Die kleine Stadt: Roman

Part 23

Chapter 233,797 wordsPublic domain

»Kaltes Blut, Ihr Herren«, sagte der Advokat Belotti und trat hinzu. »Freund Acquistapace sorgt schon dafür, daß der Schuppen nicht Feuer fängt. Seht ihr nicht, daß die Trümmer des Balkons schon gelöscht sind? Bravo, Acquistapace!« -- und der Advokat klatschte leicht in die Hände. Giocondi und Polli betrachteten ihn, die Fäuste auf den Hüften, mit Gesichtern, die immer dunkler wurden, aber ohne einen Laut. »Die Sachen gehen gut, ich verbürge mich dafür«, sagte der Advokat und legte sich die Hand auf die Brust. Da brachen sie los:

»Er verbürgt sich! Der Advokat verbürgt sich! Sieh ihn dir an!«

Sie stießen sich, böse kichernd, mit den Schultern an.

»Und worin besteht die Bürgschaft, Advokat? Zahlst du mir einen schwarzen Punsch beim Gevatter Achille, wenn ich abbrenne?«

»Darum also«, fiel der Herr Giocondi ein, »hat der Advokat die Dampfspritze abgelehnt, weil er für jeden Feuerschaden persönlich zu haften gedachte. So sehr liebt er die Stadt! Solch guter Bürger ist er!«

Die beiden drehten plötzlich um. Die Bäuche heraus und mit erhobenen Armen, wackelten sie laut scheltend um den Hof.

»Der Advokat! Ein gefährlicher Narr: jetzt sieht man es.«

»Der Advokat ist verurteilt, und der Eimer gehört dem Don Taddeo!« keifte es dahinten im Corso. Der Advokat griff, zusammenzuckend, an die rote, gestrickte Mütze, die sein Haupt bis zur Hälfte der Ohren überzog; es schien, er wollte grüßen. Rechtzeitig ließ er es; er näherte sich den Spritzen. Aber Allebardi schrie ihn an: »Achtung, Advokat!« und spritzte ihm über die Füße. Da kehrte der Advokat, und er hielt den Rock zusammen, als fröre ihn, ganz allein auf die Mitte des Hofes zurück. Der Unterpräfekt, Herr Fiorio, der vorüberkam, nahm rasch den Arm seines Begleiters, des Steuerpächters, und machte einen Bogen. Der Advokat schnitt ihm den Weg ab.

»Die Sachen gehen gut, Herr Unterpräfekt. Man sollte meinen, daß es Ahnungen gibt, denn noch vor acht Tagen habe ich meinen Freund Acquistapace veranlaßt, eine Spritzenprobe abzuhalten. Drum arbeiten seine Braven auch glänzend. Das Feuer ist, kann man sagen, eingedämmt. Mag noch das Dach einstürzen: was kümmert uns das Dach, nicht wahr, Herr Unterpräfekt?«

Da man ihn allein reden ließ, wurden die Gesten des Advokaten immer größer.

»Und auch das Dach würde niemals brennen, wenn nicht dieser Esel von Malandrini in dem offenen Speicher gerade darunter seine Maiskolben zum Trocknen hingelegt hätte. Jetzt fehlt freilich wenig, und das Feuer dringt vom Speicher ins Haus. Welch Unglück, Herr Unterpräfekt!«

Er betastete seine rote Mütze. Der Unterpräfekt sah sich ungewiß um. Vom Dach rasselten Schindeln herunter. Das Volk antwortete:

»Nieder der Advokat!« -- und dahinten das Vieh brüllte unheilvoll.

Da entschloß sich der Beamte; seine Miene ward unverkennbar kühl, und er sagte:

»Die Nacht ist schon frisch in dieser Jahreszeit, finden Sie nicht, Herr Advokat? Möge der Morgenwind die Luft nicht noch mehr abkühlen.«

Bei dem Gedanken an den Wind ward der Advokat fahl. Die Stadt brannte! Der Himmel war ein Feuermeer, darin verkohlten auf immer seine Größe und sein Ruhm! Mit geschlossenen Füßen sprang er auf ein loderndes Stück Holz.

»Ihre Jagdstiefel eignen sich vorzüglich dafür«, sagte der Unterpräfekt. Der Advokat bemerkte erst jetzt, was er in der Eile angezogen hatte: nur einen Überzieher und keinen Kragen! Er begann zu plappern:

»Müssen mir diese Stiefel in die Hand geraten, die ich seit drei Jahren nicht angehabt habe. Oder wie lange ist es schon, daß das öffentliche Wohl mir keine Zeit mehr läßt, auf die Jagd zu gehen.«

Der Unterpräfekt sah wohlgefällig an seiner untadeligen Kleidung hinab. Er strich sich den Bart, warf dem Steuerpächter einen Blick zu und versetzte:

»Sie haben vielleicht heute nacht im Traum vorausgefühlt, daß das öffentliche Wohl Ihnen jetzt bald wieder Zeit lassen werde, diese Stiefel anzuziehen.«

Sofort richtete der Advokat sich auf. Mit gefesteter Stimme:

»Dann, Herr Fiorio, werde ich stolz sein, dem öffentlichen Wohl diesen letzten Dienst zu erweisen. Wir alle, Herr Unterpräfekt, sind nur Beauftragte des Volkes, und wenn es uns fortschickt --«

»Nieder der Advokat!«

Eine Sekunde schloß er die Augen; dann:

»-- werden wir unserer Würde am besten dienen, wenn wir ihm danken und gehen.«

Der Advokat wandte sich und verließ den Beamten. Im selben Augenblick brach, um den Schornstein her, das Dach ein. Dicke Ballen Rauch wälzten sich aus den Fenstern des oberen Stockwerkes. Alles hielt den Atem an; -- plötzlich eine gelle Stimme aus dem Haufen und gleich darauf ein Schreien durcheinander:

»Jemand ist drinnen! Seht am Fenster! Seht am Fenster! Jemand brennt lebendig!«

Und jetzt erkannten alle im Rauch, der sich lichtete, etwas Weißes.

»Meine Frau, da ist sie!« -- und Malandrini warf sich, die Arme erhoben, vorwärts, als wollte er hinauffliegen. Die Arbeiter fingen ihn ab.

»Die Treppe brennt. Man muß zuerst die Spritze hinaufführen.«

»Ersilia! Komm herab, Ersilia!« schrie er, weinend und winkend.

»Es ist nicht Ersilia!« antwortete dahinten eine Stimme. »Es ist die Komödiantin!«

Eine Minute der Starrheit. Alle staunten zu dem Gesicht im Fenster hinauf, das blöde und unwissend über die Köpfe hinging. Gleich danach zuckte es auf, ein Schrei zerriß es; und indes man es noch schreien hörte, verschloß schon wieder der schwarze Rauch es.

»Das Fräulein Italia!« rief der Apotheker. »Helft mir sie retten!« -- und er stürzte umher. Vom Corso kam es schrill wie eine Pfeife.

»Romolo!«

Und der Alte griff sich an den Kopf, fand nicht mehr nach links, noch nach rechts. Chiaralunzi und die Komödianten waren dabei, die Spritze über die Treppe zu ziehen; die Arbeiter hasteten mit Wassereimern hinein; -- da schnellte etwas Schwarzes an ihnen vorbei: rannte oder kroch, man wußte nicht, denn es war schon droben und fort im Rauch. Man sah nur, daß der Kutscher Masetti in einem Eimer saß, und er erklärte, Don Taddeo habe ihn hineingestoßen.

»Don Taddeo! Ah! Don Taddeo!« -- ein Aufschrei; und das ganze Volk reckte sich nach jenem Fenster im Rauch, von dem er die Komödiantin fortriß. Er lud sie sich auf, er stürzte davon, eine Flamme schoß ihm entgegen. Man sah einander eine stürmische Stille lang in die Augen.

»Beim Bacchus!« sagten die Männer.

»Er ist verloren, Don Taddeo«, sagten die Frauen; und:

»Wenn aber die Komödiantin lebend herabkommt, bringe ich sie um.«

»Man muß beten!« -- und der Chor schwoll an. Plötzlich:

»Da ist er! Wunder! Wunder!«

In einem mächtigen Stoß brach das Volk über die bewaffnete Macht hinweg in den Hof. Don Taddeo war aufrecht gegen die Mauer gefallen, gleich neben der Tür, aus der er die Komödiantin getragen hatte. Als die klatschenden Hände auf ihn zustürmten, schloß er die Augen; Italia flatterte in ihrem Hemd, laut kreischend, um den Hof. Die Frauen hielten sie auf.

»Falle ihm zu Füßen! Wenn du ihm das Leben gekostet hättest, meinem Don Taddeo: weh dir!«

Sie schien auf einmal zu erschlaffen; gehorsam sank sie vor ihn hin. Er ward, ohne daß er die Augen öffnete, ganz weiß, sobald ihre Lippen seine Hand berührten. Seine lange Nase ward weiß und zitterte; unter der zerrissenen Soutane zitterten seine Schultern. Seine Hand flog so heftig, daß ihre Lippen sie verloren.

»Würde man nicht sagen: Jesus und die Magdalena?« fragten die Frauen, indes die Männer bis dicht vor das Gesicht des Priesters in die Hände klatschten.

»Aber er muß ruhen, er wird krank werden. Ein Heiliger, der sich opfert! Da seht ihn an, ihr Männer! Wo wart ihr, die ihr breite Schultern habt und so viel Wein trinkt? Cimabue, wo warst du? Ein Heiliger mußte kommen, sonst war diese Arme verloren . . . Erlaube nur, daß ich deinen Ärmel küsse, und meine kleine Pina wird gesund werden!«

Sie schoben Italia fort, jede wollte ihn berühren; ihre Masse trug ihn; -- und erst, als sie ihn fortziehen wollten: »Nach Haus, Reverendo, Ihr müßt ruhen«, da merkten sie, daß er ohne Bewußtsein war. Sie legten ihn nieder, rieben ihn, baten und schalten ihn.

»Steht auf, Reverendo, was tut Ihr da. Es wird Morgen, und Ihr sollt uns predigen.«

Sie horchten. Dann erinnerten sie ihn:

»Der Eimer ist Euch zugesprochen, er ist Euer. Der Advokat ist besiegt, niemand hört auf ihn. Euch aber lieben alle, denn Ihr habt die Komödiantin vom Feuer errettet und seid ein Heiliger.«

Eine Pause. Plötzlich griff die sanfte Frau Zampieri sich in die Haare. Da schrien sie auf und warfen sich hin.

»Er ist tot! Was soll aus uns werden!«

»Nein, er hat die Augen geöffnet,« sagte allein eine Stimme wie ein Engel; und man sah Flora Garlinda, die Primadonna, ihre Augen, die glänzten, unverwandt auf Don Taddeo halten. Don Taddeo seufzte, sah sich um und schloß, zusammenzuckend, noch einmal die Lider. Dann erhob er sich, wehrte denen, die mitwollten: »Ich habe zu beten, meine Töchter, ich habe so viel zu beten«, und ging durch die Bahn, die sie ihm ließen, aus dem Hof.

Vorn und allein stand der Advokat Belotti. Er bewegte, als der Priester vorbeikam, die Hände wie zum Klatschen. Dabei nickte er stark.

»So wird auch Judas Ischariot geklatscht haben«, sagte an der Spitze eines Haufens der Bäcker Crepalini. Der Advokat wandte ihm das Gesicht zu, worin eine Träne hing.

»Für einen redlichen Bürger bleibt eine schöne Tat eine schöne Tat, auch wenn ein politischer Gegner sie tut.«

»Ein redlicher Bürger?« wiederholte der Bäcker und sein dicker Kopf, auf dem es flackerte vom Schein des Feuers, wackelte höhnisch. »Wir alle sind redliche Bürger. Immerhin kennt man gewisse Geschichten von Waschhäusern, die auf Terrains gebaut sind, die den Verwandten gewisser Witwen gehörten.«

»Gewisser Witwen,« fuhr der Schuster Malagodi fort, »die die Schwestern gewisser Advokaten sind.«

»So daß«, ergänzte der Mechaniker Blandini, »jene Verwandten ihr Terrain aus öffentlichen Mitteln erstaunlich gut bezahlt bekamen.«

»Man erinnert sich auch«, sagte der Schlosser Fantapiè, »mancher Vorgänge bei den letzten Wahlen . . .«

»Eh! wie viele Umstände mit einem Advokaten«, rief in der Nachbarschaft ganz laut Frau Malagodi. »Als ob es nicht so viele kleine Advokaten gäbe, -- die er alle selbst gemacht hat, der Mädchenjäger, der Verführer! Die Andreina in Pozzo hat einen, aber bekümmert sich der Alte vielleicht um ihn? Man sieht, was ein gottloser Wüstling ist!«

Der Advokat hob die Schultern; aber wohin er sich wandte, sprang es ihn an, aus dem Dickicht des Volkes.

»Wo sind die Gelder für die Komödianten hergekommen? . . . Ist nicht das Haus in der Via Tripoli eine Schande für die Stadt? Aber der Advokat verteidigt es.«

»Es werden seine Töchter sein«, wisperte hinter dem Rücken des Advokaten der Barbier Nonoggi den Weibern zu und verrenkte das Gesicht, daß sie lachten. Gleich darauf war er in einen anderen Haufen geschlüpft und wisperte etwas anderes. Plötzlich aber war auch er bei der Laube, wohin der Advokat sich zurückzog, und hielt die Hand an den Mund.

»Achtung, Herr Advokat! Die Leute denken nicht gut von Ihnen; ich sage es, weil es die Wahrheit ist. Ich selbst aber: Sie wissen zu wohl, Herr Advokat --«

»Ich kenne Euch, Nonoggi«, sagte der Advokat, drückte ihm die Hand und verschwand ins Dunkel. Der Barbier war schon drüben, am Schuppen, beim Savezzo, der ihm gewinkt hatte.

»Sollen wir beginnen? Sollen wir sagen, daß das Feuer --?«

Der Savezzo schnappte zu, daß es klappte. Er fuhr sich ins Haar; rauh brachte er hervor:

»Ich übersehe die Lage, dies ist der Augenblick: wir handeln!«

»Zurück!« schrie vorn der Apotheker Acquistapace. »Ihr Herren, Ihr Damen, zurück! Es ist uns unmöglich, zu manövrieren.«

Die Arbeiter versuchten, mit gefüllten Wassereimern, einen Ausfall gegen die Menge. Sie wurden mit Entrüstung zurückgeschlagen.

»Das Haus wird abbrennen, wenn ihr es wollt!« schrie Acquistapace. »Sind wir denn in Anarchie? Advokat, herbei!«

»Es gibt keinen Advokaten mehr!« antwortete die Menge. Der Apotheker sah sich vergebens nach seinem großen Freunde um. Die Menge gab ihm Befehle.

»Steige aufs Dach und spritze von oben!«

»Als noch ein Dach da war, hätte er hinaufsteigen sollen. Alles macht Ihr verkehrt. Warum habt Ihr nicht zuerst die Maiskolben herabgeholt? Rettet nun wenigstens die Betten!«

Und sie drängten hinein. Der Schneider Chiaralunzi empfing sie mit einem Wasserstrahl. Der Rest des hölzernen Balkons brach, funkensprühend, herab. Alles warf sich mit Zetern im dichten Rauch durcheinander.

»Das Ende der Welt!« ächzte flüchtend der Wirt Malandrini. »Wo ist meine Frau? Ich bin ruiniert!«

»Malandrini,« sagte der Advokat und zeigte sich in der Laube, »es heißt nun, ein Mann sein. Glauben Sie mir, es gibt noch größeres Ungemach als Ihres.«

»Ach, über mich!« -- und er schlug sich mit den Fäusten auf den Bauch, er setzte die Nägel an seinen runden Kahlkopf. »Auch die Mütze ist mir verbrannt! Ich werde betteln gehen!«

Der Advokat zog ihn in die Laube.

»Sehen Sie her, Malandrini: hier auf dem Tisch liegen Ihre Kinder und schlafen. Wenn sie denn wirklich keine Mutter mehr haben, was ich nicht glauben will, so trösten Sie sie! Das wird auch Sie trösten. Denn im Unglück ist es ein Trost, gütig zu sein.«

Der Wirt schluchzte am Tischrand.

»Das ist nicht alles . . . Advokat, ich will Ihnen etwas Schreckliches sagen. Meine Frau -- sie ist fort mit allem Gelde.«

»Wie? Was sagen Sie, Malandrini? Sie haben doch nicht --«

Der Advokat brach ab, denn draußen gingen Stimmen durcheinander.

»Der Brand ist gelegt, sage ich euch . . . Der Wirt ist ein Schuft . . . Unter der hölzernen Treppe zum Balkon ist das Feuer gelegt. Masetti hatte es schon längst bemerkt. Man hat ihm gedroht, damit er nichts sage. Man will schweigen, weil hochgestellte Personen kompromittiert sind . . . Ah! Das Volk soll belogen werden!«

Malandrini schluchzte.

»Denn alle meine Wertpapiere waren in ihr wollenes Unterhemd genäht. Nirgends sonst wollte ich sie aufbewahren. Eine Frau, nicht wahr, ist das sicherste, was ein Mann hat: sicherer als ein eiserner Schrank. Was soll man noch glauben!«

Der Advokat setzte an, aber über allem Wirrsal von Lauten schrie draußen der Herr Giocondi:

»Ah! Malandrini, Brigant, der du bist, darum also hast du dich versichern lassen und noch keine Prämie gezahlt! Aber zeige dich nur, und du endest schlimm! Wo bist du? Malandrini! Er ist geflohen, der Brandstifter!«

Der Wirt richtete sich auf.

»Wie? Er spricht von mir?«

»Lassen wir sie schwatzen«, sagte der Advokat bitter. »Es ist das Volk.«

»Was denn, der Wirt!« sagte jemand. »Ganz andere Leute sind verdächtig.«

Und die Stimme der Pipistrelli:

»Die Komödianten! Don Taddeo hat das Unglück vorausgesagt! Nun haben sie die Stadt angezündet!«

»Du bist eine böse Alte!«

»Hat sie denn nicht recht? Wer sonst konnte denn stehlen, indes das Haus brannte, wenn nicht der Komödiant, der darin wohnte.«

»Wir wissen es längst; alle sagen es.«

»Ganz andere Leute! Was wißt ihr von den hohen Geheimnissen. Es gibt Dinge . . . Wer ist denn der Feind des Don Taddeo und will sich rächen? Wer hat denn den Ankauf der Dampfspritze verhindert?«

»Man muß den Stolz des Advokaten kennen. Don Taddeo hat seine Macht gebrochen, das macht ihn zu allem fähig. Lieber soll die Stadt untergehen, als seine Herrschaft!«

»Ah! Der Advokat ein Schurke? . . . Wenn man es bedenkt . . . Die Herren sind alle Schurken! Man muß sie alle auf die Galeere schicken!«

Das Geschrei der Weiber kam wieder obenauf.

»Der Komödiant! Es ist der schöne! Wir werden ihn mit einer dicken Kette um den Hals sehen!«

»Man merkt, daß er euch nicht angesehen hat! Der Advokat ist es, der Advokat!«

»Vielleicht, daß der Komödiant ihm geholfen hat?«

Der Advokat in der Laube warf die Schultern.

»Da haben Sie das Volk! Sie, den Gennari, mich, es weiß nicht, wen es noch beschuldigen soll.«

Aber der Wirt rückte, den Kopf schief, seitwärts Schritt für Schritt aus seiner Nähe. Der Advokat sah sich um: er war fort. Durch das einsame Dunkel der Laube zuckten Lichter wie rote Schlangen. Zwischen den Blättern erschien manchmal ein aufgerissenes, wild überflackertes Gesicht wie eine höllische Maske. Zum erstenmal heute nacht seufzte der Advokat. Er beugte sich über sich selbst und bedeckte die Augen.

Draußen geschah ein großer Stoß; eine Frau heulte auf, weil die andern sie überrannten.

»Der Komödiant!« schrien sie. »Was tun denn die Carabinieri? Soll er auch unsere Häuser anzünden?«

Nello Gennari war schon von der Spritze weggerissen, schon umringt und auf einen Tisch geworfen. Sie türmten um ihn her die Stühle, die er selbst aus dem Hause gerettet hatte. Gaddi, Chiaralunzi und der alte Acquistapace mußten die Barrikade stürmen, um Nello zurückzuholen. Bestürzt sah er die sanftesten Gesichter der Stadt, Haß fauchend, auf sich eindringen. Nina Zampieri klatschte mit diesen weich gebogenen Händen, die nur zum Tasten auf den Saiten der Harfe bestimmt schienen, klatschte, weil er fiel und sich verletzte. Ersilia und Mina Paradisi, die sich seinetwegen geohrfeigt hatten, schrien nun gemeinsam auf ihn ein.

»Er ist es! Man hat ihn gesehen. Er ist davongelaufen, einen Augenblick, bevor es brannte. Alle haben gesehen, daß er aus dem Tor lief!«

»Fontana! Capaci! Verhaftet ihn! Cantinelli, befiehl es ihnen!«

Die Soldaten wurden vorwärts gestoßen. Da trat ihnen der Advokat Belotti entgegen und griff an seine rote Mütze.

»Meine Herren, einen Moment! Meine Damen, Sie begehen einen Irrtum!«

Er stellte seine Hand beschwörend gegen alle diese heulenden und pfeifenden Köpfe, diese zum Sturm vorgeworfenen Leiber.

»Ich tue meine Pflicht, o meine Damen, und leiste Ihnen einen Dienst --«

»Schweige! Du und deine Partei auf die Galeere!« -- und dazu pfiff es.

»-- da ich Sie davor bewahre, ein Unrecht zu begehen. Denn dieser junge Mann ist unschuldig: glauben Sie mir, unschuldig. Ich kenne sein Leben, und ich weiß, welches Geschäft er vor dem Tor hatte . . . Soll ich es ihnen sagen?« raunte er Nello zu.

»Nein.«

»Sie sind in ernster Gefahr. Sie haben sich dem Volk verdächtig gemacht.«

»Um Gottes willen, schweigen Sie!«

»Sie sind ein tapferer junger Mann . . . Ich darf Ihnen nichts weiter sagen, meine Damen,« keuchte er angestrengt, »als daß dieser hier unschuldig ist. Denken Sie denn nicht mehr an die Stimme, mit der er Sie so oft gerührt hat? Solche Stimme lügt nicht. Ich, der Advokat Belotti --«

Er hob sich auf die Zehen, reckte die Hand hinauf und öffnete die Augen, soweit er konnte.

»-- ich bürge euch für diesen hier!«

Auf einmal fuchtelten alle Arme nur noch gegen ihn. Das Pfeifen betäubte ihn. Er verstand nicht die Stimmen, die sich überschrien. Die Männer warfen sich durch die Frauen hindurch. An ihrer Spitze stand unversehens auf einem Stuhl der Savezzo, massig, mit einer stählernen Geste nach dem Advokaten und auf seinem Gesicht die drohende und dunkle Kraft der ganzen Menge.

»Ich bin da, um auszusprechen, was ihr alle denkt!« rief er ehern. »Hier bürgt ein Verdächtiger für den anderen!«

»Du hast recht! So ist es!«

»Der Advokat verdient nicht mehr Glauben als der Komödiant! Auch er ist ein Komödiant!«

»Gut!«

»Zu lange schon betrügt er das Volk!«

»Zu lange!«

Der Savezzo schlug mit der linken dem Chor den Takt. Dann, die Faust gegen seine Brust schmetternd, die vorgetreten war wie ein Panzer:

»Ich, Mitbürger, nenne euch den Namen des öffentlichen Feindes, und wenn ers nicht ist, dann richtet statt seiner mich selbst!«

»Nenne ihn!«

»Es ist der Advokat Belotti!« -- und damit sprang der Savezzo hinunter in das Wogen und Geheul, zeigte nach allen Seiten seinen schwarz aufgerissenen Mund und legte sich, allen voran, zum Sturm aus. Der Advokat war von Acquistapace, Gaddi und Chiaralunzi umringt. Sie hielten ihm die Arme, und er zeigte der Menge seine offenen Hände, wie um ihr zu beweisen, daß sie rein seien. Sie schrie trotzdem:

»Das Waschhaus! Die Dampfspritze! Die Wahlen! Auf die Galeere mit ihm! Werft ihn zu Boden! Ah! auch die Arbeiter hat er bestochen, daß sie den Schlauch gegen uns richten. Wehe, wenn wir dich erst haben!« -- und dazu brüllte das Vieh, und die Glocken läuteten immerfort Sturm.

»Welch häßlicher Narr«, schrien Weiberstimmen, »mit seiner roten Nachtmütze!«

Der Advokat bewegte heftig den Mund, ohne daß man ihn hörte. Aber die Adern schwollen ihm.

»Ich bin euer Freund«, hörten die, die seine Arme hielten, ihn keuchen. »Aber ihr sollt sehen, ob ich ein Mann bin und stark auch gegen euch. Ich werde zu kämpfen wissen.«

»Reize sie nicht, Advokat!« flüsterte Acquistapace. »Tue es für mich! Lieber will ich allen feindlichen Heeren der Welt gegenüberstehen, als dem Volk!«

»Es sind gute Leute, Herr Advokat«, sagte der Schneider Chiaralunzi. »Teufel, in diesem Augenblick sind sie verrückt. Man muß Geduld haben.«

Wo der Savezzo sich abarbeitete, brachen übermächtige Rufe hervor.

»Was hat er mit dem Malandrini in der Laube gesprochen? Malandrini, rede! Er hat dir dein Grundstück abkaufen wollen, damit er das Doppelte fordern kann, wenn hier das städtische Schlachthaus gebaut wird. Denn das will er! Und darum hat er das Gasthaus in Brand gesteckt!«

»Auf die Galeere! Auf die Galeere!«

Der Advokat keuchte:

»Ich merke euch mir! Ihr werdet mich kennen lernen! Ah! sogar du, Scarpetta, den ich genährt habe. Wie? Giocondi, du hast das Herz, die Faust gegen mich zu erheben? . . .«

Er schwieg; denn dahinter fuchtelte auch Polli. Die Hand des alten Acquistapace fühlte sich lockerer an um seinen Arm. Es gab keine Freunde mehr. Der Advokat betrachtete, in einer stolzen Marter, jedes einzelne dieser hundert vom Morgenlicht fahlen Gesichter, bis dahinten, wo im erlöschenden Widerschein des Brandes die letzten durcheinander flossen. Und Jole Capitani, wo war sie? Liebe und Ruhm, wo waren sie? Alles verschlungen von der despotischen Laune des Volkes. Der Advokat bäumte sich. »Ihr hättet eine Schreckensherrschaft nötig!«

In der Nähe wiederholte sein Bruder Galileo den Schrei der Menge:

»Auf die Galeere! Pappappapp, versteht sich, auf die Galeere: wohin denn sonst mit den Buffonen! Er wollte prahlen, er wollte den großen Mann machen, und das bringt ihn nun auf die Galeere.«

Von unten, zwischen den Beinen hervor, rang sich manchmal ersticktes Jammern.

»Alles nur Verleumdung! Der Advokat ist ein --«

»Wie? ein großer Mann sagst du? Ah! du sollst einen sehen!« -- und der Barbier Bonometti bekam neue Fußtritte. Er jammerte lauter, -- indes im Haufen der Weiber, den die Menge gegen die verschlossene Tür des Schuppens drängte, die Witwe Pastecaldi ein Schluchzen erhob:

»Der Advokat auf die Galeere. So endet er nun: ich habe es immer gefürchtet.«

»Tröstet Euch«, sagte die Magd Felicetta. »Euer Bruder ist nicht der einzige. Auch der Komödiant geht auf die Galeere. Denn wir wissen jetzt, daß sie das Haus zusammen angesteckt haben.«

»Es ist wahr!« schrien die Frauen. »Denn der Advokat und der Komödiant sind aneinander geraten, wie sie beide zu der Italia wollten. In ihrer Eifersucht haben sie die Kerzen umgeworfen; und als es dann brannte, ist die Ersilia Malandrini darüber dazugekommen. Da haben sie sie, damit nichts herauskäme, gebunden und verschwinden lassen. Vielleicht haben sie sie umgebracht, die Arme.«

»Sie haben sie umgebracht! Denn für eine schlechte Frau wie jene Komödiantin, sind die Männer zu allem fähig.«

»Auf die Galeere die beiden!« -- und ein letzter Stoß drängte die Verteidiger des Tenors und des Advokaten von ihrer Seite. Die Hände der Feinde packten sie an; -- da kreischten auf einmal alle Weiber auf. Sie fielen in der Tür des Schuppens, die klaffte, durcheinander, kugelten, eine über die andere fort, in das Heu, und unter ihren umgeschlagenen Röcken kreischten sie . . . Plötzlich schwiegen sie. Bewegung entstand im Dunkel des Schuppens, dumpfe Rufe, eine fassungslose Stille. Die Menge hielt an und spähte hin. Die ersten, erstarrten Gesichter erschienen in der Tür, und zwischen ihnen, im Hemd, Frau Malandrini. Hinter ihr zeigte sich widerwillig der Baron Torroni.

* * * * *