Part 5
Da kommt aus dunkler Zwillingsapsis gegenüber die Erlösung. Durchsichtig wie Libellenschatten. Zittert vor Sonne. Legt opalisierende Hände weich vor sich auf die Farben, wie trinkende Vögel. Kommt auf langen, zarten Schenkeln durch die fließenden Edelsteine gewandelt bis in die Mitte des Raums: steht nacktklar im gewalttätigen Licht. Schräg schlagen Flimmersäulen von Purpur bis Violett hart durch den feinen Körper, durch Hals -- Herz -- die fingerdünnen Weichen hin: ein junger Büßer steht gepfählt an ein geheimnisvolles, sehr wonniges Martyrium, das er auf weißen Lidern trägt.
Dann weicht die Luststarre allmählich holder Ungeduld und magischem Sang der Glieder. Was rhythmisch wechselnd von Strahl zu Strahl durch die Farben gegangen, ist jetzt ein neues, ganz liebliches Gemüt -- dem Licht nicht mehr entgegen. Es wiegt und spielt sich, löst sich ganz, zu schwingen, heller wie Geist, in strahlendem Äther, wie die gleitende Welle im Leib eines diaphanen Meergeschöpfs: Sylph vom fließenden Licht.
Es schaute der Knabe Adorant. Und die zerfallenen Hälften der Welt: die voll feurigen Atems unten -- die zeitlos ätherische oben, schlossen sich in ihm zu einer Vollendung. Denn was durch das Auge eingeht, wandert den Weg der Entzückung ins Geschlecht -- den Weg der Entrücktheit zu Geist. Im Auge aber sind sie eins.
Ein Etwas um Diana Elcho ließ Erasmus sich ihr zuneigen:
»Was ist, >Beleberin der Herzen<?«
Ihre Wimpern wiesen vor sich, stürmischer Sieg stand auf in dem jünglinghaften Gesicht:
»Jugend soll unaufhörlich Feste feiern! Jugend ist das Leben. Welcher Wahn, welche Torheit, sie in Vorbereitung auf das Leben verschwenden, also auf etwas, das mit ihr selbst erlischt. Alles den unlädierten Wesen. Es lebe die Immatura.«
»Falls die Erziehung vor der Geburt vollendet war, dann« -- er verbeugte sich leicht gegen sie -- »mögen die Feste in Freiheit kommen.«
Sie nickte. »Wissenswertes läßt sich ja so nicht lehren, nur gebären, das ist: unbeirrbarer Sinn für das Echte. Er, aus dem die unbeweisbare, allmächtige Prämissenbildung aller Urteile erfließt. Das geht nicht von Mund zu Ohr, nur von Blut zu Blut. Die wahre _Alma mater_ aller Fakultäten, Fähigkeiten bleibt ewig die Plazenta.«
Ihr Auge weidete auf den Farbensäulen, in die sie das Licht zerbrochen, so groß sonst nur als unfaßlich freie Glorie über Wolkenrändern -- hier von einer Frau in ihr Gemach verdichtet, gezwungen, es zu füllen bis zum Rand.
»Bildung« -- eine Welle rann unbewußt durch ihre Hand und wie eine Erhellung in die Luft hinüber -- »alles liegt schon im Wort -- >gebildet<: was von innen heraus ringsum ausgeblüht, sich planmäßig Gestalt erzwang: Struktur. Im Gegensatz zu dem, was noch amorph >ungebildet<: ein Haufen Schlauheiten -- Meinungen -- Instinkte -- Urteile bestenfalls. Erbmassen, durcheinanderkollernd wie Schrotkörner in einem schlaffen Beutel, an den Schwanz eines kopfscheuen Affen gehängt.
Nein, Bildung ist keine Angelegenheit des Großhirns, -- ist Puls, Haar, Haut, Geschlecht -- das -- das.«
Und ehrfürchtig, fast zaghaft, fast ein wenig errötend, nahm sie, wie etwas über die Maßen Köstliches, Gargi in ihre Arme, die lautlos in die halbdunkle Apsis zurückgeflogen kam und mit Füßen -- schmal wie Schwalben -- durch die Fesselringe in ihre Sandalen aus weißem Antilopenleder. Bückte sich zugleich nach dem Stück silbergesäumter Seide am Boden; drei, vier unbegreifliche Griffe: ein Sarong. Vor Sekunden noch nacktklarer, halbdurchscheinender Sylph, stand Gargi nun: ganz Dame wieder und bekleidet ohne Fehl.
* * * * *
»Die Erziehung eines Kindes hat _vor_ seiner Geburt vollendet zu sein.« Diesem chinesischen Lieblingssprichwort treu, hatte Diana Elcho sich zwar stets bemüht, ihrem Sohn die besten Lebensgelegenheiten zu schaffen, es aber völlig ihm überlassen, wie er sie verwende.
Stets erreichbar, wenn er sie brauchte, war es gerade ihr Stolz als Mutter, möglichst wenig gebraucht zu werden, es sei denn in bewußtlosem Wohlgefühl organischer Nähe. So genossen beide gesegneter Freiheit voreinander, die der älteren ermöglichte, ihr schwieriges und vielfältiges Leben restlos auszuwirken.
»Denn,« -- hatte sie einmal zu Erasmus geäußert, -- »wer sich nur als Durchgangsglied empfinden will, wird auch nur Durchgangsglieder hervorbringen. Wer nicht den langen Atem hat, über die Elternschaft hinaus an der Linie eigener Vollendung fortzuwirken, wer sich unter irgendeinem Vorwand >aufgibt< -- >aufgeht< in seinen Kindern, wie er das beschönigend nennt, belastet mit verschleiertem Bankrott die eigne Nachkommenschaft. Wie der fette Alp auf Sindbads Rücken hocken seine ranzigen Träume -- sein fauliges Versagen -- als ungetaner Lebensrest auf ihrem frischen Dasein: seiner Seele totes Gewicht, weil er sich ihnen ja >geopfert<. Nein, diesen Mütter- und Weibertrick macht ein Mensch mit Selbstachtung nicht mit.«
Die besten Lebensbedingungen. Neben der Schöpfung des Hauses Elcho war Gargi zu seiner ersten Frau zu gewinnen die schwierigste gewesen. Hatte Hilfe gesucht bei der Rani von Travankor, der jahrelange Freundschaft sie verband.
Die Rani zog die langen Augen schmal zu einem Phosphorband, dann mit fernem Lachen in der Stimme, auf alles gefaßt: »Eine Brahmanin?« --
Die andre neigte »nein«. Wußte: es war unmöglich. Und wäre es selbst denkbar gewesen, aus einer der vierundsechzig Stufen, in die -- nach Reinheit des Blutes -- die Kaste zerfällt, Horus ein Wesen zu gatten, ihr eigenes Gewissen hätte verwehrt, daß planvollere Blüte des Menschentums, als ihrem Sohn zu sein vergönnt, durch ihn gemindert werde an emotioneller Lebenshaltung; betrogen vielleicht um seine köstlichsten Reaktionen: jenen nur an letzter Wechselwirkung entflammbaren, die nur der von Schauern ganz erfüllte Weg ans Licht zu treiben vermag. --
Daß eine Kette zerriß von solcher Verzartung, Verdichtung, Verglutung der Instinkte: Kette, der jede Generation in Selbstbezwingung bis in den Schlaf hinein, an Wahl der Nahrung, in Atmung, Gedanken, Gebräuchen ein Glied hinzugefügt, -- daß so etwas zerriß; ihr einziger Sohn war es nicht wert. _Sie_ hatte zuviel Ehrfurcht davor. Es war zu kostbar: hatte Jahrtausende gekostet.
Sagte leise: »Entsetzlich, zu denken, wieviel die Frau in der Liebe riskiert.«
Die Rani sah den Weg des Worts zurück, daß er frei von Anmaßung, spürte das Menschliche, wurde milder.
»Also eine Kshatriya? -- Suchen Sie -- als mein Gast --, man wird sehen.«
Sie suchte inbrünstig und lang. Fand ein Wesen vom Typ der kindlichen Prinzen auf persischem Elfenbein: unter Agraffen Augen der Antilope, den grünlichen Libellenkörper dem seidnen Galoppsprung ihres Hengstes unbegreiflich lind und kühn vermählt. -- Hingerissen, umfühlte, umwitterte, verglich sie jetzt eignes Blut mit jenem. Erkannte, wie und wodurch in seltenen Fällen sich der Spitzentypus Europas: das Normannisch-Angelsächsische mit der Kshatriya-Kaste berührt.
Hier erst schien Ehe möglich: jene Anziehung, die sich aus den Wesenskernen zweier Menschen immer wieder erneut. Polare Wesen, parallel geboren, denen die »_lendemains_« erspart sind, weil sie gleichen Ranges, und die purpurnen Nächte beschieden, weil sie Pole des Ausdrucks. Denn jedes Geschöpf will ja soweit aus sich herauslieben wie nur möglich, damit das Gefälle der Lust -- der Bogen der Spannungen wachse, dann hineinstürzen in eine Erlösung ohnegleichen. »_Fall in love_«: in die Liebe fallen; doch wer möchte in die Ehe fallen? Das Wunder über allen Wundern; daß die ewigen Fremdlinge: Mann-Frau in prästabilierter Harmonie die gleiche Lebenslinie wandern; wie unverantwortlich, dieses fast perverse Wagnis einem schauerlichen, vielleicht verspäteten Zufall auszuliefern. Nur Menschen, die in ihrem Frühling sind -- fremdartig -- gleichkastig, mag vielleicht ein gütiger Eros das Helle mit dem Heißen, Tag und Traum, Licht und Blut in einer Schale reichen. Und wenn es mißlang! Sie haben von der Morgenröte im Aufgang getrunken -- kein Gott kann ihnen das mehr rauben.
Entflammt jetzt, machte sie das Unmögliche möglich. Mutterrecht erleichterte. Das war in diesen kleinen, von Mohammedanismus verschonten Reichen Südindiens nie ganz erloschen. In Travankor erbte sich sogar die Krone in weiblicher Linie fort, und lagen die Weltgeschäfte auch in des Rajah Händen, Bräuche straffer wahren, oder leise lockern, einfach durch innere Haltung, das wehte von der Rani aus wie Schleier, Rauch der Harze aus ihren Gemächern, aus ihren Gärten Staub der Fontänen. Endlich durften alle Abgründe als zur Not überbrückt gelten. Nach Kautelen, Garantien aller Art: Bräuche, Erziehung, Lebenshaltung ordnend -- eventuelle Rückkehr auch. Als Gepränge und Zeremoniell der Scheinehe vorbei waren, brachte sie Gargi -- zehnjährig -- heim.
Ihren Schoß erzog Agai, ihre Glieder Sigiria, die Tempeltänzerin, Erasmus ihren Geist, und alles Diana Elcho. Hatte sie durchdrungen, bis Seele durch jede Zelle wie Saft in Pflanzen stieg, jedes Gefäß geschmeidig zu Geschmeide, bis alles Anmut geworden, Takt und Licht. Hirn, Becken, Darm, Zehennägel, Atem, Stimme -- ebenbürtig eins dem andern; zusammen freie Diener jenes Unbegreiflichen, nie zu Erklärenden, nur zu Fühlenden: Harmonie, Persönlichkeit.
* * * * *
Agai, »die Gewalt der Brandung«, hatte jetzt ausgesorgt. Hockte gleißend schwarz herum. Fletschte Wonne, beschenkt und stolz. Wartete auf ein Schiff in die Heimat, von einer ganzen Mädchengeneration zwischen neun und dreizehn dort im Schulhaus erwartet. Freute sich auf die Männer -- nach drei Jahren. Unter allen Tropenstämmen verstehen die Suaheliweiber sich am besten auf die glühende Kunst: frei sein. Auf das Frauenrecht: Mutter aus Wahl -- nicht Zwang, Herrin, nicht Sklavin der Generation. Und das _durch Überhöhung, nicht Hemmung der Hingabe_.
Atmen des Schoßes. Das Schließen und Spannen, Entgegenschwellen dem noch Unbekannten. Die verborgenen jungen Innenwände geschmeidig übend so zu erstarken, daß zu den Gezeiten des Eros aus ihnen die Mondwelle sich der Sonnenflut entgegenwerfe, sie -- _fort_- und überspüle an trunkener Kraft. Nach jedem Liebesstrahl wie mit inneren Zauberzangen den blumenglatten Ring zurückschließen in Unberührtheit.
Das alles hatte Agai, »die Gewalt der Brandung«, gelehrt.
Mit dem Frühlingslauf zur Höhle der weißen Träume endete ihr Amt. Sie heulte und grinste Abschied -- leckte tierhaft hingegeben die Fersen ihrer jungen Herrin, kniete dann auf und übergab einen erbsengroßen Mondstein dem inneren Griff der geschmeidigen Schließkraft:
»Agai denken -- immer halten -- bei Tag.«
Gargis Arme kamen um ihren Hals geflogen: »Agai«.
Doch die dunklen Handflächen hoben sich nach außen gespreizt bis zur gesenkten Stirn, wehrten ab, wie ein verkehrtes Gebet.
So schritt sie voll Würde in ihren Grenzen langsam hinter sich und durch das Tor der Bäderhallen hinaus, über denen geschrieben stand:
»Welche Schmach, zu altern, zu sterben, ohne die ganze Herrlichkeit, deren unser Körper fähig ist, kennen gelernt zu haben.«
Dann bog der Rolls-Royce mit Agai aus dem Park. Der japanische Chauffeur brachte sie zwei Tage weit nach Trinkomali, der nächsten Anlege.
* * * * *
Kraftanlagen wurden nötig: eine Niederdruckturbine in die Mahaveliganga -- eine Hochdruckturbine in den Wasserfall eingebaut. Genügten nicht. Man schloß mit einer Firma in Jokohama ab. Gelbe Ingenieure kamen, redeten aus Notizbüchern in Differentialgleichungen, überwachten später die Montagen. Horus lebte nur noch im Maschinenhaus. Zum ersten Mal vor dem Gehäuse der Dampfturbine, stand er wie unter Ätherrausch. Ein Liniensturz, an Geschlossenheit unbekannt in der organischen Welt; von einem geraderen Willen erschaffen als höhere Ordnung der Dinge. Ein Liniensturz, erzwungen von dem Gaswesen in ihm und es bezwingend zugleich. Aus Hunderten haardünner, metallner Schaufeln im Innern -- jede einzeln, jede anders voll Genie in den Druck geneigt, erfloß hier ein neues Kurvengeschöpf; wie das Gesetz es befahl. Das Wort »Continuum« kam aus dem Magischen herab -- ward Grenzfall von Schaufel zu Schaufel, fast greifbar -- unbegreiflich.
Eine Ader auf der Stirn, stand er im Ozon des stillen Kraftsaales: Hörselberg nüchterner Phantastik. Stummgeladne Weite, vibrierend von Spannung, ließ seinen Speichel metallisch zittern, hob ihn an den Nieren hoch -- durch alle Isolierung hin. Ein Rund aus riesigem Tod, der draußen -- transformiert -- das Dasein leicht machte, hell, Mühsal abnahm.
Ging dann wie abbittend hinüber zur alten Dampfmaschine. Konnte ganz versinken in ihre achsenglatte Wucht -- das Anschwellen einer Nabe -- die Wunderform der Welle, wenn Reibung Fortbewegung ward.
Und wie schön, daß dies alles diente: dem Leben untergeordnet als Zweck, wiewohl übergeordnet als Form.
Latentes brach jetzt aus, langhin vorbereitet durch Werkzeuge, Jacht, Rolls-Royce. Er fieberte nach Schöpfung; nicht ohngefährlichem Wissen -- saloppem Verstehen, wie bisher. Selbst Schöpfer werden in dieser reineren Nebenwelt aus Zweck und Zahl.
»Gut -- aber mindestens fünf Jahre Arbeit.« Van Roys Mund konnte sehr hart werden. »Keine Edelspielerei, keine Rosinen aus dem Kuchen.« -- »Intuition --? So, da ginge es vielleicht rascher. Meinst du? -- Nun, man kann Höhen erfliegen oder ersteigen. Erflieger kennen vier Quadratfuß Gipfel. Ersteiger den ganzen Berg. Schritt um Schritt. Von jeder Spanne Rechenschaft ablegen können -- _den Weg besitzen_ -- Möglichkeit, ihn immer wieder zu gehen, ist Wissenschaft. Gauß hat einmal gestöhnt: >Das Resultat hab ich, wüßte ich nur schon, wie zu ihm gelangen<. Kepler sah in einer Art Kristallvision sein drittes Gesetz: sah die ersten fünf regelmäßigen Körper ineinander eingeschrieben als die mittleren Planetenabstände von der Sonne: eine kosmische Beziehung als Klumpen Stereometrie. Sehr schön, aber wertlos noch, ohne Beweis. Ein abgerissener Tropfen Genialität im Leeren.«
»Nein, ich werde dir nichts schenken. Denn: bleibt irgendwo unten, auf einem Seitenpfad, auch nur die kleinste Lücke, unvermutet aus der Höhe wird eines Tages deine ganze Weisheit gerade in dieses Loch fallen, wann es dir am wenigsten paßt; ja, dieses spezielle Loch wird plötzlich überall vor dir sein, und du wirst aus allen Himmeln steigen müssen, es zu stopfen -- oder ewig Dilettant bleiben.«
»Aber dann -- nach fünf Jahren -- werde ich auch vor weißen Meistern bestehen können?« und erbleichte schon der eignen Ungerechtigkeit. Stand ja hier vor einem weißen Meister. Große Namen unter Widmungen -- wüßte er es sonst nicht -- zeugten dafür.
Erasmus schien belustigt. Dann, einen langen Weg in der Stimme: »Wenn ich dich einmal auslasse, kannst du getrost deinen Dr.-Ing. in Charlottenburg machen.«
* * * * *
Eines Tages stieg aus dem Drillbohrer eine Frage und wuchs in eine wundervolle Vision:
Wie mögen Wesen aussehen, die das erdacht? Wenn bereits dies geringe Werkzeug hier: etwas, das nichts als ein Loch in ein Stück Ding zu machen hat, mich so mit Entzücken schlägt, wie erst die Herren solcher Diener. Die weiße Rasse: wohl Wesen, wie aus Schnee und Gold, kühn, arglos, wahr und anmutig. Ganz frei geworden an den gleitenden Erzgeschöpfen ihres Haupts und ihrer Hände in ein ohnegleiches Cherubtum hinein! Ihr Dasein eine ganze solche Welt. Arbeit: Schöpfung -- nicht Erschöpfung mehr. Was ihn so hinausriß über sich, waren ja erst Abfälle ihres Lebendigen -- leeres Gehäuse -- das wie Muschelschalen kam, an seinen Strand gespült.
Oder diese Gelben mit ihren Notizbüchern: gleich Gesandten aus Wunderländern, Märchenboten mit Kostbarkeit: da greift einer in die Tasche, etwa nach dem Taschentuch, streut dabei zufällig ein Vergessenes mit heraus, ein Dortiges, achtet's gering. Und wie da ein Staunen anhebt, alles sich sammelt um das Niegesehene: so wenig wußte er ja noch. Hatte allerdings damals ein bißchen gehofft, auch europäische Ingenieure würden kommen. Das war wohl anmaßend gewesen; gerade ihm, Horus Elcho, sollten weiße Herrn der Welt höchst persönlich ein Kraftwerk bauen! Dazu waren Hilfs- und Schülervölker da. Auch mochten ihrer wohl wenige sein. Der lebendigsten -- adeligsten Geschöpfe sind immer wenige. Nur Träges wirft drauf los ohne Hemmung: Karnickel, Schweine. Ihr Wurf die Beute aller. Wer durch Kühnheit und Weisheit ungefährdet geworden im Äußeren, darf inneren Stimmen horchen, selten zeugen -- in lebendigsten Augenblicken nur -- aus feinster Wahl.
Nicht ganz unebenbürtig fühlte er sich hierin der weißen Welt. In diesem ihr ferner Sohn, kein Fremder. Wenn sie alle auch gewiß weit schöner, an der hohen Luft ihres Lebens vollkommener geworden als er. Vielleicht war höchste Sprosse hier unterste dort? Oder überhaupt alles ganz anders. Anschauung fehlte eben.
Warum? wieso fehlte sie?
Stieß zum erstenmal gegen das Sonderbare in seiner Erziehung -- blieb perplex.
Kannte nur Wissenschaft, Technik, Musik der weißen Rasse. Nicht ihre Körper, noch den Geist ihrer Körper: Bräuche -- Sitten. Also nichts. Warum? Schwieg dazu. Hatte zu oft die Köstlichkeit des Schweigens erfahren. Ihm schien, er hätte durch die Unzartheit der Frage schon volle Befriedigung aus der Antwort vertan. Hier lag ja offenbar ein feiner, höchst komplexer Plan zum grunde; fragloser Einweihung allein war volle Freiheit, Weite gesichert, nur sie befriedigte ganz, weil nicht von vornherein in den Engpaß einer Frage gezwängt.
Und dann wurde er langsam sehr glücklich, denn er meinte verstanden zu haben.
Hatte sich oft vor Gargis Augen, oder auch manchmal vor nichts Besonderem: einem Zweig, eines Zweiges blauem Schatten, was man so »nichts« nennt, in einen jungen Löwenwurf hineingeträumt, den eine dünne Haut noch von der Lichtwelt trennt. Das saugt, tappt herum, atmet, glaubt sich schon ganz geboren, und dies sei nun eben alles. Da reißt die Eihaut des Auges, in unerhörte zweite Lichtgeburt. Und welche Chance, daß unter allen Europäern gerade ihm -- als erwachtem Menschen -- solch zweite Lichtgeburt in die weiße Welt sollte vorbehalten sein. Durch seine Mutter. An allen Nerven überflutet werden, wie nur ein Entblendeter überflutet werden mag, in den erster Sonnenaufgang hereingebrochen kommt: diese ungeheure Freude hatte sie ihm gönnen wollen, weise aufsparen für sein erwachtes Herz.
Wann? Bis er reif, würdig geworden. Fähig, es ganz zu genießen.
Arbeitete von nun an so, daß Erasmus meinte: »Vier Jahre nur -- vielleicht.«
Da suchte Horus nach einer Wendung, wiegte sich, funkelte in ihr -- wagte es schließlich doch -- sagte schüchtern, etwas zögernd, zum erstenmal: »Wir -- wir Europäer.«
Dies ungeheure weiße Dasein, von ihm gebildet aus dem Hellsten, das er kannte: hohen Violinen -- gleitendem Nickel; geisterhaft ging es immer mit, durch alles Tun, ragte ätherisch herein; ihm straffte er sich entgegen, durch jeden Alltag hin. Doch gab es Lieblingsstunden, da nahm er es träumend vorweg, meinte sich ihm nah. Etwa an der Orgel als brausender Gott: Demiurgos in Person, wenn er mit einem Griff den Wald in der Hoboe erschuf, sumpfiges Grunzen der Büffel im Kontrafagott, und zu diesen das schrille Silber stieß aus den flimmernden Registern. Eisblaue Knabenstimmen dazwischen aus mutierendem Metall. Nun trat sein Fuß mit dem Starrsinn seiner Ferse aus dem Tiefen wuchtendes Gesetz: jenes, nach dem die Gestirne und die großen Herzen wandeln. Das stampfte ins Silber hinauf, rüttelte an waldigen Schultern, bis alles umschwang in die Doppelfuge seines Tierkreiswillens.
Jetzt durch alles hindurch, ließ er ein Wehen anheben auf der dritten Klaviatur, schlingerndes Pfeifen, das zum »_grand jeu_« wuchs, Klanggischt an die Wände warf, aus Ertönen Ergreifen machte -- den Raum ergriff, wie jene grenzenlose Hand aus Hauch sein Herz, um es nach einer andern Sternenstunde einzustellen. Ortlos, ein Scheinwerfer aus dem Unendlichen, stand es wieder als Blick auf ihm -- brach ihn auf -- blühte ihn auseinander. Da wußte er sich im Sehfeld des Aschenauges -- stark, wehrlos und geborgen. --
Durch geschlagenes Glas fiel die Oktave des Lichts in den erschütterten Raum, und nun vermeinte er Newton zu sehen -- als Kind, wie es zum erstenmal in den Klang der großen Orgel tretend aufsah, glaubend, nur aus der Farbenrose oben könnten diese Stimmen kommen.
Da neigte er sich dem kindlichen Schemen tief. Schloß die Orgel.
Nüchterner gestimmt, zog er zuweilen Resümees: was er wußte, erschloß Neues daraus. Nach eigner Meinung sachlich kühl. Das war dann Reiz und leichte Qual. Wie Streichen um den verhangenen Geburtstagstisch früher Jahre. Hätte ja sogleich eine Ecke lüften können, das Auto nehmen und in zwei Tagen Orte erreichen, wo -- er wußte es wohl -- Europäer lebten oder durchreisten. Als verstreute Fremde in fremder Umwelt. Nein, so nicht. Hatte vor einem Jahr noch weiße Ingenieure erhofft, ehe er diese Feengabe seiner Mutter: diese lebenslang vorbereitete, köstlich einzigartige Erschütterung, die seiner harrte, recht begriffen. Jetzt nicht mehr. Blind bis zum Sonnenaufgang. Nur Vorfreude träumen, aus Vorzeichen bauen, sich bereiten -- für _dort_.
Mit den vier großen Sprachen Europas war er von Kind auf vertraut. Wundergefüge, aus unbegreiflich schwebendem Geist, wie alle Sprachen. Doch Schößlinge nur, sogar weniger breit gewurzelt und fein in der Krone wie der Mutterbaum: Sanskrit. Er konstatierte das gerne; bewies sich Objektivität damit. Europäer redeten eben außerdem in neuen Sprachen -- über dem Wort: in Gleichungen und Musik. Euler, Beethoven waren ihre Grammatiker. Auch er, Horus Elcho, sprach europäisch: vor dem Reißbrett in der Gleichung der Lemniskate -- vor dem Cello im _Cis_-Moll-Quartett.
Ging dann in den Abgußsaal. Blieb nicht mehr vor den Ägyptern wie früher; blieb vor dem zeitlich Letzten dort: den Griechen. Wenn die weiße Rasse schon vor zweieinhalb Tausend Jahren -- in ihren Outsiders -- so wohl geraten: in dieser kleinen hellenischen Provinz, die wie eine Seeanemone ganz unten vom Rand des eigentlichen Kontinents abwehte; von da in gerader Linie, ungehemmt, ansteigend, wie verfeinert, in Anmut ganz gelöst mochte sie heute schon sein? Sich zu jenen verhalten wie etwa eine Schwebekonstruktion zu einem Pfahlbau. Waren doch die blumenäugigen jungen Rehmenschen Indiens an Linienblüte, Adel des Aufrisses über den griechischen Kanon vielfach hinausgewachsen, besonders die Frauen, und lebten doch noch erdgebunden nach alter Art.
Eigentlich nur hellenische Köpfe -- jene wenigen aus bester Zeit -- beglückten ihn echt, durch Unzerrissenheit, Wohllaut, mit dem sie in den Leib hinüberlebten. -- In dieser schwierigen Süße, heimgekehrten späten Schlichtheit Lysippscher Häupter sah er sie gerne wandeln: seine lieben Herrn des gleitenden Erzes.
Konnten sie denn überhaupt noch das Weltwesen vor Jahrtausenden auch nur begreifen, etwa ihrer homerischen Vorvettern, die noch Kriege geführt, sich Spieße in den Leib gerannt, sie, deren kühne Not -- Siege -- Leiden in transzendenten Schlachten, auf Geisterpfaden sich erfüllten! Auf dem wundervollen Abenteurerweg der Physik, dem verwegensten Weg! Eroberer, die das Heranschleichen kannten, gespanntesten Sinns, zitternd und eisig zugleich, der Erscheinung den Lasso überzuwerfen, um sie als Strahlen, Kräfte, Elemente umzugießen in Ungeheuer aus gebändigtem Geist.
Wie ihre Frauen wohl aussehen mochten? Gewiß Gargis Linien in den Farben Diana Elchos.
Ihr Wesen: aus dem der Pallas und Nausikaa gemischt.
Und das alles stand ihm noch bevor; das alles aber hatte er auch einer Frau zu bieten, die ihm angehörte. Dachte froh bei sich: »Und sie weiß noch gar nicht, was ihr da blüht.« Sagte zeither auch zu Gargi: »Wir -- wir Europäer.«
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