Die kleine Stadt: Roman

Part 13

Chapter 133,815 wordsPublic domain

»He! Advokat!« rief Polli ihm nach, aber vor Hämmern und Poltern hörte man nicht.

»Lassen Sie«, sagte der junge Savezzo, der mit ihm kam. »Ich weiß hier Bescheid.«

Der kleine alte Giocondi stapfte fröhlich nach dem Hintergrund.

»Die Garderoben kennen auch wir. Das lernt man auf Reisen.«

Munter pfeifend klopfte er an eine Tür, blinzelte den beiden andern zu und öffnete.

»Wer ist da?« rief Flora Garlinda, und sie sprang vom Toilettentisch auf. »Noch jemand? Ah! genug. Jetzt ists genug! Ich kenne Sie nicht und will allein sein. Verstehen Sie? Ich singe euch vor, was wollt ihr noch von mir?«

»O gar nichts, entschuldigen Sie nur«, plapperte Giocondi noch immer, als die Tür schon dicht vor seiner Nase zugefallen war. Polli sagte:

»Aber das ist ja ein Dämon! Habt ihr gesehen: Sie hatte ein Gesicht wie eine alte Hexe. Nie wieder glaube ich, daß sie zweiundzwanzig Jahre alt ist. Sie hat uns getäuscht, indem sie sich anmalte.«

»Das ist eben die Kunst«, sagte der junge Savezzo. »Man sieht, daß die Herren keine Künstler sind.«

Wie die drei sich davonmachten, kam leise der Schneider Chiaralunzi hervor. Er klopfte und wartete dann in gebückter Haltung, mit baumelndem Schnurrbart und ehrfürchtiger Miene. Seinen ungeheuren Blumenstrauß streckte er sorgfältig von sich. Drinnen polterte es, die Primadonna fuhr heraus, dem Schneider an den Magen. Aber sie prallte zurück, ohne daß er wankte.

»Ach Ihr«, sagte sie, und ihre Miene spannte sich plötzlich ab. »Sogar Blumen! Nun, gebt her! Und kommt nur herein, ich kann Euch gebrauchen; Ihr mögt mir die Kämme reichen. Die Frau habe ich fortgeschickt, sie verstand nichts, und ich hasse die, die nichts verstehen. Ihr habt Euer Solo gut geblasen. Wenn Ihr blast, hört man, daß Ihr ein ehrlicher Mann seid.«

»Wer ist denn bei ihr?« fragte Polli. »Mir ist doch --«

»Wer wirds sein«, sagte Giocondi. »Ein Liebhaber. Daher hat sie uns so empfangen. Versteht sich, wir störten.«

»Sollte man nicht herausbekommen, wer es ist?« versetzte der Savezzo mit düstrem Neid.

Sie schlichen hinter dem Prospekt um die Bühne. Drüben zwischen den Kulissen fanden sie den Advokaten umflattert von kleinen Choristinnen, die ihre mehlweiß und braun gescheckten Ärmchen vor ihm umherwendeten, süße Augen und schiefe Köpfe machten und ihm plötzlich ins Gesicht lachten. »Sie, Advokat, der Sie der Freund der Frauen sind, sagen Sie, ob es gerecht ist, daß ich ein kaffeebraunes Kleid tragen muß!«

»Sie also sind es, der uns heute abend vom Tode errettet hat? Welch tapferer Mann!«

»Ein wohlerzogener Mann, der den Frauen keinen Vorschuß abschlägt«, -- mit ihrem bunten Gesicht dicht unter seinem Munde. Aber als er zufuhr, war sie fort und streckte die Zunge heraus. Da zeigte der Inspizient seine drohende Miene. Alle kreischten auf, und nichts war mehr von ihnen da, als eine kleine Puderwolke.

Polli raunte dem Advokaten zu:

»Die Garlinda hat einen Liebhaber bei sich: wir haben sie mit einem Manne sprechen hören. Wer mag es sein?«

Der Advokat wehrte diskret ab.

»Wer weiß es.«

Er holte Atem.

»Übrigens komme auch ich von drüben. Ich bin quer über die Bühne gegangen und darum ein wenig früher angekommen als Ihr.«

Polli riß die Augen auf. Als er sich gefaßt hatte:

»Ah! Advokat!«

»Ich habe nichts gesagt«, -- und der Advokat glänzte groß.

Gerade gingen der Apotheker und der Unterpräfekt vorüber, und Acquistapace trachtete auf seinem Holzbein mit Herrn Fiorio Schritt zu halten, denn von hinten kam, Fächer schlagend, Italia. Der Unterpräfekt verbeugte sich zuerst.

»Fräulein, Sie sind sicherlich die größte Sängerin, deren Anfängen ich beiwohnen durfte.«

Und er liebkoste seinen gepflegten Bart. Der Apotheker kniff den Advokaten in die Seite; er verdrehte die Augen.

»Aber --«

»Sie sind rascher umgekleidet als alle anderen,« sagte Herr Fiorio, »das ist erstaunlich. Und welch malerisches Kostüm! Sie stellen eine Romagnolin vor?«

»Ich bin die Frau des Wirtes, mein Herr: des Wirtes an Piazza Montanara, den ich inzwischen geheiratet habe, obwohl er alt ist, nur weil ich über meine Freundin Tonietta triumphieren wollte, die mir den Piero weggenommen hatte, die ich verleumdet habe und die nun auf Piazza Montanara die Dirne macht.«

»Das alles ist nicht recht von Ihnen, und ich glaube nicht, daß Sie in Wirklichkeit dazu fähig wären«, bemerkte der Unterpräfekt. Die Bürger lachten beifällig, am lautesten der Advokat.

»Nein! Wahrhaftig nicht! Sie ist ein viel zu gutes Mädchen: mir können Sies glauben, mein Herr!«

Der Regierungsvertreter sah unzufrieden aus. Italia kitzelte ihn und den Advokaten abwechselnd mit den Augen. Auch lenkte sie das Gespräch ins Unpersönliche.

»Was wollen die Herren: in diesen neuen Opern ist nun einmal alles schlecht und traurig. Nicht einmal das schöne Kostüm dürfte ich anhaben, denn eine Wirtin in einer großen Stadt wie Rom geht natürlich angezogen wie alle andern. Aber soll man denn ganz auf die Schönheit verzichten?«

»Gewiß nicht«, sagte der Unterpräfekt ernst und warm; und nach kurzem Zögern: »Ich komme sogar ausdrücklich, um ihr zu huldigen. Denn Sie vereinigen wahrhaftig Schönheit und Kunst. Ihr Leben, Fräulein, muß voller Genugtuungen sein.«

»Ach, mein Herr, es ist nicht alles, wie es sein sollte. Man hat sich über manches zu beklagen. Würden Sie glauben, daß mir der Maestro noch soeben eine Arie gestrichen hat? Freilich habe ich im zweiten Akt zwei, dafür aber habe ich im ersten Akt keine. Er sagt, wir haben anderthalb Stunden Verspätung; bei der zweiten Aufführung solle ich meine Arie wiederhaben. Was nützt mir das? Dies ist die Premiere! Und warum bin ichs, der man die Arie streicht? Der Garlinda läßt der Maestro jede Note; und er wird sehen, wie sie es ihm dankt! Die ganze Oper besteht aus ihren Arien und ihren Duos mit dem Piero. Kaum sehen sie sich wieder, um unter dem antiken Bogen dort miteinander schlafen zu gehen, da verschwinden wir andern . . .«

»Wie sehen sie sich wieder?« fragte Polli.

»Versteht sich, auf der Straße«, erklärte Giocondi.

»Wie kann ich Ihnen helfen?« fragte der Unterpräfekt. Italia verzog den Mund.

»Was ist zu machen, da die Garlinda dahintersteckt und der Maestro in sie verliebt ist.«

»Er sucht sie,« fuhr Giocondi fort, »weil er sie nicht vergessen kann, der Unglückliche, und wird von ihr angesprochen, ganz wie irgendeiner. Es ist eine klägliche Geschichte.«

»Was denn!« keuchte der Advokat. »Das ist unmöglich! Der Maestro verliebt in die Primadonna?«

»Warum nicht. Es nützt ihm ja nichts. Denn sie ist kalt . . . oder --«

Italia machte ein angewidertes Gesicht.

»-- sie hat unnatürliche Neigungen.«

»O, gar so unnatürlich werden sie nicht sein«, erwiderte der Advokat mit heiterer Stirn.

»Da sich mir Gelegenheit bietet, der größten Künstlerin zu nützen, deren Anfängen ich beiwohnen durfte --,« und der Unterpräfekt verbeugte sich gegen Italia, die vor ihm die Hüften hin und her drehte, »so spreche ich also wegen Ihrer Arie, Fräulein, mit dem Maestro, noch in dieser Pause. Auch auf mich wird der junge Mensch ein wenig hören.«

Er verbeugte sich endgültig. Italia eilte ihm nach. Der Bariton Gaddi war herzugekommen und sagte:

»Da sehen Sie, wie dieses Metier die Seelen verdirbt! Sogar Italia wird bösartig.«

Man hörte sie noch sagen:

»Sie wollten wirklich, mein Herr? Dann tun Sie es rasch, denn wir haben nur die eine Pause; der zweite und der dritte Akt sind durch ein Orchesterstück verbunden.«

Herr Fiorio bot ihr den Arm.

»Ich werde stolz sein, mein Fräulein, Ihnen das Ihre zurückzubringen.«

»Wie soll ich Ihnen danken, mein Herr!«

»Sie fragen: wie? Wollen Sie nicht lieber fragen: wo? Auf der Unterpräfektur, liebe Kleine.«

Und Herr Fiorio gab Italia zart ihren Arm zurück. Die Bürger sahen ihm bewundernd nach.

»Ah! er weiß genau, wie weit er gehen darf. Jetzt zeigt er sich wieder im Saal. Welche Geschicklichkeit!«

Der Apotheker Acquistapace hielt nicht länger an sich; er fluchte laut. Wie Italia zurückkehrte, stelzte er ihr polternd entgegen.

»Wissen Sie, Fräulein, daß jener Mann Sie belogen hat?«

»Aber Romolo!« sagten die Freunde.

»Was Romolo! Soll ich etwa die Wahrheit verschweigen? Hat er nicht der Primadonna wörtlich dieselben Komplimente gemacht wie dem Fräulein Italia?«

»Aber für mich wird er doch handeln?« sagte Italia, eingeschüchtert durch seinen roten Kopf mit der zitternden Unterlippe.

»Ich bin ein alter Soldat Garibaldis«, rief er und ging, um zu atmen, ein Stück weiter. »Auf das Ränkeschmieden verstehe ich mich nicht!«

Da sie ihm bittend gefolgt war:

»Aber wenn ich jemand liebe, tue ichs ordentlich.«

»Herr Apotheker,« sagte sie schmeichlerisch, »glauben Sie, auch ich träume zuweilen von einer großen Leidenschaft . . .«

»Kein Glück, der arme Romolo,« -- und der Advokat feixte still und heftig.

Polli fragte:

»Sollte man nicht seine Frau holen?«

Der alte Giocondi bemerkte:

»Der Tenor scheint sehr aufgeregt. Ich sehe ihn schon die ganze Zeit vor dem Vorhang hin und her laufen. Jetzt sieht er wieder durch das Loch. Vorhin hatte er sich sogar in die Gardine gewagt; draußen müssen sie ihn wahrgenommen haben, denn sie begannen zu schreien.«

»He! Herr Nello!« rief der Advokat.

»Lassen Sie ihn«, sagte Gaddi. »Es ist sein gewohnter Zustand am ersten Abend. Betrachten Sie lieber den Cavaliere: er hat eine gute Maske.«

Der Cavaliere Giordano nahm, um die Herren zu begrüßen, mit einer Verbeugung, großartig und dabei zitternd, den durchlöcherten Filz von seinem Kopf, der spitz und ganz kahl war. Frostig in seinen entfärbten Mantel gerollt, machte er kleine, schlürfende Schritte, die ihn nicht von der Stelle brachten. Auf der Hand am Rand des Mantels blitzte sein großer Brillant auf.

»Nun?« fragte er, atemlos vor Anstrengung, »erkennen Sie, Gaddi, wie es sich herausarbeitet? Sie, der Sie etwas verstehen? Wie? Diesmal werde ich alle schlagen! Ich gebe zu, meine Herren --«

Er kam hastig herbei mit einem starren Lächeln von einem zum andern und kleinen bedrängten Handbewegungen.

»-- im ersten Akt kam ich nicht voll zur Geltung.«

Nachdem er vergeblich auf Widerspruch gewartet hatte:

»Das liegt an der Rolle des alten Geronimo. Dieser Bettler aber, das ist ganz etwas anderes. Man sieht ihm an, nicht wahr, daß er eine gefallene Majestät ist.«

»Wie? Stellen Sie denn einen König vor?«

»Ich will sagen, daß er große Tage gesehen hat und sich eines ungewöhnlichen Geschickes bewußt ist. Als die Liebenden ihn unter seinem Bogen aufstören: ah! meine Herren, das ist der entscheidende Augenblick, in dem die Tragik des Stückes und auch des Lebens sich enthüllt. Ich darf sagen, daß ich die wichtigste Figur der Oper darstelle. Drum habe ich es auch abgelehnt, vorher und nachher noch den Schenkwirt zu spielen. Mag es ohne Schenkwirt gehen: ich werde dem Bettler all meine Kunst und die ganze Kraft meiner Empfindung geben. Sie werden mich bewundern! Was sage ich: weinen werden Sie!«

»Teufel.«

»Wozu rede ich! Ich will es Ihnen lieber vormachen.«

Der Cavaliere Giordano legte sich unter den Bogen, an den Fuß der Stufen, die hinabführten. Unsichtbar rief er:

»Gaddi, das Stichwort!«

»Unser Schlafgemach! Erkennst du es, Geliebter?«

Und der Alte, auffahrend wie aus einer Attrappe:

»Ich bin früher gekommen.«

»So werden wir weiter suchen«, sagte Gaddi ehern.

»Unnötig«, -- und der Cavaliere Giordano stieg lang und klapprig aus der Dunkelheit. Mit Gespensterstimme trällerte er:

»-- da ich sehe, daß ihr Liebende seid. Als ich jung war, wie ihr, hatte ichs weicher, und Michelina, mein Weib, mit mir. Sie ist tot, mir blieb dieser Stein. Seid ihr glücklich, wird er euch weich sein.«

Dabei hüpfte der alte Sänger aus dem Bogen hervor: hüpfte auf einem Fuß schief zur Seite, -- und von den halb erhobenen Armen schwankten ihm die Hälften des Mantels wie gebrochene Flügel.

»Hahaha!« machte Polli. Der Advokat erstickte insgeheim, indes der kleine Herr Giocondi sich schallend die fetten Schenkelchen klatschte.

»Ist das komisch! Gut, daß etwas zum Lachen dazwischen kommt. Man will das.«

Der Cavaliere Giordano war zurückgewichen; die Hand hatte er an der Stirn.

»Wie? Sie lachen? Aber das ist --!«

Er schluckte hinunter und kam näher.

»Wenn Sie denn lachen --. Ich werde sehen. Es wirkt also auf Sie?«

Er ging, den Kopf gesenkt, umher.

»Vielleicht kann man es auch so auffassen? . . . Sollen Sie also lachen!«

* * * * *

»Daß der Tenor etwas hat,« sagte der junge Savezzo, die Brauen zusammengezogen, »das werden Sie uns nicht ausreden.«

»Was soll er haben?« erwiderte Gaddi; aber Nello beunruhigte ihn. In seinem Lauf den Vorhang entlang, war er plötzlich stehen geblieben, das Ohr geneigt, als unternähme er, aus der Wirrnis von Stimmen dort draußen eine einzige zu erhorchen, und mit einem solchen Ausdruck der Entferntheit im Gesicht, daß der Bariton einen raschen Schritt machte, um ihn zu rütteln.

»Es war ihre Stimme!« dachte Nello. »Sie ist nicht in der Loge, und dennoch habe ich dorther, ja dorther ihre Stimme gehört. Ist sie denn tot? Spricht denn ihr Geist zu mir, wie der Geist jener Äbtissin in Parma? Mein Gott, es ist die dritte Loge rechts: dieselbe Loge! . . . Welcher Wahnsinn! Die Märchen des Cavaliere Giordano wiederholen sich nicht, und Alba ist mir ferner, als wäre sie vor hundert Jahren gestorben.«

Er wandte den Kopf und sah, fieberhaft klagend, in das Gesicht des Freundes.

»Sieben Tage der Angst«, murmelte er. »Wie man hoffen kann! Es ist lächerlich. Immer zitternd in ihrer Nähe, nie sie sehen, -- und im Herzen wissen, daß der Abend bevorsteht, an dem sie mir erscheint: mir, der ich ihr dort hinauf alles, alles --«

»Still, Nello!«

»Und nun ists aus? Kann sie nicht noch kommen?«

»Schweig! Man hört uns . . . Er fragte nach der dritten Loge im ersten Rang rechts«, rief Gaddi den andern entgegen. »Warum steht sie leer im ausverkauften Haus? Ich muß sagen, daß auch mich --«

»Das ist ja die Loge der Familie Nardini«, erklärte Polli.

»Aber --« machte der Advokat von fern.

Nello wandte sich, die Finger ineinander geschlungen, dem Tabakhändler zu.

»Ist das wahr?« fragte er.

»Eh! Beim Bacchus!«

Da faßte, zwischen seinen gesträubten Brauen, der junge Savezzo den Tenor ins Auge. Seine pockennarbige Nase hüpfte frohlockend ein wenig auf, und er sagte:

»Ich glaube nicht. Der alte Nardini ist bei seiner Weigerung geblieben. Man hat jene Loge ihm zugeschrieben, dem Mittelstand gegenüber, der sie beanspruchte --«

»-- und dem man sie hoffentlich nicht geben wird«, setzte der Herr Giocondi hinzu.

»Ich habe für das Volk gearbeitet, aber wie dankt mir das Volk?« fragte der Advokat, indes Nello sich an die Stirn griff.

»Soviel ist sicher, die Familie Nardini kommt nicht«, sagte der Savezzo noch, -- da sah man den jungen Sänger schwanken. Gaddi griff zu, aber Nello lag schon mit geschlossenen Augen am Boden. Alle waren zurückgesprungen, nur Gaddi beugte sich über ihn. Als sie dann herandrängten: »Was hat er?« -- schnellte der Bariton wütend auf.

»Man darf wohl nervös sein, hoffe ich. Ich selbst bin abergläubisch, und jene einzige leere Loge gefällt mir nicht.«

»Ja,« sagte Savezzo und sah mit breitbeinigem Hohn auf Nello nieder, »sie sind zarter Natur, die Künstler.«

»Man sollte einen Arzt holen«, verlangte der Cavaliere Giordano.

»Aber es ist nichts«, behauptete der Apotheker.

»Man weiß nicht«, meinte der Advokat. »Auch ich habe einmal --«

»Einen Arzt!« rief Polli, umherfuchtelnd, unter die Arbeiter, die gafften. Laufend erschien der Kapellmeister.

»Was ist geschehen?« -- und er war tief erbleicht.

»Gar nichts«, sagte Gaddi und rüttelte Nello. »Bringen Sie Wasser, Dorlenghi!«

Der Kapellmeister griff sich in die Taschen. Plötzlich warf er sich neben dem Ohnmächtigen auf die Knie.

»Wird er singen können? Sagen Sie nur das eine!«

Er sprang wieder auf.

»Mein Gott, ich bin verloren!«

Der Herr Giocondi stieß den Apotheker in die Seite; dem Advokaten blinzelte er zu.

»Übrigens, Maestro,« äußerte er, »hat auch die Primadonna sich geweigert, weiterzusingen. Sie schien sehr unzufrieden, wie, ihr Herren?«

Der Kapellmeister blieb stumm, und der Advokat fand es nötig, mit ausgebreiteten Armen hinter ihn zu treten. Aber der Kapellmeister fiel nicht um, er lachte laut auf und begann mit einer Stimme, die man an ihm nicht kannte, zu schreien:

»Wußte ichs nicht? Wußte ichs nicht?«

Gaddi richtete sich von Nellos Schläfen auf, die er rieb. »Werden Sie nicht schweigen? Merken Sie nicht, daß man sich über Sie lustig macht? Auch dieser hier hat schon die Augen geöffnet!«

»Gleichviel«, machte der Advokat. »Wer, wie ich, außergewöhnlichen Gemütsbewegungen unterworfen ist, wird ihre Folgen nicht leicht nehmen. Wie fühlen Sie sich, mein Freund?«

»Einen Arzt«, rief der Tabakhändler hinter den Kulissen. Er war falsch gelaufen und stand unversehens vor seinem Sohn Olindo, der die große gelbhaarige Choristin unter den Achseln hielt und sie mit angstvollem Entzücken preßte. Einen Augenblick blieb der Vater, so sehr er mit den Armen vorwärts ruderte, am selben Fleck, als seien ihm die Füße eingesunken. Dann tat er einen Satz.

»Wie? Du bemerkst mich und läßt sie nicht einmal los? Ich will doch sehen, ob ich noch dein Vater bin!«

Und seine Hand klatschte rechts und links in Olindos Gesicht, das maßlose Enttäuschung malte.

»Ich liebe sie so sehr«, stieß er, wirr jammernd, aus. »Ich will sie heiraten.«

»Und du wagst es mir zu sagen! Welch ein Typus!«

»Aber warum schlagen Sie ihn?« fragte das Mädchen. »Was ist Schlimmes dabei? Geben Sie mir lieber eine Zigarette!«

»Fort! Beine!« -- und Polli hob sich auf den Zehen, um den jungen Menschen zu wenden und ihm den Fuß in das Gesäß zu setzen. Als er ihn abgeschnellt hatte:

»Ich verbiete Ihnen, mein Fräulein --«

»Du bist doch nur eifersüchtig, mein Alterchen«, sagte sie und griff ihm unter das Kinn. »Aber ich liebe noch immer nur dich.«

»Hoffen wirs! Du darfst übrigens nicht wieder in den Laden rufen. Wehe, wenn meine Frau drinnen gewesen wäre . . . Auf morgen um drei! -- aber wenn du mir den Jungen nicht in Ruhe läßt, sind wir keine Freunde mehr.«

»Das wäre schrecklich«, rief sie ihm nach. »Und die Zigarette?«

»Unglücklicher, was tust du noch hier?«

Denn Olindo saß auf einem Versatzstück und weinte.

»Anstatt ein Menschenleben zu retten, indem er einen Arzt holt, jammert dieser Unglückliche um eine Komödiantin! Eine Frau ohne einen Heller, die dir niemals treu sein würde!«

»O ja! das wäre sie!«

»Ah! Und der Advokat? Und der Baron? Frage sie einmal nach den beiden!«

»Das ist nicht wahr!« -- und Olindo sprang auf, den Blick voll blinden Opfermutes. Der Vater lehnte sich zurück; er setzte sich den Finger auf die fette Brust und lächelte breit.

»Dann frage sie also nach mir!«

Darauf ließ Olindo, rot bis in die roten Haare, die Lider sinken und knickte ein. Polli klopfte ihn auf die Schulter.

»Da du hier so gut Bescheid weißt, zeige mir, wo es hinaus geht!«

* * * * *

Durch die kleine Tür unter der Bühne gelangten sie ins Orchester, das leer war. Nur Nina Zampieri und der junge Mandolini saßen ineinander versunken bei der Harfe, und der alte kleine Beamte Dotti schnarchte mit seiner Klarinette unter dem Arm. Im Parterre erklärte der Tabakhändler jedem:

»Wir brauchen einen Arzt, auf der Bühne ist einem etwas zugestoßen.«

Aber niemand verstand ihn in dem allgemeinen Gelächter, das Galileo Belotti entfesselte. Er stand vor einem ganz kleinen Menschen, der beim Eingang unter der Loge der Familie Giocondi an der Wand lehnte.

»Sie sind ja bucklig«, sagte Galileo mit erhobenen Brauen.

Der Kleine schrak auf.

»Was wollen Sie? Ich kenne Sie nicht.«

»Ich aber habe sogleich erkannt, daß Sie bucklig sind« -- und Galileo hielt unerbittlich den Finger auf ihn gerichtet.

»Wenn Sie mich nicht in Ruhe lassen, werfe ich Ihnen das Glas an den Kopf«, schrie der Krüppel schrill, und seine Hand, die zitterte, verschüttete die Hälfte des Wassers.

»Vielleicht werden Sie mir das Glas an den Kopf werfen,« antwortete Galileo, »darum sind Sie aber immer noch bucklig.«

»Wie viel Witz er hat!« sagten die Pächter und drängten herzu.

»Aber ich rufe die Carabinieri herein!« kreischte der Verwachsene.

»Rufen Sie die Carabinieri! Das hilft Ihnen jedoch nichts: Sie bleiben bucklig« -- und Galileo pflanzte sich fester auf. Der dicke Zecchini und seine Zechbrüder brüllten. Von draußen eilten die Leute herein, um mitzulachen.

»Ich werde Sie verklagen! Sie kommen ins Gefängnis! Was! Ich bringe Sie um!«

Das lange Gesicht des Zwerges war grün. Mit seinem Höcker schlug er taumelnd gegen die Wand; das Glas entfiel seinen Händen, die sich krampften, und auf die Lippen trat ihm Schaum.

»Wenn Sie auch alles tun, was Sie sagen,« erklärte ihm Galileo, »bucklig sind Sie, und bucklig bleiben Sie.«

Unerschüttert sah er ringsum, während sein Opfer sich am Boden wälzte. Der Barbier Bonometti und der Schneider Coccola waren mit dem Ausgang nicht zufrieden; sie nahmen den Menschen, der um sich schlug, und trugen ihn hinaus.

Vor der Tür standen große Gruppen. Am Rande der Terrasse, in der lauen dunklen Luft unter den Steineichen duckten Mädchen, die sich in Ketten umherschwenkten, den Nacken bei den Scherzen der Burschen. Mütter und Kinder umringten im Lampenschein am Palast den Eiskarren. Hier und da stieg eine Tenorstimme auf, mit zwei Takten aus dem Gebet der »Tonietta«, mit den ernst und selig schwebenden Tönen des Duetts: »Sieh Geliebter, unser umblühtes Haus . . .« »Welche Musik!« sagte einer der jungen Leute in großen Hüten und bunten Halstüchern. »Es geschieht viel Trauriges in dem Stück, und dennoch, wenn man die Musik hört, scheint es einem, daß es keine Unglücklichen mehr auf der Welt gibt.«

»Trotzdem bringen sie dort einen«, sagte ein anderer; und alle zusammen:

»Kennt niemand ihn? Was ist ihm passiert? . . . Das ist ja der Schreiber des Notars in Spello. Ich war für meinen Herrn bei seinem . . . Wie soll er in seinem Zustand die drei Stunden zurückgehen? Hat er Geld, um zu übernachten? Gleichwohl, Gevatter Felipe, müßt Ihr ihn bei Euch aufnehmen.«

Der Wirt »zu den Verlobten« weigerte sich. Bei so vielen Fremden, an einem solchen Tage! Jedes Bett sei drei Lire wert.

»So gebe ich eine!« sagte der junge Mann. »Und ich bin ein Arbeiter, der zwei Lire fünfundsiebzig am Tag verdient.«

Er schlug sich auf die Brust und sah umher.

»Auch ich gebe eine.«

»Auch ich.«

Sie luden sich den Kranken auf die Schultern und liefen mit ihm die Treppengasse hinunter. Aus dem Theater scholl noch immer Gelächter. Die Frauen in den Logen wollten sehen, was geschehen ist. Die beiden Fräulein Giocondi gackerten durchdringend; ihr Vater sagte ihnen:

»Dieser Galileo! Sein Bruder, der Advokat, ist eine Persönlichkeit, aber auch er hat großes Talent.«

Galileo kugelte, die weißen Brauen emporgezogen, inmitten seines Erfolges umher und polterte.

»Pappappapp, man wird sich wohl einen Spaß machen dürfen! Und du, Polli,« sagte er zu dem Tabakhändler, der sich die Seiten hielt, »du wolltest einen Arzt? Für den Tenor? Nun, da schickt man den Ranucci, und inzwischen macht man seiner Frau den Hof. Ihr werdet noch ganz anders lachen.«

»Doktor!« rief er in die erste Parterreloge rechts, »auf der Bühne stirbt jemand. Rasch! Sie müssen hin.«

»Ich kann nicht«, rief der Doktor zurück und stellte sich vor seine Frau. »Sagen Sie es dem Kollegen Capitani!«

»Er ist nicht da. Wenn Sie nicht gehen, ist ein Mensch dahin, was Deixel!«

Galileo schrie so sehr, daß es ringsum still ward. Alle sahen in die Loge des Arztes, der die Arme ausbreitete und leise tanzte. Sein massiger Körper war ihm nicht groß und breit genug, um die kleine demütige Frau vor allen diesen Augen zu verdecken.

»Sie sollten gehen,« sagte neben ihm Mama Paradisi, »es scheint ernst.«

Drüben sah er Frau Salvatori einen mißbilligenden Blick mit Frau Malandrini wechseln. Die alte Frau Mandolini schlug mit dem Fächer hart auf die Brüstung ihrer Loge, und von der Galerie rief es:

»Laßt ihn! Er ist kein Arzt für die Lebenden, er ist einer für die Toten.«