Part 3
Das Manuskript brach ab.
»Laß es mir,« bat Horus, und da er des andern Zögern fühlte: »es ist wohl sehr kostbar,« -- dann dringender: »Nur für kurze Zeit; nur das über die Parabel.«
In ihn brauste der Traum zurück und das Traumlicht in jede Ader seines Hauptes, doch das war nur wie leichtes Zerrbild und heller Hauch, herausgeatmet aus dem reinen Mund des Hochschlafs. Nun floß es zusammen mit der Klarheit, in der sein Herz schwamm, als es der Rhajpute einen Pulsschlag lang nach einer andern Sternenstunde eingestellt.
Was jenseits jedes Wortes, jeder menschlichen Verständigung geschienen, kam nun aus gespenstigen Tiefen, als geisterhafte Beziehung reiner Lineargebilde zurück. Das ranzige Wort »Symbol« wurde stark und schrecklich neu. So blendend, als wenn man einen Ätherstrom durch beide Lungen breit in sich hineinreißt, so steigernd riß ein Dunkles jetzt in ihm entzwei.
»Behalte es ganz,« sagte Erasmus; »vergiß auch die Ellipse nicht.«
* * * * *
Als der Tag sich schon leicht zu neigen begann, waren Horus und Gargi auf der Schillerfalterjagd. Nach den Monsunen, gegen Abend -- im schrägen Strahl ist das seltene Geschöpf zu sehen, wo tief in tropischen Hainen Feuchtes spiegelnd steht.
Bei jedem Schritt bricht eine Wolke warmer Narden aus brünstiger Erde. Stachlichte Früchte, schwer wie Säcke, hocken blattlos an Stämmen. Drüben schießen Jukkapalmen hinauf in die Freiheit. Bersten als Raketen in Büscheln von Leuchtkugeln auseinander. Dann wird es dunkelgrün, dicht, still. Tollgeformte Vögel auf behaarten Ästen zieht ein ungeschlachtes Horn im Kopf vornüber. In wahnsinnige Stellungen verhext, stieren sie dann aus kahlen Augenkreisen überquer ins Leere.
Auf hohen, sehnigen Beinen schleichen die beiden durch schlingerndes Grün: Bethel und Pfefferranken, dann längs des Wassers eine Schlucht hinan, bis wo auf kreisrunder Lichtung Klares rieselnd auseinandertritt, um feuchte, schiefrige Platten. Kauern heran, fahren flach nieder wie ausgegossen vor der Sonne; kein Schatten darf auf das Braun-Graue fallen, das sich eben aus der Luft dort niederläßt.
Köpfe schief, Augen wie Phosphorbänder, tasten sie nach richtigem Blickpunkt. Jetzt ein schräger Strahl, und das Braun-Graue geht in weißem Feuer auf als brennender Brillant, bricht in blendendem Äther über seine Ränder, wird zu einem kleinen Strahlensee, der auf sechs abgeknickten Fadenbeinchen sitzt, und während die atmenden Flügel sich glätten, gehen Adern aus Juwelenfarben durch sie hin. Zwei Lichtketten rinnen über die spiraligen Fühler: Antennen der Liebe, endend in einem großen Tropfen Licht.
Es sitzt und zittert. Spannung in den Flügeln steigt und steigt; zu tief erregendem Vibrieren ohne Pause: samtnem Elfenbrausen an. Da fährt ein zweiter kleiner Strahlensee im Gleitflug nieder zum ersten, und eine zarte Mythe hebt an: von Wesen, bei denen die Liebe zu einer Inkarnation für sich geworden. Wesen nur aus Organen der Wonne: ganz Auge, Flügel, Taster, Geschlecht. Keine Vorkehrungen mehr im Körper für diffamierende Funktionen: Kampf -- Fraß. In einem Krampf von Stille, um Geschöpfe, die in der Liebe sind, ja nicht zu stören, schauen die Kinder das Weitergeben des Lebensfunkens in den atmenden Edelsteinen.
Unten im Tal saßen sie dann am Rand eines winzigen Beckens. An einem jener kleinen, brunnentiefen Trichter, wie sie der Fluß ausspült zwischen Felsen, deren Spiegel glatt sind und wo im Glasigen die Fische fließen. Gargis Füßchen spielten mit Staubgefäßen des rosenroten Lotos, der als Porzellan auf grünen Tafeln steht. Durchbrachen dann den lauen Smaragd und ließen sich schwimmend vom Strom dem Hause zutreiben; ließen sich fließen -- tauchten -- bildeten, eins ins andre verschlungen, seltsame Doppelwesen oder formten, die Beine verspreizt, aus ihren fast brüderlichen Körpern eine Art Kanu: Bug und Heck die Köpfe, Riemen die Arme.
Bei der »Höhle der weißen Träume« suchten sie das Ufer, wateten durch Seichtes, Gargi voraus. Im schrägen Strahl blühten die beispiellosen Farben ihres Sonnenblutes auf: über grünlichem Dunkel ein silbriger Samt. Gleißend von dem Gleichen wie Panther und Orchis: dem, was von tief innen heraus zu Leben verbrannt magisch aus Fellen und Kelchen bricht.
Das selige Silber rann an ihr nieder, die Lustfurche des Rückens hinab, in der ein Wellchen sich brach. Lanzendünn blitzten die geisterfeinen Hüften.
Halb Fee, halb Knabe schien sie im Schaumschleier aus Licht und Wasser, leicht wie Schaum. Sie küßte zum Abschied die abfallenden Wassergewänder -- das Verrieselnde von den Schultern, den glatten Kinderbrüstchen. Erschauerte einen Moment schmal und möwenhaft, warf dem Wind die Arme um den Hals und flog den Strand entlang.
Gut war das: die aus sich selbst bewegten Sprunggelenke spüren, ein Lebendes, Laufendes sein, das gehoben von Blut zwischen Himmel und Gestein dahinfliegt, die sich nicht bewegen können. Und hinter sich das andre laufende Leben. -- Gut war das.
Denn ein Entflammter flog ihr nach.
Lange vermag ein wohlgebornes junges Wesen ohne Sexualität zu sein, wenn es die Liebkosung hat. Nur in nächtlich einsam eingesperrter Pubertät schwillt der primäre Trieb zu manisch-hündisch-hämischer Besessenheit: armselig, eintönig und roh. Ein Elend den Frauen, an denen er sich später vielleicht ehelich -- jedenfalls weihelos entlädt.
Horus, frühzeitig einem holden Bettgespiel gesellt, stillte seine warme, junge Sehnsucht von je in feinerer Mannigfaltigkeit.
Das Leben war ihm -- auch abgesehen vom Nur-Erotischen -- so angefüllt mit Sinnenwonnen, daß er spät zur Zentrierung der Einen kam. So verweilte sich Eros lange auf allen Gliedern. War im Ozean der Tastempfindungen, irisierte vielgestaltig über die kleinsten Muskeln hin, die -- winzige Zentren der Wollust -- sich in zarten Schauern erlösten, und Liebe blieb ein süßer Grenzfall am Rande kühner Zärtlichkeiten.
Wird aber eines Tages der innre Lenker wach -- wach über alles --, sieht er sich von der ersten Stunde Gebieter über ein erlesenes Heer von Wonnen: dem Gefolge im Märchen, das lang vor seinem Herrn erwachen soll, den Traumbann abtun, sich schmücken, festlich bereiten, dienend zur Stelle sein, wo es am Schönsten wird: bei seines Prinzen Auferstehen.
Als der Knabe Gargi den Strand hinauffliegen sah, in der jungen Herrlichkeit eines Pfeils, vom Bogen der Spannungen entsandt, trieb ihn erst reine Beutelust ihr nach, auch das Glück, von ganz nah die Sprungsehnen in den langen Kniekehlen spielen zu sehen, dort wo die Haut fast unirdisch wird.
Doch Reiz ist Schönheit in Bewegung. Sein Blut riß ihn über den Blick hinaus, begann nach den Flammen ihrer Anmut zu schwingen, wie am Morgen nach dem Atem des Rhajputen. Groß und unruhig wurde die Luft. Schwüle strich ihm um die Flanken. Schwoll durchs Adernetz. Sie halten -- umschlingen -- tragen -- beißen, es war nichts, aus taumelndem Bewußtsein schrak er auf mit dem manischen Drang, ihre Stimme zu küssen, ihr Fliehen, ihr Leben: dort ganz dort. Auch ihm nur mit der Essenz seines Lebens erreichbar.
Vor ihm her strahlte sein Begehren. Leckte hinüber in ihr fliehendes Blut. Stahldunkel vor Gewalt, schoß es über sie hinaus. Da wurde sie zu einer einzigen flirrenden Linie der Flucht und genoß die Härte ihres kindlichen Schoßes.
Die Frau will die Erwartung -- der Mann die Erfüllung. Lief wie sie noch nie gelaufen. Spürte an der Bestürzung ihres Herzens seine wachsende Nähe. Auf einem neuen Schauder kam er heran. Ihre Adern keuchten das weibliche: noch nicht -- noch nicht. Ein manischer, wahndunkler Trieb: immer den gleichen Abstand zwischen sich und der Erfüllung wahren. Sei es um den Preis der Erfüllung selbst.
Nicht enden sollte die berauschende Angst.
Nie mehr enden die pulsende Not.
Und Freude an der Not.
Überhangen bleiben mit allen süßen Möglichkeiten.
Dauern in einem Weltenbrennpunkt unaufhörlichen Begehrtseins.
Lief wie sie noch nie gelaufen. Konnte nicht mehr. Brach zusammen mit geschlossenen Augen. Klammerte sich an die Wonne ihrer Angst. Preßte die spiegelnden Gazellenbeine herb aneinander -- -- zu _einem_ langen Pfad der Verführung.
Ein Dämon der Inbrunst, war er über ihr. Sekunden perlten wie Champagnertropfen auf.
Dann: hart, langsam, gnadelos stemmte sich sein Knie auf ihre blaßgepreßten Schenkel. Der Block aus Bronze trieb die Zitternden ohne Schonung auseinander -- so weit es ihm beliebte. Und gab sie frei. Leer, kühl strich Luft um ihren versiegelten Schoß. Nur über dem Haupt duftete noch das Glück seiner lebendigen Nähe. War sie verschmäht? Besiegt und dann verschmäht? »Er will seinen Willen, nicht mich,« fuhr es durch sie hin. Es war nicht mehr zu ertragen.
Das Herz schlug ihr die Augen auf. Sah ihn nah. Wimper an Wimper besprangen sie die goldbeschwingten Panther seiner Augen. Neigten ganz in sie hinein voll Verheißung und Geduld.
Da flog sie an ihm auf wie ein angewehtes Blatt. Barg das wunderbar junge Haupt im alten Mantel seiner Zärtlichkeit. Er hatte ihr die letzte Süße geschenkt: Erleiden der Gewalt genießen lassen ohne Demütigung.
Seine Hände kamen. Widerstandslos nun, in wartendem Aufruhr, ließ sie sich an ihm entlangführen. Über seine dröhnend harte Violinenbrust langsam abgleiten, hineinreißen in die Höhle seines Leibes -- hineinsaugen in eine Schale von Kraft.
Sie stürzen ineinander.
Horchend hingegeben dem geheimen Rhythmus, mit dem die Essenzen des Lebens in ihren tiefen Kelchen -- kraft so vieler Liebkosungen -- einander wunderbar entgegenfluten. Gesteilt -- getürmt.
Sie verströmen in die verborgene Mond- und Sonnenspringflut: die Gezeiten des Eros.
Lang durch sie hin geht die selige Wehe.
* * * * *
Zur Stunde der Krähe, Tau im Haar, waren sie heimgekehrt. In wonniger Ermattung entschlummert, hoch oben auf der Terrasse aus rosigem Granit.
Inmitten der Nacht tauchte Horus aus dem Tiefschlaf. Heiß vor Wirklichkeit, ganz glücklich, wach zu sein -- _da_ zu sein.
War auch Gargi wach? Trunken taumelte sein Gesicht dem ihren zu. Vor dem Lichtjubel seiner Seele kreisten die riesigen Opale ihrer Augen, deren Wimpern wagrecht in die Schläfen schnitten, dem kindlichen Haupt etwas Durchleuchtetes gaben.
Sie erhoben sich vom weiten Lager, schritten -- zu einem Wesen geschlossen -- bis an die Brüstung, die das Halbrund der offenen Schlafterrasse umlief.
Dem Garten enthoben sich die Farben der Nacht. Über Blüten und Wegen stand strahlende Materie der Finsternis. Griffen tastend in Blumen, lehnten sich weit hinaus in den veilchenhaften Samt des oberen Abgrunds, aus dem Gestirne gehangen kamen, groß, frei schwebend: Kitalphar -- Archanar -- die Beteigeuze. Der Raum sog die Seelen an. Es war so schön, daß man nicht denken konnte -- kaum fühlen -- nur schauen.
Ihre Hände öffneten sich dem Astralschein: magnetischem Puls kosmischer Zentren. Die schlanken Finger streckten sich -- Antennen -- feinste Sender und Empfänger dem Äther und seinen namenlosen, unirdischen, alles lenkenden Wirbeln entgegen.
* * * * *
Fern aus dem Dschungl kamen, in Pausen, die Weltlaute reißender Liebe; schwimmend in einer Stummheit: Gepfauche auf Tatzen der Unrast -- Brautgebrüll -- Zischen -- aus dem Ganz-schwarzen ein Blutschrei, kühn wie die Not.
Mitten inne zwischen Dschungl und Sternen stand, in machtvollem Aufriß, ruhend in seinen klaren Achsen, mit Toren aus lichtem Erz -- das Haus der Elchos: Kristallform eines höheren Lebens.
Freiheit der Wildnis stieg an ihm auf mit tausend grünen Adern, zerbarst in Kelche, ward oben Duft am reinen Raum aus Zucht und Zartheit: dem kindlichen Ehegemach in rosigem Granit, dessen Kuppel wie der Sektor einer Sternwarte sich auftat in die bodenlos selbstblühenden Sterne.
* * * * *
Diana Elcho hatte an Gargis durchscheinendem Körperchen seit dem Frühlingslauf zur »Höhle der weißen Träume« neue, heißere Male entdeckt: »die getigerte Wolke« -- »das Korallenband« -- »zackichte Krone« -- »Perlmuschel« geheißen, in Indiens lächelnder und gönnender Sprache, die erlesene Liebkosungen in heiligen Schriften vermerkt.
Ohne Wort, ohne indiskrete Miene, wie von selbst und ganz einfach stellte sich alles auf die hohe Zeit der beiden Kinder ein. Frei von gierendem Wohlwollen. Auch das Haus: der Raumkristall wandte ihnen eine neue Facette zu.
Sie hatten bisher nicht alle Räume gekannt. Außer dem Halbrund aus rosigem Granit standen ihnen jetzt drei Schlafgemächer offen. Zwei einsame: licht, frei, glatt, -- fast leer. In der Mitte ein Gemeinsames, das ohne Fenster war; eckenlos zu einer Ellipse geschlossen. Ozonisierte und durchduftete Luft erneuerte sich unmerklich in ihm. Es war nichts als ein immenses, hingebreitetes Pfühl -- nur verschieden überhöht und durchtieft.
Linde Kurven aus dunkelglühenden Samten, schräge Lichter und Spiegel, da und dort, klarer wie Tag, eine Pore im Kelch der Liane rügend, oder mit einem Griff zu opalisierenden Nebeln verschleierbar -- warteten. In Andacht. Ganz der Nacktheit und ihren Festen geweiht.
Denn Erotik des Auges: die feinste, holdeste, ist die verletzlichste auch. Immer echt unter Gräsern und Sternen: im zartweiten Nebel von Leben als Liebesumschlingung sein geballterer Kern.
Doch im Alltagsraum: Schon an der schutzlosen Haut beginnt die Fremde. Kein sinnlicher Zauberkreis hält da dicht. Kalt schaut ein Fenster zu. Möbel leiern hölzerne Litaneien taktlos weiter:
»Wasch dich,« -- »setz dich.«
Halbwesen, Unwägbare, tasten sich liebeleer herein in einen tiefen Schauder, verzerren ein leidenschaftlich in sich Geschlossenes zu ungewollter Exhibition. Daß im Liebesraum kein Ding, von Alltagstun noch trächtig -- niederträchtig, die hohe Tugend der Wollust beflecke, hat das Fundament aller menschlichen Lebenshaltung zu sein.
Vom Kopf bis zu den Füßen in die »fließenden Wasser von Bengalen« eingehüllt, betraten sie die samtne Tiefe, und die berühmten Musseline zitterten als plissierter Nebel um ihre Körper und um die Füße als lockiger Schaum. Fließen die »Wasser von Bengalen« über ein schlagendes Herz, Beben einer Schulter, alles was pulst, verborgen schauert, nehmen sie da und tragen es herauf an den Schimmer ihrer Oberfläche. Wie im geheimnisvollen, hellen Bad, beim roten Schein der Dunkelkammer, ein Bild aus blinder Platte gehoben wird und sichtbar. Ganz scheu steht es dann -- rührend und groß auf einmal.
Auch alle Liebesspiele kannte das Gewand und spielte mit. Warf seidne Arme um den Hals bei stürmischem Nahen, floh weich in die Senkung einer Achsel, wehte dann wieder als Flügel dahin, listig mit entwendetem Duft beladen. Endlich gab es sich besiegt, hing vielleicht noch schmal an einem Knie, fiel auf einmal wie Asche in sich zusammen und war überhaupt nicht mehr der Rede wert. Die befreiten klaren Körper: Frühlingsäste im japanisch Leeren aber nahm der ganze Raum voll Inbrunst in seine samtnen Arme. Selbst das weite, gönnende Hochzeitsgewand.
In ihm meißelten sie ihre eignen Statuen unter dem anklingenden Rhythmus der großen Gewalt.
Dann, nach Stunden, aufschauernd aus Umarmungen an den Grenzen des Lebens, erblickten sie sich selbst, erblickten ehrfürchtig, was Shiva, der Herr der Glieder, sich aus dem edelsten, dem lebenden Material herausgeglüht, auf daß es -- ungleich dem sparsamen Werk der Kunst -- gleich wieder zu noch heißerem Leben, noch wilderer Anmut zergehen möge.
»Das sind wir.« -- »So viel ist uns anvertraut.«
Glätte jedes Muskels, Feinheit jeder Phalanx, das Wunder des Knies, alles hatte plötzlich einen Wert ohnegleichen. Nur weil es so, gerade so, konnte der Gott es bespielen. Hoch über aller Eitelkeit beugten sie sich -- heiß vor Verantwortung -- Hüter zu sein von lauter Dingen ohne Preis. Dem Einmaligen, Heiligen, Unwiederbringlichen, das ein lebender Körper ist: Statue, die nie erstarren darf, weichglühender Kelch von Murano, dem edler Atem Tag und Nacht, von innen heraus, die immer leise schwankende, feine Form bewahren muß.
Jeder unreine Bissen, ein häßlicher Gedanke, eine unvornehme Geste droht schon ihn zu mindern, seine Einzigkeit zu trüben. Denn Vollendung ist freigewählte, unaufhörliche, lückenlose Zucht. So fühlten sie. Und das Licht, das Gewissen des Körpers, lächelte ihnen dabei zu. Und es lächelte sogar die Zeit, denn vom Anfang dieser Erkenntnis war sie noch einen weiten Weg mit ihnen, statt gegen sie.
Der Tag begann seine Form zu verlieren, weil die roten Wogen der Nächte über seine Ränder spülten, so daß letzter Schauer des Erinnerns mit dem ersten der Erwartung am hohen Mittag zusammenfloß. Noch viel zu viel Bedrängnis in der Entzückung. Hoch über dem Glück laufen ihre unerhörten Spannungen hin -- zu Glück werden sie erst in der Erinnerung verblassen.
Menschen schienen zu nah und grell. Sie gingen zu Tieren und Musik. Beide Begleiter des Dionysos, des Herrn der Wollust, dem die Flöte heilig ist und der Astragalos: das Sprunggelenk des Panthers. Und das aus tiefen Gründen. Oft balgten sie sich stundenlang, wie große junge Katzen, mit dem Pantherbaby herum, das, ein Findling vom Rand des Dschungls, von der Leonberger Hündin gesäugt wurde. Das setzte sich manchmal, mitten im Spiel -- kein Mensch wußte warum -- plötzlich tiefernst geworden, auf seinen runden Schwanz und versuchte in den Zenith hineinzubeißen. Da mußte man es auf die trocken glimmernde Granulierung der Nase küssen, trotz seines empörten Protestes. Um den moosigen Mund lag das Hold-Fremdweltliche noch: Verschlafenheit alles ganz Jungen. Durch die Wolke von Milch und Babytum aber strich schon fahler Dunst walddurchstreichender Flanken, und die wunderbar blauen Augen, in denen das künftige Gelb in Goldkörnern schwamm, besprangen königlich alle Dinge, kraft ihres leuchtenden Rechts.
Solche Arme voll allersaftigsten Zuckerrohrs hatte Rama-Krishna in seiner hundertzwanzigjährigen Erfahrung noch nicht erlebt, als jetzt täglich, von vier jungen Händen gereicht, in seiner dummen Säuglingslefze verschwanden.
Er nahm es als karmische Fügung: man frägt nicht viel und lutscht. Leise schaukelnd. Seine beborsteten Augen, geäderte Billardbälle, weichen vorbei, immer ins Leere, nur die Rüsselspitze, hellfühlend, äugt nach mehr.
Vor siebzig Jahren war er Buddhist geworden, damals, als das Malheur mit der Herde passierte. Die »Affäre« war zwar ohnehin verjährt, aber auch so -- nein, er hatte sich durchaus nichts vorzuwerfen.
Wie etwa mit Benedek bei Königgrätz Anno 66 war es gewesen. Alle hatten das auch anerkannt und sich wirklich reizend benommen. Durchaus würdig. Keine Vorwürfe: »wären Sie nicht« ... »und hätten Sie doch nicht« ... »und sehen Sie, das kommt davon ...!« -- Nein, nicht einmal die Kühe hatten gekeift. Wie hätte er auch wissen sollen, daß der neue Vize-Roy, so einer von den fahlen Affen mit dem komischen Geruch, einen Kraal: Einfangen wilder Elefanten in heimtückisch kaschierter Umzäunung, anzusehen gewünscht?
Monate der Qual waren das gewesen: immer gescheucht, abgetrieben vom Wasser; wo man nur eine Quelle roch, fielen Schüsse, und Feuerbrände jagten die verdurstende Herde weiter. Die armen Babys, zum Schutze unter den Müttern laufend, wie unter einem galoppierenden Säulenportikus, waren schon ganz eingeschnurrt, mit verdorrenden Rüsselchen die saftlosen Brüste sehnsüchtig drückend. Da -- endlich eine Nacht des Friedens, der Ruhe, auf dicht umhegter Lichtung Wasser. Einen Augenblick zauderte er: der Führer. Alles roch so verdächtig nach fahlen Affen rundum. Wäre er umgekehrt, die Herde hätte vielleicht noch gehorcht. Aber so--o--o-- viel Wasser! Bis zum Bauch. Man war schließlich auch nur ein Elefant. Röchelnd vor Gier stürzte er sich hinein. Ihm nach die schwere, graugebuckelte Wolke.
Da schwang wie ein Tor der schmale Eingang der Lichtung zu, sie war nichts gewesen als umzäuntes Gehege, und ein Kranz von Geschrei stand plötzlich um sie auf, von Fackeln und Raketen, daß man an die elenden, mit Lianen umschnürten Pflöcke nicht herankönne, sie zu zersplittern.
Da hatte er noch einen Rüssel voll Wasser geschluckt -- auf die fünf Minuten kam es auch nicht mehr an --, dann alles hinaus ins Zentrum der Lichtung beordert. Babys und Kühe in die Mitte, die Bullen ringsum: Rücken an Rücken, Stoßzähne und Rüssel nach außen geschlossen, zu einem verzweifelten Kreis. So erwarteten sie den letzten Kampf; in Disziplin und Selbstachtung. Die ganze Nacht stand man. Nichts geschah. Dann am Morgen geschah: eine Gemeinheit. Auf Gongs, Schüsse, Feuer, war man gefaßt gewesen, doch es kamen -- Elefanten. In hoffärtigem Zug, und jeder trug auf seinem Haupt als Krone einen fahlen Affen mit Schlinge und Seil.
Sprachen durch die Rüssel in einem völlig vertrottelten Slang von »Kulturfortstrom« -- »Gliedpersönlichkeit« -- »individualistischer Irrlehre«. Schließlich blieben es aber die alten Hauer, mit denen sie erst die Schwächsten gewaltsam aus der Phalanx drängten, und die alte Hundsgemeinheit, mit der sie zuließen, daß ehrlich Kämpfenden von dem fahlen Affen oben hinterrücks eine Schlinge ums Bein geworfen wurde. Sofort packten die eignen Entartgenossen dann den Strick, schleppten den wehrlos Gewordenen zur Fesselung an den nächsten Baum.
Qualvoll schnitten die Riemen ins Fleisch. Tag und Nacht. Nie mehr ganz heilten die Wunden. Nach vierundzwanzig Stunden waren erste Bestechungsversuche genaht: Ananas, Kokosnüsse, Zuckerrohr. Aber die Bande hatte alles wieder an den Schädel retour gefeuert bekommen, daß es nur so krachte. Später freilich, wenn niemand hersah, hatte man wohl sachte -- sachte mit dem Rüssel hinter sich getastet nach einer Ananas, sie im Kernschatten des geblähten Ohres zum Mund geführt, dabei aber möglichst umdüstert nach der andern Seite gestarrt. Ja -- viel durchgemacht in diesen Tagen.
Später, als Rama-Krishna genug vom Leben verlernt hatte, um »gelehrig« zu werden, trat er in den englischen Staatsdienst: ins Colonial Service mit Pensionsberechtigung nach dem hundertachtzigsten Jahr. Damit war es zwar wieder nichts, seitdem er zu Elchos gekommen, aber dafür galt man hier mehr als Freund und Ratgeber des Hauses.
»Liebes, großes Rüsselschwein, so sieh einem doch einmal in die Augen,« und Gargi versuchte, durch Rama-Krishnas Sehfeld gleitend, seinen kurzsichtigen Blick zu fangen. Es schlug fehl. Da berührte eine schwebende Spitze ihre Schulter: die zweifingrige Rüsselmuschel, aus der es satt und lau duftete, wie aus einem Riesenfaß voll Met. Es war eine Liebkosung von überraschend zarter Weisheit, verklärtem Hedonismus. Aus flaumiger Nähe, die keusch das Berühren ins Ätherische hob, küßte er Arabesken aus Hauch über ihre Haut. Gargi verstand. Machte die Kinderarme knochenlos und muskelhaft geschmeidig, wie das Wunder des grauen Nasenarms vor ihr. Nun begann es in den Lüften: schwebendes Spiel dreier Schlangenkurven. Jede an jede funktionell gebunden, einander nie berührend, schufen sie reizende Raumgebilde aus unwägbarer, reueloser Lust.
Kurzsichtig oder nicht kurzsichtig, nein, mit so einem Rüssel ist niemand zu bedauern, und eine Elefantenkuh sein, muß auch seine Meriten haben.
* * * * *
Es kam naturgemäß die Zeit, wo zwei Körper der schöpferischen Phantasie nicht mehr genügen konnten. Auf einem Eiland von Frühling, ineinandergeschlossen zu einem Block von Glück, waren sie bisher gewesen. Unter ihnen trieb das Leben, daß sie wie auf Kelchen standen -- blühte an ihren Gewändern hinauf bis zu verstreuten Sternen im Haar. Um sie keine Welt mehr, nur Gold.