Part 22
Als sie ihm gute Nacht gewünscht hatte, ging er gesenkten Kopfes durchs Zimmer. Dann wurden drunten Stimmen laut, -- und hastig löschte er das Licht. Er lauschte. Mit geschlossenen Augen und lauschend rückte er dem Fenster immer näher: da kreischte, inmitten der Sprechenden, die vorbeikamen, ein Frauenlachen auf. »Sie! Ach sie!« -- und Don Taddeo brach zusammen.
Er kam zu sich; tief dunkel war es; und ihm fiel wieder ein, daß er verloren sei.
»Vielleicht zeigte sie ihnen, indes sie lachte, das Fenster des verlorenen Priesters? Denn sie weiß es! Sie weiß, daß ich sie in der Beichte begehrt habe. Wie? Du wolltest behaupten, es sei nur Zufall gewesen, daß ich an ihr Kleid streifte? Gestehe! Ich gestehe . . . Während ich dann voll Angst den Kopf gewendet hielt, durchlief michs, als berührte auch sie mich. Wir haben uns berührt, wir haben einander Wollust mitgeteilt, und ich, der Priester, der die Handlung seines Amtes entweihte -- o! niemand als Gott weiß darum, und dennoch bin ich nun exkommuniziert.«
Er betastete sich, -- und er warf die Arme in die Luft.
»Es ist nicht möglich: ich träume. Was ist denn geschehen, daß ich verstoßen wäre aus der Gesellschaft der lebendigen Seelen, verstoßen und verdammt! Ach, über mich!«
Er brach sein Entsetzensgeschrei ab, lauschte und spähte hinaus.
»Niemand . . . Was ich getan habe, ist meine Sache. Wer weiß denn, wie es kam? Ist es nicht ein außerordentliches Geschick, das mich getroffen hat? Der Papst hat leicht verdammen. Es soll nicht gelten! Ich will wieder werden, der ich war. Kennen mich nicht alle? Bin ich nicht unter ihnen ein Verteidiger des heiligen Geistes? Mich selbst nennen sie einen Heiligen . . .«
Plötzlich schlug er die Hände vor die Augen; er lachte stöhnend.
»Ein Heiliger! Ein Heiliger, der sich in den Kalk eines Kirchenfensters krallt, um einer Komödiantin zuzusehen, die Unzucht treibt! Ein Heiliger, dem es nichts nützt, auf dem nackten Stein zu schlafen, so sehr brennt ihn die Begierde nach ihr! In den Augen jeder Frau erspürt er die scheußliche Lockung der einen; denn auch die Hände der armen Baronin Torroni werden heiß in meinen, sie sieht mich an und weiß nicht, was von mir ausgeht. Was sage ich? Die Madonna! Ich darf der Madonna nicht mehr ins Gesicht sehen!«
Er krümmte sich, lautlos schluchzend, über sich selbst.
»Wohin, mein Gott? Ich bin verpestet, mein Hauch tötet Seelen. Mein Laster hat die Stadt ergriffen, daß sie sich mit den Komödianten zugrunde richteten, von Gott abfielen und meinem Feinde, dem Advokaten, zuliefen. Die Verderbnis der Stadt ist meine Strafe und das Abbild meiner eigenen Verderbnis. Denn das Namenlose ist geschehen, und ich, der Hüter des Geistes, bin dem Fleische erlegen. Der Geist, der heilig ist und mich erfüllte, konnte den Bildern des Fleisches weichen! Was spreche ich vom Papst und von den Strafen? Es könnte weder Papst noch Gott geben; keine Ewigkeit könnte der Menschen warten; und dennoch bliebe der Geist -- o! welche Erkenntnis und welche Niederlage -- er bliebe heilig, und ich, der ihm geweiht war und gleichwohl meine Gedanken in die gemeine Lust der Ungeweihten gemischt habe, ich bin nun schrecklicher verdammt, als je ein der Hölle Verfallener.«
Er reckte die Arme hinauf.
»Vernichtung! Gott! Reinige mich und vernichte mich! Wir müssen brennen: sie, die mich zu Fall gebracht hat, ich selbst -- und alle, die hier sündigten: die Stadt muß brennen! Du willst es, Herr!«
Er stand steif; droben zitterten die Spitzen seiner bleichen Hände wie Pfeile zum Himmel. Vom Himmel floß es heiß an ihnen herab. Don Taddeo fühlte sich verzehrt und gereinigt. Er schloß die Augen, umwogt von göttlichen Flammen. Sie hoben ihn auf. Die Stadt war unter ihm, und sie brannte, auch sie. Don Taddeo war vor dem Tode noch so mächtig gewesen, daß sein Gedanke sie in Brand gesteckt hatte. Nun starb er, erlöst . . . Er seufzte und öffnete die Augen. Er lebte noch, drüben glomm das Licht vom Gasthaus »zum Mond«, nichts war geschehen. Don Taddeo taumelte auf sein Bett.
»Ich bin machtlos. Und ich werde wahnsinnig. Was wird kommen?«
Er horchte entsetzt. Ihre Stimme! Sie nahte, schwoll an, sie lachte wie der Dämon. Don Taddeo hielt sich die Ohren zu, aber er hörte. Er drückte die Lider aufeinander und dennoch sah er das Weib mit dem Manne ihr Zimmer betreten, sah sie die Kleider lösen, erblickte den Glanz des Fleisches. Er krümmte sich unter den Bildern. Ein Schrei der Lust traf ihn so heftig, daß er aufsprang und sich umsah. Er hatte rote Wellen vor den Augen und in den Ohren Lärm.
»Sie muß brennen!«
Er suchte keuchend umher, setzte mit wirrem Flattern durch die Zimmer, über die Treppe, und draußen -- niemand da? -- huschte er auf die Schattenseite und die Gasse zum Gasthaus hinab. Es hatte nur ein helles Fenster. Don Taddeo starrte, zurückweichend, hinauf. Da ging ein Laden; der entblößte Arm glänzte auf, der ihn anzog. Don Taddeo warf sich, und die Zähne klapperten ihm, zu Boden; er schaufelte mit den Händen auf dem Pflaster das Stroh zusammen . . .
Still! Welche Stimmen? Der Tenor, der im Gasthaus wohnte! Kam er?
* * * * *
»Weiß ichs?« sagte Nello Gennari.
»O nein«, sagte Flora Garlinda, -- und sie gingen weiter.
»Die Leute klatschen nicht immer ohne Grund. Ich will dir gestehen, Nello, daß ich mich in letzter Zeit vor dir gefürchtet habe. An deinem Ehrenabend warst du geradezu erstaunlich.«
»Daher also wurde dir schlecht? Du tust mir leid, Flora.«
»Kein Grund, mein armer Nello. Denn ich fürchte nichts mehr von dir. Seit heute abend bist du wieder so mittelmäßig wie je.«
Sie betrachtete, die Lippen fest geschlossen, aus den Winkeln seine vor Enttäuschung einfältige Miene. Er stieß hervor:
»Aber sie klatschten auch heute abend.«
»Natürlich gab es Frauen, die klatschten, da du ja schön bist«, -- und Flora Garlinda zuckte die Achseln. Er fuchtelte.
»Wenn du wüßtest . . . Man hat wohl das Recht, einmal schlecht zu singen, wenn man --. O Flora, ich war der Glücklichste von allen, heute aber wäre ich fast ermordet worden.«
Er fuhr zusammen und sah sich hastig um, aber die letzten Gäste des Klubs betraten dort hinten, jenseits des leeren Platzes, die Treppengasse. Flora Garlinda bog in die Gasse der Hühnerlucia.
»Fast ermordet: o! was für Abenteuer.«
Plötzlich verschwand ihr spöttisches Lächeln, ihr Ton war müde.
»Das ist es. Wer zuviel erlebt, kann niemals wissen, wie er am Abend singen wird . . . Gute Nacht.«
Von der Schwelle ihres Hauses rief sie ihm mit leichter Stimme nach:
»Träume von deiner großen Vergangenheit, Kleiner!«
Er ging, die Stirn gesenkt, dem Corso zu. Auf einmal warf er sich herum, stockte wieder, atmete heftig in die Nacht hinauf. Seine Hände hoben sich, langsam und zuckend: -- da ließ er das Gesicht hineinfallen; im Nacken flog sein halblanges Haar, worin dunkel der Mond glitzerte, und Nello stöhnte:
»Alba!«
Seine Seufzer erstickten, in der weißen Stille rieselte der Brunnen. Jener Fensterladen hinter dem Glockenturm zitterte ein wenig.
. . . Mit einem Ruck richtete Nello sich auf, er ließ laut die Finger knallen und stürzte vor nach der Rathausgasse. Hinter der geschlossenen Tür des Cafés »zum Fortschritt« entstand Geräusch: Nello schrak wild zurück. Gleich darauf streckte er der Tür die Zunge aus und lief . . . Vorüber. Er warf die Schultern in die Höhe, lachte metallisch auf. Im zweiten Stock des Rathauses ward ein Vorhang weggezogen. Nello sah sich, schon nahe beim Tor, nach dem Lichtschein um. Er schüttelte lachend den Kopf; er drückte die Hände vor den Mund, woraus Jauchzen brach:
»Alba!«
Vor dem Tor hörten unvermittelt die Lichter auf; Nello sah sich um.
»Ich glaubte die Straße zu kennen wie sonst keine, aber wie viele Verstecke, die ich nie bemerkt habe, gibt es unter diesen Büschen!« Plötzlich schauderte ihn; er hielt an, die Arme steif am Leibe . . . Nein, ein Schatten. Aber es war dennoch kein Spiel gewesen, als heute morgen jener Verrückte mit dem Messer hinter ihm her war. »Ein Verrückter, ja, und vielleicht schläft er jetzt mit einem Besenstiel im Arm statt Alba, um die er mich beneidet; -- aber darum sticht dennoch sein Messer. Ich habe dennoch um Albas willen den Tod gesehen. Soll ich ihn wiedersehen? O Gott! Noch nicht! . . . Gleichwohl war ich groß, auch ich! Sie haben es gefühlt, als sie klatschten; und ich selbst fühlte es. Alba war es, die mich groß machte: weil ich sie liebte. Ich liebe sie. Zu ihr!« Er hatte den Weg nun sicher unter den Füßen. Die Stirn hoch, ging er zwischen den Mauerschatten hin, die ihm jäh entgegensprangen, zwischen schwarzen Hecken, worin manchmal ein Mondstrahl aufblitzte, als sei es ein Dolchstrahl. Ein Lufthauch wehte ihn an; Nello öffnete die Nasenflügel. »Ihr Duft! Er kommt aus ihrem Garten, aus ihrem Haar, von ihrem Körper, der leidenschaftlich auf meinen Kuß wartet!« Aber dieser Duft durchdrang ihn bitterer glühend als sonst; nicht nur Liebe brachte er mit. »Ich werde sterben!« Er schloß die Augen, bog den Kopf zurück. Das Gesicht der schwarzen Nachtwelle hingebreitet, und mit geöffneten Armen:
»Alba!«
»Da bin ich, Nello!« -- und aus dem Schatten langten diese geliebten Hände.
»Du hast mich erwartet: ich wußte es, meine Alba!«
»Du kamst: ich wußte es, mein Nello!«
»Aber wenn ich nicht mehr bis zu dir gelangte? Denn ich habe vergessen, mich zu bewaffnen.«
Sie ließ eine Klinge funkeln.
»Das ist das Messer, das dich treffen sollte. Ich bin da: wehe den Feinden meines Geliebten!«
Und weich, die Hände gefaltet auf seiner Schulter:
»Du hast mich vor der Schlange errettet: jetzt lasse zu, daß ich dich verteidige. Ich werde es besser können als du. Denn dein Leben ist mir teurer als dir.«
Sie führte ihn rasch über den mondhellen Platz vor der Villa. Als sie hinter ihnen das Gitter verschlossen hatte:
»Hier sind wir allein. Kann man auf Erden so allein sein wie wir?«
Sie sanken sich Brust auf Brust, sie betasteten die Umrisse ihrer Gesichter.
»Die Nachtigall singt ganz leise: nur wir sollen sie hören. Die Rosen duften heute so schwach, als sei es im Schlaf. Es ist still, sogar unsere Herzen gehen ruhig vor Glück. Hörst du, mein Geliebter, um uns her das Meer sich wiegen? Sanft spült es an unsere Insel, an unsere dunkle kleine Insel. Laß uns hinaussehen!«
Sie traten unter den silbern blitzenden Rand der Laube aus Steineichen. Ohne Ufer wogten Schleier des Mondlichtes vor ihnen dahin.
»Und morgen löst sich unsere Insel und treibt von dannen, o Glück! Wir stehen, und ich habe alles vergessen, was nicht du bist, und du hast alles vergessen, was nicht ich bin, o Glück!«
»Halte die Spitzen deiner Finger in das Licht hinaus: siehst du, nun haften Blüten aus Mond daran. Willst du mir nicht einen Kranz daraus machen?«
»Denn ich vergesse alles, was nicht du bist, Geliebter. Habe ich nicht die Armen weggeschickt, die um ihr Mehl kamen? Zum erstenmal tat ich das, und tat es, weil wir das Geld zur Reise brauchen, drum ist es keine Sünde. Denn die Religion will, daß wir zuerst unsere Pflichten erfüllen, dann Gott dienen. Meine Pflicht aber bist du, weil ich dich liebe.«
»Und ich dich, o Alba!«
»Nie habe ich es so sicher gewußt, daß du mich liebst, o mein Geliebter, und daß wir immer glücklich sein werden.«
»O Glück!«
». . . Warum hat, während wir uns küßten, die Nachtigall geschwiegen?«
»Ich hörte sie nicht verstummen, unsere Küsse, du Lieber, waren zu tief; nun aber ist es mir, sie habe geschluchzt, immer süßer, immer schrecklicher, und dann aufgeschrien . . . Da liegt sie.«
»Sie ist tot!«
»Wir wollen sie mit Blättern zudecken. Wir wollen sie beneiden: sie ist durch Liebe gestorben.«
»Auch ich werde sterben durch Liebe, Alba!«
»Was hülfe es dir? Meinst du, ich ließe von dir im Tode? . . . Schon verließen wir wohl die gewohnte Erde, denn sieh, dort drüben geht, mitten über dem Mondlande, die rote Sonne auf.«
»Wie gewaltig der Himmel sich färbt! Eine unbekannte Stadt mit zauberhaften Palästen drückt ihre schwarzen Umrisse in das brennende Rot. Sehnst du dich nicht dahin, meine Geliebte?«
»Aber wenn es ein Brand wäre?«
»Ein Brand? Welcher? Wo?«
»In der Stadt. Horch, sie läuten schon, und da, der Rauch! . . . Links vom Dom steigt er auf, am Corso . . . Vielleicht unterhalb des Corso?«
»Alba! Es ist das Gasthaus!«
»Ich wollte es nicht sagen.«
»Das Gasthaus brennt, worin ich wohne! Jetzt vermissen sie mich. Wir sind verloren, was tun!«
»Du mußt hingehen, dich ihnen zeigen.«
»Laß uns fliehen, Alba, sogleich fliehen!«
»Man würde uns zurückholen. Wer weiß, was man denken würde.«
»Was denn! Ja was denn!«
Und da sie schwieg:
»Nein. Ich eile hin. Leb wohl! Ich laufe am Fluß entlang und springe über die Gartenpforte.«
»Am Fluß werden sie Wasser holen und dich kommen sehen. Gehe lieber über den Corso. Er wird voll erregter Leute sein; vielleicht, daß sie dich nicht beachten . . . Geh, Lieber, wenn wir uns wiedersehen, ists für immer.«
»Für immer«, rief Nello zurück.
* * * * *
Schon beim Rathaus roch er den Rauch. Drüben im Corso drängte sich das Volk und quoll bis auf den Platz hinaus. Auf der Treppe vor dem Dom stand eine Gruppe: Nello suchte umsonst, voller Befürchtungen, die Gesichter zu erkennen. Auf dem Platz war kein Licht. Die schwarzen Formen der Menge wurden flackernd eingefaßt vom Schein der roten Säule über den Dächern, der alle Hälse sich nachreckten. Nello Gennari drückte sich an den Häusern hin. Vor dem ganz verstopften Eingang des Corso tat er plötzlich einen Sprung, riß zwei Männer an den Schultern auseinander und schrie:
»Platz! Platz für den Advokaten Belotti!«
»Was denn! Buffone!« keifte die Stimme des Galileo Belotti von der Domtreppe herab. »Kommen etwa wir durch? Und ist der Advokat wichtiger als wir?«
»Der Advokat ist schon beim Gasthaus«, sagte jemand im Gedränge.
