Part 18
»Fange nicht davon an! In meiner Gasse: -- ich versichere euch, daß man darauf tritt. Und ich spreche noch nicht vom Hof des Rathauses, wo es so dunkel ist.«
Sie platzten aus; sie mußten sich auf die Knie stützen.
In diesem Augenblick kam der kleine Uralte vorbei, vor sich hinlächelnd, mit einem dünnen Trällern.
»Brabrà!« schrie der Herr Giocondi. »Auch er war unterwegs heute nacht, und ich bürge euch dafür, daß er manches zu sehen bekommen hat. Noch immer amüsiert er sich darüber.« Der Barbier tanzte vor Nello umher; er verzog den Mund zum Weinen.
»Sie werden begreifen, mein Herr: ich habe eine Familie zu ernähren, und wenn der Herr darauf besteht, mich zu ruinieren, dann bleibt mir nur übrig, allen Leuten zu sagen, was ich weiß . . .«
Dabei hielt er an und spähte dem jungen Mann von unten in die Augen. Die Frauen sahen aus den Fenstern: Nello stand, die Hände auf den Hüften, und lachte, daß es wie Gesang klang. Die andern lachten mit.
»Und der Advokat!« brachte Polli hervor. »Man weiß wohl, warum er an diesem wichtigen Tage noch nicht auf dem Platz ist. Er hat die ganze Zeit in seinem Studierzimmer zu tun. Er sitzt, weil es warm ist, in Unterhosen an seinem Schreibtisch und empfängt die kleinen Choristinnen, die um einen Vorschuß bitten . . .«
»Ah! ihr Schweinigel, was singt ihr da?« rief donnernd der Gevatter Achille.
»Sie wird vielleicht das Leben kosten, die kostbare Nacht«, sang die Rotte von Buben, aber mit veränderten Worten, und marschierte im Eilschritt vorbei. Nello Gennari folgte ihnen lachend um den Platz. Vor dem Hause des Kaufmannes Mancafede riß es ihn zurück: im ersten Stock hatte ein Fensterladen sich bewegt; und Nello stand, sein letztes Lachen noch im Halse, blinzelte scheu und hatte eine lange, ermattete Miene.
»Die Unsichtbare! Ich hatte sie vergessen, sie aber hat mich immer im Auge behalten. Sie kennt meine Schritte, sie weiß auch, wohin ich den letzten tun werde. Wohin? Wohin?« -- und er richtete einen leidenschaftlichen Blick auf die Dunkelheit zwischen den Brettern des Ladens. Gleich darauf, den Hals abgewendet, die Hand gespreizt:
»Nein! Nichts sagen! Lieber sterben, wenn es sein müßte: sterben, ohne zu wissen . . . Aber sterben?«
Er verschränkte die Arme, senkte das Gesicht auf sie, und ein Schauder durchlief ihn heftig.
»Albas Hände nicht länger um meinen Kopf spüren, noch den Geruch ihrer feuchten Haut je wieder einatmen; ihr Lächeln, dies weiße Feuer, nie mehr brennen fühlen . . . Ich hätte gestern sterben sollen: gestern war es zu ertragen . . . Welche Angst, wie viele Gefahren! Und ich konnte lachen? Nonoggi hat mir gedroht; ich verstand es nicht; mir war, er triebe seine Späße dort ganz unten, irgendwo am Boden. Jetzt sehe ich die grausame List in seinen blutigen Augen. Ich muß zu ihm, ich kaufe alles, was er will!«
Aber wie er herumfuhr, stand in der Ladentür der Kaufmann und lächelte bedeutsam. Er wußte alles, -- da seine Tochter alles wußte! Das Schicksal beschwichtigen! Sich Frist erkaufen!
»Hätten Sie nicht, mein Herr --« stammelte Nello. »Hätten Sie nicht --«
Mancafede rieb sich die Hände.
