Part 24
Ein Gelächter brach aus; zuerst waren es mächtige Stöße, zwischen denen man anhielt und sich besann, dann Wellen, ununterbrochen hin und her über den Hof, durch den Corso, bis dahinten auf den Platz. Die letzten setzten sich vor Lachen auf das Pflaster: »Die Frau des Malandrini hat -- ah! das ist ein wenig stark, sein Haus brennt, sie aber und der Baron zerstreuen sich«; -- und sie lachten weiter, indes die vordersten beim Schuppen das Paar applaudierten. Frau Malandrini rief zornig ihrem Manne entgegen:
»Was machst du denn? Du läßt unser Haus abbrennen, und mich sperrst du in den Schuppen?«
»Meine Frau!« -- und mit einem rauhen Schrei hing der Wirt an ihren Schultern.
»Die Papiere? Du hast sie?« keuchte er.
»Wie denn, wer soll sie sonst haben?«
Darauf wandte Malandrini ein jäh beseligtes Gesicht der Menge zu.
»Wir leben noch«, schluchzte er. »Wir sind noch da.«
»Auch der Baron«, antwortete man ihm.
»Er war zufällig da«, sagte die Frau. Der Baron erklärte barsch, er habe den Brand gerochen und im Schuppen nachgesehen.
»Du aber stößt mich, deine Frau, hinein und sperrst ab!«
»So ist es! Du hattest den Kopf verloren, armer Malandrini!« schrie die Menge und schüttelte sich. Der Wirt griff sich an die Glatze. Die Frau schalt weiter, weil er sie all die Zeit im Hemd bei einem Herrn gelassen habe.
»Konnte ich etwa hervorkommen und der ganzen Stadt zeigen, was nur du sehen darfst? Gib mir deinen Rock, und fort ins Haus, daß wir Kleider suchen!«
Die Menge trat in Reihen auseinander wie bei Don Taddeo, dem Heiligen, und klatschte an ihrem Wege. Plötzlich riefen mehrere zugleich:
»Aber die Komödiantin! Dann war nicht sie es, die der Baron besuchte, so oft er ins Gasthaus kam!«
»Augenscheinlich, -- und was den Baron betrifft, ist sie unschuldig.«
»Wie, nur den Baron? Und wird auch der Advokat nicht etwa nur mit ihr geprahlt haben?«
»Die Komödiantin ist ein ehrbares Mädchen!«
»Wie die Männer uns verleumden!« rief Mama Paradisi.
»Wir Mädchen sind recht sehr zu beklagen,« bemerkten Felicetta und Pomponia. »Die Komödiantin, wir haben es immer gesagt, ist so ehrbar wie wir.«
»Wer will noch behaupten,« sagte mit sanftem Nachdruck Frau Zampieri, »daß sie ihm etwas gewährt habe, was nicht erlaubt ist?«
»Wer will es behaupten?« wiederholte die Menge drohend.
Die Herren Polli, Giocondi und Cantinelli sahen einander nachdenklich an und schwiegen.
»Sie hat es verdient, von einem Heiligen aus dem Feuer gerettet zu werden!« rief Frau Nonoggi.
»Wo hat sie sich versteckt? Wenn wir sie finden, wollen wir sie belohnen.«
»Da ist sie!« -- und die Mägde Fania und Nanà zogen sie aus der Laube, wo der junge Severino Salvatori sie mit seinem Mantel bedeckt hatte. Die Menge lobte ihn dafür. Italia, rot und wirr, wie sie war, ward von ihr geherzt.
»Sie hat eisige Füße, die Arme!«
Die Frauen rieben sie ihr.
»Wer hätte es gedacht, daß die Komödiantinnen ehrbar sind«, sagte der alte Seiler Fierabelli zum Schlosser Fantapiè. »Wer einen Sohn hätte, könnte ihn ihr zum Manne geben.«
Der Schneider Coccola rief:
»Und Polli, der sich weigert, seinem Sohn Olindo die gelbe Choristin zu geben!«
»Das ist nicht recht von Euch«, sagten die Männer; und die Frauen:
»Ihr beleidigt uns alle.«
Der Tabakhändler wollte entwischen, aber sie stellten ihn.
»Da sieh, wie sie sich lieben!« -- und die Menge zog Olindo mit der Gelben hinter dem Schuppen hervor, sie führte die beiden dem Vater zu. Polli rötete sich; er drang auf seinen Sohn ein. Die Menge riß ihn zurück; er zappelte wütend. »Ihr wollt wohl sagen, daß auch diese ehrbar ist?«
»Warum nicht?«
»Aber wenn doch ich selbst sie --«
Der Aufschrei der Frauen deckte seine Stimme zu.
»Ah! wir wissen wohl, weshalb er nicht will: sie ist arm.«
Und von allen Seiten:
»Wir Armen sind Eurer Herrlichkeit nicht gut genug. Nieder die Reichen!«
»Man muß die Mädchen nicht nach dem Gelde fragen«, riet der Herr Giocondi, im Gedanken an die eigenen Töchter. »Sieh nur auf das Herz!«
»Gib ihnen deinen Segen!« rief das Volk; -- und da dorthinten schon ein unheilvolles Pfeifen ausbrach, entschloß sich Polli.
»Mir hätte statt dessen das Haus abbrennen können«, brummte er. »Da die Nacht nicht ohne ein Unglück vorübergehen soll --«
Aber beim Zusammenlegen der Hände kniff er seinen Sohn so heftig in den Arm, daß Olindo aufhüpfte. Die große Gelbe fächelte sich erstaunt.
»Welche sympathische Familie!« rief das Volk und klatschte.
»Alle hinaus!« befahl dahinten der Apotheker Acquistapace seinen Leuten. »Der Schornstein wird ins Haus fallen.«
Gaddi aber zog Nello hinter die Tür.
»Nello, du bist in Gefahr.«
»Ich weiß es, aber ich war heute schon in größerer, und man gewöhnt sich daran.«
»Du scherzest, Nello, ohne zu wissen, worüber. Ich bin den Verdächtigungen nachgegangen, die gegen dich ausgeschickt sind; ich habe ihre Quelle entdeckt . . . Die meisten haben sie von einem Kommis des Kaufmannes Mancafede, und der Kommis hat sie von seinem Herrn. Der Kaufmann aber stand beim Dom mit Frau Camuzzi.«
Und da Nello aufzuckte:
»Es ist also wahr. Ich dachte es mir: der Haß einer Frau. Höre, Nello: flieh! Flieh sogleich!«
»Heute morgen, wenn ihr andern fort seid.«
»Das ist nicht früh genug. Bis zur Stunde, wo wir fortziehen, wird sie etwas Neues gegen dich erdacht haben. Was sie bisher schon gewagt hat, beweist dir das nicht, daß sie nicht eher einhalten wird, als bis sie dich vernichtet hat?«
Mit dem Arm um die Schulter des jungen Mannes:
»Ich sehe dich verloren, Freund.«
Nello senkte die Stirn.
»Vielleicht bin ichs. Trotzdem, Virginio« -- und er drückte die Hand des Freundes, »kann ich dir nicht folgen. Ich folge nur meinem Schicksal, und es heißt Alba. Oh! nie mehr wird es anders heißen . . . Du weißt nicht --«
Mit heißeren Händedrücken, voll hastigen Glückes:
»Dies war die letzte Nacht ohne sie: in wenig Stunden sind wir vereint für immer. Wenn ihr anderen die Stadt verlassen habt, -- ich verziehe noch, ich verstecke mich. Werden nicht viele euch begleiten, wird nicht die Stadt in Verwirrung sein? Dann enteile ich zu ihr, der Wagen steht bereit hinter der Hecke, sie wartet darin, sie winkt: ich komme, ich komme: und, o Virginio! wir leben trotz allem nicht umsonst: ich habe sie neben mir, sie ist bei mir, wohin immer das Leben uns führt . . . Und wenn es --«
Er warf den Kopf zurück, breitete leicht die Hand hin und lächelte rein.
»-- wenn es selbst zum Tod führt, mit ihr!«
Eine Pause; das Klatschen und Gelächter der Menge.
»So willst du nicht fliehen?« fragte Gaddi nochmals. Auch Nello lachte auf und schlug in die Hände.
»Du bist gut! Fliehen, -- wenn ich doch im Schutz meiner Heiligen stehe. Frau Camuzzi mag die Ratschläge der Hölle selbst haben: was kann sie gegen Alba!«
Er drängte den Freund hinaus ans Frühlicht.
