Die Kegelschnitte Gottes

Part 28

Chapter 283,545 wordsPublic domain

Zwei Jahre lang wechselten Vater und Tochter kein Wort. Am Tag ihrer Großjährigkeit ging sie aus dem Haus und ließ sich mit Gabriel Gruner trauen, war so erschüttert dabei, daß sie ihr eignes »Ja« überhörte, es später nochmals stammelte, taumelnd von dem cherubinischen Hochzeitsflug: dem Flügel an Flügel durch die anwachsende Glorie fließen, ohne Trennung, ohne Tod, lotrecht auf den Fluten des Strahls -- bis zu Gott. Das sollte die Ehe sein.

* * * * *

Ihre scheuen Knabenkörper kannten einander kaum.

Schwarzgekleidet bis zum Hals saß Gabriel in der Sonne und sagte:

»Es fehlt dir an Demut.«

Seine Macht war sehr groß; ging aus von der verborgenen Morgengabe hinter dieser breiten, bleichen Stirn. Sobald er sprach, lag ihre Seele quer über seinen Knien und die flutende Empfindung spülte jede Vision herauf, deren er bedurfte.

Bei diesem Wort: Demut aber stockte die schöpferische Hingabe. Langsam stand sie auf, wie ganz wo anders. Ihr Gesicht schwebte in die Höhe, kantig wie ein Windenkelch und plötzlich von heidnischer Eleganz.

»Demut!« Das Wort mußte doch jedem Menschen mit Selbstachtung irgendwie widerstehen. Ja: hätte er »Ehrfurcht« gesagt, das wäre etwas anderes gewesen. Demut ist Ducken, Ehrfurcht sich aufrecken zu Gott.

»Gut, gut, man weiß schon: »wir sind allzumal Sünder und sollen nicht wider den Stachel löcken.« Und ich sage mindestens drei Lügen an einem einzigen Vormittag und verunreinige sie auch noch mit Wahrheit, daß es einen Sudel gibt, und da ist kein heiligster Augenblick, in dem ich nicht auch ein klein wenig an meine Frisur gedacht und kein Erkenntnisrausch, den das Wort »Jause« nicht ganz freundlich unterbrochen und da _ist_ kein geliebtester Mensch, dessen Tod ich nicht spielerisch ausgekostet und durchprobiert hätte. Aber das schießt alles wie Sternschnuppen rechts und links vorbei. Innen steh' ich _ohne Demut_, bis in die Seelenspitzen aufgereckt in Sehnsucht nach dem Reinsten, und so sehr kann ich wollen, daß mein Herz aus der Brust greift und es sich nimmt.«

Sie hatte die ganze Zeit geschwiegen. Gabriel Gruner bekam seine manisch hellseherische Knorrigkeit:

»Man darf nie etwas _wollen_. Wer nicht mehr will, zu dem kommt alles.«

»Dann braucht er es nicht mehr,« sagten die zwei störrischen Sternsaphire oben in dem kantigen Windenkelch von heidnischer Eleganz.

»Nur solang ich mich danach zermartre, brauch' ich's. Nur solang jahrelange herzzersprengende Sehnsucht sich, fahl vor Ungeduld, an unsichtbaren Widerständen schluchzend zerstört: da mitten hinein hat die Erfüllung zu brechen oder sie ist nichts.«

Etwas Taubes war in seine Haltung gekommen. Das, was sie »das Feigenblatt vor dem Kopf« nannte. Als wiche zur Strafe ihrer Störrigkeit die verborgene Verheißung hinter seiner Stirn weit von ihr zurück.

Nein, nur das nicht. Sie warf sich ihm nach. Gab alles Eigen-Sein, überhaupt alles Sein auf, übte Demut und versuchte die Sehnsucht zu verlernen.

* * * * *

Der geistige Führer war ein Doppelwesen. Hieß Scheible und Radinger.

Jeder für sich war nichts. Stiller, ländlicher Handwerker in schlesischem Walddorf. Zusammen bildeten sie ein magisches Zwiegeschöpf, dem Seherschaft eignete, inneres Schauen, Führertum. Ob ihre Körper dabei räumlich getrennt, blieb belanglos.

Im Alltag war Radinger: der Schreiner am Dorfplatz, weitaus der Bedeutendere: von intelligenter, schlichter Großartigkeit, dem Selbstporträt Dürers ähnlich, doch mystisch ohne Schöpferkraft. Das »in den Geist kommen« hub stets in Scheible an, einem alten Flickschuster, von kläglicher Wortarmut, unbeholfen, auch bresthaft. Nur wenn diesen kleinen Greis -- in seiner Werkstatt oben am Kirchenhügel, die er selten verließ -- Starre und Traum befiel; wenn er, gleichsam horchend über den kreißenden Geistkeim in sich gebeugt, dasaß, dann begann es aus Radinger in Sturzgeburten zu reden, als das »innere Wort«. Das »innere Wort« gab auch jedem Schüler den ihm eignen Geistnamen. Das Lebendigdenken dieses »wahren Namens« sollte allmählich den Leib, den »alten Namen« verwandeln zu Geist. Angeblich unverkennbare Anzeichen äußerer Art am Körper: wie Wundmale, Linien, Buchstaben begleiteten diesen verborgenen Werdegang. Markierungen auf dem inneren Pfad, vor jedem neuen Gipfel und Ausblick. Diese Vorgänge durch Übungen wecken, ihr Kommen voraussagen, den Schüler rechtzeitig lehren, wie er sie auswirke, durchlebe, überschreite, war des mystischen Führers Mission.

Geistnamen, Vorzeichen, Zustände, alles war eng christlich an Symbol und Diktion. Ging in den Sielen der Apokalypse.

Die kleine Gemeinde hatte sich hermetisch rein zu erhalten gewußt vor dem alles wissenden Schnüffel des Zeitgeistes. Da gab's kein Dranhinriechen, kein Hinterbein zu flüchtiger chemischer Analyse dranheben, so einfach zwischendurch, im Galopp von Prellstein zu Prellstein.

In den vierzig Jahren seiner gemeinsamen Bahn hatte das innere Doppelgestirn kaum acht bis zehn Trabanten aufgenommen in seinen Wandel. Als Ersten Gabriel Gruners toten Vater: den Organisten. Ein alter Stich zeigte ihn von jenem grobkörnigen und süßstarrsinnigen Schlag, der als Herrnhuter, böhmische Brüder, Rosenkreuzer, Albingenser, Europa von je seine bockbeinige Elite gegeben.

Sibyl hatte das magische Doppelwesen noch nicht zu Gesicht bekommen, wußte nicht einmal seinen Ort, war Jüngerin durch Gabriels Mittlerschaft allein. Ungeheure Abweisung wehrte von vornherein jeder Frage, noch ehe eigener Takt sie verbot.

Ab und zu tropfte Einer aus dem geheimen Kreis herein, verwirrte sich ob ihrer Erscheinung, noch mehr als er entdeckte, wo sie schon hielt oder man fuhr plötzlich fünfzehn Stunden an einen ganz obskuren Ort, traf die Brüder einen Abend lang -- fuhr wieder auseinander. Dabei wurde kaum gesprochen, das lagerte um den Tisch eines beliebigen Kaffeehauses, kühl und schwer wie Schlangen und verdaute Seele. Alle hatten etwas lind Versinkendes: Schiffe mit zu viel Tiefgang, schon die kleinste Welle überspülte sie. Dann wieder fing einer was an: eine Fabrik, ein Studium, eine Kunst. Nie wurde was Rechtes draus. Von Fehlschlag zu Fehlschlag nickten sie einander saturiert mit steinharter Genugtuung zu. Hatten ein Lächeln des Ekels für siegreich Unbeschwertes. Immer hing aller Mißerfolg mit dem »inneren« Wort zusammen. Statt nun praktische Ziele ganz zu lassen, bohrten sie doch immer wieder weiter, halbherzig und sauer ahndevoll.

Gabriel Gruner war Quartalsasket.

Sein Geistname Matthias, als welcher nachträglich den Aposteln zugeordnet, mit ihnen ausgestreut ward in die Welt, gab symbolisch Veranlassung genug, sich plötzlich in Geselligkeit zu stürzen, die Geselligkeit ihrer Geburtsstadt noch obendrein. Gerade hier war es ihm gewiesen zu wohnen. Ganz in die Nähe zogen sie aufs Land. Blinkende und kleinliche Sachen trug er ins Nest.

Daran nahm sie kein Teil. Alles oder nichts. Entweder Herzog oder Anachoret. Mayfair oder die Wüste Gobi. Zu Palast oder Steinhöhle konnte sie »Heim« sagen -- zu einer Sommerwohnung nie.

Doch war das alles nicht leer und gleich? Hatte sie, Sibyl, sich nicht Gott vorgenommen mit Überspringung aller Zwischenstufen?

Sah sich manchmal ameisenklein, hierhin, dorthin rennen, in Vorortzüge krabbeln, und stieg dabei, inwendig riesengroß, in einen tiefen Bronnen, sah über sein erlöstes Rund noch einmal zurück nach dem fremden Flohzeug: sie selbst, das vielleicht gerade um seinen Platz rang, in der rollenden Streichholzschachtel auf ihrem steifen Stahl-Faden zum Spinnennetz Stadt. Was das Ameisige dort Klägliches trieb, war belanglos. Ihr Körper hob sich indes wie ein Gefäß wieder aus der Fülle des inneren Bronnens, und als solches blieb sein Umriß ihr teuer wie nur je.

Als ein Kind die mondweiße Mulde zwischen den Barsoiflanken beulig zu heben begann, nahm sie selbst stets genau soviel ab, als die Frucht schwoll, sog die feinen, harten Sehnen straff ein, ohne Erlahmen, von Willen übergossen.

»O das kommt schon von selbst wieder in Ordnung,« sagten überlegene Mütter, bei denen es offensichtlich doch nicht wieder in Ordnung gekommen.

Von Monat zu Monat hoben sich zudringliche Lorgnons höher in der gestielten Erwartung: endlich, endlich »normal«.

Nein, die noble Mulde füllte sich nur eben aus. Ein planer Spiegel blieb die Grenze.

Die Lorgnons bebten entrüstet:

»Es ist nicht natürlich.«

Sie hob die Brauen stumm, leicht belästigt. Dachte:

»Hat man je gehört, daß eine Löwin vor dem Wurf die Figur verliert? Nein, nur das Mutterschwein. Ist ausschließlich dieses »natürlich«. Ihr, die nicht laufen, springen, tauchen, klettern könnt -- nichts von der Natur könnt ihr, wie sie als Knüppel mißbrauchen, um jeden edeln Aufstieg niederzuhalten.«

Schon liefen anonym Anzeigen wegen verbotenen Eingriffs bei Gericht ein, da trieb ein Wirbel von Wehen das Ausgetragene springlebendig aus.

»Den Schild der Armut über die Schätze des inneren Lebens halten.«

Jeden Morgen gab Gabriel zehn Kronen für den Haushalt, um elf schon mußte das Mädchen ihm von dem Geld eine Schachtel Zigaretten zu acht Kronen holen. Sie lernte Bögen gehen um Eckladen, von Endsummen in Einkaufbüchern wegschauen, erst auf den zweiten, dritten Blick sich nahewagen, vor dem Kohlenmann in den Platzregen entweichen. Dabei glaubte man sie reich, den ländlichen Taubenschlag eine Inseparablelaune der einzigen Tochter aus vermögendem Haus. Sibyl merkte, wie alles sie langsam abzutreiben versuchte vom pfeilrechten Stolz, und blieben Geldfragen zwischen den Gatten auch ignoriert, zuweilen glitten Gabriels Augen des Illuminaten in der Haut einer Hostie doch so wartend erstaunt über sie hin. Wenn er nur nicht anfing, den Zauber nicht bräche. Überwand sich schließlich aus Angst, er könne es doch noch fordern, kam ihm zuvor, ging zu dem alten Familienanwalt, der sie als Kind auf dem Arm getragen:

Aber natürlich. Das kleine Vermögen mütterlicherseits war seit der Großjährigkeit fällig. Man würde die Herausgabe brieflich von Papa verlangen. Da kam er auch schon gekrochen, die starren Glasaugen aus ungeheurer Macht würdelos vor Einsamkeit. Aber es war zu viel, es war zu viel gewesen. Das, was man fieberhaft gern geküßt, mit den graublonden Wellen über der Stirn voll trotziger Falten, lag längst mitverkohlt im hellichten Haßstrahl von damals.

Was blieb: ein fremder alter Mann -- sonst nichts.

»Komm mit,« bat Gabriel, aus monatelangen Versunkenheiten aufschreckend zu seinem periodischen Anfall wahllosen Menschenhungers, und wies eine Einladungskarte.

»Ich kenne diese Hersons doch gar nicht. Übrigens, welch ein Name, -- so heißt man doch nicht ganz von selber?« Weder deutsch, noch englisch ist es.

»Dein hellsichtiger Hochmut! Immerhin, der Sprößling vom alten Leiser Herschsohn ist bereits in Eton erzogen: Gelehrter, Sportsmann, Weltmensch, gegenwärtig Professor in Cambridge -- kann noch Vizekönig von Indien werden.«

»So,« sagte Sibyl. »_Dieser_ Ralph Herson.«

Der alte Bankier begrüßte jeden, ganz fahrig vor Glück.

»Mein Sohn ist zu Besuch!« Und zitterte. Saß sonst mit einem schwarzen Seidenkäppchen auf dem Eierschädel und verachtete alle seine Gäste. »Wer schon zu mir kommt ...« Spitzte höchstens ein Ohr, fiel irgendwo das Wort »Million«.

In der Bibliothek staute es sich heute interessiert, alle horchten, einer sprach: ein dunkler großgewellter Greifenkopf auf eher kleinem, überaus wohl gebautem Körper. Warmes Wogen ging in die Luft über von diesem Haar, durch das ein weißer Strähn, wie der Montmorencys silberte. Die Augen, gleich braunen Beeren, von denen das eine größer war, spannten sich in ewig wacher Vitalität.

Sibyl erschien in der Tür und es geschah wie immer: alles wandte sich und starrte. Auch aus dem Schwarm um Ralph Herson stieß es sich jetzt ab, und wie ein gesträubter Kometenschwanz ihr zu.

Einen Augenblick standen er und sie, von Augen umklammert an den zwei Enden eines leeren Luftstrahls. Man sah sein Herz im Halse. Dann war es, als nehme er seine ganze magnetische Vergangenheit zusammen, würfe sie über die Frau. Sie stand, mit seinem Fluidum übergossen. Es flutete an ihr hinauf, drang, zurückgewiesen, nicht ein, rann ab. Er senkte die mächtigen braunen Augen wie bestürzt, bewußt knabenhaft, dozierte weiter, ignorierte sie. Zog später Gabriel sehr höflich ins Gespräch, verneigte sich nur stumm vor ihr. Ließ alle Übrigen, lud das Paar zu sich in den ersten Stock, zeigte seine naturwissenschaftlichen Sammlungen, seine Bilder, das photographische Atelier. Bat kommen, Aufnahmen machen zu dürfen. Entzündete den großen Gaskamin, rückte Klubsessel, Kissen, arrogant und demütig zugleich, gab nicht Ruhe, bis er es endlich erreicht hatte:

Die jungen Sternsaphire sahen ihn an, prüfend und groß.

Er senkte den Kopf, den Wohllaut der Schultern. Hatte eine Art hinter blinden Lidern die Augen erst mit Wärme sich füllen zu lassen, dann warf er die zwei Schalen voll schwebender Minerale dem andern mitten ins Gesicht. Vor Sibyl aber ließ er es. Hob die Lider nicht mehr -- leerte quasi seine ganze Macht vor ihr auf einen Gebetsteppich aus.

Nach korrekter Pause machte er seinen Gegenbesuch auf dem Lande, machte Meisteraufnahmen, ordnete Gewänder, demolierte die Wohnung, unter der schwarzen Schabracke des Stativs ein moderner fünfbeiniger Centaur. Schickte Separata seiner Arbeiten, trug seine überlegene Sinnlichkeit wie eine wabernde Toga, zeigte Menschen-, besonders Frauenmißachtung, zitternd vor Anspruch, unterstrich den Unarier, den Ungermanen, zielte wunderbar ebenmäßig gebaut auf ägyptisch-griechisch »_made in England_«.

Sein engeres Fach war das Tierexperiment. Er arbeitete gerade am lebenden Vogelauge, hatte nebenbei einen Python unter dem Messer, von Hunden, Katzen, Fröschen, weißen Mäusen zu schweigen, alles provisorisch in einem Pavillon des väterlichen Gartens untergebracht. Er lud sie zu einem besonders interessanten Versuch ein, wurde abgewiesen. Nahm es als Weibchenpose einer großen Fee. Sie hatten heftige Diskussionen. Sibyl leidenschaftlich, ging aus sich heraus. Er provozierte, genoß es als erlesenes Extraexperiment.

Sie blieb im Garten, angeekelt.

»Heil aus gemarterten Tieren muß letzten Endes Unheil sein. Ihr Vivisektoren vergeßt, daß Äskulap der Sohn Apollons ist. Fördert die Hartfühligkeit, wie kann da der delphische Mensch gedeihen: Einer, dessen Leib so sensitiv geworden, daß ihn schon ein Lorbeerblatt, in der hohlen Hand gehalten, hellwissend macht und heil. Lorbeermenschen brauchen wir!«

Er widersprach, hochfahrend gereizt, und unterwarf sich im selben Atem. Wer rede vom »Heilen«, das interessiere ihn nicht, aber ohne Sinnesphysiologie gäbe es kein Verständnis der tiefsten Dinge. Dazu sei die Vivisektion eine praktisch unentbehrliche Technik, genau wie die chemische Analyse, die ein Anhänger der Allbeseeltheit -- er schüttelte sich vor Ekel bei dem Wort Seele, -- dann allerdings auch unterlassen müßte. Er persönlich gebe zwar das Tierexperiment endgültig auf, sobald sein großes vergleichendes Werk vollendet. Laienhafte Sentimentalität dagegen wirke lächerlich. Nie hätten es Tiere in der Natur so gut, gingen so human zugrunde, würden so behandelt und gepflegt wie Versuchsexemplare vor und zwischen den Experimenten. Sie möge sich persönlich überzeugen, wie die Tiere an ihm hingen. Er pfiff. Aus dem Pavillon brach Freudengewinsel. Ein verbundener Köter kam herausgekrochen, leckte seine Hände. Er streichelte, wie das Schicksal streichelt:

»Nächste Woche kommt er wieder dran, aber er weiß es nicht -- das ist die Hauptsache. Nur ich weiß es voraus.«

Er lächelte, gab dem Geschöpf, das ihn wedelnd umhinkte, einen Leckerbissen. Dann reiste er ab.

In einem großen Kuvert des Nizzaer Tennisklubs kamen als Überraschung Meisteraufnahmen von Baby und Gabriel -- keine von ihr. Ein Brief dabei, zwölf enggeschriebene Seiten. Sie las kaum die erste. Er schrieb von den Bildern, freue sich, daß ihr die früheren einiges Vergnügen bereitet. Noch mehr freue ihn, da er sie über Phrasen erhaben halte, der Wunsch eines Wiedersehens.

Und weiter:

»Ich darf Ihnen wohl aus so großer Entfernung und ohne die Bitte um Geheimnis sagen, wie sehr gerne ich Sie gewonnen habe. Es ist gewiß nichts Seltenes, daß man Ihnen das sagt oder andeutet, aber es ist etwas außerordentlich Seltenes, daß ich das jemandem sage, daß ich es sagen kann. Ja, ich habe es wie hier, ohne den leisesten egoistischen Anklang, noch nie einer Frau gesagt.

Ihr ganzes Wesen, Ihre psychische Eigenart, Ihre noble Persönlichkeit, viel mehr noch als selbst Ihre Erscheinung -- dies alles sprach mich gleich das erste Mal so an, daß ich fast zu allem >ja< sagen mußte. So oft ich mit Ihnen beisammen war, gewannen Sie, während die meisten Frauen rasch verlieren. Wo mich andere hundertmal verletzt hätten -- ich meine natürlich sich selbst verletzend, ihr eigenes Bild trübend, -- haben Sie mich nicht mehr als vielleicht zweimal verletzt. Ich hätte das gar nicht für möglich gehalten.

Sie haben mich arm und reich gemacht. Reich, weil ich meine ganze Vorstellung von der Frau erhöhen konnte, weil ich erfuhr, daß es doch Wesen voll Anmut und Noblesse gibt, die meinem klar geahnten Ideale nahekommen; arm, weil ich, seit ich Sie kenne, noch anspruchsvoller geworden bin. Weil ich die Frauen jetzt an Ihnen, nicht mehr bloß an einer abstrakten Sehnsucht messe, und kaum je eine finden werde, die Ihnen als meine Frau vorzustellen mich auch nicht in einem verborgenen Winkel meines labyrinthischen Inneren genieren wird.«

»Labyrinthischen Inneren« -- da brach sie ab und lachte. Ohne Bosheit, aber unbändig wie ein Bub. Nein, dieses »labyrinthisch«. Wie geschmacklos!

Nächsten Tags nahm sie den Brief doch noch einmal auf, wog ihn in der Hand, las diesmal nur die letzte Seite:

»Es fällt mir schwer, Ihre und Ihres Herrn Gemahls Gesellschaft zu missen. Ich bin Geselligkeit liebend und bedürftig, aber ich finde sehr schwer Menschen, mit denen ich auftauen, mit denen ich freundlich sein kann -- ich bin es überaus gerne -- oder die mir sogar Funken entlocken können. Ich danke Ihnen manche Anregung und freue mich, sie zu erwidern. Am schönsten wäre es, wenn wir uns einmal in England oder in Italien oder im Hochgebirge treffen, miteinander Sport treiben oder Kunst genießen könnten. Ich mußte immer allein oder mit gleichgültigen Menschen reiten oder reisen oder bergsteigen -- vielleicht habe ich auch einmal die Freude, Sie beide als meine Gäste zu sehen, im Süden, wo ich mir ein Heim zu bauen gedenke.«

Sie antwortete kaum. Doch durch Monate, über Länder und Meere her kam es »hochachtungsvoll« herbeigeströmt. Einmal auf Briefpapier der _British Association_, einmal mit dem Abdruck einer Gemme aus Syrakus. Dann wieder eine Anfrage, ob er ihr aus Paris etwas besorgen könne.

Sie antwortete gar nicht.

Nun schrieb er:

»Wenn ich jemanden gern habe, ehre ich seine Freiheit -- wenn Sie just einmal keine Lust hätten, mich auf der Straße zu grüßen, ich würde nichts anderes denken, als eben dies.«

»Was will der seichte Jude!« sagte Gabriel, mit der ganzen knorrigen Hoffart des Reformationspatriziers, als beim Frühstück immer die gleiche vergrößerte Schrift bewußt und wohlerwogen den Spiegel exotischer Kuverts plastisch durchmaß. Papier, Schriftbild, Verschlußmarke: ein zusammenstilisiertes Kunstwerk, stets variiert, doch gleicher Grundkraft, so daß sie sich gewöhnte, es um sich zu dulden als ästhetischen Genuß. Ein warmer Schauer von lauter viereckigen Ausschnittchen einer weiten und gepflegten Erde. Alles, was sie gelassen in Sehnsucht nach noch nicht dagewesener Überhöhung -- im Spitzentrieb nach Äußerstem.

Dann sank eins ums andere aus dem Schwarm dahin in den Papierkorb, sah ihr von dort doch noch in die Augen -- hartnäckig durch Wohlgestalt.

Auch sein Schweigen war Kotau.

»Ich hatte Ihnen aus Bonn und Heidelberg geschrieben, fand kein Ende, vielmehr, es gewann nicht die Form, in der ich Ihnen Geschriebenes gern sehe. So ließ ich's ganz.«

Also keine »labyrinthischen« Innereien mehr!

Um das Rätsel ihrer Ehe: dieser magischen Starre eines geschlossenen Systems, glatt gegen Angriff, strich er mit eingezogener Hinterhand, leise fauchend. Wagte keine Frage.

Alle Probleme des Wissens erörterte er mit ihr als Macht zu Macht. -- Versuchte, sie zur Detailforschung herüberzuziehen, weg von den großen Grenzgebieten. Doch als Beweis, wie er auch hier zu Haus, verfaßte er eine Broschüre über »Scheinprobleme« mit Anpöbelung aller mächtigen Geister von je bis ehegestern. Schrieb dazu:

»Wollen Sie diese kleine Studie als Ihnen gewidmet betrachten. Sie haben mir immer so wohl getan, daß ich Ihnen stets nur Angenehmes erweisen möchte. Mögen Sie dieses bescheidene Zeichen einer außerordentlichen Verehrung freundlich und freundschaftlich aufnehmen.«

Sie lehnte die Widmung ab, übte höflich schonungslos Kritik an dem Dilettantismus der Arbeit. Geübter, intensiver im letzten Zusammensehen, denn dies war ihr eigenstes Gebiet.

Er ging über die sachlichen Einwürfe hinweg, nahm es persönlich, wenn auch als milder Psychiater, schob alles auf Rassenunterschiede.

»Ich bin sehr schwer zu beleidigen,« lief seine linde Entgegnung, »habe aber natürlich nicht länger als zwei Minuten -- nicht zwischen den Zeilen gelesen -- Absicht merken lassen und doch nicht merken lassen, das geht eben nicht, aber es hätte mich gefreut, wie alles, was Sie erhöht, wenn es auf so feine Art geschehen wäre, daß man ganz im Zweifel hätte bleiben müssen, ob eine verletzende Absicht vorlag. Das war Ihnen wieder nicht wichtig genug! Sie sind offenbar enorm reich! Ich ganz Alter vermag sogar die Frische solch scharfer Urteile zu genießen, die, wie fast alles, was von Ihnen ausgeht, eine besondere Anmut haben. Es erinnert an Jugend und Überschwang, fast Schnurspringen. Aber ich wittre etwas anderes dahinter, was neben der metaphysischen Narrheit -- oder milder: Überflüssigkeit -- in den allermeisten Ariern steckt, nämlich eine gewisse Not und Sorge, eine privilegierte Fasson der Erkenntnis und Seligkeit zu besitzen. Solchen paßt ein vorurteilsloser Standpunktwechsel nicht, sie häufen Scheinprobleme in Physik, Chemie, Biologie, umnebeln sich mit philosophischem Schwulst, der den einzigen Vorteil hat, daß ihn kein normaler Mensch versteht und man in ihm >unter sich< ist. In dieser arischen Intoleranz, diesem Bonzentum und Parteinehmen aber liegt etwas Armes, und es stimmt mir nicht zu ihren sonstigen Weiten. Mein Wesen ist zu sehr Vernunft, praktischer Idealismus und Güte -- Güte und noch einmal Güte >bedingungslos<.«

Immer, wenn er etwas Schönes sagte, was sehr rein, sehr vernünftig klang, zog sich ihr durch den Reiz ein leiser Widerwille, als hätte er so Richtiges zu sagen noch kein Recht.

Und diese dreimal hochgehaltene »Güte«! Als schwenke er sie -- ein Gelegenheitskauf -- frisch von der Auktion. Sie bohrte weiter:

»Zeigt die Begeisterung, mit der er von >bedingungsloser Güte< spricht, nicht gerade, daß ihm jede praktische Erfahrung in der Materie fehlt? Mir scheint, wer wahrhaft gütig, -- noch traf ich keinen -- ist es knirschend, abgewandten Gesichts, _weil er nicht anders kann_, trotz infamster Erfahrung, denn das ganze Maß menschlicher Gemeinheit kennt nur er, weil nur an ihm die Feigheit ganz sich loszulassen wagt.«

In diesen Monaten sumste es durch alle Türritzen in ihre siebzehnfach verriegelte Zurückgezogenheit: Geschmeiß, die Rüssel naß vom Aas allen Tratsches, der hinter ihm herstank. Nun rächten sich Gabriels Anfälle von Leutegier: flüchtige Vorstellung einst mit einem Nicken quittiert, ward zum Vorwand stürmischer Begrüßungen an Straßenecken, und nach drei Sätzen fiel der Name des Berühmten -- Berüchtigten. Ungute Damen verwandelten sich in mütterliche Freundinnen, Lebekommis in ethische Warner. Man übergruselte sich gegenseitig mit Andeutungen der Wollüstlingslaunen dieses Verderbers der Jugend. Mütter beteuerten, ihre jungen Söhne nicht in seine Nähe zu lassen, ihre jungen Töchter aber warfen sie ihm alle nach, denn er war die große Partie.