Part 10
»Das Maß wird nun bald voll sein, meine Freunde; wir brauchen nur zu warten.«
Frau Acquistapace begriff ihn.
»Wir sind leider wenige, Reverendo. Die ganze Stadt haben wir hinaufpilgern sehen. Welche Schande! Viele waren dabei, die versprochen hatten, zurückzubleiben. Was soll man von der Nonoggi sagen, die ihrem Manne nachgelaufen ist. Ob das nicht zwischen ihnen eine abgekartete Sache war?«
»Schien es doch auch mir«, machten die andern.
»Und die Jole Capitani hat es trotz allen Ihren Ermahnungen, Reverendo, kaum erwarten können. Der Advokat Belotti hat sie abgeholt, was man bei der Frau eines Arztes eigentümlich gefunden hat . . .«
Don Taddeo erklärte durch eine schmerzliche Geste, daß ers wisse.
»Von allen guten Familien«, schrie die Frau des Kirchendieners, »haben nur die Nardini dem Übel widerstanden . . . außer dem Hause Acquistapace,« setzte sie hinzu, da die Frau des Apothekers sie furchtbar ansah.
»Auch die gute, heilige Frau Camuzzi«, sagte der Schlosser Fantapiè, »bleibt der Sünde fern. Niemand wird sagen wollen, daß sie das Haus verlassen habe.«
Alle bestätigten es; nur Don Taddeo schwieg und senkte den Kopf. Denn er hatte sein Beichtkind aus dem Häuschen der Wäscherin Grattalupi in die Treppengasse schlüpfen, mit gerafften Röcken hineingleiten und hurtig verschwinden sehen. Vom Hofe des Rathauses mußte sie zu dem Häuschen hinaufgeklettert sein, obwohl die alten Stufen nur Geröll waren, und heimlich war sie der Wollust nachgelaufen. Vielleicht enthielt dann auch Wahrheit, was die Evangelina Mancafede über Frau Camuzzi und den jüngsten der Komödianten wissen wollte?
Don Taddeo fuhr auf; ein Bild, das ihm wieder vor Augen kam, machte ihn weiß und wirr.
»Wir werden alle verderben,« stammelte er, »und jene, die sie Italia nennen, ist von allem Unheil das ärgste!«
Die Pipistrelli und Frau Acquistapace nickten erbittert. Der alte Fantapiè rief aus:
»Sie ist das Weib von Babel.«
»Beim Bacchus,« bemerkte der Schlosser Scarpetta; »nachdem schon der Advokat, der Baron, der Herr Polli und, wie man sagt, auch der Knecht des Wirtes Malandrini bei der Italia daranwaren, weiß niemand, ob nicht an ihn selbst die Reihe kommt.«
Da die beiden Frauen sich wütend von ihm abkehrten, schielte er vor sich hin. Alle schwiegen, -- und Don Taddeo erblickte sie, das Weib, wie er sie durch jenes Domfenster erblickt hatte, zu dem er hinaufgestiegen war, weil Pipistrelli mit der Stange eine Scheibe zerbrochen hatte. Er hatte nicht gewußt, daß sich von dort oben geradeswegs in ein Fenster des Gasthauses »zum Mond« sehen ließ; und dies Fenster war ihres, und was er antraf, war eine Umarmung. Vor Zittern hatte Don Taddeo kaum die Leiter hinabgekonnt. Noch hier im Dunkeln zitterte er, da jenes Bild wiederkehrte . . .
»Don Taddeo«, rief der Baron Torroni und kam rasch von seinem Hause her. »Wenn Sie Zeit haben, läßt die Baronin um Ihren Besuch bitten.«
Don Taddeo hob scheu die Stirn, grüßte, ohne den Baron anzusehen, und machte nach dem Palazzo Torroni hin Schritte, bei denen ihm die Soutane hörbar um die Beine schlug.
»Die Baronin hatten wir vergessen. Noch ein frommes Schaf zum Trost des Hirten«, sagte die Pipistrelli.
»Aber der Baron« -- und man spähte ihm nach -- »geht ins Theater, das sieht man, denn er hat seine Ledergamaschen ausgezogen. Die arme Baronin! Welch einen Kampf sie hinter sich hat!«
»Und jetzt ist alles aus, da jenes verdammte Komitee Gewalt anwendet!«
»Läutet Pipistrelli nicht etwa schon schwächer?« fragte seine Frau. »Ich bin sicher, daß sie ihn bedrohen!«
»Wir sind Männer«, sagten Fantapiè und Scarpetta; und Frau Acquistapace setzte hinzu:
»Bei dieser Gelegenheit sind auch wir es. Die droben sollen es erfahren!«
Sie setzten sich in Marsch. Hintereinander überquerten die vier den Platz.
»Don Taddeo hat noch Streiter«, erklärte die Pipistrelli, humpelnd; und Scarpetta rief, um sich Mut zu machen, laut in den Schatten der Treppengasse hinauf:
»Wir werden sehen!«
Als sie fort waren, entstieg den dunkeln Bogen des Rathauses der Advokat Belotti und schwänzelte zur Apotheke hinüber. Er hob den Vorhang auf und flüsterte durchdringend:
»Komm! Wir sind befreit.«
Ein rauher Freudenschrei, -- und der alte Acquistapace drang hervor, stelzend, daß der Platz davon hallte.
»Sst!« machte der Advokat. »Die Feinde der Kunst nicht aufwecken! Bin ich geschickt gewesen? Wie? Alles hat geklappt.«
»Und ich,« jubelte der Apotheker, »der ich unter meinem Arbeitskittel schon den schwarzen Rock anhatte!«
Sie hakten einander ein, schwenkten sich umher und tauschten Püffe aus.
»Ah! alter Esel, der du bist!«
Auf jeder zweiten Stufe blieben sie stehen und horchten nach den Schritten der andern. Der Advokat sah zurück.
»Ob auch die Hühnerlucia droben ist? die Stadt scheint ausgestorben. Kein Mensch auf dem Platz! Doch: der gewohnte Brabrà.«
Ein Lichtschein, der sich im Schatten des Glockenturmes verlor, streifte einmal den kleinen Uralten, wie er rings um den Platz, als umgebe ihn eine unsichtbare Gesellschaft, einen weiten Gruß beschrieb.
»Heute könntest du mir bei der Italia ein wenig helfen.«
Acquistapace flehte wie ein Knabe.
»Ohnehin werde ich bald der letzte sein. Und wer so viele Frauen hat wie du --; denn man sagt, daß auch die große Gelbe dir nicht länger widerstanden hat.«
»Eh! man sagt vieles« -- und der Advokat kicherte fett.
»Und von Jole Capitani sagt man noch nichts?«
»Wie? du hättest --?«
»Ihr Gatte hat Zucker bei mir finden wollen: Zucker bei einem Mann wie mir! Er sieht nun, daß mich das nicht hindert --.«
»Du bist noch größer, als ich gedacht habe, Advokat.«
»Eh! . . . Aber sprechen wir von etwas Ernstem. Wie viel Zeit gibst du dem Priester noch?«
»Nicht lange. Deine Artikel in der >Glocke des Volkes< werden gewirkt haben.«
»Also du glaubst. Ich sage dir, ich --«
Der Advokat setzte sich den Finger auf die Hemdbrust.
»-- daß Don Taddeo keine acht Tage mehr hat. Die Loge, mein Lieber, ist durch mich auf die Sache mit dem Schlüssel aufmerksam gemacht worden. Auch habe ich an den Bischof geschrieben über die Revolte in Borgo und habe ihn von der Beteiligung des Don Taddeo an jenem Aufstand des Aberglaubens unterrichtet.«
»Aber er --«
Der alte Garibaldiner spreizte entsetzt die Hand.
»-- er wars gerade, der den Bauern widersprach: nein, sie hat nicht die Augen bewegt, eure Madonna, -- und fast hätten sie ihn gesteinigt.«
Der Advokat zuckte mit den Schultern und zog die Lippen von den Zähnen.
»Ist er der Feind, ja oder nein? . . . Und wollen wir die >Arme Tonietta< sehen?«
»Das wollen wir: ah! das wollen wir.«
Der Apotheker schwang sein Holzbein über die letzten Stufen.
