Die Kegelschnitte Gottes

Part 32

Chapter 323,633 wordsPublic domain

Da schrieb sie ihm. Eine Zeile bloß:

»So hast Du mir in solcher Zeit kein einziges liebes Wort zu sagen?«

Keine Antwort. Plötzlich stürzte sie über seine Briefe her, ein Koffer voll, der sie nie verließ. Wählte nur mit der Maschine geschriebene. Ein unerträglicher Verdacht war in ihr aufgestiegen. Hatte seine schlaue und lachende Stimme nicht einmal zu Tatjana gesagt:

»Eigentlich sollte man dem Empfänger nur den Durchschlag schicken, so behält man das Original, das Ursprünglichere, Wertvollere für sich, und der Andere merkt es ja nicht.«

Sie prüfte genau. Ja, es waren Durchschläge. Und vernichtete nun alle: Blatt um Blatt.

Der berühmte Gynäkologe in Berlin sagte ihr nichts Neues.

Nach Charmions Geburt, als Fachleute dazukamen, war irgendein schwerer Kunstfehler begangen worden, weitere Kinder mußte das Messer ans Licht bringen, sonst starben sie ungeboren.

Das Schicksal gab ihr somit alles noch einmal in die Hand. Sie brauchte nur -- nichts zu tun. Sich nicht rechtzeitig der Operation unterziehen; wer konnte sie zwingen? -- und die Schmach war tot. Auf ganz korrekte Weise tot.

Eine Nacht lang rang sie nach Gerechtigkeit. Das Todesurteil über diesen Bastard zu verhängen, war ihr gutes Recht. Ja. Doch hat eine gravide Frau ein Urteil? Eine arme belastete Irre nur ist sie, mit verdrängten Nerven; ein Wesen mit verschobenem Kern. Wie, wenn sie erwachte, vom Druck befreit und die bös verzerrte Welt, die durch das Doppelich Gebrochene, war wieder eins und heil. Alles wieder gut, und jenseits der Nachtmahr stand der geliebte Mann, frei von Schuld, und zwischen ihnen lag das vernichtete Kind. Es war nicht auszudenken. Sie spornte sich an die Tat heran, wie an eine Hürde. Ein Bravourstück ihres alten »Noch-Nocher«. Sie mußte hinüber. Aber um Gottes willen rasch. Hinüber in die Gewißheit.

Auf seiner Klinik hatte sie eine letzte Unterredung mit dem Geheimrat. Beschwor ihn, sie nicht zu schonen, aber das Kind müsse leben, um jeden Preis. Stürzend durch die stechende Süße des Chloroforms, noch aus dem Abgrund herauf, lispelte sie durch das Zählen hindurch immer wieder: Telegramm, Telegramm. Hatte Auftrag gegeben, während sie noch bewußtlos, Ralph Herson sofort die Geburt des Kindes zu melden.

Lange war nichts. Vielleicht ein Jahrhundert. Dann wurde sie zur Erde, und ein Bergwerk voller Stollen hämmerte und zerriß dumpf ihr Inneres, riß durch alles durch und plötzlich rotierten vierzig Rasiermesser in ihr, Arzt und Wärterin hielten Arme und Beine. Nach vier grauenvollen Tagen und Nächten war die erste Frage nach der Post. Nein, nichts da. Ob sie das Kind sehen wolle, es sei ein so schöner Knabe.

Nein, die Post.

In der Klinik sprach man von nichts anderem. Diese fremdlinghafte Dame. Ganz allein. Flehte um die Operation und wollte dann nicht einmal ihr Kind sehen. Frug nur immer um ein Telegramm. Acht Tage, vierzehn Tage. Der Geheimrat stand vor einem Rätsel. Medizinisch ging alles bei dieser Vitalität ans Wunderbare grenzend gut, und die Patientin wurde immer elender. Aß nicht, schlief nicht, verfiel. Nach drei Wochen hieß es, ein Herr sei da, ließe diesen Brief übergeben, warte auf Antwort.

Sie schickte die Pflegerin fort. Legte die Wange auf den Brief und schloß die bebenden Augen. Streichelte ihn lange, öffnete endlich andächtig den Umschlag.

»Geehrte gnädige Frau,« stand mit Bleistift, flüchtig gekritzelt. »Ich halte wohl eine Besprechung jetzt nicht für unbedingt notwendig und um so weniger dringlich, als ich selbst in hohem Grade der Erholung bedürftig bin. Eines ist aber doch vielleicht wichtig, und zwar eine unterzeichnete Erklärung Ihrerseits, daß alle nötigen Schritte getan werden, um _mir_ die Vormundschaft über Ihr durch Kaiserschnitt von Geheimrat C. zur Welt gebrachtes Kind zu übertragen, ferner Ihres Einverständnisses damit, daß alle Abmachungen über Unterhalt, Aufenthalt, Aufzucht des Kindes zwischen uns, ohne Prozesse oder Geltendmachung rechtlicher Ansprüche Ihrerseits spätestens in zwei Monaten getroffen werden.

Hochachtungsvoll Ralph Herson.«

Kein liebes Wort. Keine Blume.

Sie klingelte und ließ ihn hinauswerfen.

Als er am nächsten Tag um eine Unterredung ersuchte, schickte sie eine Zeile hinaus:

»Nur noch durch den Advokaten.«

Und war dann lange Zeit schwer krank.

Oh, warum, warum hatte sie ihn nicht wenigstens angeschaut in der Klinik. Dann ihm die Tür weisen, aber erst sehen, wie es heller wird im Zimmer, wenn er hereinkommt. Nur eine Minute ihn sehen. Monate ließe sich's wieder davon zehren.

Sie versuchte zu reisen. Umsonst. Jede Person Plage, jeder Ort Pest, wertlos jeder Weg, der nicht zu ihm führt.

Manchmal packte sie die Wut des Gradgewachsenen, den man krummgeschlossen hat. Es war ja nicht mehr Liebe, war Besessenheit, hatte er doch nicht geruht, bis jedes Stückchen seiner Haut unentrinnbare Macht der Erinnerung über sie gewonnen.

Nach zwei Monaten schrieb der alte Lederer, ein Dr. Kosches als Vertreter Ralph Hersons habe angefragt, ob und wann Verhandlungen über das Kind stattfänden. Also noch einmal in Tratsch und Schmutz dieser Stadt zurück. Immer noch besser als in andrer einem fremden Anwalt die Situation, in die sie gezerrt worden, erzählen müssen.

»Was wollen Sie?« frug der Alte.

Sibyl saß mit Blut übergossen da.

»Haben Sie nicht sogar Vermögen bei der Sache zugesetzt?« Er schüttelte den Kopf. »Vor allem heißt es schauen, das irgendwie herauszukriegen.«

Sie beschwor ihn, nichts davon zu erwähnen. Welch ein Niveau!

»Mag er es behalten! Auch nichts von seinem Geld oder seiner Person will ich, das er mir nicht aus freien Stücken bietet, aber ich verlange Eines als mein Recht: die meiner Kaste gebührende Form. Man kann jemanden auffordern, gemeinsam eine Reise dritter Klasse zu machen. Gut -- dann weiß er es im voraus, kann mitfahren oder wegbleiben. Nicht aber geht es, jemanden in den Salonwagen zu laden, um ihn dann, ist der Zug in voller Fahrt, nachträglich in den Viehwagen zu stoßen. Ich verlange eine Scheinehe mit sofortiger Scheidung. Ist das Soziale erst in Ordnung, kann alles Menschliche wieder anheben oder zu Ende sein. Nach der Scheidung stehen wir aufs neue frei, >herrlich wie am ersten Tag< einander gegenüber.«

»Nebbich,« sagte der Alte und begann eine Art Schlangentanz um seine Klientin zu vollführen.

»_Ich_ sag' Ihnen: Heirat um jeden Preis, welche Bedingungen die Gegenseite immer stellen mag, sonst verlieren Sie Ihre kleine Tochter -- völlig, wegen der Klausel vom >makellosen Wandel<. Kommt die Geschichte mit dem unehelichen Kinde heraus, hat ihr früherer Gatte das Gesetz für sich -- ich höre, er wartet nur darauf. Also Achtung.«

Sie verließ ihr Hotelzimmer kaum mehr, ging erst in der Dunkelheit, Luft zu schöpfen, so sehr war ihr die neue Schmach ins Mark gefahren. Nur jetzt niemandem begegnen, mit niemandem sprechen müssen. Eines Tages schrillte das Telephon: Dr. Lederer erwarte beide Parteien in der Kanzlei um vier.

Nein, nein, erst morgen, noch eine Gnadenfrist! Jetzt war es Mittag. Schon um vier! Sie stand wie eine Gerichtete. Weinen wallte auf. Mit einem Schwung des Körpers warf sie sich flach auf den Rücken, daß ja nicht Tränen in die Augen stiegen, das Weiße trübend. Lag dann still und wartete. Kannte die geheimnisvolle Transfiguration durch die erregenden Ströme der Erwartung, wußte, wie sich Haut, Aug', Duft, Haar wandelten, sich bereiteten; die letzten Stunden vor jeder Begegnung etwas Blumenhaftes, Durchscheinendes bekamen, das für ihn sich erschuf und mit ihm ging.

Aber was anziehen? Jede Modelinie war scheußlich oder entzückend, je nach der freiwilligen Einstellung auf sie, und in zeitlosem Gewand erschien man nicht in Advokaturskanzleien. Dieses Wetter dazu: einmal Regen, einmal Sonne -- immer Sturm. Endlich schien wirklich nichts mehr auszusetzen, und völlig erschöpft, noch schwach von der Operation, ließ sich die Überreizte in einen Stuhl sinken, aufs Bett wagte sie nicht, des Hutes wegen, und fürchtete sich so, und wollte nicht fort, in das Lauernde hinaus. Doch auch hier im Sessel, mitsamt dem Sessel, zerrte sie ja die Zeit ebenso stetig und unerbittlich dem Schicksalsaugenblick entgegen.

Wie gut, daß die Kanzlei im dritten Stock lag. Jetzt noch zwei Treppen Gnade. Eine. Jetzt noch Stufen. Anläuten. Woher kannte sie dieses grüne Eis im Rücken so genau? Von der Abbitte im Tanzinstitut Wokurka-Crombée. Schon einmal durchlitten, also. Irgendwie wurde es viel leichter dadurch. Aus Dr. Lederers Privatzimmer kamen Stimmen -- die seine. Sie lehnte den Kopf an die Tür. Einen Augenblick war alles Harmonie, Klarheit, Süße. Leuchtend trat sie ein, ganz Sicherheit und Anmut. Die Herren sprangen auf, man wurde also doch noch als Dame behandelt. Sie hatte noch so gar keine Erfahrung im Deklassiertsein. In einem Augenblick hatte er ihre Erscheinung ganz überschaut; wohin er auf sie blickte, war's, als würden köstliche Früchte gestreut. Die Luft um ihn zitterte wie über einer Flamme. Dann senkte er die Lider, die sich wölbten von gesammeltem Triumph.

Gleich zwei Advokaten hatte er sich mitgebracht. Außer dem süßflüssigen Dr. Kosches einen, der aussah, als sei er wieder aus Amerika zurückgekommen. Ein gerupfter Nackthalsgeier, Norman Bleiweiß mit Namen.

Es ergab sich, daß alles ein Mißverständnis gewesen und er, Ralph Herson, den Eindruck habe gewinnen müssen, genarrt und verlassen worden zu sein, nachdem er sich in exorbitante Ausgaben für das künftige Heim gestürzt. Als milder Psychiater sehe er zwar manche Entschuldigung, das Vertrauen aber -- ja, das müsse erst wieder verdient werden. Die bedingungslose Abtretung seines Kindes sei er gern bereit als erstes Zeichen beginnender Einsicht gelten zu lassen.

Sie saß zurückgelehnt und schwieg. Jetzt schoß ihr feurige Scham durch die Haut: Dr. Lederer hatte das Wort Heirat fallen lassen. Oh, in ein Mauseloch kriechen, noch lieber in seine Arme kriechen und ihn anflehen: »Schau, ohne dich kann ich schwer leben, ohne Selbstachtung aber doch gar nicht -- mach' ein Ende; keine Verhandlungen mehr.« Und es fiel ihr ein, daß sie noch nie im Leben, an einer Schulter gelöst, hatte ruhen dürfen -- in ihm ließ sich nie ruhen, so wenig wie in Gabriel.

Da kam seine verschlagene Stimme und log:

»Ich will nicht lügen. Erst Ehe, dann Scheidung aus >unüberwindlicher Abneigung< -- aber ich scheine doch -- ganz im Gegenteil -- eine unüberwindliche _Neigung_ für Frau Sibyl zu haben.«

Und streichelte lange ihren Namen und ließ ihn nur ungern.

Um eines Wortspiels willen sollte sie also für ihr Leben deklassiert bleiben. Als ob er nicht um ihre verzweifelte Situation wüßte. Welcher Hohn! Und weiter:

Ihm läge es ob, die Dame vor einer Mesalliance zu bewahren, und das sei die Eheschließung mit ihm: einem Juden, offenbar in ihren Augen, da sie dieselbe doch absichtlich verhindert habe, als er ihr den Ehekontrakt zur Unterschrift gereicht.

Sie saß ganz still, gesenkten Hauptes, trank seinen Umriß ohne hinzusehen und jede Pore schrie:

»Weiß er denn nicht: man ist eine Frau, man geht fort, weil einem das Fortgehen die Seele bricht und man bleiben will, und man ist eine Säule Stolz, weil man zerbrochen sein will, man zürnt, weil man lieb sein will, man leidet Jammer, Haß, Qual, weil man noch mehr geküßt sein will; noch besser gehalten, in noch härteren, lieberen Armen. Fester. Und spüren, tief in die Nüstern einziehen das, wo man hingehört. Er aber läßt es geschehen, daß meine gerechte Empörung mich wegträgt von ihm, und braucht nur einen Schritt zu machen und alle Stacheln schließen sich, und mein Herz ist eine wilde Rose der Lust und will nichts sein, als Haut unter seiner Hand. Er aber tut, als wäre Haß Haß und glaubt mir -- der Heuchler. Doch lieber sterben, als es ihm sagen und die heiligen Spielregeln der Liebe brechen. Das ist das unbestechliche Erz an mir, denn ich bin eine Frau.«

Jetzt hörte sie seine kühle Infamie ganz zu Dr. Lederer sich wenden, vertraulich, als wären die Herren unter sich:

»Ich bin, wie Sie sich denken können, schon öfter in ähnlicher Situation gewesen, nun, da pflege ich mich jedesmal von den Damen einfach auf Alimente verklagen zu lassen und der Fall ist für mich erledigt.«

Da sie aufspringen wollte zur Tür, kamen schon seine dämpfenden Arme, wie eines Dirigenten, sein flehendes Lächeln über sie, als sei diese ganze Kanzlei doch lediglich eine Liebhaberbühne, auf der die Heldin so obenhin, von Pausen und höfischen Scherzen unterbrochen, gerade eine Griseldisrolle probte. Die Geste erinnerte auch, daß sie dabei durch edle Haltung des Zuschauers Schönheitsgefühl zu befriedigen habe. Ja, er verlangte unbedingt Anmut während der Vivisektion, alles, was eben ein Kaninchen doch nicht zu bieten imstande war. »Charmion, Charmion,« sagte sie sich, wie man ein Pferd abklopft.

Die »Verhandlungen« zogen sich durch Wochen ohne Resultat hin. Seine Advokaten brauten einen zählebigen Brei von Mißverständnissen, in den sie immer wieder zurückgestoßen wurde vom klaren Ufer der Tatsachen. Und hätte man ernstlich verhandelt, jede menschliche Beziehung wäre ja dann zu Ende gewesen, so mußte es schon deshalb vages Gerede bleiben: Schmollerei zwischen Verliebten, die ihre Stelldicheine aus fragwürdiger Laune in Advokaturskanzleien verlegt hatten. Für Sibyl ein kostspieliger Treffpunkt, diese stundenlangen Sitzungen, bei denen sie selbst nur ab und zu erschien, nicht für Ralph Herson, denn es ergab sich, daß er den beiden Anwälten ein jährliches Pauschale zur Ordnung all seiner Angelegenheiten seit langem ausgesetzt. Norman Bleiweiß war für Bilanz und Steuersachen, der süßflüssige Dr. Kosches fürs Private.

Und nie ließ er sie zur Überlegenheit der Verzweiflung kommen, trieb sie immer wieder in schwächende Hoffnung, und auch so sehr war dies in ihr, dies zu höchst Menschliche: dies _Über-Allem-Stehen_, daß sie auf Augenblicke sogar hinüberlächeln konnte, zu seinem genießenden Skalpell.

Endlich eines Tages sah Sibyl die Erlösung knapp vor sich und schlich ihr nach. Da war ein entfernter Vetter Ralph Hersons, Winkeladvokat und völlig deklassiert. Hatte eine ähnliche Art um Augen und Lippen, wenn ihm was gefiel, nur wie mit ranzigem Schmalz übergossen. Der sollte die Marter der Verzauberung brechen helfen. Sibyl, in einem alten Regenmantel versteckt, kroch um Straßenecken hinterdrein zur schmierigen Spelunke, wo er verkehrte. Sah stundenlang in leidender Schadenfreude zu, wie das entgötterte Abbild des _andern_, gütig und gerissen die Kellnerin unter einspeichelnden Worten in den Arm zu kneifen versuchte, bis eines Tages eine furchtbare Entdeckung kam: der schmutzige Winkeladvokat verschönte sich, blühte in den _andern_ hinauf, statt daß jener zu ihm zerfiele. Sie schauderte: »Mein Gott, ich bin verloren.«

Zwischendurch fuhr man spazieren, als wäre nichts geschehen. Ralph kam, holte sie ab, sonniger, inbrünstiger als je, wie beglückt, wieder sprechen zu können mit ihr. So blieb alles in der Schwebe. Sie ließ es geschehen, barg lieber das Haupt im Schoß der Ungewißheit, denn wenn eine übergroße Liebe unter infernalischen Schmerzen ausgetrieben werden soll aus den Sinnen, wo allein die große Liebe wohnt, entstehen Wehenpausen: linde Inseln aus Frieden zwischen der zerreißenden Not.

Sie lebte fast ein wenig auf, wagte sich wieder hinaus und sah in diesen milden Pausen zuweilen, wie große fremde Vögel, zwei wundervolle Menschen ihre Straße ziehen: Herr und Dame von nie gesehener Art. Zufällig immer vor ihr -- die Gesichter sah sie nicht, wußte sie schon aus Halshaltung, Kopf- und Ohransatz, verlangte nicht mehr, ganz erfüllt von dem Guß des Ganges allein. Nachlaufen dürfen, zwischen sie hinein, sie überflügelnd, einen Arm um jeden legen, mitziehen, in diesen Guß des Ganges geschlossen. Wie sich das fühlen müßte: als Durklang gefügt sein, in die reine Quint der beiden?

Dann schrak sie auf. Wieder ein ganz alleines Ich unter lauter fragwürdigem Draußen, wie einst als Kind.

Plötzlich brach er die Verhandlungen ab. Ein Telegramm riefe ihn nach Hause. Übergab alles seinen Vertretern. Dr. Kosches und Dr. Bleiweiß baten dringend um eine private Unterredung. Sie waren menschlichen Wohlwollens voll und bedauerten aufrichtig den -- Pardon -- falschen Stolz der gnädigen Frau. Alles wäre längst zu allgemeiner Zufriedenheit geordnet, hätte sie der Gegenpartei das Kind bedingungslos überlassen. Wenn sie Professor Herson doch nachreiste, mit diesem gewiß sehr erfreulichen Wesen überraschte! Er warte ja nur auf die goldene Brücke zur völligen Versöhnung.

Also gut, war nur das Schachern zu Ende, lieber den letzten Trumpf aus der Hand geben: das Kind.

Die kleine Pension am ligurischen Strand lag finster, als sie tief nachts mit Baby und Amme aus Berlin ankam. Sie hatte »Brangäne« brieflich in ihr Kommen eingeweiht, wollte hier im Verborgenen die Überraschung vorbereiten. Nein, Zimmer seien nicht reserviert. Erst nach zwei Tagen erschien Tatjana, triefend vor Entschuldigungen, bat um Geduld: Der Hausherr sei krank zu Bett, sie würde täglich kommen, Bericht erstatten. Kam nicht. Am dritten Abend brach die Gefolterte aus, hingetrieben auf den breiten Schwingen eines schwarzen Windes nach dem alten Landhaus, wo sie ihm verfallen war. Schlich im Mondlicht über den blühenden Grund voll Öl und Wein, von ihrem Vermögen erworben, wie eine Diebin von Baum zu Baum. Waren die Hunde los? Drückte auf die geheime Feder der linken Seitentür. Stand zitternd im Park. Ein einziges gelbes Fensterauge hing voll in der fahlen Mauer. Die Hunde, wenn die Hunde sie als Einschleicherin entlarvten!

Das Haus zog wie ein Magnetberg.

Lotrecht unter dem einsamen Licht warf sie sich mit ausgebreiteten Armen gegen die Wand.

Da drinnen lag er, wer weiß wie krank. Der Mörtel blätterte ab unter dem Druck ihrer Stirn. Quer -- ein Sprung im Welthirn -- klaffte oben die Milchstraße durchs Dunkel. Leichter, grünlicher Nebel: Mehltau des Mondes hing auf der Luft, knochenhell schlich Kies auf krummen Wegen des Gartens. Plötzlich stand das Krankenzimmer voller Lärm, mitten im Mondschweigen. Rasend schnelles Schnattern hub an. Seine Stimme, doch ganz anders als sonst, wie aus dem Körper eines Hundskopfaffen heraus. Weibliches Lachen dazu, wie von einer gekitzelten Nonne. »Brangäne?« Johlend irres Lachen, als kitzle das zotenfreche Affengeschnatter sie zu Tode. Unten -- die Hingekreuzigte -- verstand kein Wort. Galt das ihr? Machte man sich lustig über sie? Doch so infernalisch, so mit geheimer Verworfenheit vollgekichert war dieses obszöne Schnattern, daß ihr vor Grauen Glied um Glied abzufrieren begann.

Und es hörte nicht auf dort oben.

Endlich entstand an ihrem Daumenballen wieder ein Fleckchen warmes Fleisch. Dandy, die große Bulldogge, hatte es mit seinem Ledermaul ins Leben zurückgeleckt, sah mit weichen, weisen Krötenaugen hinauf, wie ein Freund, in ihr ganz zerstörtes Gesicht. Jetzt erst konnte sie flüchten.

Mitten in die fiebrige Abreise des Morgens schlenderte »Brangäne«; machte erschrockene Augen:

»Ja, was sei denn geschehen, ja, was?«

Ja, was? Jetzt, im nüchternen Tagblau, durch das der Briefträger daherkam, vor Rock und Bluse dieser robusten Vermittlerin, verkroch sich der Hundskopfaffen- und Nonnenspuk der Nacht. Also bleiben, die Überraschung vorbereiten.

In der Mitte seines Geburtstags legte Sibyl dem in der Hängematte seines Parkes Schlummernden von rückwärts das Baby auf den Schoß. Feig schreiend stob er weg, wie vor einem Browninglauf, sah dann nichts als Größe und Süße in ihrem Gesicht und fing sich wieder ein. Tat nur allzu programmäßig erfreut jetzt. Tatjana hatte sie also doch verraten, alles war abgekartet, man sah es an Blick und Gegenblick der beiden.

Sofort entkleidete er das Kind, nahm den Zollstab, das Hörrohr. Maß den Schädel, prüfte die Genitalien, die Pupillen, das Herz. Das Kleine sah aus vielen Wimpern groß und dunkelblau zu ihm auf, kupferhäutig wie ein Indianerprinz unter goldenem Flaum.

»Es ist fehlerlos. Hat deine unvergleichliche Anmut ins Männliche übertragen. Welch richtiger Instinkt, dich zur Aufzucht zu verwenden.«

Er nickte, offenbar gewillt, die lebende Ware franko mit Zustellung zu übernehmen. Behielt sie gleich im Haus. Sibyl zog ins Hotel. Vom Neubau stand sonderbarerweise noch immer kein Stein, in der alten Landvilla aber mußte erst Platz geschaffen werden. Auch kam die Zeit des Jahres, da ihr Charmion gehörte; da war kein Tag zu verlieren, mochte geschehen, was wollte. Man hatte sich geeinigt, nach ihrer Rückkehr die Eheformalitäten zu erfüllen, bis dahin sollte das Baby bei ihm im Verborgenen bleiben -- diskret. Er tat peinlich erstaunt über diese Scheu, als kennte er die sozialen und rechtlichen Folgen für sie nicht. --

»Was kümmert das einen freien, modernen Menschen.«

Und er hob die Schultern. Preßte sie in diesen Tagen aus bis in die Sinnenspitzen. Seine wissenden Hände, seine raffinierten Gluten überströmten sie, seine Blicke aus bösem Samt liefen brennend ihren zarten Schenkeln nach, doch hinter seiner Stirn blieb er für sich. Ward sie unter seinen Liebkosungen zu schön, glatt wie das Licht, duftend nach Birken und Erdbeeren in dem langen Glück ihrer Haare, zog er sich hart, feig, lauernd zurück -- nie erster Regung folgend.

Sein Mund war voller Küsse, die er dann boshaft wieder zerbiß. Aus Angst vor der eigenen Hingabe klügelte er unmöglichen Anspruch aus, in der Hoffnung, enttäuscht zu werden. So jagten sie hutlos durch Salzgischt und Mittagsglast, aber wehe, hatte die Linie des Lichts dann Grenzen gebrannt auf Milch und Silber des abendlichen Ausschnitts. Im Gesellschaftskleid -- er liebte Förmlich-Festliches am Abend, -- führte er sie nach dem Diner noch in die Dunkelheit hinaus, Wege voll Gestrüpp, durch Dornenhecken und boshaft dann ins Lampenlicht zurück. Ein Fleck, ein Riß, und triumphierend angewidert sah er diskret zur Seite.

Kam sie korrekt in Juchtenstiefeln die steinigen Wege daher, vermißte er das offene Spiel der feinen Fesseln, kam sie in Schuhen, wars nicht Stil.

Bei einem alten, schwerhörigen Bauer blieb er stundenlang, ließ alle Rede mit dem beinahe Tauben ihr, damit die weiche, gepflegte Vogelstimme, zum Schreien gezwungen, hier ihren Reiz verlöre.

Sie trug es, wie man mit dem Gefährten auch schlechte Zeiten trägt. Die Zeit der Wahl lag lang schon hinter ihr.

Nie ging er mit bis zum Hotel; kam es in Sehweite, nahm er Abschied. Endlich in ihr Staunen hinein, gereizt, daß sie ihn nicht von selbst begriff:

»Der Portier sieht mich bereits ein wenig sonderbar an -- deinetwegen. Unter diesen Philistern muß man vorsichtig sein.«

Sie lachte ein wenig traurig:

»Und wie war das mit den freien, modernen Menschen?«

»Oh, du bist frei.« Sie dachte: ja, vogelfrei. »Ich aber, als Grundbesitzer hier, bin von der öffentlichen Meinung in hohem Grade abhängig, brauche auch den Sindaco für allerhand Konzessionen.«

Wie praktisch, als Sturmbock gegen Weltdummheit und Bosheit benutzte er allein die Frau, ließ sich den Preis für seine Ideale von ihr bezahlen.

* * * * *

Zwei blaugoldene Wochen verspielte sie mit Charmion am Gardasee, gab dem Kinde ein pausenloses Fest. Ganz für sich blieben die beiden, begafft nur von morgens bis nachts, in dem einzigen Hotel des Orts von Kaum- und Halbbekannten, denn die Welt ist unerträglich eng.

Da kam eines Tages aus Genua ein Dokument zur Unterschrift, darin Ralph Herson die Vormundschaft und sonstigen Rechte an dem Kind übertragen wurden.

Sie staunte. In wenig Wochen der legitime Vater, was brauchte er noch dies?

Legte es nachsinnend beiseite, wiewohl die Unterschrift als dringend für ein nahes Datum gefordert war.