Die Kegelschnitte Gottes

Part 6

Chapter 63,488 wordsPublic domain

Am Anfang seiner technischen Ekstase, verbohrt in Exzentergetriebe, Turbogenitoren, Ventilsteuerungen, konnte sich Horus oft erbosen, schlenderte er mit Erasmus durch die Pettah. Nicht über die edlen Maße ihrer epischen Menschen -- das mochte hingehen. Auch war er mit ihnen allen in einer Art dauernder Liebeshellsichtigkeit, sorglos, ohne manischen Zwang der Lustvollendung, dank seiner Kinderehe. Der gleichsam genießende Gang des Schikari Aditja gefiel ihm in seinen Augen, wie das Geruhsame in Ganapati Sastriar, zu dem er immer noch gerne ging. Doch die Dinge -- die Geräte, das gehörte sich nicht.

»Warum ist so ein dummer alter Brunnenrand so schön, wie kommt er dazu?«

»Nur weil er so alt ist,« tröstete Erasmus, der sofort wußte, um was es ging. »Dinge, beschlafen von der Zeit, zerbrechen in ihren Armen oder gebären eine Art Vollendung.

Diese dunkle Glätte an Bolzen, alten Stalltüren, an Trögen, Brunnenrändern: warme Griffe -- Tiermäuler ohne Zahl haben sie ausgekurvt ins Endgültige. Vielleicht scheinen uns die wenigen antiken Torsi so edel, weil die Zeit -- ein unbestechlicher Kritiker -- unerbittlich entfernte, was gegen den Geist des Materials. Was daran überhaupt abbrechen konnte, war eben falsch. Der verbesserte, endgültige Kontur: der Ewige ist, was wir bedauernd >nur< einen Torso nennen.«

»Dann vermag aber die Zeit doch lediglich weg zu nehmen?«

»Allerdings. Darum vermöchte sie allein wohl nie, durch bloßes Abschleifen, die Vollkommenheit einer Helice zu erzeugen, weil ihr hiezu das Konstruktive fehlt. Aktive Schönheit der bloß passiven gegenüber. Diese wird primär von innen heraus vollendet, -- sekundär, von außen hinein -- jene. Echt aber sind sie beide. Und wie echt zu echt stets paßt, so deiner Mutter Haus, bei aller Verschiedenheit im Konstruktiven, zu dieser Pettah -- zu diesen Brunnen, Trögen, Türen, Bolzen.«

Horus erstaunte. »Ja, gibt es denn auch auf der Welt >unechtes< Gerät? -- Wo? Das kann ich mir gar nicht vorstellen. Etwas eigens für etwas machen, zu dem es nicht taugt. Ungeratene Geräte!«

Er lachte. War's aber im übrigen zufrieden. Gab nun im Vorübergehen Brunnenrändern ab und zu einen aufmunternden Klaps in die läuternde Zeit hinein, sich ja fleißig von ihr aussparen zu lassen, da ihnen nun einmal das Glück versagt geblieben, aus dem Geist europäischer Technik entsprungen zu sein.

Erasmus aber sagte schnell etwas Falsches -- etwas ganz und gar Banales; hatte schon zu viel besser gewußt heute. War auch je und je auf der Hut gewesen, sein Axiom zu verraten, auf welche Art ein Mensch das Höchste aus sich zu ziehen vermöge: mindestens zwei, von einander so weit wie möglich abliegende Wissenschaften betreiben und dazwischen versuchen, in _einem_ Sport der _erste_ zu werden. Er ließ Horus selbst darauf verfallen.

»Du hast immer einen so wunderbar durchbluteten Geist,« meinte dieser eines Tages. Er war ins Laboratorium gekommen, Erasmus zum Bade abzuholen. »Woher das kommen mag?« Er hatte ihn in vorzüglicher Stimmung getroffen.

»Weiß nicht. Vielleicht, weil ich faul bin. Ich ruhe mich immer so schön frisch aus: vom einen beim andern.« Sie liebten beide, wo es anging, kindliche Diktion. Schätzten den Charme gepflegten Vorsichhinblödelns zuweilen.

»Und dazwischen schwimmst du wie toll, besser sogar wie Aditja -- so gut wie die allerbesten Krokodile. Aber das wird es eben sein: erst da denken -- dann ganz wo anders und dazwischen gar nicht -- nur leben, die Nerven entlang das letzte herausholen für etwas, das so vornehm ist, keinen Zweck mehr zu brauchen.«

Eifervoll entwickelte er nun alle Vorzüge polarer Interessen rechts und links von einem Sport. Da Erasmus zu zweifeln schien: »Du glaubst mir nicht -- an mir selbst will ich es dir beweisen.«

Nach einem halben Jahre kam er dann und klagte ein wenig:

»Es scheint mir manchmal, als gebe es gar keine >weit auseinanderliegenden< Gebiete. Ich wenigstens kann keine finden. Immer dort, wo es wirklich interessant wird oder wichtig, scheinen sie zu konvergieren, und im Ganzaufregenden, da schneiden sie sich sogar.«

»Schade,« meinte Erasmus, »also ist der Kosmos zu pauvre geraten, als daß man im Auf und Ab an ihm einen -- wie hieß es -- >gutdurchbluteten Geist< bekommen könnte. Somit fällt die ganze schöne Theorie dahin.«

»Aber du selbst bist doch gegen deinen Willen mein lebender Beweis, und ich werde noch der deine werden. »Diesen senilen Starrsinn aber,« -- -- er kniff ein Auge ein, -- »muß man brechen.«

* * * * *

Unentstellt -- wie ein kühnes Tier, eine Gazelle aufkniet hinter der entgleitenden Geburt -- so schloß sich Gargi hinter ihrem Sohn. Jetzt achtzehnjährig. Doch schon am Morgen ihrer Mädchenschaft hatte sie zu ringen begonnen um diese neue Jungfräulichkeit, jenseits des Kindes.

Ihr und aller indischen Damen scheinendes Ziel: jene Sultana Mumtaz i mahal, die ihrem Gatten mit jedem Knaben sich selbst als Mädchen wiederschenkte. Und Schah Dschehan wertet es weit höher als eine gewonnene Schlacht, denn hier ward durch Zucht, List, Mühsal, Mut, Hingabe das Glück zurück erobert, -- enthauptet sogar die Zeit, von dem zarten und zähen Willen, der aus jeder Geburt sich eine neue Unberührtheit für seinen Herrn erzwang. Sieben. Die Achte wurde ihr Grab -- und: der Tadj-mahal. Denn in seinen Kuppeln standen leuchtend die sieben harten Marmorkelche ihrer Jungfrauschaften wieder auf. Nicht als Bauwerk zu werten, noch Kunst: der Tadj-mahal ist die Sehnsucht des Mannes nach dem Kelch des Glücks.

Und so groß war Schah Dschehans Sehnsucht nach der Heimat dieses Kelches, daß er durch Blumen und Flammen seines immer erneuten Harems hindurch ging wie ein Schwert, dreiundzwanzig Jahre lang, und nicht müde wurde, die Weiße des weißesten Marmors zu prüfen, gegen das Gold und Grün der Lasuren, ob sie seine Weiße erhöhten. Ließ plötzlich die Flanke eines Berges auseinanderreißen in der Hoffnung, seine Tiefe sei heller noch, ähnlicher im Adergang.

Die eckigen Wasser aber, in denen alle Weiße sich spiegeln sollte, ließ er noch auf ihrem Grund mit geschmolzenem Silber ausgießen, und aus seiner unzerstörbaren Sehnsucht preßte er die Erinnerung an ihren Duft, ließ das Geheimste aus den Korollen und die Drüsen aus den feurigsten Tieren reißen, und manchmal meinte er, das Laue in der Luft sei es und warf die Arme darum, bis endlich -- endlich die Alchymisten Arabiens, die Sanjassins Hindostans aus dem Fruchtfleisch der ganzen Welt es ihm erpreßten.

Da stieg die Essenz des Duftes als sieben Quellen aus dem Spiegelbild des Marmorkelches in den eckigen Silberwassern. Weiße Nachtigallenmännchen, deren Flügel in Netzen aus Rubinen lagen, tranken Trunkenheit daraus, daß ihnen der fließende Duft klingend aus den heißen Herzchen barst zum Preis der sieben Jungfrauschaften, die sieben süße Kinder waren.

Das ist zu Agra das Grab der Mumtaz i mahal: das Grab der Krondame. Als es vollendet war, ging Schah Dschehan noch einmal ein in ihren tiefsten Kelch, und das für immer. Seine Asche ergoß sich ihr.

* * * * *

Im siebenten Jahr nach dem Frühlingslauf zur »Höhle der weißen Träume« brachte Horus aus China eine zweite Gattin mit, als seine erste legitime Nebenfrau. Seine Mutter, Gargi und er hatten die Regenzeit zu einem Besuch jener südchinesischen Provinz benutzt, deren Statthalter damals vorübergehend Lady Dianas alter Freund Li-Hung-Tschang war.

Wieder ostwärts, auch diesmal, statt nach Westen! Seit der weiße Kult von Horus Besitz ergriffen, war es schier zum Staunen, wie Hindernisse förmlich aus dem Nirgends her sich niederschlugen wider seinen Wunsch. Nicht von Menschen kommend. Warum auch? Wo alles ihm so wohl wollte -- insonderheit seiner Mutter keine Mühe je zu groß, kein Preis zu hoch erschienen, galt es etwa Beschaffung eines neuen Instruments für ihn aus Glasgow, aus Jena. Wie edler, körperhafter Gruß der weißen Rasse, war jedes durch das Medium ihrer großen Liebe in seine ehrfürchtigen Hände überliefert worden. Nun aber, als Schüler von Erasmus längst entlassen, als Mitarbeiter -- Ebenbürtiger, fühlte auch er sich würdig, nach dieser weisen, planvoll steigernden Gewöhnung, die Klarheit solch einer ganzen Welt zu atmen.

Stillschweigend schien all das ja längst geordnet -- beschlossen. Einmal aber hatten technische Verbesserungen am Graphitwerk: seine Erfindung, die halbe Regenzeit verschlungen -- andre Jahreszeiten kamen wegen der wichtigen Kopra- und Teeernte nicht in Betracht -- dann wieder war unbegreiflicherweise fast in letzter Stunde ein schwerer Schraubendefekt an der Jacht entstanden. Jetzt diese Einladung Lis!

Gargi hatten die Tänze der Königsfrauen erst nach Siam gezogen: zartschultriger Kult perverser Cherubim mit Schlangen und Ranken. Die äußern Behelfe: Stachelhelm, rieselnde Schnüre, irre klirrendes Metall, von Silberflöten durchküßt, wurden ihr Gastgeschenk. Dann verließen sie das Land der grünlichen Frauenblüten; nicht zum wenigsten bereichert um je ein Pärchen Tempel- und Palastkatzen: den zweierlei siamesischen Spielarten; silberbraun beide mit saphirblauen Augen, Tiere, die sich halten wie ägyptische Götter und einfach sind wie ein ganz großes Kunstwerk.

Wie immer auf Diana Elchos Reisen, wurden alle Hafenstädte gemieden, in denen ein entraßtes Esperanto des Vordergrundlebens den Lack hätte zerkreischen können um diese Porzellan- und Seidenwelt. In entlegener Bucht warf die Jacht Anker. Riksha-Kulis, Reit- und Tragtiere geleiteten die bald Vertrauten in das schwerfällig-milde Reich des Mitten-Innestehens, und seines Herzens Spruch!

»Mach süß ihre Speise Und schön ihre Kleidung, Freundlich ihre Wohnung Und fröhlich ihre Sitten.«

Gern als Gäste in Häusern, die Lis Empfehlungsbriefe auf langen Seidenblättern ihnen öffneten, lernten sie die Verschlingungen des treuherzigen Drachens: Höflichkeit. Er sperrt sein Maul auf, und die Zeit fällt hinein -- gar nicht abzusehen, bis wohin.

So übten sie die Zeremonie des Reichens und Empfangens -- Kult des Grußes, des Dankes und des Abschieds. Versuchten sich auch bald in den Lauten der großgewordnen Herzenssprache: glattgeschliffene Jade- und Onyxkugeln rollen lose ihre Silben, jede eine runde Anschauung: größten Inhalts, bei geringster Oberfläche; ebenso reibungslos gegen einander verschiebbar und sich verschiebend, wie die wimmelnden blauen Menschen selbst, von deren Lippen sie fallen. Daß diese Menschen glattrasiert an Körper und Köpfen sind, bis in Nase und Ohren hinein, scheint irgendwie auch seelisch keinerlei Widerborstigkeit aufkommen zu lassen. Gibt ihnen etwas Keglig-Spiegelndes, läßt eben noch freies Durcheinandergleiten zu. Stellte dagegen einer dem andern ein Bein, würde irgendwo etwas verfahren, verspreizt, verquert -- China müßte sofort zu einem kompakten Leuteblock verfilzen. So aber gleitet das fast haßlos umeinander, in starken Bahnen einer Zivilisation der Übervölkerung:

»Sie scheint nur zwei Imperative zu kennen« -- meinte eines Tages Diana Elcho -- »diskret sein und ausweichen. Dieses verbürgt ein friedlich wechselndes Geschehen überhaupt. Wichtiger aber scheint mir jenes: Diskretion allein garantiert da dem Einzelnen die unerläßliche Einsamkeit, muß wenigstens versuchen, ihm Ersatz zu sein für kostbare Raumtiefe, gefressen von der Art.«

Noch nie hatte Horus so ein Gewimmel gesehen. Menschen, wie sie im fließenden Wasser warmer Quellen schliefen, einen Stein als Kissen unter dem Kopf, einen zweiten auf dem Bauch, um nicht bewußtlos ins Tiefe gespült zu werden; Menschen, die nicht wagten, mit ihren schlafenden Leibern Erde brachzulegen, auf der Reis wachsen konnte.

Hatte beobachtet, wie im Morgengrauen unbegreiflich arme Menschen aus Kanälen herausgekrochen waren, rotblinzelnd ins Licht, eine halbzerkaute Ratte zwischen den Zähnen. Die gleichen rattenblutigen Lippen aber klangen bald von einem reinen, kindlich frohen, überaus gepflegten Gruß, weil auch sie von dem duftenden Geist des Li-tai-po und Thu-fu geschmeckt hatten und skandierend seine edlen Maße über regengelbe Ströme hinsangen, wo halbnackte, vor Kälte zitternde Kulis, den kupfernen Fahrlohn ins Ohr geklemmt, Antwort gaben in Perlmutterworten sehnsüchtiger Kaiserinnen, wenn sie Fächerdüfte dem Sohn des Himmels in den Thronsaal senden. --

Und immer noch schossen Melonenköpfchen in allen Größen -- blanke Mausaugen drin -- in die kargen Spatien zwischen den sanften Großen -- ihre Mühsal zu mehren -- die Welt zuzuleben, alle Natur in sprossende Chinesen umzusetzen. Horus hätte abwinken mögen: »Schon gut -- genug. Dem Ahnenkult ein einziger Sohn.« Warum übte diese sinnenreiche Rasse, im Sexuellen vielerfahren, nicht, was primitiven Stämmen Afrikas weder Geheimnis noch Problem? Warum speiste nicht auch hier das lebendige Wasser im uralten Zier- und Wundergarten des Geschlechts samenlose Feuerlilien, die seinen Strahl zu glühendem Duft verbrennen?

Doch eines Abends unterlag auch er dem Charme der Paganinis: der Kinder.

Tief im Innern des »südlichen Blütenlandes« war ein Fest: Teebuden, Bücherstände, Shuo-Shu-Tis: Geschichtenerzähler. Massen stauten sich, Sandalenklappern verstummte, Feuerwerk begann. Horus überragte fast um Kopfeshöhe die kürzeren Südchinesen. Da stahlen sich geräuschlos von Frauenhüften, Männerhänden, eins nach dem andern kleine Wesen, schlossen um den Fremden lautlos einen Kreis. Berührten ihn nicht. Belästigten ihn in keiner Weise. Die Mündchen, klein wie Knopflöcher, blieben geschlossen. Doch eine freundlich unentrinnbare Suggestion ging von dem Babykranz aus: etwas, weit zwingender, weil taktvoller als Worte. Etwas, das unmittelbar zeigte, wie dunkel und ganz zugemauert von Hosen es da unten bei einem selbst war, während um den Kopf des älteren Bruders oben Feuerräder schnurrten, Leuchtkugeln ihm nur so aus beiden Ohren spritzten: violett aus dem linken -- golden aus dem rechten; Preis dem großen älteren Bruder.

Der ältere Bruder hielt sich wacker, nach eigner Wertung erstaunlich gut sogar. Dann mit eins zog es ihn -- Gegner oder nicht Gegner der Übervölkerung -- zu seinem heiteren Erstaunen tief herab, wie man zu einem zärtlichen Kätzchen sich niederbeugen muß, und er hob den kürzesten dieser komischen Kegel sich auf den Kopf, einen zweiten auf die rechte Schulter, einen dritten auf den rechten Arm. Freiwillig trat der erste -- nach einigen Minuten Höhenrausch -- den Abstieg vom Gipfelkopf, diesmal über linke Schulter und Hüfte an, damit andre von rechts nachrücken könnten. Und es begann ein Continuum von Paganinis pyramidenförmig über den großen Bruder hinzuziehen. Eirunde, immer wechselnde Köpfchen säumten ihm den Kontur. Eine Bergprozession gelblicher Lampions, jeder mit zwei schwarzen Lichtern drin und einem Knopfloch. Das krönende Paganini oben aber hielt stets die seidenglatten Beinchen so, daß dem gastfreundlichen Kopf ja nichts von dem großen Funkel im Himmel verdeckt würde; sah auch manchmal selbst nach dem Rechten, umspannte das fremde Lotosgesicht mit seinen kleinen Händen, um es besonders grünen unter den stürzenden Leuchtkugeln zart entlang zu führen.

Eine Art gedämpfter Vertraulichkeit begann sich aus der ganzen Situation zu entwickeln. Aus Knopflöchern hüpften Kugelsilben, um vieles heller, komischerweise um die Hälfte kleiner als bei Erwachsenen, doch herübergelebt aus gleicher Höflichkeit des Herzens. Liebes und Tiefes: weltgültiger Anstand in der Freiheit stand um diese Babypyramide wie ein junges, bezauberndes Fluidum. Versuchten die Frauen später aus ihm herauszuschmeicheln, was die Kleinen zu dem großen Kopf gesprochen, wurde er nur ausgelassen, spitzbübisch und unbändig heiter; schwur, einzig Rama-Krishna -- weil er so schon alles wisse -- dürfe auch das noch erfahren.

* * * * *

Sprache, Schriftzeichen, Schmuck: zu diesen dreien vermochte Horus vom ersten Tag ehrfürchtig das große _Du_ zu sagen. Nicht daß er an Bauten, Bronzen, Keramik deren Echtheit verkannt hätte, ihren Anspruch auf Stil -- das ist: die Dinge aus ihrem Herzen heraus mit neuen Namen nennen.

Doch seelisch an den Pythagoräern, geistig an Newton und Lagrange, optisch am Haus Elcho erzogen, sah er in jeder planlosen Weitschweifigkeit, Gewölle von Zufall an den Dingen mit Recht einen Mangel an kritischem Ideal: jenem, so heiß, so ernst vor Leben, daß es nicht Ruhe finden kann, bis auch der letzte Gegenstand, den es erschafft, zu einer neuen Reduktion der ganzen Welt auf wenige, gerade für ihn entscheidende Linien und Flächen geworden. So war er es gewohnt: jeden Türgriff, jede Sohlbank, jeden Leuchtkörper werten zu dürfen mit der Härte ganz großer Liebe -- von heimlicher Surrogatempfindung frei, in jubelnder Sicherheit restlos beglückt zu bleiben. Bis zu den kritischen Spaziergängen mit Erasmus in der Pettah hatte er all das unbewußt in seinen wachsenden Organismus aufgenommen, an solchem Maß natürlich sich geformt. Von da ab genoß er seinen Wohnleib auch geistig, wie etwan ein Mensch durch anatomisches Studium seinen Körper ein zweites Mal zum Geschenk erhält.

Am besten besprachen solche Dinge sich immer mit Lady Diana. Beider Wesenskerne waren so verwandt, und doch lag, durch Altersunterschied, auch wieder genug schöpferische Zeit zwischen ihnen, daß sie hoffen durften, fast aus jeder Diskussion irgendwie belebt hervorzugehen. Hat es doch stets nur Sinn und Zweck, mit jemandem, der gleicher Ansicht ist, zu diskutieren; auch da ergeben sich antagonistischer Kanten noch übergenug, aus ihnen lebendige Funken zu schlagen. Polemiken aber aus unharmonischer Empfindung heraus oder gar verschiedener Unterscheidungskraft für Echtheit degenerieren, werden bitter, lang und steril.

Er resümierte: »Chinesische Gegenstände sind mir zu geschwätzig. Dinge des Gebrauchs haben nur gefragt und in ihrer Fachsprache zu antworten. Da ruhe ich in einem Kissennest. Nicht daß es vom »ruhen machen« nichts verstände, aber statt vollauf damit beschäftigt zu sein, mir das Sitzen zum Nirvana zu machen, erzählt so ein Polster nebenher meiner rechten Schulter eine lange Geschichte in Blau und Gelb von einem Fuchsdämon und einer Drachentochter; mag ich dazu aufgelegt sein oder nicht. Schon um acht Uhr früh. Schon beim Frühstück. Form ist hier oft nur versteinerte Laune und Schöpfung: phantastisch-träges Hinzufügen.«

»Weglassen ist aber auch noch nicht Vollendung,« meinte Diana Elcho, »da hat Erasmus recht. Das wäre leere Einfachheit, nicht jene aus verdichtetem Leben, deren Anblick allein, wie mir scheinen will, Beruhigung im Endgültigen gibt. Es ist, als habe diese schwierige Schlichtheit etwas von den ewigen Ideen auf sich herabzuzwingen vermocht, weil sie erst einmal unbeirrbar, phrasenlos und rein den Zweck zum Grund sich gab. Der war ihr Fundament: Isolator gegen schlammige Saloppheit -- versandetes Ohngefähr. Erst auf dieses reinliche Piedestal kann ein Geheimnisvolles, das wir >Schönheit< nennen, sich dann senken.«

Li-Hung-Tschangs großes, glattes Gesicht hatte höflich aufmerksam zugehört. Nun ließ er -- in graue Seide gehüllt, mit Mandarinenketten umschnürt -- zwei gewölbte Bronzegefäße aus der T'ang-Dynastie hereintragen, Lady Elcho zum Geschenk.

Sie zitterte vor Freude. Etwas von der Leere des tönenden Erzes aus der neunten Symphonie war an ihnen. Einem schauend Entrückten mochte scheinen, als könnten hier -- nur hier -- aus dem dunklen Adel dieser Mulden die tauben, unfaßbar außerweltlichen Nebengeräusche des ersten Satzes fahl heraufgezuckt sein, aus einem verhangenen Drüben.

Horus war hingerissen wie nur vor den wenigen Sienit- und Liparit-Gefäßen der Pyramidenkönige, deren Abbilder er kannte. Nun erst fiel ihm auf, wie sehr der großartige alte Chinesenkopf vor ihm eigentlich selbst dem eines Pharao glich. Dasselbe flächenhafte Lächeln, breitabrollend von dem Monolithgesicht. Einfach wie ein Dioritgott saß er da, flache Hände auf den Knien, freute sich der Freude seiner Gäste.

»Heute abend wird er mir die Hand reichen,« dachte Horus.

Es war einer der sichern, täglich wiederkehrenden Genüsse, die fernrassige große Hand ebenbürtig auf die seine zukommen zu sehen, nach europäischer Sitte, Horus zu Ehren, -- Lis Finger zu spüren und die übertriebene Wölbung seiner vollkommen geschliffenen Nägel mit den halbkreisförmig gezüchteten Perlmuttermonden, deren Bett das ungebrochene weiße Häutchen elastisch, losgelöst und rein umlief.

Dieser sichern, täglich wiederkehrenden Genüsse aber gab es noch mehr. Zur Stunde der Krähe klangen jenseits der Kamelbuckelbrücke, im Pavillon aus Flötenholz und aus Lasur, des Vorhangs gläserne Falten auseinander, und Lis jüngste Nebenfrau erschien, für ihn und die Gäste den Tee zu bereiten.

Hieß Jü-Chuan: »geflügelte Perle«. War erst vor wenigen Monaten an die Stelle einer Dame getreten, die Li mit unerbittlicher Höflichkeit zurückgeschickt, weil sie nicht nur absichtlich den Tee verdorben, sondern -- es waren seine eignen Worte --: »ihn behandelt hatte, als wäre er der Schwanz des Hauses statt sein Kopf«. Die Teebereitung ging stets mit dem ganzen Zeremoniell der Meister aus der Sung-Schule vor sich. »Geflügelte Perle« brachte in den Pavillon eine Privatregion mit, in der nichts zu Boden fallen konnte, das Menschenohr geborgen war vor Scherben und Gekreisch. Ein Zaubervogel mit wohlfrisiertem Damenkopf in Perlengehängen, schlüpfte sie, zutraulich getragen durch ein Dickicht von Hin und Her, machte sich schmal wie eine Meise oder spannte auf einmal feierliche Flügel im Teeduft; erfüllte den Raum mit Wehen und Weiche.

Sprach die Vogelfee, fielen aus ihrer Kehle Silben als Regen von Pfirsichblütenblättern -- jedes mit einem Jaspistropfen beschwert -- in Herzen hinein. An sie wandte sich stets der Hausherr, kam die Rede auf Dichter und Philosophen, und mit kleinen flächenhaften Bewegungen, ohne je aus unsichtbarem Rahmen zu treten, begleitete sie dann ihre Worte, den zitronenblassen Kopf ein wenig schief. Wenn aber die heiße Blume vollendet vor jedem in einem Doppeltäßchen stand, jeder, die blaulazurnen Ränder gegen einander verschiebend, aus dem Spalt den ersten Schluck getan, verbeugte sich die Vogelfee dreimal, sank in sich selbst nieder, wie in ein Nest von Seide, und sang.

Ließ dabei überaus vorsichtig von den Libellenflügeln ihrer Nägel zehn Goldhülsen gleiten -- barg sie in der Schale von Prasem. Nun erst begann mit geblähter Kehle in ihrem Arm ein dickes braunes Instrument zu singen wie ein Nachtigallenmännchen. Eine Grille -- ihr winziger Bambuskäfig hing an einer Scharlachschnur in den Nebel von Teeduft -- geigte mit. Überzüchtete Tiere, pagodenhaft hochgestellte Fische mit goldenen Krötengesichtern zogen indeß lange rote Fäden hinter sich durch Wasser, das sich kuglig aus dem Kristall der Schalen bog, mündeten, naiv und weise lasterhaft, irgendwo wieder in den Dienst des Geschlechts.

Menschenhäupter und Träume aber schwebten über den ruhenden Körpern in einer zweiten, verklärten Heimatwolke, gewoben aus dem Arom von Quitten, Opium, Sandelholz und Ingwer.

Immer häufiger baute die Vogelfee ihr Seidennest inmitten des fremden jungen Paares. Als die Zeit der Abreise gekommen war, hatte Li seine Ehe bereits in aller Ruhe gelöst, und Jü-Chuan war, nach Erfüllung der Bräuche, Horus Elchos legitime Nebenfrau geworden. Aus einer weiten Milde her waren nur wenige, wohltuend menschliche Verständigungen zwischen den Beteiligten getauscht worden. Dieser große chinesische Herr war Verschwender in allem Glanz des Menschentums, doch sparsam an überflüssigem Weh.

»Meine Ärmel wären mir nicht mehr getrocknet in meinem Leid, hätte das erhabene Lotosgesicht das südliche Blütenland verlassen ohne Jü-Chuan,« sagte die Vogelfee zu ihrem neuen Gatten.

Er war erregt in seiner tiefsten Lebensneugierde. Beugte sich gerührt zu der lieblichen Form, die ihm die Essenz des Seltsamen der großen Rasse bieten wollte, -- so berauschend fremd von einem Liebeswirbel ihm in den Schoß geflogen kam, mit kleinen Zügen, eingeritzt in die Schale eines Taubeneis, nur mit hellen Wimpern zu bestreicheln.