Die kleine Stadt: Roman

Part 17

Chapter 173,889 wordsPublic domain

»Das nächste Mal, Brabrà, wirst du dir eine Art Verrücktheit aussuchen, die den Leuten weniger auf die Nerven geht. Auch die Verrücktheit, Brabrà, läßt sich regeln und organisieren. Du hast heute abend einen häßlichen Epilog an ein schönes bürgerliches Fest gehängt. Aber die Tatsache, daß du verrückt bist, bedenke dies wohl, Brabrà, gibt dir noch nicht das Recht, ein schlechter Bürger zu sein.«

Da der Uralte, als sei nichts geschehen, weiterdienerte, verlor der Advokat die Geduld, nahm ihn beim Kragen und beförderte auch ihn in die Gasse der Hühnerlucia.

* * * * *

Der Gevatter Achille kam aus seiner Tür, um dem Cavaliere Giordano am vereinsamten Tisch gute Nacht zu wünschen und ihn um Verzeihung zu bitten, wenn er jetzt sein Lokal schließe. Der Platz lag dunkel und leer. In seinem tiefsten Schatten, am Hause des Kaufmannes Mancafede, regte ein halboffener Fensterladen sich, zitterte ein wenig und begann sich zu senken. Aber dahinten aus der Nacht des Rathaushofes kam ein Schritt: -- und der Laden am Hause Mancafede blieb stehen.

Nello Gennari hielt, den Kopf gesenkt, unter dem Torbogen an: da flüsterte etwas Weißes, das fortflatterte:

»Ihr sollt sogleich ins Theater zurückkehren und --«

Er hörte nicht mehr. Eine kleine Nonne wendete sich nach ihm um, sie lief noch einmal ganz nahe vorüber.

»-- und singen. Man wird Euch hören.«

»Die Äbtissin?« fragte er und langte nach der Erscheinung. Aber sie flog schon die Treppengasse hinan. Er lief hinterdrein, die Arme erhoben. Die Füße schienen ihm in Erde einzusinken, und doch hieß es nun in den Himmel folgen! Er merkte nicht, daß er über lagernde Ziegen fiel. Die Zähne klapperten ihm, er dachte wirr: »Alba ist gekommen, sie wartet auf mich. Werde ich sterben müssen, wenn ich singe: >Die kostbare Nacht<? Sie kostet vielleicht das Leben, die kostbare Nacht. Die Äbtissin entscheidet nun. Wie immer du entscheidest: Alba, ich bin dein!«

Der Satz über die letzten Stufen fühlte sich an wie ein Flug. Er sah sich auf der weiten Terrasse vor dem Palast; die Nonne war fort. »Habe ich geträumt? Wie sollte zu dieser Stunde Alba herkommen; was weiß sie von mir? Jemand verhöhnt mich.« Da drückte er die Augen zu und stürzte hinein.

Die Gänge waren nicht ganz dunkel; und zwei Kerzen in Laternen an den Kulissen sandten eine schwachrote Bahn zwischen den getürmten Schatten von Saal und Bühne, die Rampe entlang. Nello Gennari betrat, die Hände um die Schläfen, in zwei stürzenden Schritten die Bühne und schüttelte sich ganz. Die Töne versagten ihm, sein Atem flog. Er zügelte ihn, um hervorzubringen:

»Die Nacht wollen wir genießen, sie kostet vielleicht das Leben, die kostbare Nacht!«

Er gelangte, stockenden Schrittes, bis in die Lichtbahn vor der Rampe und erhob, die Handflächen hingewendet wie ein zum Sterben Bereiteter, den Blick. Das Dunkel droben war undurchdringlich. Zwischen ihren beiden schlanken Säulchen deuchte ihm jene Loge dort, die dritte rechts, schwärzer als alle: eine Galerie von Nächten, hindurchgeleitet durch Rätsel voll Grauen und voll Entzücken.

Er wiederholte, den Kopf in den Nacken gebogen: »Die kostbare Nacht«; und wie er die letzte Note aushielt, fühlte er eine Hand an der Kehle. Sie würgte ihn, weich und stark. »Die Äbtissin«, dachte er und schloß die Augen. »Sie ist es, ich sterbe . . . Und soll dich nicht sehen, Alba?« Als er aber die Lider voneinander löste, entschwebten droben der Finsternis zwei kleine weiße Hände, die lautlos applaudierten. »Das ist das Glück: jetzt weiß ich, daß es mir bestimmt ist!« -- und Nello sank auf die Knie.

