Part 14
Unter dem Druck der öffentlichen Meinung griff Ranucci plötzlich nach seinem Hut und eilte hinaus. Sogleich setzte Galileo Belotti sich in Bewegung.
»Holt mir den schönen Alfò!« verlangte er. »Ich brauche ihn, denn ich selbst bin nicht schön genug.«
Und als er ihn hatte:
»Ich werde dich einer Frau vorstellen, die dir gefallen wird.«
Gemeinsam sah man sie in der Loge erscheinen. Frau Ranucci zog sich hinter ihrem Fächer ganz zusammen, indes Galileo unter fetten Seufzern kleine kurzbeinige Kratzfüße machte und der schöne Alfò eitel in den Saal lächelte. Man erhob die Hände gegen ihn, als wollte man klatschen, man stieß sich an, halblaute Ermunterungen flogen hin. Der kleine alte Giocondi in seiner Loge gerade gegenüber platzte lärmend los:
»O Gott, ich kann nicht mehr. Wie das komisch ist! Und es ist meine Idee: ja, gewiß, ich bin es, der sie Galileo eingegeben hat.«
Sogar die entlobte Rosina schüttelte sich; Cesira aber kniff den Vater in den Arm.
»Du bist ein unbezahlbarer Papa!«
Ihr Jauchzen weckte ihre Mutter, die das schmutziggraue Haupt erhob.
»Und die Miete, Ottone?« fragte sie blechern. »Wie soll ich sie bezahlen?«
»Wer denkt an die Miete? Hier gibt es zu lachen.«
Aber die Töchter waren auf einmal still.
»Welch gute Erfindung«, rief der Vater fröhlich. »Daß dieser Tenor krank werden mußte! Der Bucklige krank, der Tenor krank, alle krank: nur ich nicht.«
Die Töchter sahen sich, die Zähne auf der Lippe, aus den Augenwinkeln an. Beunruhigt schielte der Vater nach ihnen hin.
»Oder bin ich vielleicht jemals krank gewesen?«
Da sie weiter schwiegen:
»Denn daß ich mir auf der Treppe das Bein gebrochen habe, das kann man doch nicht Krankheit nennen.«
Er ließ die Backen hängen und hatte einen bettelnden Ton.
»Habe ich nicht erst neulich in Adorna mit einem Handlungsreisenden gewettet, ich würde dreißig kleine Vögel essen, und habe die Wette gewonnen?«
Plötzlich schlug er sich wieder auf die Knie.
»Dieser Galileo streichelt ihr schon das Gesicht! Ah! das ist noch eine ganz andere Komödie, als die der Komödianten. Man müßte dabei sein. Was meint ihr, wenn ich hinginge?«
»Bleibe lieber da«, sagte Frau Giocondi. »Wer weiß, was der Doktor tut, wenn er zurückkommt . . . Da ist er schon.«
Man hielt den Atem an, und man hörte den Doktor Ranucci sagen:
»Was tun Sie?«
Er griff sich an den Kopf.
»Sie schicken mich zu einem Kranken, der seit einer halben Stunde wieder auf den Beinen ist, und inzwischen --«
Unversehens rötete er sich heftig; er tat einen drohenden Schritt. Der schöne Alfò wich -- und sein törichtes Lächeln verging ihm -- bis an die Brüstung zurück. Wie der Doktor die Hand ausstreckte, war er schon hinüber und sprang in den Saal.
»Bravo, Alfò!« rief man, was den Doktor zu erbittern schien. Voll Wucht trat er zwischen seine Frau und Galileo Belotti, der mit hohen Augenbrauen unverfroren weiterpolterte.
»Pappappapp, krank oder gesund, aber die Bekanntschaft Ihrer Frau haben wir gemacht. Mein Kompliment, Doktor, ein schönes Stück Frau . . .«
Er gurgelte; denn der Doktor hatte eine Faust in seinem Munde, und mit der andern griff er ihm ans Gebiß. Galileo brüllte dumpf: -- da schwang der Doktor einen Zahn. Klatschen erhob sich; dann ward ein Sturm daraus, und Ranucci mußte sich verbeugen. Galileo war verschwunden.
