Part 16
Sie bestand darauf, nach Hause zu gehen. Vor ihrer Tür trennte man sich. Wie der Advokat mit Savezzo und dem Kapellmeister zu der bewegten Versammlung beim Café »zum Fortschritt« stoßen wollte, sah er aus der Treppengasse Flora Garlinda biegen. Sofort entschuldigte er sich und eilte ihr durch das festliche Gedränge entgegen. Sie kam seinen Komplimenten zuvor.
»Ah! Advokat, Sie sind ein Mann, auf den man sich verlassen kann, Sie wollen mir Ihre Rezension vorlesen . . . Wie? Sie haben sie noch nicht geschrieben? Sie haben die Zeit verschwatzt, gleich all dem Volk hier?«
Da er stammelte:
»Ach, Herr Advokat, ich habe Sie in meiner Einbildung so hochgestellt, daß Sie vielleicht Mühe haben werden, sich dort zu behaupten . . . Treten wir unter die Rathausbogen: es ist schattig darin, und ich hasse das Girren dieser Geputzten, ihr nutzloses Umhertreiben . . . Sagen Sie mir also, was Sie schreiben werden!«
Und obwohl er beteuerte, er müsse sich in der Muße seines Kabinetts darauf vorbereiten:
»Sie werden mit Recht das meiste über den Cavaliere sagen. Er ist berühmt; seine Kunst ist zweifellos die größte und seine Stimme die glänzendste. Vergessen Sie das nicht, Herr Advokat! Für Gaddi ist das Lob nicht zu viel, daß er sich seit zehn Jahren auf der Höhe seines Könnens befindet.«
»Dieses Lob erregt nirgends Neugier«, dachte sie und streifte mit einem feinen, hellen Blick den Advokaten, der leise keuchend die Lippen bewegte, als lernte er ihre Worte auswendig.
»Was Italia angeht, stellen Sie zu ihrem Ruhme fest, daß das Publikum, geblendet durch ihre Erscheinung, die Streichung ihrer beiden Arien nicht einmal bemerkt hat. Der arme Nello sodann bietet Ihnen Gelegenheit, Ihre Leser als Menschen zu rühren: ist er doch, weil er die Anstrengung des Singens nicht erträgt, in eine schwere Ohnmacht gefallen. Der Maestro --«
»Ich erwähne ihn gar nicht« -- und der Advokat spreizte voll Eifer die Hand. Er dachte: »Sie wird mich nicht umsonst bis hierher geführt haben: ich wußte es« -- und er trat ihr voran in den ganz dunkeln Hof des Rathauses.
Die Primadonna sagte:
»Das geht nicht. Sagen Sie, er sei trotz seinem Mangel an regelmäßiger Vorbildung, also sozusagen als Dilettant, überraschend gut gewesen, so daß das Publikum nicht nur aus Lokalpatriotismus der Freundlichkeit der Hauptdarsteller zustimmte, die bei Empfang des Beifalls auch den Maestro in ihrer Mitte sehen wollten.«
»Aber das ist ja beinahe gerecht!« rief der Advokat. »Ich bewundere Sie immer mehr. Und von Ihnen selbst --«
»O! nur wenig. Aber schließen Sie mit mir!«
»Ich werde sagen, daß Flora Garlinda ein Stern ist, der vorläufig nur erst über den Dächern unserer kleinen Stadt leuchtet. Bald aber geht er über denen der Hauptstadt auf, ja über denen von Paris, London und New York!«
»Sie haben Talent, Advokat.«
»Ich setze hinzu, daß ich lieber schweigen würde, um Sie nicht zu rasch zu verlieren. Aber die Wahrheit drängt ans Licht.«
Die Hand auf dem Herzen, tat er einen Schritt. Sie wich einen zurück.
»Und da Sie das im Ernst meinen, Herr Advokat, habe ich Ihnen nicht zu danken. Männer wie Sie wären beleidigt, wenn man täte, als erwiesen sie Gunst, wo sie nur gerecht sind.«
»Wie wir uns verstehen!« -- und heftig schnaufend trat er noch einmal vor. Sie bog sich weg, bis ihr Rücken die Mauer berührte. Links und rechts hatte sie seine gerundeten Arme. Ihre Hände staken in den Taschen ihres Staubmantels, die Schultern hielt sie hochgezogen, als ob es sie fröre; -- aber mit ruhiger, warmer Stimme sprach sie zu ihm:
»So habe ich auch keinen Augenblick den Verdacht gehegt, Sie seien wie die andern Mächtigen, die sich von der Frau für das belohnen lassen, was sie für die Künstlerin tun. Wissen Sie doch selbst um den großen Ehrgeiz und die ungeheuren Pflichten, die das Talent uns auferlegt. Ich kenne Sie, Advokat: Sie würden durch die Demütigung einer Frau, die ihresgleichen ist, auch sich gedemütigt fühlen.«
»Wie wahr!« sagte er erstickt, »das ist meine Art zu denken; Sie lehren sie mich erst richtig kennen.«
»Man kann nicht oft so zu einem Menschen sprechen. Nehmen Sie diese Hand, mein Freund!«
Der Advokat entfernte die seine vom Augenwinkel, den er gedrückt hatte.
»Ich danke Ihnen für Ihre Worte, Fräulein Flora Garlinda, und ich darf behaupten, daß ich sie verdiene.«
Er hob ihre Hand zwischen den seinen auf und ließ sie nachdrücklich wieder hinunter.
»Sie tun mir weh, Herr Advokat.«
»O Verzeihung!« -- und er sank tief zusammen, um ihre Fingerspitzen zu küssen. Darauf trat er mit einer großen Gebärde beiseite. Sie ging vorüber, den Kopf schief, mit einem leisen, unbestimmbaren Lächeln aus dem Profil.
»Eine so große Künstlerin«, murmelte er unter dem Schauer, womit seine eigene Ritterlichkeit ihn überzog.
»Sie, Herr Advokat, wären einer größeren würdig«, sagte Flora Garlinda und gelangte mit einem letzten, rascheren Schritt über die Schwelle.
* * * * *
»Da sind sie,« sagte Nello Gennari, »ich will sie holen.«
Er verließ hastig den Tisch, tat, als trachtete er auf dem Umwege um mehrere Gruppen mit der Primadonna und ihrem Begleiter zusammenzutreffen, verfehlte sie aber und schlüpfte plötzlich selbst in den Rathaushof.
»Würde man glauben,« -- und der Apotheker Acquistapace lächelte, vor Bewunderung starr, in die Runde, »daß dort eine so große Künstlerin kommt?«
Der Herr Giocondi entgegnete und verzog diskret die Lippe:
»Tatsache ist, daß sie mit aufgestecktem Haar nach nichts aussieht.«
»Sie hat eine schöne Hand«, meinte der junge Savezzo und zeigte die eigene umher mit allen ihren abgerissenen Nägeln. Italia erklärte rasch noch:
»Wenn man immer die vier Finger in der Mitte teilt, wird jede Hand schön.«
Dabei lächelte sie schon für die Ankommende. Von der andern Seite traf Camuzzi ein, schlank und elegant in einem neuen Herbstmantel mit enger Taille. Savezzo musterte ihn mit düster leidender Miene und sagte dem Sekretär voraus, daß er schwitzen und sich erkälten werde. Der Advokat lobte vielmehr Camuzzi, weil er dem einheimischen Handwerk zu verdienen gebe. Polli stellte fest:
»Tatsache ist, daß wir alle -- kurz, wir haben uns verändert. Entweder irre ich mich, oder sogar dein Bruder, Advokat --« und er nickte nach dem Nebentisch, wo Galileo Belotti und der Baron Torroni mit den Pächtern eine lärmende Unterhaltung führten: »ja doch, er hat eine andere als seine Arbeitshose an.«
»Und was die Frauen betrifft«, begann der Leutnant Cantinelli. Der Advokat unterbrach ihn:
»Und warum haben wir uns verändert, meine Herren? Weil wir durch unser Theater endlich ein wenig Bewegung in die Stadt bekommen haben. Daher Ihr neuer Mantel, Herr Camuzzi, mit dem Sie selbst für meine Ansicht kämpfen; daher die neue Blüte unseres öffentlichen Lebens!«
Er rundete die Arme, als wollte er den weiß beleuchteten, vollen und schwatzenden Platz damit umfangen.
»Nie sah man so viele Frauen mit Hüten!« rief der Apotheker.
»Freilich sagen die beiden Fräulein Pernici,« begann der Leutnant wieder, »daß einige Hüte nicht von ihnen bezogen und darum nicht schön seien.«
Jeder nannte, ohne den andern zu hören, die Frau, die ihm am besten angezogen schien. Hinter den Bürgern, an der Mauer, fragte Flora Garlinda den Kapellmeister:
»Und Sie, Maestro? Denken Sie an Ihren Ruhm, den die >Glocke des Volkes< verbreiten wird? Denn Sie haben es so einzurichten gewußt, daß neben Ihnen wir andern heute abend ganz verschwanden.«
Und er, mit weichem Lächeln:
»Ich bitte Sie um Verzeihung, wenn ich Ihnen gegen meinen Willen weh getan habe. Ich weiß nicht, was andere denken, was andere fühlen: für mich hat es heute nur eine gegeben, nur eine, bei der Schönheit und Größe waren. Flora Garlinda, die falsche Scham sollte uns nicht hindern, die Wahrheit zu sagen . . .«
Seine blauen Augen glänzten feucht in seinem rosig bewölkten Gesicht. Sie musterte ihn kalt.
»Es war ein großer Abend«, stammelte er. »Vielleicht waren wir alle nur dazu da, Sie noch größer zu machen. Aber auch ich habe gelebt heute abend, und ich danke allen dafür --«
Mit einer zitternden Geste:
»Allen.«
Sie sah, die Mundwinkel gesenkt, düster weg.
»Auch noch danken«, murmelte sie. »Ich hasse alle, weil ich sie nicht einfach verachten kann. Ich hasse sie, und ich -- liebe sie. Vielleicht möchte ich, daß sie mir zujubeln und daran ersticken. Danken? Bilden Sie sich ein, daß, was geschieht, um Ihren Dank geschieht? Fühlen Sie nicht, wie alles böse und gefährlich ist?«
Sie zuckte die Achseln und drehte ihm den Rücken.
»Den schönsten Hut« -- und der Advokat verbeugte sich mit Wucht nach dem Tisch zur Linken, »ah! nur Frau Aida Paradisi hat ihn.«
Die beiden Töchter lugten unter der weiten schwarzen Spitzenwolke hervor, die über dem Haupte der Mutter schwebte, und auch der Kaufmann Mancafede zeigte sich darunter. Er erhob ein Glas Punsch und schlug vor, die Tische zusammenzurücken. Es geschah; und sogleich fragten die Damen nach dem Tenor Nello Gennari. Man suchte ihn vergeblich.
»Aber ist es zu glauben,« sagte der Advokat, »daß dort hinten eine Nonne umherstreicht? Nach Mitternacht noch sind diese heiligen Unterröcke unterwegs! Sollte man nicht der kirchlichen Behörde einen Wink geben?«
»Er ist so zart, der arme junge Mensch« -- Mama Paradisi wand sich nach allen Seiten, um ihrer Stimme den delikatesten Fall zu geben. »Sein Unwohlsein von vorhin wird er noch spüren; und vielleicht verträgt er auch die Nachtluft nicht.«
Der junge Savezzo verfolgte unter gewulsteten Brauen den Zipfel einer weißen Flügelhaube, der aus dem Schatten des Bogenganges hervorhuschte und wieder darin verschwand. Wie der schöne Alfò mit Kaffeegeschirr vorüberlief, hielt Savezzo ihn an.
»Alfò,« raunte er, »man nimmt dir die Alba weg.«
Der Sohn des Caféwirtes lächelte glücklich.
»Die schöne Alba, ich werde sie heiraten.«
»Bist du so gewiß, daß sie dich liebt?«
»Warum kommt sie sonst täglich zur Messe? Nur um hier vorüberzugehen und mich anzusehen.«
»Aber seit einer Woche kommt sie nicht mehr.«
»Sie kommt nicht mehr,« -- und die Augen des jungen Mannes strahlten vor Eitelkeit -- »weil sie mit mir schmollt; denn das letztemal habe ich versäumt, sie anzusehen, weil ich den Wein aufwischte, den der Schlächter Cimabue verschüttet hatte. Im Mai aber bin ich zwanzig Jahre alt und heirate sie, sie mag ruhig sein.«
»Alfò, man verführt dir die Alba. Es ist der jüngste der Komödianten, jener Tenor, der sie dir verführt.«
Alfò schüttelte glucksend den Kopf.
»Du glaubst mir nicht?« sagte der Savezzo. »Ich habe es gesehen. Der Komödiant ist heute in Ohnmacht gefallen, weil er alle Nächte, verstehst du, dort draußen verbringt.«
Das Lächeln des schönen Alfò ward nachdenklich. Plötzlich fletschte er die Zähne.
»Wo ist der Komödiant?« -- und er griff unter schnarchenden Lauten in die Hosentasche. Der Savezzo zog ihm die Hand heraus.
»Wenn er da wäre, hätte ich nicht mit dir gesprochen; denn ich will nicht, daß ein Unglück geschieht. Auch kann ich mich irren. Vielleicht hat er sie noch nicht verführt, deine Alba. Nötigenfalls werde ich dich warnen, ja, ich werde dir die beiden zeigen. Aber du mußt versprechen, vernünftig zu sein.«
Der schöne Alfò lächelte wieder vollkommen glücklich.
»Wie sie mich liebt, die Alba!«
Ein Jubelgeschrei erhob sich. Über allen Häuptern erschien in den Händen des Gevatters Achille ein Tablett mit drei Flaschen Asti. Unbemerkt hatte der Apotheker sie bestellt. Der Herr Giocondi ließ sich von ihm einschenken und erklärte:
»Da deine Frau dich nicht mit Asti empfangen wird, ist es gut, wir trinken ihn jetzt.«
»Welch glänzendes Leben wir führen!« rief der Advokat. »Wer das alles noch vor acht Tagen vorhergesagt hätte! Auf taghell erleuchtetem Platz stoßen wir mit schönen, prachtvoll geschmückten Frauen an, und um uns her bewegt sich eine Gesellschaft, auf die manche bedeutende Stadt stolz wäre. Unsere alten Monumente sehen sich mit Staunen verjüngt durch die Wogen des Verkehrs, die sie umfluten; das Blut pulst heftig in den Adern unserer Stadt; und wehe dem --«
Er stieß den Arm nach dem Dom aus.
»-- der es wagen wollte, den Fortschritt aufzuhalten.«
Auch die andern waren in diesem festlichen Augenblick der Zuversicht, daß Don Taddeo den Eimer werde herausgeben müssen. Camuzzi allein äußerte Zweifel. Der Mittelstand sei unzufrieden, er drohe die Reihen der klerikalen Opposition zu verstärken. In all dem Glanz erweitere sich, setzte der Sekretär hinzu, ein dunkler Fleck. Niemand hörte auf ihn; der Apotheker schwenkte sein Glas vor der Primadonna.
»Es lebe die >Arme Tonietta<! Ich glaubte immer, solch einen Tag würde ich nicht wieder sehen; denn dies ist ein Tag wie zu Zeiten Garibaldis. Der Advokat hat recht: wir sind hier in einer kleinen Stadt, aber was für große Dinge erleben wir!«
Man trank einander zu; man trank den Pächtern nebenan zu. Galileo Belotti und der Baron Torroni kamen mit ihren Gläsern und forderten die Damen auf, auch ihnen und ihrer Gesellschaft die Ehre eines Besuches zu geben. Italia war eben dabei, dem Apotheker zu schwören, daß sie keinen Fuß in die Unterpräfektur setzen werde. Galileo zog sie, unter Kratzfüßen, am Arm. Sie folgte; aber bei jedem Schritt kitzelte sie mit den Augen den Apotheker, der sich rötete.
Der Kapellmeister bemerkte plötzlich, daß zu seiner Linken der Cavaliere Giordano mit hängender Lippe und Falten auf der Brust teilnahmslos hinausstarrte. Er mußte den Alten anstoßen, damit er aufhorchte.
»Ihre Leistung war schön, Cavaliere,« sagte er warm; »sie war ergreifend: ich danke Ihnen.«
Der alte Sänger bewegte mit einem müde spottenden Lächeln die Hand.
»Ich hätte es nicht tun sollen«, sagte er.
»Aber Sie sind ein großer Künstler!« sagte der Kapellmeister erschreckend. »Wenn es Abende gibt, an denen Sie sich nicht ganz auf Ihrer gewohnten Höhe fühlen --«
Der berühmte Tenor legte ihm die Hand auf den Arm.
»Sie sind ein guter junger Mann, Dorlenghi; Sie haben Mitleid mit mir. Glauben Sie aber nicht, daß ich zu jeder Stunde in Unwissenheit darüber bin, wie es mit mir steht! Morgen werde ich zweifellos mich dieser Worte nicht mehr erinnern und wieder auftreten. Was kann man tun.«
Der Kapellmeister sah auf seine Knie; er wagte nicht zu atmen. Der Cavaliere Giordano hob mehrmals die Schultern; dann griff er nach seinem Glas. Als es leer war, richtete er sich auf und lachte gewaltsam.
»Ich rede Dummheiten: Sie werden es bemerkt haben, Maestro, und sie hoffentlich vergessen. Wie Sie selbst wissen, hat man schlechte Abende, und ich hatte sie schon vor dreißig Jahren. Was beweist das? Und selbst wenn man sich eine Zeitlang zum Singen nicht disponiert fühlt, bleibt man darum etwa nicht Mann? Gewisse Frauenblicke geben mir zu verstehen, daß ich noch heute einem Jüngeren gefährlich werden könnte. Sie machen große Augen, Maestro: Sie haben Grund dazu.«
»Was für eine Frechheit!« schrie der Apotheker mit einem mächtigen Schlag zwischen die Gläser. »Dieser Bauernlümmel untersteht sich, das Fräulein Italia auf den Hals zu küssen!«
»Was denn, Bauernlümmel!« keifte Galileo Belotti und trat ihm watschelnd entgegen. »Versteht sich, wir sind weder Gecken noch Schwätzer, aber wir haben Fäuste, wir!«
Seine ländlichen Freunde bestätigten dies.
»Wir werden sehen!« rief der Apotheker und stapfte auf seinem Holzbein der feindlichen Schlachtreihe entgegen . . .
Der Cavaliere Giordano kicherte.
»Sie sollten sich hüten, Maestro. Ihre kleine Rina: ich bin ihr in diesen Tagen öfter begegnet, und es ist nicht sicher --. Sie hat mir gestanden, daß Sie sie vernachlässigen, und versteht sich, daß ich mich daran gemacht habe, sie zu trösten. Das Kind ist schüchtern; dennoch scheint es, daß die Liebe zu mir im Werden ist; und wenn nun Sie, Dorlenghi --«
Ein Krach: mehrere Stühle waren umgefallen, und Galileo Belotti kugelte sich, vom Apotheker hingestreckt, im Staube. Die Pächter drangen auf den alten Krieger ein. Er brüllte, während er um sich stieß, vor Wut, denn einer von ihnen lud dort hinten Italia, die kreischte, auf seinen Wagen! Der Baron Torroni kam, vom Wein brandrot, dazwischen: sie gehöre ihm, er sei ein Herr.
»Was denn Herr«, keifte Galileo Belotti zwischen den Beinen der Kämpfenden hervor.
»Seht ihr nicht? Das ist der Conte Tancredi mit der >Armen Tonietta<!« keuchte der Advokat in den Lärm. Alle Bürger hatten die Arme in der Luft und feuerten den Apotheker an. Mama Paradisi flüchtete kreischend mit ihren Töchtern; der Gemeindesekretär brachte seinen neuen Mantel in Sicherheit; in weitem Umkreise zogen sich die nächtlichen Spaziergänger zurück; die streitenden Pächter benutzten die Gelegenheit, ohne Zahlung zu verschwinden; -- da ging, festen Schrittes und eine Hand in der Hosentasche, der Bariton Gaddi auf die beiden Bewerber Italias los, stieß den Edelmann und den Bauern vor die Brust, daß sie hintenüber in den Wagen fielen, und hieb auf das Pferd ein. Dann führte er, ohne sich umzusehen, Italia, die in die Hände weinte, durch die Gasse der Hühnerlucia von dannen.
»Lassen Sie doch jene Leute!« -- und der Cavaliere Giordano stieß den Kapellmeister an. »Unsere Angelegenheit ist wichtiger. Die Kleine würde mich gewiß lieben, wenn Sie, Dorlenghi --«
Der Alte murmelte etwas dazwischen; durch das Pergament seiner Wangen drang ein wenig Rot, schön rund und kirschenfarben, wie frisch geschminkt.
»-- wenn Sie ihr sagen wollten, daß sie -- frei ist, daß sie sich ohne Furcht, die arme Kleine, ihrer Neigung zu mir hingeben darf.«
Er schielte angstvoll auf den jungen Mann hinunter, der die Lider nicht aufschlug und stumm schluckte. Plötzlich stand der Kapellmeister auf, drückte dem Sänger, immer ohne ihn anzusehen, die Hand und entfernte sich schnell.
* * * * *
»Welch häßlicher Zwischenfall,« sagte der Advokat Belotti; »wir werden uns hüten, der >Glocke des Volkes< darüber zu berichten. Solche Dinge, sagen wir nur die Wahrheit! -- können in jeder Stadt vorkommen. Überall gibt es immer noch schlecht erzogene Leute; um so schlimmer, wenn man in seiner eigenen Familie --«
»Ich habe so gut gelacht,« sagte Flora Garlinda; »es war so unterhaltend.«
»Wie? Aber man hat die Achtung vor Ihrem Geschlecht verletzt!«
Sie warf die Lippe auf.
»Ich freue mich, wenn ich es sehe. Ich selbst verlange nicht darum Achtung, weil ich eine Frau bin, und ich hasse die Weiber.«
»Aber es war gefährlich! Jene Bauern tragen Messer!«
»Warum haben sie sie nicht gezogen? Wie unterhaltend es gewesen wäre! Wozu nützen alle diese Leute! Was können sie? Sie hätten einander einmal stechen sollen, das wäre das beste gewesen, was sie je getan hätten.«
Die Mienen des Advokaten, des Tabakhändlers und des Herrn Giocondi trugen entsetzte Mißbilligung. Gleichzeitig rafften alle drei sich zurecht, griffen nach den Gläsern und stießen sie auf dem Tisch zusammen.
»Auf die Gesundheit!« sagten sie kräftig.
Während sie tranken, erlosch die Bogenlampe; -- und plötzlich, wie aus dem Schatten geboren, stand auf dem leeren Platz inmitten des seltsam scharfen Geplätschers vom Brunnen ein kleiner Uralter und zog mit einer klapprigen Verbeugung seinen randlosen Hut von fern vor dem Cavaliere Giordano -- und dann noch einmal vor Flora Garlinda. In einem wankenden Tänzeln näherte er sich; sein winziges Gesicht lächelte aus allen Runzeln, die glanzlosen Augen versuchten eine stumpfe Schelmerei; -- und wie er beim Tisch anlangte, legte er die Hand aufs Herz und öffnete, ohne daß ein Laut entstand, einen weiten, dunklen Mund, der das Gesicht zu verschlingen schien. Der Advokat bemerkte, wie die Primadonna zurückschrak, und wendete sich um.
»Ah! da ist Brabrà. Keine Furcht: es ist ein harmloser Verrückter, seit dreißig Jahren ernährt ihn der Herr Nardini in Villascura. Man hat nie erfahren, wie er zu uns geraten ist. Sage den Herrschaften deinen Namen, Brabrà! Denn Sie müssen wissen, daß dies der einzige Laut ist, den er je von sich gibt. Sage Brabrà!«
Statt dessen kam aus dem gereckten Hals, woran lange, schlaffe Sehnenstränge schaukelten, ein feiner Fistelton: ein Ton, wie von einem Kinde, das schwärmt und singen möchte.
»Was fällt ihm ein«, sagte der Advokat. »So hat er noch nie getan. Was will er?«
»Auch ich --« sagte eine erloschene Stimme; und der kleine Greis tastete sich immerfort, mit Fingern aus lauter schwarzen Hautringen, über Brust und Hals. »Auch ich --«
Polli vermutete:
»Er war im Theater: das scheint ihm geschadet zu haben.«
»Ah!« machte der Advokat; und in der Erinnerung an das Benehmen des Verrückten, der die Huldigung der Menge von ihm abgelenkt und, als parodierte er ihn, das Volk gegrüßt hatte, ließ er ihn streng an:
»Was tatest du im Theater, Brabrà?«
»Theater!« -- und der Greis zuckte auf. Mit den Fingern am Hals: »Auch ich . . . Theater . . .«
Der Cavaliere Giordano erkannte:
»Er will sagen, der arme Teufel, daß er früher einmal gespielt hat. Wie hießest du denn damals, mein Freund?« fragte er mit Wohlwollen und großer Überlegenheit. Der Uralte schloß die Lider, erhob tastend die Hand; und alle seine Runzeln, die Faltensäcke, zwischen denen der Mund verschwand, sein ganzes eingeschrumpftes Gesicht stand angstvoll still. Auf einmal öffnete es sich, begann zu arbeiten, den Augen entstieg eine schwache Flamme, und der Mund kam herauf, um zu sagen:
»Der Montereali.«
Der Cavaliere Giordano lehnte sich zurück.
»Der Montereali -- es ist lange, daß ich den Namen nicht mehr gehört habe. Der Montereali«, erklärte er dem Advokaten, »war, als ich anfing, nicht mehr auf der Höhe, aber man sagte, daß er große Zeiten gehabt habe. Seit mehr als dreißig Jahren ist er tot.«
»Der Montereali«, wiederholte der Uralte und deutete sich zitternd auf die Brust.
»Auf was für Dinge die Verrückten verfallen!« bemerkte der Advokat. Der Herr Giocondi sagte:
»Er ist gut aufgelegt. Bravo, Brabrà!«
Der zahnlose Mund stand wieder schwarz offen. Der Cavaliere Giordano legte die Hand ans Ohr.
»Er singt etwas: ja, eine Melodie, die ich -- vielleicht -- gekannt habe. Welche Oper war doch das? Welche -- Oper --«
Plötzlich hörte man Flora Garlinda laut auflachen. Alle fuhren herum: sie lag mit den Armen auf dem Tisch und schrie gellend. Ihr schmaler Körper ward geschüttelt, aus dem bläulichen Gesicht traten die Adern. Man versuchte umsonst, ihre Finger vom Rande des Tisches loszumachen: ihr Blick, voll der Verlassenheit einer nie gesehenen Angst, schreckte die Helfer zurück, und sie lachte . . . Wie der Advokat sich die Stirne trocknete, erschien in der Gasse der Hühnerlucia der Schneider Chiaralunzi.
»Das Fräulein ist nicht nach Hause gekommen«, sagte er. »Wo ist denn das Fräulein Flora Gar --«
Da stockte sein Schritt, die Farbe verließ sein Gesicht, seine großen Hände schlotterten.
»Ich habe ihre Stimme nicht erkannt«, sagte er. »Wie ist das möglich?«
Kaum berührte er ihre Hände, und sie lösten sich. Sie ließ sich von ihm aufheben; er führte und trug sie, und dabei wiederholte er:
»Das Fräulein verzeihe die Freiheit, die ich mir nehme.«
Polli, Giocondi und der Advokat sahen einander an.
»Teufel, man weiß nie, mit diesen Künstlern. Sie scheinen in bester Laune, und dann auf einmal machen sie solche Sachen . . . Es wird vielleicht besser sein, nicht darüber zu reden? Wer weiß, was die Leute vermuten, wenn man dabei war . . . Hoffen wir nur, daß sie niemand aufgeweckt hat . . . Das ist sicher: die Unsichtbare hat einen guten Abend gehabt . . . Freund Acquistapace ist längst bei seiner Frau: er wird seine schwere Stunde überstanden haben . . . Gute Nacht, Cavaliere. Sie bleiben also sitzen? Es ist ein Uhr. Ah! wer wie diese Künstler am Morgen schlafen könnte.«
Der Advokat kehrte nochmals um; er stellte sich dem kleinen Uralten gegenüber, der nun wieder allein inmitten des Platzes sein Grüßen und Lächeln übte, und sprach zu ihm mild, aber bestimmt: