Die kleine Stadt: Roman

Part 15

Chapter 153,811 wordsPublic domain

»Nicht fortgehen, Piero! Der andere wird kommen!« rief Cölestina so laut, daß Nello Gennari den Fuß anhielt und sich umwandte. In den Logen lachten mehrere. Eine Sekunde lang spähte er mit dem düsteren Blick seiner Rolle durch den Saal, dann stieß er beide Fäuste hinter sich und trat in die Kulissen. An ihrem Rande blieb er stehen. Flora Garlinda stützte sich dort vorn auf das Fenster und sang ihre Arie: »Welche Erlösung, nicht mehr von Liebe zu wissen.« Es war ihre schönste, und sie sang sie wie ein Engel: ganz sicher mußte sie sie wiederholen . . . Nein? Wenige klatschten, und sie wurden zum Schweigen gebracht. »Die Leute sind neugierig. Sie fühlen eine Entscheidung kommen; wahrscheinlich klopft ihnen das Herz. Keine Stimme ist mehr im Saal, kein Geräusch. Ja, starrt her! Gaddi ist aufgetreten, mit seiner Peitsche und seinem strammen Bauch, den er schwenkt, indem er die Hose höher zieht. Ein furchtbarer Kerl! Er hilft meiner Tonietta aus dem Fenster, führt sie auf die Straße, will sie fortschleppen. Noch widersteht sie; aber seid überzeugt, sie wird mitgehen: ich habe Unglück.«

»Mein Lieber,« sagte hinter ihm der Cavaliere Giordano, der schon abgeschminkt war, »was halten Sie von meinem Bettler? Welch Erfolg! Sagen Sie nur!«

Der junge Mann war zu tief in seinen Gedanken.

»Gaddi ist großartig. >Ich bin nicht eifersüchtig wie er; mir gefallen die Dirnen<: seine Glanznummer . . . Und sie schweigen, keine Hand rührt sich. Armer Freund! er hatte schon die Linke auf der Brust, um sich zu verbeugen. Aber du vergißt, daß wir da sind, um sie aufzuregen. Sie wollen durch uns einen hohen Herzschlag bekommen: an unseres denkt keiner. Die dritte Loge ist leer geblieben . . . Wie dort hinten die Augen glühen! Mir scheint, ich fühle die Hitze ihres Atems bis hierher. Sogleich werdet ihr befriedigt werden, meine Herren. Sogleich wird Italia, die Verräterin, mich rufen; ich werde vorstürzen, ich werde sie beide --. O Alba!«

Er zog die Schultern in die Höhe, schüttelte, mit geschlossenen Lidern, heftig den Kopf und stieß das Gesicht in die Hände.

»Ist es möglich? Von allem, was meine Seele schreit, kein Echo? Vor einer leeren Loge spielen? Und nachher? Was nachher?«

»Da bin ich!« -- und er fuhr hinaus. Das Zittern des Hasses, des gehässigen Elends, er fühlte, daß es von ihm auf eine unbekannte Menge übergehe, auf die in Dunkel versunkene Welt dahinten, deren Keuchen das seine war, deren Leiden er seine Stimme gab. Wie er mit dem Verführer und Herrn kämpfte, empfing er leise Zurufe der Angst. Nun streckte er ihn hin, -- und da jauchzte es auf, und neben ihm fielen Blumen nieder.

»Warst du sein? Sage die Wahrheit! Die Wahrheit!«

»Gnade!« rief eine Frau von oben, aber er stach zu.

»Ich habe nur dich geliebt, Piero,« hauchte die sterbende Tonietta; und auf der Galerie die Geliebte des Schusters: »Hörst du es, Dante?«

»Bravi! Alle heraus! Maestro!«

Der Kapellmeister lief schon. Die Kette der Darsteller zog ihn aus der Kulisse hervor. Erst als die Hand, nach der er gegriffen hatte, die seine drückte, merkte er, daß sie Flora Garlinda gehöre. Sie verbeugte sich, wie sie dem Publikum dankte, halb zu ihm gewendet, mit einem Lächeln zärtlicher Unterwürfigkeit. Der runde schwarze Mund des Baritons beteuerte seine Ergriffenheit; Italia kitzelte alle, die, bis unter die Bühne gedrängt, klatschten, mit den Augen; und Nello Gennari tat nichts, als daß er sich niederdrücken und wieder emporreißen ließ von dem Cavaliere Giordano, der abgeschminkt, aber noch im Kostüm des Bettlers, unermüdlich zusammenknickte. Mit seiner freien Hand winkte er in den Saal.

