Camuzzi, wollen die Evangelina leugnen?«

»Noch niemand«, -- und der Kaufmann schnellte den Finger gegen den Sekretär, »hat es je gewagt, auch Sie nicht; und es wird Ihnen Unglück bringen!«

Camuzzi hielt still und blinzelte nur; um ihn her stürmte es.

»Sie werden sehen, ob wir den Advokaten seinem Verderben preisgeben! Wer sein Freund ist und nicht der des Herrn Savezzo, muß fallen. Hüten Sie sich, Herr Camuzzi!«

Der Gemeindesekretär wehrte ab.

»Von alledem wird nichts geschehen. Geht, ich kenne die Stadt; und ich glaube nicht, daß irgend etwas geschieht.«

Da rief in den Lärm der Gevatter Achille:

»Der Herr Giocondi! Seht ihr nicht, daß er wieder da ist?«

Alle fuhren herum, jeder mit seiner halb hinausgeworfenen Geste. Da der Herr Giocondi mit umständlichem Ächzen Platz nahm:

»Nun, was sagt Don Taddeo?«

»Soll ich den Advokaten sogleich verhaften?« fragte der Leutnant.

»Keine Scherze, Giocondi! Was gibts?«

»Nichts«, sagte der Herr Giocondi, bewegte flüchtig eine Schulter und sah weg. »Nichts. Er ist verrückt geworden.«

»Wie? Von wem sprichst du?«

»Ich spreche von Don Taddeo. Er ist verrückt geworden, er will meiner Gesellschaft den Schaden des Malandrini bezahlen.«

Alle setzten sich, stumm, nur der Savezzo nicht. Nach einer Weile sagte Polli und zog die Stirn in Falten:

»Versteht sich, er ist ein Heiliger.«

Der Herr Giocondi fuhr fort:

»Er sagt, er sei an allem schuld . . . Nun ja, was wollt ihr von mir, ich wiederhole, was ich gehört habe. Der Advokat sei unschuldig, sagt Don Taddeo, und er will zahlen.«

Ein wilder Schrei des Jubels: und der Apotheker Acquistapace tanzte auf seinem Holzbein um den Tisch.

»Er wird nicht zahlen«, meinte zögernd der Herr Salvatori.

»Wenn er mir doch die Papiere schon in die Hand schieben wollte. Ich hatte Mühe, ihm begreiflich zu machen, daß zuerst die Gesellschaft sich entscheiden müsse, ob und unter welcher Form sie seine zwanzigtausend Lire annehmen will. Denn das ist alles, was er hat.«

Der Savezzo tat, die Arme verschränkt, einen Schritt gegen den Herrn Giocondi:

»Was Sie sagen, ist nicht wahr! Sie wollen das Volk betrügen! Hierher!« rief er über den Platz, »da ist ein Spion des Advokaten!«

Der Barbier Nonoggi lief schon herbei. Dahinten setzte das ganze Café »zum heiligen Agapitus« sich in Bewegung. Aber der Herr Giocondi polterte, rot vor Entrüstung:

»Ich ein Spion? Ein Inspektor der >Gegenseitigen< bin ich, und wenn mir jemand anbietet, er wolle für die Gesellschaft zahlen, dann weiß ich, was ich zu tun habe.«

»Er weiß, was er zu tun hat!« brüllte der Apotheker, »und der Advokat bleibt ein großer Mann!«

»Und warum will er zahlen?« fragte der Barbier. Der Bäcker Crepalini, an der Spitze des murrenden Haufens, wiederholte gebieterisch:

»Und warum will er zahlen?«

»Ah das --« und der Herr Giocondi zog Brauen, Schultern und Arme hoch, »das ist ein anderes Paar Ärmel. Er stand vom Betstuhl auf, wie ich kam, und kaum daß er sich auf den Beinen hielt. Wird Besuch gehabt haben von den anderen Heiligen. Wie soll ich das wissen, ich bin ein Inspektor der >Gegenseitigen<.«

»Er hat nicht gesagt, daß der Advokat unschuldig ist!«

Der Savezzo hielt dem kleinen Alten die beiden Fäuste vors Gesicht. Der Herr Giocondi schob sie weg.

»Er hat sogar gesagt, er selbst sei sündhafter als der Advokat. Die ganze Stadt sei sündhaft, er aber am meisten. Und er will keinen Bürgerkrieg mehr, sondern lieber zwanzigtausend Lire zahlen. Übrigens wird er euch sogleich in seiner Predigt alles selbst erklären, also laßt mich und geht zum Teufel! . . . Zum Teufel!« schnob er den Männern zu, die ihn bedrängten.

»Don Taddeo soll bezahlen, und der Advokat soll die Macht behalten!« riefen sie, einander über die Köpfe weg, auf den Platz hinaus, der sich füllte.

»Wir sind verraten!« keifte der Bäcker; und ein Gemurmel des Schreckens griff um sich.

»Don Taddeo soll hunderttausend Lire bezahlen, weil wir den Advokaten nicht mehr wollten . . . Was denn, Don Taddeo: wir alle sollen zahlen. Der Advokat wird uns aus Rache aushungern.«

»Wo ist Don Taddeo?« kreischte in der Mitte des Gedränges eine Frau auf. »Sie halten ihn gefangen!«

»Das ist ein wenig stark,« sagten die Männer, daß es an den Mauern hinrollte. Beim Turm stieg eine Stimme auf:

»Der Advokat ist in der Unterpräfektur; man hat ihn gesehen!«

Und drüben beim Rathaus eine andere:

»Die Regierung steckt mit ihm zusammen; sie haben telegraphiert, und sogleich wird ein Regiment Soldaten hier sein.«

»Wir sind verloren!«

»Was, verloren! Auf, nach der Unterpräfektur!«

»Nein, zu Don Taddeo, ihn befreien!«

Die Menge stieß sich hin und her. Durch sie hindurch brach, die Stirn vorgestreckt, der Savezzo.

»Lügen!« brüllte er rauh und unförmlich. »Alles Lügen! Ich hole euch den Don Taddeo, damit ihr die Wahrheit hört. Auf die Galeere der Advokat! Oder ich selbst auf die Galeere!«

Aber beim Dom prallte er zurück: Don Taddeo erschien im Corso. Schon umringten ihn Frauen, sie hängten sich an ihn: »Unser Heiliger! Wer ihn uns nehmen will, ist tot!« Das Volk warf sich ihm, die Arme erhoben, entgegen: »Sprich, Don Taddeo!« Er aber: mit einem gehetzten Lächeln, mit roten Lidern, die zuckten, wich er im Zickzack den Anstürmenden aus; seine bleich tastenden Hände, auf die so viele Hilfesuchende sich stürzten, schienen selbst zu flehen.

»Sprich, Don Taddeo!«

Er öffnete die Lippen, fuhr mit der Zunge darüber, man sah seinen Kehlkopf arbeiten, aber niemand hörte etwas . . . Nun stand er oben auf der Domtreppe; alle sahen ihn nun; ein Klatschen erhob sich -- und gleich fiel es wieder. Er war fort.

»Er hat etwas gesagt? Was ist es?«

»Er hat uns ein Geheimnis gesagt, denn es geschehen furchtbare Dinge.«

»Niemand hat es gehört. Niemand wird es je hören. Der heilige Mann wird sterben.«

»Er wird uns retten. Er wird predigen. Kommt alle in den Dom!«

»Alle in den Dom!«

Sie ergossen sich hinein, ihr Strom gurgelte durch die Tür. Ihr Getrappel, Gemurr, ihre Aufschreie waren schon verschlungen; die letzten Rinnsel Volkes waren hinweg; -- und beim Café »zum heiligen Agapitus« stand, das Kinn über den gekreuzten Armen, der Savezzo auf dem leeren Pflaster . . . Plötzlich griff er um sich, riß vom Tisch eine Flasche und schmetterte sie hin. Dann plumpste er auf einen Stuhl. Der Freund Giovaccone schlüpfte aus seinem dunkeln Spalt, dienerte schief, rieb sich die Schenkel und wollte das Geld für seinen Likör; aber der Savezzo nahm nicht die Faust von der Schläfe. Der Freund Giovaccone berührte sein Knie: da war der Savezzo mit einem Krach auf den Beinen; er grub in den Taschen, zog die Finger leer heraus, stieß den Freund Giovaccone um und sprang polternd in den Dom.

Beim Café »zum Fortschritt« sahen sie noch immer versteint einander an. Der Apotheker schlug ein neues Freudengebrüll auf und stampfte. Darauf schalt Polli:

»Es hat keinen Zweck, den Verrückten zu spielen. Es handelt sich darum, was man jetzt tut.«

»Deixel, man geht in die Predigt«, meinte der Herr Giocondi. »Vielleicht, daß Don Taddeo von der >Gegenseitigen< spricht.«

Der Herr Salvatori äußerte starr:

»Der Advokat ist entschieden stärker, als man glauben konnte. Was hat er nur angezettelt.«

»Wenn man es wüßte!« sagte der Leutnant. »Für die bewaffnete Macht ist es schwierig zu handeln, bevor wir den Ausgang kennen.«

Der Kaufmann Mancafede wimmerte in sich hinein.

»Ich habe genug davon. Ich schließe mich ein und lasse sie die Stadt verbrennen oder beschießen, wie sie wollen.«

»Auf jeden Fall scheint es, --« und Polli kratzte sich den Kopf, »daß wir uns übereilt haben. Der Savezzo ist vielleicht nur ein Prahlhans.«

Der Gemeindesekretär betrachtete lächelnd seine Fingernägel.

»Habe ich euch nicht vorausgesagt, daß nichts geschehen werde? Jetzt schlage ich den Herren vor, in den Dom zu gehen. Denn das einzige Sichere ist schließlich die Religion.«

»Tatsächlich«, erklärte der Gevatter Achille, »wird es das Klügste sein, sich dort aufzuhalten, wo alle sind.«

Polli schlug vor:

»Wir werden uns nicht gerade so hinstellen, daß alle uns sehen, und wenn Don Taddeo siegt, sind wir dennoch dagewesen.«

»Auch verlangt der Sicherheitsdienst meine Gegenwart«, schloß der Leutnant, und man brach auf. Der Apotheker wollte sich davonmachen, um den Advokaten vom Umschwung der Dinge zu unterrichten; alle mußten ihn festhalten.

»Du bist ein Mann ohne Gewissen, daß du deine Freunde bloßstellen willst.«

Beim Dom fing man den Kaufmann ein, der fast entwischt wäre.

»Das ist nicht hübsch, Mancafede. In einem solchen Augenblick!«

* * * * *

Auf den Fußspitzen drückten sie sich durch den Schweif von Menschen im Vorraum. Drinnen war es still zum Erschrecken, und nur die Stimme vom Hochaltar:

»Feuer! Alles wird brennen!«

Sie fuhr durch die tausend, von ihrem Sturm gebeugten Köpfe hin. Ihr Echo fiel von den Pfeilern herab und schlug mit ein auf die demütige Menge.

»Nicht nur das Haus Malandrini wird brennen; auch das Haus Polli und alle Häuser am Corso! Der Platz wird brennen, und niemand weiß mehr, wohin flüchten!«

Die Menge zitterte. Die Ohren zuckten bei jedem neuen Schreckenswort. Polli drehte wirr den Hals umher.

»Vielleicht hat er recht, und es brennt bei mir?«

»Denn diese Stadt wars, über die Jesus weinte, als er über Jerusalem weinte! Kein Stein, sage ich euch, bleibt auf dem anderen. Wehe! schon stürzt das Rathaus ein, und ich sehe, wie es euch erschlägt: dich, Fierabelli, dich, Coccola, euch Weiber da, -- und haltet das Kind, haltet!«

Ein langer Schauder. In der Kapelle Torroni fiel vom Schenkel des Posaunenengels ein kleiner Druso herunter und winselte. Die Mutter überrannte jammernd die Leute.

»Die Sache wird ernst«, murmelte unter dem Chor der Gevatter Achille. »Hat er nicht auch mich genannt?«

»In den Dom!« rief Don Taddeo, und seine Stimme überschlug sich. »Alle in den Dom! Kein anderes Dach mehr gegen den Feuerregen. Vielleicht, daß Gott ihn aufhält, wenn ihr betet. Nein, Gott zählt euch: ist ein Gerechter unter euch, einer? Dies ist die äußerste Minute . . .«

Die Augen des Priesters gingen von Mensch zu Mensch; jedem brach die Hitze aus, niemand atmete mehr. Seine Lippen öffneten sich wieder; noch kam aus ihnen kein Hauch, aber eine Frau schrie schwach auf: Frau Zampieri war in Ohnmacht gefallen, -- und da kreischten sie, eine hinter ihr, eine drüben, kreischten, die Augen verdreht, in ihre gepreßten Hände, kreuz und quer durch das Schiff bis vor die Füße des Priesters. Er ließ langsam den Kopf auf die Brust hinab und sagte, halb erloschen:

»Keiner. Es komme das Feuer.«

Ein Fall: alle lagen auf den Knien. Die gebückten Nacken zitterten, als erwarteten sie einen Griff. Die Menge gab Laute von sich, wie der bewegte Halbschlaf eines Sterbenden.

»Nur ein Haus bleibt stehen!« befahl Don Taddeo schrill. »Von der ganzen Stadt nur eins: das Haus in der Via Tripoli!«

»Wie?« fragte man und richtete sich auf. Frauen kicherten. Junge Leute sahen sich nacheinander um. In der Kapelle Cipolla entstand ein Gewühl; der Konditor Serafini steckte den Kopf hinter das Grabmal der guten Prinzessin Ginevra und sagte:

»Da seid ihr. Heute abend komme ich und gehe gar nicht mehr fort, -- da ihr die einzigen sein sollt, die übrig bleiben.«

Theo und Lauretta widersprachen.

»Wir sind wie die anderen, und wenn Don Taddeo alle umkommen läßt, ist es nicht gerecht, daß wir allein übrig bleiben sollen.«

Und sie schluchzten feucht ins Tuch, -- indes Mama Farinaggi, unbekümmert um die Damen draußen in den Bänken, Kreuze schlug und die große Raffaella aus ihren gemalten Augen den Blick der Frau Camuzzi erwiderte, noch verächtlicher und fremder als sie.

Der Kaufmann Mancafede nahm die Hände vom Kopf, über den er sie als Dach gestellt hatte, und hob sich aus seiner hockenden Stellung.

»Wie? Ah! welch schlechter Scherz. Ich glaubte wirklich, mein Haus stände nicht mehr, meine Tochter sei tot, und nun ginge es an mich.«

»Wer weiß, wie es jetzt draußen aussieht«, entgegnete Camuzzi. »Es geschieht so wenig, daß wohl endlich Gott selbst eingreifen muß, damit etwas geschieht.«

Don Taddeo schlug mit der Hand wie nach Fliegen; er bekam rote Flecken, und er schrie:

»Es bleibt stehen und eure verdammten Seelen wohnen darin!«

»Gute Unterhaltung!« sagten die Mägde Fania und Nanà, und obwohl sie immer fester an die Wand gedrückt wurden, glucksten sie laut. Hier und da pruschte jemand ins Tuch. Don Taddeo brach ab; sein Gesicht entfärbte sich ganz, -- und dann, wie einzeln ausgesandte Glockentöne, und so sanft:

»Darüber am Himmel aber steht geschrieben: die Stadt ging unter durch ihre Laster. Jesus hat über sie geweint, aber sie hat nicht gehört.«

Die Töne zitterten dahin, bis in die dunkeln Winkel; -- und als alle die Lider gesenkt hatten, senkte Don Taddeo selbst sie. Leiser, in der gepreßten Stille:

»Denn alle Laster -- und die Stadt hat sie alle -- sind eins. Sie kommen alle daher, daß wir Gott nicht lieben. Das höchste Gebot heißt, wir sollen Gott lieben und unsern Nächsten. Aber wir liebten sie nicht: darum verdarben wir.«

Und mild eindringlich, überallhin, wo ein Schluchzen sich löste: »Denn wir lieben auch Gott nicht, wenn wir unsern Nächsten nicht lieben. Es ist nicht wahr. Es genügt nicht, einen Geist zu lieben, der Gott heißt. Liebt die Menschen, dann liebt ihr Gott!«

Er sah Frau Acquistapace an, in der vordersten Bank.

»Sei gut und duldsam gegen deinen Mann, und du liebst Gott, auch wenn du nicht jede Woche beichtest.«

Vor den Bänken der Bürgerfrauen, gleich zu seinen Füßen, hockten hinter ihren Strohstühlen die kleinen Leute. Er neigte die Augen zu ihnen.

»Hasse den Krämer Serafini nicht,« sagte er zu der Frau des kleinen Zollbeamten Cigogna vom Tor; »wenn er schlecht gewogen hat, denke, daß er sechs Kinder hat . . . Sprich Gutes von der Rina,« sagte er zu Elena, der Arbeiterin des Schusters Malagodi, »obwohl sie dich verklatscht hat.«

Und zu der Pipistrelli: