Die kleine Stadt: Roman

Part 19

Chapter 193,724 wordsPublic domain

Alba konnte nicht weiter; vom Balkon am zweiten Stock des Rathauses fiel ein Blick auf sie, der ihr den Mut, den Fuß zu heben, nahm, den Mut, zu atmen. »Nie habe ich in solche Augen gesehen! Nello!« Sie rief den Geliebten an, sie nahm ihre ganze Liebe zusammen: umsonst; der Haß dort oben war ungeheurer als ihre Liebe; die Angst überwältigte sie, in seinem Dunstkreis zu erlahmen und unterzugehn; sie floh zurück in die Gasse.

»Es gibt keine wichtigen Angelegenheiten,« sagte der Advokat, »außer dem Kampf um die Freiheit; -- und wer, mein junger Freund,« er lächelte verständnisvoll, »wäre mehr als wir beide interessiert an der Freiheit unter dem Schutze der Venus.«

Der Bariton Gaddi trat mit Wucht heran.

»Du mußt bleiben, Nello! Auch wir haben unsere Ehre, und man ruft mir nicht ungestraft ins Gesicht, daß die Komödianten die Wäsche stehlen.«

Er ging, die Hand in der Hosentasche, das Cäsarenprofil erhoben, rüstig auf den Platz hinaus. Der Bäcker Crepalini hatte sich vorgewagt und schalt, weinrot, mit Nußknackergebiß und Kugelaugen, in den Lärm der Menge. Unversehens hing er in der Luft und zappelte mit den Ärmchen. Gaddi warf ihn den Seinen zu und zog sich ohne Eile zurück. Der Schlosser Fantapiè wollte, den andern vorauf, über ihn herfallen; von drüben aber holten Acquistapace und der Baron Torroni ihren Kameraden ein. Der Gevatter Achille rückte nach mit einem geschwungenen Stuhl. Als er vor dem Feind ankam, war er außer Atem und setzte den Stuhl hin, um seinen Bauch auf die Lehne zu stützen. Er rief:

»Ah! Freund Giovaccone, Schwein, das du bist, die Geschäfte gehen wohl gut, denn das Weihwasser kostet dich wenig!«

Der Lehrling Coletto hüpfte kauernd hinter ihm umher, und plötzlich warf er seinem Herrn, dem Konditor Serafini, sein Gebetbuch an den Kopf. Der Kaufmann Mancafede, den die Herren Giocondi und Polli vor sich herschoben, brach mit einem Aufschrei in die Knie, von einem Flaschenstöpsel getroffen.

»Hohoho!«

»Huhuhu!«

»Nieder die >Arme Tonietta<!«

»Nieder die Priester!«

»Was will denn euer Don Taddeo?« rief der Wirt Malandrini. »Als er heute früh meinen Jungen durchprügelte, hat er selbst die >Arme Tonietta< gepfiffen.«

»Schweig!« brüllte der Tapezierer Allebardi. »Und möge dein Bauch verfaulen wie deine Beefsteaks!«

Der Schlosser Fantapiè faßte den Schlosser Scarpetta ins Auge und schrie durch die Hände:

»Gemeiner Sykophant!«

»Schlüsselfresser!« -- und Scarpetta spie weithin. »Er hat den Schlüssel des Eimers gefressen und betet nun zum heiligen Agapitus, damit er keine Leibschmerzen bekommt.«

Der Herr Giocondi hörte:

»Schwindler! Bankerotteur!«

Und er sprang auf:

»Ah! die Volksausbeuter, die Diebe. Da bin ich, Chiaralunzi, du hast mir von meinem Stoff zum Mantel die Hälfte gestohlen!«

»Huhuhu!«

»Hohoho!«

Ganz hinten, im breitesten Gedränge der Verteidiger des Cafés »zum Fortschritt«, schwang der Kaufmann Mancafede sein Metermaß. Seine grauen Falten hatten sich gerötet.

»Wer es wagen will!« heulte er. »Wer es wagen will!«

In den schmaleren Reihen sah der Kapellmeister Dorlenghi zerstreut umher; da rief es drüben:

»Die >Arme Tonietta< ist keine Musik! Der Maestro weiß nicht, was Musik ist!«

»War das der Blandini?« fragte der Kapellmeister und stürzte vor an die Spitze, wo der Apotheker zwischen Gaddi und Torroni den Feinden seinen Stößel zeigte.

»Sakristeiflöhe,« donnerte Acquistapace, »die ihr das Werk Garibaldis nicht respektiert!«

»Garibaldi war ein häßlicher Typus! Er hat den heiligen Vater umgebracht«, keifte vom Dom her Frau Nonoggi, aber die Mägde Fania und Nanà verboten es ihr mit geschwungenen Fäusten.

»Fest, Cimabue!« heulte die Pipistrelli, obwohl sie ihr die Kehle zuhielten. Denn der Schlächter drehte sich mit dem Lehrer Zampieri im Gemenge. »Drauf los, Allebardi! Drauf los, unsere Männer!«

Coletto wälzte sich unter dem ältesten Chiaralunzi, den der junge Gaddi von hinten zwickte. Ein kleiner Nonoggi rief: »Es lebe Don Taddeo!« und rannte davon. Sogleich brach ein ganzer Haufe Buben über ihm zusammen, und die dicke Wirtin »zu den Verlobten« ward mit hineingerissen.

Der schöne Alfò schwenkte den blauen Klemmer des Galileo Belotti und der Schuster Malagodi das Monokel des jungen Salvatori, das er seiner Frau abgenommen hatte. Der Lehrer Zampieri rief noch:

»Wer an die großen Ideen rührt, ist tot!«

Da mußte er unter der Umarmung des Schlächters Cimabue das Pflaster küssen. Die beiden Kneipbrüder Zecchini und Corvi holten mit mächtigen Fäusten gegeneinander aus, im Augenblick aber, als sie sich berührten, ward ein kleiner freundschaftlicher Schlag auf den Bauch daraus.

»Laß es dir gut gehen«, sagten sie.

Die Bauern schlugen, weil sie niemand kannten, auf alle ein. Hin und her gestoßen von den Ringenden, polterte Galileo Belotti unaufhörlich:

»Wo ist der Advokat? Wo ist der Buffone?«

Der Advokat eilte mit anfeuernden Armstößen vor dem Rathaus auf und nieder.

»He, Dotti! He, Cigogna! Es ist Zeit, die gute Sache braucht euch . . . Ich kenne dich,« -- und er zog dem Fuhrmann die Bluse über der Brust zusammen, »du hast mir Holz gebracht und in meiner Küche ein Glas getrunken. Wir sind Freunde.«

»Freunde!« brüllte der Fuhrmann und streckte mit einem Faustschlag den alten Seiler Fierabelli nieder, der eines Bedürfnisses wegen unter die Rathausbogen getreten war. Der Barbier Bonometti schlug sich auf die Brust.

»Sie sind ein großer Mann, Herr Advokat. Wenn der Schlächter Cimabue auch noch zehnmal stärker wäre, als er ist, der Advokat wäre dennoch ein großer Mann! . . . Das Leben für den Advokaten Belotti!« rief er und durchbrach, mit der Mütze wehend, die Reihen, tödlich angezogen von dem Schlächter, der ihn mit einer Hand vom Boden hob. Schon verlor Bonometti Mütze und Krawatte . . . Der Advokat wandte sich ab, grau im Gesicht. Er sagte heiser zu Polli:

»Der Ruhm will, daß man nicht rechts noch links sieht. Aber glaube mir, Polli, zuweilen stände man lieber mit den andern allen in Reih und Glied.«

Polli kratzte sich den Kopf.

»Inzwischen scheint es, daß wir Prügel bekommen. Meinem Olindo werden sie guttun, aber was mich betrifft --«

Und er zog sich in das Café zurück.

* * * * *

Den alten Acquistapace dort vorn belästigten zehn Feinde und griffen nach seinem Stößel. Er wich ihnen schrittweise. Die vorderen Glieder traten, zurückdrängend, auf die Füße der hinteren; man beschimpfte einander in den eigenen Reihen; -- und unter Jubel- und Wutgeschrei der Frauen ward die Pyramide der Freiheitskämpfer von den Scharen des heiligen Agapitus eingedrückt. Mühsam deckte der Gevatter Achille mit wildem Schwingen seines Stuhles den Rückzug.

»Nun, Advokat,« sagte der Herr Giocondi erbost, »mir haben sie alle Knöpfe abgerissen bis auf diesen: scheint es dir jetzt Zeit, unsere Suppe zu essen?«

Der Advokat sah fliegend umher. In der Treppengasse entdeckte er seine Schwester Artemisia, die Damen Salvatori, Giocondi, -- und hinter ihnen hielt Jole Capitani die gerungenen Hände vor sich hin. Der Advokat stöhnte auf; er legte aus, um allein sich dem siegreichen Feinde entgegenzuwerfen, -- da traf in allem Lärm eine leise Musik sein Ohr: eine kleine rasche Musik, die ganz fern zuerst nur zirpte und nun schon nahe war und klirrte, wohllautend und unternehmend.

»Wir sind gerettet«, rief der Advokat leise; und aus voller Lunge:

»Der Sieg ist unser! Mut, Freunde!«

Der Apotheker schwang seinen Stößel schon wieder zum Angriff; die nächsten rückten vor; unter der Drohung einer noch unbekannten Gefahr ging der Feind zögernd zurück: -- und aus der Rathausgasse kam im Eilmarsch mit Mandolinen und Gitarren eine Kolonne junger Leute, zehn Arbeiter vom Elektrizitätswerk. Das Volk beim Rathaus machte ihnen Platz. Vor dem Café »zum Fortschritt« trat der Advokat Belotti ihnen entgegen. Er nahm den Hut ab.

»Meine Herren!«

Sie hörten zu spielen auf und blieben stehen. Ringsum war es plötzlich still.

»Meine Herren, wir schlagen uns hier für Ihre Interessen; denn welches höhere Interesse hätten Sie, hätte das Volk, das wahre Volk, als die Freiheit.«

»Buffone!« keifte drüben sein Bruder. »Seht ihr nicht, daß er euch zum besten hält?«

Die Weiber heulten auf; der Wirt »zu den Verlobten« schrie:

»Aber im Munizipium will er keinen Sozialisten.«

»Hören Sie nicht auf die Verleumder!« rief der Advokat in der Fistel, und seine aufgereckten Arme bebten. »Ich bin der Freund des Volkes, der Advokat Belotti, der die Anlage des Elektrizitätswerkes bewirkt hat und die Aufführung der >Armen Tonietta<, die euch so sehr gefallen hat; denn ich kenne euch, wie ihr mich, wir sind Freunde. Ihr beiden --«

Er streckte seine Hände hin.

»-- euch habe ich bei einer edlen Tat beobachtet, bei einer hochherzigen Tat. Jener arme Bucklige, ihr wißt, den Schändliche mißhandelt hatten --: ah! Freunde, wir verstehen uns im Namen der Menschlichkeit.«

Der Advokat hatte die Augen voll Tränen. Die beiden jungen Leute mit großen Hüten und bunten Halstüchern schlugen in seine Hände. Er schüttelte die ihren.

»Sagt euren Genossen, daß ich sie überall verteidigen werde und daß eure Feinde die meinen sind. Seht jene dort: sie wollen das Theater schließen, wo ihr eure edelsten Genüsse sucht. Seht jene dort: sie werden euch, sobald sie zur Macht kommen, die Arbeit nehmen und die Stadt an die Priester ausliefern. Hat darum das Volk für die Freiheit geblutet? Nieder die Priester!«

Die Herren hinter ihm wiederholten:

»Nieder die Priester!«

Die Arbeiter zuckten auf, sie sahen sich an.

»Es lebe die Freiheit!« riefen mehrere auf einmal.

Durch das Café »zum heiligen Agapitus« ging ein langes Gemurmel. Die Weiber drehten, nach vorn geworfen und durcheinander schreiend, die Arme in der Luft. Das Volk und die Herren klatschten stürmisch. Zwei kleine Choristinnen wagten sich vor, in roten Blusen, zerzaust und zappelnd; sie riefen hell:

»Seht uns an, Jungen! Mut! Geht mit dem Advokaten!«

Frau Nonoggi und die Pipistrelli fielen über sie her und zerrten sie zurück. Der Advokat glänzte breit; er hatte weite, siegreiche Gesten um alle zehn Arbeiter her. Sie zauderten noch.

»Legt eure Instrumente nieder! Formiert euch! Ich bin an eurer Spitze. Was wir heute tun, tun wir für die Geschichte.«

»Legen Sie uns nicht hinein?« fragte einer. »Bei den Wahlen nachher haben die Dinge sich wieder geändert.«

Der Advokat drückte die verschränkten Hände gegen die Brust, er hob sich auf die Fußspitzen.

»Sehe ich aus wie ein Bürger? Bin ich ein Mensch, der die Soldi aufeinanderhäuft? Ich kenne Höheres als den höchsten Geldhaufen: das ist das Glück des Volkes; und auch ich will stürzen, was ihm entgegensteht!«

Er schüttelte Hände. Die Arbeiter lehnten ihre Mandolinen an die Mauer des Cafés »zum Fortschritt.« Zu den Herren, die Meinungen austauschten, sagte der Gemeindesekretär:

»Also ein Feind der Bemittelten ist der Advokat. Er verbündet sich zur Befriedigung des Ehrgeizes mit dem Umsturz. Aus dem Herrschsüchtigen bricht der Anarchist.«

Der Advokat fuhr herum:

»Und Sie, Herr Camuzzi, haben sich zur Genüge verraten. Ihre Zweifelsucht, Ihre Kritik an der Tätigkeit des Menschen, Ihr Quietismus: alle diese schönen Dinge führen schließlich in den Schoß der Kirche. Begeben Sie sich doch dort hinüber! Tragen Sie doch gemeinsam mit Savezzo, dem Neidischen, das Banner des heiligen Agapitus! Bei uns aber --«

Mit der Rechten gen Himmel langend, setzte er sich an der Spitze der Arbeiterkolonne in Bewegung.

»-- kämpfen wie einst, als wir denen von Adorna den Eimer abgewannen, über unseren Köpfen schwebend Mars, Venus und Athene.«

Der Apotheker, Gaddi und der Baron Torroni schlossen sich an. Die Herren Giocondi und Polli sahen sich wild um; ein kriegerischer Wind strich schwindelnd um die Stirnen; auf einmal brachen mit mächtigem »Hohoho!« alle los.

»Seht ihr, daß jene Furcht haben?« sagte der Advokat zu den Arbeitern hinter ihm. »Sie rühren sich nicht. Und sie glauben, sie werden heute abend in den Logen sitzen? Ihr werdet darin sitzen, ihr. Dem Volk die Logen!« rief er und warf im Zusammenprall den Schuster Malagodi um. Die zehn Arbeiter fanden vor ihrem Wege, wie eiserne Schranken, die nackten Arme des Schlächters Cimabue. Der Gevatter Achille wälzte seinen Bauch über den Freund Giovaccone; er brüllte:

»Seit zwanzig Jahren erwarte ich diesen Tag. Ich will sehen, ob du auch in den Adern Weihwasser hast!«

Der Fuhrmann war daran, über Galileo Belotti herzufallen, aber Galileo machte, und schnappte dabei mit den Zähnen, so furchtbar »Pappappapp« und »Buffone«, daß der Fuhrmann bestürzt zurückschwankte.

Der Advokat sah sich dem Savezzo gegenüber. Inmitten des Kampfgewühles verschränkten beide die Arme.

»Jetzt würden Sie vielleicht wünschen,« sagte Savezzo, »meine Fähigkeiten früher erkannt zu haben. Dies ist mein Werk.«

Der Advokat musterte ihn langsam. Savezzo fragte:

»Bin ich noch ein Winkel-Advokat?«

»Mehr als je«, sagte der Advokat und wandte sich ab. Savezzo erhob von hinten die Faust; Nello Gennari fiel ihm in den Arm.

»Ah Sie!« keuchte Savezzo. »Wagen Sie sich noch einmal nach Villascura, und ich werde Sorge tragen, daß Sie nie mehr dorther zurückkehren!«

»Ich warte nicht so lange!« rief Nello und packte rascher zu als der andere.

»Fest, Cimabue, du, der du ein Löwe bist!« kreischten die Nonoggi und Frau Malagodi. Der Schlächter schüttelte von seinen zehn Angreifern einen nach dem andern ab, nur die beiden jungen Leute in großen Hüten und bunten Halstüchern hielten, so sehr er sie umherschwenkte, mit Armen und Beinen seine Gliedmaßen umklammert. Die Pipistrelli schwang ihren Krückstock über dem Kapellmeister, der am Boden lag, aber die kleine Rina entriß ihr, bleich vor Zorn und Liebe, die Waffe und verscheuchte die Alte. Durch riesige Übermacht überwältigte der Mittelstand den Verräter Scarpetta. Drunten, in dem Gewirr von Beinen, kroch Coletto mit den Buben und entzog Freunden und Feinden der Freiheit den Fuß, auf den sie sich stützten.

Der Schlächter hatte sich losgerissen. Er hatte blutunterlaufene Augen und Schaum vor dem Munde. Alles, was sich schreiend umherdrehte, wich auseinander, der Schlächter überrannte Nello Gennari und den Savezzo, die weiterrangen, und er stürzte, dumpf brüllend, mit ungeheuren blutigen Fäusten auf den Advokaten Belotti los. Der Schneider Chiaralunzi war es, der sich dazwischen warf. Gleich darauf hatten die beiden jungen Leute den Schlächter eingeholt und rissen ihn im Ansturm nieder.

»Wer befreit mich von diesem Schwein?« -- und der Gevatter Achille hieb mit seinem Bauch von neuem auf seinen Konkurrenten los. Alles drehte sich wieder: da heulte der Kaufmann Mancafede auf, und nie hatte man von ihm solche Stimme gehört:

»Ich bin ermordet!«

Er hatte im Nacken ein Huhn! Die Barbiere Macola und Druso schlugen mit ihren Streichriemen blind um sich, aber die Hühner flatterten nur noch wilder im Gedränge. Coletto und die Buben scheuchten sie immer wieder hinein. Man schrie, bedeckte sich die Gesichter, stob auseinander. Galileo Belotti drehte einem Hahn den Hals um; aber da fiel mit ihrem Gegacker, lauter als das der Hennen, mit ihrem Schnabel und ihren langen Armen, die Flügel schlugen, die Hühnerlucia über ihn her. Er rettete sich mit den andern ins Café »zum heiligen Agapitus.« Statt seiner erwischte sie den Advokaten und fuhr ihm mit den Krallen ins Gesicht. Er rief, die Augen geschlossen:

»Zu mir! Zu mir!«

Niemand kam; nach allen Seiten floh man; und von Panik ergriffen, warf der Advokat sich zu Boden.

Die Hühnerlucia ließ endlich ab von ihm; er hörte sie das Federvieh in ihre Gasse zurückscheuchen: -- da berührte ein feuchtes Tuch, wie eine Liebkosung, sein Ohr, das blutete, und er fand das zärtlich gepolsterte Gesicht der Frau Jole Capitani über sich geneigt.

»Sie sind doch nicht schwer verwundet, Advokat?« sagte sie.

»Ihr Anblick, schöne Dame, heilt alles«, erwiderte er und stand auf. Rasch überzeugte er sich, daß der Platz in der Mitte leer und an den Rändern voll Verwirrung war. Sie waren unbeobachtet. Er streifte an ihren Arm und sagte:

»Haben Sie mir in diesem schlimmen Augenblick das Zeichen geben wollen, um das ich Sie so sehnsüchtig bitte?«

Sie schlug nur die Augen nieder.

»Man wird uns sehen«, äußerte sie dann und zog sich zurück. Der Advokat sah ihr nach, er vergaß sich abzustauben.

»Ah! die Frauen. Würde man große Dinge tun wollen, wenn nicht sie wären?«

* * * * *

Und er wandte sich nach dem Café »zum Fortschritt«. Dort umarmte alles einander und rief nach Getränken. Der Gevatter Achille war überall zugleich mit seinen gelben, roten und grünen Gläsern.

»Wir haben sie in die Flucht geschlagen!« verkündete er. »Der >heilige Agapitus< wird künftig wieder leerstehen, und der Freund Giovaccone wird sein Weihwasser nicht sobald mehr los.«

Aus dem Garten des Palazzo Torroni wurden Blumen gebracht; der Apotheker raffte mit zitternden Händen einen Strauß zusammen und übergab ihn Italia, die sich auf der Schwelle zeigte.

»Ihnen zu Ehren, Fräulein,« stammelte er, »haben wir den Priester besiegt.«

Dann warf er sich, mit überfließenden Augen, dem Advokaten an die Brust.

»O Freund! Welch ein Tag!«

»Wäre nicht Mancafede gewesen,« -- und der Herr Giocondi klopfte dem Kaufmann den Bauch, »wer weiß, wie es gekommen wäre. Er aber war der erste, der sie mit seinem Huhn in Schrecken setzte.«

»Alle haben ihre Pflicht getan«, hieß es. »Wo aber hat der Cavaliere gesteckt?«

Der Cavaliere Giordano kam entrüstet aus dem Café hervor. Er zeigte Schultern und Ärmel seines weißen Anzuges umher.

»Die Hühner . . . Ich werde ihn waschen lassen müssen.«

»Auch der Cavaliere ist ein Held«, entschied Polli, und Italia drückte ihm und dem Advokaten einen Kranz auf.

Der Barbier Nonoggi stellte sich ein:

»Wir sind also siegreich! . . . Wie? Die Herren haben mich nicht gesehen? Aber ich war es doch, der den Schlächter abgehalten hat, den Advokaten zu ermorden.«

Mehrere erinnerten sich daran. Der Advokat selbst konnte nicht sagen, was in jener Minute geschehen war. Nonoggi ward bewirtet.

Der Gemeindesekretär rückte den Klemmer zurecht.

»Aber woraus schließen die Herren, daß wir die Sieger sind? Mir scheint, daß ich Sie am Boden gesehen habe, Herr Advokat?«

Da der Advokat ihn keiner Antwort würdigte:

»In jedem Fall halten unsere Gegner sich nicht für geschlagen. Daß sie sich ins Innere des Cafés >zum heiligen Agapitus< zurückgezogen haben, sollte uns nicht zuversichtlich stimmen. Vielleicht schon im nächsten Augenblick verlassen sie es, um, durch die Feier vermeintlicher Siege weniger erschlafft als wir, das Café >zum Fortschritt< im Sturm zu nehmen.«

Der Kaufmann Mancafede, Polli, der Cavaliere Giordano setzten, verstummt, ihre Gläser hin. Da bog aus dem Corso ein Zug auf den Platz. Der Konditorjunge Coletto war der erste; er blies quäkend durch die Hände. Die Jungen hinter ihm pfiffen den Marsch der Mandolinen und Gitarren mit; und in der Mitte der Arbeiter, geführt von den beiden jungen Leuten mit großen Hüten und bunten Halstüchern, stampfte der Schlächter Cimabue.

»Man sollte es nicht für möglich halten«, bemerkte der Stadtzolleinnehmer. »Warum schlägt er sie nicht nieder?«

Sie kamen vorüber, in ihrem unternehmenden Schritt, mit ihrer flinken Musik. Die beiden jungen Leute hatten die Hände fest im Gürtel des Schlächters.

»Und der Gürtel ist offen! Sobald er sich rührt, reißen sie ihm die Hose herunter!«

Der Advokat erhob sich und entblößte den Kopf. Die Herren klatschten.

Ein kleiner Haufe, der hinter dem Brunnen noch immer sich hin und her schob und Zurufe ausstieß, ging plötzlich auseinander; man sah in seinem Innern den Savezzo am Boden liegen; und das Haar zurückstreichend, richtete Nello Gennari sich auf. Wie er, die Schultern ein wenig emporgezogen, zögernd über den Platz ging, riefen mehrere Frauen, die zurückgekehrt waren:

»Es lebe der schöne Komödiant! Auch tapfer ist er!«

Die Herren beim Café kamen ihm schon mit Gläsern entgegen. Der Advokat sah sich über die Schulter nach dem Gemeindesekretär um; aber er war hinter den andern verschwunden. Der Kaufmann Mancafede beantragte:

»Dieser Savezzo muß aus dem Klub ausgestoßen werden. Wir sind es der Sache der Freiheit schuldig, unseren Sieg rücksichtslos auszunützen.«

Auch der Baron Torroni war der Meinung. Der Advokat widersprach.

»Wir müssen unsere Gegner durch Milde in Erstaunen setzen und versöhnen. Das verlangt die Klugheit des wahren Staatsmannes, der über den Parteien steht.«

Der Gevatter Achille unterstützte ihn.

»Wer wird von dem Streit der Bürger den Vorteil haben? Niemand als dieses Schwein von Freund Giovaccone. Der Schlächter Cimabue hat immer zu meinen besten Kunden gehört; diese Arbeiter, die niemals etwas verzehren, hatten nicht das Recht, ihn so zu behandeln.«

»Was denken die Herren darüber«, sagte der Lehrer Zampieri; er rückte blaß auf seinem Sitz umher, »-- wenn man eine Abordnung zu Don Taddeo schickte?«

Der Tabakhändler klopfte ihn auf die Schulter.

»Keine Furcht, mein Lieber. Solange wir an der Macht sind, wird der Priester uns nicht hindern, Sie fest anzustellen.«

»Gleichviel«, sagte der Advokat. »Es wäre ein Akt hoher Diplomatie. Wir würden den Priester beschämen und entwaffnen, denn wir würden ihm beweisen, daß wir, die wir Gott in der Natur anbeten, bessere Christen sind als er.«

Die Meinungen teilten sich. Italia bat für Don Taddeo.

»Er ist kein schlechter Priester. Ihr solltet ihn nicht zu sehr kränken.«

Der Herr Giocondi kniff ein Auge zu und raunte Italia ins Ohr:

»Du selbst wirst ihn gewiß noch heute mit dem Apotheker kränken.«

»Ah!« rief Polli. »Wenigstens wissen wir jetzt, wen er mit der großen Babel gemeint hat. Es ist die Hühnerlucia, -- denn sie hat die Frommen in die Flucht geschlagen.«

Flora Garlinda traf ein.

»Ich hoffte, ein Schlachtfeld voll Leichen zu finden«, sagte sie. »In der >Bionda<, die ich studiere, werden so viele erschlagen, man müßte das einmal sehen. Statt dessen sind alle unversehrt,« -- und sie lächelte verächtlich. »Der Priester riet, sie nicht zu schonen.«

»Er gefällt mir. Er ist ein böser Fanatiker und stärker als ihr alle. Wir beide könnten uns verständigen, -- wenn er wollte. Die Prüfungen werden ihm guttun. Ah! seht doch, wie er sich quält.«

Man erkannte ihn erst jetzt: in den dunkelsten Winkel, zwischen dem Turm und dem Hause Mancafede, krümmte er sich mit dem Rücken schwarz über die Mauer hin, schnellte auf, um zwei flatternde Schritte zu tun, und fiel zurück. Der Advokat nickte über die Köpfe der anderen nach ihm hin; er murmelte starr:

»Da sieht man, was es heißt, geschlagen zu sein.«

Acquistapace und der Gevatter Achille erboten sich, hinzugehen.

»Wir werden ihm vorstellen, daß der Bürgerkrieg nur dem Freund Giovaccone nützt«, sagte der Wirt.

»Und daß wir, alles in allem, keine Feinde der Religion sind«, sagte der Apotheker. Der Advokat drückte ihnen die Hände.

»Ohne den Halt der Kirche wird der Mittelstand nur noch ein Haufe auseinanderstrebender Interessen sein. Geht, meine Freunde, geht!«

Sie machten sich auf.

Der Kapellmeister war schmerzlich in sich versunken. Plötzlich wandte er sich mit bebender Lippe an Flora Garlinda.

»Er gefällt Ihnen sehr?« fragte er.

»Wer?«

»Don Taddeo.«

Sie hob die Schultern.

»Ich bin ein Narr«, sagte er fast laut.

Die Stimme des Priesters brach unvermutet los: hoch, gewaltsam und angegriffen, als habe er schon stundenlang geschrien:

»Ihr haltet euch für Sieger? Wißt ihr nicht, daß Gott manchmal die siegen läßt, die er verderben will? Um so sicherer verharren sie bei ihrem Abfall. Ah! ihr Sieger. Du, der du deiner heiligen Gattin durch deine Verfolgungen ins Paradies hilfst, um selbst zur Hölle zu fahren! Du, der du jeden Tag durch deinen Bauch, der dein Gott ist, dahingerafft werden kannst! . . .«

»Wie er sich abarbeitet!« raunte man einander beim Café zu. »Er gleicht einem Dämon. Man kann sagen, daß Achille und Romolo sich opfern für das öffentliche Wohl.«