Die kleine Stadt: Roman

Part 11

Chapter 113,782 wordsPublic domain

In die Loge der Frau Mandolini beugte sich der blinde Kopf des alten Literaten Ortensi.

»Beatrice,« sagte er und kicherte, »man bringt den Priester zum Schweigen. Das erinnert an die guten Zeiten.«

»Wir sind noch am Leben, Orlando«, sagte die Alte, steif aufgerichtet, mit tiefer Stimme, und zwischen ihren weißen Haarrollen lachten in ihrem langen weißen Gesicht nur die schwarzen Augen.

»Nicht möglich!« rief nebenan der Tabakhändler Polli und lief hinaus. Die Haushälterin des alten Ortensi hängte sogleich ihre üppige Hand über die Logenwand, und als der junge Olindo Polli zitternd daran streifte, wendete sie ihm ein gebieterisch laszives Gesicht zu, vor dem ihm der Schweiß ausbrach. Die beiden Fräulein Giocondi sahen trotz der Wirrsal des Hauses alles, was vorging, und feindselig stießen sie einander an.

»Alle wie Papa«, sagte Cesira und wendete sich um. Hinter ihnen hielt ihre Mutter das schmutzig graue Haupt gesenkt und schlief wohl schon wieder.

»Mit solchen Weibern machen sie die Familien unglücklich, die Frau wird aussehen wie Mama, und wir verheiraten uns nicht.«

»Ich habe es satt, mich zu verheiraten«, sagte die entlobte Rosina. Da ging die Logentüre, und der alte Giocondi schwenkte seinen lustigen kleinen Bauch herein. Die Augen funkelten ihm.

»Alles geht gut«, rief er und machte mit der Hand einen freigebigen Bogen. »Sie holen Pipistrelli vom Glockenturm herunter. Ihr sollt Gefrorenes haben, und wollt ihr einen Marsala? Ah, Mädels, küßt mich, erst seit gestern habt ihr euren Papa zurück.«

»Ich wußte, du würdest kommen: Blut ist dicker als Wasser«, jubelte Cesira und wiegte sich in seinem Arm. Die entlobte Rosina, die er in ihrer Schande unbeachtet ließ, sah weg und dachte: »Da läßt die Gans sich streicheln und schreit! Als ob man davon eine Mitgift bekäme! Was die Versicherungsgesellschaft dem Papa gibt, dient ihm auf den Geschäftsreisen zu seinem Vergnügen; Mama und wir müssen uns mit Pensionären durchbringen; und hat man endlich einen kleinen Beamten zum Heiraten, dann reißt er nach dreijährigem Warten wieder aus, weil Papa nie etwas für die Einrichtung zurücklegt . . .«

»He, Zecchini, wie steht es?« rief ihr Vater ins Parterre. »Er läutet also immer noch?«

»Der Advokat fordert ihn gerade zum letztenmal auf: dann dringt die Macht in den Turm!« -- und der alte Schenkenheld stieß mit seinem Bauch alle beiseite, um wieder hinauszugelangen. Andere kehrten mit Botschaften zurück, die sie in die Logen riefen. Die Frommen hielten den Glockenturm umringt, aber der Advokat hatte sie in die Flucht getrieben! Die Nonnen, deren weiße Flügelhauben aus den Fenstern des Klosters sahen, hatte er gezwungen, sich zurückzuziehen, weil ihr Anblick zum Aufruhr reize! Von draußen kam Siegesgeschrei, dann das stille hastige Geraschel einer Menge, die zurückweicht, und wieder Lärm triumphierenden Volkes. Da stieg vom Parterre zur Galerie rauschend ein »Ah!«

»Es hat aufgehört! Bravo! Nieder mit den Priestern!«

Jemand rief:

»Es lebe der Advokat!«

»Was denn? Welcher Advokat?« -- und Galileo Belotti arbeitete sich ab mit Schultern und Armen. Im selben Augenblick ging das Läuten wieder an.

»Da habt ihrs!« schrie der Bruder. »Wenn ich euch doch sage, daß er ein Buffone ist, der Advokat! Pipistrelli wird ihm vom Turm herab etwas auf den Kopf --«

Er war nicht mehr zu hören, denn plötzlich brach draußen ein Geheul, Pfeifen und Gebrüll los, daß den Damen in den Logen der Atem stillstand. Frau Camuzzi bekreuzte sich.

»Don Taddeo hatte recht. Wenn es noch einmal gut ginge!« -- und der Kaufmann Mancafede schielte, ganz weiß, hinter sich nach seinen beiden Kommis, die vor Müdigkeit auf der Wand lagen.

»Das ist das Ende von allem. Man sollte das Volk nie entfesseln. Zuerst scheint es nur gegen die Priester zu gehen, und dann, gute Nacht, handelt sichs um unsere Logenplätze und unser Geld.«

»Mein Gott, wohin nun,« seufzte drüben die Witwe Pastecaldi, die vom Apotheker Acquistapace allein gelassen war; »wir Frauen sind hier geopfert.«

Die alte Mandolini sagte neben ihr, tief und ohne sich zu regen:

»Keine Furcht vor dem Volk haben, meine Liebe! Das Volk ist hochherzig. Als mein Mann in Cesena erschossen werden sollte, drängte ein Stoß des Volkes die Soldaten des Papstes auseinander, und in der Verwirrung nahm ein Gerber namens Sciaccaluga die Stelle des Verurteilten ein. Aus Furcht, noch einmal gestört zu werden, erschossen sie ihn sogleich und ohne näher hinzusehen; Mario aber entkam. Jenes Volk liebte ihn, weil er es geliebt hatte.«

»Was wollen sie nur?« fragte Rosina Giocondi und führte in ihrem Gesicht, das weich und durchsichtig wie Gelatine war, die blanken Kugelaugen über die Menge. Die Leute waren aufgesprungen, sie schrien durcheinander! Sie klatschten, zischten und brüllten die Zischer nieder! Was kam auf die Priester an, denen sie Tod wünschten? Wozu war der Advokat Belotti, den sie hoch leben ließen, denn nütz? »Weder der Belotti noch Don Taddeo werden mich heiraten, und Amadeo hat sich versetzen lassen.«

Man konnte sich überzeugen, daß die Glocken schwiegen: der Lärm legte sich. Denn vorn links stand der Advokat Belotti hinter der Brüstung seiner Loge; sein steifes Hemd war in Falten gebrochen, die Perücke saß ihm schief, und mit seinem braunen Strohhut gab er Zeichen, er wolle reden. Zuerst ließ das Herz, das in den Hals schlug, nur heisere Ansätze hinaus. Dann kam ein Ausspruch.

»Endlich können wir sagen, daß wir frei sind.«

»Bravo!« -- und der Advokat machte Kratzfüße vor Galerie, Parterre und Logen. Darauf fiel er dem alten Acquistapace in die Arme und keuchte:

»Ich bin glücklich, o Freund, aber es ist gleich, draußen ging es heiß zu. Deine Frau war eine der Gefährlichsten. Sie wollte hier eindringen, zum Glück hat Corvi die Logen verteidigt; ich werde ihm die Stelle bei der öffentlichen Wage verschaffen.«

»Der Advokat bringt den Don Taddeo zum Schweigen«, flüsterte die junge Amelia, mit ungleich geröteten Wangen.

»Es lebe der Advokat!« schrie die Galerie.

»Aber jenes Wort hat Garibaldi gesprochen«, sagte der Gemeindesekretär Camuzzi; und über ihm, in der Klubloge verlangte man ironisch die Hymne an Garibaldi. Darauf wollte der Apotheker Acquistapace sie im Ernst hören. In der Gewißheit, seine Frau werde nicht bis zu ihm vordringen, schrie er sich dunkelrot, und neben ihm klatschte die alte Mandolini. Jemand im Parterre zischte: es war der Bäcker Crepalini.

»Zur Tür!« rief die Galerie.

»Wie?« antwortete er und hielt sein Bulldoggengesicht hin. »Ich habe sechs Plätze bezahlt, die kosten mehr als eine Loge, und ich sollte nicht meine Meinung sagen?«

»Er hat recht, der Bäcker«, sagte droben der Schlosser Fantapiè zum Schlosser Scarpetta, und beide sahen sich drohend um.

»Ihr möchtet eine Tracht Prügel?« fragte ein Mann im Fuhrmannskittel sie und warf alle zur Seite, um heranzugelangen. Im Orchester schlug der Schneider Chiaralunzi mit seinem Horn gegen die Rampe.

»Die Hymne!«

»Sieh mal an!« sagte der Baron Torroni zu Frau Camuzzi. »Wir werden dem da nichts mehr zu tun geben.«

»Die Galerie wird einbrechen von dem Getrampel«, jammerte der Kaufmann Mancafede, »und uns auf die Köpfe fallen. Der Advokat war ein Narr mit seiner Hymne.«

»Das alles ist nicht gut«, -- und Frau Camuzzi drückte sich in den Schatten. »Was wird Don Taddeo sagen?«

Auch Raffaella, Theo und Lauretta hatten die Tücher vor den Mund gedrückt und betrachteten mit Angst und Mißbilligung die Wellen, die dort oben und dort hinten das Volk schlug.

»Was denn! Was für eine Hymne! Pappappapp!« machte Galileo Belotti immer wieder; und im Orchester ahmte der Barbier Nonoggi den Hahn nach. Plötzlich hatte ihn seine Frau am Kragen und schüttelte ihn.

»Auch du hast die Hymne verlangt, du Heide!«

Man lachte. Auf der Galerie klatschten Felicetta und Pomponia sich die Schenkel und kreischten. Frau Salvatori und Frau Malandrini streckten gleichzeitig den Fächer aus nach der Loge der Jole Capitani. Alle sahen hin, sogar die alte Mandolini nahm ihr Lorgnon.

»Der Advokat ist bei der Jole«, sagte man rundum. »Es ist also wahr . . . Wie entzückt sie ihn betrachtet! Sie hat den Kopf verloren, die Arme.«

»Signora,« sagte der Advokat, »ich bin gekommen, um die Huldigung, die dieses Volk mir darbringt, Ihnen zu Füßen zu legen.«

Sie rückte weich den Hals und schielte hinaus, voll Furcht und Begier, daß man sie sehe.

»Hätte ich nur ein Pflaster da«, sagte sie girrend, »für Ihren Finger, der blutet.«

Der Advokat hatte sein Stichwort, er trat vor.

»Mitbürger!« schrie er, und vor Anstrengung hob er sich auf die Fußspitzen; »der Kampf um die Freiheit hat auch bei uns wieder einmal Wunden gerissen: jetzt wird, wie ihr es verlangt, die Hymne erschallen, die den Helden der Freiheit begrüßte, sooft er --«

»Was denn! Welche Hymne!« keifte Galileo Belotti.

»Ich brauche keine Hymne!« rief der Bäcker Crepalini. »Ich brauche eine Loge, für sechs bezahlen und keine Loge!«

»Ihr habt gesprochen, ich kenne meine Pflicht«, schrie der Advokat.

»Nichts kennst du, Buffone!«

Der Advokat fuhr zusammen; auf einmal schien der ganze Saal der Meinung seines Bruders. Sie lachten, sie jubelten böse; da: ein Pfiff . . . Fahl, mit lautlos plappernden Lippen und eiligen kleinen Dienern, zog der Advokat sich zurück. Die Frau des Arztes sah ihm voll Grauen nach, bis er mit einem letzten Kratzfuß die Tür der Loge schloß.

»Was ist denn geschehen?« fragte er draußen und wischte sich die Stirn. »Was haben sie plötzlich? Soeben huldigten sie mir doch? Wer steckt dahinter? . . . Und die Jole, die ich schon zu haben meinte! O treuloses Glück!«

Er stieß, dahinschwankend, an die Wände des Ganges. Eine Tür konnte aufgehen, und man sah ihn in seiner Schwäche! Er hastete die Treppe hinab, wäre gern ins Freie geflüchtet, -- aber vor dem Theater wartete wieder nur übelwollende Neugier des Gefallenen! Auf den Zehen schlüpfte er in den linken Korridor, öffnete verstohlen seine Loge . . . Seine Schwester sagte eben zum Apotheker:

»Immer mit den Frauen, der Advokat! Wenn er Minister wäre, er würde nur immer alles tun, was sie wollen, und das wäre sein Unglück . . . Da ist er!«

Sie lächelte ihm mit schmollender Bewunderung entgegen.

»Da hast dus, Advokat! Natürlich haben sie sich geärgert, weil du bei einer schönen Frau warst. Ich habe dirs immer gesagt: die Frauen werden dir zum Verhängnis.«

Der Freund Acquistapace drückte ihm die Hand, aber der Advokat ließ sich ächzend auf das unbeleuchtete Ende der Bank nieder.

»Der Advokat bringt Don Taddeo zum Schweigen«, sagte es neben ihm verzückt, und seine Nichte Amelia himmelte ihn an. Er nickte ihr zu, wie man in schwerer Stunde auf ein sanftes Wasser hinabnickt, auf eine Blume, die zart duftet, auf irgendein harmloses Stück unbewußter Natur.

»Die Gunst des Volkes«, sagte er, »ist wechselnd. Noch jeder große Mann hat es erfahren.«

* * * * *

Über ihm gingen leise Schritte: der Unterpräfekt Herr Fiorio kehrte in seine Loge zurück. Die Bürger wiesen anerkennend darauf hin; er hatte als Staatsmann gehandelt, indem er dem Zwist der Parteien aus dem Wege gegangen war. Das Volk auf der Galerie fand ihn feige; mehrere zischten; aber da rief die launige Stimme des Herrn Giocondi:

»Und die >Arme Tonietta<?«

»Freilich, die >Arme Tonietta<«, antwortete die Galerie, und im Stehparterre setzte Galileo Belotti hinzu:

»Genug mit den Buffonen!«

»Maestro! Maestro!«

Auf der Galerie stampfte es.

»Es ist halb zehn, wir warten eine Stunde«, stellte der Kaufmann Mancafede fest. Drüben sagte Frau Polli:

»Diese Komödianten machen sich über uns lustig.«

Um ihr gefällig zu sein, pfiff ihr Mann. Darauf pfiff es in allen Winkeln.

»Wir wollen die >Arme Tonietta<!«

»Was liegt mir an der >Armen Tonietta<«, dachten der Advokat Belotti und die entlobte Rosina Giocondi.

»Maestro! Maestro!«

Plötzlich erschien er in der kleinen Tür unter der Bühne. Man klatschte ironisch, man machte »Ah!«

Er hielt die Hände ungeschickt vor sich hin, hastete gebückt und war äußerst bleich.

»Der arme junge Mensch!« sagten die Damen.

»Die Kanaille!« dachte er. »Sie weiß nicht, was für eine Stunde sie mir bereitet hat. Sie treiben ihren Unfug eine Stunde lang, -- indes ich hinter einer dunklen Kulisse stehe und leide wie ein Tier. Dann lassen sie mich kommen, indem sie pfeifen . . .«

Er kletterte auf seinen Drehbock, klopfte mit dem Stock auf und sah, an den Spitzen seines Kinnbartes reißend, im Orchester von einem zum andern.

»Nonoggi, man spricht nicht mehr, wenn ich da bin! . . . Herr Zampieri, geben Sie Obacht auf ihre Quinten!«

»Er wird sich vergreifen, wie gewöhnlich«, dachte der Kapellmeister. »Alle denken an etwas anderes, diese Aufführung ist unmöglich, warum lege ich den Stab nicht hin und gehe. Wenn man dieses Publikum ansieht --«

Er mußte sich nach ihm umwenden.

»-- für wen hat dann der Maestro Viviani seine Oper geschrieben? Wir sind wenige, und wir sollten in der Einsamkeit leben. Kein Volk ist, das uns hört . . . Alfò!« flüsterte er wild, »wenn du deine Pauke nicht ruhig hältst, weiß ich nicht, was ich tue!«

Ganz sanft fügte er hinzu:

»Lieber Mandolini, ich empfehle mich Ihnen.«

Er ließ seine Bartspitzen los und breitete die Hand aus. Sie lag in der Schwebe; auf der anderen Seite schwebte der Stab. Der Kapellmeister hielt den Atem an; und sein Drehbock schien ihm, inmitten einer ungeheuren Stille, in die Luft gehoben.

»Es wird nicht gut gehen, es wird noch etwas dazwischen kommen!«

»Die Hymne!« schrie von der Galerie eine betrunkene Stimme. »Wir wollen die Hymne!«

»Zur Tür! Zur Tür!«

»Allebardi, Sie werden mich kennen lernen!« -- und der Kapellmeister fuhr so furchtbar verzerrt vom Sitz, daß der Tapezierer sich, die Augen niedergeschlagen, mit seinem Bombardon wieder zurechtsetzte.

. . . Und endlich konnte der Stab sich senken.

»Was denn, Präludium!« murrte Galileo Belotti. »Wir sind gekommen, um zu sehen!«

Und als werde sein Befehl ausgeführt, ging schon nach zwei Takten der Vorhang auseinander.

Die Galerie hielt den Atem an. Allmählich wisperte sie.

»Was wollen sie? . . . Sie wollen Wein. Jene beiden vor dem Hause haben gerade geheiratet, und die andern begleiten sie heim . . . Sie singen, wie die Mädchen in Pozzo singen, bei der Weinlese. Brauchen wir dazu Komödianten? Aber sie verstehen es besser. Wie sie es verstehen! Höre, Felicetta, welche Stimmen! Ich dachte nicht, daß die große Gelbe zu etwas anderem gut sei, als sich mit den Herren umherzutreiben . . . Was für einen Lärm die Instrumente gemacht haben! Der Allebardi war der ärgste. Mir dröhnt der Kopf erst jetzt, da sie still sind und nur die Stimmen der Kinder übrig bleiben. Das ist, wie wenn ein großer Gewittersturm plötzlich aus ist, und du hörst ein Vögelchen zwitschern . . . Sieh, mein Ninetto, der vorderste ist der Carlino Chiaralunzi. Auch du könntest dort stehen und das Paar beglückwünschen. Laßt uns klatschen!«

»Bravo!« und der dicke alte Zecchini stieß sich im Stehparterre mit seinen Zechbrüdern an. »Auch der da macht sich einen guten Tag. Fest stehen, Gevatter! . . . Und er sagt die Dinge, wie sie sind, dieser Alte: Seid fruchtbar, meine Kinder, zeugt mir Enkel! Bravo!«

Die Pächter vorn erklärten einander:

»Er will, daß das Gut in der Familie bleibt. Man versteht ihn schlecht, aber es scheint, daß er ein vernünftiger Mann ist . . . Natürlich muß eine Frau dazwischen sein! Was will sie von dem jungen Ehemann? Ach ja: er hätte lieber sie heiraten sollen. Und das Gut? Freilich ist sie ein schönes Mädchen, schöner als die andere.«

»Das sieht der Italia ähnlich«, bemerkte der Gastwirt Malandrini in seiner Loge. »Jetzt hetzt sie die Burschen gegen die Neuvermählten: die Tonietta habe ihn betrogen. Dabei hat sie selbst den Baron betrogen, mit dem Advokaten und den andern.«

»Schweig!« sagte Frau Malandrini, drückte ihr Kinn auf dem Halskragen breit und bekam ein Gesicht wie ein roter Kegel. »Schweig doch! Du weißt nicht, was du sprichst. Ein Mann wie der Baron denkt gar nicht an solche --«

Sie biß sich auf die Lippen.

»Was wollte ich denn da sagen?« dachte sie. »Diese Musik macht, daß man den Kopf verliert und plaudert.«

Auf der Galerie kicherte es.

»Sieh die Mädchen! Sie sehen durchs Fenster in das Schlafzimmer der Neuvermählten. Aber es ist gewiß nicht wahr, daß die Tonietta getan hat, was ihr sagt. Ihr seid neidisch! Die kleine Blonde hat recht, die eine Blume auf das Bett wirft. Jetzt werfen auch die andern Blumen. Warum ist das eine Sache, die traurig macht?«

Auch Mama Paradisi und ihre Töchter ließen Tränen fließen, und die Witwe Pastecaldi schluchzte kindlich.

»Es ist nichts. Es ist die Musik«, erklärte der Advokat.

»Aber nun muß das Bett aussehen wie ein Sarg, und sie sind so jung!«

»So jung!«

Cesira Giocondi neigte ihre lange Nase über ihre Schwester Rosina.

»Gewiß hat auch die Tonietta so viel von ihren Möbeln gesprochen, wie du von den deinen, -- und du sollst sehen, auch mit ihr geht es schief.«

Lauretta und Theo aus der Via Tripoli nickten gerührt einander zu; nur die große Raffaella beunruhigte mit dem Augenwinkel den dicksten der Pächter links hinter ihr. Mama Farinaggi flüsterte ihr feucht in den Nacken:

»Hast du denn kein Herz?«

Frau Camuzzi wandte sich nach ihrem Gatten um, der eingetreten war und nach der Handlung fragte.

»Schweig! du hast kein Herz.«

Und sie kehrte zurück zu dem Tenor.

Nur dies eine Mal hatte sie ihn aus dem Auge gelassen. Er hatte vor dem von Blumen bunten Landhause neben seiner Tonietta gestanden, und wenn er den Arm um die Geliebte legte, schloß Frau Camuzzi die Lider und senkte bitter die Mundwinkel. Von seinem halblangen und glatten schwarzen Haar schwankte eine Strähne auf seiner Stirn, über dem breiten kurzen Sattel der Nase. Er war bleich in seinem weißen Anzug; und seine Blässe und sein schwarzer, niemals lachender Blick machten, daß er in der Fülle seines Glückes, er allein unter den Fröhlichen, schon beschattet schien von dem Schicksal, das bevorstand.

Und er stürzte vor, weil er die Kameraden hörte, die von seiner Frau schlecht sprachen. Er hatte einen Wortwechsel; er biß sich in die Knöchel der Finger; er richtete sich auf, trat fort von den anderen, vor die Rampe; -- und die Handlung, die gekeucht hatte, holte tief Atem: er sang seine Arie. »Ich bin betrogen,« sang er, »nun soll ich lieben, die mich verriet. Ich werde glücklich sein mit meiner Feindin. Morgen spreche ich mit ihrem Liebhaber, und das Glück ist aus . . .«

»Aus«, dachte Frau Camuzzi. »Warum ist er nicht wiedergekommen? Er sagte doch, ich sei schön und er liebe mich. Ich sagte ihm, wenn er sich nach dem Mittagessen in das dunkle Gelaß unter der Treppe einschleiche, werde ich zu ihm kommen. Nie hat er es getan; -- und statt meiner soll er andere lieben: die Baronin, die Malandrini, bei der er wohnt, Mama Paradisi sogar. Seine Treue brauche ich nicht; aber ich habe kein Glück. Mein Mann könnte doch sterben; ich könnte hinausgelangen aus dieser Stadt, wo niemand mich versteht. Aber ich selbst werde hier sterben, ohne genossen zu haben; -- und ich hasse alle: ihn, der mir nicht helfen will, und Camuzzi, der mich hindert!«

». . . das Glück ist aus zugleich mit der Lüge. Es dauert eine Nacht. Die Nacht wollen wir genießen, sie kostet vielleicht das Leben, die kostbare Nacht!«

»Die kostbare Nacht!« wiederholte der Chor. Er begleitete heiter die drohenden und schmerzvollen Töne des Piero. Der Hochzeitszug kehrte zwischen den Feldern ins Dorf zurück, wo es Abend läutete; und ihm voran ward, wenn die Glocken schwiegen, die Flöte der Pifferari laut, die unsichtbar in der Ferne, als sei es Traum und Neckerei, eben die Weise bliesen, in der, groß im Vordergrunde, die Leidenschaft des Liebenden tobte. Nun war er auf der Bühne allein, hielt eine letzte Note aus; -- und indes drunten das Tenorhorn des Schneiders Chiaralunzi seinen Schrei wiederholte, umfaßte der Piero mit beiden Händen seine Schläfen, tat zwei stürzende Schritte und schüttelte sich ganz . . . Er war fort. Im Saal blieb es noch so still, daß das Schnarchen der Frau Giocondi hörbar ward; aber noch bevor ihr Mann sie gezwickt hatte, waren alle Hände in der Luft und klatschten. Sie klatschten, als jagten sie hinter den verklungenen Tönen her. Daß das Orchester weiter wollte, erbitterte sie.

»Noch einmal! Noch einmal!«

»Willst du still sein!« zischte Frau Camuzzi über die Schulter ihrem Gatten zu.

»Aber er hat sehr gut gesungen, meine Liebe«, sagte der Gemeindesekretär. »Alle finden es.«

»Ich nicht«, und sie zerbiß sich die Lippe. »Er ist glücklich,« dachte sie; »aber ich werde mich rächen.«

Er zeigte sich, mit seinem dunkeln Lächeln, an der Kulisse.

»Noch einmal! Noch einmal!«

Frau Camuzzi wandte sich liebenswürdig nach ihrem Gatten um.

»Du bist zu gutmütig, mein Lieber. So glücklich dein Charakter eine Frau machen kann, im öffentlichen Leben solltest du vielleicht rücksichtsloser sein. Warum hast du dich gefügt, als der Advokat Belotti diese schlechten Komödianten herholen wollte? Wenn du es aber nicht verhindern konntest, dann mußtest du dich an die Spitze des Unternehmens stellen.«

»Du findest, meine Liebe? Die Wahrheit ist, daß ich an das Gelingen nicht glaubte. Ich war sicher, der Advokat würde sich blamieren . . . Ist dein Fächer zersprungen? Ich hörte ihn krachen.«

»Nein. Jetzt bleibt dir eins, mein Freund. Du kannst die Sache des Don Taddeo stärken. Es ist die gute Sache; -- und warum soll man den Advokaten so groß werden lassen? Sage es selbst! . . . Du hast gehört, daß der Bäcker Crepalini sich auflehnt, weil er keine Loge bekommen hat. Es gibt mehr Unzufriedene in seiner Klasse. Setze dich mit dem Mittelstand in Verbindung, mein Ghino!«

»Welch schöner Gedanke«, sagte der Gemeindesekretär, schob die Hände in die Hosentaschen und brachte, aufrecht neben seiner viel bewunderten Frau, seine schlanke Büste zur Geltung. »Auf diese Weise würde man sehen, ob im Streit der Parteien das Unternehmen des Advokaten standhält. Ich glaube nicht, daß diese Theatersaison zu Ende gespielt werden wird. Schon habe ich berechnet, daß wir die elektrische Anlage aus Geldmangel werden außer Betrieb setzen müssen.«

»Was wirst du also tun?«

»Tun? . . . Ich kann mit dem Schlosser Fantapiè sprechen, der ein Anhänger des Don Taddeo ist und seine Freunde im Sinne des Priesters bearbeiten wird.«

»Also geh, mein Freund!« -- und kaum war er hinaus, ließ Frau Camuzzi ihren zerbrochenen Fächer fallen und trat darauf. »Das ist ein Mann!« Sie grüßte lächelnd mit zusammengebissenen Zähnen die Herren, die herübergrüßten.

* * * * *

»Noch einmal!« rief es unablässig.

Der Kapellmeister dirigierte mit Armen und Körper, als galoppierte er, als müßte er durch eine Meute dahin. Aber sie war ihm auf den Fersen, sie brachte ihn zum Stehen. Erschöpft ließ er den Stab sinken; das Orchester brach ab; die Tonietta zog sich rasch wieder in das Haus zurück; und der Piero erschien. Er verbeugte sich und wollte verschwinden. Aber die klatschenden Hände holten ihn von neuem hervor. Der Kapellmeister erhob Gesicht und Stab. Da gab der Tenor mit der Hand ihm ein Zeichen, man wußte nicht, ob gewährend oder bittend. Er nahm seinen früheren Platz ein. Der Chor kehrte zurück und ordnete sich. Der Kapellmeister klopfte auf. Die jungen Leute im Stehparterre, mit den großen Hüten und bunten Halstüchern, sahen beruhigt und glücklich zu, wie all diese Seligkeit sich dank der Kraft ihrer Hände, die die Zeit besiegt und zurückgestellt hatten, noch einmal vollzog.

Als der Piero fertig war, überschrie die Galerie das Tenorhorn.

»Bravo! Gut!«

Viele sahen sich um, stolz, als hätten sie selbst gesungen. Der Stadtzolleinnehmer Loretani in der zweiten Parkettreihe, hinter der dicken Lauretta, fing aus unerfahrener Begeisterung von neuem an:

»Noch einmal!«

Sofort ahmten die Familiensöhne in der Klubloge ironisch nach:

»Noch einmal!«