Part 30
Da brach er durch die Schranken. Der Anlaß war hinlänglich -- ja korrekt. Kondolierte vom ligurischen Strand, wo er sich angekauft. Und siehe! Auch Lady Tatjana wieselte wieder über den Weg, wo immer man ging. Schließlich geschah es vor des alten Anwalts Haus, der die Verlassenschaft führte, daß die Hörige, einen Affront riskierend, herzu trat, ihr Beileid auszusprechen. Unter der Mache aber leuchteten die grauen Augen froh und echt -- wie erlöst. Sie redete nur von ihm -- in seinen eigenen Sätzen und, wie Sibyl dies einst gewidert, so rührte gerade dieser Zug sie jetzt. Dachte auch über manches milder. Die unbestechliche Kinderhärte von ja und nein, dies Kompromißlose! Weil es ihr eigenes Maß, mußten ihm deshalb andere standhalten? Sie ließ das Haupt sinken:
_Sweet Prince of darkness._
Prinz Augenlust.
Sinn der Erde.
»Wie, sie wolle auf ein paar Wochen nach Spanien?«
Wie gut sich das träfe, da könne man vielleicht gemeinsam bis Genua fahren, und die Hörige sprach von dem Heim, das Ralph Herson im Begriff war, sich am Meer zu bauen. In den nächsten Tagen träfe er übrigens zum Besuche seines Vaters hier ein.
Beim Abschied warf Sibyl noch halb unbewußt hin:
»Und -- das, wie die unglückliche junge Frau zugrund ging (dachte dabei: durch _ihn_ zugrund ging), ist es schon überwunden?«
»O, er hat ihr längst verziehen,« sagte die Hörige pathetisch, »er ist ja so gütig.«
Dieser nachgesprochene Satz war schuld, daß Ralph Hersons Besuch nur in der Hotelhalle und mit den äußersten Enden der Höflichkeit angenommen wurde. So großäugig natürlich, so geistig gelächelt, so sehr leidlose Anmut war alles um Sibyl, daß die Magie in seine ungleichen Augen tief zurücktrat und alle kauernde Freude dazu. Er blieb und blieb. Ging zögernd, fast mutlos endlich, als sie den Lift bestiegen. Drehte, schon an der Tür, doch noch um, -- war in vier Sprüngen wieder am Aufzugschacht -- horchte in ihn wie in leere, letzte Erwartung; vielleicht, um ihren Schritt über der Stufe oben zu spüren. Der Lift hielt falsch, etwas zu hoch, dann wieder zu tief. Da hörte er lotrecht über sich die mädchenhafte Damenstimme sagen:
»Aber Sie fahren mich ja hinab, statt hinauf.«
Ein vogelheller Jubelton --. Eine gerührte Erlösung -- ein beispielloses Entzücken: eine Hymne der Hingabe -- an den Liftboy.
Ralph Herson neigte den großgewellten Greifenkopf. Zog die Luft ein in einem endlosen Atemzug, ging ganz langsam ins Schreibzimmer, entnahm der Brieftasche vor dem Herzen die eigens für ihn gebaute Feder von niegesehener Breite, verschrieb die halbe Nacht und den ganzen Vorrat an Hotelpapier. Faltete es. Sammelte sich noch zu den starken und kühnen Zügen der Adresse, wie zu einem Weitsprung. Hielt. Es blitzte in dem Geäder seiner Schläfe. Kleine Verstöße, die er begangen, kamen ihm peinlich wieder: ein deplaziertes Wort, eine rauh gereizte Bewegung, wegstrecken des kleinen Fingers von der Teetasse.
Gutmachen sofort! noch mehr: vorbeugen. Er entbreitete noch einmal das ganze Pfauenrad der Verzückung, schrieb darunter:
»Meine liebe Zauberin! Lächeln Sie über mich? Doch bin ich mit Ihnen, ist stets die Hälfte meines Geistes in Adoration verloren -- Du kennst mich nicht, mein besseres Teil. Die Schüchternheit vor Dir -- vielleicht die Letzte, die mir im Leben geblieben -- läßt mich dann trivialer, törichter, rauher erscheinen, als mir wirklich zu Mut ist, ja ich suche manchmal nach irgendeiner albernen Bemerkung, manierlosen Geste, um die wirkliche Bewegung zu verbergen.«
* * * * *
Als sie kam, fuhr er ihr doch zur letzten Station entgegen, wider alle Verträge. Sprang vom Rad, lief die bremsende Expreßkette entlang, die Arme voll blühender Zweige, warf sie durchs Fenster, dunkle Strahlenbündel hintennach.
