Part 8
Jenseits der kleinen Lichtung schwingen noch leise die Luftwurzeln der Banjanbäume mit, aufgeweht vom Wind der Fächer-Ohren, wenn sie um die geschlossenen Augen streichen. Ewig wache Rüssel aber umtasten wie in leiser Orgiastik die silberne Schwerelosigkeit der Nacht. Da reckt Rama-Krishna den seinen weit -- mit dem schönen Schwung eines weisenden Frauenarms. Steht still. Hat träumend die Herrin erfühlt. Und die zu Tragende erwartend, bricht er lautlos in ein mächtiges Knie -- das andre zart gespreizt und vorgeneigter Schulter --: leichte Leiter für die leichte Last, die er so manche Tage nun schon über Land getragen; und endlich hier herauf die duftenden Terrassen bis unter den Gipfelkopf des heiligen Bergs.
Daß es jetzt zu steil würde für ihn, zu schmal für seinen Bauch, daß er und die andern Reitelefanten bei dem Mahaut mit dem Ankus zurückbleiben sollten, das konnte er nicht wissen, wiewohl er ein Weiser war unter den Weisen.
Gargi, die ihn so dienen -- knien sah, schlang die Arme um seinen Hals, steckte ihm ein Lianensträußchen hinter den Ohrenfächer, ein langes Zuckerrohr aber in die ganz und gar dumme Säuglingslefze. --
Dankend schmeichelt die Rüsselspitze -- wie eine Hand voll Geist -- um ihre unbegreiflich edeln Arme. Ein Wink heißt Rama-Krishna sich in die Höhe richten, dann nimmt der Banjanschleier die Herrin auf; Luftwurzeln rinnen hinter der Diaphanen zusammen. Nur vom Zuckerrohr, dem saftsüßen, ist noch ein Stückchen da. Und wie es zergeht, zergeht auch die Persönlichkeit, an der die Welle des großen grauen Traums sich brach. Wieder einfallend in den Riesenrhythmus lebendigen Schlafes, schwingen im Mondlicht die vier wartenden Elefanten.
Zwischen drei Fackeln steht der Schikari Aditja. Zwei brodeln grün aufwärts in die Mangroven. Drunter hängt sein weißer Turban: eine phantastische Ampel im Schwarzen über schwebenden Elfenbeinäpfeln: den Augen. Der dritten schräggesenkter Schein beleckt einen Klumpen metallner Eheringe an den Wurzeln seiner ausdrucksvollen Zehen. Jeder Ring ein ineinandergeflochtenes winziges Paar: das Männchen Messing, das Weibchen Silber. Jedes eine neue Liebesverschlingung; alle von grandioser, übermenschlicher Unanständigkeit. Zwischen Turbanampel oben, Zehenringen unten ahnt man, als Schweifendes, den sehnigen Jägerkörper aus verdichteter Nacht.
Sie steigen ins Steile -- jeder mit seiner Leuchte; der Schikari voraus auf trocken schmalen Sohlen, fegt Flammen ins obere Dunkel, aus dem, treibt Hunger sein Eingeweide, der Panther sich zuweilen auch auf Menschen niedertropfen läßt. In Pausen stößt aus Aditjas Kehle etwas wie gezischter Vogelschrei: verwildertes, gleichsam bewaldetes: heiii -- -- heiiiiii! Damit die Giftwesen unten rechtzeitig zur Seite schmelzen können, was durchaus in ihrem eignen Interesse gelegen ist. Denn wozu schwer nachzuschaffenden Betriebsstoff an Beute verschwenden, bei der ein so dickes Ende nachkommt, daß an gedeihliches Verdauen doch nicht zu denken ist. Kein realer Fond in der Unternehmung. Mit steigender Höhe wird der Boden härter, Aditjas »heiiii« schütterer, bis es ganz erlischt.
Stille hängt -- ein schwarzer Kessel -- über den Dschungl gestülpt. Lautloses Schicksal geht suchend durch die Finsternis mit phosphoreszierenden Lichtern. Niemand schläft, niemand gibt Laut. Nur dumme Papageien dösen irgendwo oben vor sich hin. Manchmal ratscht ein Halbwüchsiger aus seinem Angsttraum eine Formel herunter, oder ein ganz Alter, der es an der Leber hat, versucht mit dem Nachbar unzeitgemäße Betrachtungen: dann ein Hacken Horn auf Horn. Und immer muß er recht behalten. Auch gegen die Wildkatze. Unten räumt man ihm schon den Bauch aus, und oben spricht er noch. Endlich ist sie im Menü so weit, beißt ihm das letzte Argument in die Kehle zurück, und alles atmet auf.
Wieder steigt Stille im Dschungl bis zum Bersten. Schweifende Formen entschälen sich dem Dunkel, schmelzen zurück, treten ins Blut; einbezogen, zugehörig wird der Mensch auf göttlichem Umweg Tier.
Kleine, harte, vielgestaltete Herzen klopfen nach innen hinauf in die gesteigerte Stunde des Lebens vor dem Tod. Wollüstiger Irrsinn der Angst, Seherschaft der Angst, seidne Pracht des Sprunges und der Flucht: Kuß, Biß, Hunger, Mord, Liebe, geballt wieder zu einziger, zitternder Intensität. Täter und Leider: Genießer beide. Worte erhalten Ursinn zurück als wilde Krone: Gegen--stand, Hingerissenheit -- Besessenheit.
Es lauert aus den Nieren der Dinge.
Unter dem Gipfelkopf rasten sie, vogelhaft eingehüllt in Grün. Pflanzen lecken ihre Hände mit fleischigen Zungen. Irgendwo aus einem Felseninnern kommt dunkles Dröhnen, vage Erregung vieler Körper. Als zitterten Metalle und Menschen im Berg. Aditjas spitze Ohren zucken auf, wie bei einem träumenden Schakal. Dann, sein flimmerndes Gebiß entblößend:
»Rhodias Sahib. Es ist die Nacht der Shivatänze.«
Horus erhob sich, angesogen von ziehendem Tumult. Fühlte sich nicht gehen, eher gleiten als Nadel ins magnetische Feld. -- Ließ es geschehen. Denn es lag im Gefüge seines Karma, an nichts vorbei, durch alles hindurch zu streben aus einer hochgemuten Art heraus, denn: Gargi und das Haus Elcho hielten ihn, zwei Polen gleich, blanker Sohle zu schlendern durch die Willkür jedes Sudels.
Bog Schlingranken vom Eingang. Ihre Laternenblüten, weich wie Kinderhaut, bestäubten ihm Schulter und Brust. Trat ein. Die Gongwelle schlug ihn fast um. Fackeln in Ringen atmeten gelbwehendes Messing über die Felsenwände. Doch blieben dort und da quecksilberne Lachen von Nacht, in die des Jasmins wächserne Ketten als Senkblei verschwanden. Ihr Duft überredete gleich einer Frau. Mit den Armen schwamm er hindurch.
Fiebrig Männliches aus geröstetem Hanf traf seinen Atem. Bläulicher Aasgestank stieß von irgendwo in den Ritus. Auch das Saure von Metall, anliegend Menschenkörpern. Wie Meer gekrümmte Rücken wogten ringförmig um ein Piedestal. Ring in Ring, Welle hinter Welle: ölig -- nackt. Die Gesichter unsichtbar, bodenwärts zugekehrt einem Zentrum: Shiva. Schneeweiß, entrückt, ascheübergossen hockte der Gott. Neben ihm sein Stier Nandi. Vorn, aufgereckt aus Palmenmark: Durga, die fischäugige Gattin. Durch ihren herrlichen Tigermund geht querhin ein wagrechtes Schwert voll Blut.
Horus fühlte einen Atem aufrecht neben sich. Mit hochausgeschnittenen Zügen, ein schöner Ephebe, wohl Fremdling so wie er in dieser Höhle, sah auf die gierbereiten Rücken aus Augen, blauschwarzer Gedanken voll. In Sehnsucht und Verachtung. Jetzt stiegen die Gongs zu einem Taifun. Auf seiner Spitze brach ein Riß durch die Rückenwellen, als wirbelten Trichter aus Fleisch: jeder zweite konzentrische Ring warf sich um seine Achse herum. Rücken sog sich nun an Rücken fest, zu einem obszönen Bogen. Obszön, denn es war kein wählendes Auge an ihm. Jeder Mund verbiß sich in einen Mund, der nicht zum Leibe gehörte, mit dem er in blinde Vermischung fiel. Hanf, Jasmin, Aasgestank trieben durch die Nüstern Unzucht miteinander. Eine Pause, und aufgetrieben von metallenem Geheul, warfen die verfleischten Ringe sich aufs neue blind herum. -- Aus dem Schweif des Auges erkannte Horus, daß der schöne Knabe mit den hochausgeschnittenen Zügen nicht mehr an seiner Seite war. -- Jetzt, inmitten der Orgie, sah er auch die Köpfe der _outcasts_: der kastenlosen Rhodias. In rassigen Tierkörpern allerhand rasselose Menschengesichter, schlechte Nasen, schief, flach -- noch von keinem edlen Atem hochgewölbt. _Outcasts_ eben, die das züchtende Joch der Kaste auf sich zu nehmen unfähig geblieben.
Mit kalter Schulter drehte er dem Ausgang zu. Unerregt, kaum angeekelt, so fern diesen in seinem klaren Blut. Ein Queres vor dem Eingang ließ ihn stocken. Da lag der schöne, leidend stolze Knabe der Schlingranke vermählt. Erlöste sich in einen ihrer fleischig zarten Kelche, indes sie: eine androgyn Geliebte, aus drei Blüten sich ihm in Mund und Hände als golden-mildes Mehl ergoß. Sanft -- fast andächtig stieg er über ihn hinweg.
Feiner Schauder der Frühe erhob sich gipfelwärts. Kleiner, intensiver wurden alle Dinge hier oben. Greller, herber. Gerannen zu Klumpen Herzblut an den Rhododendren. Nur Deodar-Zedern stiegen noch hoch auf, und abgeplattet im Himmel lagen die ringförmigen Federsterne der Araukarien.
Es roch nach der Essenz Gottes.
Leichte Schritte lebten auf, verdichteten sich aus allen Richtungen der Pyramidenspitze des heiligen Berges zu. Ein Pilgertag. Stimmen silberten in Lachen, das ein tönendes Lächeln war. Aus Büschen streifte ein Nachtpfauenauge hervor oder das Samtgesicht einer Frau. Von überall feine Wesen, ein Kind auf der Hüfte, waren die ganze Nacht gestiegen und doch wie unbeschwert auf ihrem Sandalenfächer, der nach den Zehen wunderbar abgestuft, die erste übertrieben von den übrigen schied, so daß Spitze, Ballen und Innengeburt der Ferse eine Gerade zu bilden gezwungen waren. Neben Schmäle von Schenkel und Knie das Geheimnis tropischen Frauengangs.
Noch ein paar Sprünge aus dem Moosigen ins Kahle und in den Tag. Denn schon trug hier oben die süße Brust der kleinen Vögel des Nestes Rundung entbunden durch die Luft.
Da erschuf sich mit Eins riesenhaft aus dem Leeren ein saphirner Kegel -- hing durchsichtig: wie geisterhafter, tiefblauer Kristall, an zwanzig Vollmonde groß, frei im Raum; den ganzen westlichen Himmel erfüllend. Blendend, beängstigend und unbegreiflich, als hätte ein sehr aparter und eigenholder Djinn geruht, sich einen Leib aus Äther und aus Stahl zu bauen. Schwebte ohne Ort -- hart, doch unirdisch, fast mit Händen greifbar und auch wieder an den Grenzen der Erdatmosphäre zugleich; stahlblauer aus-sich-selber-seiender Gott.
Bis, wie von Glanz befiedert, ein Büschel goldner Pfeile von der schwirrenden Sonnensehne her quer durch die Welt brach -- und in seinen Leib. Da, nach rückwärts auseinander weichend in immer weiteren, eisgraueren, durchsichtigeren Kegeln, schwand er, bis der letzte so groß war wie das Nichts.
Leicht aufschauernd sah Horus in das zerplatzte Juwel. Es war nur der Schatten des Gipfels gewesen, auf dem er selber stand, von der östlichen Sonne in seinem Rücken auf eine trübe Dunstbank geworfen, die jetzt zerrann. Nicht mehr fasziniert von dem westlichen Phänomen, merkte er sich auf einmal abgekehrt, arrhythmisch, in seiner Blickrichtung allein, denn alle andern neigten dem Lichte zu.
Da wandte sich auch er. Und im Augenblick des Querstands sah er die Menschen, alle flimmernd vor Aufgang, wie noch nie. Sah die ätherischen Lichtbündel von drüben in ihnen endend als Figur. Fühlte: so stehen können in freier Ehrfurcht ist alles. Ununterjocht von seinen Gliedern, in Gewändern edel und belebt. Begriff die _Ränder der Dinge_, begriff: wie sich etwas gegen alles andere, gegen das Gestaltlose abgrenzt, macht seine Berechtigung aus, da liegen Wert und Unwert der Persönlichkeit; und zu dem der Kontur jedes Wesens redet, der ist lebendig geworden an seinen Augen, der geht den Weg des Auges in das ewige Licht.
Sah Männer -- Frauen -- Kinder: jedes in geheimnisvoller Sonnenschrift mit dem Ende des Strahls auf ein Stirnblatt von Stoff geschrieben. -- In freier Würde, nobler Folgsamkeit gegen ein hoch über seine Einsicht hinausragendes Kräftespiel, glitt jedes an die gewiesene Stelle: reiner Buchstabe, gehorsam seinem Ort, auf daß mit seinem Leib das verborgene Wort aus unerschöpflicher Tiefe her sich bilde; auch jederzeit bereit, weggelöscht zu werden von der Tafel jener großen Sonnenschrift.
Ohne würdeloses Zappeln. Denn er hatte sie sterben sehen, diese Wesen aus dem Blut der Sonne -- wie oft: in Pest und Hungersnot. Wie sie die edelbewahrte Persönlichkeit, den wundervollen Kontur verließen, um lächelnd im Tod alles andre wieder werden zu können, und doch wuchsen ihnen kühne Paradiese hinter den schmalen Stirnen, und aus ihrer Mitte traten Gewaltige heraus, auf deren Wink die Zeit gerann -- zitternd stand -- oder zerfiel.
Er sah in diesem Sonnenaufgang an ihnen das tropisch schwerelose Mühen und Sterben als untrennbares Kontinuum gelebt. Sah in das wallende Gespinst aus Laubkronen, Vogelflug, Sonne, Küssen, Quellen, Atem den leuchtenden Todesfaden geschlungen: Ariadnefaden in die Freiheit; jederzeit wieder alles sein zu können: Blume, Tier, Licht. -- -- --
Wahn des Tuns fiel ab von ihm:
»Vielleicht ist Arbeit Sünde.« -- Der mit dem Aschenauge: sein verborgner Führer, wußte es gut: nichts berühren, was aus Arbeit stammt. Nur dort leben, wo die schöpferischen Wellen vieles Lebendigen durch uns gehen, das magische Fluidum aller freien Geschöpfe uns erfüllt und trägt wie zeugender Äther. Verwoben all diesen war er mit dem Blutnetz seiner ganzen wundervollen Jugend. Wußte es wie noch nie in diesen Tagen des Abschieds, da er reif und frei, auf festlich erhöhtem Deck, endlich hinübergleiten sollte zu den Wesen wie aus Schnee und Gold, in ihre weiße Welt.
Einen Augenblick sprang sein Herz an das Gitter des Entschlusses. Doch er hielt. Würde -- mußte halten, auch bei anderm Abschied noch: Erasmus.
Die Elefanten drehten heim. Da warf er sich aus dem Palankin von Gargis Seite flach nach vor -- nichts mehr vom Abschied sehen -- preßte das Gesicht zwischen die Stirnbuckel Rama-Krishnas, verging dort im Geruch von Met und Sand. Wie Tafft rauschten die zerfransten Ohren auf. Im luftigen Wiegen des Elefantenganges kamen und fielen rhythmisch in ihn die Jahre vor seiner Mutter Tod. Waren ein unaufhörliches Fest gewesen, als fühle jede Stunde sich gedrungen, ihre ganze Wahrheit auszujubeln. Fließende Steigerung, klarer Rausch schien auszugehen von den silbrig erweiterten Augen -- dem Schatten verhohlenen Drogengeruchs um die Nasenflügel der Nicht-Kranken, Nichts-Leidenden, nur immer Zarteren, als verwehe sie in Dekoktionen von Halmen und Gräsern, zwischen Ausbrüchen ihrer kindlich frohen, burschikosen, purzelbäumigen Lustigkeit. Es war etwas so Menschliches: dies Über-allem-Stehen, gab ihr den zeitlos-alterlosen Charme: -- hatte ihn gegeben. Nun lag ihre Asche im Fundament des Riesenrefraktors eingeurnt.
Langsam stieg er zum Kuppelraum und seinem Flügel auf, den Erasmus selten mehr verließ, seit dort, über Diana Elchos zerfallenem Herzen, das große Auge in den Raum wuchs.
Wie lang so eine Wendeltreppe war: ein ganzes Leben lang. Er stieg sehr still, denn viel kam er zu bitten. Ihm war, als zertrete er Geist mit jedem Schritt.
Kam, den großen Freund niederzuzerren aus dem Reich, wo man, der niedren Sorgen frei, »vermittelst eines unzerstörbaren Erzgefäßes aus den fünf Brunnen schöpft.« -- Auch hemmte ihn Erinnerung an etwas in van Roys Gesicht vor seiner Mutter Tod. So, als wöge ihn dieser mit den Augenschalen, ob er »es« wert. Irgendeinen verborgenen Preis wert, -- vielleicht war es Einbildung gewesen? Die Herzlichkeit im Geistigen hatte niemals nachgelassen -- Erasmus zog sich nur auf ein großes, jahrelanges Werk zurück. Duldete außer Gargi niemanden um sich. --
Horus trat ein. Etwas wie Glas und Schnee lag in dem stillen Kopf über der elastischen Gestalt. Sterngraue Augen sahen in seine goldnen. Sahen den Abschied. Er frug nicht, wie lang.
»Sei meinem Kind, was du mir warst. Solange ich fort bin.«
Erasmus wies um sich: »Ich habe noch so viel zu tun und vielleicht nicht mehr viel Zeit.«
»Sei Gargis Sohn, sei meiner Mutter Enkel, was du mir warst.«
»Geht Gargi mit dir?« -- Sah die Augenbrauen des Erstaunens, winkte lachend ab. Dann resigniert: »Es soll geschehen -- ich werde alles tun, so gut ich es nur irgend weiß und kann.«
Noch hatte er an Gargi nicht die Zumutung gestellt, um seinetwillen ihr Kind so lange allein zu lassen. Besonders, da Jü-Chuan, von der er Liebe, doch niemals Kinder so fremder Rasse sich gewünscht, nach China heimgekehrt war, um eines Jugendfreundes erste Frau und Mutter seiner Erben zu werden. --
Da nahm sie die Pein des Wortes von ihm. Dem ungeheuren weißen Dasein endlich so nah, war er in seliger Versunkenheit zu den Kraftanlagen, dann durchs Haus der Elchos gewandert, vom Orgel- bis zum Statuensaal. Blieb, das Wesen der Pallas und Nausikaa im Blute, wie grüßend vor einer Kore stehen: »Bald werde ich dich leben spüren.«
Da rührte ihn eine Stimme an -- ganz zart:
»Darf ich sie suchen helfen?«
Er beugte sich über ihre lange Hand: »Meine liebe Gazelle.«
Zweites Buch
Europa nahte.
Durch schweren Nebel pflügte sich die Jacht Marseille entgegen. Nur draußen vor Aden hatte sie Kohlen eingenommen. Orient zum letztenmal.
Wie losgelöste Stücke rotbrünstiger Klippen, waren ihr von der Steilküste nubische Knaben entgegengesprungen in eine kobaltblaue See; zwischen den Lippen Dolche und auf ihre feuerfarbnen Schöpfe festgebunden Amphoren aus buntem Strohgeflecht, gefüllt mit lieblich freien Dingen handwerklichen Spiels. -- Man hatte die Knaben beschenkt, doch nicht jäh entlassen, so dankten ihre Körper durch Tanz auf der Violinenbrust des Decks; warfen aus blanken Gliedern empfangene Freude den Spendern zurück.
In der Reeling spiegelten sich, metallisch ins Messing gewölbt, breite Nilaugen, wie nasse Kastanien braun und weiß, und Hennarot schroffer Schöpfe.
Ganz nah um das Schiff stürzen pausenlos, in goldbraunen Ellipsen die Falken von Aden. Ihre schrägen, jähen, stets geschlossenen Kurven scheinen ein neuer, rotierender, geisterhafter Körper im Raum, als dessen milchweißes Herz die Jacht steht. Geruch durchsonnten Gefieders steigt und sinkt mit ihnen: paradiesisches Zimt, verbrannt auf Flügelaltären hundertfach.
Schwingt am Seil des Lichts einer der großen Körper schräg um den Bug, dann -- auf Armesabstand -- wendet der Blau-Bekrönte aus göttlichen Schultern heraus ruhevoll das Haupt. Sieht lidlosen Auges golden in das Auge der Menschen.
Dann steht sein Flug und in ihm die Zeit. An einem Faden Licht hängt er vom Scheitelpunkt der Ewigkeit herab, mit gebreiteten Schwingen aus stillem, schwerelosem Stein.
So also: hellgesäumt, sich myrtenblättrig überlappend steigt das Gefieder auf von Hals zu Haube. Zweihundert Federchen -- dreihundert -- dreihundertvierzig. Nein, nur genau. Noch einmal zählen. -- Da schlägt ein Augenlid die Zeit. Schwächlich, menschlich.
Hochmütig und befremdet ab kehrt sich der starke Vogelblick. Schräg ins Geschehen schlagen wieder Schwingen und verschwinden.
Die Flugbahn eines mächtigen Sperbers war immer wieder vor dem Bugspriet knapp an Gargi vorbeigestrichen, die, von mondsteinfarbnen Schleiern umweht, ungeblendet im fließenden Licht stand. Jedesmal in Herznähe wandte sich der große Vogel, sah grell in den unbegreiflich sanften Samt ihrer Augen. Sie rief ihn an. Bog das nächste Mal ganz sich ihm entgegen; warf ihren Schleier nach seinem Hals. Das erschrockene Tier hackte zu, durchstieß mit Schnabel und Kopf das dünne Gespinst, und so, umwallt von dem Schleier der Frau, stieg es und trug ihn, sich steiler und steiler schraubend, immer neue Sphären aufreißend, in einen lotrechten Trichter von Licht.
Sie sah ihm nach, verzückt zurückgeworfen. Hochgereckt zum Flug: auf federndem Zehenfächer ein befiederter Pfeil.
Da griffen gewalttätige Hände von rückwärts um sie.
»Man streut Mythen aus!«
Hart und geschickt senkten sich zärtliche Fangzähne um die Knöchelchen ihres langen Nackens. Dann -- sanft schnurrend -- eine Pranke auf der Beute, löste Horus seinen Biß aus dem Schmelz von Gargis Haut. Dort blieb die zweiunddreißigzackige »Perlmuschel«: sein Privatsiegel.
Im Roten Meer ließ er sich den Kapitän kommen:
»Sie vertreten mich, bis der Kanal passiert ist. Port-Said, Suez, nur den nötigsten Aufenthalt. Sind wir im offenen Mittelmeer, so melden Sie es in meine Kajüte. Dann täglich das Logbuch, sonst nichts bis Marseille.«
Der Japaner nahm die Papiere, verbeugte sich. Er aber schritt -- ehrfürchtig fast -- die leichtgedrehte Treppe abwärts. -- Der Geburtsweg! Treibt es mich das nächste Mal aus diesem milchweißen Bauch, ist es in unerhörtes zweites Leben hinein, wie es wenig Sterblichen vergönnt. Dann reißt mir die Eihaut des Auges vor der weißen Welt. Ganz und auf einmal. Kein gottverbotenes: »allmählich« für mich -- -- ho ho, nicht für mich.
Er schlug den Blick zurück: jugendwärts; küßte mit den Wimpern die Erinnerung, Diana Elcho. Wand sich genießend langsam die Treppe hinein, wie in eine Schraubenmutter. Von Holz zu Holz, dem starken, reinen, messinggesäumten, sank er; aus seinem Herzen aber stieg es noch immer wie ein Faden Licht, hing ihn an den innersten Trichter Gold, den unbeirrbar aufkreisend der Sperber, von Gargis Schleier umwallt, lotrecht über ihm in den Scheitelpunkt der Bläue eingekerbt. Als letztes Bild aus dem früheren Dasein wollte er dies hinübernehmen mit sich in die neue Verkörperung.
Versiegelte dann seine Sinne für alles Droben und Draußen, sammelte sich in Ehrerbietung der ungeheuren, weißen Freude entgegen. Das Werk für diese äußersten Tage lag längst bereit. Er schlug es auf: A. Einstein, »Zur Elektrodynamik bewegter Körper.«
* * * * *
Die Maschine stand.
Ächzen der Taue von einem starren Drüben. Die Eingeweide der Jacht schoben sich schief. Noch ein paar Schraubenwirbel nach rückwärts. Sie lag Europa an. Die Schenkel hatte er sich auf den Stuhl niedergepreßt, mit Griffen wie Klammern, diese letzte halbe Stunde, jetzt flog er hinauf, sprang hinüber: alles zu erleben mit ausgebreiteten Armen.
Stand in Europa.
Fühlte sich an diesen liebeeröffneten Armen beiderseits gepackt. Fahler Gestank nach toter Haut unter schweren Stoffen traf ihn aus den Ärmeln zweier Geschöpfe heraus. Sonst staken sie bis zum Kleinhirn fest in hartem, schmutzigdunklem Gewebe und vielen Metallknöpfen an der Leber. Auf dem Kopf stand ihnen ein zweiter Kopf aus finsterem Blech mit Schild und einer Nummer.
»Halt -- verboten. Erst die Hafenpolizei, -- zurück!«
Irgendwo schlug es Mittag. Da barst über der Erde ein Geheul, johlend vor böser Länge -- klagender Wut. Es war wie das hoffnungslose, tote Geheul, mit dem ein Unding sich selbst bejammert.
Ganze Beete von Sirenen vomierten ihre schrillen Trichter in eine Wunde aus widerwilliger Luft. Die Arme sanken ihm. Er blickte auf. Dunkle Schwaden schwimmenden Kotes hingen in der Atmosphäre. Die Technik benützte den Himmel als Kloake der Zivilisation. Kanalisierte ihre Exkremente verkehrt in ihn hinauf -- reduzierte sein Blau zur Latrine.
Zurück eskortiert, stieg er noch einmal in den reinen Leib seiner Jacht hinab, hinter den zwei Blechköpfigen drein. Jetzt nur kein Nachgrübeln, was denn diese beiden unter Europäern zu suchen hatten, deren Rasse sie doch nicht angehören konnten; lieber gut anschauen. Eigentlich war da nur ein Streifen Haut im Nacken übrig; wo der harte Stoffring dran rieb, hatte der eine ein aufbrechendes, der andre ein abheilendes Furunkel. Sonst war rückwärts nichts Lebendiges an ihnen frei sichtbar.
* * * * *
Der Japaner hatte alles geordnet, man durfte da sein.
Diesmal schob sich draußen an Land ein amorpher Lebenshaufen umher.
Stumme Klumpen hatten sich von ihm gelöst und vor der neuen Jacht mit ihrer rein asiatischen Bemannung gestaut -- in merkwürdig vag geballter Mißgunst.
All diese Wesen schienen es noch zu keinem einheitlichen Körper gebracht zu haben. Sahen irgendwie aus, als trüge jeder die ausrangierten Gliedmaßen eines andern auf: fremde Beine in eignen Hosen, und diese wieder unpaar. Sammler von Organteilen ebenso gemischter als einwandvoller Provenienz. Auch an Kolorit: bräunlich, gelblich oft, manchmal violettgesprenkelt, meist aber wie mit fahlem Eiter statt Blut gefüllt, erschien die Haut.
Wer mochten diese mißfarbigen Barbaren sein?
Sie schienen sich ihres trüben Baues jedoch keineswegs bescheidentlich bewußt, zergafften vielmehr mit hämischer Überheblichkeit das rhythmische Arbeiten der gelben Matrosen. Als jetzt die beiden morgenländischen Gestalten auf dem Landungssteg erschienen, brach der Haufe, ohne ersichtlichen Grund, in ungezogenes Gebaren aus. Der Japaner näherte sich, und hinter dem gelben Tarnhelm seiner Gesittung hervor: