Die Kegelschnitte Gottes

Part 7

Chapter 73,561 wordsPublic domain

»Bangt dir nicht, mit einem Fremden so in die Ferne zu gehen, seidnes Wesen? Was weißt du denn von mir?«

Ihr ganzer junger Körper war sanftes Erstaunen. Vor Erstaunen fielen die Schleppen ihrer Ärmel in Trichtern zurück von Vorderarmen: rund und durchsichtig, als wären es Röhrenknöchelchen ganz leichter Vögel.

»Da mein älterer Bruder schön, klug und gebildet ist, wie sollte er da nicht auch gütig, gerecht und vertrauenswürdig sein? -- Jü-Chuans Dank --« sie wurde ernst und bebte ein wenig; dann mit geheimnisvoll wollüstiger Verwöhntheit ohnegleichen:

»Ich will meinen älteren Bruder das >Geheimnis des Fußes< lehren und meine ältere Schwester >das Geheimnis der Blume Lan<.«

* * * * *

So kam »geflügelte Perle« in das Haus der Elchos.

Wie jede chinesische Dame mit Dichtern und Philosophen aus drei Jahrtausenden ihrer Rasse blutvertraut, zeigte sie sich beglückt, all diese in der Bibliothek des neuen Heims wieder zu finden. Neben Übersetzungen auch in der Ursprache.

Horus und Gargi kannten nur erstere. Sie baten:

»Lehr' uns die Kugelsprache. Doch nicht nur die hölzernen der Kulis, auch die aus Onyx und Elfenbein reihe auf für uns.«

Nun hob Jü-Chuans Vogelkehle aus jeder Silbe den inneren Lautwert, bestimmt, die Schwebungen des Herzens aufzufangen, und aus der Tusche ihres Pinsels kroch über Seide zugleich wie ein Geschöpf das Schriftbild aus, halb Raupe halb Kristall, in breiten Kurven, doch unsichtbar umeckt von solch konziser Kraft, daß sich das Leere rundum an ihm kantig stößt und wie ein Würfel steht. Nicht Urnen, Dämonen und Drachen, Chinas Plastik ist die Schrift. Erst Bild und Klang, verzweigt mit Rhythmus und Grammatik, faßt diese Sprache ganz; man muß sie sehen, um sie ganz zu hören, weil in ihr alle Künste sind und Geist geworden.

Wenn solchermaßen die seidne Vogelfee aufflog in einen tönenden Märchenbaum und aus der Krone seiner Weisheit sang, dann, nicht wie ein Gatte und Liebender nur, gern wie ein Schüler auch, wie ein Vater und Bruder, empfand Horus zu ihr.

Überaus leicht faßlich erschien Jü-Chuan, an chinesischem Maß gemessen, was die beiden andern als Tausch und Dank zu bieten hatten, doch etwas primitiv, um nicht zu sagen tölpicht auch. Nur die Chöre der griechischen Tragiker fanden Gunst vor ihrem winzigen Ohr, das als Quittenblüte am Lack der Haare saß. Nur hier war das Biegsame, das, zart und aderreich wie Geist, in unirdischen Lungen flutet, rot von Leben und stark nach Gesetz.

Gern verglichen sie die »Religion des guten Bürgers« oder das »Tao« mit Gotama Buddhas achtfachem Pfad und dem Vedanta.

Hier gab Jü-Chuan meist neidlos zu, daß »Sanskrita« mit Recht »die Vollendete« heiße, denn wo andre Zungen immer nur wieder hilflos das Wort »Seele« vor sich hin zu stammeln vermögen, steigt hier aus tieferer Versunkenheit die Fülle.

»Es ist an dem,« meinte Horus, »daß die Inder sich als eine lebendige Siebenfaltigkeit zu empfinden gelernt haben, an der jede Stufe fast kontinuierlich in die andre überleitet, wenn auch nur Ahnungen zu ihren drei letzten führen, mehr als Richtlinien, in denen die innere Entwicklung zu gehen hat.

Außen und zuerst ist nur ein aus Nahrung bestehendes Selbst. In diesem steckt wie in einer Kapsel das »Odemartige«, in diesem das Emotionelle: Liebe und Haß erzeugende, dann das manas- oder erkenntnisartige Selbst. In diesem endlich als Innerstes die drei Stufen des wonneartigen Selbst, von dem es heißt: »Fürwahr, dies ist die Essenz. Denn wer die Essenz erlangt hat, den erfüllet Wonne. Wer möchte atmen und wer leben, wenn in dem Weltenraum nicht diese Wonne wäre. Denn wann einer in diesem Unsichtbaren, Unkörperlichen, Unaussprechlichen, Unergründlichen den Standort findet, dann ist er zum Frieden eingegangen. Wenn er hingegen in ihm -- wie in den vier ersten noch eine Höhlung -- ein andres annimmt, dann hat er den Unfrieden. Es ist der Unfriede, der sich weise dünkt.«

»Ist dieses >wonneartige Selbst< ein Teil der Weltseele?«

Er stand auf, nahm ein Buch. Oft gebraucht, schlug es an rechter Stelle auseinander.

»Nein, geflügelte Perle, es heißt, das Innerste jedes Menschen sei nicht eine Emanation, ein Teil des >Brahman<: der Weltseele, sondern voll und ganz dieses selbst. Wer das erkannt hat, für den gibt es weder mehr eine Wanderung der Seele, noch eine Erlösung. Er ist schon erlöst, wenn Erlöstsein bedeutet: _Befreiung von der Notwendigkeit des Wahns, immer und immer wieder zu sterben_.« Und er las weiter: »Das Fortbestehen der Welt und des eignen Leibes erscheint ihm nur noch als eine Illusion, deren Schein er nicht heben, die ihn aber auch nicht weiter täuschen kann ...«

Des Lesenden Stimme wurde tief und ganz ruhig: »... bis nach Dahinfallen des Leibes er nicht wie die andern auszieht, sondern bleibt, wo er ist, was er ist und ewig war: das gestaltlose Prinzip alles Gestalteten, das seiner Natur nach ewige, reine, freie Brahman.«

»Dann haben eure Saddhus und Büßer,« meinte Jü-Chuan, »wiewohl sie Beherrscher innerer Kräfte zu sein vorgeben, das >wonneartige< Selbst noch nicht gefunden, denn die Sage geht, >sie strebten ihren Leib zu vertausendfachen, um in den einen Gestalten die Sinnendinge zu genießen und zugleich in den andern ungeheuern Kasteiungen obzuliegen<?«

»Gewiß, der Jogi erstrebt das >_tat twam asi_<: das bist du, die Befreiung vom Kerker des Ich, nicht in der Essenz, sondern noch in der äußern Illusion. Dieses Ringen der Meisterasketen mit den Göttern um Macht, daß Vismavitra droht, einen neuen Indra zu schaffen, es spielt sich alles noch im Schein ab. Sich vertausendfachend, will der Jogi das ganze Weltgespinst der Maja zugleich sein, leiden und genießen, alle _Dus_ in seinem _Ich_ vereinen. Versucht auch den schmerzlichen Druck jener Kette, die Karma heißt, dadurch zu verteilen.«

»Was ist Karma?«

»Von jedem Geschöpf sei wohl anzunehmen, meint hier der Vedanta, daß es in einem früheren Dasein viele Werke angehäuft habe, die zu _erwünschten_ und _unerwünschten_ Früchten gereift. Der ganzen Welt Geschehen in jedem Augenblick sind eben diese Früchte. Das ist Karma. Da nun der Jogi in die machtvoll erweiterte Schale seines Ich die Herben und die Süßen vieler Leben zugleich preßt, stumpft er mit der Süße der einen bittres Gift der andern, das sonst vielleicht unvermischt auf ein blindes, kleines Einzelleben gefallen wäre und es ganz zerfressen hätte, wie ein Tropfen Säure eine Ameise. >Joga< scheint mir in manchem ein mystisches Dju-Djuzu: Jongleur-Trick, sich den karmischen Druck zu erleichtern. Vom wahren Wissen aber steht: >es verbrennt die Werke und den Samen der Werke<.«

»Welches sind die Vorbedingungen für das Studium des Vedanta?«

Etwas befremdet sah er sie an: »Natürlich die gleichen wie beim >Tao< eures Lao-Tsu, oder dem achtfachen Pfad des Gotama Buddha: _Verzicht auf Genuß des Lohnes hier und im Jenseits_.«

Sie schwiegen. Dann bekam er sein glitzerndes, ganz junges Spitzbubengesicht. Neigte sich zur winzigen Quittenblüte im Lack:

»Die geflügelte Perle möchte nichts übereilen. Erst wer sich völlig ausgeliebt -- ausgehaßt, ausgeglaubt -- ausgezweifelt, kann den Weg des Vedanta beschreiten.« -- Dann mit einem fast väterlichen Wohlmeinen: »den Morgen seiner Inkarnationen genießen, dann als Grihasdha das Amt der Generation auf sich nehmen, erst das letzte Drittel des Lebens dem eignen >Brahman< weihen: mit Mantel und Schale in den Wald gehen, ein golden Geschlechtsloser, vollkommen Erwachter, Leidverlöschter. So befiehlt der Vedanta.«

»Befiehlt?« -- Aus dem Lotossitz, in dem sie wie ein zarter Buddha gekauert, erhob sich Gargi, die Hände im Schoß. Erhob sich aus sich selbst, wie ein wachsender Halm. Stand vor ihm. Sie hatte manchmal eine Art, vor Menschen zu stehen, das Haupt zu neigen oder ein klein wenig zu schütteln, wenn sie nicht ganz einverstanden war, mit geschlossenen Lidern, die lächelten. Um das zu sehen, widersprach er ihr bisweilen.

»Der Vedanta befiehlt nie, er belehrt nur.« Sie zögerte. »Seine Worte sind wohl viel zu groß für meinen Mund, doch möchte ich ihren Sinn nicht meinem kleinen Zufallsausdruck überliefert sehen. Ich glaube, es heißt dort: >Der Vedanta befiehlt nicht, er belehrt nur: ähnlich wie bei Belehrung über eine Sache dadurch, daß man sie dem Auge nahebringt. Darum werden alle Imperative, auf die Erkenntnis des Brahman angewendet, ebenso stumpf wie ein Messer, mit dem man Steine schneiden will. Denn das ist unser Schmuck und Stolz, daß nach Erkenntnis des Brahman alles _Tun-Sollen_ aufhört, sowie alles _Getan-Haben_<.

Wer in sein wahres Selbst einziehen will: das Seiende, Unzerstörbare, muß seine guten und bösen Taten draußen lassen.«

»Seine guten und bösen Taten draußen lassen, wie schön. Meine ältere Schwester soll weiter sprechen,« bat Jü-Chuan.

Und Gargi fuhr fort; so einfach, als kämen ihr eigne Worte, doch in jener unnachahmlichen Haltung wie zuvor.

»Weise und ohne Falsch und frei von Begier in dem Gewoge steht er als Schauender und ohne Zweiten, er, dessen Welt das Brahman ist.

Wahrlich, dieses große, ungeborne Selbst, das ist unter den Lebensorganen jener aus Erkenntnis bestehende selbstleuchtende Geist. Hier im Herzen inwendig ist ein Raum, darin liegt er, der Herr des Weltalls -- der Gebieter des Weltalls -- er wird nicht höher durch gute Werke, er wird nicht geringer durch böse Werke; er ist der Herr des Weltalls, er ist der Gebieter der Wesen, er ist der Hüter der Wesen, er ist die Brücke, welche diese Welten auseinanderhält, daß sie nicht verfließen.

_Wer solches weiß, den überwältigt beides nicht, ob er darum, weil er im Leibe war, das Böse getan hat, oder ob er das Gute getan hat._

Ihn brennet nicht, was er getan und nicht getan hat.«

»Wie aber verbreitet sich das Gute in der Welt der Sinne: des Scheins, die doch seiner noch bedarf, haben die Erleuchteten es längst vergessen?« frug Jü-Chuan.

»Dadurch, daß sie sind. Wie beim Mangobaum, den man der Früchte wegen pflanzt, Schatten und Wohlgeruch daneben herauskommen, so kommen bei Entfaltung der Seele die nützlichen Zwecke in der Körperwelt daneben heraus.«

* * * * *

Die jungen Frauen hatten die Bibliothek verlassen. Horus zögerte noch. Ihn drängte, ein paar Bücher an ihren Ort zurückzustellen. Wie barbarisch abgehackte kleine Glieder kamen sie ihm vor, so quer und verloren hingestreut, und der lebendige Leib der Wand verstümmelt ohne sie.

Wie er so lieb mit ihnen hantierte, über das Korn des Leders, die braunen Rücken, gewölbt vor Klugheit, strich: getastetes Plaudern, bis jedes wieder in seinem Häuschen stand, fiel ihm von ohngefähr an entlegener Stelle ein unbekanntes Buch in die Hände. Verwunderlich schien das keineswegs. Erasmusens und seiner Mutter Interessen waren zahlreich und verschieden genug, um ihn selbst noch kaum berührt zu haben. Er öffnete es eigentlich auch nur, weil es so schwarz, dick und auf dem Rücken ohne Titel war. Durchblätterte mechanisch lange, dünne, engbedruckte Seiten. Erstaunlich bösartige, ja flegelhafte Sentenzen stießen allerorten wie unsaubre Fäuste nach ihm: »Der Herr wird dich schlagen mit Feigwarzen, mit Grind und Krätze, daß du nicht kannst heil werden.«

Er staunte: »Ich weiß zwar nicht, was Feigwarzen sind, aber es wird schon danach sein.«

»Der Herr wird dir die Pestilenz ...« nein, weiter --

»Der Herr wird dich schlagen mit Darre, Fieber, Hitze, Brand, Dürre, hitziger Luft und Gelbsucht und wird dich verfolgen, bis er dich umbringe ...«

Instinktiv hielt er das Buch weiter von sich ab, als zum Lesen unbedingt erforderlich.

»Verflucht wird sein die Frucht deines Leibes, die Frucht deines Rindes, die Frucht deiner Schafe verflucht ...« Eine ganze Seite lang. Aber wozu der ganze Gallenerguß? -- »Der Herr wird unter dich senden Unfall, Unruhe, Unglück, bis du vertilget werdest und bald untergehest, um deines bösen Wesens willen _und daß du mich verlassen hast_.« --

Ja, hörte denn dieses offenbar senile Keifen nicht mehr auf? Wer war überhaupt dieser dubiose »_Herr_?«

»Und des _Herrn_ Zorn ergrimmte zur selbigen Zeit, und er schwur und sprach: >... ich, der _Herr_, dein _Gott_, bin ein eifriger Gott<.«

Wie? -- Ein _Gott_? -- Mit schlechten Manieren, der fluchte -- _bad language_ gebrauchte? -- Es gab also einmal irgendwo eine Barbarenhorde, die sich ihren Gott so vorgestellt? -- Wie aber war es denn, wenn sie ihn nicht »verließen«, ihm »folgten«? Das mußte doch auch bisweilen vorkommen. Er suchte und fand. Nun ward es ethisch aber noch bedeutend anrüchiger:

»Wenn dich der Herr, dein Gott, bringen wird in das Land und geschworen hat, dir zu geben: große und feine Städte, die du nicht gebauet und Häuser alles Guten voll, die du nicht gefüllet hast, und ausgehauene Brunnen, die du nicht ausgehauen hast, und Weinberge und Ölberge, die du nicht gepflanzt hast ...«

»Ah -- da staun' ich,« dachte Horus belustigt.

»Und sie führeten das Heer wie der >Herr< geboten und erwürgeten alles, was männlich war. Dazu die Könige der Midianiter erwürgeten sie samt ihren Erschlagenen und nahmen gefangen die Weiber der Midianiter und ihre Kinder. All ihr Vieh, all ihre Habe, all ihre Güter raubeten sie und verbrannten ihre Städte, all ihrer Wohnung und alle Zeltdörfer. _Und nahmen allen Raub und alles, was zu nehmen war_: Mensch und Vieh. Darum bringen wir dem >Herrn< Geschenke, was ein jeglicher gefunden hat an goldnem Gerät, Spangen, Ohrringen ... _Denn die Kriegsleute hatten geraubet ein jeglicher für sich_ ... und brachten's zur Hütte des Stiftes zum Gedächtnis ... vor dem >Herrn<.«

So?

Völker aber, die ihre schönen Städte selber bauen konnten, belegte diese kleine Zuchthäusler-Tribus regelmäßig in wegwerfender Weise mit einer Art verächtlichem Sammelnamen: »_Heiden_«. -- Horus amüsierte sich. Also dann waren Con-fu-tse, Pythagoras, Buddha alles »Heiden«, von denen es da hieß: »Also sollt ihr an ihnen tun: Ihre Altäre sollt ihr zerreißen, ihre Säulen zerbrechen, ihre Haine abhauen ...«

Welch gewalttätige Borniertheit, Anmaßung, Bosheit und Intoleranz!

Gelegentlich schien der »Herr« wieder eitel einen guten Eindruck auf diese »Heiden« zu machen. Als er -- zum wievielten Mal, war nicht ersichtlich -- drohte, sein Volk um den versprochenen Länderraub endgültig zu prellen, überlistete ihn einer durch die Erwägung, es wäre doch blamabel vor den »Heiden«; die würden sich am Ende darob mokieren. Das leuchtete dem Gott ein. Horus las nur so mit den Blickspitzen, machte Stichproben. War denn hier keine Spur von Natursinn? Entzücken an edlen Tieren und der beseelten Landschaft? Darum diese dürre, klägliche Angst; das Sich-als-lebendige-Welle-fühlen, das fehlte eben. Nie wurde hier die Schönheit der Welt zum Gottesbeweis, immer nur Krätze oder wie hieß das andre? Richtig: Feigwarzen.

Da war ein auserwählter König: David. Von dem stand: »Er führete aus der Stadt sehr viel Raubes, und das Volk drinnen führete er heraus und zerteilete sie mit Sägen und eisernen Dreschwagen und Keilen.« Als er später eine Volkszählung vornahm, schien das dem Gott aus rätselhaften Gründen nicht recht, wiewohl er selbst dergleichen doch wiederholt selbst anbefohlen. Zur >Strafe< sollte nun der König wählen: Teuerung, Flucht vor dem Schwert seiner Feinde oder Pestilenz im Volk.

Traun, er möchte gehorsamst um Pestilenz für sein Volk gebeten haben. »Da ließ der >Herr< Pestilenz in Israel kommen, daß siebenzigtausend Mann fielen.« -- Völlig Unschuldige also, an der Sache Unbeteiligte. Gleich darauf sahen Gott wie König auch ein, das Ganze habe keinen rechten Sinn gehabt. Über den Mord an den siebenzigtausend regte sich aber keiner der beiden weiter auf.

Da ekelte es Horus zwar, aber lachen mußte er doch.

Gegen Ende des Buches machten die Leute einen ziemlich reduzierten Eindruck. Ein einziger kleiner Anführer schien ausschließlich das Wort zu haben. Auch die Diktion hatte sich erheblich vermindert, die alte Barbarei, doch quasi um ein Stockwerk tiefer. Kleineres Keifen hub an:

»Und des Menschen Sohn wird seine Engel senden und die Bösen von den Gerechten scheiden und werden sie in den Feuerofen werfen, da wird sein Heulen und Zähneklappern.« -- Dann wieder: »Ihr Schlangen und Ottergezücht, wie wollt ihr der ewigen Verdammnis entrinnen.« -- Ja, eigentlich wo immer man es aufschlug: »Wer aber ärgert einen dieser Geringsten einen, die an mich glauben, dem wäre besser, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehänget und er ersäufet würde im Meer, wo es am tiefsten ist.«

Komisch. Der junge Mann behauptete von sich, er sei »sanftmütig und von Herzen demütig!« -- Dann umblätternd: »Und wird sagen zu denen zur Linken: gehet hin von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist den Teufeln und seinen Engeln ... und sie werden in die ewige Pein gehen, aber die Gerechten in das ewige Leben.« -- Er schlug ein paar Seiten zurück. Schon wieder: »Da wird sein Heulen und Zähneklappern.« Jetzt zum fünften Mal. Er gähnte.

Ein Welterlöser, ein Gottessohn mit dem Leitmotiv: »Na wartet, ich werd's dem Vater sagen!« Eben immer noch die gleiche, schlechte Kinderstube. »Es scheint in der Familie zu liegen,« dachte Horus.

»Wehe dir, Bethsaida. Wären solche Taten zu Tyrus und Sidon geschehen, als bei euch, sie hätten vorzeiten im Sack und in der Asche Buße getan. Doch ich sage euch: es wird Tyrus und Sidon erträglicher gehen am Jüngsten Gerichte, denn euch ... und du, Kapernaum, die du bist erhoben an den Himmel, du wirst bis in die Hölle hinuntergestoßen werden ... Und wo euch jemand nicht annehmen wird ... so gehet heraus von demselben Hause oder Stadt ... wahrlich, ich sage euch, dem Land der Sodomer wird es erträglicher gehen am Jüngsten Gericht, denn solcher Stadt.«

Nicht annehmen -- warum? Ja richtig: gerade vorhin hatten sich ja alle gesitteten Leute mit Recht beschwert, daß diese Rowdies sich nicht einmal vor dem Essen die Hände wuschen.

»Strafe -- Verdammnis -- Sühne -- Sünde -- ewige Pein.« -- Er griff sich an den Kopf. Dieser ganze pauvre-brutale Vorstellungskomplex war ihm bisher an Religionen gänzlich unbekannt. Als Symbol gewertet aber schien das alles ausschließlich dem Niveau kretinisierter Sechsjähriger angemessen, wobei noch sehr zu fragen war, ob nicht gerade Kindern solche Zuchthäuslersymbolik unter allen Umständen fernzuhalten wäre. »Steinzeitbarbaren eben.« Das tröstete. Mitten inne diesem kindischen Gekeif stand ab und zu etwas wie ein Druckfehler: »_Liebe_«. Ja, wahrhaftig. Liebe wie Geifer vor dem Mund.

»Ich aber sage euch: liebet eure Feinde ... denn so ihr liebet, die euch lieben, _was werdet ihr für Lohn haben_? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner?«

-- -- Also auch hier -- selbst hier noch das ehrwürdige Wort! Alt und süß wie die Welt! Allen Söhnen der Sonne eingeboren mit dem ersten Hauch. Da stand es: Sturmbock in Vordersätzen -- als Kontraimitation der Zöllner -- oder gar prostituiert mit »_Lohn_«? War das noch Liebe? Alles Warmblühende, Taumelnde, Sternenkühne dahin, als wäre das ewige Wort in einen Mülleimer gefallen, aus dem Bucklige mit schiefen Fingern einander damit bewürfen. Seine klare Keuschheit war irgendwie dahin, das von selbst Verständliche: somit Anmut -- Weite -- Würde. Selbstgefällig, aufgeblasen, mit Protzerei, ja Schadenfreude fletschte es seine Zähne, dieses: »Liebet eure Feinde«. Ausschließlich um strahlende Sieger zu belästigen, wie es schien: »So -- jetzt habt ihr auch nichts davon.« -- Liebe als Antithese: aggressiv statt schöpferisch.

»_Louche_,« -- fühlte er, »schlechthin _louche_.« Und wie kam es, daß hier immer nur vom »Nächsten« -- vom »Feind« als Objekt der Liebe die Rede war? Wo blieben Tiere als Ebenbürtige? Wo Blumen, Wellen, Sonnen? Wenn Erkenntnis das Ich aus seinen Rändern reißt ins grenzenlose _Tat-twam-asi_; wenn in die wogende Fläche des Geistes: den Träger der ganzen Erscheinungswelt, die Iche stürzen und sich erkennend zergehen: was soll da klein und futil herausgeeinzelt der »Nächste«, der »Feind«? Das Wort ist sinnlos geworden. Welche Präpotenz dieses kleinen Volkslehrers, dauernd so zu tun, als habe er die Liebe erfunden. Überdies: Kein Wort vermeidet doch ein Mensch von Feingefühl so sehr wie eben dieses. Er spricht es nicht -- schweigt es aus. An ihm wird die Zunge ein dunkler Vorhang voll Scheu. Doch hieß es nicht irgendwo in einem grotesken Sprichwort: »Wer keinen Schnaps hat, spricht wenigstens von ihm.«

»Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die _Heiden_.«

»Heiden«. Also immer noch die alte Arroganz aus Ignoranz. --

Nun, der Mann schien selbst nicht eben wenig zu sprechen. Da waren Dutzende der ermüdendsten Tautologien: Gleichnisse, unanschaulich aus dem ewigen Mangel an Natursinn, einige dezidiert verunglückt: »Das Himmelreich als das Größte unter dem Kohl ...« -- Auch eine Predigt war da: gegen die Bildung, wie es schien. Überhaupt komisch, diese Wut gegen alles Wohlgeratene; dieser Hang zur Kontraimitation mit gehässiger Tendenz: »Wer sich selbst erniedrigt, wird erhöhet werden. Viele werden die Letzten sein, die die Ersten sind, und die Ersten sein, die die Letzten sind.« Keine schöpferische Idee. Nur aggressiv: »Ihr sollt nicht glauben, daß ich kommen sei, Frieden zu senden auf die Erde. Ich bin nicht kommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert.«

»Und weiter sage ich euch: es ist leichter, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, denn daß ein Reicher ins Reich Gottes komme.«

Was hatte denn Armut oder Reichtum: äußere Zustände mit dem mystischen Aufbrechen der Lotusse in den Ganglien zu tun? Diese allein durften doch das »Reich Gottes« heißen, sofern es für Erwachsene Sinn haben sollte.

Doch genug. Noch immer peinlichen Befremdens voll, schob er das Buch an seinen alten Platz. Schloß dann die Augen -- hob das Haupt zurück in die goldne Wolke des Vedanta:

»Hier im Herzen inwendig ist ein Raum, darin liegt er, der Herr des Weltalls, der Gebieter des Weltalls: er wird nicht höher durch gute Werke, er wird nicht geringer durch böse Werke. Denn das ist unser Schmuck und Stolz, daß nach Erkenntnis der Seele als Brahman alles _Tun-Sollen_ aufhört, sowie alles _Getan-Haben_.«

»Wer in sein wahres Selbst einziehen will das >Seiende<, Unzerstörbare, muß seine _guten und bösen Taten draußen lassen_.«

»Weise und ohne Falsch und frei von Begier in dem Gewoge, steht er als Schauender und ohne Zweiten, er, dessen Welt das Brahman ist.«

»Ihn brennet nicht, was er getan und nicht getan.«

Die lange Welle des großen Atems -- wie so oft -- ging wieder durch ihn, und rein, als etwas, das irdisch nur dem lebendigen Glockenbrausen in einem Bienenschwarme sich vergleicht: unantastbares, geflügeltes Glück aus Glocken und duftendem Gold.

Wusch die Hände. Während der Strahl über seine glänzenden Nägel sprühte, kam noch einmal unangenehm das Staunen zurück:

»Ethnographie in Ehren. Aber ist es denn wirklich nötig, den Privatfetischismus jeder kleinen Barbarenrotte, die je gelebt, zu registrieren und zu bewahren?«

Und dann vergaß er es. Denn er wollte mit den Frauen noch unter die Frühlingsgestirne in den Garten spielen gehen.

* * * * *

Vor dem letzten Rasthaus schwingen im Mondlicht die schlafenden Elefanten.

Durch den Silbernebel der vier ragenden Massen geht lautlos ein Riesenrhythmus lebendigen Traums. Schwereloses Schlingern und Rollen vor und zurück, die Tonnenflanken und das gehöckerte Haupt hinauf; von Kautschuksäulen elastisch aufgefangen -- wieder rückgeleitet zu dem stillen Herzen, das voller Sanftmut mitten inne steht.