»Dem liebsten Gast!«
Sprang aufs Rad zurück. Der Montmorency-Strähn auf seinem Kopf silberte im Sonnenstaub.
Dann fraß ihn Oleander- und Lorbeergebüsch weg.
»Abrasieren sollte man die alberne Gegend,« dachte sie.
»Nichts sieht man.«
Und die Sternsaphire leuchteten.
Sein Gast? Nein. Stieg in einer kleinen Pension neben seiner Besitzung ab.
Am Morgen holte er sie, zeigte ihr das provisorische Haus -- die Stelle des künftigen. Kaufte immer noch Gut auf Gut, Ufer und Hügel mit Wein.
Die weltgültigen Anreden der Fremdheit: »Gnädige Frau« -- »Herr Professor«, tanzten auf dem Äther und Kokainrausch ihres gemessenen Nebeneinander. Jedes genoß sie als Verheißung:
So viel liegt noch vor uns.
Nur einmal, als er Baupläne erläuternd, von dem Hügel niederwies auf seinen Grund, da hielt er an im Sachlichen und Klugen. Und in die lange Pause brach es leis, mühsam, gerührt und rührend:
»So im stillen habe ich mir doch immer gedacht, daß Du einmal hier wohnen wirst.«
Die nächsten Tage ließ er sie büßen. Ward sie an seinem verzehrenden Werben warm, winkte er ab mit zärtlichem Hohn, posierte Vorsicht -- gebranntes Kind.
»Ja, wenn ich so was sagte, das wäre was anderes. Ich verspreche nicht -- ich _halte_.«
Einmal brach er los:
»Verehrter Energievampir. Zeitvampir! Zeit, das Kostbarste! Jahre hast du mich gekostet: Jahre der Sehnsucht und Leere.«
An einem Hauch Humor über ihre abgewandte Wange hin sah er, sie rechne nach, womit er diese Leere minotauroshaft und auch ansonsten recht vergnüglich ausgefüllt.
»Aber verlieben konnt' ich mich nie mehr, seit damals.«
Am Abend lag ein Blatt in ihrem Zimmer:
»... und dachte: sieh, zu andern, Laß Dein Begehren wandern Und liebe, was sich lieben läßt. Da hielt ihn stets die Schlinge fest. Oft prüft er sorgsam Herz und Sinn, Als spürt er eine Wandlung drin; Doch fand er stets darinne, _Isolden_ und die Minne.«
Sie saßen in tiefen Stühlen, unterm Mond, auf der Terrasse seines alten Landhauses.
Die Ruhe ihrer Posen trog. Ruhe gab's nicht bei ihm. Zeitvergeudung! Zirkus im Hirn war angesagt.
Im roten Frack festlicher Hatz stand er: Kenner, Liebhaber, Käufer, Dompteur, Publikum: alles in Einem. Ohne Peitsche, nur auf Zungenschlag ließ er sie getürmte Hürden nehmen, höher -- höher, oder, indes billiger Erdenlärm schwieg, oben im Raum durch Trapeze stürzen und schwingen.
Seine stolze Wut nach Probe ihres Wissens, Erfassens, Durchdringens, Beherrschens, war ohne Maß. Nichts von Literatur, Kunst, Musik: dem Weiberschwatz. Er preßte sie ins Letzte, Ernsteste vor, drehte dann zäh wieder zurück ins Detail, verlangte einen Griff voll Fachwissen hier, einen dort. Genoß dabei das Luftgebäude ihres Tons in An- und Abklang, das Unsägliche am gepflegten Menschen, das um seine Worte ist. Erschöpft endlich vom bloßen Prüfen, Fragen, Hören, Folgen, fiel seine Gier die bessere Beute an, die langerlechzte. Bot ihr Champagner -- er selbst, aus Angst um seine prachtvolle Konstitution, trank nie -- doch am Andern schätzte er die rosenhafte Steigerung im Weine, und über alles den Griff der Grazie um den Kelch.