»Und sieh, ob irgend jemand hier Verderben sinnt. Die Menschen können nicht lange böse sein, das Leben ist zu gut. Den Advokaten wollten sie auf die Galeere schicken. Jetzt lachen sie, und er lacht mit ihnen!«
Denn der Advokat ging umher und zeigte, daß er lachte. Seiner Schwester Pastecaldi raunte er zu:
»Ich bitte dich, Artemisia, laß das Weinen! Es wird mich kompromittieren. Ein öffentlicher Mann muß heiter sein. Solange gelacht wird, ist nichts verloren.«
»Der Advokat auf die Galeere?« -- und seine Nichte Amelia starrte aus ihrem weißen Mullkleid entgeistert zum Himmel auf. Der Advokat machte »Schü! Schü!« Er erstickte das Schluchzen der Witwe Pastecaldi mit der Hand.
»Hast du wenigstens meine Perücke mitgebracht?« zischelte er. »Daß du sie mir auch gerade gestern abend wegnehmen mußtest, um sie zu kämmen . . . Gottlob, da ist sie.«
Er duckte sich hinter seine weiblichen Verwandten, um die rote Mütze abzuziehen.
»Das alles wäre mir vielleicht nicht zugestoßen, wenn ich nicht diese gesegnete Mütze aufgehabt hätte. Die Weltgeschichte ist reich an solchen folgenschweren Zufällen . . . Es geht mir schon besser,« -- und er kam mit der Perücke auf dem Kopf wieder zum Vorschein. Die Schwester zog aus ihrer Schürze auch seinen braunen Strohhut; sofort schwenkte er ihn mit einem Kratzfuß gegen Flora Garlinda, die herzukam.
»Sie sind ein tapferes Mädchen, Sie haben sich frisiert!«
»Sie haben einen Mißerfolg gehabt, Advokat? Sie sind ausgezischt? Wie werden Sie sich rächen?«
»Indem ich meine Pflicht tue«, antwortete der Advokat und stieß die geöffnete Hand edel nach unten. Bei ihrem spöttischen Lächeln:
»Dies Volk scheint Ihnen ein wenig eigenwillig, ein wenig zügellos. Aber wenn es demütig wäre, möchte ich nicht sein Beauftragter sein, weil ich es verachten würde, -- und nicht sein Herr, denn der Herr ist noch verächtlicher als der Knecht, aus dessen Erniedrigung er Nutzen zieht . . . Nicht doch!« rief er in einen Kreis von Bürgern hinein, worin die Herren Salvatori, Mancafede, Torroni dem Leutnant Cantinelli zustimmten, der eine Vermehrung der bewaffneten Macht verlangte.
»Nicht doch, Ihr Herren! Je weniger Macht geübt wird in der Welt, desto besser ist es!«
»Ihre Sache«, sagte Flora Garlinda. »Ich war nur gekommen, um Ihnen zu Ihrer Rache zu verhelfen.«
»Wie?«
»Denn ich schulde Ihnen einen Gegendienst für Ihren Artikel in der >Glocke des Volkes.< Sie werden sehen, daß niemand zu kurz kommt, der meine Partei nimmt . . . Lassen Sie uns beiseite treten . . . Man hat Sie beschuldigt, dieses Haus angezündet zu haben. Was würden Sie sagen --«
Sie senkte schief den Kopf. In den Taschen ihres schmutzfarbenen Regenmantels öffnete und schloß sie die Hände.
»-- wenn ich Ihnen den wirklichen Brandstifter nennen würde?«
Da er nur mit dem Mund klappte, sagte sie und ließ die Laute, jeden für sich, leicht und klar in die Luft gehen:
»Es ist Don Taddeo, der Heilige.«
Der Advokat prallte zurück. Er sah sie ruhig die Lippen schließen, als ob alles entschieden sei: -- da begann er wild den Körper umherzuwerfen, den Hals nach allen Seiten hinauszustoßen; die Augäpfel quollen ihm hervor, und er stöhnte mehrmals schwer. Endlich wischte er sich den Schweiß; er atmete zischend aus.
»Es wäre unnötig. Wer würde mir glauben? . . . Übrigens glaube ich selbst es nicht.«
Sie ließ ihn vollends zu sich kommen. Ihre Augen glitzerten.