»Siehst du, Ottone, wie es dir ergangen wäre?« sagte Frau Giocondi. Ihr Mann hatte die Hand an der Wange, als wäre der Eingriff bei ihm selbst vollzogen worden. Er suchte die Augen der Töchter. Rosina hielt die ihren im Schoß, Cesira hatte zwischen den gekniffenen Lidern ein dünnes, spitzes Lächeln. Der Vater stieß mit dem Fuß einen Schemel fort und schalt:
»Nun, eine Krankheit wäre auch das noch nicht!«
Das Lachen ging in Stößen durch den Saal; wenn es oben endete, begann es unten. Auf der Galerie, die sich wieder gefüllt hatte, rief man:
»Wie er tüchtig ist, der Doktor!«
Und die Väter hoben ihre Kinder auf die Schultern, damit sie ihn sehen konnten. Der Advokat Belotti wandte sich ironisch an seine Nachbarn in der Klubloge:
»Es scheint, daß der Doktor Ranucci den größten Erfolg des Abends hat.«
Sein Bruder Galileo zeigte sich wieder im Parterre, lehnte alle Bemitleidungen ab und sagte:
»Unterhalten habe ich mich doch. Und der Zahn war nicht mehr gut.«
* * * * *
»Wie man vom Lachen heiß wird!« bemerkte Mama Paradisi. Wie Mancafede wegsah, nahm sie ihr Fläschchen und befeuchtete sich unter den Achseln.
Frau Polli schlug mit ihrem Fächer mächtige Luftwellen.
»Welche Hitze! Werden sie denn niemals wieder anfangen?«
»Und die Haushälterin des Herrn Ortensi«, flüsterte der Tabakhändler, »hat ein gewisses Parfüm an sich --! Ich weiß wohl, daß er blind ist, aber hat er denn auch den Geruch verloren? Keines von jenen Mädchen auf der Bühne roch so stark. Du weißt, als Mitglied des Komitees konnte ich es nicht vermeiden, dort einmal nachzusehen. Aber was man nicht glauben würde, ist, daß auch dein Olindo sich dort umhertrieb. Ah! Schlingel, daß du dich nicht aus deiner Ecke rührst!«
»Das Theater ist zu voll«, sagte Frau Camuzzi zu dem Halbkreis junger Leute unter ihrer Loge. »Die Düfte der Galerie gelangen bis zu uns. Man sollte nicht erlauben, daß hier Knoblauch gegessen wird. Aber was ist von einem Komitee zu verlangen, das vor mich hin, gerade vor mich gewisse Damen setzt.«
Sie deutete mit dem Kopf, ohne hinzusehen, ins Parkett. Die große Raffaella war des Pächters schräg hinter ihr sicher und bekümmerte sich nicht mehr um ihn. Sie machte Augen nach vorn ins Orchester, wo der Tapezierer Allebardi ihr zu Ehren in sein Bombardon stieß. Aber der Mechaniker Blandini stach ihn aus mit einem frei erfundenen Thema auf seiner Klarinette.
»Der Nonoggi hat es auf dich abgesehen«, sagte Lauretta zu Theo. »Er schneidet dir Gesichter.«
Sie antwortete:
»Ich will nicht. Ich bin wegen der Musik hier, und jener Tenor nimmt einem den Mut, auf andere zu hören. Ah! ihm würde ich nicht nein sagen. Die Madonna wird nicht erlauben, daß ihm ein Unglück zugestoßen ist.«
»Wie viel Mitleid ich mit dem lieben jungen Menschen habe!« wimmerte Mama Farinaggi ganz süß und fromm; aber die beiden Fräulein Pernici fuhren dennoch zurück, gegen den Leutnant Cantinelli.
»Wie übrigens unsere heilige Religion es vorschreibt«, setzte die Eigentümerin des Hauses in der Via Tripoli hinzu und drehte die Büste allen Umsitzenden zu, während sie sich bekreuzte.
Über die Galerie ging plötzlich ein Raunen.
»Man sagt, Pomponia, daß er tot ist, der Tenor.«
»Dann ist an seinem Tode die Primadonna schuld, Felicetta; denn der Arme, aus Liebe zu ihr ist ihm so übel geworden.«
»Hast dus von deiner Herrin?«
Die Magd des Kaufmannes Mancafede zuckte die Achseln und schloß sich mit dem Finger die Lippen.
»Also er liebt die Primadonna«, sagte unter ihnen Frau Salvatori zu Frau Malandrini. »Die Evangelina weiß es. Übrigens sieht man an seinem ausdrucksvollen Spiel, daß er wie wahnsinnig ist. Sie aber ist kokett und behandelt ihn schlecht.«
Die Frau des Steuerpächters neigte sich zu der Schwester des Unterpräfekten.
»Die Primadonna hat ein Kind, wie ich höre, von dem Tenor. Die guten Sitten finden sich nicht auf dem Theater.«
»Im Gegenteil, meine Liebe. Die beiden sind verheiratet, aber sie sagen es nicht, weil es die Illusionen verhindern würde.«
Frau Camuzzi erklärte:
»Dieser Tenor: wie heißt er noch --«
Sie sah auf dem Zettel nach.
»Er taugt noch weniger, als ich erwartete. Vor allem ist er völlig ohne Empfindung.«
»Aber mir scheint,« wandte der Gemeindesekretär ein, »daß er gerade infolge von allzuviel Empfindung in Ohnmacht gefallen ist.«
»Ah! sprechen wir ein wenig von seiner Ohnmacht. Was glauben die Herren: hat das Komitee sie bei dem Künstler bestellt, oder hat er selbst gefühlt, daß es vielleicht besser sei, der Wirkung seiner Kunst ein wenig nachzuhelfen?«
»Wie viel Geist die gnädige Frau hat!« sagte der junge Salvatori. Der junge Savezzo kreuzte die Arme und beobachtete mit Senkblicken das gehässige Aufleuchten in den Augen der Dame.
Die alte Frau Mandolini berührte ihren blinden Freund mit dem Fächer.
»Orlando, ich denke immer an jene Aufführung der >Celimena< im Pagliano zu Florenz: sind es nicht fünfundvierzig Jahre? Diese kleine Garlinda ist die einzige, die mich je an die Branzilla erinnert hat: an die Branzilla, als sie jung war.«
»Was sagst du, Beatrice! War es doch auch mir so. Ich hörte, während jenes junge Mädchen sang, eine alte, sehr geliebte Stimme zurückkehren, wie in einem Traum, den ich beim Erwachen vergessen hatte.«
»Der Gennari ist sympathisch, ohne viel gelernt zu haben, denn es scheint, man lernt heute nichts mehr; und der arme Cavaliere Giordano hätte besser getan, sich nicht hören zu lassen.«
»Denn es ist, als sänge er uns immerfort in die Ohren, wie alt wir selbst nun sind.«
»Nur diese kleine Garlinda scheint noch von den großen Zeiten zu wissen.«
»Aber sie ist nicht schön«, sagte die Haushälterin des Blinden. Er rief:
»Nicht schön? Wunderbar schön ist sie!«
»Sie sehen sie doch nicht.«
»Aber wie schön muß sie sein!«
»Heraus!« rief droben der Schustergeselle Dante Marinelli.
»Maestro!«
Und plötzlich trampelte und schrie die ganze Galerie.
»Macht man sich über uns lustig? Es ist eine Schande!«
Der Lehrling des Konditors Serafini pfiff gellend auf den Fingern. Der Advokat Belotti trat an den Rand der Klubloge und entblößte mit einer Verbeugung das Haupt vor ihm und vor dem Volk.
»Meine Herren, haben Sie Geduld . . .!«
Es ward still, und da hörte man in der letzten Parkettreihe den Bäcker Crepalini:
»Auch noch in der Klubloge, der Advokat! Wie viele Logen hat er denn? Ich aber, der ich sechs Plätze --«
»Schweig!« -- und droben wurden Fäuste geschüttelt. »Du hungerst uns aus. Er ist der einzige Bäcker, weil er die Herren bezahlt; und dafür darf er uns aushungern mit seinem teuren Brot. Rede, Advokat!«
»Denn«, keuchte der Advokat, »wir sind noch neu in diesen Dingen: es ist die erste Vorstellung in unserer Stadt seit achtundvierzig und dreiviertel Jahren. Dann der Unglücksfall, den die Herren verzeihen mögen, mit jenem jungen Künstler, der so viel Talent hat . . .«
»Der Arme! Ja, wir werden Geduld haben«, riefen die Frauen.
»Aber wir werden alles tun, was möglich ist, und in fünf Minuten, o meine Herren, werden Sie befriedigt werden.«
»Bravo, Advokat!« -- und es ward geklatscht. Der Barbier Bonometti rief:
»Er ist ein großer Mann, der Advokat!«
»Da ist Brabrà! Bravo, Brabrà!« -- und plötzlich lachte alles. Die jungen Leute mit großen Hüten und bunten Halstüchern sagten:
»Er stand, als wir den Buckligen forttrugen, ganz allein auf dem Platz und machte dem Mond seine Komplimente: da haben wir ihn mitgebracht. Du sollst Musik hören, Brabrà!«
Und der Advokat mußte sehen, wie der kleine Uralte, als parodierte er ihn, das Volk grüßte. Er führte seinen Hut, der keinen Rand mehr hatte, im Bogen über die Ränge, er legte die Hand aufs Herz, schlug mit dem Fuß aus, -- und unter dem Jubel der Galerie schienen die Gesichte, denen er in den leersten Gassen nachging, zur Wirklichkeit geworden, und die Menge war da, die ihn feierte.
»Aber der Mittelstand wird gefährlich!« sagte Frau Camuzzi zum Baron Torroni.
Denn der Bäcker Crepalini fuhr fort zu agitieren. Man sah ihn mit seinen herausquellenden Augen und seinem furchtbaren Gebiß im Parterre sich abarbeiten, die Leute um sich her zusammenziehen und unter wütenden Schlägen in die Luft, Aufruhr bei ihnen stiften.
»Warum steht Ihr hier unten und laßt Euch stoßen, Gevatter Felipe? Ihr wißt es nicht. Dann fragt also den Malandrini. Er ist der Wirt »zum Mond«, Ihr seid der Wirt »zu den Verlobten«; eine Loge aber ist nur für ihn da. Versteht sich, denn seine Frau ist eine Schwester der Frau Polli, und der Tabakhändler ist ein Onkel des Doktors Capitani, dessen Frau eine Großnichte des Bürgermeisters ist!«
»Die Herren halten zusammen«, sagte der Schlosser Fantapiè, der mit dem Schlosser Scarpetta von der Galerie herabgestiegen war; »und der einzige, der dem Volk helfen kann, ist Don Taddeo.«
Der Schuhmacher Malagodi bekam einen roten Kopf.
»Man kann sagen, daß wir im Nepotismus umkommen. Warum bin ich nicht Gemeinderat geworden? Weil die Elena, mein Lehrmädchen, sich geweigert hat, zu tun, was der Severino Salvatori von ihr verlangte. Die Herren machen Ansprüche . . .«
»Die Herren!« schnaubte der Bäcker, und der dicke Nußknackerkopf wackelte vor Zorn auf seinen engen Schultern. »Wenn es noch Herren wären! Aber seht nur jenen Giocondi an, der nun die zweite Frau zugrunde gerichtet hat und als Versicherungsagent umherzieht: wer ist mehr Herr, er oder ich, der fünftgrößte Steuerzahler der Stadt? Aber weil seine erste Frau eine Pastecaldi und Schwägerin der Schwester des Advokaten Belotti war, hat die Loge der Giocondi, nicht ich. Und da eine übrig ist, läßt man sie lieber leerstehen, als daß man sie einem Manne wie mir gibt.«
»Die Herausforderung gilt mir« -- und der alte Schenkenheld Zecchini schob seinen Bauch in den Haufen. »Denn wenn man eine Loge bekommt, weil man Bankerott gemacht hat, muß auch ich eine bekommen.«
»Was denn? Welche Loge?« polterte Galileo Belotti. »Wißt ihr denn nicht, daß jene leere Loge dem Advokaten gehört? Denn sonst hätte er nur die unserer Schwester, die der Jole Capitani und die Klubloge, und ihr begreift wohl, daß ein Mann von seiner Wichtigkeit eine vierte nötig hat.«
Der junge Savezzo schien unabsichtlich in den Haufen geraten.
»Wir haben den Advokaten Belotti, wie Rom den Cäsar hatte«, erklärte er. »Ist das nicht genug? Aus Bewunderung für unsern großen Mann verschmerze ich es leicht, daß meine Mutter und meine Schwestern zu Hause bleiben mußten, weil keine Loge für sie da war.«
»Man müßte ein Lamm sein wie Ihr, Herr Savezzo,« sagte der alte Seiler Fierabelli, »um nicht zu sehen, daß keine Gerechtigkeit in der Welt ist.«
Der Barbier Druso bestätigte es; der Barbier Bonometti wandte ein:
»Der Advokat tut viel für das Volk. Es ist, wie der Herr Savezzo sagt: er ist ein großer Mann.«
»Was, großer Mann!« -- und Galileo hüpfte auf. »Wenn einer den Advokaten kennt, bin ich es, und ich sage dir, daß er noch nicht einmal der Dreck eines großen Mannes ist!«
Frau Malagodi mischte sich ein:
»Ich habe meinen Hut abnehmen müssen, der nicht weniger gekostet hat als das Ungeheuer, das die Paradisi auf dem Kopf trägt. Aber sie sitzt in einer Loge.«
»Sitzen nicht auch die Kommis des Mancafede mit ihm in der Loge?« schrie ihr Gatte. »Damit erspart er ihre Gratifikationen, der alte Geizhals!«
»Gegen die Herren kann niemand helfen, als Don Taddeo«, wiederholte hartnäckig der Schlosser Fantapiè. Der Bäcker brach vor:
»Ich weiß noch einen, der mir hilft, und das bin ich.«
Er holte seine Frau und seine vier Kinder von den Sitzplätzen und schob die ganze Herde vor sich her.
»Wohin, Crepalini?«
»Ich will ein wenig nachsehen, wem die leere Loge gehört. Komm mit, Malagodi!«
Auch der Schuhmacher trieb die Seinen zusammen.
»Wir alle sind dabei, wenn es lustig wird!« rief der dicke Zecchini und hieb mit seinem Bauch ein Loch in die Menge. Das ganze Parterre schlug Wogen, die aufbrüllten.
»Seid ihr dort unten etwa verrückt geworden?« rief die Galerie. »Ruhe! Du willst wohl Prügel, Volksaushungerer? Keinen Ton hört man. Lauter, Maestro! Bring sie mit den Trompeten zum Schweigen!«
Die meisten bemerkten erst jetzt, daß der Kapellmeister da war und daß er dirigierte. Er sah sich nicht um nach dem Getöse und ließ, geneigten Kopfes, ganz sanft die Arme schweben, als sei er mit seinem Orchester allein. Der Bäcker Crepalini, der den Ausgang fast erreicht hatte, fuhr zurück, denn ein abgenagter Apfel war ihm heftig ans Ohr geflogen. Der Schuster Malagodi fühlte etwas Feuchtes auf seine Glatze klatschen, und droben jubelte eine Jungenstimme:
»Ins Zentrum!«
Auf einmal erstickte der ganze Lärm: es war dunkel, keine Lampe brannte mehr. Erschreckt suchte man einander ins Gesicht zu sehen. Im Saal war ein unterdrücktes, unbekanntes Hinundher von Keuchen und Scharren. Etwas Drohendes wälzte sich heran! »Was gibt es!« In den Logen sprang man auf. Eine Frau rief:
»Himmel! man ermordet mich.«
Und Stimmen auf der Galerie:
»Feuer! Hinaus! Wir sind alle verloren.«
»Nicht doch!« schrie eine Fistel, und man erkannte, aufhorchend, den Advokaten Belotti. »Es ist nichts, lassen Sie mich machen!«
Der Herr Giocondi brach plötzlich in tobendes Lachen aus; seine Töchter mußten ihn auf dem Stuhl halten; -- und darauf begriff auch die Galerie:
»Das hat der Advokat getan! Ein Streich des Advokaten! Spaßvogel, geh! . . . Genug! Wir wollen Licht. Wo ist Elenuccia hin? . . . Bravo Advokat!«
»Seht ihr jetzt, daß er ein großer Mann ist?« rief der Barbier Bonometti, -- indes der Advokat im Dunkeln sich verbeugte.
* * * * *
Da es schon wieder hell war:
»Ah! Aber wir wollen auch die Bogenlampe.«
»Ruhig! Man spielt!«
»Da ist der Piero, da ist er! Bravo! du bist schön.«
»Es lebe die Madonna, weil es ihm gut geht!«
»Ruhig die Weiber! . . . Ein Platz in Rom, sagst du? Aber das ist unser Brunnen! Nur jenen Bogen haben wir nicht, aber die Stadt sollte ihn bauen.«
»So also steht es jetzt mit deiner Tonietta, o Piero. Warum hast du sie fortgejagt und nicht auf uns gehört, denn sie war unschuldig, sonst will ich blind werden!«
»Noch einmal! Noch einmal!«
»Wie er bleich ist, Dante!«
»Es kommt, weil es Nacht wird. Die Freunde sind fort, die ihm gesagt haben, was aus der Tonietta geworden ist. Er steht allein, das Gesicht im Mantel, und weint . . . Er singt. O Cölestina, höre das, höre! Ich weiß nun wieder, wie es war, als ich glaubte, du betrügest mich!«
»Und an der Ecke? Das ist sie! Das ist die Tonietta!«
»Sprich nicht! Was wird geschehen?«
». . . Lege mir deine Hand auf das Herz; ich bin außer Atem: sie hat ihn erkannt!«
»Rufini, was meinst du? Ich bin in die Stadt gekommen, um ein Kalb zu verkaufen, nicht, um über erfundene Dinge zu weinen. Auch weine ich nicht über sie, sondern über mein Haus, das mir vor drei Jahren abgebrannt ist, und mein Söhnchen, das darin umkam. Ist es die Musik, die sie machen? Mir ist, als steige ich wieder in den Trümmern umher. Und doch will ich nicht fort; denn dies ist der erste richtige Trost, den jemand mir gibt.«
»Wird er ihr glauben? Wird er? . . . Er glaubt ihr!«
»Es ist ein wenig spät. Ich würde sie nicht mehr nehmen.«
»Du hast keine Poesie, Malandrini. Höre doch, was sie einander vorsingen. Ihnen scheint, daß sie vor ihrem Hause stehen, wie in ihrer Hochzeitsnacht, unter den Ölbäumen, durch die der Mond scheint. Man hat solche Einbildungen, wenn man liebt.«
»Woher weißt du das?«
»Da, Polli, wieder >Sieh, Geliebter, unser umblühtes Haus<.«
»Aber es ist entschieden kein Vergleich möglich mit unserem Phonographen. Das ist übrigens gut: Laß uns unser Bett aufsuchen. Ich sehe kein Bett: alles Stein, und der Himmel sieht nach Regen aus. Ah! Sie meinen, daß sie sich unter jenen Bogen legen wollen. Einverstanden; aber ob sie sich so aufführen werden, daß wir Olindo hier lassen können? . . . Was gibts, Giocondi?«
»Der Bettler, da ist er. O! ist der Cavaliere komisch. Seht ihn euch an, Töchter! Ich kenne ihn schon. Er hat es mir vorgemacht, und ich habe ihm Ratschläge gegeben . . . Bravo, Cavaliere!«
»Bravo! Noch einmal! Wie man lacht! Ich kann nicht mehr.«
»Jetzt sind sie allein, kaum erkennt man sie im Schatten; und immer wieder hörst du es durchklingen: >Sieh, Geliebter, unser umblühtes Haus heißt uns blühen< . . .«
»O Nina, deine Harfe!«
»Man würde nicht glauben, daß man noch auf Erden ist.«
»Es würde sich lohnen, unglücklich zu sein, um dann so glücklich zu werden, wie diese.«
»Aus . . . Was haben sie? Warum soll man nicht klatschen: der Vorhang ist zu.«
»Aber das Orchester spielt weiter. Man sagt, daß sie spielen werden, bis die auf der Bühne sich ausgeruht haben und wieder singen.«
»Pappappapp, ich gehe hinaus und rauche eine Zigarette. Es passiert doch nichts.«
Die jungen Leute in großen Hüten und bunten Halstüchern nickten, die Arme verschränkt, einander in die Augen.
»Wie viele Dinge jetzt vorgehen! Ist es möglich? Solch Leben! So also wird es sein, wenn einmal das Volk sich Gerechtigkeit schafft.«
»Dies aber,« -- und der alte Literat Ortensi breitete zitternd die Arme aus, »o dies geht hinaus über die glückliche Liebe jenes Volkes, das einen Engel gebar. Denn dies, o Beatrice, ist die Abdankung und die elende Herrlichkeit des Helden, der das Land verläßt, das er erkämpfte. Die Liebe der Sterbenden! Ists nicht zuletzt dies, was wir haben?«
Die alte Frau schwieg, und sie streichelte seine Hand.
»Wie schade,« sagte der Apotheker Acquistapace zu der Witwe Pastecaldi, »daß der General Garibaldi diese Musik nicht gekannt hat! Gewiß hätte er sie spielen lassen, wenn er uns das Ziel, die Freiheit, vor Augen rufen wollte. Welche Begeisterung! Ist mir doch, nun ich zuhöre, als sähe ich wieder dem Helden selbst ins Gesicht.«
Der junge Savezzo schielte in der Klubloge auf seine Nase.
»Was schiert mich die Sache der andern und ob sie vor oder hinter dem Vorhang leben oder sterben. Nur mir gilt dies, denn nur ich habe Schicksal, werde triumphieren über die, die mich niederhalten, und werde mächtig und berühmt sein . . . Diese Musik hätte ich machen können; auch sie hat man mir geraubt.«
Hinten in der Loge der Frau Jole Capitani, der er einen heimlichen Besuch machte, wippte der Advokat Belotti mit den Absätzen, suchte unruhig auf dem Fußboden umher und dachte an die Niederwerfung des Don Taddeo, die Gründung einer Zeitung, die Belebung der Stadt und ihre Beglückung. »Niemals fühlte ich, wie sehr ich ihr gehöre!« Seine Augen, die sich verschleierten, irrten von unten über die Hüften der Doktorsfrau, als seien es die Plätze der Stadt, und bis auf das entblößte Stück ihres gepolsterten Nackens. Sie wandte sich um, und er sagte:
»Wer diese Musik geschrieben hat, der wußte, was ein großer Mann ist.«
Unter ihnen schluchzte eine Frau heftig auf. Sie horchten; es blieb still.
»Frau Camuzzi? Unmöglich. Sie ist zu wohlerzogen; und dann, welchen Grund sollte sie haben, zu schluchzen?«
»O! jede Frau findet dazu Grund«, erwiderte Jole Capitani, und der Advokat erkannte mit Genugtuung, daß ihr unsicherer Blick nur noch ein wehrloses Flehen war.
»Bravo, Maestro!«
Der Kapellmeister fuhr auf seinem Sessel herum und machte im Sitzen mehrere rasche Verbeugungen. Die Haare klebten ihm in der Stirn; den Stab führte er jedesmal, als nötigte ihn ein unberechtigtes Gesetz dazu, flüchtig und bedeutungslos über seine Mitarbeiter im Orchester hin.
»Zum Schluß klang es dennoch wieder tragisch«, stellte Rosina Giocondi im stillen fest. »Es wird sich zeigen, wenn der Vorhang aufgeht . . . Natürlich, vor dem Wirtshaus ist der erste, den man sieht, der Conte Tancredi, der damals die Tonietta verführt haben soll. Dem Piero dagegen, der nun Schuhe flicken muß, bringt jene Frau, die ihn haben wollte und die jetzt die Wirtin zu sein scheint, zu essen. Sie hält ihm ihren Fuß hin, sie verführt ihn. Die Tonietta drüben bemerkt es wohl, drum kokettiert sie auch von ihrer zerbrochenen Treppe herab mit dem Tancredi. Es ist schon wieder aus, meine Lieben, mit dem Glück. Das kennt man. Man hofft zu leicht; -- aber auch mit Olindo Polli ist es nichts, sonst hätte er in der langen Pause der Mama einen Besuch gemacht.«
»Paß doch auf, Piero!« rief jemand auf der Galerie. »Er nimmt sie dir weg!«
»Sei still! Er hat es schon bemerkt. Der Tancredi geht, alle Gäste gehen: jetzt bekommt sie das ihre.«
»Was, Dante! Wie kannst du so böse sein gegen die arme Tonietta. Ich, deine Cölestina, verstehe sie zu gut.«
»Du verstehst, daß sie ihn, obwohl er Mitleid mit ihr gehabt hat, betrügt?«
»Ich verstehe, was sie sagt: du hast mir schon einmal unrecht getan, ich war unschuldig.«
»Auch er aber hat recht: >Seither warst dus um so weniger!< Denn sie war eine Dirne, wie?«
»Hat ers anders gewollt?«
»Gut! Er schließt sie ein und geht. Das verdient sie.«