Die kleine Stadt: Roman

Part 21

Chapter 213,862 wordsPublic domain

»Alle schlafen. Da ich nicht schlafe: hätte ich nicht die Frau des Schneiders trösten sollen? Der Schneider freilich ist stark, und ich zweifle, ob ich noch jetzt aus dem Fenster springen könnte, wie damals in Rom. Die Contessa Riotti! Sie verliebte sich in mich, als ich den Herzog im >Rigoletto< kreierte. Sie war die schönste Frau von Rom, und sie nannte mich den schönsten Mann, den sie je gesehen habe. Viele Jahre später sagte mir die Bouboukoff dasselbe. Es war zur Zeit des Caino, der letzten Rolle, die ich kreierte. War nicht die Bouboukoff die letzte Frau, die mich wirklich liebte? Die letzte Rolle, die letzte Frau . . .«

Er saß, die Schläfe in der Hand, ganz reglos.

»Still: da ist jemand«, flüsterte Nello an Albas Ohr. Sie flüsterte:

»Setze mich auf den Boden, dann sind wir leichter.«

Einander stützend, ließen sie langsam, langsam den Fuß von der letzten Stufe der Treppengasse in das Dunkel unter dem Rathaus.

»Wer ist es?«

»Der Cavaliere Giordano. Aber er schläft.«

»Sollen wirs wagen?« -- und sie schlüpften durch den Mondstreif in den nächsten Bogen.

»O Himmel! Er hat sich gerührt.«

»Warum die letzten?« dachte der Alte. »Noch manche Frau hat mir gehört. Viele Volksmengen haben mir zugejauchzt . . . Oder gehörten und jauchzten sie meinem Ruhm? Denn ich bin berühmt . . .«

Er sah ringsum an den Schatten hin, als erstaunte er. Alba und Nello hielten den Atem an.

»Alle schlafen dorthinten, unbekannt. Mich kannten Tausende, die schon starben. Frauen, die noch jung sind, haben von mir geträumt und Knaben sich an mir begeistert.«

»Warum geht dieser Alte nicht zu Bett? Wie sollen wir vorüberkommen? Das Kloster droben ist geschlossen, und nicht Amica ist morgen früh die Pförtnerin.«

»Auch hier, o Alba, lieben wir uns.«

Der Alte wendete das Ohr dem dünnen Plätschern des Brunnens zu.

»Ja, das war das beste: im Garten meines Meisters; ich hatte schwarze Hände von der Arbeit, und ich sang. Niemand achtete auf mich, -- Giulietta aber ließ ihre Wäsche liegen und hörte mir zu. Vom Waschbrunnen rann es: ja, so rann es, und dies war meine Stimme . . .«

»Wir wollen es wagen. Ganz sacht, mein Geliebter, durch den Mondschein. Um die Ecke ists dunkel, und wir sind in Sicherheit.«

»O, daß mehr Gefahren kämen, damit ich dich mir aus ihnen rette, meine Geliebte!«

»Giulietta war fünfzehn Jahre alt, ich siebzehn. Hatte sie wirklich an ihren bloßen Füßen diese rosigen Nägel? Wie sie auf meinen Händen welk sind! Weder die Frau des Schneiders, noch Rina, die Magd, werden mich wollen, wenn sie meine Nägel sehen.«

»Jener Alte mag nun weiter schlafen. Was weiß er, wie du küßt. Küsse mich, Alba!«

V

Der Gemeindesekretär trat an den Tisch vor dem Café »zum Fortschritt.«

»Die Herren wissen noch nicht die Neuigkeit? . . . Ich sage sie Ihnen im Vertrauen. Wir haben Grund, sie dem Publikum so lange wie möglich vorzuenthalten, denn wir müssen Unruhen befürchten.«

»Mancafede ist erbleicht«, sagte der Herr Giocondi. »Welchen Schlag werden Sie uns versetzen?«

Camuzzi nahm umständlich Platz; er setzte an, lächelte skeptisch, -- da kam aus dem Innern des Cafés mit hartem Schritt der junge Savezzo, pflanzte sich, die Arme verschränkt, vor den Tisch hin und sagte:

»Der Advokat hat seinen Prozeß gegen Don Taddeo verloren.«

»Nicht der Advokat: die Stadt hat ihn verloren«, sagte der Sekretär.

»Gleichviel,« -- und der Savezzo zeigte seine schwarzen Zähne; »die Stadt: das ist der Advokat. Sie verliert, weil sie auf ihn gehört hat.«

»Ich leugne es nicht«, sagte der Sekretär. Polli und Giocondi sahen sich an.

»Ist das der Grund, weshalb der Advokat sich heute nicht sehen läßt?«

»Herr Savezzo --«

Der Kaufmann legte seine dürre Hand inständig auf den Arm des jungen Mannes.

»Welche Absichten hat Don Taddeo? Wird er das Volk gegen uns schicken?«

»Man hat ihn schwer beleidigt«; -- und Savezzo hob unheilvoll die Schultern. Der Kaufmann bäumte sich wimmernd.

»Nur der Advokat hat ihn beleidigt. Mag er empfangen, was er verdient. Wie, Ihr Herren? Wir werden uns, da das Wohl der Stadt es verlangt, lossagen von ihm, wir werden ihn ausliefern.«

Der Apotheker Acquistapace schlug auf den Tisch.

»Wir alle haben den Prozeß geführt, und wenn die Gerichte uns unrecht geben, will es heißen, daß sie an die Priester verkauft sind.«

»Tatsächlich«, äußerte Polli, »weiß alle Welt, daß der Eimer der Stadt gehört, die ihn erobert hat.«

»Noch dazu mit Hilfe der Götter«, setzte der Herr Giocondi hinzu.

Der Gemeindesekretär betrachtete sie mit spöttischen Augen.

»Man sieht, daß die Herren das Gesetz nicht kennen. Das Gericht der ersten Instanz hat erwogen, daß die Kirche, die ihn Jahrhunderte hindurch verwaltet hat, durch die so lange getragene Verantwortung für das ruhmreiche Erinnerungsstück gewisse Rechte auf den Eimer erworben habe . . .«

Der Apotheker fiel ein:

»Alles das beweist nur, daß heute die Priester wieder obenauf sind.«

»Aber wir können appellieren«, meinte der Tabakhändler. Camuzzi erwiderte:

»Ich weiß nicht, ob die Gemeinde sich dazu entschließen wird. Der Advokat wird es verlangen, aber werden wir ihm folgen? Die Tatsache spricht nicht dafür, daß sein Antrag, am Rathaus eine Gedenktafel für den Cavaliere Giordano anzubringen, gestern abgelehnt worden ist.«

»Es gibt Leute,« erklärte Polli, »die von den Komödianten genug haben. Es scheint, daß sie morgen abziehen werden. Adieu, laßt es euch gut gehen.«

Auch der Herr Giocondi winkte Abschied.

»Wir kennen jetzt ihre >Arme Tonietta.< Ob wir sie kennen! Wenn ich mir den Mund ausspüle, klingt es wie >Sieh Geliebte, unser umblühtes Haus.< Niemand will mehr dafür bezahlen, versteht sich, und damit man noch hingeht, machen sie zwischen dem ersten und zweiten Akt ein Konzert, wobei die Garlinda im Ballkleid und der Gennari im Frack herauskommen und die Musik des Maestro Dorlenghi singen, der ein guter junger Mann ist.«

»Sollen sie sie singen«, sagte Polli. »Aber in den vier Wochen, die sie in unserer Mitte sind, geschieht ein Unglück nach dem andern. Man spricht besser nicht von den beiden Paradisi. Der Vittorino Baccalà war seinerseits immer ein ehrlicher Bursche, und dennoch hat er nun, weil solch ein kleines Weib ihm auf dem Buckel saß, seinen Meister bestohlen. Wären wenigstens in dieser Hinsicht die guten Familien verschont geblieben . . .«

Der Tabakhändler sah mit Gramfalten zwischen seine Kniee. Savezzo stellte brutal den Fuß vor.

»Und wem verdanken Sie das Unglück mit Ihrem Olindo? Denn man weiß, daß auch er, um seine gelbe Choristin zu bezahlen, in die väterliche Kasse gegriffen hat. Wer hat diese Bande von Abenteurerinnen auf die Stadt losgelassen?«

»Es sind Künstler!« rief der Apotheker. »Sie hinterlassen uns eine Erinnerung an die Ideale.«

»Und Schulden,« sagte der Gemeindesekretär, »-- die ich übrigens vorausgesagt habe. Aber wer vor Verschwendung warnt, ist ein Gegner des Fortschritts, und wer die Entsittlichung nicht wünscht, ein Klerikaler.«

»Ein Dieb ist der Tenor!« stieß plötzlich der schöne Alfò aus, der um den Tisch strich. »Will der Leutnant ihn nicht einsperren, dann bringe ich ihn um«; -- und er knirschte mit entblößtem Gebiß. Savezzo legte einen schweren Blick auf ihn; der schöne Alfò wich darunter ins Café zurück, und Savezzo folgte ihm. Im Gehen erklärte er:

»Der Gennari bezahlt niemals sein Frühstück, -- da er ja alles zum Parfümeur und zum Schneider trägt.«

»Welche Lebensweise!« sagte Mancafede. »Aber alle sind jetzt verrückt. An dem Fest, das der Severino Salvatori den Komödianten gegeben hat, verdient der Malandrini wenigstens zweihundertfünfzig Lire. Der Salvatori ist auf dem Wege, sich zu ruinieren.«

»Und sein Dämon ist der Advokat«, sagte Camuzzi. »Man würde glauben, daß dieser Mann nichts anderes sinnt, als wie er mit der eigenen Person, die Ausschweifungen aufreiben, zugleich die Stadt zerstören könne.«

»Der Advokat!« rief Acquistapace. »Er ist tapfer und hat große Gedanken. Wenn wir einst das neue Theater, das öffentliche Schlachthaus, die Eisfabrik und das Militär in Sommergarnison haben werden, dann werden wir auf dem Platz, der nach seinem Plan schön viereckig reguliert und ringsum mit Arkaden versehen sein wird, ein Standbild des Ferruccio Belotti errichten, des größten Bürgers der Stadt!«

Polli kratzte sich den Kopf.

»Alle diese schönen Dinge wären noch schöner, wenn es nicht so viele wären.«

»Um Fremde herzuziehen,« bemerkte der Herr Giocondi, »hat der Advokat die Gemeinde vierhundert Lire ausgeben lassen. Man muß sagen, daß der einzige Engländer, der beim Malandrini wohnt, uns etwas zuviel kostet.«

Der Gemeindesekretär bewegte elegant die Hand.

»Ihre Enttäuschung, meine Herren, wird von vielen geteilt. Der Advokat in seinem Schaffensdrang, der in Vernichtungstrieb ausartet, merkt nicht, wie er die Reste seines Ansehens verbraucht. Daß er die Komödianten hergeholt hat, bedaure ich nicht. Die Folgen ihrer Anwesenheit haben viele Augen geöffnet und viele Meinungen, die schwankten, befestigt. Man sieht sich plötzlich der Anarchie und dem Bankerott gegenüber und besinnt sich auf die Mäßigung und die Strenge, ohne die kein Gemeinwesen besteht.«

»Tatsache ist,« bemerkte der Tabakhändler, »daß heute früh in der Messe so viele Leute waren, wie seit zwanzig Jahren nicht mehr.«

»Der Unterpräfekt soll dagewesen sein«, sagte Giocondi. »Man muß also vielleicht wieder hingehen?«

Der Apotheker schnob zornig.

»Das ist nicht nur bei uns so. Überall regt sich die Reaktion, und die Regierung in ihrer Furcht vor der Demokratie, der sie doch entstammt, unterstützt sie. Hat nicht bei der Festvorstellung, die der König dem Kaiser von Deutschland in Rom gab, den ganzen ersten Rang die päpstliche Aristokratie eingenommen? Das liberale Bürgertum war gut genug, die Monarchie zu errichten; ihre Ehren empfangen nicht wir, sondern ihre alten Feinde. Es gibt Augenblicke, wo man bereuen möchte. Denn, sagen wir nur die Wahrheit, mit Garibaldi wäre das nicht möglich gewesen; und vielleicht war der Held zu groß, als er abdankte und uns verließ.«

»Sie haben recht«; -- Camuzzi feixte -- »unter Garibaldi und der Republik gäbe es keinen Streit, weder um einen Eimer noch um sonst etwas.«

Der Alte breitete die Arme aus.

»Denken Sie, ich zweifelte daran? Dann muß ich Ihnen sagen, was ich glaube. Dies mein Bein, das ich im Dienst der Republik verloren habe: -- ah! die Republik bleibt jung, wie ich selbst damals war, und käme sie nun, sie ließe mir mein Bein wieder wachsen!«

Camuzzi erhob sich vornehm.

»Sie sind ein Dichter, Herr Acquistapace.«

Zu Giocondi, der ihn begleitete, sagte er:

»Was soll man diesen Radikalen antworten? Sie glauben die Wahrheit für sich zu haben. Aber erstens: gibt es eine Wahrheit? Und dann würde sie zu weit führen.«

* * * * *

»Wohin, Alfò?« rief Polli; aber der Sohn des Gevatters Achille ballte nur, ohne sich umzusehen, die Fäuste und ging mit langen Schritten in die Rathausgasse.

»Was hat der schöne Alfò?« fragten, wo er vorbeikam, die Frauen. »Anstatt uns zuzulächeln, zieht er sich den Hut auf die Nase, als dächte er an Übles.«

Ein großes Stück hinter dem Tor, schon jenseits des Waschhauses, trat hinter einem Busch der Savezzo hervor. Der schöne Alfò begann zu schlottern.

»Ich weiß alles, was du denkst,« -- und der Blick des Savezzo lastete dumpf auf ihm. »Wehe, wenn du je verrätst, du habest mit mir gesprochen. Du weißt nicht, was ich kann; an deinem eigenen Wort würdest du sterben.«

»Aber wenn es wahr ist,« sagte Alfò, scheu geduckt, »wenn er sie verführt hat, dann ermorde ich ihn.«

»Ermorde ihn! Du kommst auf die Galeere.«

Der Savezzo zog ihn in den Feldweg.

»Leute wie du gehen nicht auf der Landstraße«, sagte er, düster lachend; und auf der Kreuzung der langen Buschgänge, vor einer Kapelle:

»Hier habe ich sie gestern belauscht. Sie sagte zu ihm: >Du sollst die Madonna nicht ansehen, ich bin eifersüchtig auf sie.< Dann schwor er ihr Treue, und sie versprach ihm, daß sie zu ihm entfliehen wolle, gleich morgen, kaum daß die Komödianten fort seien . . . Laß das Messer in der Tasche!« -- und der Savezzo trat, die Arme verschränkt, einen Schritt vor. Der schöne Alfò wich, leise winselnd, zurück.

»Da sind sie«, flüsterte der Savezzo vor Villascura. »Sie verstecken sich nicht einmal mehr. Alle Bauern, die vorbeikommen, haben sie umarmt gesehen, und du, Dummkopf, willst noch zweifeln?«

Der schöne Alfò warf sich lang hin; er erstickte sein Gewimmer im Staub.

»Wenn du ihn ermordest, kommst du auf die Galeere« -- und der Savezzo zog sich lautlos zurück, indes der schöne Alfò, flach am Boden, über die Straße und durch den Spalt im Gatter kroch. Er warf sich seitwärts auf die weiche Erde zwischen den Zypressen, wand sich von einer zur anderen, und dazwischen, die Zähne gefletscht, spähte er.

Nello ließ einen silbernen Spiegel in der Sonne glänzen.

»Welche feinen Dinge du mir schenkst! O! ich habe eine elegante Frau zur Geliebten, eine Dame der großen Welt.«

»Ich?« sagte Alba und hob sich, schwach errötet, an seinen Schultern empor. »Ach, ich Arme! Du aber kennst die Frauen der großen Städte.«

»Wie deine Hände duften!«

»Hast du mir nicht das Parfüm gegeben, das die Gräfinnen gebrauchen? Mein Nello, du weißt so vieles, was ich nicht weiß.«

»Ein armer Gesangkünstler! Wie kommt es, daß du mich liebst?«

Sie ließ ihn plötzlich los. Die Augen dunkel und heiß in seinen, schüttelte sie schwer den Kopf. Er ging ihr nach in den Schatten.

»Was hast du? . . . Hier ist es kühl, man atmet.«

»Findest du? Mir macht meine Liebe Fieber, sie erstickt mich. Sie ist schwer wie der Mond. Sie treibt mir Stacheln ins Fleisch, wie dieser Busch.«

»Alba, was tust du? Deine armen Hände!«

»Siehst du? Ich kann keinen anderen Schmerz mehr fühlen, als nur die Liebe zu dir.«

»Und ich?« rief Nello. »Was geschieht mir, was nicht von dir käme? Ich sehe niemand, nichts bewegt mich; aber wenn ich allein zwischen den Feldern gehe, muß ich plötzlich anhalten und lechzend blinzeln, denn in der heißen Luft kommt dein blendendes Gesicht, o Alba, kühl hauchend auf meinen Mund zu.«

Sie sah ihn, einsam grübelnd, an.

»Ich glaube dir nicht.«

»Du glaubst mir nicht?«

»Die Ersilia und die Mina Paradisi haben sich auf offenem Platz geohrfeigt: deinetwegen, sagt man.«

Er schnellte auf.

»Aber ich kenne sie nicht! Und sie könnten einander vor meinen Augen töten, so würde ich über sie hinwegsteigen, um zu dir zu gelangen!«

»Ist das wahr?« -- und sie breitete ihm, schwelgerisch zurückgeneigt, Gesicht und Arme hin. Unter seinen Küssen begann sie zu zittern.

»Und wenn dies die letzten wären? Nello! Die letzten Küsse?«

»Du willst mich also im Stich lassen, du Böse! Hat nicht der Pächter uns den Wagen verschafft und haben wir ihn nicht gesehen? Denselben Wagen, worin du mir morgen früh nachkommen wirst und in den ich einsteigen werde zu dir, morgen früh!«

»Als ich gestern zwischen Tür und Angel meiner Loge heimlich lauschte, wie du sangst, ward plötzlich das Herz mir schwach von der Angst, dies seien die letzten Töne, die ich von dir hören solle. Ich hängte mich an jeden, ich erschrak, wenn der nächste fiel; und ganz umschmiegt von deiner Stimme, sehnte ich mich nach ihr.«

»Meine Alba!«

»Du schwiegst; ich hatte nichts mehr zu hoffen; meine Kniee verließ die Kraft. Aus den Kulissen kamen in weißen Perücken die Diener und brachten dir auf Samtkissen in offnen Schatullen die Geschenke. Von welchen Frauen kamen sie?«

»Du weißt doch, daß das Komitee sie jedem gibt und daß sie nichts wert sind.«

»Mag sein. Aber wie viele Frauen warten, dahinten in der Welt, auf dich mit ihren Gaben? Wie vielen wirst du dafür singen? Ach, Nello! vielleicht haben wir alles gehabt, was uns gegönnt war. Vielleicht wirst du nie zu mir in jenen Wagen steigen, und ich werde, allein und vergessen, darin zurückkehren.«

»Alba! Was faßt dich an.«

Er schüttelte sie an den Armen. Sie sah über seinen Scheitel fort. Er erblickte unter dem düsteren Glanz ihres Auges ihr geschliffenes Profil, als stehe es drohend über ihm. Schaudernd bückte er sich. Sie sagte hinauf in die Luft:

»Nicht aber werde ich dich jenen zurücklassen. Höre! Du hörst die ernstesten Worte, die je dein Ohr treffen können. Jene werden ihn umsonst suchen, der Alba liebte und der keine mehr lieben soll. Du wirst verstummt sein. Das Echo deiner letzten Töne schließe ich in dies Herz, das versteinen wird.«

Ein Schwindel ergriff ihn. Er schlug sich auf die Brust, er warf sich in die Knie.

»Wenn ich je dich betrügen kann, will ich nicht mehr leben: töte mich!«

Sie ließ sich nieder zu ihm, sie umarmte weich seinen Kopf. Sie weinten.

Alba richtete sich auf, lächelnd mit nassem Gesicht.

»Du Böser siehst nichts. Ich habe Schuhe an, die aus Paris kommen. Küßt du nun meine Füße? Küsse sie! Ach! Es heißt schön sein . . . Und du, Schöner, glaubst du, ich wüßte nicht, daß du schon wieder einen neuen Anzug trägst? Laß dich bewundern!«

Er ging mit glücklichem Schritt vor ihr her, die Terrasse entlang. Da schnellte neben ihm aus der Erde etwas Schwarzes, Fletschendes: ein Messer blitzte. Nello lief; er lief und schrie:

»Hilfe! Mörder!«

»Auf die Terrasse!« rief Alba. »Ins Haus!«

Der Verfolger hatte schon den Weg zur Tür abgeschnitten, Nello hastete den Berg hinauf, hinter sich das Schnarchen einer Bestie. Er stolperte ohne Weg, er hatte keinen Atem mehr, ihm ward übel. Er blieb stehen, ihn verlangte nur noch, dem Mörder zugewendet die Arme zu heben. Plötzlich, schon schloß er die Augen, lag vor ihm ein Stein: der Stein, auf den er sich mit Alba gestützt hatte, damals, als sie auf der Flucht vor Nonoggi und dem Advokaten die Einsenkung des Berges hinabgerutscht waren; er erkannte die Pinie, an der sie sich gehalten hatten. Das Vergangene, alles Vergangene, alles, was Leben gewesen war und noch nicht die Spitze eines Messers auf der Brust gehabt hatte, war auf einmal wieder da; Nello stieß einen langen Schrei aus, er tat einen Sprung und fühlte eine Stufe. Hoch oben sah er sich um: der schöne Alfò wälzte sich am Grunde der Grube, in die sie einst beide gestürzt waren, und Alba war da, die ihm das Messer entriß. Nello warf sich hinter den letzten Zypressen in die Schlucht. In einer Höhle aus großen Steinen sank er zu Boden, preßte sich das Herz und atmete. Er sah umher. Er atmete.

»Hier küßte ich ihr das Blut vom Finger! Unsere ersten Küsse schmeckten nach ihrem Blut, und für die letzten hätte ich bald all meins gelassen.«

Er bebte plötzlich; angstvoller Haß verzerrte ihn.

»Sie wollte mich immer nur verderben. Sie hat mich geliebt, aber ihre Liebe ist tödlich. Was geht sie mich an, ich will nicht sterben.«

Er erschrak, besann sich, -- und dann schlug er mit der Faust auf den Boden.

»Ich war ein Narr! Seit vier Wochen will ich um ihretwillen bald Mönch werden, bald in einen Abgrund springen, töte Schlangen und setze mich allen Messern der Stadt aus. Aber ich bin, nun ich daran denke, nicht so groß, wie sie mich will, und ich werde abreisen. Sie mag ohne mich Tragik um sich her brauen: ich tauge nur zu den Dolchstößen, bei denen man singt!«

Er wagte sich hervor: drunten war niemand zu sehen; und senkrecht über ihm stand das Kloster. Er suchte die Treppe.

»Mich schwindelt. Daß mich das erste Mal nicht geschwindelt hat!«

Über die letzten Stufen kroch er auf den Händen. Im Klostergarten war niemand; zwischen den Säulen des Hofes schlug einsame weiße Sonne das Pflaster; das Tor stand offen. Draußen sah Nello sich verwundert um; er hatte Lust, zu laufen und zu lachen. In der Treppengasse lächelte er jeder Frau zu. Manchmal blieb er stehen und überzeugte sich, daß der Himmel weit und blau war.

Auf dem Platz bewegte sich wenig, vor dem Café saß nur der Leutnant Cantinelli. Der schöne Alfò ordnete die Stühle. Nello ging mit leichtsinnigem Lachen auf ihn zu, aber der schöne Alfò verschwand rasch.

Vom Balkon des Rathauses sah Frau Camuzzi unverwandt herab. Nello bog hastig den Kopf weg; dann wendete er ihn langsam zurück und erwiderte ihren Blick. Schließlich lächelten sie beide ein wenig.

»Ich grüße Sie, Signora«, sagte Nello.

»Guten Abend, mein Herr«, sagte Frau Camuzzi; und nach einer Minute des Blickens und Lächelns:

»Heute abend also werden wir Sie zum letztenmal hören?«

»Ich singe doch nicht mehr.«

»Wie? Sie haben unser Fest im Klub vergessen?«

Sie lächelte schärfer.

»Was nimmt Ihnen denn alle Gedanken und macht Sie unsichtbar?«

»Es ist wahr, ich soll singen!«

»Frau Zampieri,« sagte sie hinüber, wo die Witwe am Fenster erschienen war, »denkt vielleicht auch ihre Nina nicht mehr an ihr Harfenspiel? Da sehen Sie den Künstler, der nichts davon weiß, daß alle ihn erwarten.«

»Aber Sie brauchten mich nur daran zu erinnern, daß unter meinen Hörern --«

Frau Camuzzi grüßte ihn hinter ihrem vorbeischwingenden Fächer mit einem raschen, tiefen Blick, -- und ehe er beendet hatte, war sie fort. Nello knallte mit zwei Fingern, er schwenkte sich auf den Absätzen herum.

»Sieh doch!« dachte er, und: »Warum nicht . . . Oder eine andere! Oder mehrere!«

Er grüßte zu den leeren Fenstern hinauf; vor dem verschlossenen der Unsichtbaren machte er eine kleine spöttische Verbeugung.

»Adieu, o Schicksalsgöttin. Ich habe kein Schicksal mehr; alles ist wieder Spiel und Abenteuer; -- und morgen gehts in die Welt hinaus.«

Er schlenderte leichtfüßig durch den Corso. Von der anderen Seite kam ungefüge flatternd der Pfarrer Don Taddeo. Wo es nach dem Gasthaus »zum Mond« hinabging, maßen sie sich, und der entzündete Blick des Priesters wich aus. »Wie er verstaubt, schweißig und elend aussieht!« dachte Nello. »Ist das Retten von Seelen eine so schwere Arbeit? Dann ist er ein Narr, daß er die Seelen rettet.«

* * * * *

Don Taddeo stürzte sich in seine Haustür. Am Ende des schwarzen Ganges horchte er, und da alles still blieb, packte er den Knauf des Treppengeländers und bettete die Stirn auf den Stein.

Erst als droben eine Tür ging, fuhr er auf. Er gelangte ungesehen in sein Zimmer und lief darin umher: die Fliesen machten seinen Schritt laut klappern zwischen den kahlen Mauern. Immer wieder ertappte er sich, wie er, mit einer Miene aus Abscheu und Gier, über das Brevier hinweg in die Ecken spähte. Seine Wirtschafterin öffnete die Tür und setzte die Fäuste auf die Hüften.

»Wie, Reverendo? Ihr seid da, und inzwischen verbrennt mir das Essen? was für Dinge treibt Ihr eigentlich jetzt?«

Vor diesem tauben, argwöhnischen Gesicht sich verstecken dürfen!

»Ich habe nichts, Ermenegilda, bring nur das Essen.«

Sie blieb murrend vor dem Tisch stehen, ob er auch esse. Er tat es mit verhaltenem Geschmack; wenn die Würze des Gerichtes durchdrang, hielt er erschrocken ein. »Der elende Kitzel!«

»Schmeckt es Euch nicht?« fragte die Alte. »Ist Euch übel?«

Er nickte mehrmals, mit geschlossenen Augen, und flüchtete ins Schlafzimmer. Vor dem Bilde des heiligen Aloisius warf er sich nieder. Nach einer Weile hob er lauschend den Kopf; mit einem Lächeln der Erlösung reckte er die gefalteten Hände hinauf. Plötzlich zog er sie zurück, erstarrt. »O mein Gott! Ich glaubte, du ließest in meinem armen Kopf, um mich zu retten, den Gesang deiner Engel entstehen; nun aber wars das Gebet der Tonietta. Vor dem Schutzpatron der Reinheit liege ich in einer letzten Anstrengung, -- und was ich finde, ist Lästerung! Ich bin verloren!«

Er schrie auf:

»Ich bin verloren!«

»Ihr habt geklopft?« fragte die Alte. »Madonna! was tut Ihr, Ihr habt den Waschtisch umgeworfen.«

Während sie den Boden trocknete:

»Wie Ihr ausseht, Reverendo! Seit einiger Zeit vernachlässigt Ihr Euch. Unversehens fällt es Euch ein, Euer bestes Kleid anzuziehen und es schmutzig zu machen. Was tun wir nun?« -- und sie sah ihn plötzlich scharf an. Er wich bis an die Wand zurück und ließ den Kopf auf die Brust fallen.

»Ich weiß nichts mehr zu tun«, sagte er und hörte seine Stimme metallisch und angestrengt nachzittern, wie das fieberhafte Schwingen des Sterbeglöckchens.

»Hier ist die Lampe«, sagte die Alte. »Möge das Licht Eure Gedanken zerstreuen.«