»Ich hätte einen Posten rotes Flanell, sehr geeignet für dramatische Künstler. Auch Stoff für Herbstanzüge hätte ich. Aber überstürzen Sie nicht Ihre Wahl, Herr Nello Gennari. Wenn ich meinen Laden am Sonntag schlösse, würde ich ihn doch für einen Kunden wie Sie wieder öffnen.«
»Dieser Anzug gefällt mir; aber er wird für mich zu teuer sein.«
Der Kaufmann fiel ein:
»Ich schicke ihn Ihnen -- und werde mich hüten, einen Kunden von Ihrer Bedeutung, mein Herr, wegen der Bezahlung zu drängen. Ich weiß zu gut, daß man an Ihnen nichts verliert. Auch diesen Anzug vielleicht, der Ihnen bezaubernd stehen würde, oder diesen, an dem die Liebe jeder Frau sich weiden muß?«
»Wie Sie wollen«, murmelte Nello.
»Also beide. Gut, mein Herr, Sie werden bedient werden. Dafür bekommen Sie den roten Flanell zu einem Ausnahmepreis,« -- und auf den grauen Wangen des Kaufmannes zeigte sich etwas wie ein Widerschein seines roten Flanells.
»Zu welchem Preis also?« fragte Nello ergeben. Mancafede antwortete nicht; er dienerte in der Tür. Darauf entschuldigte er sich. Sein altes Hasenprofil lächelte zahm und schlau.
»Eine Kundin ging vorüber, mein Herr: nichts als eine Kundin.«
Und indes Nello über die großkarierten Stoffe gebeugt stand, fiel die Matratze der Domtür hinter Alba zu.
* * * * *
Die Kirche war ganz leer. Alba strich den Schleier von den Augen, sah, leise keuchend, umher wie nach Verfolgern und sank in der nächsten Bank auf die Knie. Sie legte die Stirn in die Hände. Als die kalte Luft ihren heißen Nacken wollüstig erschauern machte, zog sie das Tuch darüber. Ihre Schultern zuckten, ihre Stirn preßte, als würde sie immer schwerer, die schmerzenden Hände gegen das harte Holz. Mit einem Ruck richtete sie sich auf, betrachtete diese Hände, betrachtete den See von Tränen, den ihre beiden Augen auf der Bank zurückgelassen hatten, und schüttelte langsam den Kopf . . . Ein Geräusch in der Vorhalle: Alba flüchtete in den Schatten eines Beichtstuhles.
Sie glitt hervor, stahl sich bis hinter die Nonne, die vor der Kapelle des heiligen Agapitus kniete, und tastete leise nach ihrem Saum: tastete und stockte. Die Hand fuhr zurück, angstvoll um den Hals, woraus ein Schluchzen brechen wollte. Die Augen heiß auf der im Frieden Anbetenden, schlich Alba rückwärts davon in das Dunkel.
Die Nonne war fort. Weite Stille: -- aber der lange gelbe Vorhang des letzten Fensters dort hinten bewegte sich; etwas Schwarzes raschelte herab; und unter der Türöffnung zur Seite des Hochaltars erschien Don Taddeo. Er beugte die Schultern, worauf Kalk lag; wie gebrochen ging er; sein entzündeter Blick irrte durch das Schiff. Wie unversehens Alba hervortrat, erschrak er, daß seine Soutane schlotterte. Bei ihrer bittenden Gebärde nach dem Beichtstuhl wich er jäh aus und zog, als sei ihm übel, das Gesicht zusammen. Sie legte die Finger aneinander und führte ihre Spitzen an die Lippen. So ging sie, die erweiterten Augen geradaus, vorüber. Auf der Schwelle zögerte sie, wandte sich um nach ihm: ihre Blicke fielen ineinander, unmerklich nickten ihre Lider sich zu. Der Priester schloß seine. Er strich mit der Linken über sie hinab; die Rechte stieß er unsicher in die Luft; mit großen, flatternden Schritten erreichte er die Sakristei.
Alba, auf der Schwelle, stand atemlos . . . Endlich senkte sie die Schultern mit Kraft, ließ über die Augen den Schleier und hob von der Tür die Matratze auf, die den Lärm des Platzes erstickt hatte.
Eine Frau mit dem Spitzentuch auf den Haaren, eine Fremde, streckte draußen soeben die Hand aus. Alba reichte ihr die Matratze, -- und Italia neigte sich, um mit großen, neugierigen Tieraugen hinter der verhüllt Fliehenden dreinzuschauen.
* * * * *
»Hier kommen Sie nicht durch, Fräulein«, sagte die Magd Felicetta; denn den Dom entlang staute sich quer über den Platz ein Haufe Frauen, die Kinder hinaufhoben und durcheinander riefen.
»Obwohl ich bei keinem der Herren mehr diene, sondern beim Bäcker Crepalini, der mit den Herren Krieg führt, gebe ich Ihnen doch einen Rat, Fräulein, denn Sie haben Mitleid mit den armen Leuten. Steigen Sie also vom Corso die Gassen hinunter und kommen Sie beim Rathaus wieder herauf. So werden Sie keine Unannehmlichkeiten haben. Denn der Platz ist voll von Männern, die sich schlagen wollen. Sehen Sie meinen Herrn, den Bäcker, vor dem Café des Freundes Giovaccone sitzen? Die Seinen sind zahlreich, und er hat einen gewissen roten Kopf, den ich kenne. Wehe dem Advokaten Belotti! Er wird nicht mehr lange das Wort führen drüben beim Gevatter Achille.«
Frau Nonoggi und die Frau des Schusters Malagodi schrieen einstimmig:
»Seht die Gottlosen! Sie sind die Feinde des Don Taddeo, und sie wollen ihm den Eimer nehmen.«
Das Gebell des Bäckers drang durch.
»Ah! die Herren wollen uns die Schlüssel zu den Logen nicht verkaufen, dafür werden sie den Schlüssel zum Eimer nie zu sehen bekommen.«
Er begann sogleich von vorn:
»Ah! die Herren wollen uns --«
Der Advokat Belotti keuchte seinerseits etwas herüber, immer dasselbe, das niemand verstand; aber man sah die Herren drüben höhnisch lachen.
»Pappappapp«, machte sein Bruder Galileo am Tisch des Bäckers.
Plötzlich kreischte aus ihrem Fenster die Frau des Apothekers Acquistapace und schüttelte die Faust:
»Ah! Lügner, ah! Verräter, er sagt, Don Taddeo habe den Eimer verkauft, an einen Amerikaner habe er ihn verkauft.«
Vor dem Café »zum heiligen Agapitus« war sogleich alles auf den Beinen; alle Fäuste waren in der Luft. Die Frauen vor dem Dom zeterten.
»Der Advokat wird recht haben«, schrie vor dem Rathaus aus Leibeskräften der Barbier Bonometti, und er stieß in der Schar von Männern den alten kleinen Beamten Dotti an.
»Schreit mit! Der Advokat wird recht haben mit dem Eimer. Er enthüllt die Intrigen der Sakristei. Er ist ein großer Mann, der Advokat!«
Die Beamten schrien:
»Es lebe der Advokat!«
Der dicke alte Corvi setzte hinzu:
»Er ist ein großer Mann, der Advokat, denn er wird mir die Stelle bei der öffentlichen Wage geben.«
»Hat er uns nicht das Waschhaus erbaut?« fragten die Mägde Fania und Nanà die Frau des Schusters. »Es lebe der Advokat!«
Die kleinen Choristinnen riefen im Gedränge der Weiber:
»Und er gibt Vorschüsse, soviel man will! Er lebe!«
Der Advokat winkte seinen Anhängern mit dem Hut; er sagte zu den Herren um ihn:
»Die braven Leute! Bei solcher Gesinnung eines Volkes ist es nicht zweifelhaft, wer recht behält: die Widersetzlichkeit, verbündet mit der Reaktion, oder die Ordnung, die eins ist mit der Freiheit.«
»Immer die großen Worte«, murmelte der Gemeindesekretär. »Wer weiß, auf welcher Seite hier die Freiheit ist. Freiheit ist nicht dasselbe wie Zügellosigkeit.«
»Beabsichtigen Sie eine persönliche Anspielung, Herr Camuzzi?« fragte der Advokat. »Dann erfahren Sie, daß ich mich eines Lebens, das frei von Heuchelei ist, nicht schäme. Ich weiß mich einer ruhmreichen Tradition verbunden. Offenbar ist Ihnen unbekannt, mein Herr, von welchen Müttern wir stammen. An der Stelle unserer Stadt hat ein Heiligtum der Venus gestanden, mein Herr.«
»Nun, es ist abgebrochen,« -- und der Sekretär zuckte die Achseln.
»Freuen Sie sich darüber mit Ihrem Don Taddeo, diesem Demagogen im Priesterkleid. Hat er nicht heute früh in seiner Predigt dem Volk angeraten, wenn die Mächtigen sich der Wollust ergeben, solle es sie niederreißen? Ich weiß wohl, welche Mächtigen gemeint sind --«
Der Advokat wies sich auf die Brust.
»-- und Ihr Don Taddeo soll bei dieser Gelegenheit erst merken, was Macht heißt!«
Er schwenkte eine Zeitung. Der Tabakhändler kratzte sich den Kopf.
»Sehr gut. Aber inzwischen sind wir wenige, -- und der Mittelstand läßt ganze Regimenter aufmarschieren. Man muß unsere Freunde holen. Auch werde ich meinen Olindo suchen. Wenn er sonst nichts taugt, hat er doch Fäuste.«
Der Stadtzolleinnehmer erklärte, ebenfalls werben zu wollen und betrat die Apotheke. Der alte Acquistapace stapfte heraus; er stieß mit dem Stößel seines Mörsers um sich.
»Romolo!« rief es schrill von oben.
»Es gibt keinen Romolo!« brüllte er. »Es gibt nur einen Soldaten Garibaldis, der die Sache der Freiheit in Gefahr sieht.«
Und immer tapferer:
»Wo sind die Feiglinge, die sich, aus Furcht vor ihren Weibern, in ihren Läden verstecken? Wo ist Mancafede?«
Er machte sich, seinen Stößel schwingend, auf den Platz hinaus, dem feindlichen Heer entgegen und mitten hindurch; niemand beim Café »zum heiligen Agapitus« wagte, so sehr sie fuchtelten, den alten Krieger anzurühren; -- und wie Mancafede gerade den Rolladen herabzog, ward er gepackt. Zitternd kam er mit.
»Wucherer!« schrie der Tapezierer Allebardi mit einer Stimme, wie sein Bombardon, dicht unter der Nase des Kaufmannes, der erbleicht zurückfuhr. Das Volk wiederholte:
»Wucherer!«
»Dieb!« -- und der alte Kneipenheld Zecchini war blau vor plötzlicher Wut; »Dieb, der allen Wein aufkauft, so daß niemand ihn bezahlen kann und wir verdursten müssen!«
»Wir wollen nicht verdursten!« grölten seine Zechbrüder.
»Und wir hier wollen nicht verhungern«, rief vom Rathaus her ein riesiger Fuhrmann. »Nieder mit dem Bäcker!«
»Nieder mit dem Bäcker!« wiederholte das Volk; und Crepalini verschwand rasch zwischen den Seinen.
»Und die Kuchen des Serafini!« gellte hinter dem Rücken des Fuhrmanns der Konditorlehrling Coletto. »Wollt ihr wissen, was er statt Zimt hineingibt? Zerstoßene Wanzen! Wanzenkonditor! Wanzenkonditor!«
Ein Schrei des Abscheus; -- und über allem jammerte eine Frauenstimme:
»Isidoro! Mein Isidoro!«
Mama Paradisi hing, alles vergessend, aus ihrem Fenster. »Flieh, mein Isidoro, sie werden dir weh tun. Lauf, lauf!«
Mancafede sandte ihr einen trostlosen Blick hinauf; sein Häscher lieferte ihn schon beim Café »zum Fortschritt« ein.
Der Herr Giocondi führte den Baron Torroni herbei. Auch die Herren Salvatori, Onkel und Neffe, folgten ihm.
»Sie haben mir meine Fabrik wegeskamotiert«, sagte er zum Salvatori und klopfte ihn vor den Bauch; »aber hier handelt es sich um die Freiheit, das ist ein anderes Paar Ärmel.«
Der Apotheker war hinter dem Barbier Nonoggi her, der unter blutigen Grimassen wie ein Wiesel um den Platz lief. Beim Café des Freundes Giovaccone kreischte er, das Kreuz schlagend:
»Don Taddeo ist ein Heiliger.«
Und wenn er sich den Tischen des Gevatters Achille näherte:
»Es lebe der Advokat!«
Da der Apotheker ihn nicht fangen konnte, brachte er den Wirt Malandrini und den Lehrer Zampieri mit, die nur gekommen waren, um etwas zu sehen. Der Kapellmeister Dorlenghi stellte sich von selbst ein; er warf die Arme.
»Und meine Messe? Nicht ein einziger ist zur Probe in den Dom gekommen!«
Der Lehrer sagte:
»Es gibt Tage, mein Herr, an denen auch wir Männer des Geistes unsere Studien verlassen müssen, um, den größten Ideen zuliebe, auf den Platz hinabzusteigen.«
»Aber jene dort vermehren sich«, rief drüben der Mechaniker Blandini. »Es wird Zeit, daß auch wir uns sammeln.«
Sogleich liefen die Barbiere Macola und Druso nach dem Corso, der Schlosser Fantapiè zur Treppengasse, und sie schrien die Häuser hinan:
»Alle auf den Platz!«
Von den Herbergen »zum Mond« und »zu den Verlobten« kam ein Trupp Bauern.
»Hierher!« keifte Galileo Belotti, in der Mitte beim Brunnen. »Es geht gegen die Buffonen!«
Aber als der schöne Alfò, man wußte nicht warum, zähnefletschend gegen ihn losbrach, rollte Galileo auf seinen kurzen Beinen ganz schnell in das befreundete Lager zurück. Der schöne Alfò trug, eitel lächelnd, den blauen Klemmer des Pächters als Beute heim.
Dennoch schlugen sich die Bauern auf die Seite des heiligen Agapitus.
Wie der Schlosser Scarpetta vom Tor her zu der Partei des Mittelstandes stoßen wollte, trat der Advokat Belotti ihm in den Weg und versprach ihm den Teil der Arbeiten im Rathaus, der sonst Fantapiè zugefallen wäre; und darauf blieb Scarpetta. Auch den Schneider Chiaralunzi, der aus der Gasse der Hühnerlucia kam, wollte der Advokat durch Aufträge verlocken. Der Schneider antwortete:
»Der Herr Advokat möge mich entschuldigen, denn ich habe die größte Achtung vor dem Herrn Advokaten, aber der ist kein guter Mann, der es nicht mit seiner Klasse hält.«
Und er ging hinüber.
Polli kehrte zurück. Er brachte niemand als nur seinen Sohn, den er vor sich herstieß. Beide waren gerötet und schienen erschöpft. Der Tabakhändler keuchte:
»Da ist mein Sohn Olindo, er soll für die Freiheit kämpfen. Glaubt ihr vielleicht, er wäre von selbst gekommen? Ah! mein Sohn ist ein Typus, dem an der Freiheit wenig gelegen ist. Statt dessen hat er, indes sein Vater um die öffentliche Sache bemüht ist, in meinem Hause, ja, in meinem eigenen Hause jenes Weibsbild, die große gelbe Choristin bei sich und tut mit ihr, was ihr euch denken könnt.«
Olindo bekam einen Rippenstoß.
»Als seine Mutter dazukam, ist sie in Ohnmacht gefallen. Was mich betrifft: eine solche Verderbnis unserer Kinder macht mir geradezu Lust, jenem Priester recht zu geben.«
Auch der Herr Salvatori äußerte Besorgnisse um seinen Neffen. Um nicht weitere Verwirrung in den Geistern aufkommen zu lassen, nahm der Advokat den Tabakhändler ernst beiseite.
»Wir sind Freunde, wie, Polli?«
»Freundschaft, soviel man will, aber --«
»Es gibt kein Aber. Denn, sagen wir nur die Wahrheit: den menschlichen Schwächen sind wir alle unterworfen. Dein Gewissen, Polli, wird dir sagen, ob du gegen deinen Sohn nur als Vater eingeschritten bist oder auch als Rivale. In jedem Fall, Polli, besinne dich auf deine Bürgerpflicht!«
Polli murrte nur noch leise, und der Advokat musterte stolz und zuversichtlich seine verstärkte Truppe. Der Gevatter Achille ging mit der Vermouthflasche umher, weil man Mut nötig habe.
»Hohoho!« schrien alle gleichzeitig. Vom Café des »heiligen Agapitus« antwortete es:
»Huhuhu!«
Das Volk vor dem Dom und am Rathaus schrie mit, klatschte in die Hände und pfiff. In allen Fenstern schrien die Frauen. Da donnerte der alte Acquistapace:
»Ist es möglich! Die da drüben haben bei sich den Savezzo!«
»Er wird sich geirrt haben«, meinte der Herr Giocondi. Der Gevatter Achille stieß in seine hohlen Hände:
»Schmeckt das Weihwasser, Herr Savezzo?«
* * * * *
Als der junge Savezzo sich entdeckt sah, trat er, die Arme verschränkt, auf den Platz hinaus. Eine Zeitlang sah er unter gewulsteten Brauen mit düsterer Genußsucht ringsum.
»Was willst du?« rief das Volk. Darauf redete er mit unvermitteltem Augenrollen und großen, gezierten Gesten:
»Es ist aus, es soll aus sein in unserer Stadt mit der Protektionswirtschaft, mit der Diktatur einer Klasse!«
»Es ist aus!« rief das Volk.
»Ah! Volk --« und Savezzo breitete die Arme aus, wie an einem Kreuz, »du wirst künftig das Opfer des Talentes empfangen können, auch wenn es nicht aus gewissen Familien kommt. Von den nächsten Listen für die Gemeindewahlen werden die Namen verschwunden sein, die Korruption und Volksausbeutung bedeuten. Denn ihre Träger --«
»Der Bäcker!« schrieen Bonometti und der Fuhrmann. Das Volk wiederholte:
»Den Bäcker meint er!«
»Den Konditor!« kreischte Coletto. »Den Wanzenkonditor!«
»-- werden erschrocken sein vor der Größe eurer Rache,« -- und der Savezzo arbeitete sich ab.
»Willst du ein Glas Wasser?« rief eine Frau.
»Er braucht es. Er hält seinen Vortrag über die Freundschaft«, sagte der Advokat Belotti, verächtlich lächelnd.
»-- eurer Rache,« fuhr Savezzo fort und zeigte dem Volk sein Profil, »die fürchterlich zerstört haben wird den Sitz der Gottlosigkeit, des Lasters und der Tyrannei: das Theater!«
»Huhuhu!« machte es beim Café »zum Fortschritt.«
»Was für eine Sprache spricht er?« fragte die Magd Felicetta ihre Nachbarn, die die Achseln zuckten.
»Genug! Wir wollen die >Arme Tonietta<«, rief der Fuhrmann, und er stimmte an:
»Sieh, Geliebte --«
Man lachte. Der Savezzo griff sich noch einmal ins Haar, schnellte noch einmal die gespreizte Hand über das Volk hin, stieß sie geballt gegen das Café »zum Fortschritt« aus und zog sich zurück. Der Baron spie hinter ihm aus.
»Welch feiger Heuchler! Er hat sich also zu erkennen gegeben.«
»Mich hat er nie getäuscht«, behauptete der Advokat. »Ich habe aus seiner Demut wie aus seiner Düsterkeit immer den Neid dessen herausgefühlt, der nicht zu den Göttern gehört.«
»Die Komödiantin! Laßt sie nicht entwischen!« heulte vor der Domtreppe die Frau des Kirchendieners Pipistrelli; -- und verfolgt von den Weibern, rannte Italia mit kleinen behinderten Schritten und kreischend wie ein Pfau über den Platz. Der Apotheker Acquistapace stapfte ihr entgegen; obwohl es von droben mit entsetzlicher Stimme »Romolo« rief, fing er sie auf. Die Weiber wichen nicht, sie blockierten das Café »zum Fortschritt.« Der junge Severino Salvatori trat ihnen elegant gegenüber und lispelte Anzüglichkeiten.
»Da ist er!« rief die Frau des Schuhmachers Malagodi. »Der da hat etwas Schlechtes von unserer Elena verlangt, und sie hat ihn vor die Tür gesetzt.«
»Ah! was für ein schöner junger Mann,« -- und eine entriß ihm sein Monokel. Darauf machten alle sich davon, unter schreiendem Gelächter und Gesten, die nicht alle anständig waren.
»Habe ich denn verdient, daß man mich totschlägt?« jammerte Italia auf der ledernen Bank im Innern des Cafés, wo der Herr Giocondi unter schelmischen Seitenblicken auf die Zuschauer ihr die Büste freimachte. Auch der Kaufmann Mancafede hatte sich in den Saal gerettet; er rang die dürren Hände.
»Der Bürgerkrieg ist etwas Häßliches; er schadet den Geschäften, und wenn Gott will, bekommt man sogar Schläge.«
»Glauben Sie?« stammelte im dunkelsten Winkel der Cavaliere Giordano.
Der Herr Giocondi behauptete, auf Italias Nacken eine Quetschung gefunden zu haben, und rief nach Essig. Der Gevatter Achille brachte ihn und sagte:
»Wenn man bedenkt, daß ein einziger Priester so viel Unheil stiftet.«
»Es gibt gute Priester,« -- und der Cavaliere Giordano streckte beschwörend die Hand aus. »Es gibt gute Priester, und es gibt schlechte Priester.«
Italia schluchzte.
»Don Taddeo ist kein schlechter Priester. Er mag nicht, daß man sündigt: darin hat er recht. Ach, über mich!«
»Nicht weinen«, murmelte der Apotheker. Er stand, die Hände am Leib, neben ihr und weinte selbst.
»Als ich ihm das erstemal beichtete,« sagte Italia feucht, »war er sehr streng; er wollte alles wissen, alles, alles.«
»Versteht sich«, bemerkte der Gevatter Achille. »Das ist ihre Unterhaltung.«
»Und er stellte so schreckliche Fragen, daß es fast schien, er wisse schon alles. Ist er denn ein Heiliger?«
»Nein; aber er wird unter dem Bett gesteckt haben«, schrie der Baron Torroni und lachte dröhnend.
»Und dann befahl er mir, zur Madonna von Loreto zu gehen. Ich werde gehen, sonst bringt es mir Unglück . . . Aber als ich heute wiederkam --«
»Armes Mädchen, auch sie ist in den Händen der Priester!« seufzte der Apotheker.
»-- da wollte er mich nicht anhören.«
Der Herr Giocondi vermutete:
»Er fürchtet, daß Sie ihn zum besten halten.«
»Er betete in der Sakristei, und seine Augen waren rot wie Kohlen.«
»Der Schlaukopf!« rief der Wirt Malandrini. »Uns schickt er den Mittelstand auf den Hals, er aber stellt sich, als habe er es nur mit den Heiligen des Paradieses zu tun.«
»Man würde ihn umsonst auf dem Platz suchen, den Heuchler!« sagte der Advokat, der herzukam.
»Ich störte ihn noch einmal; da --« und Italia schüttelte sich, »sprang er vom Betstuhl auf wie eine Katze. Welche Furcht! Ich lief, und er mir nach. Er rief, ich solle kommen und beichten. Beim ersten Wort sagte er: >Genug< und erließ mir alles. Ich glaubte, er irrte sich, und fing wieder an. Er aber stöhnte auf eine gewisse Art, daß mir nichts Gutes ahnte, und rasch machte ich mich davon.«
Sie sah alle erschüttert an. Der Advokat erklärte:
»Er wird noch immer in seinem Beichtstuhl hocken, und wahrscheinlich unter der Bank. Ah! keine Gefahr, daß er das Kommando ergreift über das Café >zum heiligen Agapitus<.«
Der Gemeindesekretär war dem Advokaten gefolgt.
»Man mag von Don Taddeo denken, was man will,« sagte er und wiegte den Kopf, »so ist er doch ein mutiger Mann. Wie wollen Sie das leugnen? Er hat uns nicht gefürchtet, sogar Sie nicht, Herr Advokat, und er war allein: sein Kaplan sammelt Pflanzen.«
»Wollte Gott, er täte dasselbe, mein Herr.«
»Er baut keine Waschhäuser, sondern vertritt das Interesse der Religion.«
»Und er hängt sie als Mantel um den Klassenhaß.«
»Hängen nicht wir ihm den der Freiheit um?«
»Ah!« -- und der Advokat warf sich umher; »ich habe in diesem Augenblick nicht Zeit, mit Ihnen zu philosophieren, Herr Camuzzi: die Stadt erwartet, daß ich handle!«
Er trieb alle aus dem Café.
»Halt! Wohin?« -- und er packte Nello Gennari, der durch eine Lücke in der Menge entwischen wollte; am Rande des Gäßchens gegenüber dem Rathaus hatte er Alba erblickt.
»Eine wichtige Angelegenheit«, sagte er fieberhaft und wand sich in den Armen des Advokaten.