»Sst!« machte der Advokat. »Die Beleuchtung ist nicht glänzend; was will man, unsere ganze Kraft mußten wir auf das Innere des Theaters verwenden; aber ich übersehe dennoch die Lage. Deine Frau befindet sich nicht unter dem Volk, das den Palast der Frau Fürstin belagert und auf die Ouvertüre wartet; sie ist in dem Haufen abergläubischer Aufrührer, dorthinten unter den Mauern des Klosters. Haben sie nicht alle die Köpfe im Nacken, als kämen statt des Lärmes vom Glockenstuhl Makkaroni geflogen? Eh! sie haben keine Zeit, uns zu erwischen, und sogleich werden wir dich in meine Loge gerettet haben, armer Freund . . . He! ihr Leute, man muß die durchlassen, die bezahlt haben.«
»Wir wollen auch hören«, antwortete das Volk.
Unter dem Bogen neben dem Palast brannte eine elektrische Lampe.
»Um so besser« -- und der Advokat kletterte in seinem Frack, der von der Anstrengung in den Nähten krachte, das Geröll hinan; »da die Lampe gerade hier angebracht ist, sieht man doch, wohin man tritt. Es ist fast unbegreiflich, daß diese Leute auch jetzt noch fortfahren, den Eingang des Theaters für ihre Bequemlichkeit zu benutzen. Man muß wirklich wenig Erziehung haben . . .«
»Die Gänge wenigstens habt ihr gut beleuchtet, Advokat, man müßte sonst fürchten, sich das letzte Bein zu brechen; -- und welch stolzer roter Vorhang das Parterre verdeckt! Die goldenen Quasten!«
»Mancafede hat ihn uns geliehen. Er wollte ihn anfangs nur verkaufen; wir mußten drohen, seine Konzession für die Diligenza nach Cremosine zu hintertreiben. Welch alter Spitzbube!«
Sie betraten den engen Gang um die Logen.
»Guten Abend, Vater Corvi!« -- und da der Schließer die Hand hinhielt: »wir haben keine Eintrittskarten, aber Ihr wißt, daß die Loge mir gehört.«
»Unmöglich, Herr Advokat. Die Loge gehört Ihnen; aber damit ich Sie hineinlassen kann, müssen Sie den Eintritt bezahlen, und auch der Herr Acquistapace muß ihn bezahlen.«
Der Alte blinzelte aus seinem ungeheuren roten Gesicht die Herren zynisch an, und sein Bauch versperrte ihnen den Durchgang.
»Keine Dummheiten, Corvi«, sagte der Advokat. »Ihr wißt wohl, daß Ihr Euch um die Stelle bei der öffentlichen Wage bewerbt.«
»Mag sein, Herr Advokat, und ich rechne dabei auf Ihre Protektion; aber ich kann die zwei Lire für Ihren Eintritt nicht aus meiner Tasche bezahlen, denn ich habe sie nicht.«
»Wenn Ihr nicht dreimal Bankrott gemacht hättet,« -- und der Advokat begann zu tanzen und die Luft zu klopfen, »dann brauchtet Ihr heute abend die Leute nicht um Karten zu belästigen.«
»Gott hat es so gewollt«, sagte der Alte, indes der Advokat enteilte.
»Treten Sie inzwischen nur ein, Herr Acquistapace, ich rechne auf Ihre Empfehlung für die öffentliche Wage.«
In der Loge traf der Apotheker die Witwe Pastecaldi mit der kleinen Amelia; aber er drückte die Hände nur stumm, denn vor Glanz und Menschenmenge fand er sich im Saal nicht zurecht. Einen solchen Saal hatte es doch in der Stadt gar nicht gegeben! Ein Feuerreif lief um die Ränge, und die Bogenlampe unter der Decke warf ein so wildes Licht umher, daß man nicht sah, wer dahinter saß.
»Ah! was für ein alter Narr jetzt dort unten hereingekommen ist!« rief es ganz oben, und der Apotheker errötete, denn er hatte die Stimme der Magd Felicetta erkannt, auf die er, bevor seine Frau sie nach Don Taddeos Wunsch entließ, verstohlen ein Auge geworfen hatte. Es war ihr also doch nicht entgangen! Er mußte hinaufschielen: Felicetta lachte ihn fortwährend an, indes sie sich über das Ohr ihrer Nachbarin beugte. Und die Nachbarin war Pomponia, vom Kaufmann Mancafede, die ärgste Klatschbase!
Die beiden enthüllten der linken Galerie die Skandale der Stadt. Felicetta durfte nicht mehr wissen, als die Vertraute der Unsichtbaren, die alles wußte; und wenn Felicetta mit einer Geschichte kam, erwiderte Pomponia mit zwei. Die Frau des Schneiders Chiaralunzi saß ohne Scham auf einem Sessel, und doch hatte sie ihn nur bekommen, weil ihr Mann der Liebhaber der Komödiantin war, die bei ihnen wohnte. Der Baron Torroni tat wohl daran, seine Frau nicht mitzubringen, da seine Loge gleich neben der Bühne lag und er es sich gewiß nicht würde entgehen lassen, mit seiner Geliebten, jener anderen Komödiantin, Zeichen auszutauschen. Schräg über dem Baron wartete die Frau des Doktors Capitani (und der hatte bei dem Tischler in Via del Torchio, der dreimal Witwer war, eine schwarze Leber gefunden!) auf ihren Nello: den schönen Nello; und solange jener hinter dem Vorhang blieb, konnte sie mit den jungen Herren kokettieren, denn natürlich hatte sie es so eingerichtet, daß sie neben der Loge des Klubs saß. War es zu glauben, daß Mama Paradisi die ihre neben dem Mancafede hatte? Und immerfort steckte er den Kopf unter ihren Hut, der auf allen Seiten an die Logenwände anstieß, so groß war er. Wenn noch diese Alten Ärgernis erregten, waren armen jungen Leuten ihre Sünden zu verzeihen. Die Rina vom Tabakhändler hing in einem Drunter und Drüber von Schulkindern vom höchsten Geländer und starrte immer auf den leeren Platz des Maestro. Welche Dummheit, gerade diesen Künstler zu lieben, der sie mit all den Weibern vom Theater betrog!
»Rina! Nicht hinunterfallen!« riefen alle.
»Sie hört nicht; hier ist ein Lärm --!« Der Gevatter Achille schreit aus seiner Loge, wie ein Stier, hinter seinem Kellner her: »He! Nonò, bist du es! Ich will zu trinken. Ist das eine Art, daß nur die Herrschaften bedient werden?« Keine Möglichkeit. Sie stimmen ihre Instrumente. »Dieser Nonoggi trillert wie eine Ziege; aber der Tapezierer Allebardi brüllt mit seinem Bombardon, daß die Toten sich rühren . . . Ah! das Fräulein Zampieri: sie wird also wirklich die Harfe spielen. Man hätte nicht geglaubt, daß ein Mädchen es wagen würde. Soll man pfeifen?«
»Die Arme, wie sie hübsch ist!« sagte der Michele vom Schlosser Fantapiè. Der Bäckergeselle Carlino setzte hinzu:
»Es scheint, daß sie und die Mutter kein Geld haben, denn sie konnten meinen Herrn nicht bezahlen; und vom Harfenspiel sollen die Finger der Nina blutig sein.«
»Ah, Nina, du Liebe!« riefen die Mädchen. »In ihrem weißen Kleid, wie sanft sie lächelt! Wer ist es, der mit ihr spricht? Der mit der Geige und den langen schwarzen Haaren? . . . Der Mandolini von der Volksbank: er ist verliebt in sie, möge sie glücklich werden! . . . Aber er ist tatsächlich verrückt geworden, der schöne Alfò, er haut auf Pauke und Becken ein, als wären alle nur gekommen, um ihn zu hören.«
»Er versteht nichts, der Arme; er ist dort hingestellt statt des Vittorino Baccalà, des Tischlers, der nicht kommen durfte wegen des Don Taddeo.«
»Meinem Onkel Coccola hat Don Taddeo gedroht, seine Gicht werde ihm ans Herz greifen, wenn er ins Theater gehe.«
»Und damit wir andern nicht vom Teufel geholt werden, läßt er läuten. Sie werden nicht anfangen können, solange es läutet. Niccolo, schließe doch das Fenster hinter dir!«
»Die Fenster sind alle geschlossen; es ist übernatürlich, wie laut man die Glocken hört. Vielleicht hat er recht, Don Taddeo.«
»Es ist Ostwind, das ist alles; und man muß eine Demonstration gegen den Priester machen. Nieder mit den Priestern!«
»Ruhig dort oben!« rief man aus dem Parterre zur Galerie hinauf. Die Buben um den weißen Konditorjungen antworteten mit Pfeifen. In der Loge des Klubs wurde geklatscht, und darauf lachten in anderen Logen die Frauen auf. Der kleine alte Giocondi beugte sich rückwärts aus seiner und rief, an der des Salvatori vorbei, zur Galerie hinauf:
»Hast du mitgeschrien, Klothilde?«
Seine Magd rief zurück:
»Wir haben geschrien: Es leben Don Taddeo und die Komödianten!«
»Brav, Klothilde! Und schreie auch: Es lebe die Familie Salvatori!«
Die Logen waren belustigt.
»Ah der Spaßvogel von Giocondi! Der Salvatori hat ihm seine Zementfabrik abgenommen, und so rächt er sich nun.«
Der Salvatori mußte sich wohl verbeugen, denn manche klatschten ihm lachend zu. Auch der Steuerpächter Vallesi in seiner Loge ganz vorn über der des Advokaten Belotti verneigte sich fortwährend vor allen guten Zahlern: zuerst geradeaus vor dem Baron Torroni, weiterhin vor Mancafede, dann um die Ecke, an der dritten leeren Loge vorbei, nach dem Wirt Malandrini hin -- und plötzlich quer hinüber zum Doktor Ranucci, der sich rasch vor seine Frau stellte. Das Stehparterre lachte, und Galileo Belotti, der Bruder des Advokaten, sagte laut zu den Bauern um ihn her:
»Er ist glänzend, der Doktor, sich einzubilden, man hätte Lust, ihm sein häßliches Weib wegzunehmen. Mir fehlte nichts weiter! Kommt man mit einem Furunkel zum Ranucci: die Frau sitzt immer im Wartezimmer, denn sie scheint ihm am sichersten, wenn mehrere dabei sind. Jeden Augenblick streckt er den Kopf herein, -- und gib ihr nur die Hand, da drängt er sie zurück und tanzt vor ihr herum: Pappappapp . . .«
Galileo nahm die Stimme an, mit der nach seiner Meinung alle außer ihm sprachen.
»Sieht man sie noch ein wenig an, ists sicher, daß er einem zwei Beine abschneidet statt eines. Man sollte etwas unternehmen, um ihm seine alberne Eifersucht abzugewöhnen.«
Derselben Meinung war der dicke Zecchini, der den Bazar gehabt hatte und jetzt alle seine Habe in seinem Bauch umhertrug. Er versprach, sein Freund Corvi werde etwas ausfindig machen für den Chirurgen, und die Zechgenossen, die mit ihm waren, freuten sich schon: da wich das ganze Stehparterre auseinander.
»Ja was denn . . . Mir scheint, ich träume . . . Das muß ein Scherz sein.«
Aber sie hielten ihren Einzug so zuversichtlich, als wäre es der Salon der Via Tripoli gewesen: Raffaella, Theo und Lauretta, gedeckt von Mama Farinaggi. In den Logen fuhr alles auf, einen Augenblick war es still, und man hörte nur Galileo Belotti, der sagte:
»Guten Abend, die Gesellschaft!«
Da brach oben und unten das Gelächter los. Die Musiker im Orchester standen auf und wollten die Damen kommen sehen. Sie kamen durch alle Leute bis zur ersten Sesselreihe, wo noch die drei Plätze frei waren. Der Serafini nahm aus Bestürzung nicht sofort seinen Hut von dem Stuhl der Raffaella; sie mußte ihm erst einen gemalten Blick zuwerfen, den er kannte und der ihn schon manchmal zu Handlungen bewogen hatte. Er verbeugte sich.
»Bravo Serafini!« rief es von oben, und Coletto, sein Lehrling, pfiff auf den Fingern.
Die Mama Farinaggi machte Versuche von mehreren Seiten, um ihre Formen auf ihren Sessel in der zweiten Reihe zu schaffen. Zuletzt traten der Stadtzolleinnehmer Loretani und die beiden Fräulein Pernici samt dem Leutnant Cantinelli in den Gang hinaus, um sie durchzulassen. Der Leutnant legte sogar die Hand an den Helm. Der Kellner des Gevatters Achille drängte hinzu, um seine Fruchtsäfte anzubieten, und alle diese Personen verstopften den Gang, so daß der Schuhmacher Malagodi mit seiner Frau ihre Plätze in der ersten numerierten Bank nicht erreichen konnten. Sie tauschten mit dem Bäcker Crepalini abfällige Bemerkungen aus, -- indes Mama Farinaggi kleine Kreischtöne von sich gab, weil ein Pächter von jenseits des Ganges sie kniff. Dazu schrie es von der Galerie:
»Lauretta hat den schönsten Hut!«
Und:
»Raffaella, du hast mich mit einem andern betrogen!«
Die dicke Lauretta sah nicht einmal auf, sie steckte sich etwas in den Mund; Theo zeigte den Herren vom Klub, die mit zwei Fingern applaudierten, die Zungenspitze; Raffaella aber musterte ringsum die Frauen, wie eine fremde Dame. Jede, die sie angesehen hatte, neigte sich zur nächsten, und ohne Raffaella aus dem Auge zu lassen, sagten sie sich ein Wort: Skandal! Es klapperte von Loge zu Loge: »Skandal!«, sprang über den Rang: »Skandal! Skandal!« -- und die Männer im Stehparterre riefen: »Skandal! Skandal!« und mit ihren Stöcken stießen sie den Takt. Mama Farinaggi drückte sich wieder, ganz einknickend auf ihrem Sessel, die Hand in den Busen und sandte beteuernde Blicke nach allen Richtungen. Trotzdem saßen die beiden Fräulein Pernici, aus Angst, sie zu berühren, aufeinander und drehten die Hälse umher, wie Hennen in Not, und Frau Camuzzi in ihrer Loge gleich neben den drei Mädchen bog sich langsam zur Seite, um auszuspeien. Darauf rückte sie ihren Stuhl ganz nach rechts und sah unverwandt ins Orchester. Der Severino Salvatori, der sein Monokel im Parkett umherführte, kam und stellte sich zwischen sie und die drei.
»Danke, mein Herr,« sagte Frau Camuzzi mit ihrer sanften Stimme, »danke für Ihre Aufmerksamkeit. Mein Mann verspätet sich, aber wer konnte denken, daß in diesem Theater eine anständige Frau nicht sicher vor Beleidigungen sein würde. Don Taddeo hat also recht, uns diese Vergnügung zu verbieten und die Glocken läuten zu lassen, wie zum Jüngsten Gericht.«
»Es ist ein wirklicher Skandal, gnädige Frau, und die ganze Schuld trägt der alte Säufer Corvi, der diesen Damen die Billetts verkauft hat.«
»Ah! -- und mein Mann wollte ihn bei der öffentlichen Wage anstellen. Er wird nicht mehr angestellt werden.«
»Sie sind streng, aber gerecht, gnädige Frau.«
Auch sonst mußte man sich über die Zusammensetzung des Publikums beklagen. Die Familie eines der Komödianten saß auf den vordersten der numerierten Plätze. Dann freilich konnte man dem Bäcker Crepalini nicht verdenken, daß er für sich und die Seinen eine Loge beansprucht hatte.
»Wir haben Mühe genug gehabt,« erklärte der junge Salvatori, »den Streich abzuwenden, den der Mittelstand uns zudachte. Zuerst haben wir die Leute glauben gemacht, jene berühmte dritte Loge rechts gehöre dem Hause Nardini; und als die Abneigung des alten Nardini gegen das Theater bekannt geworden war, hielten wir sie mit dem Präfekten hin, der vielleicht kommen würde. Auf diese Weise ist die Loge nun leer geblieben, und mehr war nicht zu erreichen. Die Filiberti und mehrere andere gute Familien haben auf eine Loge verzichten müssen, aber wenigstens hat auch dieser Bäcker keine.« Von rechts und links beugten die Herren Torroni und Mancafede sich herzu.
»Aber dieses Läuten! Man versteht einander nicht mehr. Sollte man nicht etwas tun, um ein Ende zu machen?«
»Für nichts in der Welt«, sagte Frau Camuzzi. »Ich würde sofort nach Hause gehen.«
»Aber Sie sind doch gekommen, die Komödianten zu hören und nicht diese Glocken.«
»Ich bin bereit, beide gleichzeitig anzuhören. Man muß die weltlichen Pflichten mit den religiösen in Einklang bringen.«
Sie fächelte sich stärker: sie ward beleidigt durch das Benehmen dieser kleinen Zampieri, die sich hinter den goldenen Saiten ihrer Harfe weiß Gott welche Wichtigkeit gab und über den armen Mandolini hinweg, dessen sie ganz sicher schien, mit allen Männern kokettierte.
»Zu denken, daß der alte Mandolini in dem Augenblick starb, als er Präfekt werden sollte, -- und sein eigener Sohn opfert seine Zukunft einer kleinen Intrigantin!«
* * * * *
Die Herren gaben Frau Camuzzi recht; -- aber man bemerkte, daß eine halbe Stille im Saal entstand und daß die Ursache der Advokat Belotti war, der in der Loge des Unterpräfekten heftig flüsterte. Auch der so maßvolle Herr Fiorio schien erregt. Schließlich breitete er die Arme aus, als könne er irgend etwas nicht länger verhindern, und da stürzte der Advokat aus der Tür . . . Plötzlich wallte der Saal auf. Was ging vor? Das Theater sollte wieder geschlossen werden, weil Don Taddeo die Regierung für sich hatte? Welch ein Übergriff! »Wir sind recht sehr zurück in Italien!« Bekam man wenigstens sein Geld heraus? . . . Alle die Stimmen sanken sogleich wieder in sich zusammen, denn nun sah man den Advokaten ins Parterre hasten. Der Leutnant Cantinelli war schon aufgestanden und ging sogleich, rasch und gemessen, hinter dem Advokaten her. »Fontana! Capaci!« rief er halblaut, und seine beiden Untergebenen verließen ihre Posten zu beiden Seiten des Einganges, um ihm zu folgen. An der Spitze der bewaffneten Macht, die ihre großen Federn trug, die Rockschöße breit in Rot gefaßt hatte und verhalten klirrte, zog durch die sich teilende Menge, in die Brust geworfen, daß das steife Hemd knackte, der Advokat Belotti. Er sah voll Entschlossenheit geradaus, und niemand wagte ihn etwas zu fragen.
»Welch eine Persönlichkeit, der Advokat!« bemerkte der Kutscher Masetti, der von der Macht an die Wand des Ausganges gedrückt worden war; und der Barbier Bonometti setzte hinzu:
»Ich wußte wohl, er sei ein großer Mann.«
Dabei drängte er mit den andern hinterdrein.
»Was denn«, rief Galileo Belotti und stemmte sich gegen die Flut. »Was wollt ihr denn? Wißt ihr nicht, daß der Advokat ein Buffone ist? Pappappapp! Das fehlte noch, den Advokaten ernst zu nehmen!«
Aber seine eigenen Freunde, die Bauern, stießen ihn in den Rücken; er mußte Platz machen; und schon stürmte draußen über die Treppen hundertfaches Getrappel. Mama Paradisi hatte sich in ihrer Loge erhoben, rechts und links eine Tochter unter das weitläufige Dach ihres Hutes gezogen, und wartete, ob man sich flüchte. Der Kaufmann Mancafede versprach ihr -- und in der allgemeinen Aufregung legte er die trockene Hand aufs Herz -- im Falle der Gefahr seine Person als Deckung. Die Witwe Pastecaldi bat flehentlich ihren Nachbar, den Apotheker, er möge ins Orchester rufen und ihren Sohn warnen, der den Baß strich.
Acquistapace antwortete:
»Es ist nichts, Signora, der Advokat bringt nur den Don Taddeo zum Schweigen.«
»Der Advokat bringt den Don Taddeo zum Schweigen«, wiederholte die junge Amelia Pastecaldi, albern träumerisch, und himmelte aus ihrem steifen Mullkleid hervor.