Sein zahmes Eichkätzchen, aus dem Schlaf geschreckt, hopste hinten auf den Stuhl, lief über Sibyl herab und nestelte in ihrem miederlosen Schoß; angenehm erstaunt. Sie bog das Bein ein wenig, legte eine Nuß aufs Knie, hob die schlanken Arme wie schneeige Äste, Früchte in den Fingerzweigen. Auf und ab, über sie hin schoß das fuchsrote Büschel den schwarzen Seidenstamm hinauf, entlang die nackten, schmelzend weißen Zweige und wieder zum Schoß zurück.
»Bist du am Ende Ratatöskr?« frug sie den Kleinen, »der von der Weltesche? Ist das wahr, daß du, dasselbe Wesen, oben Gutes, unten Böses sagst?« Es spitzte pfiffig das winzige Gesicht, lief an ihr, die aufstand, empor, und hinüber auf den Arm des Mannes, der sich ihm entgegenwarf.
Sein Schweif fegte ihre Haut zusammen.
Sie standen überschwemmt von ihrem Blut. Dann küßten seine Fingerspitzen sich, in streichelnden Bändern ganz langsam ihre Arme entlang, zu den Flügelschultern hin. Verweilten auf kleinen Inseln der Lust, umspielten die zwei winzigen Glockenblüten, die Brüste, rannen die Wege des Eichhorns entlang.
Sie stand nackt unter der zergehenden Seide.
Die Endchen der freien Rippen zwischen den Fingern, bog er in die glatte Sichel der Weichen ein. Da wurden beide Hände flach, bedeckten in einem rasenden Genießen den ganzen schleierschmalen Leib. Er stürzte in die Knie. Da lag der ersehnte dunkle Kopf endlich zum Greifen nah vor ihr. Sie hielt die Hände darüber, wagte nicht, ihn zu berühren, als ob er Flamme wäre. Trank seinen Nardenduft, vor Erregung fast besinnungslos. Und wieder flossen die küssenden Bänder seiner Finger, diesmal von den Fersenspitzen weise aufwärts, die edellangen, seidenschwarzen zitternden Beine in den Silberschuhen hinauf.
»Meine Zauberrappen,« stammelte er -- »aber eigentlich sind es Schimmel, und einmal werden wir sie ausschirren.«
Von der Schmalheit der Knie kam er nicht los. Da bog sie ein wenig das Bein. Er verstand. Die Fingerbänder rannen jetzt mit ihren kleinsten Muskeln um die Wette hinauf, stürzten in die Kniekehlen, umspannten hart die wundervollen Sprungsehnen, breit und rein wie Dolche.
»Zehntausend Entzückungen -- -- wie -- wie soll ich dich genießen -- ausgenießen!«
Dann taumelte er auf -- stürzte fort, Tatjana aus dem Schlaf zu reißen:
»Das ist ja gar kein Wesen wie wir, was das für Knöchelchen hat, mein Hermelin vom Mars. Solche Lieblichkeit bei solcher Größe.« Und er raste sich aus.
Etwas ruhiger kam er zurück -- brachte sie, die zitterte, nach Haus, wie sie gebeten. Sie begriff, daß er alles aufsparen wollte für das, was sie »Noch-nocher« nannte, und war stolz auf ihn in aller Qual. Stumm glitten sie nebeneinander über den Wiesenpfad. Vor dem Tor in der Mauer riß er plötzlich die Arme auseinander -- weit, hing in ihnen wie gekreuzigt.
»Alles, was mir je geschehen, war nichts gegen das, was du mir damals angetan, als du nicht kamst, aber in diesen drei Tagen hast du alles gutgemacht -- ja, es ist tausendmal aufgewogen und ich bin nur Dankbarkeit.«
Und wieder von diesen nur ihm eigenen magischen, unerhörten Strahlen gehoben, mit einer glücklich, heiseren brechenden Knabenstimme:
»_I love you immensely._«
Da ließ sie ihre Hände durch die Flammen fallen und umfaßte den silberdunklen Kopf.
Es war zwei Uhr nachts, unter einsamen Sternen. Und sie hatten sich noch nicht ein einziges Mal geküßt.
Das war also der »berüchtigte Wüstling« und »Materialist«, ihm hatte sie so lang mißtraut -- seiner Rasse wegen.
Scham tropfte aus den jubelnden Sternsaphiren.
Noch ein böser Vorhalt kam: ihr schien in den nächsten Tagen, als miede er geflissentlich ihre Lippen -- gewisse Berührungen. An ihrem Staunen zuckte er dann jedesmal hämisch und häßlich vorbei. Einmal, Gesicht an Gesicht, nahm er ihre Arme sich vom Hals, dann brutal:
»Kann ich dich denn so küssen, wie ich möchte? Was sich mir in solcher Weise bietet, muß ich dagegen nicht das größte Mißtrauen haben?«
Es war nur wie Auf- und Abtauchen im Strom endloser Anbetung gewesen. Sie wußte kaum, was sie gehört. Begriff es erst allein in ihrem Zimmer ganz.
Ihr -- _das_. Er konnte glauben, daß sie -- nicht nur widerlich verseucht, auch noch hierher gekommen, um ... ihn ...
Das kam davon: sie kannte doch seine offene Geringschätzung der Frau. »Ich, als Orientale,« pflegte er zu sagen, und erhob damit jede Privatroheit zur »Weisheit des Ostens«. Der Kult ihrer Persönlichkeit: eine dünne Schicht Laune nur, die sie von der großen Weiberverachtung -- so lang's ihm paßte, notdürftig schied.
»Und wie war das gewesen, das andere? Was sich mir solcherweise _bietet_: anbietet.«
»Mein Gott, in welchen Schmutz bin ich geraten!«
Sie warf alles in die Koffer, frug nach dem nächsten Expreß -- er ging erst in zwei Stunden, verlangte die Rechnung. Rache war es, heimtückische Rache, weil sie ihn damals abgewiesen. Hierher geschmeichelt war sie worden, aufgespart für diese Schmach.
»Brangäne« erschien mit Botschaft, sah die Koffer, eroberte das Telephon, beweinte, beschwor das Mißverständnis ... hielt die Fliehende ... bis die Tür aufflog.
Der letzte Verbrecher habe noch das Recht, vorher gehört zu werden. Er bitte von vornherein um Vergebung, wiewohl er nicht wisse, worin er gefehlt.
Ein Wink und Brangäne verschwand.
Ach so. Das. Habe er geirrt? Niemand könnte dann seliger sein wie er. Sie selbst -- so großes Kind wie Dame, wisse vielleicht nicht einmal, was ihr unbehütet geschehen. Daß sie, ohne ersichtlichen Grund und ohne doch zu ihm zu kommen, plötzlich ihren Gatten verlassen, habe bei ihm Verdacht -- Pardon: Sorge erregt -- -- aber nein, vor diesen feindseligen Koffern könne er nicht sprechen, und er gab dem nächsten einen Tritt.
So galoppierten sie spazieren, den Weg des ersten Morgens hinan.
Er leugnete gar nichts. Wurde einfach vorurteilsloser Naturforscher. Ob sie, leider sehr unpraktisch erzogen, ahne, wie viel namenloses sexuelles Elend es gerade für die Vornehmsten gebe. Da sei Vorsicht nicht beleidigend, sondern einfach praktischer Idealismus. Doch mit einem Lachen -- einem klaren Wort von ihr, wäre alles abgetan gewesen.
Ja, er kam so sehr ins Recht, daß sie nur beschämt gestehen konnte, sie sei es eben noch nicht recht gewohnt, weil bisher in Gesellschaft ihre Tischherren gerade diese Frage nie an sie gestellt. Und ließ den Kopf hängen.
Ein erstes, leichtes Funkeln von Humor erlöste ihre Seele schon. Und schließlich: nachdem sie durch Gabriel in eine Sackgasse des himmlischen Jerusalem geraten, nun zurücktastend, bei diesem hier den Sinn der Erde suchte, durfte sie sich gehaben, erwies er sich gröber, rauher, als der sterile Ätherpfad.
Da schrak sie noch einmal zusammen.
»Ja, aber das mit dem sich _anbieten_,« und trotz aller Anstrengung brach die Stimme doch.
