Die kleine Stadt: Roman

Part 20

Chapter 203,806 wordsPublic domain

»Friede?« -- und die Stimme des Priesters überschlug sich. »Ich kenne keinen Frieden mit den Feinden Gottes und seiner heiligen Kirche. Wie? Ich soll den Eimer an einen Amerikaner verkauft haben! Mit den Nonnen habe ich Unzucht getrieben und den Bauern Blendwerk vorgemacht mit einer Madonna, die die Augen bewege! Das schreibt ihr, redet es umher, meldet es Monsignore, um mich in seinem Geist zu vernichten, -- und ihr kommt und sprecht von Frieden? Nähme ich ihn an, Gott schlüge mich selbst. Nun aber wird er euch schlagen, euch. Gott, wenn denn ein Wunder nötig ist --«

Don Taddeo stieß beide Arme weit von sich und breitete die Brust hin. Die Abgesandten wichen zurück.

»Tue es!« schrillte der Priester gen Himmel.

Da entstand in der Rathausgasse Stampfen und Geschrei. Der Schlächter Cimabue raste, und raffte dabei seine Hose zusammen, den zehn Arbeitern voraus über den Platz. Die Herren beim Café »zum Fortschritt« wichen seitwärts von ihren Stühlen. Der Schlächter war vorbei; er sprang ins Café »zum heiligen Agapitus«, daß die Scheiben der Glastür zu Boden klirrten. Gleich darauf quoll alles daraus hervor, fuchtelte, schlug auf die eisernen Tische, schrie Drohungen herüber. Hinter all dem Toben, worin die Stimme des Priesters zerging, sah man seine bleichen Hände, zum Dank heftig verschlungen, durch den Schatten stürzen.

Die Abgesandten kehrten eilig zurück.

»Nicht für eine Million würde ich noch einmal mit ihm sprechen«, äußerte der Gevatter Achille und wischte sich die Stirn.

»Seid ihr feige!« sagte Flora Garlinda, das Kinn auf der Faust, mit funkelnden Augen. »Warum seid ihr nicht über den Priester hergefallen? Jene dort würden euch erschlagen haben. Es wäre schön gewesen.«

Auch die Arbeiter hatten sich zurückgezogen.

»Hierher, Freunde!« rief der Advokat, und er ließ ihnen Wein geben.

»Wir werden nach Haus gehn, Genossen. Mögen jene allein weiterschreien! Das wird nicht ungeschehen machen, daß wir sie vom Platz vertrieben haben. Inzwischen rufen uns andere Aufgaben,« -- und ein Gedanke der Wonne dehnte sein Gesicht in die Breite.

»Tatsächlich fängt man an, genug hiervon zu haben«, sagte der Baron Torroni.

»Und die Suppe wird kalt«, ergänzte Polli. »Malandrini und Sie, Maestro, wir haben denselben Weg.«

Der Advokat hielt den Kapellmeister zurück; er flüsterte ihm dicht ins Gesicht:

»Mut, junger Mann! Ihre Sache steht besser, als Sie glauben. Wer mehr Erfahrung als Sie in solchen Dingen hat, sieht ohne weiteres, daß das Mädchen Sie mit dem Priester eifersüchtig machen wollte.«

»Sie glauben?«

»Er wird rot wie eine Jungfrau! So greifen Sie doch zu, was Deixel: man wartet darauf. Es gilt jetzt, zu genießen!«

Jole Capitani wartete! Der Advokat wünschte allen sein eigenes rosiges Geschick und traute es ihnen zu.

Dem Kapellmeister schlug das Herz in den Hals. Stumm wehrte er Polli ab, der ihn mitziehen wollte. Der Tabakhändler samt Malandrini und dem Baron Torroni entfernten sich mit Italia, die vergebens nach Nello rief, in der Richtung des Corso. Camuzzi, der Lehrer Zampieri und die beiden Herren Salvatori gingen nach der anderen Seite, gegen die Rathausgasse. Der Cavaliere Giordano wollte hinterher. Flora Garlinda folgte ihm zwei Schritte weit.

»Cavaliere, ich kenne eine Frau, die Sie liebt,« sagte sie gedämpft; und da er sie aufflackernd ansah: »O, ich bin es nicht selbst; es ist die Frau des Schneiders Chiaralunzi. Sie schläft nicht mehr, sie ist krank durch Sie. Sie spricht nur noch davon, daß sie von Ihnen den Gesang lernen will . . . Aber jene laufen Ihnen weg. Eilen Sie!«

Der alte Sänger machte sich davon. Da traf ihn etwas Hartes ans Bein, und von drüben rannte jemand mit eingezogenen Armen gegen ihn los.

»Wartet auf mich, um Gottes Liebe!« kreischte der Alte und hastete steif, ohne vom Fleck zu kommen. Der Tapezierer Allebardi warf noch einen Gardinenring nach ihm, dann stemmte er die Arme in die Hüften und bog sich. Drüben brüllten sie, und auch der Advokat und der Herr Giocondi lachten. Flora Garlinda sagte ernst, und ihre Augen funkelten wieder:

»Auch diese Leiche sollte ich nicht sehen.«

»Es wird Zeit, daß ich dich nach Haus bringe«, bemerkte Gaddi und nahm sie beim Arm. Der Kapellmeister wartete nicht, bis der Gevatter Achille ihm herausgegeben hatte; er stürzte ihnen nach in die Gasse der Hühnerlucia.

»Wann kann ich Sie sprechen, Flora? Ich habe Ihnen etwas so Wichtiges zu sagen.«

»Brave junge Leute«, bemerkte der Advokat. »Sie werden glücklich werden. Gehen auch wir, Giocondi!« -- und er vertauschte seinen Siegerkranz mit dem Strohhut.

* * * * *

Die zehn Arbeiter griffen nach ihren Musikinstrumenten. Sie nahmen den Advokaten und seinen Begleiter in ihre Mitte und geleiteten ihn unter den Klängen der Arbeiterhymne zur Treppengasse. Vor dem Café »zum heiligen Agapitus« war alles auf den Beinen und schüttelte die Fäuste; aber niemand wagte sich heran. Der Advokat sagte:

»Wir gehen unter dem Schutze des Volkes, Giocondi. Welche große Sache!«

»Besonders für dich, Advokat, der du gewiß unter dem Schutze des Volkes in die Arme einer Choristin gehst.«

Der Advokat schmunzelte.

»Ich gehe zum Doktor Capitani, -- da er ja behauptet, daß ich Zucker habe.«

»Verflucht, das ist kein Vergnügen.«

»Und dennoch gehe ich zu meinem Vergnügen hin.«

Den Finger hin und her bewegend, mit tief bedeutsamem Blick:

»Was er mir gibt, nehme ich nicht; die Ärzte wollen immer nur die Macht an sich reißen.«

Der Herr Giocondi rieb sich die Hände.

»Und statt dessen nimmst du dir etwas, das er freiwillig nicht hergeben würde. Wir haben verstanden. Ah! der Advokat . . .«

Das Klirren, Zirpen und angeregte Lachen verschwand in der Treppengasse. Der Kaufmann Mancafede sagte zu Acquistapace und dem Gevatter Achille:

»Nun sind sie fort, alle zehn. Mag man vom Advokaten denken, was man will, er ist ein häßlicher Egoist, daß er sie alle zehn mitgenommen hat. Er hätte fünf dalassen sollen, damit auch ich einen Schutz habe, wenn ich nach Hause gehe.«

Der Kaufmann verzerrte knirschend das Gesicht und schlug schwach auf den Tisch.

»Wie soll ich nun hinüberkommen? Gleich vor meiner Tür warten jene Mörder auf mich.«

Er kroch ganz in seine braune, wollige Jacke zusammen.

»Mich werden sie noch schlechter behandeln als den Cavaliere, denn sie hassen mich.«

»Du solltest nicht mit dem Wein spekulieren«, riet der Gevatter Achille. »Lieber mit allem andern, aber nicht mit dem Wein.«

Sie beschrieben ihm, ohne Schwung, die Art, wie er sich vielleicht ungesehen am Dom entlang drücken könne. Er murmelte nur:

»Ihr habt gut reden, ihr seid hier zu Hause.«

Da stand drüben der Savezzo auf und kam herbei. Wie die Herren ihn stumm empfingen, lächelte er düster.

»Man hat sich hier wohl geärgert, weil das Volk seine Rechte zu fordern wagte und weil es Führer gefunden hat, die seinen Forderungen Worte gaben?« fragte er. Der Gevatter Achille erwiderte:

»Das Weihwasser des Freundes Giovaccone schmeckt Ihnen wohl nicht mehr, Herr Savezzo?«

»Da Sie gerade die Flasche in der Hand haben, geben Sie mir einen Vermouth!« -- und Savezzo machte es sich bequem.

»Alle diese Scherze, meine Herren, galten nicht Euch: ich habe sie veranlaßt, um dem Advokaten zu zeigen, daß es noch andere Leute gibt als ihn.«

»Der Advokat ist eine Persönlichkeit,« sagte der Apotheker; »Sie aber, Herr Savezzo, sind ein Schurke und ein Verräter.«

Savezzo neigte mitleidig den Kopf.

»Sie, mein Herr, als alter Soldat, brauchen nicht zu wissen, wie man politische Erfolge erreicht. Wer ich bin, sagt Ihnen die Macht, die ich hinter mir habe.«

Und er wies hinüber. Der Kaufmann zuckte; die beiden andern verschluckten ihren Widerspruch.

»Trotzdem bin ich nicht der Meinung,« fuhr der Savezzo fort, »daß wir Feinde sein müssen. Um es Ihnen zu beweisen, werde ich auf den nächsten Abend des Klubs gehen.«

»Man wird Sie hinauswerfen«, rief der Apotheker. Der Kaufmann tastete zitternd nach seinem Arm.

»Um Gottes Liebe: Vorsicht!« -- und zum Savezzo, mit der Hand auf dem Herzen:

»Mein Herr, ich bin der friedlichste der Menschen, ich hasse den Zwist der Bürger, habe immer die Versöhnung gewollt, und nie wäre ich, angesichts so bedauerlicher Ereignisse, auf den Platz hinabgestiegen, wenn man mich nicht gezwungen hätte. Sie sind ein Mitglied des Klubs, ich werde für Ihre Rechte eintreten, sogar gegen den Advokaten.«

Der Kaufmann machte Fäuste.

»Er ist ein Egoist, mein Herr, der alles für sich nimmt. Keinen der zehn Arbeiter hat er mir gelassen, damit ich nach Haus gelange.«

»Warum soll der Herr Savezzo seinen Vermouth drüben trinken, wo er schlecht ist«, sagte der Gevatter Achille. »Könnten Sie nicht auch dem Schlächter Cimabue raten --?«

»Wir sind also Freunde.«

Savezzo stand auf.

»Herr Mancafede, ich begleite Sie hinüber, verlassen Sie sich auf mich.«

Der Kaufmann umklammerte, mit Tränen in den Augen, seine beiden Hände.

»Man hat Sie aus dem Klub ausstoßen wollen, Herr Savezzo; aber nicht ich war es. Wer Ihnen sagt, daß ich es war, der lügt.«

»Ah, meine Herren, eine wichtige Sache, die wir nicht vergessen dürfen,« -- und der Savezzo begann auf seine Nase zu schielen. »Am nächsten Abend des Klubs sollen die Komödianten Musik machen: da muß ich aufgefordert werden, auf dem Bleistift zu blasen. Wie? Ein Künstler, den die ganze Stadt kennt, sollte zurückstehen hinter jenen schlechten Schreiern? Meine Ehre will, daß ich an jenem Abend meine Spezialität vorführe und auf dem Bleistift blase.«

»Sie blasen göttlich auf dem Bleistift!« rief der Kaufmann. Der Gevatter Achille sagte:

»Man muß zugeben --«

Der Savezzo schielte immer stärker.

Als er mit Mancafede fort war, schritt der Apotheker, gesenkten Kopfes, seiner Tür zu. Auf der Stufe wandte er sich um.

»Alles geht dahin,« sagte er traurig, »auch die Liebe zur Freiheit. Jetzt schließt man Pakte mit ihren Feinden. Alle werden schwach: du sogar bist es, Achille. Und ich selbst: -- wer mir gesagt hätte, ich würde mit dem Priester verhandeln! Aber so ist es, und die Zeiten Garibaldis kommen nicht wieder.«

Er trat über die Schwelle und zog beschwerlich sein hölzernes Bein nach.

* * * * *

Das Café »zum Fortschritt« stand leer; die Gäste des Cafés »zum heiligen Agapitus« wurden einer nach dem andern von ihren Frauen zum Essen geholt. Als die letzten fort waren, erschien der Leutnant Cantinelli mit zwei seiner Untergebenen. Sie machten mit ihren gefiederten Dreimastern, ihren Säbeln und rotgesäumten Fräcken die Runde um den Platz, wobei sie die Spuren des Kampfes vom Boden auflasen. Vom Gevatter Achille, der ihnen etwas zu trinken anbot, ließ der Leutnant sich über den Verlauf berichten.

»Wir haben nicht eingreifen wollen«, erklärte er. »Ein Zwist der Bürger ist ohnedies nichts Schönes; durch die Dazwischenkunft der bewaffneten Macht wäre er vielleicht grausam geworden, und wir sind nicht grausam . . . Fontana, Capaci, beim Brunnen sehe ich einen Halskragen und eine Krawatte.«

Der Gevatter Achille war der Meinung, sie gehörten dem Barbier Bonometti.

»Er hat sich schlimme Püffe geholt. Der Apotheker hat ihn einreiben müssen.«

»Was für eine häßliche Sache!« sagte der Leutnant. »Fontana, du wirst ihm sein Zeug zurückbringen.«

Darauf stellte man Vermutungen an, ob die zweite Vorstellung der »Armen Tonietta« heute abend stattfinden werde. Der Gevatter Achille äußerte Zweifel, aber Cantinelli beruhigte ihn. Der Mittelstand sei noch mehr interessiert an den Aufführungen, als die Herren. Die Handwerker spielten im Orchester, und keiner von ihnen werde seine zwei Lire verlieren wollen, noch die halbe Lira für seinen Jungen oder sein Mädchen, die im Chor mitsängen.

»Bevor es acht schlägt, werden wir sie kommen sehen.«

Als es acht schlug, hallten schon Schritte aus allen Gassen. Von den Herbergen beim Tor und von den Gasthäusern »zum Mond« und »den Verlobten«, am Corso, strömten Scharen von Fremden über den Platz. Die Bürger mischten sich unter die Bauern; sie verständigten sich mit Achselzucken.

»Eh! man muß doch Musik machen.«

Die Arbeiter erstiegen im Eilschritt die Treppengasse; die Mägde hinterließen den Nachklang ihres gellenden Lachens und einen Geruch von Grünzeug und von Rauch; die Buben überrannten alles; -- und um halb neun kamen die Herren. Der Apotheker Acquistapace brauchte keine Vorsicht mehr; erhobenen Hauptes stapfte er in seinem besten Rock an seiner Frau vorbei.

Alle waren davon, da lief in ihrem schmutzfarbenen Regenmantel Flora Garlinda über den Platz. Der Kaufmann Mancafede zog rasch den Kopf wieder in seine Haustür, und erst nach langem Horchen wagte er sich, husch husch, hinterdrein.

Schon um elf war er zurück, vor allen andern.

Als das Durcheinander all der Singenden und Pfeifenden vorbei war, lief Flora Garlinda dem Gäßchen der Hühnerlucia zu. Der Kapellmeister folgte ihr hinein, einen halben Schritt hinter ihr.

»Sind Sie denn auch diesmal nicht zufrieden mit mir? Ich habe Sie alles wiederholen lassen, was Sie wollten.«

»Was das Publikum wollte. Und davon bin ich nun müde. Gute Nacht, Maestro!«

»Sie müssen mich anhören, Flora,« -- und er legte seine Hand, die zuckte, auf ihren Arm. Sie lief weiter.

»Sie halten mich für Ihren Feind: wie wären Sie sonst so böse gegen mich. Aber ich bin nicht Ihr Feind, Flora: ich liebe Sie. Seit ich zum erstenmal Ihre Stimme gehört habe, o Gott! wie liebe ich Sie seitdem.«

»Ich glaube es nicht«, sagte sie. »Und dann habe ich Ihre Liebe nicht nötig.«

»Jeder hat Liebe nötig. Sind Sie kein menschliches Wesen? Ach, daß ich groß würde! Sie würden sehen, wozu ich es geworden bin: nur um Sie groß zu machen, Flora.«

Sie hielt plötzlich an, sie sah ihm erbittert in die Augen.

»Sind Sie nun fertig mit Ihren Unverschämtheiten? Ich groß durch Sie: es ist zu lächerlich, ich will mich nicht ärgern.«

Sie lief schon wieder, die Schultern hinaufgezogen. Er stammelte in ihren Nacken:

»Die Liebe macht mich unvernünftig, ich weiß es. Verzeihen Sie mir! Möchte man nicht wohltun, wenn man liebt? Darum weiß ich dennoch: Sie sind größer als ich; vielleicht, daß meine Musik berühmt wird, wenn Sie geruhen, sie zu singen.«

Er keuchte. Sie schüttelte sich.

»Ein gutes Wort, Flora, sagen Sie ein gutes Wort!«

Da waren sie vor ihrer Tür. Flora Garlinda drehte sich um.

»Sie wollen mich also benutzen, um berühmt zu werden. Ich soll im Schatten Ihres Ruhmes leben. Das mag Liebe sein: ich erwarte nichts anderes von der Liebe. Aber ich sage Ihnen, daß Ihre Liebe mich beleidigt.«

Und sie betrat das Haus. Er stürzte hinterher.

»Ah! ich erkenne Sie endlich. Nie will ichs wieder vergessen, wie Sie böse sind!«

Mit einer Stimme, die flog und sich überschlug:

»Ich wußte es, ich wußte es. Immer haben Sie mich nur demütigen wollen, nur zur Verzweiflung treiben, für alle meine Liebe, die Sie doch fühlten, für alle meine Liebe. Das ist aus, Sie sollen nicht triumphieren. Sie sind böse, ich hasse Sie!«

Auf dem ersten Flur blieb sie atemlos stehen. Seine Fäuste mit heftig geröteten Knöcheln hieben nach jedem Wort in die Luft, im verhärteten Gesicht hatte er Augen wie Stahl. Sie sah sich hastig um, sie wich gegen die Mauer zurück. Plötzlich lag er auf den Knien.

»Ich habe Ihnen Furcht gemacht! Nie, solange ich lebe, werde ich mir das verzeihen.«

Er stöhnte wild auf:

»Nun muß ich freilich gehen.«

Sie sah ihn noch aufstehen und, beide Hände vor den Augen, die Stirn auf die Wand senken. Schon war sie oben, riß die Tür ihres Zimmers zu, verriegelte sie und brach in Lachen aus. Wie sie im Spiegel ihr verzerrtes Gesicht sah, drückte sie das Tuch vor den Mund. Da hörte sie eine heftige Flüsterstimme. »Das darf Sie nicht wundern, Maestro, denn sie liebt einen anderen.«

Flora Garlinda spähte durch den Fensterladen. Drunten zog der Barbier Nonoggi den Kapellmeister auf die andere Seite und stellte die Hand an den Mund.

»Den Schneider liebt sie, bei dem sie wohnt, und er betrügt seine Frau mit ihr, die arme Unglückliche. Wißt Ihr nicht mehr, wie Euch der Schneider verleumdet hat? Er hält sich für einen größeren Künstler, als Ihr seid, und am Sonntag macht er draußen in den Schenken seine elende Musik, die die Bauern nicht hören wollen, weil sie die meine kennen . . .«

Der Kapellmeister riß sich los.

»Ah! Verräterin,« -- und er warf sich ins Haustor. Flora Garlinda sprang vom Fenster zurück, sie drehte in allen Türen die Schlüssel um, stand und hielt den Atem an.

»Uff! Nein, er wagt nichts.«

Und sie sah, die Mundwinkel herabgezogen, hinterdrein, wie der Barbier ihn, der schluchzte, durch die mondweiße Hälfte der Gasse von dannen schaffte.

Sie fühlte sich nicht schläfrig; sie löste das Haar auf, um es zu waschen; und sie sah über die Schultern zu, wie es im Spiegel ihren mageren Nacken in Gold hüllte, durch seinen Fluß ihr Profil weich machte. Dann brachte sie das Gesicht dem Glas ganz nahe und musterte ihre Zähne, die klein, weiß und wohlgeordnet in ihrem geräumigen Munde standen. »Meine Schönheiten!« -- und sie lächelte sich spöttisch zu. »Es sind die dauerhaftesten und darum für mich die besten; denn sie sollen noch in dreißig, vierzig Jahren einer Menge Glück vorzaubern . . . Wo sind dann die, die jetzt zu mir sprechen? Ihre Stimme erreicht mich nicht mehr lange. Käme ich dann aus der großen Welt einmal wieder hierher: er -- er zöge vielleicht noch immer mit seiner Kapelle von Schneidern und Barbieren zum Fest eines Heiligen.«

Es klopfte; Frau Chiaralunzi stand draußen.

»Wir wollen nicht stören«, sagte sie und zeigte ihre Zahnlücken.

»Sie sind noch auf, dann komme ich zu Ihnen«; -- und die Primadonna ging im Unterrock in die Küche des Schneiders. Er saß über einer Zeitung, die den Tisch bedeckte: plötzlich stand er lang da, mit den Händen an den Nähten. Flora Garlinda setzte sich, bevor noch der Schneider herbeigestürzt war, um den Stuhl abzuwischen, neben den niedrigen Steinherd, woraus eine Flamme züngelte. Die Frau zog den Kessel tiefer herab an seiner Kette; sie bot dem Fräulein eine Tasse Kaffee an.

»Aber das Haar! Sieh das Haar, Umberto! Solches wirst du nie wieder sehen.«

Die Frau schob die Finger in das Haar der Primadonna.

»Und man fühlt es nicht, so weich ist es. Fühle auch du!«

»Das Fräulein wird vielleicht nicht wollen.«

Er rührte sich nicht. Flora Garlinda legte selbst eine seidene Welle über seine Hand; und wie das Schwanken der großen, starkknochigen Hand das leichte, wehende Haar auf und nieder warf, lächelte sie glücklich. Der da vermaß sich nicht, an sie zu rühren. »Er liebt mich so, wie wenn ich fort wäre und in allen Hauptstädten berühmt wäre.«

Der Schneider sagte:

»Es ist gut, daß nicht jede Frau solches Haar hat.«

Die Frau stieß ihn an.

»Wenn die Rina, die Magd des Tabakhändlers, solches Haar hätte, würde er sie nicht verlassen.«

Da der Schneider nicht antwortete, fragte Flora Garlinda:

»Wer?«

»Der Maestro«, -- und die Frau setzte sich sogleich zu ihren Füßen auf den Herd.

»Wie sie unglücklich ist, die arme Kleine! Man weiß nicht, was er hat; er sagt, er liebe keine andere, und dennoch will er sie nicht mehr. Sie aber: er könnte sie schlagen, und sie würde ihm die Hand küssen. Man sieht es wohl, denn den Cavaliere Giordano, der doch ein Herr ist, hat sie fortgeschickt.«

»Den Cavaliere?«

»Ja ihn, -- obwohl er verspricht, der arme Alte, alles für ihren Maestro zu tun, was sie fordern will. Aber das ist es: was soll sie fordern?«

Der Schneider wendete sich hin und her.

»Das Fräulein will diese Dinge nicht hören«, sagte er.

»Im Gegenteil, sie interessieren mich --«

Flora Garlinda lachte auf.

»-- und ich will Euch sagen, was sie für ihren Maestro fordern soll.«

Die Frau legte die Hände aneinander.

»Sie wollten die Güte haben? Die Rina wagte nicht, Sie selbst zu bitten.«

»Sie soll von dem Cavaliere verlangen, daß er dem Maestro ein Engagement verschafft bei der Gesellschaft Mondi-Berlendi, die im Herbst nach Venedig geht und zum Winter nach Bologna. Das ist ein schöner Posten --«

Ihre Augen begannen zu funkeln.

»-- vielleicht ein wenig zu schön für den Maestro Dorlenghi. Aber wenn er hört, daß er ihn bekommen soll, wird er der Rina danken wollen: so wird sie befriedigt sein, die arme Kleine; -- und ob er ihn dann wirklich bekommt, was kümmert das uns, wie, meine Freunde?«

»Tatsächlich«, machte die Frau betroffen.

»Denn er verdient nicht, daß man ihm hilft: Euer Mann weiß es.«

»Er ist ein böser Mann«, sagte der Schneider. »Ich weiß es jetzt, -- obwohl er, wenn man ihn ansieht, gut scheint. Aber er gönnt keinem andern etwas.«

»Und er hat von Eurem Mann gesagt, daß er schlechter spiele als alle.«

»Welche häßliche Lüge! Wenn mein Mann loslegt mit seinem Tenorhorn, ist er stärker als das ganze Orchester.«

»Seht Ihr, daß der Maestro böse ist? Ich gebe Euch meinen Rat nur, um dem Cavaliere Vergnügen zu machen, der so sehr die Frauen liebt. Hört: wollt Ihr Euch nicht den Gesang von ihm lehren lassen, -- da Ihr doch so gern die >Arme Tonietta< singen würdet? Er wird Euch den Hof machen, aber Euer Mann braucht nicht eifersüchtig zu sein.«

Der Schneider lachte bieder.

»Und unter der Leitung des Cavaliere werdet Ihr die >Arme Tonietta< bald besser singen als ich.«

Die Frau spreizte erschreckt die Hand; und dann lächelte sie albern. Flora Garlinda stand auf, um ihren Hohn nicht sehen zu lassen.

»Also ich schicke Euch den Cavaliere.«

Wie sie an ihrer Tür sich umdrehte, stand drüben noch der Schneider und blinzelte, als seien ihm die Augen müde vom langen Starren auf ihr goldenes Vlies.

Von neuem hielt sie es sich im Spiegel entgegen.

»Dieses Haar! Immer andere Menschen werden es also sehen, immer andere diese Stimme bewundern. Ich werde Geschlechter entzücken, Geschlechtern groß scheinen, die noch nicht geboren sind. Was aber werde ich selbst fühlen? Werde ich glücklich sein?«

Die endlose Flucht unbekannter, einsamer Jahre gähnte plötzlich im Dunkel hinter ihrem Spiegelbild. Ihr schauderte.

»Warum muß ich allein sein. Warum ertrage ich niemand neben mir. Sind denn wirklich alle meine Feinde? Ach, daß ich böse bin!«

Mit grübelndem Ekel sah sie sich in die Augen.

Sie besann sich. »Das alles ist erledigt, ich habe gewählt.« Über den kleinen eisernen Dreifuß gebeugt, goß sie sich das Flakon ins Haar. Aber sie fühlte sich linkisch dabei.

»Ich bin armselig, sobald ich nicht singe. Dies Haar ist zu schön für mich, es ist nur entliehen von der, die singt. Ich hasse es, da es mir nicht gehört, da ich es pflegen muß für die fernsten, spätesten Blicke und nie die Küsse des nächsten darauf empfangen darf.«

Sie ließ die Arme hängen und das Haar triefen.

»Wie seine Augen sich ängstigten! Wie er bleich war von der Begierde, mich glücklich zu machen! . . . Liebe ich ihn? . . . Erlaube es mir!«

Welchen Geist flehte sie an? Sich selbst?

»Erlaube mir, ihn zu lieben! Welch gutes, leichtes Geschick es wäre!«

Da warf sie sich mit fliegenden Armen über das Bett. Unter ihrem weiten, nassen Haar zuckte sie; ihre Brust arbeitete wie zum Sterben; -- und in dem ungeheuren Schluchzen, das ihr die Kehle sprengte, fühlte sie das größte Glück ihres Lebens hervorbrechen. Sie wußte: »Es wäre das leichte Geschick der andern, nicht meins. Meins ist hart, und ich bin stolz auf seine Härte.« Dennoch weinte sie köstlich.

* * * * *

Unter ihrem Fenster sagte sich der Cavaliere Giordano:

»Die Frau des Schneiders liebt mich also wirklich. Sie allein hat noch Licht bei sich, und sie weint.«

Er neigte den Kopf auf die Seite, und solange das Schluchzen währte, blieb er genußsüchtig lächelnd stehen. Das Licht erlosch; der Alte schlich zurück auf den Platz. Er setzte sich vor dem Café »zum Fortschritt« an einen der mondbeschienenen Tische. Es schlug hallend ein Uhr.