Kniend sang er: »Sieh, Geliebte, unser umblühtes Haus heißt uns blühen!« -- und fühlte die Töne seiner Brust entströmen, wie die unerschöpflichen Fluten des Glücks. Das Ohr geneigt, erwartete er den Einsatz seiner Partnerin. »Ihre Stimme! Ihre Stimme!« Da fielen auf seine Hände Blumen. Gleich darauf ging eine Tür. Er sprang auf, stürzte hinaus und erreichte die Treppe früh genug, um sie zu versperren. Leichte Schritte liefen ganz oben ein paar Stufen herab, wieder zurück, und enteilten. Er war hinterher. Um eine Ecke flatterte eine Rockfalte. Unter der Tür eines Zimmers erkannte er die dunkel fliehende Gestalt. Dort hinten, wo eine lange Galerie in Schatten zusammenfiel, spreizte eine unsicher schimmernde Hand sich beschwörend rückwärts. Durch die himmelhohen Fenster eines Saales warf sich, zwischen zwei Wolken, die es überjagten, ein kleines angstvolles Sternenlicht auf einen eingesunkenen Thron, zersprungene Bilder und ein weißes Profil, das dahingleitend in einem Schrei ohne Laut den Mund aufriß. Den Augen des Verfolgers entstürzten Tränen; vor Tränen sah er die nicht, die dicht vor ihm laut atmete, strauchelte, ein Fenster aufriß. Er blieb stehen, er erhob langsam die gefalteten Hände. Seine Augen, die sich entschleierten, trafen den Schatten unter ihren Brauen. Einander gegenüber, schwiegen sie und blieben reglos. Sie hielt die Arme über die Gitterschranke des bis zum Boden offenen Fensters gebreitet. Der Umriß ihres Kopfes zerging in dunkler Luft. Ein Wasser rauschte, vom Felsen hinter ihr, in große Tiefe.

Aus einer jagenden Wolke glitt wieder jener Sternenschein, da sagte Alba:

»Du hast geweint.«

»Denn ich mußte dich ängstigen«, sagte Nello. »Aber wenn ich jetzt nicht bis zu dir drang, wars aus. Verstehst du, was das heißt?«

»Ich weiß alles.«

»Alba!«

Sogleich riß er den Fuß wieder zurück: ihr Nacken lag weit draußen, sie rief:

»Rühre mich nicht an!«

Schaudernde Stille; -- und dann, unmerklich zuerst, sank sie nach vorn, seinen Armen entgegen.

IV

Es schlug vier.

»Wir müssen fort«, sagte Alba. »Zwei Stunden noch, und wir kommen nicht mehr ungesehen über den Platz.«

»Zwei Stunden noch«, sagte Nello. »Bleibe doch, bleibe! Du hast mich so lange warten lassen auf diese Stunde.«

Und beim nächsten Glockenschlag, der sie aufschreckte:

»Fünf Uhr! O Nello, ich bin verloren.«

»Laß mich in den Abgrund springen, und du bist gerettet!«

Er lehnte sich schon hinaus; sie hängte sich an ihn.

»O Nello, du liebst mich nicht!«

Sie schloß die Augen. Als sie sie öffnete:

»Ich bin bereit. Wir werden über den Platz gehen und uns zeigen.«

»Alba! verzeih mir. Warum nicht hier bleiben bis zur Nacht? Wir wären so glücklich! In der Nacht trage ich selbst dich fort, ich verspreche es dir.«

»Es geht nicht, man würde mich vermissen. Jetzt müssen wir durch das Kloster und den Berg hinab nach Villascura. Komm, deine Hand, mein Geliebter!«

Am Tor des Klosters:

»Um halb sechs wird eine der Schwestern öffnen: wird es Amica sein? Amica ist die Tochter unseres Gärtners, sie war zu Hause meine Dienerin und sollte es nun hier sein.«

Alba sah das Tor des Klosters an und schlug die Augen nieder.

»Als um Mitternacht alle in der Kirche beteten, hat Amica sich fortgeschlichen, um dir zu sagen, daß ich dich erwartete. Wird heute die Pförtnerin Amica sein?«

Sie war es. Wie sie ihr folgten, mit heimlichem Händedruck:

»Sind wir nicht zu glücklich? Wie groß muß einst das Mißgeschick sein, das unser Glück endet.«

»Rasch durch den Garten!« flüsterte Alba. »Wenn man hier einen Mann sähe -- und mit mir! . . . Gottlob, der Baumgang schützt uns . . . Jetzt hinab. O fürchte nicht für mich! Es sieht steil aus wie eine Mauer, aber ich weiß Stufen, und vielleicht weiß nur ich sie. Dies ist ein vergessener Weg. Die Stufen sind zerfallen: gib acht! Hier unterbricht eine Schlucht sie, aber ich finde sie wieder. Deine Hand, mein Geliebter!«

»Alba, an deiner Hand ist Blut. Ich sehe es kaum im Zwielicht, aber meine Lippen schmecken es . . . Wir sind in einer Höhle aus großen Steinen. Willst du nicht rasten? Dein Mund, meine Geliebte!«

»Wir müssen weiter. Werde ich das Haus offen finden? Wirst du entkommen? . . . Gleich haben wir die Terrasse erreicht. Die Tür auf der Terrasse steht offen. Jetzt soll es also sein?«

»Jetzt soll es also sein? Noch einmal, bevor ich dich nicht mehr sehe, deine Augen, Alba!«

»Nein! ich kanns nicht. Wir steigen nicht weiter hinab. Jenes Gebüsch verdeckt einen Vorsprung des Felsens; es steht eine Bank dort.«

Auf seiner Brust:

»Wie oft, o Nello, habe ich mich, als ich Kind war, an dieser Stelle vor den andern versteckt, vor Gespielinnen, die mich holen wollten. Ich fühlte mich von ihnen verschieden. Wenn sie später vom Heiraten sprachen, dachte ich: >Mein Gatte wird also größer sein, als die euren alle< . . . Nun gehöre ich dir; und das scheint mir noch seltsamer, furchtbarer und süßer, als wenn ich Christus gehörte.«

»Du machst mir beklommen, Alba. Denn ich, ach, ich bin wie alle. Wir sind so viele in Verona, die das Singen lernen und durch das Land ziehen. Ich bin arm. Glücklich war ich, wenn ich vier Monate im Jahr singen durfte für wenig Geld. Die übrige Zeit sah ich den Himmel an und ließ das Leben vergehen. Was aber geschieht mir, seit ich dich liebe!«

Sie löste sich von ihm, richtete sich auf, sah gerade aus. Ihr bleiches Profil, die Nase zierlich und scharf gebogen, das Kinn in gerade Schatten gefaßt, erblickte er im düstern Glanz des Auges geschliffen wie einen Dolch.

»Wirst du mich immer lieben?« fragte sie und sah ihn an. Er drückte die Lider zu, betastete das Herz, als schmerzte es, und schüttelte heftig den Kopf.

»Immer.«

»Sage mir, welche Frauen du vor mir geliebt hast!«

»Keine! keine! Ich schwöre es dir. Ich weiß von keiner andern Frau, ich werde von keiner wissen. Alba, wie ich dich liebe!«

»Nello, wie ich leide!«

»Auch du?«

»Und wie wir glücklich sind!«

Sie saßen sich zugewandt, die Knie verschränkt, die Hände eines jeden gespreizt auf dem Rücken des andern, und atmeten einander, aus tödlich gespannten Gesichtern, leise keuchend in die halboffenen Münder.

»Um Vergebung!« wisperte es; und immer durchdringender:

»Um Vergebung!«

Aufseufzend ließen sie sich los. Drunten auf der Terrasse tanzte der Barbier Nonoggi, zwei Finger preßte er unter schwindelnden Grimassen ans Herz, auf die Lippen und wieder aufs Herz.

»Ich wollte, da ich gerade dem Herrn Nardini den Bart gemacht habe, die Herrschaften nur warnen, weil Gefahr droht. Meine Absichten sind die redlichsten, und niemand kann schweigen wie ich. Sogleich aber wird der Advokat Belotti hier sein, und Sie wissen wohl, daß er das böseste Klatschmaul der Stadt ist . . . Nicht dorthin! Gehen Sie das Haus entlang, nach dem Wasserfall. Sie werden zufrieden sein mit meinem Rat, -- und wenn ich Ihnen sonst mit etwas dienen kann: ich habe Parfümerien, Zöpfe, Fächer . . .«

Sie klommen, und riefen einander leise Mut zu, ein Stück hinan, um den Abstieg nach dem dunkelsten Flügel des Hauses zu finden, wo der Wasserfall vorbeischnellte. Sie liefen hinab: unversehens war der Berg nach innen gekrümmt; Steine rollten in die Höhlung; unter ihren Füßen schwankte es. Sie wagten sich nicht mehr zu rühren. Der Staub des niederschießenden Wassers sprühte sie an. Da zischelte es von der ebenen Erde her:

»Vorsicht! Wir sind nicht allein.«

Der Advokat Belotti machte drunten einen Kraßfuß; er rundete die Hände um den Mund.

»Auf mich können Sie sich verlassen, wie Sie wohl wissen; aber das Unglück will, daß der Barbier Nonoggi in der Nähe ist, der die böseste Zunge von allen hat. Fliehen Sie!«

Da sie regungslos hinuntersahen:

»Wie? Sie werden mir doch nicht mißtrauen? Ich bin, wie gewöhnlich, der Eier wegen da, und zum Beweise kann ich Ihnen sagen, daß sie heute um zwei Soldi teurer sind.«

Dabei begann er, sich hinten ein langes Netz herauszuwickeln.

Plötzlich krachte der Boden und sprang ihnen fort. Der Busch vor ihnen ward von steiniger Erde hinuntergerissen.

»Halten Sie sich an jener Pinie!« rief der Advokat. Aber sie griffen nicht um sich: sie faßten nur nach einander. Die Arme einer um des andern Schulter, stürzten sie.

Nello öffnete die Augen und tastete nach Alba. Sie glitt von ihm herab; dann richtete auch er sich auf; sie sahen sich um. Droben über dem Wasserfall, beim Elektrizitätswerk, standen Arbeiter und bogen sich vor Lachen auf ihre Knie. Unten lehnte der Advokat Belotti breitbeinig hintenüber und schmunzelte fett. Der Barbier Nonoggi lief, die Hand vor dem Munde, davon. Alba und Nello stiegen, und bei jedem Schritt betrachteten sie einander ernst, auf den Weg hinab.

»Der Herr Nardini kommt«, zischelte der Advokat, -- und sie flüchteten das Haus entlang, über die Terrasse, in die Tiefe des Gartens und das Dunkel des Zypressenganges. Auf einer begrünten Bank sanken sie einander an die Brust.

* * * * *

»Hat nicht vor langer Zeit eine Uhr geschlagen: viele Schläge?« fragte Alba. »Ich hörte sie wohl, aber mir war, es sei nicht wirklich und es gelte nicht. Nun werde ich gehen müssen.«

». . . O Himmel! Die Stunde des Essens ist versäumt, der Großvater wird mich suchen, was tun? . . . Mein Geliebter, tritt in die große Brunnennische an der Bergwand. Der Knabe und das Mädchen auf dem Brunnenrand blasen einander nur einen schwachen Strahl ins Gesicht; sie werden dich nicht naß machen, wenn du hinter den hohen Pflanzen in der Nische stehst.«

»Ich kenne sie. Wie oft habe ich darin gestanden, wenn Schritte durch den Garten kamen. Aber nie, o Alba, waren es deine!«

»Hinter der Terrassentür stand ich und sah dich. Ich habe dich meine Fußspuren küssen gesehen, Schöner, der du bist.«

Sie hielt an, um sein Gesicht mit ihren Händen zu umrahmen.

»Alba, dein Haar! Als ich es zuerst sah, glänzte es darin rot wie Kupfer. Jetzt ist es ganz schwarz.«

»Es war niemals wie Kupfer. Möchtest du, daß es schöner wäre?«

»Du bist eine Hexe! Ich fürchte mich vor dir.«

Da bemerkten sie, daß sie ganz nahe beim Hause standen. Sie riß sich los; er entwich in den Schatten.

Er hatte kaum das Versteck erreicht, da kehrte sie zurück. Er stürmte ihr entgegen; sie erwartete ihn mit einem flammenden Lächeln; und um ihn aufzufangen, knickte sie ein wenig ins Knie und schnellte wieder auf, wie beim Kommen und beim Sturz einer großen Welle.

»Der Großvater ist gleich nach dem Essen fortgegangen; wir sind allein und frei. Begreifst du es? Begreifst du es?«

»Ah! Wir können uns also auf die Bank bei den Blumen setzen.«

»Die Hyazinthen duften so süß, daß man sterben möchte«, sagte Alba.

»Ich brauche mich nicht mehr hinter euch zu verstecken«, rief er den beiden Figuren auf dem Brunnenbecken zu. »Ihr könnt gehen!«

Er warf dem Knaben einen Stein in den Mund. Der Wasserstrahl brach ab. Ein Schrei.

»Er hat sich nach uns umgesehen! Sie hat geschrien! O Nello, was tust du, wir werden Unglück haben.«

»Du, Alba, hast geschrien: du,« -- und er schloß ihre angsterfüllten Augen an seiner Brust. Ihre Hand erhob sich, weiß langend, nach seinem Kopf; er drückte den Mund in ihre Schulter; und durchtränkt mit dem beißenden, schmerzlich berauschenden Geruch ihres feuchten, halb wahnsinnigen Körpers, erschrak er, weil er hatte spielen können.

Sie begann zu sprechen.

»Sonst, wenn ich am Abend aus der Kirche kam und in unserem schwarzen Hause ein Fenster hell sah, dachte ich: wie lange wird mein Großvater sein Licht noch anzünden, dann brennt meins dort oben, in dem Hause auf der Bergkuppe. Es war mir befreundet, ich nickte ihm zu. Jetzt -- sieh hinauf, ich kann es nicht --, hat es nicht eine furchtbare Gestalt? Will es mich nicht töten?«

Bauchig und grau in den Felsenrand gekrallt, mit krummschnabeligem Dach und zwei böse blinkenden Fenstern daran, hockte das Kloster in der Höhe wie ein Raubvogel, der den Fang abpaßt.

»Es will mich nur noch tot. Im Leben habe ich einzig dich. Was soll aus mir werden, wenn du mich verläßt? Noch niemals wußte ich, was es heißt, allein zu sein: jetzt ahnt mirs.«

Er griff fester um sie, die der Schauder schüttelte.

»Nie, nie verlaß ich dich!«

Sie legte das Gesicht nach oben, bewegte es langsam und stark hin und her, und große Tränen stockten auf ihren Wangen.

»Es ist unmöglich, daß du mich liebst, wie ich dich.«

Sie machte sich los, sie tat, die Hände vor den Augen, zwei wankende Schritte in den Schatten hinein.

»Wir sollten sterben«, sagte sie. »Schon jetzt.«

»Da sind Blumen,« sagte er, »ein weicher Teppich. Wenn wir heute nacht darauf einschliefen?«

»Du willst? Du liebst mich also?«

»Wir würden tun, was die Tonietta und ihr Piero nicht taten«, setzte er hinzu und lächelte stolz.

»Wer sind die?«

»Berühmte Liebende. Werden auch wir einst berühmt sein?«

»Ich will dich singen hören, ich will dich wieder singen hören!« und sie hängte sich, zitternd, an seine Schulter. »Nello! das ganze Leben für deine Stimme. Meine ist schwach, ich kann nicht sagen, wie ich liebe. Du kannst es!«

»Die Probe!« rief Nello. »Der Maestro war nicht zufrieden mit mir, und heute abend soll ich vor dir singen! Denn du wirst kommen: sage, daß du kommen wirst!«

»Da du es willst . . . Ich werde über den Berg zurücksteigen. Vom Kloster führt ein Gang ins Schloß, Amica wird mich begleiten. Werde ich mich bis vor die Tür der Loge wagen, deren Schlüssel der alte Corvi mir heimlich verkauft hat, und die Lichter, die Menge, das Fest des Saales wie eine Glorie um dich her sehen, mein Geliebter?«

»Ich fühle, daß ich zum erstenmal gut singen werde. Komm mit mir, gleich jetzt! Solange ich dich habe, bin ich mir solcher Kraft bewußt, als wäre ich ein Held.«

»Ich gehe mit! Die Straße ist leer, es ist heiß, -- und kämen auch Leute; was wissen sie? Was können sie gegen uns?«

»Was können sie gegen uns!«

Ein Ebereschenbaum flammte im blauen Himmel. Alba lief hin; -- da schrie sie laut auf: eine große Schlange lag, quer über der Straße, schwarz im Staube. Nello hob einen Stein auf; und da Alba ihn zurückhielt:

»O laß! Was kann mir geschehen: mir, den du liebst.«

Er ging, und holte schon zum Schlage aus, rasch auf die Schlange los. Seine Hand zuckte schon: da sah er am Halse der Schlange Blut. Sie war tot! Im selben Augenblick flog der Stein. Alba lief herbei.

»Du hast mich geängstigt, Böser. Wie tapfer du bist! Ein Held, mein Geliebter ist ein Held!«

Sie küßte ihm die Hand. Er entzog sie ihr und stöhnte.

»Was hast du, mein Nello?«

»Dieses Tier ist widerwärtiger tot als lebend. Steige nicht darüber weg, Alba. Kehre um, ich sehe Leute. Kommst du ins Theater? O komm! Ich werde singen können heute abend, und vielleicht kann ich nur das?«

Er ging, den Kopf gesenkt zwischen den heraufgezogenen Schultern, allein weiter.

»Ich habe Alba belogen! . . . Aber ich hielt die Schlange, als ich zuschlug, für lebend. Habe ich Alba also belogen? Ich bin nicht feige. Wie sie mich liebt! Wie wir uns lieben! Sterben wäre nichts . . .«

* * * * *

Der Platz war noch unbelebt; vor dem Café las Gaddi eine Zeitung.

»Auch du kommst umsonst!« rief er ihm entgegen. »Die Probe ist abgesagt. Der Maestro hält lieber eine Probe für seine Messe ab. Versteht sich: der Maestro Viviani ist ihm weniger wichtig als der Maestro Dorlenghi.«

»O Virginio!« -- und Nello preßte die Hand des Freundes, als wollte er sie zermalmen: »Wie wir uns lieben!«

»Gemacht? Meinen Glückwunsch. Da es ein reiches Mädchen ist, wirst du dich nun nicht sträuben, sie zu heiraten. Ohnedies lese ich da gerade von dem Bankrott der dramatischen Gesellschaft Valle-Bonisardi, von der ich mich fast hätte engagieren lassen.«

Nello lachte, klar wie Gold.

»Du weißt ja nicht: ich singe ihr vor, ihr ganz allein. Ah! du weißt nicht: ich habe eine Schlange getötet, die daran war, sie zu beißen.«

Er strich sich das Haar zurück, seine Brust dehnte sich, ein kraftvolles Lächeln ging durch seine Züge. Gaddi betrachtete ihn.

»Ich leugne nicht, daß du aussiehst wie ein Gott. Aber man kann nicht alle Tage Schlangen töten; und auch das Singen ist eigentlich keine Beschäftigung für das ganze Leben.«

Das Lächeln des Glücklichen erlosch auf einmal; er ließ ein bleiches, abgespanntes Gesicht auf die Brust sinken.

»Was ist fürs ganze Leben«, murmelte er. »Wenn ich umkehrte und zurückginge, gleich jetzt, gleich jetzt: bin ich denn sicher, sie noch zu finden, noch die Liebende zu finden, die ich erst eben verließ? War nicht alles ein heftiger Traum?«

Da Gaddi ehern lachte:

»Ich bin verrückt, wie? Sage mir, daß ich einfach verrückt bin!« -- und er stimmte ein. In den Fenstern ihres Hauses keuchte Mama Paradisi: »Sieh, Geliebter, unser umblühtes Haus«; eine ihrer Töchter schrie blechern über den Platz das Gebet der Tonietta, indes die andere brummte: »Ich habe ein Recht auf eure Weiber, ich bin der Herr.«

»Und meine Frau!« sagte der Barbier Nonoggi, der herbeihüpfte. »Sie singt schon, seit sie aufgewacht ist: >Welche Erlösung, nicht mehr von Liebe zu wissen<, und doch erinnere ich mich nur zu gut, daß sie noch diese Nacht davon gewußt hat.«

Nello schüttelte sich. Die Herren Polli und Giocondi trafen ein und klopften dringend auf den Tisch.