»Er ist es, Don Taddeo«, wiederholte sie mit einem Lächeln, das sie schön machte. Der Advokat brauste auf:
»Aber woher wissen Sies? Haben Sie etwas gesehen?«
»Nicht mehr als Sie. Nicht mehr, als alle sehen konnten, hier auf dem Hof voll Menschen, als Don Taddeo die Italia rettete und als er in Ohnmacht lag.«
»Und daraus, daß er ein Held ist; denn man muß die Wahrheit sagen: er ist ein Held, dieser Priester, und wäre er nicht ein Feind des Staates, würde ich ihn einen guten Bürger nennen: -- daraus also ziehen Sie den Schluß, er habe ein gemeines Verbrechen begangen? Sie wollen scherzen, Fräulein.«
»Ich habe meine Beweise. Aber den wichtigsten finde ich darin, daß es ihm gut stehen würde . . . Entrüsten Sie sich nicht, Advokat! Es würde ihm so viel besser stehen, als Ihnen. Seit ich ihn, nach eurer Schlacht auf dem Platz, besiegt wie er war, hinter seinem Turm sich krümmen und quälen sah, kenne ich ihn; und wenn wir jetzt über den Brand, Italia und das übrige miteinander nur einige Worte wechselten, ich bin sicher, wir würden uns verständigen.«
»Ah! Ah!«
Der Advokat legte sich breit zurück und stieß ein tief beruhigtes Lachen aus.
»Jetzt verstehe ich alles. Ich hatte wahrhaftig vergessen, daß Sie eine Künstlerin sind.«
Er holte ihre Hand aus der Tasche, um sie zu küssen.
»Eine große Künstlerin!«
»Wie es Ihnen gefällt«, schloß Flora Garlinda und hob die Schultern.
* * * * *
»Haltet ihn!« schrie alles, und mehrere setzten sich hart hin, weil der Brigadiere Capaci über sie hinweggerannt war. Man sah dahinten noch seine langen Beine schweben, aber Coletto, der Konditorjunge, war schon um die Ecke.
»Hast du den Salame?« rief Malandrini dem Gendarmen entgegen, der zurückkehrte. Seine Hände waren leer, die Buben jubelten, und der alte Zecchini schlug seinen Zechbrüdern vor, den Keller des Wirtes zu untersuchen.
»Wer weiß, ob das Feuer aus seinem Wein nicht Kognak gemacht hat.«
»Nonoggi, deine Frau hat unten ein Bettuch und oben ein Handtuch an; es scheint, die Geschäfte gehen schlecht.«
Die Menge entdeckte erst jetzt, wie sie aussah.
»Welche Furcht wir gehabt haben müssen!«
»Gina, was hättest du getan, wenn die Stadt gebrannt hätte?«
»Gib dein Ohr her: ich wäre zu Renzo gelaufen.«
»Flüstere nur, ich habe es doch gehört; und wir wären uns auf halbem Wege begegnet, Gina.«
»Der Doktor Ranucci! Der alte Narr hat seine Frau im Hause eingeschlossen, um nachzusehen, was es gibt. Galileo Belotti aber hat ihr ins Fenster gerufen, die Stadt brenne. Jetzt schreit sie. Wir wollen dem Alten sagen, ein Mann sei bei ihr!«
»Ah! sind unsere Männer tapfer gewesen. Masetti! Chiaralunzi! ihr habt uns alle gerettet. Dir aber haben sie das Haus erhalten, Malandrini. Warum jammerst du? Deine Betten sind ein wenig naß geworden, das ist alles; aber deine Frau hat nicht darin gelegen, sie lag im Schuppen.«
»Sie lag im Schuppen!«
»Und du knauserst mit dem Wein? Du Glückspilz? Unsere Männer haben geschwitzt für dich!«
»Mein Mann schwitzt am meisten von allen«, sagte die Frau des Baritons Gaddi und zeigte dem Volk seine Hemdärmel.
»Man muß sagen, daß auch die Komödianten tapfer waren; sogar der junge, der doch mit dem Advokaten das Feuer angelegt hat. Warum ist er noch nicht im Gefängnis?«
»Redet keinen Unsinn!« sagte der Schneider Chiaralunzi. »Als der Balkon herabfiel, wäre ich fast erschlagen: dieser aber hat mich fortgezogen.«
»Nein, das war Virginio«, sagte Nello.
»Die Post geht ab!« rief Masetti; aber er ward zur Ruhe verwiesen. Ob er die Komödianten denn nackt mitnehmen wolle, da ihnen alles verbrannt sei? Ob er so gottlos sei, daß er nicht zuerst die Messe hören wolle, zum Dank für die Rettung der Stadt?
»Aber nicht alle sind so gute Leute unter diesen Künstlern«, setzte der Schneider hinzu. »Unser Spritzenwagen steckte einmal im brennenden Holz, wir sind gerade nicht genug Leute: >Fasse einer mit an!< rufe ich; und jener steht dabei, aber glaubt ihr, er rührt sich?«
Die Menge betrachtete mißbilligend den Kapellmeister, der, eine große Rolle fest unter dem Arm, von einem Fuß auf den andern trat. Der Schneider hatte sich dunkelrot gefärbt.
»Mag er ein Maestro sein und ich blase nur das Tenorhorn: hier aber sind wir, um die Stadt zu retten, und das ist kein guter Mann, wer nicht helfen will.«
Auch der Kapellmeister war rosig überzogen. Er stieß den freien Arm in die Höhe, legte ihn aber sogleich behutsam auf seine Rolle. Sich abwendend:
»Was wißt ihr?! Laßt mich gehen!«
Hinter ihm wisperte der Barbier Nonoggi:
»Seht Ihr, wie der Schneider das Volk gegen Euch hetzt? Er möchte Euch aus der Stadt verdrängen, denn am liebsten wäre er selbst der Maestro. Der Tenor, mit dem seine Frau eine Liebschaft hat, will ihm dazu helfen.«
»Was kann ich tun?« sagte der Kapellmeister zu den Umstehenden. »Sollte ich, um einen Spritzenwagen herauszuziehen, meine Messe verbrennen lassen und meine Oper? Denn hier, das sind meine Kompositionen, und ich durfte sie nicht aus der Hand lassen. Schließlich, wie auch Sie wissen, war es möglich, daß die Stadt abbrannte.«
»Er ist ein böser Mann,« -- und Chiaralunzi schnob, daß sein langer Schnurrbart aufflog. »Er denkt nur an sich und seine Musik. Wir sind gut genug, sie ihm aufzuführen, dann dürfen wir verbrennen, wenn es uns gefällt.«
Blandini und Allebardi erklärten, sie sähen es wohl und hätten keine Lust mehr, heute morgen in der Messe des Maestro mitzuspielen.
»Geben Sie mir recht, Herr Mancafede!« rief der Kapellmeister und fuhr sich durchs Haar, daß der Hut hinabfiel. »Sie selbst waren in Sorge um Ihr Warenlager, das immer noch keine Opernpartitur ist. Sollte ich sie dem Untergange aussetzen? Ich weiß, wieviel ich der Stadt schulde, und diesem Volk, das dieselbe Musik gefühlt hat wie ich, das ich liebe, von dem ich das Beste empfange. Aber danke ich ihm nicht besser mit Werken, als indem ich ein Haus rette? Was bedeutet ein Haus, das abbrennt, gegen Italien, gegen die Menschheit, die auf meine Werke wartet!«
Der Kaufmann Mancafede lächelte von unten, indes die andern murrten.
»Immerhin«, äußerte Polli, »zahlt Ihnen nicht die Menschheit Ihre hundertfünfzig Lire, sondern wir.«
Der Kapellmeister drehte die Augen nach oben. Dann maß er schweigend den Schneider, der weiter schalt. Abseits bemerkte der Advokat:
»Was alles mit uns vorgeht! Wie kommt es, daß diese beiden braven Leute sich hassen?«
»Ich benachrichtige die Herren, daß der Kaffee fertig ist«, rief der Gevatter Achille und schob seinen Bauch durch die Menge. »Man hat nicht geschlafen heute nacht, da glaubte ich dem geehrten Publikum zu dienen, indem ich meinen Kaffee extra stark machte.«
Er stellte sich in die Mitte.
»Alle ins Café >zum Fortschritt<!«
Aber wer noch da war, wollte den Schornstein einstürzen sehen; denn er ragte kahl und ungestützt aus dem offenen Dach und neigte sich schief und schiefer. Alles wartete gedrängt am Ausgang des Hofes; nur Coletto und die Seinen wagten sich vor und warfen mit Steinen nach dem Schlot. Der Wirt fiel über sie her, aber man rief ihm zu:
»Eh! Malandrini! Er wird umfallen, ob du sie prügelst oder nicht. Wir haben durch deine Schuld die ganze Nacht Angst gehabt, jetzt wollen wir uns unterhalten.«
»Auch deine Frau hat sich unterhalten!«
Und man feuerte einander an, vorzulaufen und Steine zu werfen. Plötzlich:
»Er fällt! Hoho! Rettet euch!«
* * * * *
Unter dem Knall und Geprassel des Kamines, der ins Haus sank, stob alles mit Lachen und Gekreisch von dannen. Der Wirt nur irrte, die Hände um die Ohren, wehklagend durch seinen vereinsamten Hof. Der Advokat Belotti war da und spendete ihm Trost; -- und obwohl es vergeblich war, ließ er auch den Freund Acquistapace samt seinen Leuten abziehen und blieb zurück.
»Armer Freund, man sieht es ihm an, daß er sich nicht gern an meiner Seite zeigen würde. Manchmal, sagen wir nur die Wahrheit, ist das Leben schwierig.«
Gleich darauf zuckte er zusammen.
»Da ist Camuzzi!«
Er tat, als habe er ihn nicht gesehen, und stöberte in den Trümmern. Wie er sich ins Haus stehlen wollte, rief der Gemeindesekretär ihn an:
»Guten Morgen, Herr Advokat!«
Der Advokat kam zögernd hervor. Der Sekretär hatte seinen neuen Herbstmantel an, frisch glänzende Schuhe und duftete gut. Der Advokat klopfte an seinem beschmutzten Rock, auch versuchte er, ihn zu schließen, es fand sich aber kein Knopf mehr.
»Sie hier, Herr Camuzzi«, brachte er hervor.
»Ja, ich bin ein wenig früher aufgestanden. Die Leute erzählen einem Fabeln; können nicht Sie, Herr Advokat, mir sagen, was eigentlich geschehen ist?«
»Sie haben geschlafen?« fragte der Advokat und behielt den Mund offen.
»Da hier, wie ich sehe, nur ein Dach eingestürzt ist, habe ich offenbar wohl daran getan, die Nacht nicht unter den Gaffern und Schwätzern zu verbringen. Sollte man jetzt nicht an das Frühstück denken?«
Er kehrte wieder um.
»Sie konnten schlafen!« wiederholte der Advokat, ergriffen.
»Vielleicht hätte ich nicht geschlafen,« erklärte der Sekretär, »wenn ich an den Brand geglaubt hätte.«
»Wie? Sie haben nicht daran geglaubt? Aber die Glocken haben geläutet! Der Himmel war rot!«
»Meine Frau sagte es mir, als sie mich weckte. Aber gewöhnt, wie ich es bin, an die Übertreibungen dieses Volkes: -- denn dies Volk, Sie wissen es wie ich, lebt von Übertreibungen, Dunst und Lärm, und es bereitet dem nüchternen, die Ordnung liebenden Menschen nur Plage. Noch jetzt ist es meine Überzeugung, daß der Eifer der guten Bürger dem Hause Malandrini größeren Schaden zugefügt hat als das Feuer.«
»Eh! Eh!« -- und der Advokat arbeitete, ohnmächtig krächzend, mit Schultern und Händen.
»Sie leugnen also die Sonne, Herr Camuzzi! Nach Ihrem Gefallen leugnen Sie sie! Ich antworte Ihnen nur, daß ein Brand wohl nicht jeder Wirklichkeit entbehren kann, wenn sogar jemand da ist, der ihn gelegt hat.«
Der Gemeindesekretär hob die Schultern.
»Man hat mir auch davon gesprochen. Man hat mir, unter mehreren anderen, sogar Sie als den Brandstifter genannt, Herr Advokat.«
Der Advokat begann mit künstlicher Wildheit zu kichern. Er schielte nach dem Gesicht seines Begleiters.
»Ich sehe, daß Sie mich für unschuldig halten, vielen Dank. Ich will Ihnen gestehen, daß ich soeben bei Ihrem Anblick nicht ohne Besorgnis war. Die Verschiedenheit unserer Temperamente, Herr Camuzzi, hat es mit sich gebracht, daß wir uns im öffentlichen Leben zuweilen gegenübergestanden haben. Freilich gibt mir das noch nicht das Recht, an der Klarheit Ihres Denkens zu zweifeln . . . Wollen Sie das Absurdeste wissen, was eine erhitzte Phantasie heute nacht erfunden hat?«
»Die Nacht der Dichter«, sagte der Sekretär.
»Wenn ich selbst, der Advokat Belotti, der seit dreißig Jahren all seine Tätigkeit, sein Genie und seinen Ehrgeiz dem Wohl dieser Stadt widmet, sie eines schönen Nachts in Brand gesteckt haben soll, will ich es noch als reine und strenge Logik hinnehmen. Aber auch Don Taddeo soll sie angezündet haben. Sie haben richtig gehört: Don Taddeo!«
Er lachte so stürmisch, daß mehrere Bewohner des Corso auf ihre Schwellen traten. Der Sekretär begnügte sich mit verächtlichem Feixen.
»Man muß sich vor dem Landstreicher schämen,« bemerkte er, »der das Feuer vielleicht gelegt hat: -- falls es gelegt worden ist und falls es ein Feuer war. Er wird uns alle für verrückt halten.«
»Wie viel Geist Sie haben, Herr Camuzzi!«
Aber der Advokat seufzte plötzlich tief.
»Das alles soll nicht heißen, daß ich mich den Verantwortlichkeiten zu entziehen denke, die auf mich fallen. Das Volk hat recht, o wie recht, wenn es Rechenschaft von mir fordert über die Ablehnung der Dampfspritze.«
Er drückte beide Hände auf die Brust und nickte.
»Soll man nicht an das Fatum glauben und an den Neid der Götter? Hier sehen Sie einen Mann, der im Dienst des Volkes höher gestiegen war, als die meisten, und den ein Fehltritt herabgestürzt hat. Das Volk aber, weit entfernt, ihn zu bemitleiden, setzt ihm den Fuß auf die Brust. Und doch bemitleidet es oft Unwürdige. Vielleicht haßt es mich nur, weil wir uns zu sehr geliebt haben und ich ihm einmal nicht groß genug war?«
Der Advokat blieb stehen. Da der Gemeindesekretär die Frage unentschieden ließ, ging er weiter.
»In jedem Fall hat es recht, das Volk. Ich beging ein unverzeihliches Versäumnis, als ich, sparsam aus Liebe zu Größerem, die Dampfspritze ablehnte. Nicht nur der Ruin des Hauses Malandrini fällt mir zur Last, sondern die Unsicherheit, in der ich die Stadt ließ, die Ungeschütztheit dieses Volkes, das mir vertraute!«
Der Sekretär wiegte den Kopf. Er stellte lächelnd die Hand gegen den Advokaten.
»Ihr Kopf geht durch. Woher wissen Sie, daß mit der Dampfspritze, die auch ich abgelehnt habe, der Schaden geringer gewesen wäre? Ich glaube es nicht, und das Geschrei des Volkes beweist es mir nicht. Übrigens halte ich es mit dem Satze, daß die Dinge ihr Maß in sich tragen: auch das Feuer. Wir sollen nicht zu viel handeln: nicht einmal gegen das Feuer.«
Der Advokat schlug durch die Luft und sprach in die Rede des anderen hinein:
»Dies ist das Prinzip des Übels: daß ich zu stürmisch den Fortschritt wollte, um mich auf die Erhaltung dessen, was da war, noch besinnen zu können. Der Geist der meisten aber ist vor allem auf Erhaltung gerichtet. So teilte sich durch meine Schuld dies Volk, so kam, ach, über mich! der Bürgerkrieg.«
»Da ist der Advokat! Er wagt sich zu zeigen. Nieder mit ihm!« -- und beim Café »zum heiligen Agapitus« war alles auf den Beinen. Der Advokat, am Rande des Platzes, nahm die Hand, mit der er sie beschattet hatte, von den Augen, und sein Begleiter sah Tränen rollen.
»Nicht das Unglück ist meine Strafe, sondern die Reue«, stöhnte der Advokat.
Dort hinten überschrien sie einander, -- indes beim Café »zum Fortschritt« eine tödliche Stille lagerte. Die Herren wendeten sich nicht her; der alte Acquistapace hielt den Kopf gesenkt.