»Ich weiß es!« rief Nello verzweifelt. »Ich habe einen Auftrag vom Advokaten und muß zurück zu ihm.«
»Der Advokat hat keine Aufträge mehr zu geben«, sagte grollend der Schlosser Fantapiè. »Hätte er statt euch Komödianten eine Dampfspritze angeschafft! Jetzt brennen wir auf.«
»Hilfe! Unsere Federboas! Unsere Hüte! Alles wird zerdrückt!«
Die beiden Fräulein Pernici jammerten durchdringend. Sie trugen den ganzen Inhalt ihres Ladens auf den Armen. »Fertig ist der Advokat!« brüllte der Schlächter Cimabue. »Er hat den Prozeß verloren, und Don Taddeo behält den Eimer. Komm her, Komödiant, ich will dich deinem Advokaten an den Kopf werfen.«
Da Nello bis unter die Domtreppe zurückwich, hörte er eine unheimlich sanfte Stimme.
»Sie glauben doch nicht, daß dieser Komödiant einen Auftrag vom Advokaten hat? Er ist nur davongelaufen, als es brannte: nein, seltsam, einen Augenblick vorher; denn ich habe ihn laufen gesehen.«
Entsetzt fuhr Nello herum: Frau Camuzzi sah ihm von oben gierig in die Augen. Ihm stockte der Atem vor der Glut dieses Hasses. »Ich bin verloren!« dachte er, ganz starr.
»Glauben Sie denn wirklich,« fragte droben der Cavaliere Giordano, »daß die ganze Stadt aufbrennen wird?«
»Sprechen Sie doch nicht davon!« flehte der Kaufmann Mancafede und rieb sich die Beine; denn er hatte nicht Zeit gefunden, die Unterhosen anzuziehen. »Mein unversichertes Lager! -- und mein Haus wird das erste sein, das brennt.«
»Wie wollen Sie, daß das Feuer hinter den Turm dringt?« meinte Frau Camuzzi mit Achselzucken; aber Mama Paradisi warf sich wogend gegen die Schulter des Kaufmannes.
»Mein Isidoro, wenn unsere Häuser in Flammen aufgehen, werden wir zusammen in die Welt hinauswandern und ein neues Leben anfangen.«
»Und Ihre Töchter?« fragte Frau Camuzzi. Aber Mama Paradisi wehrte, fessellos, mit der Hand ab.
»Auch ihnen wird Gott helfen. Ach! Ach! ich fürchte, mein Isidoro, dies Feuer ist eine Strafe für uns beide, weil wir zusammen glücklich waren, ohne uns um die Religion zu kümmern.«
Der Cavaliere Giordano rang seinerseits die Hände.
»Welch Unglück für mich, wenn das Rathaus zerstört würde! Das Rathaus, woran ich meine Gedenktafel haben sollte!«
»Ihre Gedenktafel!«
Das rote Nußknackergesicht des Bäckers Crepalini schalt herauf.
»Sie wissen also noch nicht, mein Herr, daß der Gemeinderat sie heute abgelehnt hat? Ah! die Zeiten des Advokaten sind vorüber, er hat den Prozeß verloren. Man errichtet nicht mehr, sobald es ihm paßt, Gedenktafeln für Landstreicher.«
»Landstreicher? Ich? der ich ein Haus habe in Florenz, voll von Geschenken der Fürsten und der --«
Der Barbier Nonoggi stieß den Alten unehrerbietig beiseite, er machte sich an den Savezzo, der abseits, die Arme verschränkt, am Dom lehnte, und er wisperte:
»Masetti hat entdeckt, daß das Feuer gelegt worden ist: ja, an der Holztreppe zum Balkon ist es gelegt worden. Er hat es dem Allebardi gesagt, denn er und der Kutscher arbeiten an der Spritze, und der Allebardi --«
Nonoggi rang nach Atem und tanzte.
»Nun?« fragte Savezzo und nickte schwer.
»-- hat mich zu Euch geschickt, im tiefsten Schweigen, damit ich Euch frage, was man tun soll, ob man sprechen soll; denn da Don Taddeo sich nicht sehen läßt, seid Ihr, Herr Savezzo, seit dem Unglück des Advokaten der größte Mann der Stadt!«
Und Nonoggi strich, tief gebückt, mit der Hand im Bogen über das Pflaster hin. Der Savezzo trennte die Brauen voneinander, unwiderstehlich öffnete sich sein Mund zu einem schwarzen Lächeln, und er schielte heftig auf seine Nase.
»Ich werde mich Eurer zu erinnern wissen, Nonoggi,« sagte er mit einer großen Gebärde. Und leiser:
»Es wird ein günstigerer Augenblick kommen, dem Volk die Wahrheit zu sagen. Wir müssen als Politiker handeln, die sich ihrer Verantwortung bewußt sind. Geht, Nonoggi, und schweigt! schweigt!«
»Und Ihre Tochter, Herr Mancafede?« fragte Frau Camuzzi. »Wird sie, wenn Ihr Haus brennt, herauskommen?«
»Was denken Sie?« antwortete er gekränkt. »Neun Jahre sind es, daß sie nicht ausgeht . . . Wehe, wehe!« -- und er hielt sich, wieder ganz zusammengesunken, die Ohren zu. Eine Funkengarbe schoß dahinten aus dem Dunkel; es knatterte; das Volk schrie auf. Die Kleinen des Schusters Malagodi, droben in ihrem Fenster, klatschten; und auch auf der Straße durchbrach den Schrecken heller Jubel.
»Nun sage, Pomponia,« rief die Magd Felicetta, »ob das nicht schöner ist als das Feuerwerk am Verfassungsfest!«
»Ich werde dir ein Feuerwerk machen!« -- und der Bäcker kniff sie, daß sie schrie.
»Ihr Herr brennt ab, und sie unterhält sich. Aber die Gemeinde soll mir mein Pachtgeld zurückgeben, wenn sie mich abbrennen läßt. Der Advokat! Er ist mir verantwortlich, er, der gegen die Dampfspritze gestimmt hat!«
»Nieder der Advokat!« rief man, »er hat den Eimer verloren! Don Taddeo gehört der Eimer!«
Der Barbier Bonometti widersprach allein:
»Es lebe der Advokat! Glaubt nicht den Verleumdern! Er ist ein großer Mann, der Advokat!«
Aber sobald er gerufen hatte, mußte er von seinem Platz weichen. Jeder stieß ihn weiter, und er wiederholte, einsam und verzweifelt:
»Es lebe der Advokat!«
»Nieder der Advokat!« schrie man einander in den Nacken, immer tiefer in den Corso hinein, bis vor die Brandstätte; die Pipistrelli schrie es im Takt mit Frau Nonoggi und Frau Acquistapace:
»Nieder der Advokat!«
»Don Taddeo hat es vorausgesagt: das ist das Gericht Gottes, weil ihr die Komödianten hergerufen habt!« -- und die Pipistrelli schwang ihren Krückstock über der Menge. Es ward gemurmelt:
»Don Taddeo hat es vorausgesagt.«
Aber jemand rief:
»Da ist einer von ihnen!«
Und mit gellendem Geheul fiel die Frau des Kirchendieners den Tenor Gennari an, der fast schon bis zum Gasthaus hindurchgeschlüpft war. Sie griff ihm mit der Krücke unter den Rock, und sie ließ sich von ihm schleifen.
»Haltet ihn! Das Gericht Gottes! Haltet ihn!«
Schon faßten Hände zu.
»Laßt mich!« rief Nello. »Ich wohne im Gasthaus!«
»So wollen wir dich hineinwerfen, damit du es warm hast, du schöner Kleiner!« -- und die Weiber, roten Feuerschein in den verzerrten Gesichtern, hoben ihn auf. Plötzlich flogen sie heulend auseinander; der Bariton Gaddi war da und verteilte Stöße. Rasch und sicher zog er den Freund ins Freie.
»Wir brauchen noch einen bei der Spritze«, erklärte er dem Leutnant Cantinelli, der mit seinen Untergebenen Fontana und Capaci die Menge von der Brandstätte abdämmte. Die Pipistrelli, Frau Nonoggi und Frau Acquistapace versuchten, die bewaffnete Macht zu überrennen, fanden sie aber unerschütterlich. Von weitem riefen sie den Wirt an, der, die Hände um den Kopf, durch den Hof seines brennenden Hauses irrte.
»He! Malandrini! Da habt Ihrs. Warum beherbergt Ihr die Feinde Gottes. Nun laßt Euch von den Komödianten Euer Haus bezahlen! Gewiß haben sie es angesteckt. Sind denn wenigstens Eure Gäste gerettet?«
»Das Vieh ist aus den Ställen gezogen«, antwortete er.
»Aber die Gäste!«
»Der Engländer ist mit der Komödiantin hinuntergelaufen.«
»Ah! hätte er sie doch brennen lassen. Aber natürlich brauchte er sich nur zu rühren, und sie war wach. Es wird nicht viel Platz gewesen sein zwischen den beiden.«
»Man hat sie gesehen«, sagte Frau Nonoggi. »Die Felicetta und die Pomponia haben sie gesehen. Sie werden jetzt anderswo weiterschlafen.«
Der Wirt griff mit beiden Händen aus, als machte er sich Platz.
»Meine Frau!« rief er. »Findet mir meine Frau wieder!«
»Wie? Ihr habt Eure Frau verloren?«
»Ich habe das Haus durchsucht, sie ist fort. Ich wache auf, es brennt, sie ist fort.«
Die Frauen sahen sich gierig an. Frau Acquistapace sagte:
»Sie wird die Kinder gerettet haben und Euch in der Eile vergessen haben. Ich begreife das.«
»Die Kinder«, stöhnte der Wirt, »sind da, sie aber --«
»Au, au! O über uns! Rettet euch! --« und die Weiber rannten, die Hände im Nacken, zurück, -- indes, in einem langen Aufschrei des Volkes, der hölzerne Balkon herunterkrachte und eine hohe Flamme vom Boden aufschoß.
»Der Schuppen!« schrie donnernd der Apotheker Acquistapace und schwang die Faust. »He, Masetti, Allebardi! Eure Spritze auf den Schuppen!«
»Ihr Komödianten,« kommandierte der Apotheker, »und Ihr, Chiaralunzi, richtet Euren Schlauch auf das Dach, denn diese verdammten dürren Maiskolben, die darunter liegen, brennen schon . . . Aber ihr anderen, rettet mir den Schuppen! Sonst wird er das Haus Polli in Brand setzen, und die Stadt ist zum Teufel . . . Mit Macht! Öffnet ihn! Reißt ihn doch auf!«
Aber er selbst riß vergebens.
»Malandrini, den Schlüssel!«
»Gebt mir meine Frau wieder!«
»Das ist aber kein Spaß mehr!« -- und der Tabakhändler Polli brach sich Bahn. »Wie? Ich soll keine Erlaubnis haben? Aber jene haben wohl die Erlaubnis, mir mein Haus anzuzünden!«
Der Leutnant Cantinelli ließ ihn durch, so sehr schrie er. Der Herr Giocondi drang mit ein.
»Ich habe ihn versichert! Malandrini, habe ich dich versichert oder nicht? Keine vier Wochen sinds, -- und das ist nun dein Dank, daß du mir abbrennst!«
»Solange es sich nicht um mein Haus handelte,« schrie Polli, »sondern nur um deins, Malandrini, habe ich nichts gesagt. Ich habe geschlafen, bis meine Frau mich weckte. Habe ich nicht sogar beim Erdbeben geschlafen? Niemand schläft wie ich . . .!«
»Wenn du auch nur eine einzige Prämie bezahlt hättest! Ein schönes Geschäft für die Gesellschaft! Sie wird mich vor die Tür setzen.«
Und der Herr Giocondi stieß den Wirt wieder dem Tabakhändler zu.
»Aber es scheint, daß ich gerade noch rechtzeitig komme!« schrie Polli. »Einen Augenblick, und meine Zigarren fangen an, sich selbst zu rauchen. Es fehlte nichts weiter. Setzt den Schuppen unter Wasser! Schlagt die Tür ein! Ein Beil!«
Die Arbeiter aus der Zementfabrik des Herrn Salvatori, die jungen Leute vom Elektrizitätswerk, die in einer langen Kette vom Fluß her Wasser holten, ließen die Eimer in der Luft schweben: solchen Lärm machten die beiden kleinen Alten.