»Bravo, Cavaliere!« rief Frau Camuzzi sehr laut; und der Unterpräfekt Herr Fiorio kehrte noch einmal in die Loge zurück, um den Beifall zu Ehren des berühmten Sängers zu verstärken.

Wie Frau Camuzzi ihrem Manne folgen wollte, stand der junge Savezzo vor der Tür ihrer Loge und versperrte sie ihr.

»Gnädige Frau,« -- und er sah ihr in die Augen, »die Ohnmacht des Tenors war echt. Ihm wurde schlecht, weil jene Loge leer blieb.«

Da Frau Camuzzi erbleichte, schielte er, wie aus Diskretion, auf seine Nase. Frau Camuzzi trat zurück.

»Warum sagen Sie mir das?« fragte sie halblaut. Er drückte die Hand auf die Brust.

»Ausschließlich, um Ihnen etwas Neues zu sagen. Ich hoffe, daß ich der erste bin?«

Ihr Blick irrte in den Saal und traf unter denen, die noch klatschten, den jungen Severino Salvatori. »Er wollte die Nardini heiraten,« dachte sie; »und er kann fechten. O Verräter! ich werde dich töten lassen . . .«

Ihr schwindelte vor Gedanken; sie setzte sich.

»Aber der Salvatori ist eitel und wird prahlen. Übrigens ist ein Duell unmöglich. Der alte Nardini wird erfahren, wer seine Enkelin in einen Skandal verwickelt hat. Er ist einflußreich, und mein Mann verliert seinen Posten. O Elend, an das Interesse eines solchen Mannes gebunden zu sein!«

Sie klatschte; sie rief:

»Bravi! Bravo der Gennari!«

»Ich brauche einen Menschen,« dachte sie, »der etwas Stärkeres hat als seine Eitelkeit: einen Haß wie ich, damit er verschwiegen ist. Und das Geld der Nardini muß ihm eine furchtbarere Begierde machen als dem Gecken Salvatori; er muß arm und ehrgeizig sein, damit er ohne Bedenken ist.«

Da überraschte sie den Blick, den der Mann neben ihr unter seinen gewulsteten Brauen auf den jungen Tenor warf. Der vom Neid gekrümmte Mund des Savezzo, die graue Blässe seiner pockennarbigen Haut schienen ihr Glück zu versprechen, die Muskeln seiner verschränkten Arme erquickten sie. In seinen Lackschuhen sah sie schwarz verschmierte Sprünge: da entschloß sie sich.

»Mein Mann wird mich draußen suchen. Jetzt müssen Sie mich begleiten, Herr Savezzo.«

»Es lebe der Advokat!« rief es hinter ihnen her, und wie Frau Camuzzi sich umsah, machte auf der Bühne, als mittleres Glied der Kette von Gefeierten, der Advokat Belotti seine Kratzfüße. Ihr Mann stellte sich gerade ein; Frau Camuzzi lächelte ihm heiter zu.

»Sie vergessen zu rufen: es lebe der Gemeindesekretär!«

»Bravo, Advokat!« -- und auf der Galerie hing alles in einem Knäuel hoch über seinem Kopf. Er sah verklärt hinauf.

»O Volk!« murmelte er.

»Weine nicht mehr, Cölestina«, sagte droben der Schuster Dante Marinelli. »Sie konnten nicht länger leben; es ist besser, daß der Piero ein Ende gemacht hat.«

»Aber ist nun etwa sie schuld?«

»Oder er? Es war ihr Schicksal.«

»Und was wird unseres sein, Dante?«

Er umarmte ihre Schultern. Ein Strom Fortgehender ergriff sie. Aneinander gedrängt, verschwanden sie darin.

»Das Theater hat sich geleert«, sagte die alte Frau Mandolini. »Wir können aufbrechen, Orlando, ohne Furcht, daß sie dich stoßen. Nimm meinen Arm: wir sind auf dem Korridor, hier kommt die Treppe.«

»Der Schluß war wirklich aufregend«, sagte die Haushälterin und erwiderte über die Schulter die Blicke der Herren Polli und Giocondi.

