Die Kegelschnitte Gottes

Part 29

Chapter 293,532 wordsPublic domain

»Rein de Thier mißt mer zusperren vor den Damen,« sagte der alte Leiser Herschsohn, ganz angeregt, und rückte sein schwarzes Käppchen -- sehnte sich nach einer Schwiegertochter, nach Enkeln.

War er wieder im Lande, sah Sibyl es sofort. Selbst die entferntesten Cousinen der Clique erschienen plötzlich mit Sportmützen aus Pardelfell, hielten Regenschirme wie Tirsusse, und schaute man hin, wandten sie sich ins Profil, mit einem fragwürdigen und grausamen Lächeln.

Sibyl amüsierte sich: der Arme -- welch ein Evoe-Kitsch -- das verdient er denn doch nicht. Zu ihr und Gabriel kam er stets am letzten Tag vor einer unaufschiebbaren Abreise, versäumte zwar den Zug, fuhr aber doch mit dem übernächsten. Ritt rauh, arrogant, störrisch seine Steckenpferde vor: Philosophie des Standpunktwechsels, Zuchtwahl, Eugenetik; gewaltsam, unpersönlich und heftig. Als Baby Charmion hereinkam, brach er ab, vor diesem Arielwesen beugte sich das zerrissene Greifengesicht andächtig über die rosigen Füßchen. Dann wieder brutal dozierend.

Jede phänomenale Frau müßte von Staats wegen mit sechs -- sieben auserwählten Männern Kinder bekommen. Welch ein Versuchsmaterial das ergebe.

»Und wenn sie nicht will?«

Ein unbeschreiblicher Ausdruck von Übermut, Grausamkeit, Verspieltheit, Wollust rann aus den Augenecken über das schöne Gesicht, und von seinen eigenen, dunklen, magischen, unerhörten Strahlen gehoben, mit einer glücklichen, brechenden Knabenstimme:

»Dann wird sie angebunden.«

Beim Abschied in die laue Sommernacht hinaus, vermied er sorgsam ihre Hand. Verbeugte sich nur bös und tief. Dann tonlos vor Erbitterung: »Sie sitzen hier in diesem Nest und die ganze Welt dürstet.«

Um Weihnachten, Gabriel war in Schlesien, ließ eine Dame sich melden. Ralph Hersons Empfehlungsbrief lag eine Visitenkarte bei: Lady Tatjana de Walden war unter weißem, dekorativem Wappengetier zu lesen.

Gleich darauf stand eine Frau im Zimmer, exotisch, robust, resolut und unfrei zugleich, die Arme voll Blumen, ein großes Kuvert in der Hand. Schaute und schaute in fast tierhafter Spannung mit schönen, grauen Augen unter allzu neugelbem Haar. Keine Engländerin. Das sah auch Sibyls großgewordene Kindlichkeit. Keine Fremde, eine Überfremdete nur. Sie sprach in vorsichtig ausgelaugtem Deutsch, das zu dem urwüchsigen Umriß der Gestalt nicht passen wollte. Über das angenehme, etwas breite Slavengesicht rann manische Devotion. An was erinnerte nur das? Richtig, Manege. An alles, was zu erhobener Dompteur-Peitsche auf Hinterbeinen steht. Die Dame war mit umständlich vereinfachter Eleganz gekleidet -- sah aber doch aus, als hätte sie früher einen Ring am Mittelfinger getragen.

Als der Gast unter stürmischen Erscheinungen von Glück und Entzücken Abschied genommen, öffnete Sibyl das große Kuvert. Ihr eigen Bild: in Dutzenden von Auffassungen. Ein kleines darunter, leicht getönt. Wieder sie: mit bloßen Füßen, und über die trocken hellen Halme ihrer Glieder stürzte als bananenfarbener Regen alles Haar.

Mit dem Haar vermischte es sich: seine unverkennbare Schrift, doch so blaß, daß völliges Übersehen möglich blieb.

»Wer ist sie, der ich sie vergleiche, Die schöne Freudenreiche? Das müssen die Sirenen sein, Die wie mit dem Magnetenstein Die Herzen ziehn in ihren Bann.«

* * * * *

»So zog Yseult viel Herzen an, Die sich vor der Sehnsucht Leid Sicher fühlten und gefeit.«

Die Dame kam, verschrieb wappenreiches Briefpapier, schickte Blumen, verhätschelte Charmion. Und aus ihr sprach immer ein anderer. In ganzen Schnüren von Sätzen kamen seine Worte. Erschrocken stockte sie, hatte sich auch nur ein Adjektiv verschoben -- fing noch einmal an, bis es originalgetreu saß. Diese Hörige schien resolut, zäh, schlau, doch alles Eigenwüchsige war ausgetrieben, nur die Vitalität hatte er ihr belassen, seiner eignen zur Verstärkung, wie es schien.

Als sie abgereist, schauerte ein Regen von Papier hintennach, wie blinkende Schnitzelchen aus einem Reklameballon. Auf einer der Karten stand:

»Dank, Dank, für alle Lebenssteigerung, die Sie, einfach durch ihr Sein, mir gespendet haben. Hoffentlich sind Sie so zufrieden und glücklich, wie Sie scheinen, und nur das Gute erfüllt sich, das in diesen vornehmsten aller schönen Hände für den Kundigen geschrieben steht. Und wenn Sie doch einmal einer Brangäne bedürfen, so rufen Sie mich.«

Von nun an unterschrieb sie sich nur mehr: »Brangäne.«

Ralph Herson selbst hatte während der Episode Tatjana geschwiegen. Nun schrieb er wieder:

»Lady de Walden dankt mir in einem begreiflich überschwenglichen Brief, daß ich ihr zu Ihnen, der früher nur aus Bildern Gekannten und danach schon Verehrten, einen Weg gebahnt. Es ist mir immer erfreulich und eine Art Ziel der Lebenskunst, wenn ich mit einem Schlag mehreren Angenehmes erweisen oder nützen kann, und so hoffe ich, daß auch Ihnen die Begegnung erfreulich war.«

Nein, ein Ende machen. Es war zu viel, dieses ruhelose Ineinanderspielen von Händen, dieser vorgeschobene Posten in glühendem Spionagedienst, dieser neue Trabant und Zwischenträger, Konduktor und Strahlenleiter und Wärmevermittler. Es war zu viel. Ein widerwilliges Herzklopfen befiel ihre Selbstachtung beim Kontakt mit dieser »Lady«, bei der alles fragwürdig bis auf das Sklaventum. So also dörrte er einem die Würde aus -- dieser Samum. Entwurzelte Menschenzungen, dieser Vivisektor, pflanzte Papageienzungen dafür, auf daß sie einzig seinen Ton verstärkten. Nein, genug.

Da depeschierte er aus Genua:

»Lady de W. ist schwer, vielleicht lebensgefährlich erkrankt, ein paar freundliche Zeilen von Ihnen, die sie so grenzenlos und heimlich liebt, würden ihr im Innersten wohltun. Wenn irgend etwas Gemeinsames zwischen uns ist, erfüllen Sie meine Bitte, von der die Kranke natürlich nichts weiß, und senden Sie ihr, durch mich, einen Gruß. Es gibt Arzneien, die nicht in der Apotheke zu kaufen sind.«

Sibyl dachte an Madame Swobodas Liebe und Ende, an ihre erste _überflüssige_ Infamie ... und schrieb. Auch hatte sie die Frau gern, ihre Kraft und Treue.

Er jubelte.

»Ich wußte, daß ich nicht vergeblich bitten würde, daß auch Sie der Liebe haben. Die arme Lady T. lag eine Woche zwischen Leben und Tod, trotz Morphium schlaflos in entsetzlichsten Schmerzen. Doch wenn Sie gesehen hätten, welche Freude ihr der Brief der >besten Ärztin<, mit den gewissen langhebelbeinigen schlanken Zügen, bereitet hat! Ich danke Ihnen aufs innigste, daß Sie mir diese erlesene Mitfreude ermöglicht haben, der Brief trug gewiß zur Besserung bei. Ich wußte übrigens nicht, daß der Verkehr abgebrochen war. Warum, warum überflüssiges Leid zufügen? Ich habe allerdings die Empfindung, daß Sie eben noch nicht traurigste Erlebnisse hinter und unter sich haben, ja, daß das Leben noch nicht einmal sehr große Schwierigkeiten, Hemmungen, Enttäuschungen für Sie hatte. Das ist ein kleiner Defaut und läßt Sie vielleicht auch Verläßlichkeit, Treue, alles positiv Erfreuliche, nicht so sehr schätzen, wie Narbenbedeckte. Es gibt Ihnen aber andererseits etwas Erhabenes, Heiteres, Unberührtes, das ungemein edel, sonnig und erfreulich wirkt.

Möge Ihnen dies noch recht lange, ja für immer erhalten bleiben! Ich würde geradezu leiden, wenn Ihnen irgend etwas geschehe.«

So war sie wieder im Garn der Güte, denn auch die Rekonvaleszentin brauchte noch »Arznei«. Und was als Antwort zurückströmte: stumm eingesagt klang es von einem unhörbaren Mund. Schon diese Schrift! Als hätte er ihr vorzeiten jeden Buchstaben einzeln mit der Wurzel ausgerissen, um ihn frisch hineinzustecken in ein Schriftbild von seinen Gnaden; jetzt hing das Ganze steil hintüber, einer Frau gleich, die hinter dem Rücken etwas zu verbergen sucht.

* * * * *

»Es nimmt dich auf,« sagte Gabriel nach seiner Rückkehr, ganz durchsichtig in den Zügen vor Ergriffenheit.

»Als erste Frau. Du wirst erwartet. Jetzt hebt erst unsere wahre Hochzeit an, denn nichts kann uns mehr trennen.«

Immer noch, seit dem ersten Tag, ging sie mit Gabriel die inneren Gänge ihrer Verbundenheit. Bisher war er Mittler gewesen für die Weisungen des Zwiegeschöpfs an sie. Nun sollte endlich ein wichtiger geistiger Vorgang dem Stadium der Reife sehr nahe sein, sich auch von innen her in einem Zeichen körperlicher Art auswirken: als Meilenstein am Weg. So war es angesagt worden.

Noch am Abend wollte Sibyl reisen, taumelte vor Erregung wie im Traume durch den Tag. Es flimmerte ihr so vor dem Herzen, daß sie sogar von der Leiter glitt. Kam da auf der Jagd nach einem Koffer eine uralte Tasche aus des toten Organisten Nachlaß vom Bord herunter, traf ihre Schulter, sie verlor das Gleichgewicht und stürzte, gerade mit dem Handgelenk, auf ein seltsam graviertes Petschaft, das aus der verblichenen Tasche gerollt war. Der scharfe Steinschnitt grub in ihr Fleisch ein weinrotes Mal. Rasch wand sie ihr Taschentuch darum. Gut, daß Gabriel nicht dabei gewesen, er liebte nicht Gegenstände seines Vaters profan ins Licht gestreut. Nun, es war ja nichts Böses geschehen, die kleine Quetschung gewiß in einer Woche vergessen und heil.

Am zweiten Abend kam Scheible in den Geist. Saß halbstarr auf dem Strohsessel seiner dämmrigen Werkstatt -- ferne schwebten die schönen Augen mit den Greisenringen in dem kleinen Gesicht. Knotige Hände, im Gegensatz zum blutlosen Schädel, mahagonibraun, lagen mit ihren eingewachsenen Rillen Pechs im grünen Schusterschurz. An der Wand, breit wie ein Baß, ragte Radinger mit seinen Holzschnittschultern. Gleich einem Block füllte Ruhe den Raum, bis auf des Schreiners unaufhörlich zitternden Kopf. Die südlich fremden Mandelaugen lagen geschlossen darin und man ahnte sie hinter den Lidern nach oben gebrochen wie einer empfangenden Frau. Der Mund war leer und wartete.

Sibyl saß auf der Ofenbank, sah Scheible ins träumende Auge. Zuweilen spannte und erweiterte sich die Greisenpupille, dann begann es aus Radinger zu murmeln, biblisch Klagendes oder Verzücktes, das sie nur vag verstand, ihr auch nicht galt. Etwa nach einer Stunde stützte sie den Ellenbogen aufs Knie, den müden Kopf in die Hand. Der Ärmel glitt zurück. Das Aufwachsen ihres lichten Armes ins Dunkle mochte Scheibles schwebenden Blick gefangen haben. Er sprang über, blieb wie ein Bläuling, ehe er sich auf eine Blume niederläßt, über dem Blutmal an Sibyls Gelenk in der Luft stehen, dann sog er sich langsam dran fest, und Freude brach aus Radingers dunkelgerundetem Munde: das Doppelwesen sprach die Quetschung an als das erwartete Zeichen. Sprach mit ihr von Dingen, die sie nun wissen sollte und nicht wußte, da doch das innere Leben zu dem Male fehlte.

Langsam kroch die grauenhafte Entdeckung sie an, vereiste ihre Haarwurzeln:

Das »innere Wort« hatte geirrt. Wo Irren nicht möglich sein durfte, oder es sank herab zu -- -- Hysterie.

War das Doppelwesen auseinandergefallen, ganz gleich was dann zwei knorrig liebe, kreuzbrave, tiefgläubige und gütige Handwerker, ganz gleich, was sie da: Wachblinde, zu wissen vermeinten -- doch als innerer Doppelstern! Hier Täuschung und der ganze Weg war falsch _oder konnte falsch sein_. Sie wartete in Todesangst, wie ein Verurteilter auf Gnade. Nichts Erlösendes kam. Das Murmeln hörte langsam auf. Starre wich von Scheible, von Radinger das Wort.

Im elenden kleinen Gastzimmer der Dorfherberge starrte sie vernichtet auf die leicht verschwimmende blaurote Stelle an ihrem silbrigen Arm.

Zwei Möglichkeiten gab es: Diese Quetschung glich äußerlich, sei es durch Zufall, sei es, weil die Sigille des alten Gruner wirklich jenes Zeichen darstellen sollte, dem wahren Mal, dann war der Irrtum für ihr Vertrauen tödlich, denn der Führer hatte _mit innerem Gesicht das Wachstum ihrer Seele zu sehen_: das Mal von innen an ihr zu sehen, nie durfte äußerer Stoß in die Haut ihn täuschen. Oder: und es war die letzte Hoffnung: das Zwiegeschöpf hatte tiefer in ihr gelesen, als sie selbst noch wußte. Das Zeichen war schon auf dem Wege sich zu bilden, die innere Knospe nur noch nicht ins Bewußtsein aufgesprungen. Nichts als eine leichte Verschiebung in der Zeit hatte stattgefunden und durfte es, denn das Geistwesen »sieht die Zeit wie durch ein Rohr: alles auf einem Haufen!«

Bald mußte es sich entscheiden, ob das echte Mal erschiene, das die Seher vorgeahnt.

Noch ein Drittes gab es: aber darauf ließe sie sich nicht mehr ein: Das »_credo quia absurdum_«. Nein, hatte man einen Bund geschlossen und sein Teil des Paktes gehalten, so hatte sich auch der Drüben anständig zu benehmen, und wär's der liebe Gott. Alles oder nichts. Und gab's einen Weg solch absoluter Demut, ihr Weg konnte es nicht sein, war sie nicht schon weit genug abgekommen von sich selbst?

Und _Hysterie_, ihr Kinderschreck, sollte wie die Jugend, so das ganze Leben an einer fremden Gehirnkrankheit zugrunde gehen.

War es nicht, als setzten die Brüder dieser mystischen Gemeinde sich in ein skurriles Geistesgefängnis, des perversen Ehrgeizes voll, daß ihnen alles fehlschlüge und einer dumpfen Hoffart gegen jedes Unbeschwerte, durch Freiheit Siegreiche.

Und man erfror vor Bedeutsamkeit bei ihnen.

Wo aber blieb jetzt der Sinn ihrer Ehe?

Nicht mehr Gabriels »geschwisterlich Gemahl im Geiste.«

Sie wartete mit aller Inbrunst auf das verspätete Zeichen des Lebens. Es blieb aus. Suchte an des Mannes Schulter um Rat.

Er glaubte ihr nicht. Daß ES geirrt haben könnte, schien ihm unausdenkbare Blasphemie, sie wolle ihn anstecken, vergiften, mit ihrem Zweifel die Saat, gesät in Geschlechtern, verrotten in seinem Blut.

Da kam -- an Bord der »Titania« geschrieben -- viele hundert Seiten lang, ein Brief Ralph Hersons.

Wie brennende Schiffe trieben glühende Wortgruppen ihr entgegen und vorbei, abgelöst von irisierenden Wirbeln der Verheißung, rosig und leise dahinrotierend in dem endlosen Strom der Anbetung. Eine schmerzhaft konzentrierte Noblesse der Sprache, auch der Gesinnung wohl. Denn wie hätte es schon zu Beweisen, zu Taten äußerster Treue kommen können, so lang sie ihr Leben ihm nicht anvertraut. Nun schrie es aus ihm »in heiligster Not«:

»Wollten Sie meine Frau werden? Ich gehöre nicht zu jenen, die solches Wort leicht auf der Zunge führen -- Sie sind die Erste und Einzige, an die ich je solche Aufforderung gerichtet« -- dann Prinzessin Augenweide ... und nun bot er ihr alles, was ein Mann einer Frau nur bieten kann. Und es kamen hunderte Bilder der Inbrunst, und sein verzücktes, verzweifeltes Begehren rann als maßlose Erhöhung durch ihr Blut.

Da ward ein solcher Brand nach Blüte in ihr, daß sie, nackt hingeworfen, alle diese Blätter über sich gelegt, mit jeder Pore, mit dem ganzen Sonnengeflecht die magischen und dunkel duftenden Ausströmungen der breiten Männerschrift in sich trank.

Der Brief schloß:

»Ein Kind von Ihnen wäre die Krönung meines Lebens -- eine Tochter gar, die Ihnen gliche an märchenhafter Anmut -- ich glaube, da würde ich toll vor Glück. Doch wüßte ich selbst, Sie könnten nie mehr Kinder haben, auch dann wäre mir Ihre bloße Nähe schon so wertvoll, daß ich nichts unversucht ließe, Sie zur Frau zu gewinnen. Nur hinter Ihnen hergehen dürfen ist mehr als jede Andere umarmen.«

Sie erbat Bedenkzeit. Das Beste von ihr war noch drüben in jener Ehe, die doch bis zu Gott hätte reichen sollen. Hatte aus ihrem Phantasiekörper sich ein Abbild Gabriels geschaffen in einer strahlenden Materie in den lichtesten Stoffen der Welt. Dieses Ikon konnte nicht so schnell verwesen. Sie hatte es noch nicht ausgeliebt -- ausgeglaubt. Alles kam von den zwei Jahren der Verzögerung, und daß man die Erwachsene hatte einsperren dürfen in Minderjährigkeit. Jetzt hätte sich das Ikon bereits reif und leidlos aufgelöst gehabt. Wieder überstrahlte sie der erste große Haß gegen Papas verbrecherische Torheit.

Als sie Gabriel von Trennung sprach, vermochte er es nicht zu fassen, hielt alles für Wahn. Flehte: »Versuche es wenigstens noch ein Jahr mit mir.«

»Begeisterung ist keine Heringsware, die man einpökelt für mehrere Jahre,« feixte Ralph Herson.

»Zeit: das Kostbarste vergeuden.« Gleich müsse sie fort. Drang auf rascheste Scheidung. Er als Engländer liebe klare Verhältnisse. Nicht einmal sehen wolle er sie vorher. Lady Tatjana tauchte wieder auf, trug Sturm hin und her, schluchzte, beschwor. Ein Wortbruch -- Sibyl hatte ihr Wort noch gar nicht gegeben -- wäre ärger als Mord.

Aber gerade diese Lady Tatjana ließ sie auf einmal wieder tief zögern. Nein, es ging nicht.

Wem es gefiel, mochte der in freier Liebe leben, natürliche Kinder Unnatürlichen vorziehen. Nie hatte sie den Beziehungen der beiden nachgeforscht. Aber es ging nicht, der früheren Bediensteten im elterlichen Haus einen Scheinmann, seinem eignen Kind einen fremden Vater zu kaufen: einen verhungerten kleinen Beamteten, der es billig tat und Edler von Walden hieß. Es ging nicht, diese Frau dann -- sie hieß Leopoldine Sedlacek -- nach vertuschenden Reisen, mit vertuschtem Dialekt, vertuschter Schrift, unecht-wahr, als »Lady« Tatjana de Walden einer Dame ins Haus zu schicken. Diese Fakten waren aus der Gerichtssaalnotiz einer Provinzzeitung ersichtlich -- mit Rotstift gerahmt, ihr zugeschickt -- denn der kleine Beamtete klagte endlich auf Zahlung der bedungenen Heiratssumme, ein paar Tausende im Ganzen. Man hatte ihn auch noch bei dem Handel zu übervorteilen gesucht, seinen Anspruch juristisch bestritten, weil solch ein Vertrag gegen die »guten Sitten« verstoße. Den schönen Namen aber war die Dame andererseits nicht mehr herzugeben gewillt.

Sibyl verschwieg ihr Wissen, aus Scham für beide. Auch hätte er, sofort Edelanarchist und nur auf das Wesenhafte eingestellt, befremdet aufgeschaut:

»Das ist doch alles nur äußerlich.«

Schließlich: Jemandem die Brieftasche ziehen, war dann auch nur »äußerlich«, stak sie in der äußeren Rocktasche.

Ein edler Schwätzerkniff.

Sie zögerte tief -- schloß dann die Augen in der nächtlichen Fieberkurve der Sehnsucht, ließ die geliebten dunkelsaugenden Strahlen über sich ein. Und alles war wieder gut.

Da drohte er mit -- Heirat. Stellte ihr ein befristetes Ultimatum von drei Wochen. Jetzt solle sie sehen -- jedes junge Mädchen könne er haben bis dahin. War es erwachende Reaktions-Prüflust des Vivisektors?

»Es gebe auch Leute, die man peitschen müsse, um sie zum Reagieren zu bringen,« ließ er sagen.

Sibyl wurde zu Eis und Honig -- wünschte viel Glück. Poldi Tatjana, die arme Hörige, irrte mit Botschaft zwischen ihnen hin und her, widerrief Drohungen, die sie tags zuvor gestammelt:

Nur kein Mißverstehen: da sie noch zögere, sei der Plan einer Zwischenheirat aufgetaucht, gerade ihretwillen, ihr Außerordentliches zu bieten. Der alte Leiser habe dem Sohn das halbe Vermögen -- sofort zahlbar -- als Prämie gesetzt für eine ihm genehme Ehe. Ralph war nicht mehr so jung, wie die eigenwillige Bronze seines Körpers es wahrhaben wollte, schon den zäheren Vierzig nah. Also Scheinehe, Scheidung, die junge Dame erhielt Freiheit und Mitgift zurück und man war unabhängig im größten Stil; die ersten Jahre sollten ja ein unaufhörliches Fest sein, ein goldenes Gewitter, eine Lebenserhöhung, wie sie wenig Sterblichen vergönnt.

Andern Tags war wieder Minotauros Pose: er brauche, rein physiologisch, alle drei Monate eine Jungfrau -- dies sei die letzte Ration, ehe er sich einer _fairy-queen_ verbände.

»Also war die junge Wegzehrung wohl schon gefunden?«

»So halb.« Die Hörige, beflissen, ging in die Falle, zeigte weitgehende Bilder, die sie »im Auftrag« von dem Fräulein gemacht.

Drei Wochen auf den Tag heiratete er. Schrieb am _lendemain_ »der großen schlanken Ehestifterin« einen seiner perfiden, verworfenen, verbotenen, ersehnten Briefe, als wäre nichts verändert. Dann reiste das junge Paar.

Und es war keine Ruhe.

Die Hörige, im Kielwasser der Lustfahrt, schmeichelte, flehte, klagte:

»Ahnen Sie nicht, spüren Sie nicht, wie nötig jetzt ein paar Zeilen von Ihnen wären? Ich fürchte, Sie haben noch immer keine Ahnung von der ungeheuren Liebe, die er für Sie empfindet. _Fancy -- -- -- come!_«

Dann wieder:

»Er hätte Ihnen so viel zu sagen. Aber wollen Sie denn hören? Sie haben ihm ja die Schleusen gesperrt. Vesta! Wie walten Sie des heiligen Feuers?«

Manches klang diktiert:

»Der Trotz, mit dem er diese törichte Scheinehe einging, ist mir beinah unheimlich. Es ist so komisch, die Menschen ihm dazu >Glück< wünschen zu hören. Es tut mir in der Seele weh, daß ihm nur Mesalliancen beschieden sein sollen. Ich liebe ihn und gönne ihm die einzige Erfüllung, die für ihn möglich ist. Oh, werden -- werden Sie kommen?«

Immer lagen Kuverts mit verstellter Schrift bei und die Mahnung, nur diese zu benützen, denn:

»Die junge Frau hat keine Ahnung von Ralphs Stellung zu Ihnen, er hat noch kein Wort mit ihr darüber gesprochen.«

»Mein Gott, wie komm' ich zu diesem Schmutz?« Und Sibyl zerriß die falschen Kuverts bis auf eins, steckte die Schnitzel in dieses letzte -- das schickte sie ihm zurück.

Doch auch in ihrer Ehe mochte sie nicht bleiben unter falschem Stern. Die Glut dieses Mannes hatte sie ruhelos gemacht, einsam und unfrei. Gabriel bewilligte die Probetrennung, hielt es für mystischen Urlaub nur. Behielt Charmion als Pfand. Das Arielewesen sollte nicht leiden, von nichts wissen, nicht in Heimlosigkeit gezerrt werden. Damit es sich ihr nicht entfremde, kam sie in Pausen immer wieder zu ihm. Bestimmte die Hälfte ihres kleinen Depots für seine Pflege.

»_Notre Dame du wagon-lit._« Ahasvera jetzt. Sie war beinah arm. Und lieber noch jeden Tag eine andere Fremde als »Heim« nennen müssen, war unter ihrer Art.

Arbeitete bei Kocher in Bern, bei van t'Hoff in Berlin, lernte den Skisprung bei Sarnström in Dalarne, hörte Bergson in Paris. Kam aber aus Europa nicht hinaus, um Charmions willen.

Das Glättende und ortlos Weltgültige im Stil war jetzt über die so sehr kindlichen Spitzen ihres Wesens geschmolzen, aber ihre innere Fremdheit wuchs. Der Vorfrühling ihrer Glieder blieb fixiert, duftete nach Birken und Erdbeeren. Es war da nichts zu ändern, nur Übergänge auszugießen, zu feilen, zu veredeln. Welchen Sinn hätte denn das Älterwerden je gehabt, wenn nicht: Schönheitsfehler verbessern und überhaupt etwas dazu lernen. Wie ein Virtuose auf Urlaub übte sie auf dem stummen Wunderinstrument ihres Körpers. Alles oder nichts, auch hier. »Narzissa« hatte Ralph Hersons wissendes Begehren sie einmal genannt.

Und es war keine Ruhe. --

Über Länder und Meere her rann das Gefälle seiner stechenden Wärme in einer heißen Linie auf sie zu und hetzte ihr Herz. Ein Buch kam, ihm einst geliehen. An ihrem Geburtstag, unbekannt woher, ein Päckchen mit seiner Schrift, darin retourniert ihr Hochzeitsgeschenk an seine Frau. Dann wieder ein andermal hatte sich die Hörige bei Papa eingeschlichen, die Dienstleute bestochen, um Nachricht. Sie fühlte Spione um sich. Gerüchte zerstäubten vor ihrem Weg: die junge Frau ein Jahr nach der Hochzeit tot. Hatte sich in einem schottischen See ertränkt.

Er, das Opfer von Erpressungen, wolle Cambridge verlassen.

Es war keine Ruhe.

Aber warum gerade dieser? Was gab ihm solch brennende Macht?

Sie ließ das wissende Haupt sinken.

Sein Erbteil: Die purpurne Wärme Asiens. Sie ließ sich sinken:

»_Sweet Prince of darkness._«

Aus Olympia zwang sie ein Telegramm zurück. Papa war tot, sie selbst nun wohlhabend, fast reich. Tratsch trieb das Erbe zu Millionen auf.