Er konnte sich nicht fassen vor entzückter Heiterkeit. Er -- er hätte das gesagt, der seit Jahren zum Monomanen geworden -- an ihr.
Und plötzlich ernst: ja doch, er habe so was gesagt: daß sich ihm eine solche Erfüllung doch noch biete. ... Mißtrauen gegen das Schicksal habe er gemeint, einfach Furcht, weil es doch noch nicht erlaubt sein könne, so glücklich zu sein.
Dann mit Bitterkeit: Also gerade im Zartesten, im Bescheidenen werde er verdächtigt.
Schließlich voll Trotz: »Warum soll nur ich immer der Rowdy sein? Weil man in England Erpressungen an mir versucht und meinen Namen durch die Schandpresse gezerrt hat? Jetzt glaubt man mir alles zumuten zu dürfen.«
Sie standen auf dem Hügel, er wies ihr, wie am ersten Tag, seinen Besitz:
»Und wo das doch alles für dich ist. Und wo ich dir so lieb sage: _I love you immensely_ ... und wo ...«
Dann aber wurde er verschlagen und schmunzelte das Feinste:
»Gnädige Frau müssen ein sehr schlechtes Gewissen mir gegenüber haben. Aber, ich stehe turmhoch über Ressentiments. Fast bin ich froh über dieses kleine Mißverständnis, das dich -- verzeih -- Tränen gekostet hat, denn ich habe daraus ersehen, daß du doch endlich wenigstens zu ahnen beginnst, _was dir da blüht_.«
Vor dem alten Landhaus irrte die Hörige wie gejagt. Beim Anblick der beiden lebte sie auf. Er nickte ihr leicht zu:
»Ich habe das Reh wieder eingefangen und zurückgebracht.«
Am Abend erschien Sibyl noch einmal in Schwarz und Silber, und diesmal wurden die Rappen ausgeschirrt.
Sechzehn Stunden lang küßten sie einander, ohne Pause, ohne Schlaf. Tatjana, vermeinend, ein Unglück sei geschehen, störte sie endlich auf. Aber immer noch war ein Schwert zwischen ihnen gelegen.
Jetzt hieß es, die Abendrobe verhüllt, in geborgten Schuhen in die Pension zurück -- am hellichten Nachmittag. Das erste Renkontre mit der »Welt«.
Ein rasendes Gebelle und Gekläff war plötzlich ausgebrochen in dem abgesperrten Raum unter Ralph Hersons biologischen Versuchstieren. Im schneeweißen Sezierkittel kam er pfeifend angelaufen. Dann mit spitzbübischem Gefunkel:
»Aufregung im Hundekotter, das Weibchen ist da.«
Und er sah mit Experimentier-Prüflust zu, wie sie es aufnehme.
Sibyl beeilte sich, Versuchskarnickel zu sein, gab eine so heitere und dabei verblüffende Antwort, daß er, in ruheloser Gier, sofort wieder den Hirnzirkus eröffnen wollte. In der Pension aber lag schon ein festlicher Brief für sie bereit und er begann:
»Wann wird uns beiden Je wieder hier auf Erden, Solch süße Stunde werden! Vergesset mein um keine Not, Süße, herrliche Isot.«
Andern Tags reiste sie -- seufzend in die so lang vermiedene üble Stadt. Nun hoffentlich zum letzten Mal. Es hieß sofort ihre Ehe lösen, Ralph Herson Taten zeigen -- diesmal. Ihr einstiges Schwanken gutmachen, denn er glaubte ihr noch nicht. Dieser Zustand war unwürdig, immer mußte ein Schwert zwischen ihnen liegen, ehe sie frei. Alles oder nichts, wie gut sie ihn begriff. Wie stolz es sie machte.
»Zeit, Zeit, das Kostbarste, wieviel meines Lebens wirst du noch vergeuden?« hatte er gesagt. »Hätte ich dich doch mit fünfzehn Jahren gekannt, mit dir wäre ich sofort sogar eine katholische Ehe eingegangen, hätte ja gewußt, daß mir nie jemand besser gefallen könne, und besäße dich jetzt schon zum zweiten Mal in einem neuen großen, kleinen Mädchen.«
»Willst du denn ein Baby von mir?«
»Eins ist doch gar kein Ausdruck. Sechs will ich von dir haben -- vorläufig.«
* * * * *
»Wie lang dauert eine Scheidung?« frug sie den alten Familienanwalt.
»Ein Jahr. -- Ist gar kein Hindernis (aber das gibt's ja nicht) und schiebt man gewaltig an, ein halbes -- vielleicht.«
Sie erschrak. Wußte, sehr weltfremd, in diesen Dingen nicht Bescheid.
»Welche Gründe übrigens? Falls Sie nicht auf Ehebruch besonderen Wert legen, der allerdings das Sicherste und Schmutzigste -- auch Billigste ist, bleibt nur >unüberwindliche< Abneigung. Die muß aber bewiesen werden. Ich hoffe, Ihr Mann hat Sie vor möglichst vielen, einwandfreien Zeugen wiederholt angespuckt, blaugeprügelt -- ärztliches Attest erwünscht -- und mit den unflätigsten Ausdrücken belegt, >Hure< ist gut. Auch alle Komposita mit Sau ... Also bringen Sie mir das Material.«
»Niemals, wir sind doch zivilisierte Menschen.«
»Das Gesetz hat nichts mit dem zivilisierten Menschen zu tun.«
»Wenn aber zwei mündige Leute auseinander gehen wollen ohne Aufsehen, brauchen sie da nicht bloß ihren gemeinsamen Entschluß irgendeiner Behörde zu melden, und die Sache ist erledigt? Das Gericht hätte doch nur gefragt zu intervenieren, wenn es sich eben um Schlichtung von Streitigkeiten handelt, kurzum zu _helfen_, sollte man meinen.«
»Meinen _Sie_,« sagte der Alte.
»Auch bin ich schon zwei Jahre von meinem Mann getrennt.«
Da belebte er sich. »Nie dazwischen in seinem Haus gewesen?«
»Ja, doch nur um meines kleinen Mädchens willen, damit dem Kind das Wissen um den Konflikt erspart bleibe.«
»Schade,« sagte der Alte, »sehr töricht.«
»Aber« -- Sibyl war außer sich -- »wenn drei Menschen ihre privatesten Privatangelegenheiten ordnen wollen: anständig, reinlich und ohne die einzige köstliche Spanne Glücks dabei zu versäumen -- --«
»Ausgeschlossen,« sagte der alte Anwalt, denn er war mosaischen Glaubens.
Sie schüttelte seinen ranzigen Jargon ab:
»Wenn also eine Frau in Yokohama von jemandem ein Kind bekommt, deren Mann in Berlin ist, und der in Yokohama, sowie die Frau bezeugen es beide, und der Yokohamaer will sein Kind haben und anerkennen, während der Mann in Berlin keinen Wert drauf legt -- ist es dann automatisch durch Fernverkehr doch sein Kind -- auf Jus?«
»Natürlich. Außer, der Gatte klagt auf Ehebruch, und dann wird im laufenden Verfahren schon ganz von selber eine großmächtige Schweinerei draus.«
»Welch prächtige Einrichtung,« sagte Sibyl.
»Nun, dies eine Mal nur -- dann mein Leben lang nichts mehr von Gerichten.«
Da setzte Dr. Lederer einen zweiten Zwicker auf, um sie mitleidig anzustarren.
»Jeder Tag ist verloren ohne Liebe,« hatte er beim Abschied gesagt. Sie ging auf alles ein, nahm die Schuld »böswilligen« Verlassens auf sich, trat durch Schenkung einen Teil des väterlichen Erbes an Charmion ab, Ralph Hersons Frau würde es entbehren können. Ihm Zeit ersparen war wichtiger. Gabriel, fanatisch und bigott verwildert, stellte immer bösere Bedingungen, nicht um sie erfüllt, um die Scheidung abgebrochen zu sehen. Ihm schien seine Frau, der gefallene Morgenstern -- ein brünstig gewordener Seraph. Nur um Charmion rang sie mit ihm. Einen Teil des Jahres mußte ihr das Kind verbleiben. Er ging darauf ein mit einer Klausel: so lang ihr Wandel einwandfrei. _Das_ ließ sich unterschreiben.
Ralph Herson traf sie in Paris, Venedig, Rom. Sein Heim mochte sie nicht als Gast, erst als Dame des Hauses wieder betreten. Warum er sich nicht lieber in England einen Landsitz errichte, als am ligurischen Strand?
Er wehrte erschrocken ab: »Unter solchen Gesetzen leben.«
Sie dachte an Wildes Schicksal, gab ihm recht.
Auch war das Land so wundervoll, auf dem er zu bauen gedachte.
»Ich hätte dich gerne gleich in ein fertiges Haus gesetzt, doch auch so ist es gut, nun magst du mitbestimmen.«
Hatte Bilder, Bronzen, edle Stoffe in vielen Jahren vorausgesammelt. Die alte Landvilla war vollgeräumt wie ein Museum.
»Daß ich jetzt nicht nach meiner innersten Art schenken kann,« sagte er einmal trotzig, als sie durch die juwelene _Rue de la paix_ gingen -- »es demütigt mich. Da ich aber das schönste lebende Material verschmerzen mußte, verrannte ich eben meine Mittel in Totes --, und so wird es am Ende von mir heißen, daß ich geizig bin.
Wie -- wie soll ich dich jetzt würdig genießen?«
Nun, so weit es an ihr lag, sollte auch der anspruchvollste aller Sinnenprinzen nichts zu vermissen finden. Sie bot ihm jenes letzte Zusammenspiel der Tadellosigkeit zu allen Stunden, das nur in Nerven anspannender Mühsal, um ein Vermögen bei den ganz großen Couturiers, erreichbar ist -- für Wenigste. Fuhr manchmal eigens über den Kanal, um ein _tea gown_, einen Hut. Schade, daß ihre Mittel nicht so unbegrenzt. Doch nur ein einziges Mal versuchte sie zu sparen.
Es war in Rom. Am nächsten Abend sollte er eintreffen, ein Märchengewand, von Fortuny, lag schon bereit, da sah sie ihren Kontoauszug durch -- und erschrak. Scheidung, Schenkung, Reisen, der vielfältige Luxus, den er als Ästhet brauchte zum Genuß, hatten mehr verschlungen, als sie geahnt. Was für Schuhe zu dem graugoldenen Nebelgewebe morgen? Roter Saffian, geschnabelt, und im Schnabel oben hängend, eine schwarze Perle. Der Kontoauszug. Sie seufzte, und verzichtete weise, doch bedrückt, auf die schwarze Perle.
Nach Stunden erschöpfender Pflege war sie pünktlich zur Minute -- er liebte Warten nicht -- im großen Vestibul: dem Treffpunkt. Wartete. Ging auf und ab. Ging ans Klavier. Spielte. Nacheinander gespannt, erregt, beflügelt, besorgt, enttäuscht, leer und namenlos zermartert. Drehte endlich mutlos der Treppe zu. Da kam er, verschlagen und selig, hinter einem Pfeiler hervor:
»Ich habe mir gedacht: erst schau' ich, macht sie ein gar zu böses Gesicht, schleich' ich mich wieder weg.«
Hatte unbemerkt in ihrer _Art_ zu warten geschwelgt, und wie man ihn vermißte.
Sie umflammend, nahm er oben im Schlafgemach das Saffianschiffchen am Ende des feinen Seidenbeines an sein Herz, küßte die rote Spitze.
»Wäre ich reich, hier hinge morgen eine schwarze Perle -- riesengroß.«
Dies: »wäre ich reich«, scherzend nannte sie es: seine irreale, hypothetische Periode. Doch das Festliche des Wiedersehens war für diesmal verdorben. Der nächste Kontoauszug blieb uneröffnet. Das Sparen hatte er ihr somit abgewöhnt und gründlich.
Wie sie ihn begriff, in der Ganzheit ihres Herzens, daß er den Anspruch höher trieb und höher: in die Grenzen des Unmöglichen hinein und, wenn ihr die Erfüllung doch gelang, wie war er voller Dankbarkeit:
»Endlich, ohne Surrogatempfindung lieben können, welche Erlösung. Wieviel Enttäuschungen habe ich schon an Frauen erlebt.«
Der Kult ihrer Persönlichkeit steigerte seine Härte gegen alle Anderen. Gern übertrieb er dann den Physiologen durch Kraßheit der Diktion: