Part 33
Einige Tage darauf, zur Teestunde, machte der Postbote wie immer seinen Gang von Tisch zu Tisch auf der Terrasse und reichte ihr ein Telegramm. Sibyl sah vom »Dschungl-book« auf, das Charmion immer wieder hören wollte, prüfte den Inhalt des kurzen Klebestreifens -- man starrte wie immer zu ihrem Tisch herüber -- steckte ihn ruhig ein, las laut dem Kinde das Kapitel zu Ende, schickte es auf den Spielplatz, lachte ihm nach, ging schwingend über die Terrasse ins Hotel, in ihr Zimmer, fiel in einem Herzkrampf aufs Bett. Die Depesche lief:
»Amme und Kind nach Gardasee unterwegs.«
Weder Strecke noch Zug bestimmt, so daß sie hätte entgegenfahren, die Ankunft verhindern können. Und Charmion hier, von der sie bisher mit übermenschlicher Kraft diesen ganzen Schmutz weggehalten! Ihr seinen Bastard mit Amme heimtückisch herschicken, welch namenlose Niedertracht.
Ein nasses Tuch auf dem Herzen, kroch sie zur Klingel. Sofort das Motorboot. Warf alles in die Koffer, floh zwanzig Minuten später mit Charmion über den See, ohne eine Adresse zurückzulassen, dann mit einem Zug in die Schweiz hinauf, und weiter bis an den Kanal. Mochte da hinten im Hotel geschehen, was wollte.
Seit diesem Tag spürte sie ihr Herz.
Der lädierte Köter fiel ihr ein, der seine tückisch-streichelnde Hand geleckt, nicht wissend, wann er wieder »dran käme«.
Dann lanzenhart im Schwung des Hasses:
»Nein.«
Der alte Lederer hockte, wie immer, im Bureau, setzte seinen zweiten Zwicker auf, um besser reden zu können.
Ralph Herson war auf einen Tag nur erschienen, hatte erklärt: er, als gütige und vornehme Natur, sei tief erschrocken über solche Gewissenlosigkeit einer Mutter, ihren Säugling in unverantwortlicher Weise an fremdem Ort einfach im Stich zu lassen. Das stoße natürlich alle Vereinbarungen um. Gehe er, aus Ritterlichkeit, vielleicht doch noch auf eine Scheinehe mit Scheidung ein, verlange er als Sicherstellung, als Kaution gleichsam, zweimalhunderttausend Franken. Danach aber werde Frau Sibyl, die sich leichtsinnigerweise bei ihrer Trennung von Gabriel Gruner einer allzu großen Summe entäußert, wohl kaum mehr in der Lage sein, ein Heim zu erwerben und einzurichten. Unsicheren Verhältnissen könne er aber, als gewissenhafter Vater, ein Kind, das er so lange ersehnt, nicht preisgeben. Daher müsse es ganz und gar ihm verbleiben.
Warum er denn annehme, eine Frau werde plötzlich ihre Stellung materiell ausbeuten, die sich doch bisher stets selbstlos gegen ihn gezeigt, ja, bedeutende Geldopfer auf sich genommen?
O gerade deshalb, das gebe ihr dann eben einen Schein von Recht und überdies: Frau Sibyl pflege, wie er sich persönlich oft zu überzeugen Gelegenheit gehabt, enorme Summen unbedenklich für erlesen kostbare Gewänder auszugeben. »Die Kosten der Verschwendungssucht solch verwöhnter Dame zu riskieren, scheue er sich und baue deshalb vor durch die Kaution.«
Dr. Lederer sah zu seiner Klientin auf, sie lachte so irr:
»Besitzen Sie noch so viel Geld wie er verlangt?«
»Nein, ich bin ruiniert.«
So hatte er sie geschickt und planmäßig an eine Stelle im Schicksal gebracht, wo jeder Versuch einer Tat zu Skandal, Ruin oder -- Verbrechen leitet, zu einem: sich überall an blinden Mauern die Stirn zerschmettern, die Knöchel blutig und schmutzig schlagen, wo das ganze Leben grau und rot wird vor Schmach bei jeder Bewegung, der Schlamm-Geysir nur gebannt bleibt durch regloses Stillhalten, Atemanhalten und Sichausplündern lassen; denn eine Dame kann nicht durch Gerichtssaal und Zeitungen zerren lassen, was ihr geschlechtlich geschehen. Sie ist das Wehrloseste der Welt, noch der Feigste darf sich beruhigt an ihr vergreifen; bezahlen muß sie ihn noch, damit er die ihr angetanen Infamien nicht bekannt mache.
So brauchte ein Ralph Herson nur die flottierende Niedertracht in Sitte, Meinung und Brauch für sich arbeiten zu lassen, und jeder Cerebralsadismus, jede Profitgier ward automatisch und ohne Risiko befriedigt, wenn nur frech genug, schamlos genug zu Ende geführt.
Doch wie, wenn er sich diesmal irrte? Wenn sie ihm einen Schadenersatz-Prozeß machte? Allen Ekel vor Maul und Ohr der Öffentlichkeit überwand, um ihn an der einzigen Stelle tödlich zu treffen, wo er verwundbar: mitten in die Brieftasche hinein.
Der alte Lederer schüttelte den Kopf.
»Haben Sie Beweise? Liebesbriefe -- wenn schon. Lauter Ekstase, kein positiver Inhalt, und der Schuldschein ist zwar unvorteilhaft, aber unanfechtbar, er behält Ihr Geld. Also: Prozeß zweifelhaft, Schadenersatz sicher gleich Null. Sie bleiben ruiniert und er -- kaum geschädigt. Ja, in England, dort wäre es freilich anders, dort hätte er es sich auch wohlweislich überlegt. Da ruiniert ein >_breach of promise case_< den Mann.«
Dies also war der echte Grund seiner Übersiedlung aus Cambridge, daher die Flucht vor britischem Recht.
»So ist juristisch nichts zu machen?«
»Nichts, was einer Sühne gleich käme, denn wann hätte ein Gauner nicht das Gesetz für sich.«
Sie ging. Lahm vor Ekel. Auf der Straße, in einer Gruppe Leute, hob eine Frau das Lorgnon, frug:
»Was, die kennen Sie nicht?« rief einer aus dem Kreis: »Ich werde Ihnen gleich ihre Geschichte erzählen,« und Tratschgeifer troff ihm schon aus dem Mund.
Fern und leicht, das Gesicht hoch wie ein Windenkelch, schritt sie knapp an der Gruppe vorbei, und in den längst ausgefressenen Bahnen der Empörung jagte ein Verzweiflungskrampf den andern durch ihr Hirn.
Jetzt schlug ein Haßstrahl leuchtend seine Kraft hindurch: die Zwillingskraft der Liebe, doch mächtiger als sie, weil frei vom Wahn des Glücks. In diesem Haßstrahl erhellt, sah die Zerstörte, zum ersten Male, Leiser Herschsohns Nachfolger als neuen Typus -- unzähliger Variationen fähig:
_Den Lebenswucherer._
Nicht mehr mit schmierigem Seinesgleichen nur um Geld -- o nein, -- als physisch Hinaufgepflegter auch noch mit seinen Generationszellen wuchernd, die Kalorien seiner Händedrücke berechnend: Geist, Schönheit, Kultur, _Liebe_: alles bereits ein Fremdwort für Wucher!
Seine _Güte_: daß er den Schaden, den er zufügt, leicht vergißt.
Seine _Treue_: wenn ihm in der Zwischenzeit begangener Verrat weniger Vergnügen macht, als er glaubt beanspruchen zu können.
Seine _Großmut_: besten Falles eine unterlassene Infamie.
Ohne innere Not allen fremden Werten durch Gentleman-Mimikri falsch verbunden, hatte er in Büchern gelesen von Noblesse, von Vornehmheit, schaffte sich die Worte an, fing sich mit ihnen fremde Taten ein, die ihm den Preis der neuerworbenen Ideale dann bezahlen mußten, denn keine Bindung galt für ihn, der stets auch anders konnte als Entraßter; sich beim »soll« in den weltfremden Gelehrten wandeln, beim »haben« behende in den Wucherer zurück.
Hatte sich nebst seinen Bronzen, Bildern, Büchern auch eine uneheliche Kindersammlung angelegt, als millionenfache Verzinsung einer einzigen investierten Zelle. Spesen: ein paar gut angewärmte Briefe, die ihn zu nichts verpflichteten, weil er durch seine Advokaten längst belehrt worden, wie ein Betrug, der im Geschäftsverkehr zwei Jahre Zuchthaus kostet, in Form von -- _Liebe_, straflos bleibt.
Ein _Zu-früh-Freigelassener_ auch, mit allen seinen Merkmalen, als da sind: Gier, Geiz, Mißtrauen und -- Grausamkeit, wo sie ohne eigenes Risiko zu befriedigen: am sichersten somit an der graviden Dame, hat man sie vorsichtshalber erst durch Scheidung, Schmach und Schmutz getrennt von ihrem schützenden Milieu. Erfreulicher für den Ästheten jedenfalls, als der Geschäftsverkehr mit seinesgleichen, für den Gelehrten so spannend wie der Tierversuch, und lukrativer obendrein, da man vom Adler, dem gefesselten, ehe ihm die Augen ausgeschnitten werden, kein Geld entlehnen kann.
Nun glaubte er sich frei von ihr, nachdem er ja in diesem Jahr den ganzen Tierkreis seiner Perfidien durchlaufen. Somit bereit:
»Zu neuen Taten teurer Helde.«
Doch siehe: auf dem Kursblatt seiner Emotionen notierte sie noch immer »pari« wie es schien, und die Verfolgte spürte seinen namenlosen Haß, ja, sein Entsetzen, lieben zu müssen, wo nichts mehr herauszuschinden blieb, denn: Mittel war ihm jede Kreatur.
Was aber gab ihm solche Macht?
Die purpurne Wärme Asiens: sein Erbe. Unter erotischen Schwerblütlern, mit niederem Wissen um den Körper, in einem Ozean lauer Geilheit, schoß dieser Menschenhai umher nach Beute, und alles Liebesreiche, Blühende fiel ihm voll Inbrunst zu.
In Schönheit glühen: auf dieser Sehnsucht aller Kreatur kam er dahergeschlichen, hinter den strahlenden Gaben seines Maules.
_Der absolute Egoist._
Unschädlich machen! Mitsamt seiner Zutreiberin, mit der ganzen Brut -- alles unschädlich machen -- sofort.
Doch erst quitt sein, nichts ihm schulden. Und für jede Mahlzeit, je in seinem Haus genommen, für jeden Tag in seinem Haus verbracht, und für die erste Liebesnacht insonderheit, schickte sie die angemessene Summe an das Bankhaus Herschsohn. Raffte dann in irrer Trunkenheit ihr letztes Geld zusammen, -- es reichte eben für die Reise, -- und fuhr zu ihm.
Als Chauffeur verkleidet, zwei Revolver in den Ledertaschen, klingelte sie am Tor des alten Landhauses.
Eine fremde Person kam herausgeschlurft:
Alles verreist.
Der Herr und Mylady, auch das neue Kind seien fort. Nach Madeira, vielleicht auch Tunis, jedenfalls auf lange.
In ihren muffigen Gasthof zurückgekehrt, warf sie das Fenster auf. Es verspreizte sich, Anstrich blätterte ab. Vor ihr stieg, reich und frei, das herrliche Land, sein Eigentum, so weit man sah.
Da riß der allzu überspannte Wille jäh und traf das Herz. Also entflohen, unerreichbar weit; denn wie das Gesetz den Gauner schützt, so diesen wieder sein Raub, der ihm Freizügigkeit des Reichtums gibt -- dem Opfer nimmt.
Sie kroch in die entwürdigende Verlassenheit des Fremdenbettes.
Lag so eine ewige Nacht.
Diese Nacht trat langsam, wie ein drehender Absatz, etwas in ihr aus, ohne das kein Mensch weder leben will noch kann. Etwas, das niedergeknüppelt doch -- wie oft -- verharrt. Nicht größer zuweilen, als im Riesendom ein gasblauer Stecknadelkopf, doch gespeist mit heimlichem Herzhauch, der von Gott kommt oder ganz aus seiner Nähe: Hoffnung.
Eben noch, in steigernder Gewalttat, waren Vernichtung und Hoffnung einander nicht feind gewesen. Auf unbegreifliche Art hätte aus dem blauen Stecknadelkopf heraus gerade dann aller Äther noch einmal aufflammen können zu Glorie, weil in dem Blick des Sterbenden vielleicht etwas erschienen wäre, um darzutun: Auch dies sei nur ein armer, irrender Mensch.
Diesem Ende hatte sie heimlich zugehofft. Nun war der blaue Nadelkopf erloschen.
Und es ward grau. Oder war das öde Blei auf den Augen schon wieder Tag? So einer, der sich nicht aufknien kann aus dem Fahlen. An der übel grünlichen Kälte bis in die Herzkammern hinein erkannte sie: jetzt müsse der tiefste Stand des Blutes sein. Jene heillose halbe Stunde, ganz grün von verwester Nacht, wo die zähen Greise es aufgeben und sich strecken. Im Stuhl die müde Schwester nickt dazu.
Mühsam, widerwillig hob sie die zerquälten Lider. Herein schnitt das grenzenlos gemeine Hotelloch. Im Fensterviereck stand als grauer Pflasterstein die Luft.
Sibyl hielt den Atem an. Ließ das Verfaulte aus der Nacht in allen Adern sich zu Klumpen der Zersetzung stocken.
Wartete.
Da kam, erst schwach, weit herauf eine Straße ohne Anfang, Holpern eines Karrens, und auf ihm festgebunden ein Geheul.
Kein Schritt, kein Huf von etwas, das den Karren zog. Es fehlte wohl ein Rad. Der Karren hinkte.
Immer näher kam das liegende Geheul. Ein gemartertes Tier? Ein Kind? Eine Frau? Kein Erkennungszeichen mehr: die Qual hatte jede Form zerbrochen. Was vielleicht einst Merkmal gewesen: Klage, Empörung, Angst, war längst matt herabgeglitten auf die Straße ohne Anfang.
Jetzt war es da. Gerade unter dem Fenster. Da schwoll das Geheul zu einem Laut von so hemmungsloser Erniedrigung, daß das Graue aus der Luft an ihm gerann.
Ein gemartertes Tier? Ein Kind? Eine Frau?
Oder Schauer gereizter Ermattung, die sich aus Klang ein Gleichnis schufen? Sie würde es nie erfahren. Lag festgefroren an das Bett -- die Brust bis oben voll bleicher Herzen im Kampf.
Langsam knirschte der Karren seinen schauerlichen Bogen vom Zenith des Fensters hinunter, wieder eine Straße ohne Ende, über der langhin das verblassende Geheul stand. -- Fern und immer noch.
Sie erhob sich, um zu sterben. Tastete, in allen Knöcheln zerbrochen, nach der Waffe. Etwas klirrte. Das Graue schwand.
Endlich ganz schwarz.
* * * * *
Aus der tiefen Nacht, auf der andern Seite der Zeit, trieb es sie langsam wieder zurück.
Der Tod schmolz ab, doch sie grub sich mit allen Fingern in ihn ein, wollte nicht mehr weg aus dem linden Schwarz.
»Genug« war ihr erstes Wort. Dann brachen, angesogen von einer tiefen Wonne um sie her, die Lider auf. Über ihrem Gesicht schwebten zwei wagrechte Augen aus unbegreiflich sanftem Samt, deren Wimpern flügelhaft bis in die Schläfen schnitten.
»Wie gut« und die Zurückgeholte ließ sich von nun an leben, ohne Widerstand.
Zwei Augenpaare waren es, die abwechselnd über ihr kreisten: wie große, fremde Vögel und bebrüteten ihr Herz.
War es der Ort, wo man die unerfüllten Wünsche lebte? In scheuer und tiefer Vertraulichkeit legte sie eines Tages um jeden einen Arm: als Durklang gefügt in die reine Quint der beiden. Wußte ihre Namen nicht, nichts -- frug nicht einmal, wie es gekommen, wie ihre Spur verfolgt, wie sie gefunden worden war. Lag hier selig und vollendet eingefügt als kühne Liebesstufe zwischen ihnen: frauenweicher als der Freund -- jünglingherber als die Freundin, dies köstlich fremde Damenwesen, am ganzen Körper so vollkommen, wie es der Ringfinger ganz junger Mädchen zuweilen ist.
So einfach, so natürlich schien alles, als hätte sie es immer schon gewußt, daß sie dazugehöre, seit jenem ersten Mal, da, einer ungeheuren Erweiterung der eignen Seele gleich, zwei wundervolle Menschenangesichter durch ihre einzige Sekunde Glück gezogen kamen, als sie den fremden Mann im Schoß gehabt, bis zu der Stunde, die wie Gold, weil der warme Schatten des brüderlichen Gentleman den ihren fand und ehrte. Die Haltung seines Schattens hatte alles offenbart.
Dazwischen aber war ein fremder Mann in ihrem Schoß gewesen: Der _Lebenswucherer -- der absolute Egoist_.
Empörung überbebte in Stürzen der Erinnerung ihr aufgescheuchtes Blut.
»Mein Elf von einem großen Stern« -- Gargis entsetzte Zärtlichkeit umschlang das vor Haß grau gewordene Gesicht.
»Gazellenfee, wie könntest du begreifen, was Unbeschütztsein heißt.«
Dann löste sich der Krampf der Einsamkeit zum ersten Mal, und Sibyl sprach -- deutete an, nur herb, schamdurchblutet, was ihr geschehen.
Eines Tages breitete Horus sehr zart, sehr ernst ein Manuskript über ihren Schoß: jenes, das Erasmus dem Knaben in der Bibliothek gegeben, am Tag des Traumes und der Schillerfalterjagd, als sein Leben einschwang für immer in die beiden Bahnen: _Ellipse_ und _Parabel_ der Kegelschnitte Gottes.
Vor ihrem Lager hingekniet, legte er sie ganz in die Stärke seiner Hände, sprach: »Alles ist darin: West und Ost -- Ihr und Wir.«
Und sie las, wie einstmals er:
_Der Kreis symbolisiert mir die Eigenliebe_: den Egoismus.
_Die Ellipse das Ideal der Liebesfreundschaft._
_Die Parabel das der Liebe gegen das Unendliche, Göttliche._
_Die Hyperbel das Ideal des bittersten Hasses._
Der Brennpunkt in jeder der angeführten Linien stelle eine Seele vor; die Strahlen, die von da nach dem Umkreis gehen, die Bestrebungen dieser Seele, wiefern sie nach außen (durch Handlungen) wirksam sind, und die Richtung der zurückgebrochenen Strahlen den Zweck, zu welchem die Bestrebungen auf das Äußere gingen. -- Ich kann z. B. nach außen handeln, teils um meinetwillen, teils um eines andern willen. Wenn die Strahlen also, die von dem Brennpunkt ausgehen, die aktiven Bestrebungen der Seele vorstellen, so müssen umgekehrt -- wenn wir das Symbol treu verfolgen wollen -- die Strahlen, die von der Peripherie in den Brennpunkt fallen, die Gefühle und Empfindungen vorstellen, welche die Seele passiv von außen in sich aufnimmt. Wird daher ein Strahl, der von einem Brennpunkt an die Peripherie fiel, in einen andern Brennpunkt zurückgebrochen, so sind des letzteren Gefühle -- nach dem Symbol -- durch Bestrebungen oder Handlungen des ersten Brennpunktes veranlaßt worden.
_Der absolute Egoist_ handelt nur um seinetwillen. Er läßt nur Strahlen gegen die Peripherie ausgehen, damit angemessene Gefühle in _seine_ Seele durch die Rückwirkung kommen; er ist ganz in sich abgeschlossen. Was er auch tun mag, davon hat nichts auf eine Seele außer ihm Bezug. Der Strahl, der aus dem Mittelpunkt des Kreises kommt, wird ewig wieder in ihn zurückgebrochen.
Die _Ellipse_ läßt sich als ein Kreis mit in zwei Brennpunkten auseinandergetretenen Mittelpunkten betrachten.
Eine Seele hat sich in zwei gespalten, und beide existieren nur mit- und durcheinander; jeder ist die Seele eines Freundes; jede wirkt nur, um in der andern angemessene Gefühle und Empfindungen zu erregen, denn welcher Strahl auch von dem einen Brennpunkt an die äußere Peripherie fällt, der nimmt seine Richtung nach dem andern Brennpunkt zu. Was der eine nur denkt und hat, das gießt er in des andern Seele aus. Um die Außenwelt bekümmern sich beide nur, insofern sie mittels ihrer in bezug aufeinander wirken können; beider Gefühle ergänzen einander stets: _alle gebrochenen Ellipsenradien sind gleich der großen Achse_, die beide Brennpunkt-Seelen zunächst verbindet. _Sie können jede einzeln nichts denken, nichts fühlen, was nicht mit des andern Gefühlen und Bestrebungen zusammenstimmte, daß es dieses Band darstellte_: das Ideal der Liebesfreundschaft hat viel schönere Symbole -- wohl kaum ein wahreres.
Nehmt die _Hyperbel_: beide Liebende sind durch einen ungeheuren Haß gespalten worden! Der eine hat sich von dem andern abgekehrt, _jeder reißt seinen Brennpunkt heraus_, hält ihn für sich fest und mag mit dem andern nichts zu schaffen haben. Sie fliehen sich in Ewigkeit -- nein, _sie sind noch aneinander gebunden_, aber durch die Bande des feindseligsten Hasses. Ihre Gesinnungen beben divergierend voreinander zurück bis ins Unendliche, aber doch bleiben sie hadernd einander gegenüberstehen, und daß jedes Gedanken nur von des andern Seele zurückfahren, sieht man daraus, daß die Divergenz der Strahlen ihr Zentrum in dem gegenüberliegenden Brennpunkt findet. -- _Was in der Ellipse das Band war: die große Achse ist in der Hyperbel in den Gegensatz übergegangen und alle Strahlen, die von einem Brennpunkt in den andern fallen könnten, sind sich nur in der Differenz gleich._
_Die Parabel_ ist ein erhabenes Symbol der _Liebe zu einem Ideal, zum Übersinnlichen, zu jedem Großen und Schönen, was nur in der Unendlichkeit erreichbar, der Seele vorschwebt: alle Strahlen, die der Brennpunkt der Parabel aussendet, laufen in gleichförmiger Richtung nach dem andern Brennpunkt, der in der Unendlichkeit liegt_; alle Bestrebungen und Gedanken sind nur _dahin_ gerichtet. _Umgekehrt kann kein Strahl in die Seele fallen, der nicht vom Unendlichen ausgegangen wäre._ Alle Gefühle beziehen sich auf dieses.
Sie ließ den Kopf an seiner Schulter ruhen, dann mit verdunkeltem Gesicht:
»Der _Kreis_ und die _Hyperbel_; so bin ich immer noch durch einen achsengraden Strahl von Haß mit ihm verbunden.«
»Haßt du ihn noch?«
»Bis zum Tod, ich -- ihn, er -- mich.«
»Du warst wie tot, dies ist eine neue Wiederverkörperung, und alle Bindung gelöst. Du ziehst in unsere Bahnen hinüber als meine Frau, und mit meinem Haupt zwischen den Füßen frage ich:
»Willst du das sein?«
Zweifelnd sah sie auf Gargi:
»Bist du ein Europäer?«
Er hob die Schulter nur:
»Nein, ich bin Asiate, gehorche den Sitten Asiens, in wenig Wochen zergeht der ganze Irrenkerker hier, ganz klein und schmutzig, an unserem Horizont für immer. Und jedes Jahr nur kreuzt meine Jacht herüber und bringt dir Charmion mit.«
Sie atmete auf, zu glücklich -- müd, um viel zu fragen.
Sobald der Lungenschuß verheilt war, fuhr Horus mit Sibyl nach England, ließ sich dort so rasch wie möglich trauen, dann kehrten sie auf den Kontinent zurück.
In Hamburg lag schon die milchweiße Jacht unter Dampf bereit.
Sie eilten über den Kai, Horus und Gargi, am Ende ihres weißen Traums.
Zwischen sich, eingeschlossen in ihres Ganges morgenländischen Guß, entführten sie den »Elf von einem großen Stern« in seine neue Heimat.
Ringsum barsten Beete von Sirenen, vomierten üble Trichter von Geheul in eine widerwillige Luft, gleich einem Unding, das sich selbst bejammert. Schneller schritten sie dahin, fast laufend schon, und wie Horus, im Andrang seines Herzens bei der Ankunft von Bord gesprungen war, so breitete er jetzt, den Landungssteg schon unter sich, die Arme weit der süßen Freiheit Asiens zu -- und -- fühlte sich gepackt an diesen liebesoffenen Armen, zurückgehalten, wie das erstemal.
Zwei Polizisten standen da. Blech vor dem Hirn. Und an dem einzigen Streifen freier Haut, dort wo der harte Kragen rieb, hatte der eine ein aufbrechendes, der andere ein abheilendes Furunkel im Nacken.
»Halt.«
Ein Dritter in Zivil trat vor, wies seine Karte:
»Sie sind verhaftet wegen Bigamie. Die Frauensperson da auch.«
Er streckte die Hand nach Sibyl. Sie riß ihre Waffe heraus, von der sie sich nicht mehr getrennt, traf diesmal gleich das Herz. Glitt still in sich zusammen.
Horus, herumgeworfen, brüllte auf, daß die Sirenen schwiegen, bäumte sich los; rechts und links traf sein erbarmungsloser Schlag. Dann nahm er die unvergleichliche geliebte Form aus Gargis Arm und fühlte sie an seiner Schulter sterben.
Die armen Sternsaphire wurden blind. Ein langer Strähn bananenfarbenen Haars durchschnitt, gleich einem bleichen Säbelhieb, das ganz verirrte Gesicht; bei aller Kühne wie eines übermüdeten, zu Tod gehetzten Kindes.
* * * * *
Die Kaution war, dringender Fluchtgefahr wegen, vom Gericht abgelehnt worden. Er blieb in Haft, wehrte sich verzweifelt, pochend auf sein Indertum, begriff nicht.
»Sie mußten doch wissen, daß Monogamie in Europa herrscht,« mahnte sein Verteidiger und schüttelte den Kopf.
Da lachte er zum erstenmal seit Sibyls Tod.
»Ein Jahr bin ich jetzt hier und hab' sie nie gesehen. Wußte bisher nur, daß bei den Weddas, dem beinah ausgestorbenen Affenurvolk Ceylons, das nicht bis fünf zu zählen vermag, etwas wie Monogamie, Gesetz und Zwang besteht. Wie hätte ich bei der berühmten weißen Rasse darauf verfallen sollen? Nun erst verstehe ich den Größenwahn, den Zynismus, die widerliche Arroganz des weißen Männchens gegen alle Frauen ganz. Die Gnade und Affaire, wen er mit seiner einen, einzigen, kostbaren Hand beglückt, umkrochen von den überzähligen Weibern. Welche Schmach der Europäerin, daß sie das duldet, ihm Macht gibt, so viele ihrer Schwestern notwendig zu erniedrigen, dies Wettwimmeln der Eierchen um das Sperma: welche Perversion der Natur!«
»Doch was geht all das mich -- was geht einen gesitteten Asiaten dieser Qualstall an, in dem bösartige Irre einander dafür bezahlen, sich gegenseitig in infernalischen Netzen Hirn, Kehle, Gedärm und Geschlecht abzuschnüren? Wie bin ich in die Gefangenschaft weißer Barbaren geraten? Wirklich durch nichts, als eine einzige Tat natürlichen Anstandes allein?«
»Monogamie ist die größte ethische Errungenschaft des Christentums,« sagte der Verteidiger gekränkt in seiner tiefsten Rasseneitelkeit, denn er war Jude.