Die Kegelschnitte Gottes

Part 27

Chapter 273,521 wordsPublic domain

»Ich darf ja nicht klagen,« klagte sie der Tochter -- dann bitter: »es ist ja _sein_ Geld.« Rächte sich so, halb unbewußt, durch Kleinheitswahn für die peinliche Überlegenheit des erfolgreichen Gefährten, statt die Vorteile seines Arriviertseins froh mitzugenießen. Meisterin nur in _einer_ ehelichen Kunst: »_l'art d'être martyre_.«

Ja, er hatte wirklich Verluste gehabt, Bruchteile seines jährlichen Einkommens betragend, ließ es aber aus Ärger oder Schwäche schweigend zu, daß reine Sparorgien anhuben. Sibyl angesteckt, getraute sich kaum mehr zu essen. Es war ein stillschweigender Ehrgeiz zwischen Mutter und Tochter ausgebrochen, die Rechnung im Restaurant täglich zu verringern, auf ein lächerliches Minimum zu reduzieren; schließlich aß man nur mehr jeden zweiten Tag zu Abend. Die Sommergäste stutzten. In gleichen ängstlichen Wellenkreisen, wie vor Madame Swoboda, wich es jetzt vor ihnen zurück.

»Sie fürchten sich, wir könnten sie um Geld angehen,« und Mama rang die Hände im Schoß, mit der Miene verschlagenen Jammers. Dann begann sie zu weinen.

Dieselben Leute waren später ehrfürchtig erstaunt, in der Stadt, anläßlich eines Blumenkorsos, in ein Privatpalais mit großem Park und angrenzender Fabrik geladen zu werden, mit Stallungen, Wagen und Dienerschaft. Auch Sibyl schöpfte wieder Mut: »das alles gehört doch Papa.«

Die Mutter, in der Not der fast ertappten Hysterischen, tat geheimnisvoll. Dann schadenfroh flüsternd:

»Im Haus ist doch der Schwamm.«

Der Schwamm! Sibyl meinte förmlich zu sehen, wie ihr Heim aufrechten Leibes verweste, eines schönen Tages aus den Grundmauern heraus zu stinkendem Brei zerfiel, vor dem man ratlos auf der Straße saß.

Durch den großen Organismus dieses Haushalts lief immer Geiz in Krampfadern. Im Licht von vierzig Glühlampen ward am Zündhölzchen gespart. Wunderliche Hemmungen im Hausherrn selbst. Starre, Schwäche, Wahn, ihm anhaftend aus enger Jugend, lag dem allem zum Grunde. Ein Kuß, ein Scherz, anmutiger Spott hätten diese Restbestände vielleicht lächelnd aufgelöst, so aber verbreiterte sie das karikierende Märtyrertum seiner Frau wie mit Scheinwerfern über das gemeinsame Leben. Schon stumme Duldung einer Ersparnis wurde zu stummem Befehl umgedeutet, dem man mit leidender Beflissenheit zuvorkam, wie um weit Ärgeres auf diese Weise eben noch abzuwenden. Seine intimsten Irrwege fand er solcherart immer schon vor seiner Nase zu Chausseen ausgebaut; was Wunder, daß er sie mechanisch weiterging.

Einer alten nordischen Stadt entstammend, war er als Erster aus der Geschlechterkette von Gelehrten, Staatsbeamten, Ärzten, erobernd herausgetreten, in der Fremde die langgezüchteten Fähigkeiten lukrativ als Erfinder und Unternehmer zu verwerten. Kulturell Patrizier, materiell Parvenü, blieb der reine Ruf seines Blutes der Kargheit zugewandt, sein starkes künstlerisches Sehnen aber brach sich am Weltpovel dieser ganz von Gott verlassenen siebziger und achtziger Jahre. So schnellte er auch aus Trotz zuweilen wieder in die Kargheit zurück.

Ein jähzorniger, steckengebliebener Weltherr, dessen mächtiger nordischer Same durch den nichtigen Leib seiner hübschen Frau hindurchgeschlagen hatte, als wäre sie Nur-Gefäß, um in einem einzigen Kind geheimnisvoll sehnsüchtig sich selbst zu »überzeugen«. Oder rührte die Entstehung dieses Wesens schon an das Geheimnis, wo die Natur plötzlich zu »springen« anhebt: _fecit saltus_. Das Beispiellose aus sich heraufwirft in einer _generatio spontanea_ als neue Art, wie es im Reich der Pflanze sich zu offenbaren beginnt? Maßlos für dieses Spätgeborne war seine Eitelkeit, seine Liebe und sein Unverstand. Gewaltsam, instinktirr, barbarisch und sentimental dilettierte er an ihm herum. Entfachte Diskussionen, um seinen Stolz in dem leuchtend frischen Hirn zu sonnen, zugleich mit seiner Tyrannei, denn nahm die Polemik eine andre Wendung als er vorausbestimmt, oder ward er gar selbst in die Enge getrieben, verbot er seiner Tochter einfach den Mund, und um so heftiger, je hohler der formale Vorwand:

»Genug -- kein Wort mehr -- ein junges Mädchen hat sich nicht so apodiktisch zu äußern, das wirkt unbescheiden und abstoßend.«

Wie sie als Kind nicht hatte weiterfragen sollen als er wußte, so jetzt nicht weiterwissen als er frug. Empört tat sie unter so unfairen Bedingungen nicht mehr mit, lehnte Diskussionen schweigend ab, oder gab ausweichende Antworten. Nun verfiel er darauf, sie bei Tisch, wo Flucht schwieriger war, systematisch so lange zu reizen durch hämische Angriffe auf große moderne Geister, die er nicht kannte, aber mißbilligte, bis sie in zitternde Worte ausbrechend, sich wieder fangen ließ; denn hier war das ja anders als mit denen in der Tanzstunde; Papa wollte man nicht so ohne weiters aufgeben, wenigstens nichts unversucht lassen, ihn doch noch zu heben, zu entwickeln. Hätte es nur nicht immer gerade bei dieser barbarischen, gemeinsamen Esserei sein müssen, mit ihren trivialen Vorwänden zum Unterbrechen:

»Die Leber vielleicht etwas brauner rösten, das nächste Mal ...« oder:

»Nimm noch von der Paradeissauce.«

So trieb dieses verhaßte, nichtige Erwachsenengewäsch stets Keile quer in die Gedankenrichtung hinein: gerade wenn man mit glühenden Ohren im Kühnsten und Herrlichsten gewesen.

Reitstunden begannen. Der Pferderücken wurde Ziel ihrer noch diffusen jungen Sinne. Ein Gefühl kam sie da an von Göttlichkeit, wenn ihr liebkosender Wille allein, ohne Hilfen durch Ferse oder Hand, übersprang als schäumender Galopp in die große fremde Kreatur, die zitterte, bis das Fell der Kruppe zu glänzen begann wie reife Kastanien. Und der Sturm des Sprunges erst. Wie war das schön! Sein triumphierendes Arom nach Tier, Lohe, Leder, Hürde, nach verdichtetem Frühlingswind.

Man grinste: »Reiten! Natürlich. Will sich einen Grafen fangen, die kalte Streberin!« Der Stallmeister verschwor sich, seit der Kaiserin Elisabeth sei so etwas an Begabung nicht dagewesen, drang auf hohe Schule, gab sein Bestes. Der väterlichen Eitelkeit jedoch genügten ein Dutzend Ausritte pro Saison, um in den großen Alleen angestarrt zu werden. Weitere Abonnements wollten erbettelt sein, gaben ihm dann das Recht, war er gerade schlechter Laune, zu rohen Anspielungen, die Kosten und dubiose Rentabilität einer Tochter betreffend. Da kam es wieder über sie wie am zwölften Geburtstag bei der Zimmereinrichtung: alles oder nichts. Kein Kompromiß. Und gab das Reiten auf. »Undankbar und unbescheiden« nannte es Papa.

»Man sieht Fräulein ja gar nicht mehr zu Pferd?« frugen die Herren aus dem Tattersall, freudig Unrat witternd.

»Es langweilt mich,« log sie, dem Weinen nah, um Papas Schäbigkeit zu decken, preßte die Nägel dabei ins Fleisch vor Schmach.

Man schüttelte die Köpfe:

»Nein, was dieser Backfisch schon blasiert ist!«

»Und wie unerträglich affektiert,« ergänzten die Damen. »Schauen Sie sich nur diese Bewegungen an.«

Und man schnitt mit triumphierendem Daumen längliche Biskuits von idealer Schlichtheit in die Luft. Optimisten meinten zwar: »vielleicht wächst sich das noch aus.« Hielten sich mehr an Milch und Silber der siebzehnjährigen Blondheit, denn wiewohl sie abfällig gereizte Erregung auszulösen begann, gab man nichts verloren. Vielleicht ließ sich dieses unbequeme Phänomen, tat man ihm schön, doch noch meuchlings -- schmeichlings -- zu dem degradieren, was hier gefiel, oder das Unfixierte an ihm war wenigstens noch herunterzuretten ins Rasselose.

Fern wie ein Birkenwipfel sah das Mädchen-Kind über das alles hinweg, dachte nur erstaunt:

»Wozu ernähren sich eigentlich die Leute? Schade um alle die Engel von Kälbern, den herzigen Salat, von den Radieschen ganz zu schweigen. Das ist doch wie es liegt und steht bei weitem erfreulicher als der Zellhaufen: Regierungsrätin Dostal, oder Herr von W., oder Frau Dr. K., in den es sich dann umsetzen muß.«

Eines Tages erschienen ein paar Herren in Hof und Stall. Besichtigten alles, vermaßen alles; in der Mitte ein Ausgemergelter mit Geierschnabel und schöngebogenen, harten Krallen: Pferdegraf und Käufer der Realität. Zimmer, Statuen, Garten kümmerten ihn wenig, schlief und aß ja doch mit den Roßknechten im Heu. Aber ging es aus, im Hof die Viererzüge zu wenden, deren er vierzig hielt? Darum drehte sich alles. Ja, es ging aus. Mama schlich, die Faust an den Mund gepreßt, herum.

»Wenn er nur nicht dahinterkommt, daß der Schwamm im Haus ist.«

Nach Monaten noch konnte sie ganze Nachmittage unter Angst setzen, von Schadenersatzprozessen schwärmen, denn: »Schwamm bräche Kauf.« Ihre ewigen Klagen über Kosten und Mühsal so großen Haushaltes hatten schließlich den Gatten vermocht, sich von dem geliebten Barockschlößchen Hildebrandts zu trennen. Nun konnte ihre Tyrannei der Schwäche den überragenden Mann und das viel zu herrliche Kind in eine Mietwohnung ducken. Schwammersatz würde sich schon finden lassen.

Sibyl, in verkrampften Nächten, gab sich zum ersten Mal ganz der Onanie des Leidens hin. Kein Eigenheim: also kein Reh, keine Katze, keinen Garten: keinen Fleck Leben mehr! Man grinste:

»Jetzt ist es wenigstens aus mit der ewigen Tierschinderei. Soll ja da eine ganze Menagerie gewesen sein.«

»Was, Sie wissen nicht? -- Aber das ist doch stadtbekannt. Ins Wasser geworfen, gepeitscht, gebraten hat sie die armen Kreaturen ... häuserweit war's ja zu hören ... und auch sonst noch ... Die Frau Regierungsrat Dostal, die doch danebenwohnt, hat erzählt ... na, ich sag' Ihnen ... mit dem großen Hund ... Sie verstehen.« Die Herren zwinkerten. Die Damen konnten es gar nicht fassen, ließen es sich denn auch immer wieder erklären und sinnfällig dartun.

Papa brummte, es wäre ihr ja freigestanden, weiter hier zu wohnen, als Herrin sogar. Der neue Besitzer hatte sie zu Pferd gesehen.

Da hob das Mädchen-Kind, statt aller Antwort, nur ein ganz klein wenig die Brauen, im unbesieglichen Hochmut einer Siebzehnjährigkeit, die sich nur von der Phantasie bespringen läßt. Dieser Roßmensch? Der fuhr mit seinen Viererzügen doch irgendwo ganz draußen, vor dem Leben herum! Gehörte noch gar nicht zum »Eigentlichen«, ein fehler und irrer Vorhalt, wie das Übrige.

Ihr unruhig schlafendes Blut aber träumte davon, alles Würdige zu umarmen: Götter, Tiere, Ideen, Taten. Einer Dreieinigkeit aus Dionysos, Buddha und Newton hob es sich springrot entgegen, mit Hilfe des alten »Noch-nocher« aus der Babyzeit: noch höher, geschmeidiger, weiser, glühender, reiner werden. Dieser Trieb nach Reinheit, bis in die entlegenste Minute hinein, begann ihr etwas von einem jungen Gralsritter zu verleihen. Von diesem lichten Doppelgänger kam ein beflügeltes Schreiten, eine Schwerelosigkeit an den Grenzen der Flamme, des Schleiers, der Welle. Auch im Straßenschmutz sollte der Saum des Schuhs noch ohne Makel bleiben.

Doch sie war so ein ganz alleines Ich -- nicht hilflos -- aber ohne Hilfe und begann daher allmählich aus jenem vollkommenen Zustand der Gnade zu fallen, als welcher allein das reine Befolgen des Instinktes ist; wollte jetzt wissen, warum sie recht hatte, suchte nach Gründen, letzten Endes also nach einem Rechthaben vor der Welt, somit leicht angesudelt.

Es war eine Philosophie der Schlankheit, die sie sich da zurecht gelegt hatte: Das Wesen des Lebens sei Bewegung. Bewußte, aus Innervationen erfließende Bewegung, im Gegensatz zum Toten, das sich nicht bewegen könne ... Demnach müsse alles Dichte, was der Durchflutung mit Geist entgegenstehe, als fehl empfunden werden, vollendet hingegen jener Kanon der Glieder, der die leichtest zum Ziel strebende Bewegung ermögliche ... also Langbeinigkeit, Schlankheit (größte Übersetzung bei kleinster Speichendicke) ... Das Lebendigste, jenes, in dem der Geist als Anmut schwinge, wie im Wimpel der formgewordene Wind. Fett sei demnach eine schwere Erkrankung oder ein Charakterfehler. Im Wohlgeratnen müsse es unaufhörlich restlos zu Temperament verbrannt werden.

Nicht aus ihm, nicht aus wucherndem Bindegewebe wollte sie bestehen, sondern aus Tausenden winziger Herzchen: den Muskeln, deren jedes das Leben wirkt.

Der ganze Körper eine Herzprovinz!

Man grinste nicht mehr. Von nun an war sie irgendwie eine dauernd Angeklagte, begann wie Scheidewasser auf ihre Umwelt zu wirken: wer etwas Schönes hatte, mußte es ihr geben, der Gemeine sein Gemeinstes an ihr auslassen.

Mit gezückten Operngläsern setzte man sich vor diesem anhebenden Leben zurecht, wie im Theater vor einer Skandalpremière, hielt auf alle Fälle das Schamgefühl parat, in der Hoffnung, es gröblich verletzt zu finden.

Das Mädchen-Kind begriff nicht. Vor ihr war immer zwinkernde Beflissenheit, drehte sie den Rücken, flog es wie feige Bestien ans Gitter, sie fühlte das mit einer Art empörter Bestürzung, bekam etwas Steiniges und wäre so gern weich, sonnig und höflich gewesen.

* * * * *

Mama hatte keinen rechten Schwammersatz finden können. Suchte endlich in sich selbst, stöberte eine beginnende Stoffwechselerkrankung dort auf und begann sie mit Hingebung auszubauen.

Das Leben wurde zur Bühne der Dekrepidität.

Unkontrollierbare Schmerzen brachten Gatten und Tochter um den Schlaf ihrer Nächte. Die freie Hand über einen Stock verkrümmt, hing sie sich im schnellfüßigen, bewegungshungrigen Mann fest, machte ihn durch die gähnenden Gärten der Kurorte schleichen bis er, psychisch hilflos wie ein Bernhardiner und voll Engelsgeduld, sich jedes normalen Lebenstempos zu schämen gelernt. Auf der andern Seite trug Sibyl mit hängenden Flügelschultern Plaid und Luftkissen. Plötzlich klagte es vorwurfsvoll durch die wehleidige Öde:

»Heitre uns auf. Jugend ist zum Aufheitern da.«

Besonders hinfällig gestaltete sich stets der Eintritt in Speisesäle, mit Stehpausen aus verbissenem Schmerz. Scharf grün blieb ihr Blick dabei auf jede Miene des Gatten zentriert -- wehe wenn er zuckte. Dann weinte sie oben der Tochter vor:

»Er geniert sich. Es ist ihm peinlich, mit einer Leidenden gesehen zu werden.«

Hinter dem Rücken des Einen verleumdete sie den Andern. Kam es heraus, steckte sie sich hinter den Arzt: »Was, einer Kranken Vorwürfe.« Stets schlau bedacht, beides zu genießen: die Rechte der Vollsinnigen zugleich mit allen Vorteilen der Unverantwortlichkeit. Die Nachteile blieben den andern. Über jeder lebendigen Regung hing als Damoklesschwert die Herzlosigkeit, und nie hätte der Mann es wagen dürfen, sich der unappetitlichen Fron des ehelichen Schlafgemachs zu entziehen, in dem seit Jahr und Tag für ihn weder Ehe noch Schlaf war.

Sie kannte Sibyls Haß und Verachtung für Frau Binder, seit der erzwungenen Abbitte im Tanzinstitut, und es gelang ihr unschwer, sich in die manische Überzeugung hineinzusteigern, nur im Hause Binder könne sie gesunden. Man solle die edeln, gütigen Menschen um Gottes willen anflehen, sie auf ein paar Monate als Gast aufzunehmen -- mit Sibyl natürlich -- ohne ihr einziges Kind ginge sie zugrund. Dieses knirschte vor Verzweiflung, solch bornierten und anmaßenden Spießern zu Dankbarkeit verpflichtet zu werden für alle Zeit, sie, die von niemandem, den sie nicht mochte, auch nur eine Handreichung annahm, oder das Odium des Muttermordes auf sich laden!

Das alles geschah weniger aus Boshaftigkeit, als um der eignen Person gesteigerte Bedeutung zu erschleichen. Da sich die Effekte abstumpften, griff sie mit der Zeit naturgemäß zu immer bedenklicheren Mitteln, ihre Lieben in Angst und Friedlosigkeit aufgescheucht zu halten. Schließlich blieb nur noch die Todeskoketterie wirksam übrig. Eines Tages sagte sie Datum, Stunde und Minute ihres Hinscheidens genau voraus, arrangierte das Szenarium, wies jedem seine Funktion zu. Sibyl wurde, als die Zeit kam, mit einem Batisttüchlein hinter den Lehnsessel postiert, ihr den Todesschweiß von der Stirn zu wischen, doch eben im Begriff, sich in ein wohlgeratenes Herzkrämpfchen hinaufzusentimentalisieren, ergab es sich, daß man heimtückischerweise die Uhren falsch gestellt, sie um ihre Todesstunde geprellt hatte.

Endlich eines Nachts versuchte sie es mit Veronal. Sah schon die »_scène à faire_« vor sich: andern Tags die zwei Bösen, Freien, zerknirscht vor dem Bett ins Knie gebrochen und sich selbst von den herbeigeeilten Ärzten gestützt, noch schwach aber unendlich rührend, die Lippen bewegen:

»Ich wollte fort. Ich bin euch ja doch nur zur Last.« Und ohne Worte, nur mit stummem Blick, um die Übeltäter vor dem Personal zu schonen: »So weit habt ihr es glücklich mit eurer Herzlosigkeit gebracht.«

Sie vergriff sich aber in der Dosis -- nahm genug. Der Vorhang hob sich nicht wieder.

* * * * *

Es war nach dem Trauerjahr, bei einer großen Teegesellschaft. Da trat ein Mensch zur Tür herein. Niemand kannte ihn. Um niemanden kümmerte er sich. Ging pfeilrecht mit nachtwandlerischem Lächeln auf Sibyl zu und blieb vor ihr stehen. Nicht wie einer, der etwas zu sagen, sondern zu hören kommt.

Er war jung, gradhaarig, schmächtig, doch von der verdrechselten Knorrigkeit van Eyckscher Engel, wie mit einem trotzigen Feigenblatt geboren. Aus der Haut einer Hostie sahen Augen des Illuminaten. Das Zahnbein war schlecht. Der Anzug unauffällig korrekt.

Johannes der Täufer im _frock coat_? Aber sie war verschüchtert, ja, erschüttert von dieser zähen Gradheit. Angelus: der Bote fiel ihr ein. Frug schließlich, als er unbekümmert weiter schwieg:

»Was kann ich für Sie tun?«

»Es wäre eher an mir, so zu fragen, da ich zu Ihnen entboten bin.«

Er sprach herbe schlesische Mundart. Die Silben kollerten als kleines Urgestein aus seinem jungen Mund, der dabei eckig anzusehen wurde. Dieser Fremdling stand da -- wie aufgetaucht -- beladen mit den Morgengaben einer unbekannten Tiefe vor ihr, als sei sie die einzig lebendige Seele in der ganzen Welt. Er klärte nichts auf. Manches ergab sich, erriet sich, andres blieb: ein dunkler Reiz. Sie sprachen durch Stunden. Die Leute ringsum zogen am Rand ihrer Sinne in einem ganz andern Medium dahin, wie in den Wasserwürfeln der Aquarien bewegter Schleim zieht. Er machte sie spüren, sie sei behütet, irgendwie auserkoren, von geistigen Führern erwartet. Er, deren Bote und Mittler nur. Worte wie Sterne fielen auf sie nieder, von herber dunkler Glorie. Sie fing ein Jegliches mit dem Herzen auf, denn ihr Hunger nach Seele war sehr groß.

Gabriel Gruner hieß der Fremde -- nein: der Bote.

Wieder schossen die Silberdämpfe der Phantasie auf. In Tag- und Nachtträumen warf sie sich hinein. So gab es doch eine magische Brücke ins »_Eigentliche_«! Gab Schlüssel, die Reich auf Reich erschließen durch verborgene Kräfte im Menschinnersten selbst!

Mit seinen Holzschnittgebärden, mehr als mit Worten, hatte Gabriel Gruner an all das gerührt. Wie von fern, unnahbar der Rede, mystische Übungen angedeutet, die den Körper so von innen heraus verwandeln sollten, daß lebendige Zeichen am Fleische sich bildeten: Marksteine gleichsam auf der Vergottung Pfad. »Und sehen sein Angesicht, _und sein Name wird an ihren Stirnen sein_.«

Nie hatte sie Bibelworte so sprechen gehört. Seine Art ragte wie ein Magnetberg herein in den seichten Aufkläricht, die passive Intelligenz, den Unernst ringsum. Da sagte einer dies, der andre das -- keiner sah aus wie das, was er sagte.

Endlich ein Ausweg. Loszukommen aus dem Leben ohne Tod. Ohne das heilige junge Gebilde zertrümmern zu müssen, das sie behüten durfte, und dessen Kniekehlen ihr verehrungswürdiger schienen als das Himmelreich.

Doch in welch eine Existenz war es gefallen. So voll Sonnigkeit sein und immer hinter innerlicher chinesischer Mauer, immer aus Notwehr in die Isolierzelle des Niveaus gesperrt bleiben müssen. Nur mit zusammengebissenen Zähnen war es eben noch zu ertragen gewesen. Aber konnte man denn anders? Läßt sich in kaltem Eiter atmen? Wo alle ihre verfaulten Jugendwünsche wie petrefakte Fötusse in sich herumschleppten, boshaft geworden an ihren feig verhaltenen Früchten! Fliehen mit dem geretteten jungen Seelenleib aus solcher Welt. Wie leicht mußte es sein, ganz auf sie verzichten.

Und Sibyl nahm sich Gott vor, mit Überspringung aller Zwischenstufen.

Sprang Gott an wie eine junge Löwin. Bei IHM würde man endlich in Reinheit geborgen sein, denn: »Da wird nicht hineingehen irgendein Gemeines und das da Gräuel tut und Lüge, sondern die geschrieben sind in das Lebensbuch des Lammes.«

Eigentlich wäre ihr ein andres Tier und Kraftsymbol lieber gewesen. Nun also gut: »Lammes.«

Hätte auch gerne den Boten befragt, warum das innere Wort, als welches die geistige Wiedergeburt des Menschen wirkt, trägt und vollendet, gerade hebräisch sein müsse? Dem fremden Buch einer fremden Rasse in fremden Gleichnissen entschöpft? Flottierte der verborgene Geist nicht frei und ward je nach der Menschenart anders in jeder offenbar? Doch klang das nicht wieder trivial, roh, vorlaut, undankbar? Endlich bewundern, vertrauen, gehorchen dürfen, wie war das schön. Sie forschte auch nicht, als eines Tages der Bote geheimnisvoll verschwand, wie er gekommen. Fühlte ja förmlich den Ort der mystischen Bruderschaft: deutsche Herbe, Enge, Handwerk, Wald, dort in Gabriel Gruners schlesischer Grenzheimat, wo der Vater Organist gewesen.

»Man muß den Schild der Armut über die Schätze des inneren Lebens halten,« war alles, was er von sich gesagt.

Das gab es also wirklich! Auf demselben Gestirn mit Gasrechnungen, Ex- und Import, Hundesteuer und Leitartikeln.

Brief über Brief kam voll Weisungen für die jüngste Jüngerin. Es war ein Werben ohne Werbung. Aus verborgenem Licht schlug sich ein Regenbogen von ihm zu ihr. Seine manische Sicherheit war frei von Anmaßung, denn hinter ihm stand mehr als Sterblichkeit, und das süße große Du brach ihnen aus gemeinsamer Jüngerschaft als seine erste Knospe auf.

»Mein geschwisterlich Gemahl im Geiste -- zeitlos atmen mit Dir,« schrieb er einmal.

Noch andre Briefe kamen. An Papa. Mit Insinuationen. Das Auftauchen dieses Fremden war nicht unbemerkt geblieben. Eines Tages fand sie ihre Korrespondenz erbrochen; die widerlichste Szene folgte. Denn es ist eine indezente Wahrheit, daß die hoffnungslose Eifersucht von Vater zu Tochter, weil körperlich rein, um so gewissenloser mit allen psychischen Begleiterscheinungen der Ausschweifung, als da sind: Gewalt, Arglist, Betrug, Wortbruch, Verrat, in Form von _Elternpflicht_ sich auszutoben sucht. Das jungfräuliche Kind steht nun empört, begreift nicht, weil kein grimmes Glück die Kette der infamen Nervenspiele je durchstößt und ihnen Sinn gibt.

Der junge Nebenbuhler wiederum kommt heil nur an dem leidenden Vatertier vorbei, befriedigt er maßlos dessen Eitelkeit, da wird es resigniert satt und still.

Über Sibyl aber ergoß sich nun eine ganze Marlittiade: wie Papa vermeint, eines Tages müsse ein Goethe, der zugleich Vanderbilt, englischer Herzog und französischer Botschafter, in einem Auto aus den Wolken fallen als sein Schwiegersohn. Die Tochter mochte bis dahin auf Eis liegen oder sonstwie Neutrum sein, wie es gerade für ihn am bequemsten schien.

Jetzt, bei der ersten Abweichung von diesem naiven Programm, beging er gleich das Allertörichteste: drohte, da sie minderjährig, mit der Polizei. Zurückbringen würde er sie lassen im Fall einer Heirat und den Mann wegen Entführung verhaften. Trieb Sibyls Selbstachtung damit in ein _fait accompli_ hinein, wo bisher nur immateriell jungfräulicher Rausch gewesen.

All dies unwiederbringlich Zarte, das Edle, Einzige, Innige, alle Keuschheit erster Liebwerdung hing jetzt: ein abgehäuteter Seraph wie zwischen ausgespreizten Viehkadavern in einem Schlächterladen in seinen cruden Worten. Da sammelte sie sich in ihrer Trauer und Empörung, schwang sich wie eine Lanze -- und traf -- traf -- traf --, den Menschen, den Vater, den Mann. Sagte, was sie nie gewußt, hellsichtig vor leuchtend intelligentem Haß, in Worten von leiser, blanker, tödlicher Mißachtung.

Und weinte und weinte dann auf ihrem Bett, fassungslos entsetzt über die Schöpferkraft des Hasses.