»Einen Vermouth, Gevatter Achille, der Tag wird heiß werden. Siehst du, wie hoch es bei der Konkurrenz hergeht?«

Der Wirt des Cafés »zum Fortschritt« hob seine schweren runden Schultern.

»Eine Konkurrenz nennt ihr das? Habt ihr, die ihr doch schon fünfzig Jahre in der Stadt seid, schon je gewußt, daß hinter dem Vorsprung des Hauses Mancafede noch ein Café steckt? Das Café >zum heiligen Agapitus<: ich habe erst heute meinen Alfò hinübergeschickt, um zu sehen, wie es heißt.«

Und er spie aus. Trotz seiner Verachtung atmete er kürzer als sonst und hatte die Stuhllehne nötig, um seinen Bauch zu stützen.

»Das Café >zum heiligen Agapitus<!« rief Nello hell. »Bekommt man dort Weihwasser zu trinken?«

»Wie viel Geist der Herr hat!« sagte der Gevatter Achille und kicherte. Nonoggi zog einen Zopf aus der Brust.

»Sie sind ein glücklicher Mann, Herr Nello Gennari. Da habe ich alles, was Sie wünschen. Auch Fächer sind da.«

Nello lachte, ohne zu hören.

»Das hindert nicht,« erklärte Polli, »daß sie schon jetzt dort drüben zu Haufen sitzen, und der Freund Giovaccone fängt erst an, seine Tische auf den Platz hinauszustellen. Der ganze Mittelstand ist in Aufruhr: man sollte es nicht glauben, wegen der leeren Loge!«

»Und es scheint, daß sie sich mit Don Taddeo verbünden«, setzte der Herr Giocondi hinzu.

»Für Sie!« kreischte Nonoggi. »Alles für den Herrn Nello! Und wenn Sie meinen Laden beehren --«

Er zerrte den jungen Mann am Arm.

»-- werden Sie ein hochelegantes Necessaire finden, wie es für einen Mann in Ihrer Lage paßt.«

Nello wehrte ab. Er sah sich leuchtend um. Wie alles belustigend war!

»Ah! dieser Don Taddeo!« -- und Polli verschränkte die Arme. »Es scheint, er will den Entscheidungskampf.«

»Ein Demagoge,« rief Giocondi, »der heute früh bei der Predigt das Volk aufwiegelt gegen die Herren! Sie waren nicht in der Kirche, Herr Gaddi? Auch ich setze keinen Fuß mehr in die Bude. Ist es etwa erlaubt, dem Volke zu predigen, es solle das Theater demolieren?«

Der Barbier riß eine Hälfte seines Gesichtes schwindelnd hoch.

»Was höre ich, Herr Nello? Sie wollen nichts kaufen? Wissen Sie denn, was das heißt? Es heißt, daß Sie mich ruinieren! Denn habe ich nicht alle diese feinen Waren nur für Sie kommen lassen und auf Ihren ausdrücklichen Wunsch?«

»Das Theater demolieren!« rief Nello und warf den Zopf in die Luft.

»Wir werden zuerst das Café >zum heiligen Agapitus< demolieren«, sagte der Gevatter Achille. »Es ist längst baufällig.«

»Ich bin ruiniert!« kreischte Nonoggi und rannte einem Jungen nach, der mit dem Zopf davonlief.

Polli nickte ernst.

»In einem hat der Priester nicht unrecht: die guten Sitten sind bei uns sichtlich im Schwinden begriffen. Man weiß nicht, wen er mit der großen Babel gemeint hat, die er so viele Male verflucht hat . . .«

»Die große gelbe Choristin wird er gemeint haben«, schlug Giocondi vor und stieß Polli vor den Magen.

»Man muß zugeben,« erklärte der Gevatter Achille, »als ich heute früh meinen Laden aufmachte, fand ich auf dem Sofa ein Liebespaar, das bei mir die Nacht verbracht hatte.«

»Auch ich habe eins überrascht«, sagte der Tabakhändler, »auf meiner Treppe, wie ich heimkam.«

Giocondi erhob die Handfläche gegen ihn.