Die Kegelschnitte Gottes

Part 9

Chapter 93,303 wordsPublic domain

»In Port-Said mir erlaubt, Nötiges für erhabene Ankunft besorgen. Sir und Lady zu schönes Gewand. Risken Insult. Wenn aber insultiert worden, Sir und Lady dafür eingesperrt.«

Dann mit kaum merkbarer Ironie vor des andern blanker Miene, die zu fragen schien: »Was geht es Menschen an, wenn andere Menschen anders gekleidet gehen?«

»In der erhabenen Heimat von Mob mißhandelt werden verboten -- für Mißhandelten. In der erhabenen Heimat das heißen: öffentliches Ärgernis erregen.«

Jetzt war er endlich ebenso töricht, kläglich und schmerzhaft gekleidet, wie der amorphe Haufe drüben. Nun, im Inneren der weißen Welt konnte man das ja alles wieder abtun. Um viele Weihestätten gab es üble Gasgürtel von unbegreiflicher Pest; in unmenschlicher Vermummung mußte der Sucher: der Zu-Prüfende, hindurch.

Unbeirrbar im Wohllaut seiner Pulse -- unangreifbar in seinem eignen Kraftfeld schritt er -- Gargi auf den Armen seiner Seele -- in den Ring aus fahler Mißzucht hinein.

Nur einmal zuckte es doch in ihm auf: irgendein Kerl, Fäuste in Hosentaschen, hob auf gespreizten Fersen, mit vagem Hohn Gargi seinen Geschlechtsteil entgegen, pfiff durch Lippen, an denen jeder räudige Hund genagt:

»_Oh la la -- les petites fesses!_«

Die weiße Glorie ließ ihren Saum auf grauenhaft raffinierte Art behüten.

Hinter dem gestauten Haufen längs des Kais zappelten oder trollten andre Massen aufgelöst nach allen Richtungen in gemörtelte Zeilen hinein, deren einzelne Bauglieder nicht organisch -- nur durch eine Art zäher Räude -- endlos aneinanderklebten.

Gegen das Zentrum der Stadt riß diese zähe Räude öfter zu Plätzen auf, und dazwischen ragte groß aufgedonnertes Gerümpel, rattenhaft angeknabbert von allerhand Stilen, und an ihm irgendwo ganz draußen stand meist: _liberté -- fraternité -- égalité_. Auch ein Gasometer mit Apollo kam. Den Eingeweiden des Gebäudes entquoll es figural. Bruchbänder aus Marmor hielten das dann alles wieder leidlich um seinen Bauch zusammen fest. Oft vor solchen Bauhaufen -- wohl an großen Kreuzungen auch -- standen bekleidete Männer aus Bronze, denen unbekleidete Frauen Kränze, Partituren, Pinsel und Wagen hinstreckten. Oder das Auge erwischte, gerade noch, ehe sie auf dem Pflaster zerschellen würden, über Postamenten metallne Gäule, sich ein Eisenstäbchen in den Huf tretend und hinten auf etwas, halb Stützschwanz, halb Kaskade, gebäumt. Von ihren Rücken herab schwangen Wilde in Affenjacken Säbel gegen die elektrische Straßenbahn.

Nicht Luft, nicht Landschaft, noch gemörtelten Zeilen, Bauhaufen, noch Verkehrsmitteln lebendig vermählt, lagen diese Bildwerke: Trümmer von Stilen, als unverdaute Bronzebrocken im Straßendarm umher.

* * * * *

Und nirgends Europäer. Immer noch trollte es sich am Fuß der aneinanderklebenden Räude in dieser sonderbar geballten Mißgunst, keuchenden Freudlosigkeit. Immer noch staken Wesen bis zum Kleinhirn in falschen Hülsen von der Farbe verwesenden Schmutzes, hatten, wenn auch ohne Schild und Nummer, den doppelten Kopf: senkrecht über dem Kopf noch einen. Dafür keine Zehen, keine Füße -- und darum keinen Gang; ja, sie gingen ohne Gang in harten schwarzen Lederklumpen: Einhufer, doch unecht auch als solche.

Das -- überall dazwischen -- sollte wohl »Frauen« vorstellen? Aber es kam so verschieden vom Manne, wie von einem andern Ende der Säugetierreihe, daher. Schien aus den verreckten Überresten aller Reiche zusammengestoppelt, als hätte es sich auf dem Schindanger der Natur ausstaffiert: tote Hinterteile zerfetzter Vögel staken auf dem Doppelkopf, um den Hals hingen gegerbte Raubtiere mit Glasaugen und Schnauzen aus Pappe. Kleidung behauptete Organe, die es doch zum Glück gar nicht gab, oder nur ganz wo anders, und auch dort viel unauffälliger. Ein hölzern übertriebener Versuch, niedre Lebensstufen zu imitieren, auf denen das Weibchen derart ungetüm, verkehrt, unwahrscheinlich und auffallend wirkt, wie einer andern Art zugehörig. Für die Männchen höherer Organismen ist das dann nicht mehr nötig -- die merken's schon so.

All diesen Überkleideten, ob Männer ob Frauen, war eins gemein: ihre Körperteile schienen nicht recht ineinandergeschmolzen vermittelst jener feinsten Übergänge, als welche allein das Ebenmaß zu wirken vermögen: anmutbewegtes Leben. Jedes Glied hatte etwas an sich, als wäre es nach einem doppelten Bruch irgendwo ein wenig verkehrt zusammengeheilt, wisse nicht mehr in seligem Fluß durch Gewänder hindurchzuschwingen.

Doch auch zum Herdenrhythmus hatten diese Wesen es noch nicht gebracht. Das überstieß sich unaufhörlich oder zuckte zurück vor Straßenbahnen, Autobussen, Elektromobilen. Dieses anders bewegte Tote trieb seine Rhythmen als Keile quer in den Puls der Menge hinein, streckte -- staute -- zerriß ihn. Alle atmeten ja wie verstörte Frösche.

Zu Hause im großen Äther war das nie gewesen, doch hier schien Lebendiges in seinem Kreislauf so verarmt, daß es sich masochistisch duckte und wand, vergewaltigen ließ, oder floh vor dem fremden Tempo der zugleich untoten und unlebendigen Zwitter. Daß Benzin dem Blut befahl!

Und da war etwas im Blick. In diesen verknoteten oder zerronnenen Gesichtern war ein Blick: sauer und hölzern, der nicht sah. Als würde die ganze Umwelt absichtlich in den gelben Fleck der Netzhaut gerückt. Vielleicht um die Bauhaufen nicht sehen zu müssen, die räudigen Zeilen, die verwickelten Bronzeklötze im Straßendarm, die trippelnden Schindanger, sich selbst, oder die Kilometer unbegreiflich aggressiven Krams, mit dem das gläserne Unterteil der Häuser ausgestopft war. Warum das auch noch hinter Durchsichtiges rücken, statt in die Dunkelkammer?

Und dann lächelte er doch wieder durch Unbehagen hindurch, wie ein Geburtstagskind, wenn es regnet.

Das war ja alles noch der üble Gasring -- die Schranke der Schrecken --, nur unbeirrt weiter im eignen Kraftfeld schreiten, durch alles hindurch, über alles hinweg, bis man zur weißen Rasse kam.

Es konnte nicht den ganzen großen Geburtstag verregnen. Und dann zuckte er doch zusammen -- zum zweitenmal heute. Er hatte die Stellung der Europäerin gesehen: Fäuste in die Hüften gestemmt, mit vorgetriebenem Birnenbauch, Gekeif vomierend -- hemmungslos. Und der begeiferte Mann, wiewohl furchtbar von Gebiß, mit von Saublut beschmiertem Schurz und breitem Messer, schlich eingezogenen Gesäßes vom Grünkramladen weg. Selbst seinem harten Ohr ward übel.

Fäuste in den Hüften: diese Megären-Stellung der Frau war Indien und China unbekannt. Zorn erfand dort andere Gebärden.

Über das zerhackte Gezappel des Lebenshaufens floß es plötzlich als großer Bronzeton Asiens hin -- Chinas. Oh, Glocken. Wie warm. Er sog die tönende Welle tief in seinen Leib, ging ihr nach über einen Platz -- über Stufen -- durch ein braunes Tür-Kissen in den Duft von erkaltetem Orient hinein und einen großüberkuppelten, menschenleeren Raum. Flammicht verschroben war alles an ihm: schraubenförmige Säulen, als wollten sie jeden Moment, wahnsinnig rotierend, sich in den Boden einbohren und verschwinden, entließen oben Wolken aus steinigem Eiter; aus allen Ecken quoll es, bauschte sich grau, mit grellen Papier-Rosen behängt.

Gewesene Menschen schlurften die Nischen entlang, knicksten vor einem schlechten, angenagelten Akt. Reste von Weibern waren in triefäugiges, klangloses Plärren vor ihm versunken. Nein, versunken nicht: ihre Rattenaugen funkelten dabei aus dem Halbdunkel ganz nüchtern gegen die beiden freien und stillen Fremden. Er wischte sich die Schleimspur dieser Blicke vom Gesicht.

Aus graumarmornem Schaum und winselnden Gebärden, aus schrägem Gehimmel gemalter Posen, von überall kroch es flammicht um den schlechten, angenagelten Akt.

Um ihn schienen die versteinerten Unluststoffe einer ganzen siechen Welt zu Prunk geballt. Als hätte ein riesiger und bleicher Buckliger mit schiefen Leichenfingern sich eine überladene Apotheose eigner Dekrepidität an diesem Raum geschaffen. Doch warum waren die wonnigen Glocken und Asias Duft gerade an diesen welken, eigensinnig verschrobenen Ort für erloschene Menschen gebunden?

Am Tore suchte er nach einem Anhalt, wo er eigentlich gewesen, fand über dem Portal etwas von »Jesu« oder »Jesuiten«. Es klang ihm wie fernes Befremden ums Ohr. Hing das nicht mit dem Privatfetischismus jener kleinen Barbarenhorde, den entlaufenen Sklaven der Ägypter und ihrem seltsamen »Herrn«, zusammen, in deren Chronik er einmal geblättert? Hatte so ähnlich nicht der kleine Volksführer mit seiner Predigt gegen die Bildung, der so viel sprach und den »Heiden« Plappern vorwarf, geheißen, jener, der sich auch noch gerühmt, Sohn des polternden »Herrn« mit den schlechten Manieren zu sein.

Ach ja, wie hatte das doch geheißen: »Denen wäre besser ... Mühlstein um den Hals, wo es am tiefsten ist ... ersäufen.« -- »Da wird sein Heulen und Zähneklappern« ... »Und werden sie in den Feuerofen werfen« ... »Denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig«.

Ja, ja, richtig. Also das gab es auch noch; nicht nur in historischen Fachbibliotheken für ethnographische Kuriosa? Die aggressive kleine Horde lebte demnach bis heute, hatte hier auf europäischem Boden sogar eine Zweigniederlassung ihres barbarischen Fetischismus mit seiner Saat von Bosheit, Anmaßung und Intoleranz.

Draußen auf der Treppe schwankte ein stoßender Klumpen Kinder hin und her, hieb und spie gegen eine aufheulende rosa Masche. Unter der rosa Masche kratzte und biß es zurück. Umsonst. Aus dem Zopf gerissen, verschwand der grelle Fetzen in einer Schmutzlache. Aus viereckigen Mäulern pfiff die Gemeinheit. Dann riß ein Bengel aus der Rotte ein Holzgewehr an seinen grindigen Schädel, und sie spielten »totschießen«.

Vor einem Haus lehnte ein großer Wagen, leinenumspannt, »Möbeltransport« stand darauf. Er war durch eine Nabelschnur von Dingen mit dem Leib des Hauses verbunden. Wacklig, schief, freudlos und irrsinnig hing es aus ihm heraus, stand noch: künstlicher Unrat, auf der Straße, bis unter das Tor und eine falschgebogene Treppe hinauf.

Bis unter das Dach hörte man Schleppen und Poltern schwerer Gegenstände. Damit ward nun die schiefe Räude vollgestopft. So sah es also da drinnen aus -- und da drinnen lebten wirklich Leute mit solchen Sachen den ganzen Tag zusammen.

Das Haus Elcho enthielt nicht den zehnten Teil Gerät, denn es war erfüllt mit dem Wohllaut des dreifachen Raumes.

Und plötzlich vergaßen sie alles, stürzten zu dem Wagen hin, und Gargi hing am Hals eines lebenden Wesens. Ein Pferd -- endlich ein Tier, etwas Lebendiges; welche Erlösung! Xbeinig wie eine alte Kuh, aber das machte gar nichts. Es war ein Geschöpf mit Geschöpfaugen, trug seine eignen Glieder in edler Folgsamkeit und war schön in ihnen wie ein Gott. Und dieser Wiesen- und Steppengott mußte geschändet werden, nur um solchen Narrenkram von Ort zu Ort zu zerren? Eine grenzenlose Verlassenheit lag um das einsame Pferd mitten in dem gemachten Wust, der mitsamt dem angenagelten Akt, den Bronzeklötzen, Bauhaufen, und inklusive »_fraternité -- égalité -- liberté_«, kein einziges Haar aus seinem Schweife wert war.

Zucker -- Brot mit Salz! Vielleicht war das irgendwo aufzutreiben. Sie suchten noch den Laden, da hieb schon eine Mißgeburt mit einem Peitschenstiel dem Gott auf die Augen, schräg sprang der Möbelwagen über das Pflaster los, verlor dabei hinterwärts ein kastenartiges Ding mit Aufsatz, mehrfach profiliert, auf vier gedrechselten Beinen; auch dieses Ding verlor wieder etwas aus seinem Innern; als es auf das Pflaster schlug, schwang eine Tür an elenden Scharnieren, und ein topfartiges Henkelgefäß, unbekannten Gebrauchs, doch unsagbar kläglich anzusehen, zerbarst am Stein.

Die Mißgeburt zerriß deshalb dem Gott den Mund, daß er sich beinahe überschlug und der Wagen ihm ans Kreuz fuhr, dann torkelte sie vom Bock herab, holte langsam genießend weit aus und stieß ihren künstlichen schwarzen Huf mit aller Kraft dem zitternden Gott in den Schoß.

Doch selbst das schien bei den übrigen in den gelben Fleck des Auges zu fallen, während sie in diesem ewig verfließenden finstern Zustand vorbeizogen, ausschließlich beschäftigt, einander vage zu stören. Das dazwischen -- was »Frauen« vorstellen sollte -- hatte außerdem immer mit dem doppelten Kopf zu tun: daß er stets in einem bestimmten Winkel über dem ersten bleibe und so, denn das Wetter hatte sich verschlechtert, war stürmisch geworden vor Morast. Nun setzte gar Schneeregen ein, und der doppelte Kopf ward völlig ambulant. Die indischen Fremdlinge hatten erst gemeint, er diene zum Schutz jenes Wellblechs, das statt Haar unter ihm lag, nun aber spannte sich erst recht zum Schutz über den Schützer ein Schirm. Der stand nun schon als vierter Wahnsinn über dem ersten im Urkopf selber.

Jetzt endlich, nach Stunden, gab er alles auf, warf sich wund in den harten Fußschachteln, voll leidenschaftlicher Müdigkeit, mit ganz ausgeweidetem Herzen, in ein Auto, nannte sein Rasthaus. Dort war eitel Beutelust im Frack. Die Fürstenappartements bereit, wie für einen Rhadja. Funkspruch, Jacht, Dienerschaft hatten gewirkt. Der Rasthaushälter schmolz herbei, gerann aber säuerlich, als Mr. Elcho erklärte, den Nachtexpreß nach Paris nehmen zu wollen. -- Nein, danke, er brauche nichts -- jetzt nur ein Bad, und, da sie schon bereitet waren, die Fürstenappartements, bis der Zug ging.

Ganz still saß er später in dem grellerleuchteten Bazar des Irrsinns -- stundenlang still. Er hatte noch nie ein Tapetenmuster gesehen. Und dann geschah es, daß er aufsprang, und es kam diese, eigentlich ganz nebensächliche Entladung. Er begann nämlich an all den verklemmten Schubfächern zu zerren, die unter Spiegeln und überall rechts und links in allem Möglichen staken, rüttelte wie ein Besessener an ihnen, wie ein Berserker, bis sie es aufgaben -- aufgingen -- Inhalt vomierten: lauter Stückchen. Abgebrochenes. Leisten, Ecken, Aufsätze vom Leib des Muttermöbels waren in ihnen aufbewahrt. -- Da klopfte es -- die Rechnung. Eine Uhr schlug irgendwo Mitternacht. Der große Geburtstag war eigentlich soeben aus.

Lange Illusionen aber kennen nicht Geburts-, nicht Sterbetag -- nur Sterbejahre.

* * * * *

Den Sonnenaufgang feierten also auch die Europäer mit einer Devotion, leiteten mit ihr den eignen Tag ein. Es wunderte ihn nicht, beruhigte ihn vielmehr wieder.

Gleich am Morgen im Ritz sah er jeden einem mächtigen weißen Blatt voll Schrift sich neigen und -- noch ehe er Tee eingoß -- ganz darin versinken, wie in Gebet. Die Devotionalien selbst aber mußten -- das gefiel ihm besonders -- immer leuchtend frisch gereicht werden. Abgenütztere wiesen alle jedesmal mit Zeichen des Abscheus weit von sich. Zweimal täglich, so um Sonnenauf- und Untergang herum, spielte sich dieser Vorgang ab. Auch auf Straßen, in Cafés; war also wohl ein verwandelter, dem Stadtleben angepaßter Naturkult: die großen Blätter Sonnenhymnen, Gebete zum Seelenaufgang gleich dem: _o mani padme A. U. M._, mit dem der Hindu seinen Tag beginnt. Sie lauteten in allen großen Sprachen, wie es schien. Eine allgemein europäische Andacht somit.

Auch er ließ sich andern Tags im Ritz eine Morgenhymne reichen. Sie war französisch: »_Le Matin_«. So hatte er denn richtig vermutet.

Und hub an:

»Von günstigen Winden gebläht, segelte das Ministerium munter von dannen ... doch ungeheure Erregung hat sich seit gestern des ritterlichen französischen Volkes bemächtigt und droht ... falls nicht Frankreichs berechtigte Interessen im nahen Orient ...

Der deutsche Harn:

Dem eminenten französischen Forscher M. Forest ist es gelungen, die seelische Minderwertigkeit der deutschen Rasse auch chemisch nachzuweisen. Der Deutsche, der nämlich dem subdiaphragmatischen Typus angehört, einen Quadratschädel, kurze, grobe Hände und Plattfüße hat, führt auch in seinem Blut mehr weiße und weniger rote Blutkörperchen als der Franzose. Derart ist es kein Beispiel zivilisierter Nationen, das ihn ändern kann, denn wie sollte dieses auf Hyperchesie und Bromhydrose, die ihn kennzeichnen, und auf seinen außerordentlich toxinhaltigen Urin Einfluß haben?«

Er überschlug ein paar Spalten.

»Gerichtssaal: Exbräutigam klagt auf Rückgabe des Hochzeitsgeschenkes: eines neuen Gebisses für die Braut, weil diese die Verlobung gelöst. Die Beklagte verweigert die Rückgabe mit dem Hinweis, das Gebiß sei ein Geburtstagsgeschenk aus der Zeit vor der Verlobung. Letztere habe sie aufgelöst, weil der Kläger mit der fünfzehnjährigen Nichte der Beklagten ... Das Gericht beschließt ... neue Zeugen ...

Bridge-Tee am Dienstag bei Mrs. Payn-Whitney ...

In dem reizenden Appartement der Rue X ... anwesend waren ...

Der Doppelmord in der Rue Cambon.

Grauenhafter Fall von Kindermißhandlung.

Kasseneinbruch ... Vergiftet aufgefunden ... Die Prostituierte Madeleine B. ... Explosionskatastrophe.«

Er griff nach einem deutschen Blatt:

»Wenn auch das Ruder des Staatsschiffes in allzu nachgiebigen Händen ... so wird doch der deutsche Aar ... wehe ... mit der tiefgehenden Erregung des deutschen Volkes zu rechnen ... falls nicht die berechtigten Interessen des Reiches im nahen Orient ... Schwere Degenerationserscheinungen in der französischen Rasse ... Geburtenrückgang.

Der Raubmord in Moabit ... Das Martyrium der kleinen Luise. Kasseneinbruch ... Erhängt aufgefunden ... Die ledige Dienstmagd ... Magazin in die Luft geflogen ...«

Er nahm ein Italienisches:

»Endlich mußte das Ministerium die Segel streichen ... die noble lateinische Rasse ... in heiligem Egoismus ... tiefe Erregung ... falls nicht Italiens berechtigte Interessen im nahen Orient ...

Wegen Urkundenfälschung verurteilt: Ein österreichischer Staatsangehöriger. Der Fetthändler Kovacs mit zwei italienischen Geschäftsfreunden forderte in einem Champagnerlokal der Galleria Vittorio Emanuele weibliche Gesellschaft. Sie ließen die junge Artistin Gilda Degrassi aus der Wohnung ihrer Mutter holen und verfielen während des Gelages darauf, die Jungfräulichkeit des Mädchens zu versteigern. Der Fetthändler Kovacs trug schließlich den Sieg mit 5000 Lire davon. Er stellte auch gleich den Scheck aus und übergab ihn dem Mädchen. Damit dieses aber »nachher« das Geld nicht beheben könne, fügte er dem Datum eine falsche Jahreszahl bei. Das Mädchen bemerkte dies am nächsten Morgen, korrigierte selbst die Zahl und behob das Geld, worauf Herr Kovacs gegen sie die Anzeige wegen Urkundenfälschung erstattete ...

Vater, Mutter und vier Geschwister erstochen! ... Lustmord an der sechsjährigen Emilia O. ... Bankraub per Automobil ... Mit aufgeschnittenen Pulsadern fand man.

Kesselexplosion! ...«

Jetzt das große Englische:

»_The government's position ... unable ... great nation ..._

Der australische Tennischampion in London ... _Prime minister's Golf_ ... Beethoven II, die Blüte englischen Pferdefleisches ... versagte ... allen Freunden des edlen Rennsports ...

_King's bench division_: Lady Sarah Sackville gelingt es, zwei Ohrfeigen ihrem Gatten nachzuweisen ... Zeugen sagen aus ... _his Lordship_ ... _decree nisi_ ...

An einem Schweinsdarm im Hofe erhängt aufgefunden: Aus Furcht vor Züchtigung versteckte sich der vierzehnjährige Schlächterssohn Harry S. hinter einem Faß voll Därmen, und als Entdeckung drohte, griff er, in Ermanglung eines Strickes, nach einem Darm und erhängte sich an einem Nagel. Er hätte an diesem Morgen sein erstes Kalb schlachten sollen, zeigte aber von je eine ganz krankhafte Abneigung gegen seinen künftigen Beruf. Durch vernünftige Strenge hoffte der bedauernswerte Vater dieser kindischen Verstocktheit (_stubbornness_) und Schwäche Herr zu werden. >Ich wollte eben einen Mann aus ihm machen,< sagte er unserem Berichterstatter, >wo käme die Nation hin ...<

Der Raubmord in Sussex.

Im Hydepark verhungert aufgefunden: ein alter Mann mit einem Zylinder ...

Deutsche Greuel an afrikanischen Eingebornen vor dem Reichstag ... _stock exchange_ ... _liver pills_ ... _beecham's pills_ ...

In die Luft geflogen ...«

* * * * *

Sir Osmond Cadogan reichte ihm das »Echo de Paris« herüber.

»Vielleicht interessiert Sie dieser Artikel anläßlich der heutigen Reprise in der >Renaissance< ... falls Sie die große Tragödin in dieser Rolle noch nicht gesehen haben. Oh, es ist sehr wunderbar« ...

Dann versteifte sich der rosa Greis, stand steil und fassungslos. Was war denn diesem goldäugigen Exoten auf einmal geschehen, dessen Allüren, ihn gestern so getroffen, daß er eine Anknüpfung gesucht? Grüner Ekel sah ihn ja da an, doch wieder viel zu groß, um noch persönliche Beleidigung zu sein. Solche Leute von Übersee, trugen sie auch, wie dieser, einen noch so guten Namen, letzte Kultur und Gesittung ließen doch immer ein wenig zu wünschen übrig. Zur Beruhigung griff er seinerseits nach der »Morning Post«, die jenem entfallen war. Bald kehrte ihm altes Behagen zurück:

»Lady Sarah Sackville gelingt es, zwei Ohrfeigen ... An einem Schweinsdarm im Hofe erhängt ... deutsche Greuel ... Golf ... _liver pills_ ... In die Luft geflogen ...«

* * * * *

Abends fuhr er allein zur Vorstellung. _Place Vendôme_--_rue de la paix_--_rue des petits champs_--_avenue_--_boulevard_ -- schiefes Zick-Zack -- wieder _boulevard_: straßenlang aneinandergelehnte hilflose Unfähigkeit, mit ihren Kilometern unbenützbar angequetschter Balkönchen, holperte gesimseschief die Autoscheiben entlang. Der Träumer seines weißen Traumes umformte -- hinter gesenkten Lidern -- mit seinem Raumsinn indessen das Problem: Theater.

Er kannte bislang nur die antike, von Süden vereinfachte Lösung: ein Ring aus kristallinischem Stein, geschlossen gegen das bröcklige, pfützenweiche, amorphe »Draußen« und was dort sich abzappelte, abschmatzte, anspie und verreckte, noch ohne Stern -- Achse -- Persönlichkeit -- Schicksal. Drinnen: konzentrische Marmorrillen, glatt, nur schauender Augen voll, in einem Eierstab lebendiger Köpfe. Drüber: offener Zenith, querdurch zuweilen Vogelflug, sich abbildend im Inneren des Ringes als springender Schattenball oder dunkler Strich von nichts zu nichts. Im innersten Ring ein kleiner Marmormond für sich: der Chor -- Mittler zwischen Menge und Mensch. Auf der Bühne, durch Maske und Kothurn entrückt, die dramatische Person: Verdichtung ins Ungemeine von zehntausend Einzelleben, wie Blutwasser aus zehntausend roten Rosen über Feuer erst zu einem Tropfen Essenz gerinnt. Und das Drama: da ballt sich aus dem Leeren, in dem der Nichtige ungefährdet treibt, gegen den starken Ungemeinen das Trikymion auf: die dreifachen Brecher des Geschehens steilen sich ihm lautlos, wie einem Mond, entgegen.

Schon schwebt er über dem Ersten und in ein trügerisch gläsernes Tal. Dann siegend über den Zweiten -- glatte Weite blaut auf einmal vor ihm auf mit Glanz von Paradiesen; die Welt scheint auszusetzen, atemlos. Nur Persönlichkeit und Schicksal bleiben brütend gegen einander überhangen. Durch diese Pause im dramatischen Geschehen rast jetzt, als Satyr-Zwischenspiel, das Chaos; metallne Phallusse klirren, aus rotem Tieratem tauchen: elfenbeinerne Triangel, die leichten Schultern der Flötenspieler. Mit Huf und Horn galoppiert es, noch leerer Trieb, vorüber ins Leere.

Und abermals hebt das Drama an. Sammelt sich in seiner letzten Schwärze. Des Trikymions dritter Becher steigt auf, gleichsam herangesogen von dem Ungemeinen, das ihm entgegensteht, wird ein Turm -- ein Trichter -- ein glasig verdauender Mund -- und der geheimnisvolle Spiegel, den eine wundervolle Persönlichkeit durchbrochen, schließt sich wieder über ihr.