»Er war mehr als aufregend«, sagte der Blinde. »Diese Vorgänge, nicht wahr, Beatrice? haben uns tiefer bewegt, als eine Liebestragödie in unserm Dorf, unter unserm Fenster. Warum? Was macht diese Dinge groß?«

»Daß ein Volk sie mitfühlt, Orlando: ein Volk, das wir lieben! Denn es ist noch dasselbe, dem wir unsere Jugend gegeben haben. Hast du gehört, wie sie jenen Unglücklichen anfeuerten, ihr Urteil zu vollstrecken an dem Herrn, dem gelbbärtigen Herrn?«

»Ein Zeichen also!« rief der alte Literat. »Ein Zeichen für das, was wir getan haben! Aber auch was wir taten, ist nur ein Zeichen, denn immer aufs neue wird die Menschheit Herren zu stürzen haben, wird der Geist sich messen müssen mit der Macht.«

»Wir werden zur Stelle sein.«

Der Alte warf den Kopf zurück.

»Aber dieser Piero tötet auch seine Tonietta. Heißt das, daß wir vergeblich gekämpft haben werden und daß das Ziel, die Freiheit, eins ist mit dem Tod?«

»Gleichviel,« erwiderte seine Freundin, »wir werden kämpfen.«

Sie gelangten ins Freie.

»Ich komme mit dir, Orlando; denn mein Enkel wird die Nina Zampieri nach Hause bringen. Gut so; mag er sie rasch heiraten, die liebe Kleine, damit sie ihrer armen Mutter nichts mehr kostet.«

»Beginnen jetzt die Stufen, Beatrice?«

»Ja; und man hat die Treppengasse so schlecht beleuchtet, daß ich kaum mehr sehe als du. Stütze dich um so fester auf mich, Freund.«

»Es wird besser sein, gnädige Frau, er nimmt meinen« -- und die Haushälterin drängte ihren Arm zwischen die beiden Alten. »Nehmen Sie, Herr Ortensi!«

Und streng flüsternd:

»Du wirst kein Wort mehr mit ihr sprechen! Den ganzen Abend hast du dich nur um sie bekümmert.«

Die alte Frau lächelte barmherzig.

»Nur voran, Orlando! Ich bleibe hinter dir.«

Und sie stiegen langsam ins Dunkel.

Der Tabakhändler rief plötzlich:

»Wo ist Olindo?«

Er blieb stehen; die Familien Polli und Giocondi stauten sich in der Treppengasse.

»Wirst du denn niemals auf deinen Sohn achten, Klothilde?«

Der alte Giocondi machte, den Kopf zurückwerfend: »Eh!« -- und seine Töchter sahen sich, die Münder herabgezogen, an: auch sie wußten wohl, was aus einem jungen Manne ward, der zu solcher Stunde abhanden kam.

»Wehe ihm, wenn er heimkommt!« schloß Polli.

Olindo hörte es hinter dem Vorsprung des Hauses Belotti, und er zitterte. Dennoch war er, kaum daß die Seinen um die Ecke bogen, in vier Sätzen wieder oben und drang ins Theater. Gerade hüpfte hinter der erloschenen Rampe der Barbier Nonoggi umher, verrenkte das Gesicht und knickte unvermittelt in zwei Teile.

»Wie der Cavaliere! Bravo Nonoggi!« riefen die Freunde hinauf aus einem Winkel vorn im halbdunklen Saal und aus dem Dunst, den die Stadt hinterlassen hatte.

»Auch uns soll man beklatschen! Was wäre die >Arme Tonietta< ohne uns, frage ich. Hinauf Allebardi! Blandini hinauf!«

Hinter ihnen schlüpfte Olindo Polli durch die Bühnentür.

»Was habt ihr da auf euren Notenbüchern für Bilder?« fragten die Freunde. »Ah! der Allebardi stößt so stark ins Bombardon, daß ihm seine Tapeziererfedern herausfliegen und die Hühner der Hühnerlucia krepieren. Ah! die Klarinette des Artilleristen Blandini liegt auf der Lafette, und Nonoggi bläst seine Flöte vor dem Rasierspiegel. Welche Fratze er schneidet! Ihr seid große Künstler!«

Der Kapellmeister kam, um seinen Hut zu suchen. Er steckte den Kopf unter alle Stühle, und wenn er hervorkam, sah man ihn stehen und lächeln.

»Wie, Maestro? Wir haben ihnen gezeigt, was wir können!« sagte der Tapezierer.

»Ja, ja, ihr seid sehr brave Leute« -- und der Kapellmeister streifte die Hände nur und sah niemand an.

»Ich habe alles aus euch herausgeholt, was möglich war.«

Dabei nahm er seinen Hut vom Rande des Souffleurkastens und lief hinaus.

»Wie?« sagte der Tapezierer und sah den Schneider Chiaralunzi an, der die Faust auf ein Notenpult fallen ließ.

»Er wird verrückt geworden sein«, meinte Blandini. »Den ganzen Abend schien er mir seltsam.«

»Hat er nicht auch --?« fragte Nonoggi und schien sich aus der hohlen Hand etwas in den Mund zu gießen.

Der Schneider fand Worte.

»Ein böser Mann ist er!« sagte er schwer. »Ich irrte mich, als ich ihn für einen guten Mann hielt. Aber ich bin noch rechtzeitig gewarnt worden.«

»Hört den Schneider!« rief Nonoggi. »Er versteht mehr als der Maestro und wir. Er wird mich die Pickelflöte blasen lehren.«

»Ein böser Mann,« wiederholte Chiaralunzi, »mein Tenorhornsolo fand er nicht gut, und sogar das Fräulein Flora Garlinda hat er beleidigt, indem er ihre Arie nicht noch einmal gespielt hat.«

»Sogar das Fräulein!« höhnte der Barbier. »Ein Fräulein zum Lachen. Es heißt, daß sie in den Schenken gesungen hat. Nehmt sie doch mit, Chiaralunzi, wenn Ihr mit eurer Bande den Bauern aufspielt!«

Dunkelrot und wortlos holte der Schneider zum Schlagen aus, aber Nonoggi war entwischt. Er fand den Kapellmeister draußen unter den Steineichen; er tänzelte mit ausgebreiteten Armen auf ihn zu.

»Welch Unglück, Maestro, daß ein friedliches Leben mit dem Schneider nicht möglich ist! Kein Tag, an dem er Euch nicht verleumdet. Ihr sollt getrunken haben, Ihr sollt niemandem etwas gönnen. Hört Ihrs, Maestro? Sich selbst hält der Schneider für einen größeren Künstler, als Ihr seid!«

Der Kapellmeister hatte den Hut im Nacken; er lehnte an einem Baum.

»Gut, mein Lieber«, sagte er und lachte sonderbar. »Alles ist gut gegangen; ich bin zufrieden.«

»Aber der Schneider --«

Der Kapellmeister machte eine Bewegung, die den andern wegschickte. Wie er den Rücken von dem Stamm hob, schwankte er deutlich.

»Er hat also doch getrunken«, bemerkte der Barbier. »Ich dachte es gar nicht.«

Erstaunt sah er den Kapellmeister die Treppe hinabspringen. Er nahm drei der breiten Stufen auf einmal und setzte ohne Not über die Prellsteine.

* * * * *

Auf dem schiefen kleinen Platz beim Hause Belotti schöpfte er Atem, aufgerichtet und das Gesicht zum Himmel gewendet. »Ich habe also ein Volk gesehen! Das Volk, für das der Maestro Viviani seine Oper geschrieben hat. Ich wußte es, wir seien nicht allein; ein Volk höre uns! Wir wecken seine Seele, wir . . . Und es gibt sie uns! Ich weiß jetzt, welche Stimmen, wenn ich komponiere, mit dem blauen Wind durch mein Zimmer streichen. Es erfindet für uns, dies Volk, es fühlt und tönt in uns. In der Musik der >Armen Tonietta< hat es seinen eigenen Tonfall wiedererkannt, seine Gesten, sein Tempo. Die ungeheure Wirklichkeit der Klänge und Gesichte übertraf vielleicht, was sie je erlebten. Nie hatten sie von ihrer Akropolis in ein so gründereiches Land gesehen und sahen es nie so voll Licht, noch so voll Schrecken. Ein verklärtes Erdengefühl weitete sie mitten im Drang der Leidenschaften; der Kampf, die Wonne und das Leiden gingen in die tönende Harmonie ihrer Erde ein. Die singenden Gestalten waren stärker und reiner als sie, und doch sie selbst. Da waren sie glücklich, Menschen zu sein. Sie liebten einander. Und wir -- und wir --«

»Ein Betrunkener?« sagte auf dem nächsten Treppenabsatz Frau Camuzzi zu dem jungen Savezzo. Er zuckte die Achseln.

»Der Maestro: ein Mensch, der an nichts denkt.«

»Aber geben Sie acht, daß mein Mann und der Advokat nichts hören; sie sind gleich vor uns, hinter der Ecke. Dies muß geheimbleiben, das Interesse einer unserer ersten Familien verlangt es. Und handelte es sich um Alba allein: ich bin ihre beste Freundin, -- soweit man die Freundin einer armen Kleinen sein kann, die schon halb Nonne ist. Und nicht einmal vor ihr hat dieser Komödiant Halt gemacht . . . Denn -- wir dürfen nicht hoffen, uns zu irren -- er hat sie verführt. In diesem Augenblick und aufgeklärt durch Sie, Herr Savezzo, weiß ich zu gut, was es zu bedeuten hatte, wenn er in der ersten Frühe zu einer Stunde, wo noch niemand und am wenigsten ein fauler Komödiant auf der Straße ist, vom Tor her in die Stadt zurückkehrte.«

Da sie ihren Begleiter knirschen hörte, führte sie aus:

»Er war jedesmal bleich und sehr in Unordnung; man sah ihm eine Nacht an, die --, genug: eine Nacht.«

»Was tut das mir«, sagte er zwischen den Zähnen.

»Wie? Haben Sie denn kein Herz? Verstehen Sie nicht, daß Alba gerettet werden muß und daß Sie sie retten müssen?«

»Ich bin nicht Jesus Christus, den sie heiraten soll.«

»O, mein Herr, Sie lästern . . . Aber wir können es nicht verantworten, ihren Großvater aufzuklären: es wäre gefährlich für den armen Alten; und Alba zu warnen, ist unnütz, denn muß sie nicht wahnsinnig sein, wenn sie handelte, wie sie handelte? Kein Mittel bleibt, als den Komödianten zu beseitigen.«

Sie fühlte, wie der Mann neben ihr mit dem Kopf zuckte, und sie flüsterte rasch:

»O! mit leichter Hand, ohne Gefahr für sein Leben.«

Darauf schwiegen sie und verlangsamten den Schritt, denn unter ihnen war der Advokat stehen geblieben. Er wandte Brust und Handfläche seinem Gegner zu.

»Ich verstehe Sie nicht mehr, Camuzzi, -- obwohl ich gewohnt bin, daß Sie unglaubliche Dinge sagen. Unsere Aufführung war also mittelmäßig und kleinstädtisch? Gut. Orchester und Chöre schlecht diszipliniert, die Sänger teils zu jung, teils zu alt? Gut. Und die >Arme Tonietta< des Maestro Viviani, dieses Meisterwerk, das dem Genius unserer Rasse die Welt unterworfen hat, es soll wenig wert sein, Jahrmarktsmusik und Operette? Auch das sei wahr. Aber nun sagen Sie mir eins: wo bleibt, wenn wir uns nicht rühren, der Verkehr unserer Stadt, die geistige Wachheit, der Fortschritt?«

Mit erhobener Stirn und offenem Munde erwartete der Advokat die Antwort. Der andere feixte lautlos.

»Fragen Sie lieber: wo bleibt die Befriedigung des Ehrgeizes einzelner?«

Und der Advokat, nach Luft schnappend:

»Der Ehrgeiz einzelner, mein Herr, ist eine Forderung des öffentlichen Wohles. Sahen Sie schon je einen Staatsmann groß werden, ohne daß auch sein Land groß ward?«

Er schrie, daß sogar der Kapellmeister es hörte. Aber der Kapellmeister schob es mit der Hand fort, und er wiederholte stürmisch:

»Wir, die wir aus dem Reichtum eines Volkes schöpfen dürfen, wie müssen wir es lieben! Wird es mein Werk als das seine anerkennen? Von dort unten aus der dunklen Stadt steigen Stimmen: >Sieh, Geliebter, unser umblühtes Haus< --. Wird auch meine Oper einst in allen Gassen, auf allen Lippen sein? Werden sie mich groß nennen, -- weil ich sie geliebt habe? . . . Gott, mir schwindelt. Entschuldigen Sie, mein Herr. O gnädige Frau, verzeihen Sie mir!«

»Wie denn, Maestro. Wir lassen Sie vorbei . . . Er scheint nicht vom Wein berauscht, sondern von seiner Musik, der Arme. Sie aber, Herr Savezzo, haben weniger Mut, als ich dachte. Wie? Sie wollten nicht um eines guten Zweckes willen einige Rebstöcke zerbrechen und dem Bauern die Meinung beibringen, der Komödiant, der sich bei Villascura umhertreibt, sei der Täter? Wie leicht und wie dankbar für einen Mann von so viel Geist, solchem rohen Menschen den Arm zu lenken! Er selbst wird nachher nicht wissen, daß Sie es waren; -- und inzwischen hat der Verführer eine Warnung erhalten: o, nichts Ernsthaftes, unsere Bauern sind zu geschickt, -- aber doch genug, um ihn im Augenblick unschädlich zu machen und ihm für später die Lust zu nehmen nach den Töchtern unserer ersten Familien. Der Herr, dem Sie eine Magd erhalten, wird es Ihnen vergelten.«

Er lachte hart.

»Für den Herrn wage ich nicht meine Freiheit; und die Belohnung verlange ich nicht von ihm, sondern, gnädige Frau, von Ihnen.«

Frau Camuzzi seufzte.

»Ich habe es erwartet, denn ich wußte wohl, welch energischen Charakter Sie haben. Wenn Alba denn nicht dem himmlischen Gatten gehören soll, ist es immer noch besser, sie wird die Ihre, als daß jener Landstreicher sie ins Elend führt. Ich verspreche Ihnen, daß ich für Sie handeln werde, wie Sie für mich. Ich habe Alba etwas zu sagen, das ihr gegen ihren Liebhaber Haß machen und sie in die Arme dessen treiben wird, der ihn getötet hat. Zählen Sie auf mich! . . . Und bleiben wir nicht zu weit zurück! Dieser Narr von Maestro ist mit meinem Mann und dem Advokaten zusammengestoßen.«

»Es tut nichts«, schrie der Advokat. »Sie dürfen zuhören, Maestro. Wir haben keine Geheimnisse. Es ist nur eine kleine Abrechnung, die ich mit Freund Camuzzi halte. Denn, Herr Camuzzi, sehen wir nur genau zu, und wir werden finden, daß in dieser Stadt keine Neuerung, kein Fortschritt, kein dem Volke zu leistender Dienst je anders bewirkt worden ist, als gegen Sie und durch mich. Wer hat sich gegen die Wiederherstellung der Vizinalwege gesträubt und wer sie durchgesetzt? Wer hat den armen Frauen ihr wohlverdientes Waschhaus vorenthalten wollen, und wer hat es ihnen verschafft? An die kaum beendeten Kämpfe um das elektrische Licht und das Theater brauche ich Sie nicht zu erinnern. Sie waren nie dafür, daß irgend etwas geschähe. Man kann sagen, daß Sie, Herr Camuzzi, der Geist der Verneinung selbst sind, und ich, der Advokat Belotti, der Genius der Tat!«

»Aber mein Mann«, sagte droben Frau Camuzzi, »trägt einen besser gemachten Frack. Finden Sie nicht, daß dieser Advokat etwas sehr Vulgäres hat?«

Savezzo erwiderte:

»Also ich zähle auf Sie, gnädige Frau. Sollte ich aber falsch gezählt haben,« -- und er verschränkte die Arme; sie sah seine Muskeln anschwellen -- »dann würde ich freilich machen, daß der Komödiant alles ausplaudert, was er von den Damen der Stadt weiß.«

Sie begegnete seinem drohenden Blick leise von unten, indes sie mit dem Fächer spielte.

»Und auch von den Männern?« fragte sie sanft. Dann erhob sie mit einem offenen Lächeln den Kopf.

»Wir verstehen uns, Herr Savezzo, und wenn wir uns niemals mißverstehen, können wir sehr stark sein. Wer weiß, was aus uns geworden wäre, aus einem Manne von so großem Talent, aus einer vielleicht nicht ganz gewöhnlichen Frau, wenn wir anderswo hätten leben können, in einer großen Stadt --«

Er fiel ein:

»-- unter Menschen ohne Vorurteile, in einem wütenden Spiel von Interessen und Leidenschaften. Wem sagen Sie es? Sie treiben vom Grunde meines Daseins mit einem Hebeldruck alle Bitterkeit herauf. Dort wäre man vielleicht ein Politiker, der eine Welt in Bewegung setzt, der Liebhaber mächtiger Damen, ein großer Dichter, durch den das nationale Gewissen spricht. Zu allem fühle ich mich berufen. Hier gehört man keiner der herrschenden Familien an, und damit ist man abgetan und zum Neide verdammt auf jeden, der hervorragt.«

»Hier hat man einen Mann, der Gemeindesekretär ist und bleibt. Hier muß man heucheln: heucheln um sein Vergnügen, heucheln um seinen Schmerz.«

»Ist es vielleicht die Falschheit des ganzen Jahres, die uns heute abend gegeneinander so offen macht?«

»Oder«, murmelte Frau Camuzzi und drückte, sehr bleich, die Lider zu, damit die Träne nicht hinausrinne, »ist nicht nur der Maestro durch jene Musik in Aufruhr gebracht?«

Schweigend stiegen sie die letzten Treppen hinab; drunten fuchtelte der Advokat.

»Wäre ich die Persönlichkeit geworden, für die alle mich halten, wenn ich nicht Sie gehabt hätte, Camuzzi? Vielleicht mußte Ihr Widerspruch meinen schöpferischen Drang anstacheln, damit Waschhaus und Theater, Vizinalwege und Licht entstehen konnten. Zuweilen denke ich mir: wenn einst der greise Vertreter unserer politischen Wählerschaft zurücktritt --. Sie verziehen das Gesicht, Camuzzi, aber der Cavaliere Lanzerotti wird dennoch zurücktreten, und kann sein, daß das Volk mir selbst die Ehre erweist, mich als seinen Deputierten in die Hauptstadt zu schicken --: dann, so denke ich mir, wäre es gut, wenn ich auch in der Kammer Sie, Camuzzi, wiederfände; denn Sie würden mich größer machen . . . Ich sei groß in Worten, sagen Sie? Sie wissen nicht, Freund, was Begeisterung ist, sonst wären Sie heute abend begeistert!«

Er streckte den Ankommenden die Hände hin.

»Wie gnädige Frau? Bewegung und Tätigkeit, das ist alles, und das lehrt uns die Musik des Maestro Viviani!«

»Eine Frau kann nicht handeln,« sagte sie; »und daß ich bei den Komödianten war, werde ich morgen dem Don Taddeo beichten müssen. Inzwischen werden die Gewissensbisse mich nicht schlafen lassen.«

»Ich wußte, meine Liebe, daß es so enden würde«, sagte Camuzzi.

»Und der Maestro?« rief der Advokat die Gasse hinauf. »Wir haben ihn verloren?«

Der Kapellmeister winkte, bevor er sich von der Rampe losriß, noch einmal in das Dunkel der Höfe und Häuser hinab, das ihm voll lauschender Atemzüge schien.

»Ja, ich werde euch wohltun! Durch mich werdet ihr glücklicher werden und einander lieben. Ein Mädchen, das meine Arie aus einem Fenster singt! Ein Junge, der mit seinem Korb voll Gipsfiguren durch den Staub zieht und dem eine Melodie von mir die Straße weniger heiß macht! Werde ich nicht sein wie ein König, dessen Bild auf allen Münzen, in allen Händen ist? -- und dessen Bild ein Sinnbild des ganzen Volkes ist!«

Er lief die Treppe zu Ende.

»Da wären wir alle beisammen,« bemerkte der Advokat; »und wenn unser Theater auch nicht sehr zentral liegt, -- der Bau eines neuen städtischen Theaters hier im Mittelpunkt wird trotz Ihrem Händeringen, Camuzzi, eine unserer nächsten Aufgaben sein --: so verschafft uns das doch einen Spaziergang, der hoffentlich allerseits angenehm war.«

»Jeder genießt solchen Spaziergang auf seine Art«, erwiderte Frau Camuzzi.

* * * * *