Part 12
Und da ward gezischt. Der Piero verschwand. Die jungen Leute im Parterre klatschten, um ihn zu rächen. Die Logen entrüsteten sich. Ein Kampf der Zungen und der Hände durchwogte das Haus. Frau Camuzzi hielt das Tuch vor und zischte. Bei jedem Zischlaut richtete sie sich steil auf, und ihr kleines gedrücktes Gesicht hatte funkelnde Augen.
Der Kapellmeister dirigierte immer weiter, und er lächelte dabei voll tiefen Hohnes.
»Wir wollen die Tonietta hören!« rief es von der Galerie; -- und da merkten die meisten erst, daß sie sang. Sie kniete vor dem Madonnenbild am Hause, mit einer Schulter nach dem Saal.
»Das ist ja das Gebet!« rief der alte Giocondi. »Still doch.«
Nun verstand man sie, und daß sie, indes ein Mondstrahl aus Bäumen hervor auf ihrem offenen Haar zerstäubte, den Himmel um Erhaltung ihres Glückes bat. Der Lärm sank von ihrer Stimme zurück, wie die fleischliche Hülle von einer Seele, und sie stieg auf. Das Volk sah, die Münder halb offen, weich glänzenden Auges ihrem Fluge nach. »O Gott!« seufzte da und dort eine Frau. Nachher hängten sie sich über die Galerie und langten mit den klatschenden Händen recht tief hinunter, damit sie näher dem kleinen Geschöpf wären, das sich dort unten verneigte. Auf den ersten Laut des Beifalls hatte sie sich von den Knien erhoben, lässig, wie ermüdet von ihrem Aufschwung und noch gleichgültig gegen das Irdische.
»Welche Stimme! Noch einmal!«
»Erst jetzt sieht man, daß sie schön ist! Ihr Haar glänzt wie ein goldenes Fell. Noch einmal!«
Mit jedem Schritt ward sie wacher und rascher. Jetzt war sie vorn und grüßte mit kalter Geschmeidigkeit, zuerst die Galerie, dann den Saal und dann die Logen. Ihr Lächeln hatte etwas Ungreifbares; es gehörte allen und keinem. Manchmal setzte es aus, und ein strenger Blick fiel auf den Kapellmeister.
»Noch einmal! Noch einmal!«
Er schlug unbeirrt Takt. Diesmal sollten sie ihn nicht zu Fall bringen! Mochten sie lärmen!
»Und wenn von dem ganzen Akt niemand mehr einen Ton hört: ich lasse ihn zu Ende spielen.«
Er sah die Primadonna überlegen an, er merkte nicht, wie sie, inmitten ihres Umherlächelns, aufstampfte. Plötzlich lief sie -- und abgewendet stieß sie die Hand nach dem Platz des Dirigenten -- zum Hause zurück und kniete hin.
»Brava! Da seht ihrs, daß sie von vorn anfängt!«
Statt dessen erschien der Piero, sie erblickten einander und gingen sich, von Mondschein getroffen, entgegen. Droben heulte es auf:
»Noch einmal! Noch einmal!«
»Morgen noch einmal!« rief Galileo Belotti, und das brachte sie vollends auf.
Die beiden standen, die Arme schwach erhoben, voreinander. Man sah ihre geöffneten Münder und hörte nichts.
»Von vorn! Die Tonietta!«
Die Primadonna führte ihren hellen Blick über das Publikum, senkte ihn verächtlich auf den Kapellmeister und hob, immer singend, die Schultern. Auch der Tenor hob sie, und er hielt der Menge beteuernd seine flache Hand hin. Dem Kapellmeister war es kalt geworden. Er sah nicht mehr vom Pult auf. Die Einsamkeit um ihn her ward tödlich. Einen Augenblick schien ihm, als habe ihn sogar sein Orchester verlassen und schweige. Auf der Flucht vor der Meute dahinten war er an den Rand eines Abgrundes gelangt. Ermüdeten sie und blieben zurück? . . . Also gut! Er war im Begriff gewesen, die Hand fallen zu lassen, sich zu ergeben. Mit der Linken wischte er sich die Stirn.
»Man hört nichts! Buffonen! Auch wir haben bezahlt!«
»Ruhe! jetzt kommt ja das Schönste!« rief die joviale Stimme des Herrn Giocondi. Von droben kamen die der Mägde:
»Achtung auf die Harfe der Nina!«
Und um ihretwillen ward es still. Frau Zampieri in der ersten Parkettreihe beugte sich vor, um verklärten Gesichtes durch die Saiten der Harfe zu spähen. Dahinter saß, weiß wie eine Blüte, ihr Kind und machte, daß alle schwiegen. »Wir konnten keinen Puder kaufen, aber dennoch sind ihre Arme sehr weiß.« Alle schwiegen; nur noch ganz leise Violinen umhauchten Ninas Töne, die wie Mondstrahlen dahinzogen und zergingen. Endete sie, dann war gewiß auch von der Bühne droben der Mondschein gelöscht und Tonietta und Piero waren stumm. Frau Zampieri zog in ihrem grau gewordenen schwarzen Kleid die Schultern nach vorn, aus Furcht, diese Klänge möchten enden.
»Wenn Luciano endgültig die Hilfslehrerstelle bekommt, haben wir fast schon zu essen . . . Wird der junge Mandolini Ernst machen? Er blickt über seine Geige hinweg immer auf Nina. Spiele weiter, Ninetta!«
»Siehst du,« sagte nebenan Lauretta zu Theo, »ich wußte, daß diese Tonietta ein anständiges Mädchen sei und keine --. Jetzt glaubt auch er ihrs, wie es scheint, und sie zeigen sich durch das Fenster ihr Bett mit den Blumen. Wie das rührend ist!«
»Aber sie wollen sterben.«
»Das sagt er; die Männer sagen das oft; und man glaubt es ihnen, solange man noch wenig Erfahrung hat.«
Mama Paradisi neigte sich, von ihren Töchtern ungesehen, über die Wand der Nachbarloge, und sie seufzte.
»Die Tonietta hat recht: das beste ist, sich auch im Unglück lieben.«
Der Kaufmann Mancafede nickte -- in der Hoffnung, seine Kommis würden es nicht bemerken.
Rosina Giocondi wandte sich ab. »Wie viele Lügen! Und wenn sie nicht das Haus als Mitgift hätte? Sie tut wohl, ihn daran zu erinnern: Sieh, Geliebter, unser umblühtes Haus!« Ein Flüstern ging um.
»Ah! Da ist es. Ich warte schon längst darauf . . . Still doch, Elenuccia, etwas Schöneres wirst du niemals hören . . . Eine Minute, Signora: dies Duett ist das berühmteste Stück in der ganzen Oper . . . Ah! Ah! Was ist denn das? Sind dies noch Menschenstimmen? Singen nicht auch die Bäume? Singt nicht der Mond? . . . Diese Musik ist aus Seide!«
Der alte Literat Ortensi sagte zu seiner Freundin, der alten Frau Mandolini:
»Dieses Stück ist gut, denn es macht, daß mir Ideen kommen. Ich sehe zu wenig, um die Bühne zu unterscheiden; aber in diesen Klängen erweitert sie sich mir zu einem Lande unendlicher Liebe. Ein ganzes Volk hält sich umschlungen und verbrüdert sich. Es hat gütigere, geistigere Gesichter, als sonst Menschen haben. O! nun öffnet es sich, und hervor tritt ein Engel . . . Planten wir nicht solches, Beatrice, als wir jung waren?«
»Aber wir hatten es ja!« erwiderte die Alte. »Noch immer haben wirs, Orlando!«
»Kein Vergleich mit unserem Phonographen«, sagte der Tabakhändler Polli zu seiner Frau. »Bei uns singen Tamagno und die Berlendi; was sind daneben diese armen jungen Leute?«
Ihr Sohn Olindo dachte ganz still unter seinem roten Schopf:
»So viel Liebe! Gibt es das? Wie muß man sein, was muß man tun?«
»O Rina!« flüsterte auf der Galerie der Geselle des Schlossers Fantapiè; »wenn du mich nicht liebst, werde ich mich töten.«
»Woran hast du jetzt gedacht, Klothilde?« -- und der Doktor Ranucci stellte sich mit ausgebreiteten Armen vor seine Gattin. »Ich sehe dir an, du denkst an den Tenor. O, wären wir nie hergekommen!«
Ihre blassen Augen glitten ab; sie hob schüchtern die Schultern.
»Bravi! Noch einmal!«
Das Parkett war auf den Füßen. Über die beiden Fräulein Pernici hinweg, die weinten, sagte der Leutnant Cantinelli, außer sich, zu Mama Farinaggi, der Hausfrau aus der Via Tripoli:
»Das ist geradezu göttlich!«
»Wie? Wir haben es gehört!« -- und die jungen Leute hinten, mit den großen Hüten und den bunten Halstüchern, schüttelten die Hände der Bauern um Galileo Belotti. Er schalt:
»Was denn noch einmal? Morgen noch einmal!«
Aber niemand achtete auf den andern. Der Advokat Belotti keuchte vom Freund Acquistapace zur Schwester Artemisia.
»Habe ich euch nicht gesagt, dies sei das Schönste? Und ich bin der erste gewesen, der es gehört hat: schon auf der Probe! . . . Signora,« und er dienerte über die Scheidewand zur Frau Mandolini, »ich hätte Ihnen den Erfolg dieses Duettes vorhersagen können, denn ohne mich rühmen zu wollen --«
Sie hörte ihm nicht zu, und der Advokat sah sich sehnsüchtig nach seinem Feinde Camuzzi um. Die Loge, worin nun die alte Mandolini saß, hatte er doch den Camuzzi vorbehalten! Was war denn geschehen? Warum fand er nicht neben sich den Camuzzi, der gewiß alles für schlecht erklärte?
»Ein schöner Schwindel, der Komödiant mit seiner Liebe! Ich kenne sie!« dachte Frau Camuzzi. Und Frau Zampieri:
»Das alles tut Nina, meine Ninetta!«
»Heraus! Noch einmal!«
Und die beiden traten, noch immer die Arme umeinander, wieder aus dem Hause. Der Kapellmeister hatte schon abgeklopft. »Wie sie wollen! Dann verbringen wir hier also die Nacht. Ich werde ganz sicher keinen Versuch mehr machen, es zu hindern.« Er befragte die Sänger mit dem Blick und ließ sogleich wieder anfangen. Diesmal blieb der Saal ohne Laut. Nachher vergaßen viele zu klatschen; sie schüttelten die Köpfe. »Es war noch schöner. Man würde es nicht glauben.«
* * * * *
Die Primadonna und der Tenor verneigten sich, jeder nach seiner Seite, und in der Mitte gaben die Hände, an denen sie sich hielten, einander manchmal einen Ruck, als leitete einer auf den andern den ganzen Beifall ab. Dann verschwanden sie, umarmt, im Hause. In der Klubloge ward gelacht.
»Zur Tür!«
Die Bühne stand leer, und das Orchester spielte.
»Das einzige Mittel,« erklärte der Unterpräfekt hinter der vorgehaltenen Hand dem Steuerpächter, »um anzudeuten, was jetzt drinnen vor sich geht.«
In der Klubloge überlegte der junge Savezzo:
»Von der Harfe geht die Melodie auf das Cello über: da wirkt sie schon weniger platonisch, -- und so weiter bis zur Pauke. Ich verstehe. Auch ich werde eine Oper schreiben.«
»Sst!« machte der Advokat Belotti angstvoll, denn seine Schwester schluchzte so laut, daß es bald durch alle Musik zu hören sein mußte. Sie brachte hervor:
»Wenn Pastecaldi den Wein nur etwas weniger gern gehabt hätte, er lebte noch!«
Drüben sann Jole Capitani weich:
»Armer Advokat! Dennoch liebt er, scheint es, nur mich.«
Die junge Salvatori traf in der Klubloge die Augen des jungen Serafini und ließ die ihren rasch in den Schoß fallen; Rosina Giocondi begegnete nebenan denen des Olindo Polli, und plötzlich zuckte ihr etwas zum Herzen, erschreckend, wie Hoffnung, die den schon verlernten Weg wiederfindet; -- indes der Schustergeselle Dante Marinelli den Arm um sein Mädchen wand, das den ihren auf die Galerie stützte, und ihr in das staubige Haar sprach.
»Ich kenne doch diese Musik, Cölestina! Hast du sie mir nicht vorgesungen?«
Die große Raffaella wendete ihre spöttische Miene langsam durch den erhitzten Saal.
Im Stehparterre schüttelten der Barbier Bonometti und der Schneider Coccola die Köpfe.
»Wie machen sies nur? Der Nonoggi und der Chiaralunzi können nur wenig spielen, wie jeder weiß.«
»Was denn! Gar nichts können sie«, behauptete Galileo Belotti.
»Und dennoch klingt es gut. Man sollte glauben, daß auch wir, wenn wir statt ihrer --. Es ist eine Ehre für den Stand. Gut, Chiaralunzi! Gut, Nonoggi!«
Auf den vordersten Sitzplätzen sagte Frau Nonoggi zu Frau Chiaralunzi:
»Hört Ihr Nonoggi? Euren Mann sieht man von Zeit zu Zeit die Backen aufblasen, als ob etwas besonderes los wäre, aber dann lärmen auch die andern; den meinen dagegen hört man immer heraus, und er schneidet lustige Gesichter dabei, als ob er einen rasierte. Er ist die wichtigste Person hier, könnt Ihr mir glauben.«
Die Frau des Schneiders sagte, still lächelnd:
»Wenn mein Mann einmal tüchtig loslegen wollte --«
Die Frau des Baritons Gaddi, in der dritten Reihe, prüfte schon längst die Frau des Schuhmachers Malagodi von der Seite, sah weg, rückte umher und machte sich wieder heran. Endlich wagte sie:
»Jetzt kommt die Hauptsache: gleich tritt mein Mann auf. Er wird ein Graf sein, die höchste Person im Stück, und wenn er dazukommt, wird die Handlung tragisch. Er hat eine Stimme wie keiner.«
Frau Malagodi blinzelte sie verständnislos an, aber die Gattin des Sängers vollendete:
»Daß jetzt die Musik so böse wird, das kommt, weil er hinter der Kulisse steht. Ich weiß es.«
Mama Farinaggi wendete sich um, feuchte Rinnsel in ihrer Schminke.
»Soll er doch wieder fortgehen! Noch ist er nicht da, und schon sieht man den Mond nicht mehr, der so poetisch war. Gewiß werden seinetwegen die armen jungen Leute, die sich doch so sehr lieben, noch Unannehmlichkeiten haben. Das gefällt mir nicht.«
Sie schrak zusammen, denn es ward heftig mit der Peitsche geknallt. Eine eherne Stimme rief nach Piero, gespornte Stiefel stampften auf, und ein strammer Bauch in einer roten Weste ward sichtbar.
»Bravo Maestro!« riefen die jungen Leute dahinten. »Noch einmal das Orchester!«
»Was denn!« antwortete es. »Wir wollen sehen, was kommt.«
»Wie der da schmutzig ist! Ist das ein Herr? Es wird ein Fuhrmann sein.«
»Aber er hat ein Stück Glas im Auge und einen gelben Bart, also ist er ein Herr.«
»Welche Fäuste! Welche Stimme! Was für ein Messer! Der arme Piero! Gerade kommt er aus den Armen seiner Tonietta, und jetzt hat ers mit jenem zu tun. Verdammt, der schlägt auf den Tisch, er will Wein.«
»Er ist betrunken. Und dann spricht er davon, daß er in der Hauptstadt seine Käse verkauft hat. Ein schöner Herr!«
»Erkennt ihr ihn denn nicht? Gerade so sieht der Conte Fossoneri in Calto aus. Wenn man recht hinsieht, hat auch der Baron Torroni --«
»Aber die Stimme des Piero ist immer über seiner, er mag schreien, wie er will. Der Piero wird ihn besiegen. Fest, Piero!«
»Er sagt, er habe ein Recht auf unsere Weiber? Er sei der Herr? Ein Hund bist du! Pfeift! Pfeift doch!«
»Glaube ihm nicht, Piero! Er ist nichts als ein Prahlhans, wir Frauen merken das gleich, und nie hat er die Tonietta gehabt.«
»Nieder mit ihm!«
»Die Sachen gehen schlecht, du verlierst den Kopf, Piero. Ach! da rennt er ins Haus und wird ihr etwas antun. Wie die Männer dumm sind!«
»Und warum klatschen sie? Weil der da gut gesungen hat? Aber solche Sachen singt man nicht, zum Teufel!«
»Sollte man nicht ein Ende mit ihm machen, bevor es zu spät ist?«
»Ach! welch Unglück. Der Piero zerrt die Tonietta aus dem Hause. Er ist von Sinnen! Ja, natürlich bist du sein Weib, er dürfte das nicht tun! Knie nur vor die Madonna hin: auch sie ist eine Frau, und sie wird dir deine Unschuld bezeugen. Wir alle werden es . . . Ach! es ist umsonst, schon reißt er sie den Hügel hinab, in der Dorfgasse laufen schon die Leute zusammen, und der alte Geronimo steht in seiner Tür. Lauf zu ihm, Tonietta, er ist dein Vater! . . . Ist es möglich, er läßt dich nicht ein? Die Männer stecken alle zusammen, das ist es!«
»Wie sie ihn anfleht, wie sie sich bäumt! So sang man in unserer Jugend, Orlando. Ich habe Herzklopfen.«
»Bist du mir wirklich immer treu gewesen, Cölestina?«
»O Dante, schon wieder willst du mich quälen!«
»Welche Wirrnis! Seht ihr! Die Männer sind alle gegen sie, und die dummen Mädchen schwatzen es ihnen nach, die Tonietta habe es mit dem Grafen. Recht! da springt sie einer an die Kehle. Der großen Gelben! Recht, sie verdient es. Ach! die ist stärker; und nun die nächste. Tonietta, es nützt nichts, laß ab!«
»Sind die im Orchester verrückt geworden? Mich selbst macht es verrückt, ich muß schreien!«
»Ruhig dort oben! Zur Tür!«
»Endlich! Eine erbarmt sich ihrer, die kleinste. Arme Tonietta: ja, du sprichst wahr, sie ist eine arme Tonietta. Sieh, nun steht sie und weint. Seht ihr nun, daß sie nicht schlecht ist?«
»Ich habe nie etwas Böses von ihr geglaubt, Pomponia.«
»Ich auch nicht, Felicetta. Ich glaube nicht gleich jeden Klatsch. Ach! wie sie weint. Man muß mitweinen.«
»Sie geht fort, durch alle Leute dahin, die schweigen. Den Rock schlägt sie über den Kopf, wie zu einer weiten Reise, und geht doch auf bloßen Füßen, die arme Kleine.«
»Komm her zu uns! Hier wollen alle dir wohl!«
»Wie? Der Vorhang fällt? Aber wohin geht sie denn? Das muß man doch wissen!«
»Wir werden es erfahren. He, Corvi, deine Bogenlampe summt wie ein Schwarm Heuschrecken und geht doch nicht an.«
»Heraus! Alle heraus! Bravi! Bravo Maestro!«
»Aber hast du nicht gesehen, Malandrini, wie der Piero bereut hat? Er hatte das Gesicht in den Händen.«
»Wenn man einmal einen Verdacht hat, meine Liebe --«
»Es ist unrecht, einen Verdacht zu haben. Du siehst, daß man ihn bereut.«
»Eh!« machte der Tabakhändler Polli zu seinem Sohn Olindo, »solche Dinge kommen vor. Mit dem Leben ist nicht zu spaßen, merke dir das!«
Der alte Giocondi mischte sich ein.
»Ich weiß sogar, aus Rom, einen ganz ähnlichen Fall. Ein Bauer hatte --«
»Bravi! Bravo Maestro!«
»Kaffee, Gefrorenes, Limonade! Frisches Wasser mit Anis!«
»Rauchen wir draußen eine Zigarette?«
»Bravi!«
»Als Vorsitzender des Komitees habe ich die Pflicht, die Darsteller zu beglückwünschen«, sagte der Advokat Belotti. Der Apotheker zog rasch sein Holzbein hervor.
»Auch ich gehöre zum Komitee. Gehen wir! Denn es scheint, sie klatschen nicht mehr.«
* * * * *
Soeben schloß sich die Gardine im Vorhang zum fünftenmal hinter dem Kapellmeister und seinen Sängern. Flora Garlinda riß sogleich ihre Hand aus seiner.
»Danke,« -- und sie fauchte ihn an.
»Wofür?« fragte er, tief errötet und dennoch, aus Kopflosigkeit, noch immer mit dem Lächeln, das er den Zuschauern gezeigt hatte.
»Sie fragen?«
Die Primadonna setzte die Hände auf die Hüften und warf die Büste nach vorn. Über die entblößte Haut sah man rote Schauer laufen, das Gesicht war in die Länge gezogen von Haß und Wut.
»Ich weiß freilich, daß Sie nichts gelernt haben. Von guten Freunden, die Ihre Vergangenheit kennen, erfahre ich, daß Sie überhaupt kein Konservatorium besucht haben. Nicht wahr, Maestro?«
Er wich erbleicht zurück.
»Aber das könnten Sie trotzdem wissen, daß man bei einem Beifall wie dem meinen die Arie wiederholen läßt!«
»Wir haben das Duett wiederholt«, sagte er und zog an seinen Fingern.
»Stellen Sie sich nicht kindisch! Was habe ich davon, wenn ich mit einem andern teilen muß? Dem Nello werfe ich nichts vor.«
»Wie? Was soll ich?« fragte der junge Mann, ohne mit dem Auge das Loch im Vorhang loszulassen.
»Nichts . . . Er muß Ihnen sehr unschädlich vorkommen, da Sie seine Arie wiederholen lassen und meine nicht.«
»Aber auch mein Intermezzo habe ich nicht zum zweitenmal gespielt.«
»Weil niemand es hören wollte. Nochmals: danke. Ich habe Sie kennen gelernt, das ist viel wert. Jetzt ist es an Ihnen, mich kennen zu lernen.«
Sie flog davon. Die Tür ihrer Garderobe schlug krachend zu. Gaddi und der Cavaliere Giordano gingen, die Schultern hebend, an dem Kapellmeister vorüber.
»Schließlich hat sie recht . . . Man ist Künstler oder nicht . . . Sie konnten das voraussehen, Maestro.«
»Auch ich würde es mir nicht gefallen lassen«, sagte Italia mit großen Fächerschlägen. Der Kapellmeister warf die Arme empor.
»Aber keiner der Herrschaften läuft Gefahr, etwas wiederholen zu müssen!«
»Wenn Sie solche Meinung von uns haben, was tun wir hier?«
»Dieser Ausspruch war ein Fehler, Maestro« -- und Italia lachte verächtlich. Der alte Tenor erklärte:
»Ich habe mich noch geschont, das ist mein Recht, nicht wahr? Wer, wie ich, in jedem Akt eine andere Rolle zu singen hat --«
»Was ist dahinten für ein Lärm?«
Der Bariton eilte hin.
»Was sehe ich -- Herr Advokat?«
»Ich habe dem Herrn gesagt,« rief der Inspizient, »man betrete die Bühne nicht.«
»Aber ich bin der Vorsitzende des Komitees«, ächzte der Advokat und hob sich vom Boden auf. Er las die Fetzen seines Blumenstraußes zusammen.
»Das Fräulein Flora Garlinda muß sich in der Person geirrt haben«, bemerkte er.
»Oder sie ist gerade bei schlechter Laune«, meinte Gaddi. Der Apotheker nahm dem Freunde die Blumen ab.
»Ich habe dir gleich gesagt, Advokat, man sollte sie dem Fräulein Italia bringen.«
»Ah, meine Herren,« -- und der Unterpräfekt Herr Fiorio erschien mit dem Steuerpächter, »auch Sie bieten ohne Zweifel der Kunst Ihre Huldigung an. Kann man unsere Primadonna sehen?«
»Es wird ihr eine hohe Ehre sein«, erwiderte der Advokat mit einem Kratzfuß. »Nachdem sie soeben mich selbst so liebenswürdig --«
Da ging ihre Tür auf: die Sängerin streckte ein strahlendes Lächeln hervor.
»Herr Präfekt,« -- und sie knixte tief, »Eure Exzellenz möge meine Frisierjacke verzeihen. Ich bin stolz, Sie bei mir zu begrüßen. Herr Advokat --«
Sie reichte auch ihm die Hand mit dem Rücken nach oben, und er drückte eifrig den verlangten Kuß darauf.
»Ein Mißverständnis hat zwischen uns gewaltet. Sie begreifen die Aufregung einer Anfängerin. Auch werden Sie mir glauben, daß ich Ihr Lob nicht vermissen möchte . . . und auch Ihre Blumen nicht«, setzte sie mit einem schelmischen Blick hinzu.
Herr Fiorio war dabei, der Künstlerin seine volle Bewunderung auszudrücken.
»Aber -- sie haben ein wenig gelitten«, stotterte der Advokat. Sie streckte die Hand aus.
»Das macht nichts, sie kommen von einem Freunde«, -- und sie entriß dem Apotheker die Blumen.
»Wenn ich je Gelegenheit habe, der größten Sängerin zu nützen, deren Anfängen ich beiwohnen durfte --« sagte der Unterpräfekt.
»Ich bin belohnt durch Ihre Worte, mein Herr . . . Ich darf die Herren nicht bitten, es sich bequem zu machen: Sie sehen mich beim Umkleiden.«
Herr Fiorio verabschiedete sich. Der Advokat wollte gleich den anderen hinterdrein, aber beim Betreten der Bühne hielten zwei Arbeiter ihn auf; alles schrie, lief durcheinander und verwirrte ihn, und eine Kulisse, die hereingeschoben ward, wäre ihm fast gegen den Schädel gefahren. Flora Garlinda war plötzlich da und zog ihn rechtzeitig fort. Er hatte einen großen Schreck bekommen.
»Sie haben mir das Leben gerettet! Wie kann ich Ihnen danken!«
»Sie werden mich rächen, lieber Freund. Denn ich darf als sicher annehmen, daß Sie es sind, der den Bericht für die >Glocke des Volkes< schreibt. Sie werden also den Versuch des Maestro, mich zu unterdrücken, als die feige Tat kennzeichnen, die er ist.«
»Mit Vergnügen,« erwiderte er, »das heißt, um Ihnen gefällig zu sein. Aber freilich auch die Verdienste des Maestro dürften nicht --«
»Herr Advokat --«
Sie trat einen Schritt zurück.
»-- ich mute Ihnen nicht zu, gegen Ihre Überzeugung zu schreiben. Wenn Sie ihn loben, weiß ich, daß Sie seinen Haß gegen mich teilen. Wir haben uns in diesem Falle nichts mehr zu sagen.«
Da er bestürzt abwehrte:
»Oder irre ich mich? Stehe ich dennoch endlich einem Manne gegenüber, der nicht wie die anderen ist und der für die Wahrheit ein Opfer bringen kann? Sie werden vielleicht angefeindet werden; der Maestro ist ein Intrigant; wie ich erfahren habe und beweisen kann, gibt er sich für etwas anderes aus, als er ist, und hat nie ein Konservatorium besucht; -- und Sie sollten wirklich Ihren ganzen Lohn in dem Bewußtsein finden, daß Sie einer Frau Gerechtigkeit verschafft haben?«
Der Advokat warf sich in die Brust und preßte die Hände darauf.
»Meine bisherigen Erfahrungen verbieten mir, es zu glauben«, sagte die Primadonna und bewegte langsam das Gesicht hin und her, dessen verschämte Weichheit ihn bezauberte. Die blauen, verschleierten Augen waren die eines Kindes.
»Ich habe nichts als meine Kunst«, sagte sie mit einer Stimme, in der ihr Stolz wankte. Der Advokat haschte erschüttert nach ihrer kleinen Hand.
»Niemand weiß besser als ich, Fräulein Flora Garlinda, wie einem Manne zumut ist, der, nur auf den eigenen Wert gestützt, für eine große Sache gekämpft hat, um endlich durch unfaßbare Intrigen und den Wankelmut eines Volkes sich verlassen und in einem Augenblick der Ohnmacht zu sehen. Aber wirkliche Größe zeigt sich erst in einer Niederlage! Unsere Geschicke machen uns zu Verbündeten. Zählen Sie auf mich, Fräulein Flora Garlinda!«
Er bückte sich tief und hatte, zurücktretend, noch immer ihre Fingerspitzen an den Lippen. Als er sie nicht weiter mitnehmen konnte, ließ er sie los, und die Sängerin verschwand, den Kopf gesenkt, in ihrer Garderobe. Noch bevor der Advokat sich aufgerichtet hatte, stieß ihn schon wieder etwas von hinten. Er eroberte sein Gleichgewicht zurück und dachte: »Die Frauen! Sie geben uns große Handlungen ein, die ihren Lohn in sich tragen! . . . Aber, wer weiß --«
Und sein Gang ward schwänzelnd.
»Diese da wollte mir vielleicht noch etwas anderes anbieten?«
* * * * *